Rassismus als Versteck

Anstatt uns mit Verschwörungstheorien zu beschäftigen, sollten wir uns lieber um Rassismus kümmern. Denn der verschleiert den Blick auf den wahren Zustand der Welt.

 

Beitrag von Matthias Quent für das Kunstprojekt "UweUwe" auf Spiegel Online.

Hat der Staat gemordet? Ist am Ende sogar die amerikanische CIA mit dem NSU-Komplex verstrickt, wie es der Krimiautor Wolfgang Schorlau suggeriert? Zwischen Fiktion und Realität, zwischen Unklarheit und Komplott, zwischen Verschwörung und Theorie, zwischen Paranoia und Macht zu unterscheiden, fällt vielen schwer. Das Staatsversagen im NSU-Komplex lädt zu Thesen und Unterstellungen aller Art ein. Insbesondere der Mord an Halit Yozgat und die Verstrickung des hessischen Verfassungsschutzes und deren faktische Nichtaufklärung ist in höchstem Maße skandalös und eines Rechtsstaates unwürdig. Kaum thematisiert werden dagegen der Rassismus in der Gesellschaft und die Kontinuität des rechten Terrors. Die Suche nach der "schützenden Hand" verstellt immer mehr den Blick auf die Gestalt des Rassismus. Dass rassistische Mörder geschützt und Rassismus verschleiert werden, ist so offensichtlich wie irreführend. Die Verschleierung dient nicht dem Rassismus, in Wirklichkeit ist Rassismus ein Instrument der Verschleierung. Rassismus wird nicht nur verborgen, er ist ein Versteck. Ein Versteck unter anderem für die offenkundige Alltagsbeobachtung, dass die Gleichheitsversprechen der Demokratie keineswegs eingelöst sind. Diskriminierung, soziale Ungleichheit, Besserstellung, Wohlstand, nationales und weltweites Prekarität im fortgeschrittenen Zeitalter ökonomischer Globalisierung sind rechtfertigungsbedürftig, weil sie keineswegs nur dem Prinzip von Leistungsgerechtigkeit unterliegen. Rassismus, die Ethnisierung von Verteilungsfragen, sozialer Konflikte und Ungleichheiten verschleiern, dass es in unserer Gesellschaft keineswegs so frei, gleich, und geschwisterlich zugeht, wie unsere demokratischen Ansprüche es fordern.

 Die Nihilisierung politischer und gesellschaftlicher Komplexitäten

 Rassismus ist als eine Pseudotheorie entstanden, um die Ungleichstellung und Ungleichbehandlung von Menschengruppen zu rechtfertigen. Dies ist notwendig, weil die soziale Gleichberechtigung und die prinzipielle Gleichwertigkeit aller Menschen die zentralen Versprechen und Werte von Aufklärung, Moderne und Demokratie sind. Um Menschen anderer Gruppen zum eigenen Vorteil oder dem der eigenen Gruppe dennoch von Chancengleichheit und Leistungsgerechtigkeit auszuschließen, sie auszubeuten und zu unterdrücken, ist die unbewusste oder intendierte Rechtfertigung durch die Annahme grundsätzlicher Ungleichwertigkeit notwendig. Rassismus dient der alltagskulturellen Erklärung und Rationalisierung von existierender Ungleichheit, die der Kapitalismus zwischen Menschen, Menschengruppen, Nationen und Kontinenten hervorruft. Er ist die Verschleierung sozialer Widersprüche und die Nihilisierung politischer und gesellschaftlicher Komplexitäten und Unplanbarkeiten. Rassismus ist Ausdruck der Sehnsucht nach Essentialismus und Kohärenz. Er ist die Alltagsreligion jener, die zu unwillig oder dumm sind, Komplexität und Chaos anzuerkennen und jener, die zu feige sind, um eigene Schwächen, soziale Probleme und sonstige Quellen von Unzufriedenheit und Wut auf ihre tatsächlichen Wurzeln zurückzuführen. Jener, die stattdessen ablenken auf die in jeder Epoche wirksame Konstruktion von Sündenböcken. Die bloße Einforderung von Aufklärung, von Rechtsstaatlichkeit und demokratischer Kontrolle sowie deren Verbesserung, wie es unter anderem die parlamentarischen Untersuchungsausschüsse anstreben, sollte eine Mindestanforderung von Demokraten sein. Die Suche nach Verschwörungen und Verstrickungen, nach Hinterleuten, Unregelmäßigkeiten und Schutzmechanismen ist keineswegs automatisch ein emanzipatorisches oder gesellschaftskritisches, gar radikales Unterfangen: Denn radikal heißt, den Dingen an die Wurzel zu gehen. Der Rassismus, schreibt der tunesisch-französische Soziologe Albert Memmi, "ist die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsachlicher oder fiktiver Unterschiede zum Vorteil des Anklägers und zum Nachteil seines Opfers, mit der seine Privilegien oder seine Aggressionen gerechtfertigt werden sollen." Die Wurzeln des Rassismus liegen in der Kultur und Ideologie der Rassisten, in den Versagungen und Frustrationen, in falsch gelernten Ansprüchen, deren Enttäuschung zu Hass, Gewalt und Terror führt.

 Von der Gesellschaft im Stich gelassen

 Misstrauen in die Machenschaften intransparenter und der demokratischen Beobachtung weitgehend entzogener Geheimdienste und Strafverfolgungsbehörden und die Kontrolle jeglicher staatlicher Strukturen und Maßnahmen sind basale Voraussetzungen demokratischer Gewaltteilung - unabhängiger Medien, kultureller und künstlerischer Freiheit und der Zivilgesellschaft. Die Jahre nach dem ersten Mord des NSU zeigen, auf welcher Seite Ermittlungs- und Geheimdienstbehörden und die Öffentlichkeit im Zweifelsfall stehen können. Durch unangemessenes Verhalten staatlicher Institutionen können die davon Betroffenen sich als erneut geschädigt und von der Gesellschaft im Stich gelassen erfahren. Nach dem Bekanntwerden der rechtsterroristischen Täterschaft der Mordserie entfachten in der Zivilgesellschaft neue Rationalisierungsinhalte Wirksamkeit, in denen die eigentliche Schuld für den mörderischen Rassismus und seine Ignoranz in der intentionalen Verantwortung und Verschleierung geheimer Dienste und verschworener Mächte im Staat gesucht wurde.  Die Wurzeln der Gewalt sind, wie der Philosoph und Sozialwissenschaftler Theodor W. Adorno als "Wendung aufs Subjekt" im Hinblick auf das nationalsozialistische Gewaltregime beschrieb, "in den Verfolgern zu suchen, nicht in den Opfern, die man unter den armseligsten Vorwänden hat ermorden lassen". Es müssen demnach die Mechanismen erkannt werden, "die die Menschen so machen, dass sie solcher Taten fähig werden, muss ihnen selbst die Mechanismen aufzeigen und zu verhindern trachten, dass sie abermals so werden, in dem man ein allgemeines Bewusstsein jener Mechanismen erweckt". Auch für die Opfer rassistisch legitimierter Gewalt gilt: "Schuldig sind allein die, welche besinnungslos ihren Hass und ihre Angriffswut an ihnen ausgelassen haben. Solcher Besinnungslosigkeit ist entgegenzuarbeiten, die Menschen sind davon abzubringen, ohne Reflexion auf sich selbst nach außen zu schlagen." Schon der Philosoph Georg Simmel erklärt die Wirkungsweise des Verborgenen in der Gesellschaft, wenn er schreibt, aus dem Geheimnis, "das alles Tiefere und Bedeutende beschattet, wächst die typische Irrung: Alles Geheimnisvolle ist etwas Wesentliches und Bedeutsames". Nicht jede Unregelmäßigkeit im Zusammenhang mit dem NSU-Komplex muss etwas bedeuten. Es ist zu wünschen, dass sich die vor allem im Internet austobenden Skeptiker der NSU-Aufklärung hinterfragen, an der Verschleierung welcher gesellschaftlichen Zustände sie sich beteiligen - anstatt in jeder Ungereimtheit sogleich den Beweis für eine Verschwörung zu sehen.