Ein Leben unter dem Deckmantel der Heterosexualität – Was späte Coming-outs über die Gesellschaft verraten

Dieser Beitrag diskutiert, inwieweit Menschen durch gesellschaftlichen Druck gezwungen werden, einen wichtigen Teil ihrer Identität zu verstecken und ein Leben unter dem Deckmantel der Heterosexualität zu führen. Es werden in diesem Zusammenhang die Begriffe Heterosexismus (anstelle von ‚Homophobie‘) und Heteronormativität erklärt. Der Beitrag unterstreicht die Wichtigkeit, diese unsichtbare Seite der Diskriminierung von Lesben, Schwulen und Bisexuellen sichtbar zu machen durch die Dokumentation von Lebens- und Familiengeschichten und durch ihre Erforschung.

In Medienberichten finden sich immer mal wieder späte Coming-outs von prominenten Personen, beispielsweise des Politikers Klaus Wowereit, der Schauspielerin Ulrike Folkerts und des Fußballspielers Thomas Hitzlsperger. Erst nach mehreren Jahren einer entweder offiziell als heterosexuell gelebten Biografie oder eines öffentlich nicht thematisierten Privatlebens haben Prominente in diesen Fällen ihre homosexuelle Orientierung medial bekannt gemacht. Vermutlich liegt bei öffentlichen Personen oft ein heteronormativer Erwartungsdruck im Berufsleben zugrunde (z. B. bei Schauspieler_innen, Sportler_innen). Das heißt, der berufliche Erfolg wird zu Teilen von der Heterosexualität der öffentlichen Person abhängig gemacht. Der Grund für ein spätes Coming-out kann aber auch einfach das späte Verlieben in eine Person des gleichen Geschlechts sein. Inwieweit die Motive für späte Coming-outs vom gesellschaftlichen Klima abhängig sind, soll in diesem Text diskutiert werden. Wieso fühlen sich manche Menschen gezwungen, unter dem Deckmantel der Heterosexualität zu leben und sich erst spät im Leben zu outen beziehungsweise nie? Welche Auswirkungen hat ein spätes Coming-out in der Familie? Und was sagen späte Coming-outs über die Gesellschaft aus, in der sie stattfinden?

 

Heterosexismus statt ‚Homophobie‘

 

Das Leben in einer Gesellschaft wird geprägt von Werten und Normen. Sie geben im Sinne des Funktionierens des gesellschaftlichen Zusammenlebens und -arbeitens vor, was richtig oder falsch ist. Sie erschaffen Normalitätsvorstellungen, an denen Strukturen, gesellschaftliche Zustände, Situationen und Personen gemessen werden. Welche Werte und Normen eine Gesellschaft hat, ist Gegenstand beständiger Aushandlungsprozesse. Gerade in Zeiten der Verunsicherung der Mitglieder einer Gesellschaft, wie wir sie derzeit durch verschiedene Einflussfaktoren in Deutschland und Europa erleben (siehe Beitrag von Bischof/Quent in diesem Band), nehmen diese Debatten nicht nur zu, sondern werden auch für politische Ziele instrumentalisiert. Die Fronten zwischen der Forderung nach mehr Akzeptanz für beispielsweise kulturelle, sexuelle und geschlechtliche Vielfalt und der Forderung nach konservativen Werten und Normvorstellungen verhärten sich. Die Akzeptanz von Homosexualität beziehungsweise sexueller Vielfalt spielt hierbei stets eine wichtige Rolle. Während die allgemeine politische Entwicklung zu mehr Gleichberechtigung führt, wie es sich auch in der Verabschiedung des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes 2006 zeigt, agitieren rechtspopulistische Akteure gegen den sogenannten ‚Gender-Wahnsinn‘ (für eine kritische Auseinandersetzung siehe Hark/Villa 2015).

Im Zusammenhang mit den Einstellungen gegenüber sexuellen Minderheiten hat sich in der öffentlichen, politischen und sozialwissenschaftlichen Debatte der Begriff ‚Homophobie‘ etabliert. Allerdings ist er in vielerlei Hinsicht missverständlich. Oft wird er als umfassender Begriff für ein Phänomen verwendet, welchem er nicht mit allen zugrundeliegenden Problembereichen gerecht wird. In der Klinischen Psychologie sind Phobien definiert als „[a]usgeprägte und anhaltende Angst, die übertrieben oder unbegründet ist, und die durch das Vorhandensein oder die Erwartung eines spezifischen Objekts oder einer spezifischen Situation ausgelöst wird. […] Die Konfrontation mit dem phobischen Reiz ruft fast immer eine unmittelbare Angstreaktion hervor.“ (American Psychiatric Association 2003: 188) Für einige Menschen mag dies in Bezug auf Homo- und Bisexuelle eventuell zutreffen, dann wäre dieser Zustand allerdings auch als pathologisch einzuordnen und eine psychologische Psychotherapie anzuraten. Für den Großteil der Menschen mit ‚homophoben‘ Einstellungen trifft die klinische Definition der Phobie allerdings nicht zu. Durch diesen Begriff werden Vorurteile fälschlicherweise individualisiert. Damit wird ihre Entstehung aus dem Kontext eines sozialen und kulturellen Gesamtgefüges gerissen (Kitzinger 1996, zitiert in Clarke et al. 2010). Des Weiteren verkürzt der Begriff oftmals, gegen welche stigmatisierten Minderheiten sich die Einstellungen richten. Nicht selten werden auch negative Einstellungen gegenüber Bisexuellen (Menschen, welche Männer und Frauen lieben und begehren) oder Trans-Menschen (d. h. Menschen, welche sich nicht mit dem ihnen zur Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren) mit diesem Begriff zusammengefasst. Unter anderem diese Kritikpunkte führten zur Einführung des Begriffes Heterosexismus:

Heterosexismus wird hier definiert als ein ideologisches System, welches jegliche nicht-heterosexuelle Form von Verhalten, Identität, Beziehung oder Community verweigert […] oder stigmatisiert. Wie Rassismus, Sexismus oder andere Ideologien der Unterdrückung manifestiert sich Heterosexismus in gesellschaftlichen Praktiken und Institutionen, wie der Religion und dem Rechtssystem […] und in individuellen Einstellungen und Verhaltensweisen. (Herek 1990: 317f., Übersetzung durch Autorin)

Wie andere Formen der Diskriminierung wirkt Heterosexismus demnach auf individueller Ebene, Gruppenebene (z. B. in Institutionen, Familien) und auf gesellschaftlicher Ebene (siehe Beitrag über Diskriminierung von Dieckmann in diesem Band). Heterosexismus schließt auch die Vorstellung ein, dass es nur zwei Geschlechter gibt. Dass es vielfältige Geschlechtsidentitäten jenseits des zur Geburt zugewiesenen Labels männlich oder weiblich gibt, wird nicht akzeptiert. In diesem Beitrag wird jedoch vor allem der Aspekt fokussiert, dass andere sexuelle Orientierungen neben der Heterosexualität als normabweichend gelten. Inwieweit Heterosexualität innerhalb einer Gesellschaft als einzige Form des Begehrens und der Liebe akzeptiert und institutionalisiert wird, schlägt sich in ihrer Heteronormativität nieder. Je größer der heteronormative Druck in einer Gesellschaft ist, desto mehr wird Sex nur verstanden als reproduktiver Akt zwischen Mann und Frau, Familie nur als heterosexuelles Paar mit Kindern und Ehe nur als eine reproduktive Institution mit geschlechterrollenspezifischer Aufgabenverteilung (Clarke et al. 2010).

 

Aktuelle Zahlen zu Heterosexismus in Deutschland und Thüringen

 

Dass auch in Deutschland die Diskriminierung von Menschen mit nicht-heterosexuellen Lebensweisen auf individueller und struktureller Ebene stattfindet, lässt sich in zahlreichen Medienbeiträgen nachlesen und durch Bevölkerungsbefragungen mit Zahlen belegen. So antworteten 46 Prozent der in Deutschland lebenden Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Trans-Personen, welche an einer Befragung der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (2013)1 teilnahmen, dass sie in den letzten 12 Monaten aufgrund ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert oder belästigt wurden. Diskriminierende Situationen fanden in allen Bereichen des Lebens statt – im Arbeitsleben, Gesundheitswesen, in der Freizeit, in Schulen sowie auf Ämtern. 68 Prozent der Befragungsteilnehmenden hielten ihre sexuelle Orientierung (oder Geschlechtsidentität) während ihrer Schulzeit geheim. Während 68 Prozent der Befragungsteilnehmenden angaben, dass das Händchenhalten von heterosexuellen Paaren in Deutschland in der Öffentlichkeit „sehr weit verbreitet sei“, stimmten dieser Aussage für homosexuelle Paare nur 4 Prozent zu.

Eine aktuelle repräsentative Bevölkerungsumfrage in Deutschland von 2016 (Antidiskriminierungsstelle des Bundes 2017) zeigt: 80,6 Prozent aller Deutschen sind der Meinung, dass Homo- und Bisexuelle in Deutschland diskriminiert werden. 9,7 Prozent sehen Homosexualität als ‚unmoralisch‘ an und 18,3 Prozent betrachten sie als ‚unnatürlich‘. Größere Zustimmung findet sich in indirekteren Fragestellungen zu subtiler stigmatisierenden Aussagen (siehe Abbildung 1): 43,8 Prozent stimmten zu, dass Homosexuelle nicht „so einen Wirbel um ihre Sexualität“ machen sollten. Für 26,3 Prozent nimmt das Thema Homosexualität zu viel Raum in den Medien ein. 26,5 Prozent möchten möglichst wenig Berührung mit dem Thema haben und 28,1 Prozent finden nicht, dass Demonstrationen und Paraden von Homo- und Bisexuellen eine gute Sache sind. Wenn es um die öffentliche Sichtbarkeit homosexueller Zuneigung geht, finden 32,5 Prozent es sehr bzw. eher unangenehm, wenn Männer sich küssen. In Bezug auf sich küssende Frauen liegt der Wert bei 38,4 Prozent. Die Autor_innen der Befragung stellen fest: „Je stärker das Thema Homosexualität ins Private hineinreicht, desto mehr Vorbehalte zeigen sich“ (Antidiskriminierungsstelle des Bundes 2017: 9). Wenn sich im Arbeitskontext ein Kollege (eine Kollegin) als schwul (lesbisch) outen würde, empfinden dies 11,8 Prozent (12,6 Prozent) als sehr bzw. eher unangenehm. Die Vorstellung, dass der eigene Sohn (die eigene Tochter) homosexuell ist, empfinden dagegen 40,8 Prozent (39,7 Prozent) als sehr bzw. eher unangenehm.

In einer weiteren deutschlandweiten Bevölkerungsumfrage (Change Centre Foundation 2015) bildete 2015 Thüringen (neben Sachsen) das Schlusslicht, was Heterosexismus und die Akzeptanz von Lesben und Schwulen angeht. 59,3 Prozent der Befragten wäre es unangenehm, wenn sie selbst von einem_r neuen Bekannten oder einem_r Kolleg_in für schwul oder lesbisch gehalten würden. Zum Vergleich waren es in Bayern 50,4 Prozent und in Mecklenburg-Vorpommern 27,6 Prozent der Befragten. Wenn ein schwules/lesbisches Paar nebenan einziehen würde, begrüßten dies nur 52,9 Prozent in Thüringen. In Sachsen waren es 53,6 Prozent und in Brandenburg 70,4 Prozent. Es stimmten nur 42,4 Prozent zu, dass Homosexualität in der deutschen Kultur einen größeren Platz einnehmen sollte. Thüringen nahm hier den vorletzten Rang nach Sachsen mit 38,4 Prozent ein, in Sachsen-Anhalt beispielsweise stimmten dieser Aussage 57,5 Prozent zu.

 

Was geschieht auf politischer Ebene gegen Heterosexismus in Deutschland und Thüringen?

 

Um Heterosexismus als solchen auch gesetzlich zu definieren, ist die Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung seit 2006 auch im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz § 1 verankert (siehe Beitrag zu Diskriminierung von Dieckmann in diesem Band). Im Koalitionsvertrag der im Bund regierenden Parteien von 2013 heißt es: „Wir verurteilen Homophobie und Transphobie und werden entschieden dagegen vorgehen. Wir werden den ‚Nationalen Aktionsplan der Bundesrepublik Deutschland zur Bekämpfung von Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und darauf bezogene Intoleranz‘ um das Thema Homo- und Transphobie erweitern.“ (Zitiert nach Lesben- und Schwulenverband Deutschland [LSVD] et al. 2016: 2) Um dieses Vorhaben kurz vor Ende der Legislaturperiode aktiv zu unterstützen, veröffentlichten diverse zivilgesellschaftliche Akteure – unter anderem der LSVD und die Amadeu Antonio Stiftung – im Juni 2016 Eckpunkte für die Erweiterung des Nationalen Aktionsplans (ebd.).

Dank jahrelanger Bildungs- und Aufklärungsarbeit diverser Vereine und zivilgesellschaftlicher Akteure findet in den letzten Jahren zunehmend eine Sensibilisierung für die Anliegen und die Diskriminierung von schwulen, lesbischen und bisexuellen Personen sowie trans- und intergeschlechtlichen Menschen statt (zusammen als LSBTI bezeichnet, siehe Hervorhebung zu Erläuterungen der Begriffe). 2011 wurde mit der Einrichtung der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld eine Institution eingesetzt, welche sich einsetzt für die gesetzliche Gleichstellung von LSBTI sowie für Forschung und Antidiskriminierungsarbeit in Bezug auf LSBTI-Themen. Der LSVD wiederum setzt sich seit fast 30 Jahren bundesweit für mehr Rechte, Bildung und Aufklärung ein. In 15 von 16 Bundesländern gibt es beziehungsweise entstehen momentan Landesaktionspläne oder -programme für die Akzeptanz von sexueller und geschlechtlicher Vielfalt. Auch in Thüringen entsteht ein Landesprogramm in Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Akteuren. Im Saarland beschloss der Landtag bisher „nur“ eine Anlaufstelle für Menschen, die Opfer von Heterosexismus wurden (Queer.de 2015).

Bisher ist auf Landesebene in Thüringen vor allem der Start einer vom Landessportbund initiierten Kampagne „Vielfalt im Sport – Nein zu Homophobie in Thüringen“ als Meilenstein zu nennen. Durch die Hirschfeld-Tage 2016 der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld, welche in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen stattfanden, wurde erstmals öffentlich sichtbar, welche Themen- und Projektvielfalt sich in diesem Bereich findet und vor allem wie viel (oft ehrenamtliches) zivilgesellschaftliches Engagement zahlreicher Initiativen im LSBTI-Kontext in Thüringen vorhanden ist.

 

Die verborgenen Auswirkungen von Heterosexismus
und Heteronormativität

 

Laut einer Übersicht von Hassverbrechen im Jahr 2015 (siehe OSZE3; siehe Beitrag von Geschke in diesem Band) fanden in Deutschland 80 polizeilich gemeldete Vorfälle gegen Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Geschlechtsidentität statt (z. B. physischer Angriff, Beschädigung von Eigentum, Bedrohung). Dies sind nur die offensichtlichen Auswirkungen von Heterosexismus, die Spitze eines Eisberges. Was man als Auswirkungen von Heterosexismus unter der Wasseroberfläche oftmals nicht sieht, sind diskriminierende Vorfälle (siehe Beitrag über Diskriminierung von Dieckmann in diesem Band). Diese Vorfälle können durch Untersuchungen, Betroffenenbefragungen und Dokumentationen sichtbar gemacht werden (z. B. Lola für Demokratie in MV 2016). Doch was ist mit den Menschen, welche sich aufgrund von Ängsten und Befürchtungen nicht dazu entschließen können oder wollen, ihre nicht-heterosexuelle Orientierung offen zu leben? Sie leben unter einem heterosexuellen Deckmantel. Sie entziehen sich aus Angst vor direkter Diskriminierung, sind dadurch jedoch erheblich in ihrem Leben und ihrer persönlichen Entfaltung eingeschränkt. Darum ist es wichtig, ihre Existenz und damit diesen unsichtbaren Bereich der Auswirkungen von Heterosexismus und Heteronormativität sichtbar zu machen. Dazu soll dieser Text einen Beitrag leisten.

Für die meisten Menschen läuft das Leben in „heteronormativ geregelten Bahnen“ (Dieckmann/Steffens 2014: 3): Mann und Frau verlieben sich, sie heiraten; „Kinder kommen zur Welt, ein Haus wird gebaut. Und dann wirft ein Coming-out des Ehepartners bzw. der Ehepartnerin plötzlich alles um.“ (Ebd.) Einerseits gibt es Menschen, welche sich aufgrund heterosexistischer Erwartungen (vor allem in ihrer Familie) gar nicht erst mit ihrer homo- oder bisexuellen Orientierung auseinandersetzen. Sie kommen nicht auf die Idee, homo- oder bisexuell zu sein. Einige von ihnen ‚bemerken‘ dies erst später im Leben, wenn sie sich beispielsweise in eine Person gleichen Geschlechts verlieben. Andererseits: Viele Menschen wissen auch, dass sie nicht heterosexuell sind, und verbergen bewusst diesen wichtigen Teil ihrer Identität vor der Öffentlichkeit, oft auch vor ihnen nahestehenden Menschen. Dies zeigt beispielsweise folgendes Zitat von Bernd (58 Jahre, Chefarzt, verheiratet), dessen Geschichte Boschitz (2010) in ihrem Buch nacherzählt:

Seit diesem ersten Mal habe ich regelmäßig Sex mit Männern. […] Manchmal fahre ich extra in eine andere Stadt, um einen Mann zu treffen. […] Ich lüge inzwischen perfekt. Wenn ich zu Hause erzähle, dass ich auf einer Tagung bin, habe ich mich vorher in den Fachblättern vergewissert, dass in der Stadt, in der ich angeblich bin, auch wirklich eine Tagung stattfindet – tatsächlich bin ich dann aber ganz woanders. (Boschitz 2010: 76)

Ein Leben unter dem heterosexuellen Deckmantel kann viele Gestalten annehmen: Einige Menschen leben in einer monogamen heterosexuellen Beziehung, andere – wie Bernd – pflegen heimlich gleichgeschlechtliche Sexualkontakte; wenige leben nach ihrem späten Coming-out mit ihrem_r Partner_in ein einvernehmliches Beziehungskonzept, welches das Leben mit gleichgeschlechtlichen Bekanntschaften, Beziehungen oder Sexualkontakten einschließt. Die Lebensweisen und Umgangsstrategien sind vielfältig. Wie viele Menschen entweder ein Doppelleben führen oder sich ihrer homo- oder bisexuellen Orientierung nicht bewusst sind, lässt sich – in der Natur der Sache liegend – schwer schätzen. Wird der psychische Leidensdruck zu hoch, findet meist ein spätes Coming-out statt – also das „Erleben [,] […]Erkennen [und Bekanntmachen] der eigenen Homo- bzw. Bisexualität, nachdem eine Person bereits längere Zeit in einer heterosexuellen Beziehung gelebt hat, vielleicht geheiratet hat und Kinder bekommen hat“ (Dieckmann/Steffens 2014: 3).

Festzuhalten ist: Für die Öffentlichkeit sind diese Auswirkungen von Heterosexismus und Heteronormativität meist unsichtbar. Erst durch Geschichten und Erfahrungsberichte über späte Coming-outs werden sie sichtbar. Oft werden Geschichten über späte Coming-outs, die man im Bekanntenkreis hört, als Einzelfall abgestempelt. Dass diese Geschichten allerdings nur im Zusammenhang mit einem gesellschaftlichen und kulturellen Gesamtsystem entstehen, ist vielen Menschen nicht bewusst. Wie sehr das Geheimhalten der eigenen homo- oder bisexuellen Identität beziehungsweise der Zeitpunkt eines späten Coming-outs abhängt von gesellschaftlichen Werten und Normen sowie vom politischen Klima, das zeigt die Geschichte von Franz (86 Jahre, Coming-out mit 80):

Dass ich mein Coming-out so spät hatte, ist für mich ein Fluch und ein Segen zugleich. Wenn ich mir vorstelle, dass das früher herausgekommen wäre – es wäre schrecklich gewesen! Mein Vater hätte Selbstmord begangen, da bin ich ganz sicher, und meine Frau hätte ich todunglücklich gemacht. Und in meiner Jugendzeit, im ‚Dritten Reich‘, war es ja sowieso tödlich, wenn das herauskam! Als ich jung war, habe ich gar nicht gewusst, dass es so etwas gibt – Homosexualität, darüber sprach man nicht, das gab es offiziell eben gar nicht. Wir hatten ja nicht die Freiheit, die Aufklärung, die heute üblich ist! Und ich hatte ja auch keine Ahnung von meiner Veranlagung! Es ist zwar so, dass ich als Junge nie eine Freundin hatte und auch kein Interesse an Mädchen verspürte. Aber das war kein Thema damals. (Ebd.: 42)

Seine Geschichte verdeutlicht eindrücklich, warum auch der politische und gesellschaftliche Kontext mitbestimmend für den Zeitpunkt eines Coming-outs ist. Es gibt mittlerweile einige wissenschaftliche Belege für die katastrophalen, teilweise tödlichen Folgen der Verfolgung von LSBTI im Nationalsozialismus (u. a. Bundesstiftung Magnus Hirschfeld 2014, Schwartz 2014).

In der Bundesrepublik Deutschland wurde der Paragraf 175 StGB a.F., der homosexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte, erst 1994 abgeschafft – und auch nach 1945 wurden noch viele Männer aufgrund des Paragrafen verhaftet (siehe „Archiv der anderen Erinnerungen“ der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld4). Seit 2016 erarbeitet das Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz (BMVJ) ein Gesetz zur Aufhebung dieser Verurteilungen und zur Rehabilitation der Opfer (BMVJ 2016). In der Deutschen Demokratischen Republik sah die Lage etwas anders aus: „Ab 1957 wurde der § 175 […] kaum mehr angewandt, elf Jahre darauf weitgehend abgeschafft“ (Diel/Weiler 2016: 14). Allerdings war auch in der DDR das Thema Homosexualität weitestgehend tabuisiert und stigmatisiert (u. a. Sillge 2014).

 

Forschung zu späten Coming-outs als Möglichkeit des Sichtbarmachens

 

Zurück in das 21. Jahrhundert: Dass es Menschen gibt, welche zunächst einen Lebensweg unter dem heterosexuellen Deckmantel gewählt haben, lässt sich auch heute kaum durch Zahlen belegen. Zwar machen späte Coming-outs von prominenten Personen und Geschichten aus Büchern (z. B. Boschitz 2010, Schock 1997) das Vorkommen sichtbar, eine realistische Zahl von Menschen, welche sich spät im Leben outen, lässt sich jedoch nicht abschätzen. 2006 gab es in den USA die Vermutung, dass zwei Millionen Schwule und Lesben vor ihrem Coming-out verheiratet waren (Buxton 2006). In Deutschland weisen nur wenige Zahlen auf die Vielzahl der Lebensgeschichten hin, welche auf diese Weise durch Heterosexismus und Heteronormativität unserer Gesellschaft betroffen sind. So nennt beispielsweise Rupp (2009) in ihrer Untersuchung zur Lebenssituation von Kindern in gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften, dass von den 693 untersuchten Kindern 304 aus vorherigen heterosexuellen Beziehungen stammen. Da mit hoher Wahrscheinlichkeit auch viele Geschwisterkinder darunter sind, lässt sich eine definitive Zahl der früheren heterosexuellen Beziehungen nicht ableiten. Dennoch zeigt sich, dass es viele Familien gibt, in denen die Homo- oder Bisexualität eines_r Partner_in erst nach der Geburt von gemeinsamen Kindern zur Trennung der heterosexuellen Beziehung führte.

Da ein spätes Coming-out in der Familie ein einschneidendes Erlebnis für alle Beteiligten darstellt, ist ein Beratungsangebot nicht nur für die Menschen mit spätem Coming-out äußerst wichtig, sondern auch für ihre Familienangehörigen. Dieses ist bisher in Deutschland leider nur vereinzelt vorhanden. Als Anlaufstelle insbesondere für betroffene heterosexuelle Partnerinnen gibt es in Deutschland bisher vor allem eine Selbsthilfegruppe: „Tangiert“5. Sie wird durch die ehrenamtliche Arbeit von betroffenen Frauen organisiert und am Leben gehalten. „Tangiert“ wurde vor mehr als 25 Jahren gegründet. Die Selbsthilfegruppe ist heutzutage hauptsächlich online aktiv, zudem in einigen Ortsgruppen (z. B. in Frankfurt am Main, Köln, Bremen, Stuttgart). Jeden Monat melden sich neue betroffene Frauen, welche akuten Beratungsbedarf haben. Hier lässt sich zumindest eine aktuelle Zahl für das Vorkommen von späten Coming-outs in Deutschland finden: Insgesamt sind Anfang 2017 300 Betroffene (v.a. [Ex-]Partnerinnen) im Austausch mit der Selbsthilfegruppe „Tangiert“ (Rieck 2017, persönliche Kommunikation).

Auch der LSVD erkannte den hohen Bedarf an Beratung von Familien und den Mangel an Fachpersonal, welches für die Thematik sensibilisiert und ausgebildet ist, und gab 2012 eine Studie dazu in Auftrag. Mit den Ergebnissen wurden Weiterbildungsmodule für familienbezogenes Fachpersonal entwickelt (siehe Dieckmann/Steffens 2014). Einige Ergebnisse werden im folgenden Abschnitt beschrieben. Die systematische Befragung von Betroffenen, die ein spätes Coming-out in ihrer Familie erlebt haben, bietet eine Möglichkeit, ihre Geschichte sichtbar zu machen – und damit diese verborgene Seite von Heterosexismus und Heteronormativität. Gleichzeitig können spezifische Maßnahmen entwickelt werden, um sie in dieser Lebenssituation zu unterstützen.

 

Erste Forschungsergebnisse zu späten Coming-outs im deutschsprachigen Raum

 

Das Beratungsangebot für Betroffene in den USA und die wissenschaftliche Bearbeitung des Themas Spätes Coming-out nimmt weltweit eine Vorreiterrolle ein. Durch die Initiative von Amity Pierce Buxton wurde hier 1992 das Straight Spouse Network (SSN)6 gegründet. Das Netzwerk entwickelte sich bis heute zur weltweit wichtigsten Beratungs- und Forschungsstelle zu diesem Thema. Betroffene Familienmitglieder finden hier die Möglichkeit, sich Hilfe und Beratung zu holen. 2013 erhielt Buxton einen Preis der American Psychological Association (Amerikanischen Psychologischen Gesellschaft) für ihre wichtige Forschungs- und Beratungsarbeit für Familienangehörige.

Buxton (2006) schätzt: Ein Drittel der Paare in heterosexuellen Beziehungen trennen sich direkt nach dem späten Coming-out. Nur wenige schaffen es, durch alternative Ehekonzepte (z. B. offene Beziehung) zusammenzubleiben. Coming-outs in Familien laufen also größtenteils auf Scheidungen und Trennungen hinaus, mit allen Konsequenzen für die Angehörigen (z. B. Kinder). Zur Trennungsthematik kommen bei späten Coming-outs für die Familienangehörigen auch noch besondere Thematiken dazu. Diese werden im Folgenden anhand der Ergebnisse der ersten deutschsprachigen Untersuchung zum Thema „Herausforderungen für Familienangehörige bei einem späten Coming-out in der Familie“ (Dieckmann/Steffens 2014) zusammengefasst. Die Untersuchung bestand aus acht Interviews sowie einer Onlinebefragung von betroffenen Familienmitgliedern. An der Befragung nahmen 188 Familienangehörige teil, darunter 56 erwachsene Kinder von Personen mit spätem Coming-out, 32 Elternteile, 49 Geschwister und 51 Partner_innen.

Der Umgang mit einem späten Coming-out in der Familie ist äußerst vielfältig: Er reicht von der völligen Tabuisierung dieses Lebensabschnitts, über Kontaktabbrüche in Familien oder gerichtliche Verfahren bis hin zu Unterstützung und Akzeptanz. An der freiwilligen Online-Befragung haben höchstwahrscheinlich nur Menschen teilgenommen, die einen einigermaßen positiven Umgang für sich mit dem Coming-out in ihrer Familie gefunden haben bzw. welche diesen Lebensabschnitt nicht völlig aus ihrem Leben gestrichen haben oder streichen konnten (z. B. durch gemeinsame Kinder). Einige Ergebnisse aus der Studie werden im Folgenden beschrieben.

Im Vergleich der einzelnen befragten Gruppen von Familienangehörigen (Kinder, Geschwister, Eltern, Partner_innen) stellte sich heraus, dass vor allem für die heterosexuellen Partner_innen das späte Coming-out eine starke psychische Krisensituation darstellt. Für Kinder ist vor allem der Aspekt der Trennung ihrer Eltern die größte Herausforderung, wie das Zitat eines Sohnes belegt, dessen Mutter sich spät outete:

Das Coming-out selbst hat das Leben, glaube ich, nicht beeinflusst. Was mich halt beeinflusst hat, war halt die Trennung. Das hat mich sehr sehr beeinflusst, irgendwie. (Ebd.: 21)

Ein Drittel der Kinder berichtete, dass sie sich direkt nach dem Coming-out „hilflos“ fühlten (32 Prozent). 27 Prozent nannten „gefasst“ oder „schockiert“ als erste emotionale Reaktion. 25 Prozent waren „ängstlich“ oder „traurig“. Es zeigte sich in der Befragung: Kinder fühlten sich zum Zeitpunkt der Befragung in ihrem Leben wohler, je länger das Coming-out ihres Elternteils her war und je jünger sie zum Zeitpunkt des Coming-outs waren.

Das späte Coming-out stellt auch für die Person selbst eine große Herausforderung dar: Sie muss unter anderem ihre Identität neu definieren, ihre Leben neu organisieren und sich mit der bisherigen Familiensituation arrangieren. Die Untersuchung konzentrierte sich allerdings nur auf die Familienmitglieder von Menschen mit spätem Coming-out und zeigte: Insbesondere die heterosexuellen Partner_innen nehmen die Zeit vor und nach dem Coming-out als Krisensituation wahr, welche mit einer hohen psychischen Belastung einhergehen kann. Die Ergebnisse illustrieren, dass 67 % der Partner_innen schockiert waren über das Coming-out ihrer Partner_innen. 60 % berichteten von Wut, über die Hälfte war hilflos und verzweifelt. 43 % nannten im Zusammenhang mit dem Coming-out ihrer Partner_innen eine psychische Diagnose und befanden sich demnach mindestens einmal in psychologischer Behandlung. Einige Partner_innen hielten das Coming-out ihres Partners weiterhin lange Zeit geheim, versuchten vor der Öffentlichkeit das Bild der intakten Familie zu wahren.

In den Ergebnissen der Studie stellten sich folgende Themen als spezifisch für die heterosexuellen Partner_innen heraus (ebd.):

  • Frage, ob die gesamte Beziehung nur ein „Alibi“ war
  • Chancenlosigkeit im „Kampf“ um die Beziehung
  • Infragestellen der eigenen Geschlechtsidentität und der eigenen sexuellen Identität
  • Angst vor Stigmatisierung und Isolation im Umfeld
  • Sorge um die Diskriminierung der Kinder
  • Geheimhaltung des Coming-outs vor der Öffentlichkeit in der Hoffnung eines weiteren gemeinsamen Familienlebens
  • Angst vor Geschlechtskrankheiten (v.a. bei Partnerinnen)

Ein Expartner äußerte im Interview seine Selbstzweifel nach dem Coming-out seiner Exfrau folgendermaßen:

Es nagt schon unheimlich am Selbstbewusstsein, auch an der sexuellen Identität. […] Da kommen dann so Gedanken: Du warst ein Luschi als Ehemann, du bist ne Niete, du bist nicht wert. […] Also am Anfang dachte ich, ich sei schuld, weil ich als Ehemann versagt habe. Die Frau muss sich ihrem eigenen Geschlecht zuwenden, weil du Luschi es nicht geschafft hast. (Ebd.: 56)

In fast allen Interviews, welche im Rahmen der Studie durchgeführt wurden, kam heraus, dass vor dem späten Coming-out das Thema Homosexualität nie oder kaum eine Rolle spielte. Der Sohn, dessen Mutter sich spät outete, meinte:

Es gab das wie Leute, die Linkshänder sind oder Rechtshänder oder so. Ich habe das als Phänomen hingenommen, aber für mich nie so thematisiert, weil es mich nie irgendwie betroffen hatte bis zum Coming-out meiner Mutter. (Ebd.: 23)

Eine große Rolle spielt hierbei die Tabuisierung des Themas Homosexualität in vielen Familien aufgrund der gesellschaftlich vorherrschenden Heteronormativität, das heißt der selbstverständlichen Annahme, alle Menschen seien heterosexuell. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass späte Coming-outs in Familien oft eine Krisensituation darstellen, welche die psychische Gesundheit der Beteiligten stark belasten kann. Dass es zu späten Coming-outs kommt beziehungsweise dass es Menschen gibt, die sich für ein Leben unter dem heterosexuellen Deckmantel entscheiden, hängt stark vom gesellschaftlichen Klima und der Akzeptanz von sexueller Vielfalt ab. Um diesen Zusammenhang näher zu beleuchten, ist weitere Forschung im Bereich Späte Coming-outs notwendig. Dabei ist es wichtig, den Fokus auch auf die Personen mit spätem Coming-out selbst zu richten. Sie brauchen spezifische Beratungsangebote und Unterstützung. Durch sie lassen sich auch spezifischer die Ursachen für heutige späte Coming-outs erforschen (ebd.).

 

Zeitpunkt des Coming-outs als Indikator für gesellschaftliche
Akzeptanz gegenüber sexueller Vielfalt

 

Nur weil Menschen versuchen, den Erwartungen und Normen ihrer Umgebung – unbewusst oder bewusst – zu entsprechen, schlagen sie trotz Bi- oder Homosexualität eine heterosexuelle Biografie ein. Sie nehmen hierfür die Einschränkung ihrer persönlichen Entfaltung und eine starke psychische Belastung in Kauf. Ein spätes Coming-out stellt jedoch nicht nur für sie selbst eine große Herausforderung dar, sondern für ihre ganze Familie.

Wie sich in der Geschichte Deutschlands nachvollziehen lässt, kann der gesellschaftliche heteronormative Erwartungsdruck ansteigen oder sinken. Mehr wahrnehmbare Akzeptanz gegenüber Schwulen, Lesben und Bisexuellen in einer Gesellschaft führt höchstwahrscheinlich zu weniger Menschen, welche ein Doppelleben führen wollen oder müssen. Mehr Akzeptanz gegenüber verschiedenen sexuellen Orientierungen führt höchstwahrscheinlich dazu, dass mehr Menschen ihre sexuelle Orientierung schon in jungen Jahren entdecken und offen leben. Auch die Sprecherin von „Tangiert“, Sharon Rieck, stellte in einem Vortrag 2014 fest, dass im Laufe der letzten Jahre ein Trend zu früheren Coming-outs im Leben zu verzeichnen ist:

Anfang diesen [sic] Jahres war ich erstaunt und entsetzt, als mehrere sehr junge Frauen mit ebenfalls sehr jungen Männer[n] verpartnert Tangiert aufsuchten. Aber entsetzt bin ich nicht mehr. Heute sehe ich das frühe Coming out als äußerst positiv an. Wenn die Männer sich heute mit 25 outen und nicht mit 45, wie bei der Gründung von Tangiert vor 20 Jahren, habe ich die Hoffnung, dass in weiteren 10 Jahren unsere Gesellschaft zulässt, dass sie es ganz normal mit 15, 16, 18 schaffen – und niemals auf die Idee kommen, uns heiraten zu müssen. (Rieck 2014: 4)

Es ist anzunehmen, dass mit weniger Heteronormativität und weniger Heterosexismus in der Gesellschaft zunächst einmal als kurzfristige Folge die Zahl der späten Coming-outs ansteigt, mit allen negativen Folgen für die Familien, welche oben beschrieben wurden. Eine längerfristige Veränderung der gesellschaftlichen Werte hin zu mehr Akzeptanz könnte dann allerdings zur Folge haben, dass Coming-outs früher stattfinden, in der Pubertät, also bevor ein Doppelleben unter dem heterosexuellen Deckmantel begonnen werden muss. Aufgrund fehlender Forschung können diese Zusammenhänge bisher allerdings nur vermutet werden.

Deutschland hat in Hinblick auf die Akzeptanz von Schwulen, Lesben und Bisexuellen sowie im Hinblick auf die Antidiskriminierungsarbeit in diesem Bereich in den letzten Jahren viele Fortschritte gemacht. Weitere Schritte sind notwendig, um die Akzeptanz langfristig im gesellschaftlichen Klima zu verankern. Eine Herausforderung hierfür stellen rechtspopulistische Kräfte dar, welche rückwärtsgewandt wieder mehr Heteronormativität fordern, sexuelle Minderheiten stigmatisieren und die heterosexuelle Ehe als einzig akzeptable Familienform hinstellen. Würden diese mehr Einfluss gewinnen, wäre es nicht verwunderlich, wenn sich wieder mehr Menschen gezwungen fühlen, ihr Leben unter einem heterosexuellen Deckmantel zu führen – mit allen Folgen für ihr Wohlbefinden und ihre individuelle Freiheit, für das Wohlbefinden ihrer Angehörigen – und letztendlich auch für das Wohlbefinden unserer Gesellschaft.

 

1  20.271 Erwachsene aus Deutschland nahmen bei dieser EU-weiten Befragung teil, EU-weit nahmen 93.079 Menschen teil.

2 In Originalabbildung „Einstellung zu Aspekten moderner Homophobie“ (ADS 2017: 7)

3 Online: hatecrime.osce.org/germany [06.02.2017].

4 Homepage: http://mh-stiftung.de/en/zeitzeug_innen-interview-projekt-der-bundestiftung-magnus-hirschfeld/.

5 In der Schweiz gibt es auch ein ehrenamtliches Online-Beratungsangebot für heterosexuelle Partner_innen: www.hetera.ch.

6 Homepage: www.straight-spouse-network.org.

 

 

Literatur

 

Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (2013): LGBT-Erhebung in der EU. Erhebung unter Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender-Personen in der Europäischen Union. Online: fra.europa.eu/sites/default/files/eu-lgbt-survey-results-at-a-glance_de.pdf [03.02.2017].

American Psychiatric Association (2003): Diagnostische Kriterien. DSM-IV-TR. Hogrefe: Göttingen.

Antidiskriminierungsstelle des Bundes (2017): Einstellungen gegenüber Lesben, Schwulen und Bisexuellen in Deutschland. Ergebnisse einer bevölkerungsrepräsentativen Umfrage. Online: www.antidiskriminierungsstelle.de/SharedDocs/Downloads/DE/publikationen/Umfragen/Handout_Themenjahrumfrage_2017.pdf [03.02.2017].

Boschitz, Helga (2010): Es fühlt sich endlich richtig an! Erfahrungen mit dem späten Coming-out. Ch. Links Verlag: Berlin.

Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz (2016): Heiko Mass zur Rehabilitierung der nach § 175 StGB verurteilten homosexuellen Männer. Online: www.bmjv.de/SharedDocs/Zitate/DE/2016/05112016_%C2%A7_175.html [23.02.2017].

Bundesstiftung Magnus Hirschfeld (2014): Forschung im Queerformat. Aktuelle Beiträge der LSBTI*-, Queer- und Geschlechterforschung. Transcript: Bielefeld.

Buxton, Amity P. (2006): When a spouse comes out: Impact on the heterosexual partner. In: Sexual Addiction & Compulsivity, 13, S. 317–332.

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