Radikalisierungsspirale: Das Wechselspiel zwischen Islamismus und Rechtsextremismus

Islamismus und Rechtsextremismus sind zwei Seiten derselben Medaille, die sich wechselseitig begünstigen. Organisationen beider Formen des Extremismus verwenden die Gewalttaten der Gegenseite, um ihre gesellschaftlichen Opfer- und Feindbilder zu begründen, ihre Narrative zu bestärken und ihre Aktionen zu legitimieren. Ein ganzheitlicher Zugang, der die Zusammenhänge zwischen unterschiedlichen Formen des Extremismus erkennt und berücksichtigt, ist notwendig, um dem gleichzeitigen Wachstum von islamistischen und rechtsextremen Gruppen effektiv entgegenzusteuern.

 

Einleitung

Das 21. Jahrhundert brachte einen starken Anstieg von dschihadistischer und rechtsextremer Gewalt mit sich. Terroranschläge und Hasskriminalität in Europa nahmen vor allem in den letzten Jahren rasant zu. Laut Bundesministerium des Innern erreichten politisch motivierte Strafdelikte in Deutschland im Jahr 2016 zum vierten Mal in Folge ein Höchstniveau. Dabei stiegen rechtsmotivierte Gewalttaten um 14,3 Prozent (auf 1.698) an und es wurden insgesamt 995 Straftaten gegen Asylunterkünfte gezählt (BMI 2017a). Ungefähr 23.100 Personen sind in rechtsextremen Organisationen aktiv, wobei etwa die Hälfte dieser Rechtsextremist_innen als gewaltorientiert eingestuft wird (BMI 2017b). Nicht nur die rechtsextreme Szene erfuhr starken Zulauf in den letzten Jahren, auch die islamistische Radikalisierung nahm rasant zu in Deutschland. Salafismus ist laut Verfassungsschutz heute die dominanteste und am schnellsten wachsende Form des Islamismus in Deutschland. Derzeit gehen die Sicherheitsbehörden von über 8.000 Salafist_innen bundesweit aus - das sind etwa doppelt so viele wie im Jahr 2010. Darunter sind knapp 700 gewaltbereite "Gefährder_innen" (Statista 2017). Das Phänomen des "hausgemachten Terrorismus" (homegrown terrorism) bereitet Sicherheitsexpert_innen die größten Sorgen: viele der Personen, die sich an politisch motivierten Gewaltakten - sowohl rechtsextremistischer als auch islamistischer Natur - beteiligen, sind in Deutschland geboren und aufgewachsen. Mehr als die Hälfte der rund 1.000 von Deutschland aus nach Syrien gereisten Dschihadist_innen besaßen die deutsche Staatsbürgerschaft (Deutscher Bundestag 2016). Rechtsextreme Terroranschläge werden sogar im Namen "des deutschen Volkes" durchgeführt, wie beispielsweise die Propagandamaterialien der Terrororganisationen Gruppe Freital und Oldschool Society demonstrieren. Radikalisierungsprozesse und -ursachen sind komplex und die biografischen Prägungen von Mitgliedern extremistischer Bewegungen sind vielschichtig (Hafez/Mullins 2015). Das Thema der Radikalisierung wird demgegenüber häufig undifferenziert und einseitig behandelt. Dieser Artikel gibt Einblicke, wie einzelne Radikalisierungsfaktoren und extremistische Polarisierungsstrategien das Entstehen von Opfer- und Feindkollektiven ermöglichen. Dabei wird vor allem die Bedeutung von Diskriminierungs-, Anfeindungs- und Erniedrigungserfahrungen für Radikalisierungsprozesse bei Islamist_innen und Rechtsextremist_innen aufgegriffen. Wie werden aus Terroranschlägen und Hassangriffen entstehende Ängste und Identitätskrisen in der Bevölkerung von extremistischen Organisationen instrumentalisiert, um mehr Menschen aus "den Grauzonen"1 zu radikalisieren? Was bedeutet das für den Zusammenhang zwischen rechtsextremer und dschihadistischer Gewalt? Die Frage, inwiefern Diskriminierung und Anfeindung Radikalisierungsprozesse antreiben, spielt insbesondere für die wechselseitige Verstärkung der Narrative des muslimfeindlichen Rechtsextremismus und des islamistischen Extremismus eine Rolle. Den Wechselwirkungen zwischen unterschiedlichen Formen von Demokratie- und Menschenfeindlichkeit wurde lange Zeit in akademischen und politischen Kreisen wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Das in der Fachliteratur als "wechselseitige Radikalisierung" bekannte Phänomen (Bartlett/Birdwell 2013; Feldman 2012) wurde daher bis dato nicht ausreichend erforscht und politisch oder zivilgesellschaftlich adressiert. Um dieser Entwicklung aber effektiv entgegenzutreten und ganzheitliche Lösungen zu finden, ist ein Verständnis und Bewusstsein in Bezug auf das komplexe Wechselspiel zwischen Islamist_innen und Rechtsextremen notwendig. Unsere Forschungsarbeit am Institute for Strategic Dialogue (ISD)2 sowie die Erkenntnisse aus meinem Buch The Rage: The Vicious Circle of Islamist and Far-Right Extremism (dt.: Wut: Was Islamisten und Rechtsextreme mit uns machen, im Erscheinen) verdeutlichen die Relevanz dieser Dynamik als Multiplikator und Beschleuniger in Radikalisierungsprozessen. Die wichtigsten Faktoren des komplexen Wechselspiels von Islamismus und Rechtsextremismus sollen im vorliegenden Artikel aufgezeigt werden.

Die Wechselwirkungen von Terrorismus und Hasskriminalität

Ziel von dschihadistischen Terroranschlägen ist es, unsere Gesellschaft zu spalten und einen Bürgerkrieg zwischen Muslim_innen und Nicht-Muslim_innen herbeizuführen. Wie im Jahr 2005 bekannt wurde, hatte Al-Qaeda einen siebenphasigen 2020 Strategieplan, mittels strategischer Polarisierung eine totale Konfrontation zwischen Gläubigen und Ungläubigen zu provozieren (Zelin 2013). Die territorial zunehmend geschwächte Terrororganisation "Islamischer Staat" setzt darauf, die politischen und gesellschaftlichen Spannungen im Westen weiter aufzuheizen, damit die bisherigen Machtpositionen verändert und die Karten neu verteilt werden. Terrororganisationen leben von asymmetrischer Kriegsführung, in der medial aufgebauschte Anschläge gesellschaftliche und politische Überreaktionen auslösen sollen. Das kalkulierte Schüren von Angst und Feindseligkeit gegen Muslim_innen soll diese in die Ecke treiben und entfremden, sodass sie leichter in islamistische Netzwerke gelockt werden können. Die von islamistischen und rechtsextremen Organisationen geteilten apokalyptischen Visionen eines unmittelbar bevorstehenden Bürgerkriegs zwischen Kulturen oder Rassen verstärken diese Dynamik. Während IS-nahe Organisationen einen Endkampf zwischen Muslim_innen und Nicht-Muslim_innen prophezeien ("Break the Cross" 2016), sprechen rechtsextreme Organisationen, beispielsweise die Identitäre Bewegung, von Vorbürgerkriegsszenarien (Strobl/Bruns 2017). Seit der Milleniumswende haben Hassverbrechen gegen religiöse und ethnische Minderheiten in Europa und Nordamerika stark zugenommen. In Deutschland umfasst Hasskriminialität Delikte, die "sich gegen eine Person wegen ihrer politischen Einstellung, Nationalität, Volkszugehörigkeit, Rasse, Hautfarbe, Religion, Weltanschauung, Herkunft oder aufgrund ihres äußeren Erscheinungsbildes, ihrer Behinderung, ihrer sexuellen Orientierung oder ihres gesellschaftlichen Status richten" (Bundesministerium des Innern 2012: 26, vgl. Beitrag von Geschke & Dieckmann in diesem Band). Da derartige Angriffe oft in der Kategorie Hasskriminalität erfasst werden und daher nicht als Terrorismus gezählt werden, kann es zu verzerrten Terrorismusstatistiken kommen, die viele rechtsextremistisch motivierte Delikte gegen Minderheiten nicht widerspiegeln. Es gibt keine universell akzeptierten Definitionen von Terrorismus und Hasskriminalität, was zu großen Unterschieden in der Aufzeichnung von rechtsextremer Gewalt durch unterschiedliche Institutionen führt (Köhler 2017). Angesichts des drastischen Anstiegs von Hassdelikten in Reaktion auf dschihadistische Terroranschläge haben insbesondere Muslim_innen Angst vor Racheangriffen. "Aufgrund unserer vergangenen Erfahrungen besteht Angst in unserer Gemeinde, vor allem unter Frauen", sagte Imam Mohamed Abdul Malek nach dem Angriff auf das Ariana-Grande-Konzert in Manchester (Newsweek 2017). Unsere Recherchen beim ISD zeigten, dass islamophobe Tweets im unmittelbaren Nachgang von Terroranschlägen nach oben schießen, während die britische Anti-Rassismus-Hotline Tell Mama Höchstwerte für Hassangriffe gegen Muslim_innen verzeichnet. Die Wechselwirkungen von islamistischem und rechtsextremem Terrorismus und Hasskriminalität führen zu existenziellen Ängsten und Identitätskrisen auf beiden Seiten und beschleunigen die Dynamik der wechselseitigen Radikalisierung. Aufgrund der erhöhten Spannungsverhältnisse verfestigen sich auf beiden Seiten die apokalyptischen Zukunftsvisionen eines beginnenden oder unmittelbar bevorstehenden Konfliktes zwischen (vermeintlichen) Muslim_innen und Nicht-Muslim_innen. Sowohl die Weltbilder von islamistischen Extremist_innen als auch die von Rechtsextremen bauen auf der wahrgenommenen Unvermeidbarkeit eines Rassen- oder Kulturkrieges auf. Die Daten der Global Terrorism Database (GTD) zu Terroranschlägen in den USA, Australien, Großbritannien, Frankreich und Deutschland zwischen Januar 2012 und September 2016 weisen auf eine starke Korrelation zwischen rechtsextrem und islamistisch motivierten Angriffen hin. Wie die folgende Grafik zeigt, hatten Gewaltereignisse auf beiden Seiten des Spektrums etwa zur selben Zeit ihre Spitzen (Ebner 2017: 152-153).3 Auch die Ergebnisse des Combating Terrorism Centre legen eine Interaktionsdynamik zwischen den unterschiedlichen Formen von politisch motivierter Gewalt nahe. Die drei in den USA gemessenen Gipfel rechtsextremer Gewalt wurden in den Jahren 2001, 2004 und 2008 verzeichnet, was zeitlich mit den dschihadistischen Anschlägen 9/11, Madrid und Mumbai einhergeht (Perlinger 2015). Meine Feldstudien in Deutschland, Frankreich und Großbritannien zeigten, dass es in Regionen, in denen es eine hohe Konzentration von Rechtsextremismus gibt, auch vermehrt zu islamistischer Radikalisierung kommt und umgekehrt. Aus meinen Interviews mit Mitgliedern extremistischer Gruppen, ehemaligen Gefährder_innen, Sicherheitsbeamt_innen und Terrorismusexpert_innen ging hervor, dass Entfremdungseffekte an diesen Orten verstärkt auftraten und einen Einfluss auf die Radikalisierungsanfälligkeit der religiösen und ethnischen Minderheiten, insbesondere der muslimischen Gemeinde, hatten. In Deutschland wurde beispielsweise das Bergische Städtedreieck - das Wuppertal, Remscheid, Solingen umfasst - zur Hochburg für Salafist_innen und Rechtsextreme. Auch Niedersachsen-Ost wurde zum Schauplatz einer verstärkten Dynamik der wechselseitigen Radikalisierung. Aus Hildesheim und seinen benachbarten Städten Wolfsburg und Braunschweig kamen überproportional viele IS-Kämpfer_innen und Neonazis (Ebner 2017: 157-195).

Pull- und Pushfaktoren in Radikalisierungsprozessen

Die Biografien von Islamist_innen und Rechtsextremen weisen tendenziell ähnliche radikalisierende Faktoren und Prozesse auf. Es gibt zwar keinen allgemeinen Typus und kein allgemeines Anfälligkeitsprofil - weder bei Dschihadist_innen noch bei Rechtsextremen -, jedoch sind wiederkehrende Motivations- und Frustrationsmuster erkennbar (Ranstorp 2016). In der Radikalisierungsforschung wird zwischen Push- und Pullfaktoren unterschieden. Pushfaktoren machen Individuen anfälliger für die Propaganda, Radikalisierungs- und Anwerbungsmethoden von Extremist_innen. Häufig bilden Identitätskrisen in Kombination mit politischen, sozio-ökonomischen oder gesellschaftlichen Ängsten und Frustrationen die Basis für Radikalisierungsanfälligkeit. Individuelle und kollektive Erfahrungen der Diskriminierung, Anfeindung und Erniedrigung machen Individuen zugänglicher für die Narrative und Argumente von Extremist_innen (HM Government 2012). Unter Pull-Faktoren versteht man die Strategien, die radikalisierte Akteure verwenden, um anfällige Individuen in ihre Netzwerke zu locken. Wiederkehrende Argumente, die extremistische Gruppen anziehend machen, sind beispielsweise Versprechen von Gemeinschaft, Zugehörigkeit, Abenteuer, Heldentum und Utopie, die charismatische Anwerber_innen mithilfe gezielter Online- und/oder Offline-Propaganda und Manipulation als Lösung für oben genannte Pushfaktoren anbieten. Stark simplifizierte Weltbilder, welche die Gesellschaft in homogene Opfer- und Feindkollektive einteilen, sollen wahrgenommene oder existierende Missstände erklären. Dabei läuft die angebotene Lösung oft auf eine metaphorische oder tatsächliche Bekämpfung oder Eliminierung der Gegner_innen hinaus.

Diskriminierung, Anfeindung und Erniedrigung als Push-Faktoren

Im Radikalisierungsprozess verschmilzt die Identität eines Individuums mit der der Gruppe, was zu einer Auflösung der persönlichen Identität führen kann. Dieses Phänomen wird auch als "Identitätsfusion" bezeichnet. Eine anthropologische Studie an der Oxford University fand heraus, dass die Identitätsfusion durch geteilte dysphorische, also negative Erfahrungen verursacht und beschleunigt werden kann (Jong/Whitehouse et al. 2015). Diskriminierung, Anfeindung und Erniedrigung aufgrund von Religionszugehörigkeit und Herkunft sind Beispiele für dysphorische Erfahrungen, die Identitätsverschmelzung und somit Radikalisierung begünstigen. Am ISD analysierten wir über 200 ausländer- und islamfeindliche Facebook- und Twitter-Profile in Deutschland, um davon ausgehend innovative Kampagnen gegen Hassrede im Netz zu entwickeln. Die Betrachtung der Online-Kommunikation rechtsextremistischer Gruppierungen in Deutschland zeigte, dass die Aufnahme von Flüchtlingen und die Angst vor Terrorangriffen dominierende Themen des Jahres 2017 waren. Hassrede und gewaltanstiftende Inhalte gegen ethnische und religiöse Minderheiten im deutschsprachigen Netz erschienen häufig in Kombination mit Hashtags wie #StopIslam, #Terrormigranten, #Krimigranten, #Asylchaos, #Islamisierung und #Rapefugees (ISD 2017). Hetzerische Rhetorik gegen Minderheitsgruppen und rechtsextremer Hass im Netz werden gezielt und manipulativ von Salafist_innen verwendet, um ihre Argumente gegen das von ihnen postulierte 'Übel', das der gesamten Westen in ihrer Narration darstellt, glaubwürdiger zu machen. Der salafistische Prediger und Aktivist Sven Lau, der für seine Unterstützung einer IS-nahen Terrormiliz zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt wurde, zitierte beispielsweise in seiner Propaganda regelmäßig Drohungen und Hass-Posts wie "Nur ein toter Salafist ist ein guter Salafist", "Verschwindet aus Deutschland" und "Vaterlandsverräter! Was sollen wir mit denen machen? Sie lebenslang einsperren und sie foltern, bis die Galle rauskommt". In seinem Buch Fremd im Eigenen Land beschwert er sich über Begriffe wie "Kameltreiber, Steinzeitmenschen, Hassprediger, Terroristen, Analphabeten", die von Rechtsextremist_innen gegen Muslim_innen und Migrant_innen verwendet werden. "Ich frage mich bis heute, warum ich kein Deutscher sein kann, besser gesagt, in deren Augen 'sein darf' und Deutschland genauso lieben wie sie auch - wenn nicht sogar mehr - auch wenn ich mich zugleich für eine andere Religion entschieden habe!?", schreibt er (Lau 2015).

Opferdenken und Feindkollektive als Pull-Faktoren

Ängste, Empörung und Wut über wahrgenommene Ungerechtigkeit und soziale Konflikte werden oft von Extremist_innen ausgenutzt. Extremistische Propaganda baut stark auf der Viktimisierung der Eigengruppe und der Dämonisierung der Fremdgruppe auf. Extremistische Propagandist_innen rationalisieren individuelle Negativerfahrungen, indem sie diese an übergeordnete schwarz-weiße Weltbilder knüpfen. Ein solches ideologisches Deutungsangebot besteht beispielsweise in der Idee, dass der Westen einen Krieg gegen den Islam führt (Nordbruch 2016). Jeder weitere perzipierte Fall von Diskriminierung oder fremdenfeindlicher Gewalt wird dann als Bestätigung für eigenen Gruppennarrative interpretiert und wirkt in Richtung ihrer Übernahme durch das Individuum.Die Terrorangriffe des IS werden von Rechtsextremen instrumentalisiert, um den gesamten Islam und seine Anhängerschaft als aggressiv und feindlich darzustellen. Dabei wird nicht unterschieden zwischen Islam als Religion, seiner politisierten Form, dem Islamismus, und seiner extremsten Ausprägung, dem Dschihadismus. Umgekehrt nutzen islamistische Extremist_innen die Hasskriminalität gegen ethnische und religiöse Minderheiten, um Muslim_innen zu viktimisieren und den gesamten Westen als Feind zu deklarieren. Dieses Opferdenken führt zu einem erhöhten Zugehörigkeitsgefühl zur diskriminierten Gruppe. Laut Roland Eckert spielt die "wahrgenommene Benachteiligung der Gruppe, zu der man gehört oder mit der man sich identifiziert", eine wesentliche Rolle in Radikalisierungsprozessen (Eckert 2013: 14). Aus meinen Interviews mit Mitgliedern rechtsextremer Gruppen und ehemaligen Neonazis ging hervor, dass sie Terroranschläge als Symptom einer "islamischen Invasion Europas" interpretierten. Meine Gespräche mit Mitgliedern islamistischer Gruppen und Ex-Dschihadist_innen zeigten wiederum, dass diese die politisch motivierten Hassangriffe gegen islamische Gemeinschaften als Beispiel der "globalen Unterdrückung von Muslimen" sahen (Ebner 2017). Auf beiden Seiten waren ein starkes Opferrollendenken und klare Feindbilder erkennbar. Der homogene "Islam" auf der einen Seite wurde dem monolithischen "Westen" auf der anderen Seite gegenübergestellt. Dabei stellten die interviewten Rechtsextremen die Dschihadist_innen als Stellvertreter_innen des Feindkollektivs "Islam" dar, während die befragten Islamist_innen die Rechtsextremist_innen als repräsentativ für den gesamten Westen nannten. Die Konsequenz war bei vielen Interviewten eine dehumanisierende Rhetorik gegen die identifizierte Feindgruppe (ebd.).

Schlussfolgerungen

Es besteht aktuell großer Forschungsbedarf hinsichtlich des Wechselspiels von Islamismus und Rechtsextremismus. Die Komplexität der Zusammenhänge zwischen unterschiedlichen Formen von Menschen- und Demokratiefeindlichkeit erfordert vor allem ein besseres Verständnis der Rolle, die populistische Politik, mediale Berichterstattung und die Normalisierung von Hassrede in Polarisierungs- und Radikalisierungsprozessen spielen. Der Einfluss gesellschaftlicher Spaltung auf Radikalisierungsdynamiken zeigt, dass Extremismus- und Terrorismusprävention uns alle betrifft. Die Einführung drakonischer Sicherheitsmaßnahmen oder demokratieeinschränkender oder diskriminierender Gesetze wird dauerhaft wenig bewirken - und kann sogar kontraproduktiv sein, da sie Gefahr läuft, ganze Gesellschaftsgruppen zu dämonisieren und Minderheiten zu entfremden. Stattdessen sollte sich die Terrorismusprävention auf die Ursachenbekämpfung fokussieren. Präventionsprogramme sollten sowohl die Resilienz der Gesamtbevölkerung erhöhen als auch die Radikalisierungsanfälligkeit von Einzelpersonen reduzieren (Young et al. 2016). Ein ganzheitlicher Zugang zur Beschäftigung mit Terrorismus und Extremismus ist notwendig, um die Effektivität von Präventions- und Deradikalisierungsprojekten zu befördern. Ohne die Prävention von Rassismus und Rechtsextremismus wird es schwer werden, dem dschihadistischen Extremismus Einhalt zu gebieten. Umgekehrt kann das Problem von gruppenbezogen menschenfeindlich inspirierter Gewalt nicht ohne Berücksichtigung von islamistischem Extremismus adressiert werden. Nationale und lokale Regierungen, Zivilgesellschaft, Schulen, die politische Bildung, Sozialarbeiter_innen und Glaubensgemeinschaften können dabei helfen, die Gesamtbevölkerung mit den Kenntnissen, dem Vertrauen und der Motivation zur Prävention jeder Form von Extremismus, Intoleranz und Hass auszustatten. Maßnahmen gegen Diskriminierung und Entfremdung und für die Stärkung des sozialen Zusammenhalts sollten getroffen werden, um zu vermeiden, dass sich die gesellschaftlichen Spannungen weiter aufheizen und sich das Radikalisierungsrisiko erhöht. Das impliziert eine ehrliche Auseinandersetzung mit tief verankerten, oft latenten Vorurteilen gegenüber Menschen anderer Herkunft und Religionen. Die Stigmatisierung von Gruppen wird oft durch ein mangelndes gesellschaftliches Bewusstsein über die Unterschiede zwischen Islam und islamistischem Extremismus gefördert (Crawford et al. 2018). Bildungs- und Aufklärungsprogramme können dabei helfen, die Eskalation wechselseitiger Radikalisierungsprozesse zu verhindern. Insbesondere die Vermittlung von Wissen zu Radikalisierungsprozessen und -faktoren, kritisches Denkvermögen und digitale Kompetenzen sind Faktoren, die die Anfälligkeit junger Menschen für extremistische Propaganda reduzieren können. Ein differenzierter Umgang mit dem Thema Terrorismus und eine umfassende Auseinandersetzung mit allen Arten der Demokratie- und Menschenfeindlichkeit in Erziehung, Politik und medialer Berichterstattung sind notwendig, um Polarisierungs- und Radikalisierungstendenzen in unserer Gesellschaft effektiv entgegenzutreten. 1 Während der sogenannte Islamische Staat die „Grauzonen der Koexistenz“ eliminieren will, sprechen rechtsextreme Bewegungen vom „Redpilling der Normies“, der Radikalisierung durchschnittlicher Bürger_innen. 2 Das Institute for Strategic Dialogue ist eine Denkfabrik, die weltweit Forschungs- und Beratungsprojekte, Kampagnen und Erziehungsinitiativen zur Prävention von Terrorismus und Extremismus durchführt. Für mehr Informationen vgl.: http://www.isdglobal.org. 3 Basierend auf den Daten der GTD für die USA, Australien, Großbritannien, Frankreich und Deutschland wurde eine lineare Regressionsanalyse durchgeführt, wobei alle fehlenden Daten für das Jahr 2016 manuell unter Verwendung der GTD-Kriterien ergänzt wurden.

Literatur

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