Neun Menschen aus Einwandererfamilien und eine Polizistin tötete der in Jena entstandene „Nationalsozialistische Untergrund“ (NSU) – ohne dass Behörden und Gesellschaft die Motive des Terrors erkannten. Von 193 Todesopfern rechter Gewalt, die die Amadeu Antonio Stiftung zählt, sind nur 83 staatlich anerkannt. In Deutschland gab es im Jahr 2017 nach Erhebungen der Amadeu Antonio Stiftung und von Pro Asyl 1.713 Übergriffe gegen Geflüchtete oder ihre Unterkünfte. Im gleichen Jahr erfasste die Polizei insgesamt 1.453 antisemitische Delikte. In beiden Fällen sind das durchschnittlich täglich mehr als vier Straftaten dieser Art. Zahlen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) zeigen: 2017 wurden mindestens 17 wohnungslose Menschen getötet. Deutsche Behörden registrierten 2017 300 Straftaten gegenüber LSBTTIQ* aufgrund ihrer sexuellen Orientierung. All die Beispiele haben gemeinsam: Bei diesen Vorfällen handelt es sich um Gewalt gegen Minderheiten, wobei die Statistiken nur das bekannte Hellfeld abbilden - das Dunkelfeld ist größer.

Antisemitische, rassistische, homo-und transfeindliche, obdachlosen- und behindertenfeindliche Straftaten fordern den gesellschaftlichen Zusammenhalt heraus. Wie können gesellschaftlich stigmatisierte und dadurch besonders gefährdete Gruppen gestärkt werden? Wie kann gruppenbezogene Gewalt erkannt und verhindert werden? Zentrales Anliegen der bundesweiten Fachkonferenz ist es, internationale Sichtweisen und Erfahrungen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen in Bezug auf Gewalt gegen Minderheiten zu verbinden und zu diskutieren. 

Die Veranstaltung steht unter der Schirmherrschaft von Georg Maier, dem Thüringer Minister für Inneres und Kommunales.

Aktuell: Die Veranstaltung ist als Bildungsveranstaltung nach dem Thüringer Bildungsfreistellungsgesetz auf dem Gebiet der gesellschaftspolitischen Bildung anerkannt.

Referent/innen & Programm

Donnerstag, 20.09.2018

Ab 11:00 Uhr - Registrierung

 

12:00 Uhr - Eröffnung

 

12:30 Uhr - Panel 1: Ansätze und Erfassungssysteme

  • Eine Frage der Perspektive? Über die statistische Wahrnehmung und Erfassung rassistisch und politisch rechts motivierter Gewalt
    • Heike Kleffner (Bundesverband der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt - VBRG)


  • Politisch motivierte Kriminalität (PMK) – das aktuelle Erfassungssystem der Polizei
    • Prof. Dr. Tobias Singelnstein (Kriminologie, Ruhr Universität Bochum)


  • Hasskriminalität – ein internationales Konzept für Deutschland?
    •  Prof. Dr. Marc Coester (Kriminologie, Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin)

 

14:30 Uhr - Panel 2: Kontexte und Erfahrungen

  • Prof. Dr. Doron Kiesel (Zentralrat der Juden in Deutschland)
  • Jenny Renner (Lesben- und Schwulenverband in Deutschland)
  • Joshua Kwesi Aikins (Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland)
  • Onur Özata (Rechtsanwalt, u.a. im OEZ-Verfahren in München)
  • Paul Neupert (Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe)

 

16:30 Uhr - Panel 3: Internationale Perspektiven

  • How do we know what we know about hate crime?
    • Prof. Dr. Barbara Perry (International Network for Hate Studies (INHS), Fakultät für Sozial- und Geisteswissenschaften, Universität von Ontario, Institute of Technology, KANADA)


  • Hate crime from a European perspective
    • Prof. Barbara John (European Commission against Racism and Intolerance (ECRI), Institut für Europäische Ethnologie, Humboldt-Universität zu Berlin)


  • Understanding the landscape of hate crime in the United Kingdom
    • Prof. Dr. Chris Allen (Centre for Hate Studies, University of Leicester, UK)

 

Im Anschluß um 19 Uhr: Begrüßung durch den Thüringer Innenminster Georg Maier und öffentlicher Vortrag von Prof. Barbara Perry zu Hasskriminalität als Gefahr für Inklusion und Multikulturalismus mit einem Koreferat von Onur Özata (Rechtsanwalt) im historischen Rathaus Jena (ca. 5 Minuten vom Tagungsort entfernt).

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Freitag, 21.09.2018

09:00 Uhr - Panel 4: Soziale, juristische und wissenschaftliche Praxis

  • Folgen rechter Gewalt für Betroffene und Möglichkeiten der Unterstützung durch spezialisierte Opferberatungsstellen
    • Christina Büttner (ezra - Mobile Beratung für Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Thüringen)


  • Schutz von Menschenrechten oder „Gesinnungsjustiz“ – die Verfolgung von Hasskriminalität durch Behörden und Justiz
    • Dr. Kati Lang (Rechtsanwältin)


  • Viktimisierung durch Hasskriminalität. Eine erste repräsentative Erfassung des Dunkelfeldes in Niedersachsen und in Schleswig-Holstein 
    • Dr. Eva Groß (LKA Niedersachsen), Arne Dreißigacker (Kriminologisches Forschungsinstitut  Niedersachsen e.V.) & Dr. Lars Riesner (LKA Schleswig-Holstein)


 

 

10:30 Uhr - Arbeitsgruppen

 

  • 1. Arbeitsgruppe: Folgen rechter Gewalt für Betroffene und Möglichkeiten der Unterstützung durch spezialisierte Opferberatungsstellen
    • Christina Büttner (ezra - Mobile Beratung für Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Thüringen)

 

 

  • 2. Arbeitsgruppe: Schutz von Menschenrechten oder "Gesinnungsjustiz" - die Verfolgung von Hasskriminalität durch Behörden und Justiz
    • Dr. Kati Lang (Rechtsanwältin)

 

 

  • 3. Arbeitsgruppe: Wie lässt sich Gewalt gegen Minderheiten erfassen und was "braucht" die Praxis von der Wissenschaft?
    • Dr. Eva Groß (LKA Niedersachsen) & Dr. Daniel Geschke (IDZ)

 

13:30 Uhr - Podium: Anforderungen und Schlussfolgerungen für den Schutz von Minderheiten in Deutschland

Unter anderem mit:

  • Dr. Felix Klein (Antisemitismus-Beauftragter der Bundesregierung)
  • Dr. Maria Scharlau (Amnesty International)
  • Martin Thüne (Forschungsstelle der Thüringer Fachhochschule für öffentliche Verwaltung, Fachbereich Polizei)
  • Timo Reinfrank (Amadeu Antonio Stiftung)

 Sowie Teilnehmenden der Tagung.

 

 

Ab 15:00 Uhr - Abreise

Öffentlicher Vortrag

20.09.2018, 19:00 Uhr, Historisches Rathaus Jena

 

Hasskriminalität: Gefahr für Inklusion und Multikulturalismus

Öffentliche Vortrags- und Diskussionsveranstaltung mit Prof. Barbara Perry (Ontario, Kanada), dem Thüringer Innenminister Georg Maier sowie dem Rechtsanwalt Onur Özata (Berlin).

Der Vortrag wird simultan aus dem Englischen übersetzt.


Hasskriminalität betrifft nicht nur einzelne Individuen, sondern auf mehreren Ebenen auch die breitere Gemeinschaft, weshalb Hasskriminalität auch als „Botschaftstat“ bezeichnet wird. Sie bedroht das Gefühl der Inklusion und Zugehörigkeit betroffener Minderheiten. Darüber hinaus stellt es die Grundwerte offener und integrativer Gesellschaften wie in Kanada in Frage, indem es die Risse und Spaltungen hervorhebt und verschärft, die unserer Kultur innewohnen. Kurz gesagt, werden in diesem Vortrag die Auswirkungen von Hasskriminalität auf die gesamte soziale Gruppe, zu der das angegriffene Individuum gehört, diskutiert. Die Referentin beruft sich auf mehrere Studien, die die Erfahrungen von so unterschiedlichen Minderheiten wie Muslimen, indigenen Völkern, Juden und aus den LSBTQ-Gemeinschaften widerspiegeln. Die beobachteten Auswirkungen sind in allen betrachteten Gruppen erstaunlich übereinstimmend, da Hassverbrechen unter Opfern und Nicht-Opfern gleichermaßen Angst und Terror hervorrufen. Andererseits hat diese Form von Gewalt aber auch das Potential, betroffene Gruppen auf positive Weise zu mobilisieren.

 

 

Hatecrime: Challenging Inclusion and Multiculturalism

Abstract:

Hate crime affects not just individual targets, but also multiple levels of the broader community. It threatens the sense of inclusion experienced by targeted communities. In addition, it challenges the core values of open and inclusive societies like Canada, in that it highlights the fissures and divisions that are inherent in our culture. In short, I examine the community impacts of hate crime, sometimes referred to as in terrorem effects. I draw on several studies reflecting the experiences of communities as diverse as Muslims, Indigenous people, Jews, and those from the LGBTQ communities. Across groups, the effects are remarkably consistent in that hate crime invokes fear and anxiety among victims and non-victims alike. In contrast, however, such violence also has the capacity to mobilize affected groups in positive ways.

Zielgruppen

Die Fachtagung richtet sich insbesondere an:

  • Journalist/innen
  • Jurist/innen
  • Politiker/innen
  • Polizist/innen
  • Sozialarbeiter/innen
  • Wissenschaftler/innen
  • Zivilgesellschaftliche Akteure

 

(Die Veranstaltung ist als Bildungsveranstaltung nach dem Thüringer Bildungsfreistellungsgesetz auf dem Gebiet der gesellschaftspolitischen Bildung anerkannt.)

Veranstaltungsort

Restaurant Scala im Jentower, direkt in der Jenaer Innenstadt, nur wenige Gehminuten vom Westbahnhof und Paradiesbahnhof entfernt.

Bitte planen Sie 5-10 Minuten ein, um vom Fuß des Jentower das Restaurant Scala zu erreichen, die Fahrstühle brauchen manchmal etwas länger.

Hotel

Für Teilnehmende der Tagung ist ein Hotelzimmer-Kontingent durch das IDZ reserviert. Gern senden wir Ihnen eine Liste mit verfügbaren Zimmern zu. Die Unterbringung ist nicht im Teilnahmebeitrag inbegriffen.

Teilnehmendenbeitrag
  • 110€ für Vollzahlende
  • 70€ ermäßigt (bspw. Student_innen und ehrenamtlich Aktive, deren Auslagen nicht von einer Institution übernommen werden können; begrenzte Platzzahl)

 

Nach Ihrer Anmeldung erhalten Sie eine Anmeldebestätigung mit Zahlungshinweisen per e-Mail. Wenn Sie diese erhalten und den Teilnahmebeitrag fristgerecht eingezahlt haben, sind Sie verbindlich angemeldet.

Konferenzsprachen

Die Tagungssprachen sind Deutsch und Englisch. Panel 3 "International Perspectives" wird auf Englisch mit Simultanübersetzungen ins Deutsche stattfinden.

Falls Sie Bedarf zur Übersetzung ins Deutsche haben klicken Sie bitte bei der Online-Anmeldung das entsprechende Häkchen an, damit wir die Technik bedarfsgerecht vorbereiten können.

Fachtagung am 20. & 21. September 2018 in Jena


Partner & Förderer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kontakt

Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft

Talstr. 84

07743 Jena

Tel.: +0049 3641 2719403

E-Mail: hatecrime-konferenz@idz-jena.de