Das Geschlechterbild der Neuen Rechten: Gleichberechtigung als Bedrohung

Der Text gibt einen Überblick über das Geschlechterbild der Neuen Rechten. Zunächst wird kurz die Geschichte und Strategie der Neuen Rechten und ihr Verhältnis zur „Alternative für Deutschland“ geschildert. Dann werden anhand von Beiträgen der Zeitschrift „Sezession“ neurechte Konstruktionen von Männlichkeit und Weiblichkeit herausgearbeitet.

 

Einleitung

Derzeit leben rechte Denkmuster und Ideologien europaweit wieder auf. In Polen und Ungarn sind nationalistische Regierungen mit charismatischen Führungspersönlichkeiten an der Macht. Rechtsstaatliche und demokratische Institutionen wie die Verfassungsgerichtsbarkeit werden entmachtet und eine unabhängige Presse gerät zunehmend unter Druck (vgl. Birsl 2018: 376). Auch in vielen anderen Ländern gewinnen rechtspopulistische Parteien immer mehr an Boden. Neben rassistischen Diskursen über Migration und Islam spielen antifeministische Diskurse eine zentrale Rolle in der Ideologie der extremen Rechten weltweit. Trotzdem wurde das Thema Geschlecht in der Rechtsextremismusforschung lange Zeit kaum berücksichtigt (vgl. Bitzan 2016: 329ff.). In den letzten Jahren sind jedoch einige Veröffentlichungen erschienen, die die Dimension Geschlecht im Rechtsextremismus ausleuchten.1 Extrem rechte und konservative Bewegungen verfolgen die Absicht, die Errungenschaften der letzten Jahrzehnte auf dem Gebiet der rechtlichen Gleichstellung von Mann und Frau zurückzudrehen. Außerdem wird die zunehmende gesellschaftliche Akzeptanz für von der heterosexuellen Norm abweichende Identitäten und Orientierungen angegriffen.

Gerade die sogenannte Neue Rechte2 (NR) ist in Deutschland maßgeblich daran beteiligt, die vermeintlich ‚natürliche Geschlechterhierarchie‘ und das durch den angeblich ‚liberalen Zeitgeist‘ und Feminismus bedrohte Ideal heroischer Männlichkeit zu verteidigen. Um die Männlichkeits- und Weiblichkeitskonstruktionen in der NR zu veranschaulichen, werden im vorliegenden Text Debattenbeiträge zum Thema Geschlecht in der Zeitschrift Sezession analysiert.

Die Neue Rechte in der Bundesrepublik

Zunächst soll hier kurz skizziert werden, was unter der NR überhaupt zu verstehen ist. Diese Eigenbezeichnung rechter Intellektueller tauchte in den 1970er Jahren auf. Sie suchten vor allem nach der Niederlage der NPD in der Bundestagswahl 1969 nach neuen Wegen, um die damalige extreme Rechte zu modernisieren. Die NR hat sich vor allem dem Konzept der Intellektualisierung des Rechtsextremismus, also der Fundierung völkischer Positionen „aus der Geistes- und Ideengeschichte“ (Salzborn 2017: 36), sowie der „Metapolitik“ verschrieben. Dieses Konzept wurde vom französischen Philosophen und Vordenker der NR Alain de Benoist entwickelt und zielt darauf ab, auf der Ebene der Kultur und der Werte die „ideologische Mehrheit“ (Benoist 1985: 46) zu erringen. Das „Institut für Staatspolitik“ (IfS), mit der im Jahr 2003 gegründeten Zeitschrift Sezession und dem Verlag Antaios, ist eine der wichtigsten Institutionen der NR in Deutschland (vgl. Kellershohn 2016: 440). Laut Eigenbeschreibung widmet es sich vor allem der „Forschung und Wissenschaft, Fortbildung und Politikberatung“ (ebd.). Bei der Sezession steht die rechte Theoriebildung und Traditionspflege (vgl. Weiß 2015) relativ losgelöst vom tagespolitischen Geschehen, welches eher auf dem Web-Blog der Sezession kommentiert wird.

Lange Zeit fehlte der NR der gesellschaftliche Resonanzboden, auf dem ihre Metapolitik hätte wirken können. Die Entstehung der AfD im Jahr ab 2013 und die Demonstrationen von PEGIDA in Dresden ab 2014 wurden in diesem Milieu deshalb begeistert aufgenommen und von Anfang an wohlwollend begleitet. Die AfD ist seit ihrer Entstehung durch heftige Flügelkämpfe und Konflikte gekennzeichnet. Anfangs als Partei gegen den Euro positioniert, wobei rassistische Töne durchaus schon in dieser Phase zu hören waren, bewegte sich die AfD konstant nach rechts. Man hat es mit einem „schwelenden Konflikt zwischen Realos und Fundis zu tun“ (Friedrich 2017: 80), der in erster Linie nicht um Inhalte, sondern eher um die richtige Strategie geführt wird. Während der realpolitisch orientierte Flügel auf Wahlsiege setzt und einen langsamen ‚Marsch durch die Institutionen‘ befürwortet, sind für den völkischen Flügel, der die AfD als eine „fundamentaloppositionelle Bewegungspartei“ ansieht, „Parlamente nicht mehr als eine Plattform“ (ebd.: 81). Das IfS ist momentan bestrebt, aus den verschiedenen rechten Akteuren, wie der „Identitären Bewegung“, PEGIDA, dem völkischen Flügel der AfD und rassistischen Bürgerinitiativen ein „Widerstandsmilieu“ (Kubitschek 2016: 26) zu formen. Dieses solle in der Lage sein, eine politische „Wende“ (ebd.: 28) herbeizuführen. In diesem Beitrag werden die Debattenbeiträge zum Thema Geschlecht in der Zeitschrift Sezession analysiert. Die Geschlechterkonstruktionen der NR werden für diesen Beitrag anhand der Sezession analysiert, da das IfS großen Einfluss auf den völkischen Flügel der AfD und außerparlamentarische Gruppen (z. B. Identitäre Bewegung, PEGIDA) ausübt.

Geschlechterkonstruktionen der Neuen Rechten

In Anlehnung an den Politikwissenschaftler Kurt Lenk kann man davon sprechen, dass die Geschlechterdiskurse der NR im Zeichen einer „Konstantenanthropologie“ (1989: 31) stehen. Diese geht von einer Mängelnatur des Menschen aus, die durch Schwäche und Unvollkommenheit charakterisiert sei. Der Mensch sei deshalb auf Schutz durch und Bindung an starke Institutionen angewiesen (vgl. ebd.: 31). Wie es der konservative Philosoph Arnold Gehlen, der die Theorie des Menschen als Mängelwesen entwickelte, ausdrückte, schützen „die Institutionen den Menschen vor sich selber“ und sind „Bändigungen der [menschlichen] Verfallsbereitschaft“ (Adorno/ Gehlen 1965: 245). Zu solchen Institutionen wird beispielsweise vom neurechten Publizisten Siegfried Gerlich die „abendländische Ehe“ (2013: 25) gezählt. Gerlich geht im Anschluss an Gehlen davon aus, dass die patriarchale Familie die „Grundlagen jeder höheren Kultur sichern“ (ebd.) würde, da der Mensch ansonsten seinen ungezügelten Trieben unterlegen sei. Die patriarchale Familie wird von Gerlich als eine sich geradezu evolutionär entwickelte Form der Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern dargestellt, die nur durch die allmähliche Entlastung der Menschheit von schwerer Arbeit in Folge der industriellen Revolution überhaupt infrage gestellt würde. Durch diese Entlastung von schwerer Arbeit und der dadurch vermeintlich überflüssig werdenden Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau wird in der neurechten Erzählung der Beginn der Nivellierung der vermeintlich ‚natürlich entwickelten‘ Geschlechterunterschiede gesehen. Spätestens seit 1968 seien allerdings die Institutionen der Ehe und Familie im Niedergang begriffen und dadurch der Fortbestand der europäischen Kultur an sich gefährdet. An die Stelle einer festen Bindung in der Ehe und Familie sei seit 1968 eine Sexualisierung der gesamten Gesellschaft getreten, in der bindungs- und orientierungslose Menschen individualistisch vor sich hinvegetierten (vgl. Kositza 2008: 28). Die Institutionen der Ehe und Familie sind in dieser Lehre jeglicher menschlicher Gestalt- und Veränderbarkeit entzogen. Die Menschen sind in diesem Weltbild den starren Institutionen unterworfen und werden dazu verpflichtet, sie zu erhalten. Die Möglichkeit, diese nach ihren Bedürfnissen umzuformen und in demokratischen Prozessen zu verändern, wird negiert.

Männlichkeit in rechten Debatten

Das in der extremen Rechten spektrenübergreifend postulierte Männlichkeitsbild ist das der soldatischen Männlichkeit. Diese Form von Männlichkeit ist durch Härte, Disziplin sowie Kampf- und Opferbereitschaft für das eigene Kollektiv gekennzeichnet. Bis 1945 war die soldatische Männlichkeit gesellschaftlich hegemonial3 und wurde danach von anderen Formen der Männlichkeit abgelöst. Die soldatische Männlichkeit ist in der extremen Rechten allerdings nach wie vor hegemonial (vgl. Virchow 2010). Ein Beispiel, zu welchen Taten diese Form der Männlichkeit führen kann, zeigt der Suizid des französischen Rechtsextremisten Dominique Venner, der sich 2013 in Paris aus Protest gegen die Einführung gleichgeschlechtlicher Ehen erschoss. Die Tat Venners wurde in der deutschen Rechten spektrenübergreifend glorifiziert und als Fanal des Widerstands gegen den prognostizierten Verfall westlicher Kultur gedeutet. So schreibt Götz Kubitschek in der Sezession, dass die Tat „symbolisch, männlich, frei und hart“ gewesen und schockierend für all jene sei, die „das Leben quantitativ und nicht qualitativ, individualistisch und nicht eingebettet, hedonistisch und nicht in erster Linie als Dienst auffassen“ (Kubitschek 2013). In diesen kurzen Zeilen finden sich im Grunde alle Elemente des Idealbilds soldatischer Männlichkeit, die bereit ist das eigene Leben für „das Ganze“ zu opfern.

Diese soldatische Männlichkeit konstituiert sich einerseits in Abgrenzung zu Frauen und andererseits in Abgrenzung zu homosexueller und migrantischer Männlichkeit (vgl. Virchow 2010: 49; Connell 2015: 1680). Der homosexuelle Mann, der seine sexuelle Orientierung offen zeigt und auslebt, wird von Martin Lichtmesz4 als zur körperlichen Verteidigung unfähig und feige charakterisiert (Lichtmesz 2010: 30). Er ist das Gegenteil einer „archetypisch heroischen Männlichkeit“, die auf dem Prinzip des Männerbundes basiere (ebd.: 31). Zunehmend sei der erste Typus der Männlichkeit in westlichen Gesellschaften verbreitet, während der andere durch das Wirken des Feminismus bei Jungen schon von klein auf „ausgegendert“ (ebd.: 31) werde. Der Feminismus habe in Deutschland seit 1968 die Diskurshoheit gewonnen und feministische Positionen seien „über metapolitische Schleichwege tief in die Kapillaren der Institutionen, bis hinauf zum Familienministerium eingedrungen“ (Lichtmesz 2009: 10). Man hat es hier mit einer antifeministischen Verschwörungstheorie zu tun, bei der postuliert wird, dass die Veränderungen der Geschlechterverhältnisse in den letzten Jahrzehnten hinterrücks von einer kleinen Minderheit linker Feministinnen durchgesetzt wurden.

Der homosexuellen Männlichkeit, die sich zunehmend in westlichen Gesellschaften gegenüber der „heroischen Männlichkeit“ durchgesetzt habe, wird die migrantische Männlichkeit gegenübergestellt, die in rassistischer Weise als aggressiv und raumnehmend charakterisiert ist (vgl. Virchow 2010: 49). Es wird hier ein äußerer Feind konstruiert, der gleichzeitig gefürchtet und bewundert wird, da dieser angeblich willens sei sich für die eigene Sache zu opfern (vgl. Goetz/ Klammer 2017: 87). Die postulierte „Umvolkung“ sei Resultat der Schwächung westlicher Gesellschaften durch den Feminismus, welcher „der „Schwächung“ der Nation durch die „Zersetzung“ ihrer natürlichen Geschlechterordnung beschuldigt“ (ebd.; vgl. Lichtmesz 2009: 11)5 wird. Der westliche Mann müsse seine Männlichkeit wieder gegen die Frauen und den Feminismus behaupten, da Frauen sonst als die „freiwilligen oder unfreiwilligen Trophäen der Sieger“ im Kampf mit den „richtigen“ Männern aus „exotischen Ländern“ (ebd.) enden würden. Frauen werden als Objekte und Besitztum („Trophäen“) des (weißen) Mannes imaginiert, welche es gegen „die Fremden“ zu verteidigen gelte. Dieser Diskurs erhielt nach den Übergriffen auf Frauen in der Kölner Silvesternacht 2015/2016 innerhalb der Rechten, aber auch gesamtgesellschaftlich, starken Auftrieb. Sexualisierte Gewalt wird in diesem Diskurs ausschließlich thematisiert, wenn diese Taten von Migranten begangen werden. Sexuelle Belästigung, Vergewaltigungen und Morde an Frauen werden in diesem Diskurs ethnisiert und als „importiertes“ Phänomen „den Anderen“ zugeschrieben (vgl. Aigner 2017: 2). Besonders medienwirksam wird dieses Thema von der im Januar 2018 gestarteten 120db6-Kampagne der Identitären Bewegung aufgegriffen. Die Kampagne inszeniert ein Bedrohungsszenario, demzufolge Frauen in Europa durch massenhafte sexualisierte Gewalt von Migranten ihres Lebens nicht mehr sicher sein könnten. Sexualisierte Gewalttaten oder Morde an Frauen, die nicht von Migranten begangen wurden, werden von der Kampagne bewusst ausgeblendet. Dieser „Ethnisierung von Sexismus“ (vgl. ebd.) und dem in der Rechten beliebten Narrativ der „Verteidigung der eigenen Frauen“ vor „den Fremden“ sollte eine Perspektive entgegengestellt werden, die sich sowohl gegen sexualisierte Gewalt als auch gegen Rassismus richtet.7

Exkurs: Neue Rechte und Islam

Für die Geschlechterdebatten innerhalb der NR ist die Bezugnahme auf den Islam von entscheidender Bedeutung. Der Islam wird in diesen Debatten als ein auf Tradition und Werten basierender Glaube charakterisiert. Dieser basiere auf der klaren Trennung von Mann und Frau, welche auch durch Kleidung und räumliche Trennung der Geschlechter gestützt werde. Der Islam wird hier zum zentralen Antagonisten des vermeintlich schwächlichen, weil individualistischen und materialistischen Westens. So schreibt Ellen Kositza in einem Artikel über das Kopftuch, dass dieses auch in der germanischen und christlichen Tradition eine wichtige Rolle gespielt habe. Kleidungsvorschriften für Männer und Frauen im Islam dienten dazu, „die Würde und Achtung voreinander zu schützen“ (Kositza 2011: 25). Der Islam sei also der natürliche Verbündete der Rechten „gegen liberalistische, westliche Dekadenz, gegen den europäischen Atheismus“ (ebd.: 24). Wünschenswert für Kositza wäre ein „potenteres Christentum“, welches die Trennung des „männlichen und weiblichen Lebensprinzips“ (ebd.) zur Grundlage habe. Der Islam ist für die NR also nicht wegen der ihm innewohnenden anti-emanzipatorischen Tendenzen hinsichtlich der Geschlechterverhältnisse problematisch, sondern in diesem Punkt eher ein Verbündeter. Der Islam wird vielmehr deshalb abgelehnt, da er im rassistischen Weltbild der NR als „raumfremd“ charakterisiert wird. Er steht im neurechten Weltbild also für „das Fremde“, dessen vermeintliche Stärke „furchtvolle Faszination“ (Salzborn 2017: 87f.) auslöst.

Weiblichkeit in neurechten Debatten

Neurechte Debatten zu Weiblichkeit und Familie schließen an Diskussionen um den gesellschaftlichen Stellenwert der Reproduktionsarbeit, die auch von Feminist_innen und gesamtgesellschaftlich kontrovers geführt werden. Bis in die 1970er Jahre war das sogenannte „Ernährermodell“ hegemonial, nach dem der Mann mit einem Familienlohn die ganze Familie ernährte und die Frau unbezahlt die Reproduktionsarbeit erledigte (vgl. Winker 2013: 120). Im Zuge der Wirtschaftskrisen in den 1970er Jahren veraltete dieses Modell, welches aus Wirtschaft und Politik wegen zu hohen Kosten und aus der feministischen Bewegung wegen der Abhängigkeit von Frauen kritisiert wurde (ebd.). An dessen Stelle tritt das sogenannte „Zwei-Verdiener_innen-Modell“, bei dem der Familienlohn des Mannes nicht mehr für die Familie reicht und die Frau ebenfalls einer Lohnarbeit nachgeht (ebd.). Allerdings wird die Haus- und Familienarbeit dennoch weiterhin hauptsächlich von Frauen erledigt, weshalb sie einer „Doppelbelastung“ von Lohn- und Reproduktionsarbeit ausgesetzt sind (ebd.: 127).

Die NR deutet die zunehmende Berufstätigkeit von Frauen als einen Bedeutungsverlust „des Weiblichen“ um, dem die Pflege und Aufzucht von Kindern angeblich wesenhaft zukomme (vgl. Kositza 2010: 4). So würden die Kindererziehung bei Berufstätigkeit der Mutter und die damit verbundene Vermittlung von Werten an die Kinder, aber auch andere Tätigkeiten wie das Pflegen der Großeltern, zunehmend an den Sozialstaat delegiert (vgl. Kositza 2007a: 41). Die Familie komme als Wertevermittlerin zunehmend abhanden und der staatlichen Beeinflussung von Kindern werde Tür und Tor geöffnet (vgl. Kositza 2012: 9). Eine Frau sei gesellschaftlich nur anerkannt, wenn sie, dem Mann gleich, eine berufliche Karriere mache. So werde die „heimische Sphäre“ gesellschaftlich immer mehr entwertet und die Hausfrau zum „dämlichen Klischeebild“ degradiert (Kositza 2007b: 30). Die neurechte Antwort auf das existierende Problem der Doppelbelastung von Frauen durch Lohn- und Reproduktionsarbeit besteht in der Trennung dieser Sphären, bei der die Lohnarbeit (wieder) von Männern und die Reproduktionsarbeit von Frauen erledigt wird. Dieser rückwärtsgewandten Perspektive der (Wieder-)Herstellung der patriarchalen Familie mit starrer Verteilung von Aufgaben und Positionen für Männer und Frauen sollte eine Debatte entgegengestellt werden, die die Reproduktionsarbeit, die bislang von Frauen im familiären Kontext geleistet wurde, als allgemeine gesellschaftliche Aufgabe aller Geschlechter verallgemeinert (vgl. Winker 2013: 130f.).

Fazit

Wie in der obigen Analyse gezeigt, erscheinen Männlichkeit und Weiblichkeit sowie damit angeblich wesenhaft verbundene Eigenschaften in neurechten Debatten als überhistorische natürliche Gegebenheiten. Die Veränderungen der Geschlechterverhältnisse in den letzten Jahrzehnten, die von der feministischen Bewegung erkämpft wurden, gelten der NR als Zeichen des Verfalls und der Dekadenz. Dem Feminismus wird die Schwächung der Gesellschaft durch die Infragestellung der vermeintlich natürlichen Geschlechterordnung vorgeworfen. Damit verzahnt sich der antifeministische Diskurs sehr eng mit der rassistischen Verschwörungstheorie der „Umvolkung der europäischen Völker“. Männliche Migranten, besonders Muslime, werden als scheinbar übermächtiges Kollektiv konstruiert, welches die geschwächten, „dekadenten“ europäischen Länder übernehmen wolle. Eine starre Aufgabenverteilung zwischen den Geschlechtern und die Wiederherstellung der patriarchalen Familie sollen der Gemeinschaft die nötige innere Stärke geben, um sich der vermeintlichen Bedrohung durch die „Masseneinwanderung“ erwehren zu können. Gender-bezogene Kampagnen wie der Kampf gegen Feminismus und Gendermainstreaming fungieren als „verbindende Mobilisierungsthemen zwischen extremer Rechter und Konservatismus der Mitte“ (Bitzan 2016: 337). So finden hier christliche Fundamentalist*innen, „Männerrechtler“, Pick-Up-Artists, neonazistische und extrem rechte Gruppen sowie neurechte Intellektuellenzirkel zusammen, die das Ziel verfolgen, die erreichte Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern zurückzudrehen. Auch die AfD beschreibt in ihrem Programm Ehe und Familie als „Keimzellen der bürgerlichen Gesellschaft“ (AfD 2016: 40). Sie wendet sich gegen „die Umsetzung des Gender-Mainstreaming“-Projekts sowie die angebliche „Diskriminierung der Vollzeit-Mütter“ (ebd.: 43) und setzt sich für eine „Willkommenskultur für Neu- und Ungeborene“ (ebd.: 44), also letztlich eine Erschwerung von Abtreibungen, ein (vgl. Salzborn 2017: 177ff.). Die NR fungiert im rechten Milieu als Stichwortgeberin, indem sie vor allem publizistisch in gesellschaftliche Debatten eingreift und theoretische Konzepte sowie Strategien erarbeitet. Somit sind die in der Sezession vertretenen Konstruktionen von Männlichkeit und Weiblichkeit durchaus eine Gefahr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, da mit der AfD die antifeministische Agenda der NR nun auch parlamentarisch vorangetrieben werden kann.

 

1 Einen Forschungsüberblick zu Geschlechterkonstruktionen im Rechtsextremismus in Deutschland liefert Bitzan (2016). Einen vergleichenden Blick auf extrem rechte und rechtspopulistische Parteien und Bewegungen hinsichtlich Geschlecht geben Köttig und Kolleginnen (2017). Geschlechterdiskurse der Neuen Rechten in Deutschland arbeitet Salzborn heraus (2017: 177ff.).

2 Der Begriff Neue Rechte, der sich für dieses Spektrum der Rechten durchgesetzt hat, ist mit Vorsicht zu lesen, da er eine Trennung zwischen „alter“ und „neuer“ Rechter suggeriert, die keineswegs so trennscharf zu ziehen ist. Gerade in der Zielvorstellung sind sich die Strömungen der Rechten weitgehend einig und nur in der Frage der Strategie und der umworbenen Milieus verschieden (vgl. Weiß 2015: 116).

3 Das Konzept der hegemonialen Männlichkeit stammt von Raewyn Connell. Sie geht davon aus, dass Männlichkeit nicht fest vorgegeben, sondern stets in unterschiedlichen sozialen Kontexten hergestellt wird („doing maskulinity“). Die in einem sozialen Umfeld kulturell dominante Form der Männlichkeit wird hegemoniale Männlichkeit genannt (vgl. Connell 2015: 1679).

Lichtmesz schreibt unter Pseudonym und heißt eigentlich Martin Semlitsch.

5 Zitat übersetzt vom Autor.

6 120 Dezibel ist die Lautstärke eines Taschenalarms, der den Initiatorinnen zufolge Grundausstattung einer jeden Frau geworden ist.

Als Beispiel für diese Perspektive steht die feministische Kampagne #ausnahmslos, die im Zuge der Debatten um die Kölner Silvesternacht 2015/16 gestartet wurde. Online: ausnahmslos.org [13.06.2018].

 

Literatur

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