Digitale Antidiskriminierungsarbeit

Rechtsextreme und andere Menschenfeind_innen nutzen das Internet intensiv, um Abwertung von Gruppen zu normalisieren und Bedrohung und Hass zu verbreiten. Wie tritt die digitale demokratische Zivilgesellschaft dem entgegen? – Mit Fakten und Argumentationsstrategien, der Stärkung von Gegenrede durch NGOs und Privatpersonen und digitaler Streetwork mit gefährdeten Jugendlichen.

 

Ein 46-Jähriger aus Ingolstadt schreibt auf Facebook über Geflüchtete: "Die Endlösung ist das einzige, was Deutschland retten kann." Eine 36-jährige Mutter aus Chemnitz teilt eine Collage: ein Überraschungs-Ei, das zur Handgranate umfunktioniert wurde, mit dem Titel "Ausländer-Überraschung. Sonderedition Asylanten. Spannung, Spiel und weg." Sie sind keine Neonazis, keine organisierten Rechtsextremen, oft nicht einmal offenkundige AfD-Sympathisant_innen. Sie lesen online 'alternative' Medien wie die "Epoch Times" oder "Russia Today", in denen sie zu lernen meinen, dass die Regierung in Deutschland sie belüge. Sie liken Facebook-Seiten wie "Tägliche Einzelfälle" oder diskutieren auf der PEGIDA-Seite mit. Bald kommen ihnen Geflüchtete gewalttätig und fremd vor. Dann schreiben sie offen hasserfüllte bis strafrechtlich relevante Kommentare im Internet. Sie haben bis zur Strafanzeige nicht einmal ein Unrechtsbewusstsein, weil sie sich für einen Teil einer "schweigenden" Mehrheit halten. Es ist die Klientel, die digitale Antidiskriminierungsarbeit im Jahr 2017 beschäftigt: Überzeugte Neonazis sind auch online leicht zu identifizieren; bürgerliche Rechtspopulist_innen sind gefährlicher, weil sie Abwertung und Hass zwischen Kinderbildern und Kochrezepten als vermeintliche Normalität erscheinen lassen.

Was sie verbreiten, wird oft "Hate Speech" genannt, also Hassrede. Aber was ist das? Das ist bisher weder inhaltlich noch juristisch klar gefasst. Die digitalen Projekte der Amadeu Antonio Stiftung arbeiten mit der Hate Speech-Definition des Europarates von 2009: "Ausdrucksformen, welche Rassenhass, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus oder andere Formen von Hass, die auf Intoleranz gründen, propagieren, dazu anstiften, sie fördern oder rechtfertigen, einschließlich der Intoleranz, die sich in Form eines aggressiven Nationalismus und Ethnozentrismus, einer Diskriminierung und Feindseligkeit gegenüber Minderheiten, Einwanderern und der Einwanderung entstammenden Personen ausdrückt"1 (siehe auch: Geschke 2017).

Das Internet als Aktionsfeld

Die digitale Antidiskriminierungsarbeit hat viele Formen und Aspekte. Die Amadeu Antonio Stiftung arbeitet seit 2002 im digitalen Raum und hat dabei eine recht klassische Entwicklung durchgemacht: Start war eine Service-Website mit Best-Practice-Beispielen für Initiativen (www.mut-gegen-rechte-gewalt.de), gefolgt von einer journalistischen Informations-Website, die das Bewusstsein dafür wecken sollte, warum sich Menschen überhaupt mit dem Thema Rechtsextremismus beschäftigen sollten, die nicht von Rechtsextremismus betroffen sind (2008: www.netz-gegen-nazis.de, seit 2017: www.belltower.news - Netz für digitale Zivilgesellschaft). Nazis im Netz waren damals abseits der öffentlichen Wahrnehmung, sie nutzten vor allem abgeschottete Foren wie "Thiazi.net" oder Blogrolls von Autonomen Nationalist_innen.

Dann begann der Siegeszug sozialer Netzwerke. Auch Netz gegen Nazis eröffnete 2010 erste Social-Media-Seiten. Die erste "Netz-gegen-Nazis"-Seite ging 2010 bei SchülerVZ online. Der erste Hasskommentar stand 10 Minuten nach Eröffnung der Seite auf der Pinnwand. In anderen Netzwerken war es ähnlich. Wer sich gegen Rechtsextremismus engagiert, zu den Zielgruppen rechtsextremen Hasses zählt oder Social-Media-Manager_in ist, kennt Hasskommentare seit den ersten Tagen des interaktiven Internets. Gesellschaftliche Gegenwehr allerdings gab es kaum - höchstens Löschungen. Es gab bereits Formen einer digitalen Zivilgesellschaft. Allerdings waren das engagierte Einzelkämpfer_innen. Es gab kaum Vernetzung, keine Strategie- oder Kampagnenentwicklung in der Zivilgesellschaft, in NGOs oder in den Social-Media-Unternehmen selbst - und keine Hilfe für Betroffene, keine Prävention für Jugendliche, keine Aufmerksamkeit in der Politik. In dieser Zeit entstand 2011 das erste digitale Präventionsprojekt der Amadeu Antonio Stiftung. no-nazi.net hatte sich die Arbeit mit sowohl demokratisch engagierten als auch mit rechtsextrem orientierten Jugendlichen auf die Fahnen geschrieben. Wichtig war auch die Policy-Change-Arbeit mit sozialen Netzwerken als Unternehmen2, das heißt: mit den Unternehmen über gesellschaftliche Verantwortung zu diskutieren mit dem Ziel, auch online mehr Schutz von Minderheiten und Opfergruppen zu erreichen. Das kann zu Änderungen in der Meldepolitik und Auslegung der AGBs in den Unternehmen führen, aber auch zu öffentlichkeitswirksamen Kampagnen für demokratische Werte. Weitere Schwerpunkte wurden die Vernetzung, Stärkung und Beratung der digitalen Zivilgesellschaft, Monitoring und Analyse rechtsextremer Aktivitäten in sozialen Netzwerken und die Vermittlung in die Politik, dass das Internet ein demokratischer Aktionsraum mit Licht- und Schattenseiten ist. Das 2016 gestartete Nachfolgeprojekt Debate//De:Hate baut diese Kompetenzen aus. Die Amadeu Antonio Stiftung arbeitet daran, Menschen fit zu machen im Umgang mit Debattenkultur und Hate Speech im Internet. Projekte, Trainings und Publikationen wollen dazu anregen, Teil der Lösung und nicht Teil des Problems zu sein. Über diese Projekte werden die Nutzer_innen mit Argumenten, Tools und Wissen ausgestattet, um kompetent und sicher agieren zu können.

Was tun gegen Hass im Netz?

Grundlegend ist die Erkenntnis: Die vielen Formen von Hass und die verschiedenen Zielgruppen brauchen verschiedene unterschiedliche Arten von Ansprache. Deswegen sollten Demokrat_innen sich nicht in Diskussionen über die eine perfekte Gegenaktion verlieren - es gibt sie schlicht nicht. Wichtig ist, etwas in Richtung des gemeinsamen Ziels zu tun. Viele Stimmen setzen viele Akzente, die sich ergänzen. Alle Aktionen, die sich für Vielfalt, Menschenrechte und Demokratie in sozialen Netzwerken aussprechen, haben ihren eigenen Wert. Auch die Vielfalt der Zielgruppen macht verschiedene Ansprachen wichtig: Jugendliche oder Erwachsene, bereits Engagierte, eher Unpolitische und auch Rechtspopulist_innen selbst. Maßnahmen und Projekte dieser Art können mit Fakten oder mit Humor arbeiten. Es können aufwendige Kampagnen sein - ebenso wie schlichtes Gegenargumentieren in der lokalen Facebook-Gruppe, wenn ein rassistischer Kommentar gepostet wird. 

Wichtig ist dabei:

  • Zielsetzung und Zielgruppen klarmachen! Will ich Gleichgesinnte stärken, Informationen weitergeben oder meine Filterblase durchbrechen und mit Andersdenkenden diskutieren? Ich brauche dafür jeweils andere Mittel.
  • Es geht nicht ohne Haltung! Wenn ich mich für Demokratie, Vielfalt und Minderheitenschutz einsetzen will, muss ich damit leben, dass es im Internet rechtsextreme und rechtspopulistische Menschen geben wird, die mich dafür angreifen, wenn ich ihre rassistischen Kommentare auf meiner Seite lösche. Wenn ich die Kommentare nicht lösche, werden jene Menschen nicht mehr auf meiner Seite mitdiskutieren wollen, die von Rassist_innen angegriffen werden und die besonderen Schutzes bedürfen.
  • Debattenkultur gestalten wir alle! Es hilft, sich zu fragen: Welche kommunikativen, stilistischen und inhaltlichen Mittel fände ich akzeptabel, wenn sie gegen mich gerichtet wären? Wenden Sie Mittel an, die Sie gegen sich selbst akzeptabel fänden. Im Internet dominieren Emotionen die Diskussionen. Der Wunsch nach vielen Leser_innen lässt auch demokratische Akteur_innen und etablierte Medien zu verkürzten Darstellungen greifen. Auch wenn für einige Menschen im Internet grobe Verallgemeinerungen oder verächtlicher Humor gegen Rechtsextreme gerechtfertigt scheinen - wer das nicht gegen sich selbst angewandt sehen möchte, sollte davon absehen. Arbeiten Sie selbst sehr sauber. Bleiben Sie offen für neue Ideen.
  • Internet ist Vernetzung! Niemand muss allein bleiben, vor allem nicht, wenn es um belastende Themen wie Hate Speech geht. Verbündete helfen und es gibt im Internet viele vernünftige, inspirierende und erfahrene Menschen.
  • Wichtig ist, auch an Selbstschutz zu denken oder den Schutz derjenigen, mit denen ich mich zusammen engagiere! Rechtspopulist_innen und Rechtsextreme halten sich nicht an die Spielregeln des demokratischen Diskurses und schrecken vor persönlicher Bedrohung und Angriffen nicht zurück.

Es gibt auch Engagement, bei dem die Person gar nicht in Erscheinung treten muss: etwa das Melden hetzerischer Inhalte bei den sozialen Netzwerken. Auch Anzeigen bei der Polizei lassen sich anonym stellen, wenn Sie Angst davor haben, dass Ihr Name in den Akten auftaucht. Wie diese Formen von Gegenwehr funktionieren, wann welche Aktionen sinnvoll sind, aber auch, welche Formen von Positionierungen, Argumentationen und Counter Speech-Initiativen es gibt, vermitteln Belltower.News und Debate//De:Hate gemeinsam mit dem "Train the Trainer"-Netzwerk. Die Expert_innen für digitale Zivilgesellschaft bieten Vorträge, Workshops und Seminare an für alle, die Beratungsbedarf haben, wenn sie mit Hass im Netz konfrontiert sind, egal ob als Nutzer_innen, als engagierte Seitenbetreiber_innen oder als Social-Media-Manager_innen (bspw. Initiativen, NGOs, Schulen, Jugendbildungseinrichtungen, Medien, Behörden, Unternehmen).

Inhalte sind dabei etwa:

  • Wie erkenne ich Hate Speech?
  • Wie kann ich gut gegen rechtspopulistische Thesen argumentieren?
  • Welche Handlungsmöglichkeiten habe ich in welcher Situation?
  • Warum und wie diskutiere ich erfolgreich mit Rassist_innen?
  • Welche Fallstricke gibt es?
  • Wie erkenne ich Fake News?
  • Wie agiere ich je nach persönlicher Beziehung, Öffentlichkeit, politischer oder persönlicher Involviertheit?Wie funktioniert Counter Speech (Gegenrede)?
  • Wo finde ich Unterstützung und Hilfe?
  • Was kann Social-Media-Management für eine demokratische Diskussionskultur tun?

Diese Workshops haben immer auch eine Ermutigungsfunktion. Viele Menschen wissen eigentlich sehr gut, wie sie auf Hass und Abwertung reagieren können - sie müssen sich das nur noch einmal vor Augen führen.3 

Niedrigschwellige Tipps für Diskussionen im Internet, die in eine ungute Richtung abdriften, sind etwa:

  • auf Verallgemeinerungen hinweisen ("der" Islam, "das" Frauenbild etc.)
  • auf Gruppenzuweisungen hinweisen ("wir" vs. "die" - wer oder was soll das sein?)
  • nachfragen
  • Fakten erfragen und prüfen
  • Lösungen einfordern
  • Unbehagen äußern
  • positionieren: rassistische und rechtspopulistische Postings nicht unkommentiert lassen, nicht schweigen
  • ruhig und freundlich reagieren, gern mit Humor

Gleichzeitig muss die digitale Zivilgesellschaft und jede_r Einzelne persönlich auch über Grenzen nachdenken: Wenn rassistische Kommentare in der Internet-Öffentlichkeit stattfinden, ist Counter Speech sinnvoll; jedoch nicht, um Rassist_innen zu überzeugen, sondern um zu zeigen, dass diese Meinung nicht die Mehrheitsmeinung ist. Rassistische Beschimpfungen per E-Mail dürfen dagegen gern ignoriert werden . Wenn eine Diskussion nachweislich nur Zeitverschwendung ist oder das Gegenüber einen gar beschimpft, reicht eine Positionierung und der Hinweis, dass das Gespräch nicht fortgeführt wird - niemand muss Stunden in unproduktive Streitereien investieren. Genauso muss niemand jeden Abend die Kommentarspalten von Onlinemedien argumentativ aufräumen. Wenn jede_r Einzelne in der eigenen Timeline unter Bekannten, Verwandten, Freund_innen und Arbeitskolleg_innen widerspricht, immer dann, wenn sexistische Witze, rassistische Verallgemeinerungen oder zwielichtige Quellen geteilt werden, ist schon viel getan.

Die pädagogische Rückeroberung des Netzes

Schwerpunkt der Arbeit des Projektes Debate// ist es, pädagogische Konzepte für den Umgang mit Hate Speech zu entwickeln und zu erproben. Demnach stehen das Stärken von digitaler demokratischer Debattenkultur und die Online-Arbeit mit demokratieorientierten, aber auch rechtsaffinen jungen Menschen im Vordergrund. Im folgenden Abschnitt wird ein kleiner Einblick in die ersten Erkenntnisse aus der über einen Zeitraum von 2 Jahren praktizierten digitalen Streetwork gegeben.

Vorüberlegungen zu pädagogischer Arbeit im Internet

Bereits 2015 hat sich die Forschung dem Informationsfluss besonders bei Jugendlichen gewidmet und festgestellt, dass es Veränderungen in der Art und Weise gibt, wie Medien vertraut wird, auch bei öffentlichen Debatten um Desinformation und sogenannten Fake News. Ein Anteil von Jugendlichen glaubt der Informationsaufbereitung im Social Web mehr als der in den 'klassischen Medien' (Vogel et al. 2015). Der Forschungsbedarf dazu wird in der breiten Debatte deutlich, die sich momentan um Fake News und Social Bots in Wahlkämpfen dreht. Die Präventionsarbeit ist gefordert, sich mit Medienbildung im Web 2.0 und technischen Aneignungsprozessen auseinanderzusetzen, um dem Einfluss von toxischen und abwertenden Inhalten sowie tendenziösen Berichten und Quellen vorzugreifen, die bewusst desinformativ agieren.Zur Rückeroberung des Netzes gehört die Befähigung (nicht nur) von Jugendlichen, Debatten zu führen und rhetorische Stilmittel zu erkennen, die Menschenverachtung normalisieren oder das Verstummen des Gegenübers erzeugen sollen. Essenziell ist ein Gespür für Quellen und ein Grundwissen journalistischer Basics, beispielsweise darüber, wie eine Nachricht entsteht und nach welchen Kriterien sie funktioniert. Eine eigene demokratische Haltung und Meinung zu haben und diese gut begründen zu können, ist eine Herausforderung für Menschen, die digitale Medien nutzen. Es ist Aufgabe einer menschenrechtsorientierten Pädagogik, dies aufzugreifen, besonders dort, wo schulische Lehrpläne bis heute keine Standards in diesem Teilbereich der Medienkompetenz kennen.

Counter Speech im Digital Streetwork: Onlineansprachen von Jugendlichen mit rechtsaffinen Tendenzen auf Facebook

Von 2015 bis 2016 wurden im Rahmen des AAS-Projektes no-nazi.net (heute Debate//De:hate) in einer aufsuchenden Online-(Jugend-)Sozialarbeit (Digital Streetwork) junge Menschen angesprochen, die sich in Hinwendungsprozessen zu rechtsextremen oder rechtspopulistischen Weltbildern im öffentlichen Raum befanden und sich - in diesem Fall auf Facebook - über Nachrichten oder besonders jugendaffine Seiten geäußert hatten. Ein sozialarbeiterisches Profil des Projekts kontaktierte sie in einer One-to-One Ansprache auf ihre Aussagen hin mit einem Gesprächsangebot. Einem konfrontativ-bedürfnisorientierten Ansatz folgend ging es darum, eine Beziehung zu schaffen und Zugang zur Person und ihren diskriminierenden oder zweifelhaften Aussagen zu bekommen. Darüber, diese zu hinterfragen, alternative Quellen aufzuzeigen sowie Zweifeln und Widersprüchen Raum zu geben, ergab sich meist ein privater Chat mit dem Sozialarbeiter_innenprofil, das so eine Form von Counter Speech einbringen konnte.

Die fast 50 Konversationen, die mit jungen Menschen im Alter von 13 und 24 Jahren über annähernd eineinhalb Jahre getätigt wurden, hat das Media Uselab unter Leitung von Prof. Dr. Julie Woletz in einer bisher noch nicht publizierten Studie ausgewertet. Eine der wichtigsten Erkenntnisse dabei ist: Es ist eine der größten Herausforderungen der rein onlinebasierten aufsuchenden Arbeit, die gewünschte Zielgruppe ausfindig zu machen und zu erreichen (Jugendliche, die Affinitäten zur rechtsextremen Orientierung aufweisen, aber kein geschlossenes [rechtsextremes] Weltbild haben und sich zunächst im Web 2.0 orientieren). Auf diese Jugendlichen im vielschichtigen Geflecht sozialer Netzwerke aufmerksam zu werden, benötigt genaues Wissen um netzspezifische Themen, Techniken und Orte sowie hohe zeitliche Ressourcen und viel Geduld. Eine feste pädagogische Beziehung nur über das Netz zu pflegen, ist wesentlich herausfordernder für beide Seiten, als eine Online-Soziarbeit ergänzend zu einer bereits offline bestehenden Struktur zu etablieren.

Die über Likes und Postings identifizierten Jugendlichen schrieben über angebliche Straftaten von Geflüchteten, verbreiteten selbst auch Geflüchteten- und Islamfeindlichkeit, sie diffamierten Bundeskanzlerin Angela Merkel oder die Bundesregierung, sie unterstützten Posts von rechtsaffinen Gruppierungen oder teilten rechte Memes (Internet-Bildwitze), Zitate oder Symbole. Diese Themen waren wiederum leitend, um entsprechende Gesprächsansätze, Interaktions- und pädagogische Interventionsmöglichkeiten auszuarbeiten: beispielsweise Statistiken zu Straftaten und rechter Gewalt, korrekte Zahlen und Daten zu Geflüchteten, Hintergrundinformationen zu Fluchtursachen, Informationen zu rechtsextremen Gruppierungen im Netz, Aufklärung über gezielte Falschmeldungen im Internet. Dazu wurden auch bestehende Plattformen wie www.belltower.news, MIMIKAMA.at, Hoaxmap.de oder Inhalte der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) genutzt.

Bei politisch interessierten, aber wenig gefestigten Jugendlichen sind die Likes für Gruppen und Seiten häufig sehr gemischt - teils steht die AfD neben Gregor Gysi und Sahra Wagenknecht. Hier zeigt sich das größte Potenzial zur pädagogischen Prävention, denn besonders gefährdete oder rechtsextrem affine Jugendliche befinden sich bereits in nicht öffentlichen rechtspopulistischen/rechten Gruppen - das hat die Auswertung von Media Uselab ergeben.

Daraus folgt: Eine langfristige Online-Jugend(sozial-)arbeit müsste sich zuerst um den Facebook-Freundschaftsstatus bemühen, der Einsicht in persönliche Posts erlaubt. Dazu muss auch das eigene Profil regelmäßig gepflegt werden. Der Zeitaufwand, den Soziale Arbeit über soziale Medien mit sich bringt, ist groß. So müssen die personellen und zeitlichen Ressourcen eingeplant werden, die langfristig Kontinuität der Arbeit gewährleisten. Denn für eine gute Beziehungsarbeit online braucht es, genauso wie offline, die Beständigkeit und die Abrufbarkeit des Beziehungsangebots. Diese Art von Counter Speech hat ihre Besonderheit in der persönlichen Ansprache und betrifft vor allem gefährdete Jugendliche, die auf dem Weg sind, sich extremen und menschenfeindlichen Vorstellungen zuzuwenden.

Counter Speech für alle - Anregung für die pädagogische Praxis

Was können Pädagog_innen tun, um Jugendliche für eine schärfere Wahrnehmung rassistischer Äußerungen und für Möglichkeiten demokratischer Counter Speech zu sensibilisieren? Wie können sie in ihrer Arbeit junge Menschen in einem Internetverhalten bestärken, das sich Vorurteilen und ihrer Verbreitung passiv und aktiv entgegensetzt?

Vorurteile beziehen sich auf bestimmte Menschengruppen, denen kollektive Eigenschaften und Rollen zugeschrieben werden. Zunächst noch in diffusen Haltungen in Erscheinung tretend, zum Beispiel rassistisch, homo- und transfeindlich, antisemitisch oder sexistisch, können diese sich durch den Online-Austausch erheblich verstärken (disinhibition effect nach John Suler - zu Deutsch Enthemmungseffekt) und dazu einladen, weiter zu diskriminieren und langfristig in verfestigte radikalisierte Weltbilder abzurutschen. Die Praxis zeigt: Wenn junge Menschen in geschlossenen Gruppen oder Kommentarspalten unter einschlägigen Jugendmagazinen agieren, in denen das soziale Umfeld bereits eine sprachliche Abwertungskultur pflegt und verbreitet, ist der Einstieg in rechtsextreme Weltbilder und Hate Speech niedrigschwellig. Die Community dort wandelt mögliche grenzwertige Kommentare unter Umständen schnell in gezielte Hate Speech, stachelt diese an oder präsentiert sie im Gewand vermeintlich schwarzen Humors. Die Grenze des Sagbaren verschiebt sich und konstruierte Zusammenhänge verbreiten sich, ohne auf Fakten überprüft zu werden. Wie beschrieben, findet das beispielsweise häufig bei den Schlagworten Kriminalität und Asylsuchende statt.

Eine Möglichkeit, darauf zu reagieren, ist es, gemeinsam mit jungen Menschen Counter Speech zu entwickeln. Dazu gilt es, sich zunächst mit den rassistischen, homophoben, islamfeindlichen und anderen Vorurteilen in sozialen Netzwerken sowie mit ihren Verbreitungsformen auseinanderzusetzen. Counter Speech will dann einzelne User_innen wie auch Gruppen darin unterstützen, sich aktiv menschenrechtsorientiert in die Online-Debatte einzubringen und Solidarität zu erzeugen, um eben nicht solche Aussagen unkommentiert stehen zu lassen und einfach weiter zu surfen. Stattdessen tritt Counter Speech einem geposteten Vorurteil oder rassistischen Narrativ entgegen und denkt insbesondere an stille Mitlesende und Betroffene.

Counter Speech wendet sich direkt oder indirekt gegen Hate Speech. Sie arbeitet mit Überzeugung, Logik, Fakten oder Humor. Sie bemüht sich um eine alternative Erzählung zur eingängigen Hate Speech, beispielsweise gegenüber Geflüchteten, und tritt dieser entschieden mit positiven Geschichten über soziale Werte wie Toleranz, Vielfalt und Freiheit entgegen. Zu erklären, wie Demokratie funktioniert, eventuell auch, wie einzelne politische Entscheidungen zustande kommen, kann ebenfalls Teil einer aktiven Counter Speech sein.

Diskriminierungen nicht einfach stehen zu lassen, sondern sie mit Jugendlichen sichtbar zu machen und in einem geschützten Raum und Prozess aufzuarbeiten, um sich Counter Speech-Ideen gemeinsam zu nähern, ist eine Möglichkeit, das Web 2.0 in der pädagogischen Praxis zu nutzen. Der Schritt dann wirklich 'raus' in eine Öffentlichkeit des Web 2.0 sollte jedoch nie ohne Begleitung erfolgen und muss in jedem Fall gut durchdacht sein. Er setzt voraus, dass die Fachperson selbst kompetent und erfahren in der Online-Debatte ist.

Wichtige Aspekte beim Einsatz von Counter Speech im pädagogischen Feld in der Arbeit mit Gruppen:

  • Digitalen Lebensraum von Jugendlichen ernst nehmen und verstehen: Das Web 2.0 ist ein Sozialraum, der Teil der Lebenswelt von jungen Menschen und Jugendlichen ist. Pädagogische Fachkräfte sollten dies ernst nehmen, besonders dann, wenn Diskriminierungen oder Mobbing gerade dort stattfinden. Sie sollten sich außerdem darüber bewusst werden, dass soziale Netzwerke sowohl online als auch offline die reale Welt sind und keine virtuellen Scheinwelten, die man verlässt, wenn man sich wieder in die vermeintlich "reale" Welt begibt.
  • Schutz und Solidarität: In jedem Fall sollten Schutzmechanismen etabliert werden. Was kann die Gruppe tun, um gegenseitig für sich einzustehen? Wie kann man sich in Empathie und Solidarität üben und einander schützen? Zur Bearbeitung dieser Fragen benötigen Jugendliche einen Schutzraum, digital als Chat oder analog zum Beispiel im Schulkontext. Mit den Beteiligten sollten Regeln zum respektvollen Umgang hergestellt werden, auf die sich die Gruppe immer wieder berufen kann.
  • Quellen und Faktencheck: Wie lässt sich prüfen, ob ein Posting auf einer verlässlichen Quelle beruht? Dies lässt sich gemeinsam mit den Jugendlichen recherchieren. Wie erkenne ich eine seriöse Internetseite? Zeigt ein Bild, was es vorgibt? Das kann eine Google-Bildersuche verraten. Die Jugendlichen können die genannten Zahlen überprüfen. Zusammen mit den Jugendlichen können mögliche andere Fakten erarbeitet, Alternativquellen gesucht und somit Fake News entlarvt werden.
  • Nachfragen: Was will mein Gegenüber sagen? Manchmal hilft einfaches Nachfragen, um kommunikative Missverständnisse aufzudecken - oder zu erkennen, dass das Gegenüber kein Interesse an einer Diskussion hat.
  • Diskriminierungen und Strategien entlarven und benennen: Es ist wichtig, Diskriminierungen und menschenverachtende Äußerungen im Netz als solche zu benennen, vor allem um sie nicht als etwas Normales stehen und als legitim erscheinen zu lassen. Bei einem rassistischen Posting gilt es, die Strategien zu benennen, zum Beispiel so: "Ist Ihnen klar, dass das eine diskriminierende Aussage gegenüber XY war?" Antwortet das Gegenüber darauf mit Themenhopping (viele verschiedene Themen werden auf einmal angesprochen), sollte sich der_die Gesprächspartner_in auf ein Thema festlegen und dies auch kommunizieren: "Du hast jetzt viele Themen angesprochen, ich möchte mit dir aber nur über dieses eine, zum Beispiel den diskriminierenden Aspekt, diskutieren." Die_Der Urheber_in kann gebeten werden, das diskriminierende Posting zurückzunehmen. Selbst wenn sie_er es nicht tut: Dann wurde eine klare Position vertreten, ein Zeichen gesetzt.
  • Organisierte Rechtsextreme im Netz in der Diskussion erkennen: Verschiedene rechtsextreme Strömungen haben gemein, dass sie an eine Ideologie der Ungleichwertigkeit glauben und diese aktiv verbreiten wollen. In sozialen Netzwerken ist das nicht immer leicht zu erkennen; etwa wenn emotionale Themen wie Kindesmissbrauch genutzt werden, um rassistisch zu hetzen. Hier lässt sich darüber streiten, wo der Unterschied zwischen einem legitimen kritischen Beitrag und einer rassistischen Abwertung ist. Eine besondere Rolle spielen auch rechtsextreme Userinnen, die Themen wie Kindererziehung, Familie und Sexualitätsvorstellungen nutzen, um Rassismus und Demokratiefeindlichkeit zu verbreiten.
  • Rechtliche und juristische Dimensionen mitdenken: Große Plattformen wie Facebook und YouTube haben Community-Standards, die sich entschieden gegen Diskriminierungsformen wie Rassismus stellen. Prinzipiell werden Postings schnell bearbeitet und gelöscht, die klar gegen Gesetze in Deutschland verstoßen (z. B. das Benutzen von verfassungsfeindlichen Symbolen nach § 86a StGB oder die Leugnung des Holocausts nach § 130 StGB Volksverhetzung). Wichtig ist, dass beteiligte Jugendliche die Meldeverfahren der von ihnen genutzten Plattformen kennen und anwenden können. Mit den Jugendlichen sollte einfach praktisch durchprobiert werden, wie eine Meldung funktioniert, denn Meldeverfahren ändern sich sehr häufig auf den Plattformen.
  • Einen Plan B vorbereiten: Jugendliche müssen auf Widerspruch vorbereitet werden. Im Vorfeld sollte überlegt werden, was passieren könnte und wie sich möglicherweise als Gruppe bei der Argumentation gegenseitig unterstützt und Feedback gegeben werden kann. Verschiedene Gegenargumente und unterschiedliche Möglichkeiten der Counter Speech sollten probeweise durchgespielt werden.
  • Verknüpfung mit Medienbildungsprojekten: Projekte, die Medienbildung vorantreiben und Medien nutzen, können mit dem Thema Counter Speech verknüpft werden. Die Ideen dazu sind vielfältig: Informationsaufbereitung kann selbst kuratiert werden, um sich mit den Standards der Wissensaufbereitung von Journalist_innen oder den Relevanzkriterien der Online-Enzyklopädie Wikipedia zu beschäftigen. Alternativ kann eine App programmatisch skizziert werden, die über die zehn bekanntesten Vorurteile im Schnellzugriff informiert und Gegenargumente liefert. Jedoch setzt dies bei allen Projekten eine medienpädagogische Vorkenntnis voraus und es empfiehlt sich, mit bestehenden Fachstrukturen zusammenzuarbeiten.

Eine aktive demokratische Zivilgesellschaft muss auch ihre digitale Dimension mitbedenken. Diese Herausforderung gilt ebenfalls für die Pädagogik. Es ist eine Chance, das Web 2.0 in den Unterricht und die Jugendarbeit einzubeziehen und Inhalte anhand und im Kontext der sozialen Netzwerke zu diskutieren. Wenn Jugendliche befähigt werden, sich mit Counter Speech in Online-Debatten einzubringen und aktiv zu sein gegen Hate Speech, ist das auf zwei Ebenen wichtig: für die pädagogische Praxis im Umgang mit Neuen Medien wie auch zur Stärkung der Zivilgesellschaft, welche zugleich online viel sichtbarer werden muss. Eine gezielte Projektförderung in diesem Engagement-Bereich ist wünschenswert und wird aktuell sowohl vom Bundesprogramm "Demokratie leben" als auch von einzelnen Bundesländern, etwa Berlin, angeboten.

Eine empfehlenswerte Anleitung zur Entlarvung von Falschmeldungen imInternet findet sich unter: http://www.klicksafe.de/fileadmin/media/documents/pdf/klicksafe_Materialien/Lehrer_Allgemein/ks_to_go_Fakt_oder_Fake.pdf.

Mehr zum Thema sowie alle Broschüren der Amadeu Antonio Stiftung zum Thema gibt es unter www.belltower.news/category/lexikon/internet und auf www.debate-dehate.com

Ehrenamtliche Grassroots-Initiative für Counter Speech: #ichbinhier www.facebook.com/groups/718574178311688

Unterrichtsmaterial für die Schule: www.medien-in-die-schule.de/unterrichtseinheiten/hass-in-der-demokratie-begegnen

 

 

1 Vgl. http://www.egmr.org/minkom/ch/rec1997-20.pdf

2 Policy Change = Änderungen der Richtlinien, der Unternehmenspolitik.

3 Interessierte können diese Bildungsangebote über die Projekte www.belltower.news und Debate//De:Hate oder über das in Jena ansässige Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft anfragen.

 

 

Literatur

Geschke, Daniel (2017): Alle reden von Hass. Was steckt dahinter? Eine Einführung. In: Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft [Hrsg.]: Wissen schafft Demokratie 2017/01. Amadeu Antonio Stiftung: Berlin.

Vogel, Ines C./Milde, Jutta/Stengel, Karin/Staab, Steffen/Kling, Christoph C./Kunegis, Jérôme (2015): Glaub­würdigkeit und Vertrauen von Online-News. Ein kommunikationswissenschaftlicher Überblick. In: Datenschutz und Datensicherheit, 39 (5), S. 312-331.