Hasskriminalität in Großbritannien

In Großbritannien wurden im Jahr 2017 Höchstzahlen für Hasskriminalität dokumentiert. Im vorliegenden Beitrag(1) werden drei kausale Faktoren zur Erklärung diskutiert: das Brexit-Referendum, die beispiellose Anzahl von Terroranschlägen und das Anwachsen des Extremismus. Der Einfluss dieser Faktoren wird mittels empirischer und anekdotischer Belege begründet. Anschließend wird der Einfluss der britischen Mainstreammedien auf das politische Klima im Land betrachtet. Während die Medien über viele Jahre eine Spaltung WIR gegen DIE konstruierten, entstand im Land ein spezifisches politisches Klima – dieses legitimiert Hass und Hasskriminalität.

Den Begriff Hasskriminalität (im Englischen hate crime) verwenden Praktiker_innen, politische Entscheidungsträger_innen, Aktivist_innen und Akademiker_innen regelmäßig. Er ist ein relativ neuer Begriff, der zunehmend Verwendung fand, und zwar im Zuge viel beachteter Ereignisse, etwa der rassistisch motivierten Ermordung des Schwarzen2 Jugendlichen Stephen Lawrence in London im Jahr 1993, der rassistische und homophob motivierte Nagelbombenangriff des Neonazis David Copeland in London 1999 oder die als 9/11 und 7/7 bekannten Terroranschläge von New York und London. Sie alle generierten öffentliche und politische Aufmerksamkeit für Schikanen und Gewalt, die Minderheiten erleiden. Letztendlich führte die Veröffentlichung des Macpherson-Berichts (Macpherson 1999) zu einem erheblichen Wandel im Umgang des britischen Strafjustizsystems mit Verbrechen, die durch Vorurteile und Feindseligkeiten motiviert sind. Im Bericht sind Mängel bei der Untersuchung des Lawrence-Mordes durch den Metropolitan Police Service dokumentiert.

Die wichtigsten politischen Leitlinien zu Hasskriminalität in Großbritannien stammen vom College of Policing: Es definiert jegliche Straftat als Hasskriminalität, bei der sich Feindseligkeiten oder Vorurteile als Motive zuordnen lassen – sei es durch das Opfer oder eine andere Person (College of Policing 2014). Basierend auf offiziellen Daten zu Hasskriminalität, die seit 2012 jährlich veröffentlicht werden, berücksichtigt Großbritannien derzeit fünf Merkmale: Behinderung, race3, Religion, sexuelle Orientierung und Transgender. Gleichzeitig erkennt das College of Policing (2014) an, dass Menschen auch aufgrund anderer hassbezogener Feindseligkeiten und Vorurteile Opfer von Gewalt werden können, beispielsweise aufgrund ihres Migrant_innenstatus oder der Zugehörigkeit zu einer alternativen Subkultur. Das Centre for Hate Studies der Universität Leicester forderte deshalb eine umfassendere Definition von Hasskriminalität4. Nach der größten Studie, die jemals in Großbritannien zur Viktimisierung durch Hasskriminalität durchgeführt wurde, bezeichnet Hasskriminalität jegliche Form von Gewalt, Feindseligkeit und Einschüchterung, die gegen Menschen aufgrund ihrer Identität oder wahrgenommenen Andersartigkeit gerichtet ist (Chakraborti/Garland/Hardy 2014). Die Betonung der Andersartigkeit hebt hervor, dass jede_r Opfer von Hass, Vorurteilen und gezielter Feindseligkeit werden kann – unabhängig vom Hintergrund. Diese Tatsache übersehen Akademiker_innen, politische Entscheidungsträger_innen und Praktiker_innen häufig.


Großbritannien in der Krise

Hasskriminalität hat in Großbritannien in den letzten Jahren zugenommen. Den jüngsten offiziellen Daten (O’Neil 2017) zufolge stiegen 2017 alle Formen von Hasskriminalität um insgesamt 29 % (vgl. Tabelle 1). Dabei wurde im Jahr 2017 der größte jährliche Anstieg seit Beginn der Aufzeichnungen registriert. Das Ausmaß der rassistisch und religiös motivierten Hasskriminalität erreichte ein Rekordniveau.5 In den vergangenen Jahren hat die britische Regierung erklärt, wahrscheinliche Gründe für die jährlichen Zuwächse seien eine erhöhte Sensibilität für Hasskriminalität, verbesserte Dokumentationen und die größere Bereitschaft von Betroffenen, diese Verbrechen anzuzeigen.6 Die Erklärung der Regierung ist jedoch insofern einseitig und vereinfacht, als dass sie Analysen ignoriert, die darauf hindeuten, dass das sozio-politische Klima Großbritanniens eine bestimmende und kausale Rolle für das Auftreten von vorurteilsmotivierter Gewalt spielt. Bevor wir dieses gesellschaftliche Klima genauer untersuchen, müssen wir drei Faktoren in Betracht ziehen, die im Jahr 2017 katalysierend auf Hasskriminalität wirkten.

 

Tabelle 1: Zahlen und Prozentsätze zu gemeldeten Straftaten in England und Wales (O'Neill 2017)
* siehe Fußnote 3 (Anmerkung der Übersetzerin)


Betrachten wir zunächst das Brexit-Referendum im Jahr 2016. Inoffizielle Daten legen nahe, dass in den elf Monaten nach der Abstimmung das Ausmaß der Hasskriminalität um 23 % gestiegen ist.7 Leave-Aktivist_innen, die den Austritt befürworten, zeigten sich von dieser Beobachtung wenig überzeugt; Tom Goodenough, Online-Redakteur des tendenziell rechten The Spectator, kommentierte: „Vielleicht hat das Referendum zu einem Anstieg von Hasskriminalität geführt ... vielleicht auch nicht ... sicher ist nur, dass sich für beide Möglichkeiten wenig Beweise finden lassen"8. Seither sind allerdings weitere Belege verfügbar. In den Tagen und Wochen nach der Abstimmung über den Austritt Großbritanniens aus der EU kam es zu einem sofortigen und plötzlichen Anstieg der Hasskriminalität.9 Im Gegensatz zu traditioneller, rassistisch motivierter Hasskriminalität in Großbritannien, die in der Regel auf nicht-weiße10 Menschen abzielt, ließ sich infolge des Katalysators Brexit eine deutliche Zunahme von Attacken gegen weiße Osteuropäer_innen verzeichnen.11 Es scheint, als habe die fremdenfeindliche Natur der Leave-Kampagne die nachfolgende Bigotterie und Hassgewalt geformt und geprägt.

Die Regierung räumte daraufhin die Auswirkungen des Referendums auf Hassgewalt ein – so wie sie auch den zweiten kausalen Faktor anerkannte: die beispiellose Anzahl von Terroranschlägen. Aus den offiziellen Daten geht hervor: Zu beobachten waren neue Spitzenwerte oder zumindest ein starker Anstieg von Hasskriminalität im Jahr 2017 nach den Terroranschlägen in Westminster (März), Manchester (Mai), London Bridge (Juni), Finsbury Park (Juni) und Parsons Green (September). In gewisser Weise wenig überraschend hat die Forschung aufgedeckt, dass es in Großbritannien zu ähnlichen Mustern nach jedem Terroranschlag seit 9/11 kam, Anschläge in Europa mit einbegriffen (Allen/Nielsen 2002). Die Forschung zeigt: Typischerweise spielten dabei Rachegedanken eine Rolle, sodass Hasskriminalität als Vergeltung (Backlash) gegen Muslim_innen verstanden werden kann (Allen 2010b, Allen/Isakjee/Young 2013). Diese Ansicht wurde auch durch Daten Dritter bestätigt. Daten von Tell MAMA (Measuring Anti-Muslim Attacks12) – einer unabhängigen NGO, die Hasskriminalität gegen Muslim_innen in Großbritannien dokumentiert – belegen das deutlich: Hasskriminalität erreichte nach den verschiedenen islamistisch motivierten Anschlägen Höchstwerte. Es besteht ein eindeutiger Zusammenhang zwischen der Häufigkeit von Terroranschlägen und dem Ausmaß religiös motivierter Hasskriminalität.

Ähnlich wie Tell MAMA anti-muslimische Angriffe in Großbritannien dokumentiert, beobachtet der Community Security Trust (CST13) Antisemitismus. Laut dem CST erreichte antisemitische Hasskriminalität im Jahr 2017 ein Rekordniveau – die jüdische Community Großbritanniens wurde durchschnittlich vier Mal täglich angegriffen (CST 2018). Mit einem Zuwachs von insgesamt 3 % war 2017 das zweite Jahr in Folge, in dem Rekordzahlen verzeichnet wurden. Stephen Silverman von der Campaign Against Antisemitism wies auf einen dritten kausalen Faktor hin: die Zunahme rechtsextremer, linksextremer und islamistischer Tendenzen sowie damit zusammenhängende Äußerungen antijüdischer Propaganda aus all diesen Spektren. Die Entscheidung der britischen Regierung, die nationalistische Jugendbewegung National Action zu verbieten, die bekannt für ihre unverhohlen antisemitische, rassistische und homophobe Ideologie ist, zeigt dies exemplarisch (Allen 2017).


Die Legitimation zum Hass

Für sich genommen scheint es zwischen den drei genannten kausalen Faktoren kaum Überschneidungen zu geben – erst recht nicht in einem Ausmaß, das sie als spezifisch für das Jahr 2017 erscheinen ließe. Solch eine isolierte Sichtweise ist jedoch beschränkt, da sie das breitere sozio-politische Klima nicht berücksichtigt; ein Klima, in dem Hass und Gewalt zunehmend geduldet und gerechtfertigt wurden. Poynting und Perry (2007) folgend wurde im sozio-politischen Kontext Großbritanniens ein Klima geschaffen, das Hass fördert – sozusagen eine Legitimation zum Hass und somit auch die Legitimation, Hasskriminalität auszuüben. Möglich wurde dies durch eine fortwährende Verbreitung von polarisierenden Ideologien und Ideen durch politische Akteur_innen. Diese versuchten, ein WIR von einem DIE abzugrenzen und dadurch verschiedene ANDERE zu konstruieren, die unbestimmbar und heimtückisch, widerständig, furchterregend und bedrohlich seien.

Abrams und Travaglino (2018) sind der Ansicht: Menschen fühlen sich durch feindliche ANDERE bedroht, da sie vermeintlich negative sozio-kulturelle Einflüsse, eine geringere Arbeitsmarktintegration, schlechtere Gesundheitszustände oder Lebensstile hätten. All diese negativen Zustände, fügen sie hinzu, hätten die Aktivist_innen der Leave-Kampagne in einem Prozess der Abgrenzung routinemäßig und effektiv denjenigen Personen zugeschrieben, die sie als nicht zu Großbritannien zugehörig wahrnahmen: Immigrant_innen und Ausländer_innen. Damit wurde nicht nur das Argument gestärkt, dass das Stoppen der Einwanderung der einzige Ausweg sei. Vielmehr wurde die Schlussfolgerung ermöglicht, dass ein Verlassen der Europäischen Union Großbritannien diesen Ausweg ermöglichen und die vorher konstruierte Bedrohung verringern würde. Mit der erfolgreichen Konstruktion einer populistischen WIR-gegen-DIE-Dichotomie definierte die Leave-Kampagne, wem erlaubt werden sollte, im Land zu bleiben und wem nicht. In Anlehnung an Yuval-Davis’ (2006) Konzept der Politik der Zugehörigkeit (Politics of Belonging) ging der Brexit mit Prozessen der Stigmatisierung, Marginalisierung und Intoleranz einher. Für Allen und Young (2017) war genau das die Funktion des Brexit-Referendums. Wenn Poynting und Perry (2007) mit ihrer Beobachtung richtig liegen, dass politische Konstruktionen von Differenz bzw. Andersartigkeit der Legitimation von Hasskriminalität dienen können, dann kann das Brexit-Referendum als Mechanismus verstanden werden, das Hassen zu legitimieren.

Ähnliches gilt für den zweiten kausalen Faktor. Über das letzte Jahrzehnt hinweg haben die politischen Mainstreamdiskurse über Muslim_innen in Großbritannien routinemäßig die Ansicht verbreitet, Muslim_innen seien problembehaftet, da sie eine Bedrohung für „unsere“ Kultur, Werte und Lebensweise darstellen würden (Allen 2010a). Außerdem haben sich die politischen Mainstreamdiskurse über Muslim_innen zunehmend an Akteur_innen ausgerichtet, die im politischen Spektrum rechts außen zu verorten sind. Die Britishness-Agenda der Regierung ist ein Beleg dafür. Allen (2015) betont: Die Britishness-Agenda baut auf neo-rassistischen Prinzipien auf. Die Agenda legitimiere ein hohles und bedeutungsloses diskursives Konzept mit dem Ziel, ein WIR von einem SIE, genauer gesagt, ein WIR von den Muslim_innen abzugrenzen – statt Großbritannien als zunehmend vielfältiges Land widerzuspiegeln. Die Britishness-Agenda fungiert nicht nur als Mechanismus der Differenzierung, Ausgrenzung und folglich der Diskriminierung gegen Muslim_innen. Sie schlägt sich auch auf das breitere sozio-politische Klima Großbritanniens nieder. Es kann mit Recht behauptet werden: Politische Diskurse, die negative Beurteilungen von Verschiedenheit legitimieren, haben ein vermehrtes Auftreten von Hasskriminalität zur Folge. Zudem ist davon auszugehen: Die Verbindung zwischen dem sozio-politischen Klima Großbritanniens und dem Anstieg von Hasskriminalität basiert auf dem Erteilen einer Legitimation zum Hass. Auch die jüngste Aufregung rund um Äußerungen des konservativen Abgeordneten und ehemaligen Außenministers Boris Johnson kann als Beleg hierfür gelten. In einem Beitrag für den Daily Telegraph kritisierte Johnson 2018 die „plumpen Versuche“ europäischer Regierungen (Frankreichs und Dänemarks), gesetzlich festzulegen, was muslimische Frauen in der Öffentlichkeit tragen dürfen. Zunächst schien er sich unterstützend für die wenigen Muslima auszusprechen, die in Großbritannien die volle Gesichtsverschleierung tragen. Doch im Folgenden ging Johnson dazu über, dieselben Frauen zu verspotten, indem er behauptete, sie würden wie „Briefkästen“ und „Bankräuberinnen“ aussehen. Während Johnson behauptete, seine Bemerkungen seien lediglich „Witze“ gewesen, stieg die dokumentierte Hasskriminalität gegen verschleierte Muslima in der auf diese Äußerungen folgenden Woche deutlich an.14 Ohne Zweifel führen politische Diskurse, die die Andersartigkeit bestimmter Gruppen von Menschen konstruieren, zu einem Anstieg von Hasskriminalität. Während die Mainstreammedien für die Verbreitung von Johnsons politischen Ansichten eine wichtige Rolle spielten, erfüllten sie auch bezüglich des dritten kausalen Faktors eine zentrale Funktion. Britische Mainstreammedien orientieren sich in den letzten Jahren zunehmend an der politischen Rechten. Daher sind kürzlich Stimmen laut geworden, die darauf hinweisen, dass die Mainstreammedien die politische extreme Rechte und ihre gefährlichen Ideologien zunehmend normalisieren.15 Ein Indiz hierfür ist die ausführliche Berichterstattung über die Gefängnisentlassung Tommy Robinsons infolge seiner erfolgreichen Berufung gegen eine frühere Verurteilung. Er ist ehemaliger Leiter der rechtsextremen, anti-islamischen English Defence League und von Pegida UK. Während sich in der jüngsten Berichterstattung verschiedene Persönlichkeiten der amerikanischen Alt-Right in Mainstreamnachrichtenprogrammen unterstützend für Robinson und seine Ansichten aussprechen konnten, war Robinson selbst zuvor in einer Vielzahl von Programmen aufgetreten, die seinem Status als vermeintliche „Stimme des Volkes“ Legitimität verliehen.16 Dadurch haben die Mainstreammedien das Potenzial, die schädlichen Auswirkungen von Bigotterie und Hass auf Individuen, Gemeinschaften und die Gesellschaft herunterzuspielen und zu bagatellisieren. Genauso haben sie das Potenzial, die extreme Rechte zu legitimieren und zu normalisieren. Dies könnte sich nicht deutlicher zeigen als in einem kürzlich erschienenen Artikel der Sunday Times. Berichtet wurde über die Generation sogenannter „Hipster Faschist_innen“ in Großbritannien; ausführlich beschäftigte sich der Artikel mit deren Vorliebe für New Balance-Turnschuhe und Röhrenjeans – statt mit ihren gefährlichen Ansichten.17 Im Kontext der Annahme, dass es eine Legitimation zum Hass gibt, können die Mainstreammedien als Komplizen angesehen werden, die den Willigen einen Handlungsleitfaden bieten (Poynting/Perry 2007).


Fazit

Die jährlichen Zuwächse und Höchstzahlen sind Konsequenz eines sozio-politischen Klimas, das eine Legitimation zum Hass und zur Beteiligung an gewaltsamem und hasserfülltem Handeln beinhaltet. Hasskriminalität kann als Effekt des sozio-politischen Klimas verstanden werden, in dem Vorstellungen von Abgrenzung, Differenzierung und Spaltung definieren, wer und was als WIR zu begreifen ist. Gerade deswegen ist die Definition von Hasskriminalität des Centre for Hate Studies und deren Betonung des Aspekts der Andersartigkeit wichtig (Chakraborti et al. 2014). Hasskriminalität unterscheidet sich insofern von anderen Formen der Kriminalität, als dass sie sich gezielt gegen vermeintliche Andersartigkeit richtet, um die Botschaft zu übermitteln, dass DIE ANDEREN immer den Gegenpol zu UNSEREN Normen bilden würden. Typischerweise wird zu verstehen gegeben, dass DIE ANDEREN verhasst, nicht erwünscht seien und „nicht hierher gehörten“, wodurch die WIR-DIE-Dichotomie verstärkt wird. Diese Annahme entspringt der heutigen sozio-politischen Landschaft Großbritanniens, in der die vermeintlich ANDEREN täglich interagieren. Die generelle Zunahme sowie der Höchststand von Hasskriminalität in Großbritannien ist demnach beides – Konsequenz und trauriger Höhepunkt eines Landes und einer Gesellschaft, die zunehmend gespalten, ausgrenzend und diskriminierend ist. Es ist eine Gesellschaft, in der die Legitimation zum Hass den Hass-Willigen sozial und politisch erteilt wurde. Wahrscheinlich ist: Diese Situation wird anhalten. Die Aufsichtsbehörde für Polizei und Feuer- und Rettungsdienste Ihrer Majestät, kurz Polizeiaufsichtsbehörde, äußerte die Befürchtung, es bestehe die reale Wahrscheinlichkeit, dass der formelle Austritt Großbritanniens aus der EU im Jahr 2019 zu noch mehr Hasskriminalität führen werde.18 Äußerst beunruhigend ist die Situation in Großbritannien auch deshalb, weil der Polizeiaufsichtsbehörde zufolge bereits jetzt immer mehr Polizeikräfte nicht in der Lage seien, auf das vermehrte Auftreten von Hasskriminalität angemessen zu reagieren. Bedenkt man die Möglichkeit weiterer Terroranschläge und die zunehmende Empfänglichkeit für die Ideen und Ideologien der extremen Rechten, sieht die Zukunft düster aus.

 

 

1 Ins Deutsche übertragen von Viviann Moana Wilmot.

2 Anmerkung der Übersetzerin: Hier wird der kritischen Schreibweise des Begriffs ‚Schwarz‘ nach Sow (2011) gefolgt. Der Begriff ‚Schwarz‘ wird, auch in adjektivischer Verwendung, mittels Großschreibweise hervorgehoben, um den gesellschaftspolitischen Charakter der Bezeichnung zu betonen.

3 Während der Begriff „race“ typischerweise innerhalb der Sozialwissenschaften als sozial konstruiertes Phänomen und demnach als soziales Konstrukt verstanden wird, wird der Begriff hier im Kontext der offiziellen Sprache und Begriffswahl in Großbritanniens Gesetzgebung bezüglich u. a. Hasskriminalität, Antidiskriminierung und Gleichbehandlung verwendet. Gemäß dem Equality Act (2010) beinhaltet „race“ die Hautfarbe, Nationalität und Ethnizität.
Anmerkung der Übersetzerin: „race“ wird hier im englischen Original beibehalten, da die wörtliche Übersetzung ins Deutsche nicht tragbar ist. Der Begriff „Rasse“ tradiert unweigerlich eine rassistische Weltanschauung. Die Aufspaltung von Menschen in unterschiedliche „Rassen“ entbehrt jeglicher biologischer Grundlage. Er diente historisch der Sicherung der Machtposition als weiß gelesener Menschen sowie der Rechtfertigung schwerwiegendster Verbrechen wie der Versklavung und des Genozids. Auch die UNESCO gab bereits 1950 die erste von insgesamt vier Erklärungen ab, in denen sie sich u. a. gegen die Verwendung des Begriffs ausspricht. Diese sind online einsehbar: unesdoc.unesco.org/images/0012/001229/122962eo.pdf [22.10.2018]. Für eine aktuellere, ausführliche Diskussion der Problematik der Verwendung des Begriffs „Rasse”, auch im Kontext offizieller Gesetzgebung, siehe: Cremer, Hendrik (o.J.): Zur Problematik des Begriffs „Rasse“ in der Gesetzgebung. Online: heimatkunde.boell.de/2008/11/18/zur-problematik-des-begriffs-rasse-der-gesetzgebung [22.10.2018].

4 Siehe: University of Leicester (o.J.): The Centre for Hate Studies. Online: le.ac.uk/hate-studies [05.11.2018].

5 Vgl.: Dearden, Lizzie (2017): Hate-crime reports rise by almost a third in year as Home Office figures illustrate EU-referendum spike. The Independent. Online: www.independent.co.uk/news/uk/crime/hate-crimes-eu-referendum-spike-brexit-terror-attacks-police-home-office-europeans-xenophobia-a8004716.html [15.10.2018].

6 Vgl.: Casciani, Dominic (2015): Hate crimes reported to police up 18% in England and Wales. BBC News. Online: www.bbc.co.uk/news/uk-34515763 [15.10.2018].

7 Vgl.: Bulman, May (2017): Brexit vote sees highest spike in religious and racial hate crimes ever recorded. The Independent. Online: www.independent.co.uk/news/uk/home-news/racist-hate-crimes-surge-to-record-high-after-brexit-vote-new-figures-reveal-a7829551.html [15.10.2018].

8 Goodenough, Tom (2017): Hate crime is up – but it’s not fair to blame Brexit. The Spectator. Online: blogs.spectator.co.uk/2017/10/hate-crime-is-up-but-its-not-fair-to-blame-brexit/ [15.10.2018].

9 Vgl.: Devine, Daniel (2018): Hate crime did spike after the referendum – even allowing for other factors. LSE Brexit, blogs.lse.ac.uk/brexit/2018/03/19/hate-crime-did-spike-after-the-referendum-even-allowing-for-other-factors/ [15.10.2018].

10 Anmerkung der Übersetzerin: Hier wird der kritischen Schreibweise des Begriffs weiß nach Sow (2011) gefolgt. Die Kursivsetzung betont, dass weiß nicht als biologischer Begriff zu verstehen ist, sondern als gesellschaftspolitische Bezeichnung von Menschen, die aufgrund ihrer historisch gewachsenen sozialen Position und ihres Aussehens strukturell privilegiert und machtvolle Subjekte rassistischer Diskurse sind.

11 Vgl.: Sime, Daniela (2018): Young Eastern Europeans Are Reporting Increased Racism And Xenophobia After The Brexit Vote, Huffington Post. Online: www.huffingtonpost.co.uk/entry/eastern-europe-brexit_uk_5accc2f5e4b0152082fdd6c8 [15.10.2018].

12 Mehr zu Tell MAMA. Measuring Anti-Muslim Attacks auf ihrer Website tellmamauk.org [18.10.2018].

13 Mehr zum Community Security Trust siehe cst.org.uk [18.10.2018].

14 Vgl.: Johnson, Boris (2018): Denmark has got it wrong. Yes, the burka is oppressive and ridiculous – but that's still no reason to ban it. The Daily Telegraph. Online: www.telegraph.co.uk/news/2018/08/05/denmark-has-got-wrong-yes-burka-oppressive-ridiculous-still/ [15.10.2018]; Allen, Chris (2018): It Was Always Islamophobia, Never A ‘Gaffe’. Online: medium.com/@mail.chrisallen/it-was-always-islamophobia-never-a-gaffe-how-attention-is-now-being-deflected-away-from-johnson-c2f1ffc7d8d6. [15.10.2018]; Dearden, Lizzie (2018): 'Letterbox' insults against Muslim women spike in wake of Boris Johnson comments. The Independent. Online: www.independent.co.uk/news/uk/home-news/boris-johnson-burqa-muslim-women-veil-attacks-islamophobia-letterboxes-rise-a8488651.html [15.10.2018]; Tell MAMA (2018): Pensioners loudly echo Boris Johnson’s niqab comments in doctor’s surgery. Online: tellmamauk.org/pensioners-loudly-echo-boris-johnsons-niqab-comments-in-doctors-surgery/ [15.10.2018].

15 Allen, Chris (2018): „Hipster Fascists“: The Normalization Of The Radical Right Isn’t Just Happening In America. Rantt Media. Online: rantt.com/hipster-fascists-the-normalization-of-the-radical-right-isnt-just-happening-in-america/ [15.10.2018]; Allen, Chris (2018): Why the mainstream media should stop giving extreme views a platform. The Conversation. Online: theconversation.com/why-the-mainstream-media-should-stop-giving-extreme-views-a-platform-101040 [15.10.2018].

16 Vgl.: Allen, Chris (2018): Why the mainstream media should stop giving extreme views a platform. The Conversation. Online: theconversation.com/why-the-mainstream-media-should-stop-giving-extreme-views-a-platform-101040 [15.10.2018].

17 Vgl.: Gilligan, Andrew. (2018): The ‘hipster fascists’ who anti-racism campaigners say are breathing new life into the far right. Sunday Times. Online: www.thetimes.co.uk/article/the-hipster-fascists-breathing-new-life-into-the-british-far-right-6hvtmq63k [15.10.2018].

18 Vgl.: Dodd, Vikram (2018): Brexit will trigger rise in hate crimes, warns police watchdog. Guardian. Online: www.theguardian.com/uk-news/2018/jul/19/brexit-will-trigger-rise-in-hate-crimes-warns-police-watchdog [15.10.2018].

 

Literatur


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