„Mit anderen Augen“ – Kann ein Film Einstellungen gegenüber Geflüchteten verändern?

Dieser Beitrag beschreibt Ergebnisse einer Studie des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft im Rahmen des Filmprojekts „Mit anderen Augen“. Im Filmprojekt drehten aus Syrien geflüchtete Frauen gemeinsam mit deutschen Frauen einen Film über ihre ersten Begegnungen. Dieser Film wurde anschließend in der Region vorgestellt und in seiner Wirkung auf das Publikum mittels Fragebogenerhebung untersucht. Die Ergebnisse zeigen: Partizipative (Film-)Projekte können demnach in ländlichen Kontexten, wo nur wenige Kontaktmöglichkeiten zwischen Einheimischen und Geflüchteten bestehen, eine gute Möglichkeit bieten, Integration zu fördern.

Einleitung

Ein grauer Wohnblock, Kinder fahren auf ihren Rädern. Sie lernen gerade das Fahrradfahren unter Anleitung einer Grundschullehrerin aus dem Nachbardorf, die in ihrer Freizeit schon viel Zeit mit den Kindern und Frauen im Wohnblock verbracht hat. Eine Gruppe von Frauen steht am Rand und unterhält sich über den Ramadan und wer welche Zutaten in den Gerichten verarbeitet.

So beginnt der Dokumentarfilm „Mit anderen Augen“, der von deutschen und syrischen Frauen gemeinsam gedreht und von der Weimarer Regisseurin Anita Leyh 2016 realisiert wurde.1 Der Film soll einen Perspektivwechsel anregen und ermöglichen, dass alteingesessene Deutsche „mit anderen Augen“ auf Geflüchtete in ihrem Umfeld schauen. Ziel des Projekts war es unter anderem, den Zuschauenden Informationen über die Lebenswelten der syrischen Frauen zu vermitteln, die in Thüringen Asyl suchen, um Einstellungen gegenüber Geflüchteten zu verbessern. Die Grundidee lässt sich theoretisch mit der sogenannten Kontakthypothese (Allport 1954) und ihren Weiterentwicklungen erklären. Die Kontakthypothese geht davon aus, dass Kontakt zwischen Mitgliedern verschiedener Gruppen bestehende Vorurteile verringern kann.

Einstellungen in Thüringen zu Geflüchteten

Der Thüringen-Monitor gibt regelmäßig Auskunft über die Einstellungen von Thüringer_innen zu demokratierelevanten Themen (Best et al. 2017). Im Jahr 2016 fokussierte die Untersuchung auf Meinungen der Thüringer Bevölkerung in Bezug auf Geflüchtete und berichtete von starken Ambivalenzen (vgl. Salheiser 2017): 57 Prozent der repräsentativ Befragten hatten Sorge, „dass wegen der Flüchtlinge und Asylsuchenden der gesellschaftliche Zusammenhalt in unserem Land gefährdet ist“; 70 Prozent befürchteten, dass deshalb „die Kriminalität ansteigen wird“; 67 Prozent, dass „der Einfluss des Islams in unserem Land zu stark wird“ und 92 Prozent waren überzeugt, dass dadurch „Rechtspopulisten und Rechtsextreme Zulauf bekommen“. 75 Prozent der Befragten sahen es „als Chance, dass mit den Flüchtlingen und Asylsuchenden unsere Gesellschaft kulturell vielfältiger wird“ und 58 Prozent vermuteten, dass dadurch „der Bevölkerungsrückgang ausgeglichen werden kann“ (Best et al. 2017: 36). Während 64 Prozent der Thüringer_innen angaben, dass in ihrer Nähe Geflüchtete oder Asylsuchende leben, berichteten nur 8 Prozent von häufigem und 20 Prozent von gelegentlichem persönlichen Kontakt (ebd.: 51). Viele Thüringer_innen haben demnach

wenige bis gar keine direkten Kontakterfahrungen mit Geflüchteten; in ländlichen Regionen, wie dem Weimarer Land, sogar noch weniger als in großstädtischen Regionen. Das Wissen über Geflüchtete haben die Befragten häufig nur aus den Medien, die diffuse Ängste und Befürchtungen schüren, statt objektiv zu berichten (Brosius/Esser 2013). Das heißt, Thüringer_innen aus dem Landkreis Weimarer Land können ohne großes Eigenengagement häufig gar nicht wissen, wer die neu zugezogenen Menschen wirklich sind. Dem entspricht der Befund, dass ein geringerer Migrant_innenanteil in einer Region mit höheren Vorurteilen gegenüber Migrant_innen einhergeht (z. B. Wagner et al. 2001) sowie mit einem Stimmengewinn rechtspopulistischer Parteien mit ausländerfeindlicher Agenda. Für die Landtagswahl in Thüringen 2014 zeigte sich: Je geringer der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund im Landkreis (bzw. in einer kreisfreien Stadt), desto höher der Anteil der AfD-Stimmen.1

Verteilung geflüchteter Menschen in Thüringen

Die Verteilungsquote nach dem Königsteiner Schlüssel lag 2016 in Thüringen bei 2,72 Prozent. In diesem Jahr wurden in Thüringen insgesamt 15.422 Asylerstanträge gestellt.2 Nach der Registrierung werden Geflüchtete auf die Landkreise und kreisfreien Städte verteilt, welche für die Unterbringung verantwortlich sind. Im Weimarer Land, das keine_n Migrationsbeauftragte_n hat, ist das Landratsamt verantwortlich. Nach den Angaben der zuständigen Sozialarbeiter_innen hat der Landkreis in den Jahren 2015 und 2016 insgesamt circa 1.000 Geflüchtete in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht. In einigen Unterbringungen fanden sich abgeschlossene Wohnbereiche und Wohnungen mit eigener Küche und Bad, in anderen Unterkünften spartanische Mehrbettzimmer, in denen die Bewohner_innen ungeachtet ihrer Herkunft und ihres Glaubens untergebracht waren. Bis zu 800 Geflüchtete lebten in Apolda, Bad Sulza und zeitweise 200 in Eckolstädt, einer Gemeinde der Saaleplatte.

Lokaler Raum Weimarer Land

Im Landkreis Weimarer Land leben 82.127 Menschen und der Anteil von Migrant_innen lag 2015 bei 2,8 Prozent.3 Zur Landtagswahl 2014 wurde die CDU (35,8 %) stärkste Partei, gefolgt von DER LINKEN (16 %), den Freien Wählern (14,7 %) und der SPD (13,9 %).4 Seit Mai 2014 besitzt die NPD (3 %) ein Mandat und die AfD zwei Mandate (4,6 %) im Kreistag. An der Bundestagswahl 2017 beteiligten sich 76,4 Prozent der Menschen im Weimarer Land und wählten die AfD (23 %) am zweithäufigsten nach der CDU (34 %).5 Der parteilose Landrat Hans Helmut Münchberg wurde 2014 im Amt bestätigt. In verschiedenen Stellungnahmen sprach sich Münchberg gegen die Aufnahme von Geflüchteten aus, er verwehrte ihnen bis zuletzt die Auszahlung von Bargeld und erteilte dem Flüchtlingsrat Thüringen in Gemeinschaftsunterkünften Hausverbot.6 Dies ging einher mit fremdenfeindlichen Demonstrationen in Apolda, organisiert durch die NPD, THÜGIDA und die Partei Die Rechte.1 Im Zuge dieser Demonstrationen entwickelte sich erneut ein zivilgesellschaftliches Bündnis für Vielfalt und Unterstützung Geflüchteter, bestehend aus Kirche, Wohlfahrt und kommunaler Verwaltung in Apolda, Bad Sulza, Eckolstädt und Magdala. Dieses Bündnis ermöglichte es auch, dass es seit 2017 einen Ausländerbeirat in Apolda gibt.

Theoretischer Hintergrund

Die Kontakthypothese

Einer der robustesten Befunde der sozialpsychologischen Intergruppenforschung ist der, dass persönlicher Kontakt zwischen Mitgliedern unterschiedlicher Gruppen Vorurteile reduziert. Die sogenannte Kontakthypothese wurde ursprünglich von Gordon Allport (1954) formuliert. Sie besagt, dass Vorurteile, Feindseligkeiten und Diskriminierungen zwischen verschiedenen sozialen Gruppen durch Kontakt der unterschiedlichen Gruppenmitglieder abgebaut werden können. Über die Jahre wurden mehr als 500 sozialwissenschaftliche Studien verwirklicht, um diese Zusammenhänge in verschiedenen Kontexten und mit verschiedensten beteiligten Gruppen empirisch zu prüfen. Die Ergebnisse all dieser Studien wurden in einer Metaanalyse2 zusammengefasst (Pettigrew/Tropp 2006) und belegen eindrucksvoll: je intensiver der Kontakt zwischen den Gruppen, desto geringer die geäußerten Vorurteile. Zusammensetzen und miteinander reden ist also das Mittel der Wahl, um Vorurteile zwischen Gruppen abzubauen.

Unter bestimmten Bedingungen sind die Kontakteffekte besonders positiv:

Der Kontakt sollte auf Augenhöhe stattfinden, d. h., die beteiligten Personen sollten in der Kontaktsituation gleichen Status haben (z. B. gleiche Rechte, sich zu äußern und zu beteiligen).

Während der Kontaktsituation sollten gemeinsame Ziele bestehen und es sollte ein kooperatives Klima herrschen (z. B. keine Wettbewerbssituation).

Leitende Personen der beteiligten Institutionen und positive Normen sollten den
Prozess unterstützen.

Ideal ist es, wenn die Kontaktsituation es ermöglicht, dass persönliche Freundschaften zwischen Angehörigen der verschiedenen Gruppen entstehen können.

Derartige Situationen führen zu mehr Wissen über die anderen, wodurch negative Stereotype aufgebrochen werden. Personen, die bisher nur als austauschbare Mitglieder wahrgenommen wurden, werden nun als individuelle Menschen wahrgenommen (Individualisierung). Außerdem bewirkt Kontakt mehr positive (z. B. Neugier) und weniger negative Emotionen (z. B. Angst) und verringert die Unsicherheit im Umgang mit den anderen. Kontaktsituationen befördern das Vertrauen gegenüber der anderen Gruppe und erhöhen die Motivation zur Unterstützung politischer Maßnahmen zur Integration von Minderheiten (siehe Tropp et al. 2016).

Negative Effekte von Kontaktsituationen fanden sich nur in sehr wenigen Studien (6 %) – vor allem dann, wenn der Kontakt zu selten stattfand und wenn er bedrohlich oder angstauslösend wahrgenommen wurde. Negative Kontaktsituationen wirken sich demnach negativ auf zukünftige Gruppenbeziehungen aus (Reimer et al. 2017).

Indirekter und stellvertretender Kontakt

In Erweiterung der Forschung zur ursprünglichen (direkten) Kontakthypothese stellte sich heraus, dass Kontakt auch indirekt positive Wirkungen haben kann (Wright et al. 1997). Das heißt, wenn eine Person aus der eigenen Gruppe positive Kontakterfahrungen mit Mitgliedern anderer Gruppen hat, kann das die Vorurteile weiterer Gruppenmitglieder verringern, auch ohne persönliche Erfahrungen mit den anderen. Die in Kontakt stehenden Mitglieder der eigenen Gruppe werden als Vorbilder angesehen und liefern normative Informationen darüber, wie man sich zu verhalten hat. Ein weiterer Ansatz ist die stellvertretende Kontakthypothese (Mazziotta et al. 2011). In der Kommunikationswissenschaft wird dieser Effekt auch als parasoziale Kontakthypothese bezeichnet (Schiappa et al. 2005). Sie beschreibt positive Effekte auf intergruppale Einstellungen und Empfindungen infolge von medial vermittelten Kontaktsituationen. Das heißt: Wenn man in den Medien sieht, wie Mitglieder der eigenen Gruppe positive Kontakte mit Fremdgruppenmitgliedern haben, kann auch das negative Vorurteile gegenüber den anderen verringern. Personen fühlen sich nach Beobachtung der Situation kompetenter im Umgang mit den anderen (Mazziotta et al. 2011). Stellvertretender Kontakt entfaltet seine Wirkung nach dem Prinzip des Modelllernens durch Beobachtung des Verhaltens anderer (Bandura 1976).

Was heißt das nun für Regionen wie das Weimarer Land, in denen es einerseits kaum Migrant_innen und Geflüchtete und somit kaum Kontaktmöglichkeiten mit ihnen gibt, und wo andererseits viele Einheimische negative Einstellungen gegenüber Neuankömmlingen haben? Durch die nur wenigen bestehenden Möglichkeiten, die vorherrschenden eigenen negativen Vorurteile, Stereotype und Emotionen in direkten oder indirekten Kontaktsituationen einem Realitätscheck zu unterwerfen, bleiben diese unverändert bestehen. Eine Möglichkeit, diese abzubauen, besteht darin, stellvertretenden Kontakt zwischen Deutschen und Geflüchteten zu ermöglichen. Genau hier setzt das Filmprojekt „Mit anderen Augen“ an. Die zentrale Hypothese lautet: Das Ansehen eines Films über positive Kontakterfahrungen zwischen deutschen Frauen (aus dem Weimarer Land) und aus Syrien geflüchteten Frauen verbessert die Einstellungen und Emotionen der Zuschauenden gegenüber geflüchteten Frauen.

Das Filmprojekt

Ziele des Projekts

Ausgehend von den Veränderungen im Sommer 2015 und der Aufnahme von Geflüchteten auch im Weimarer Landkreis entstand die Idee, den geflüchteten Frauen eine Plattform zu geben. Deutschkurse wurden ausschließlich von Männern besucht. Die Frauen blieben meist zu Hause und hatten keinen Kontakt nach außen in der neuen Umgebung. Ihre Chancen auf Beteiligung am gesellschaftlichen Leben in Deutschland und Integration waren denkbar gering. Mithilfe des Projekts sollten Kontaktmöglichkeiten und Begegnungen geschaffen werden zwischen Frauen aus Syrien und Frauen aus Eckolstädt. Durch die neuen Kontakte zu deutschen Frauen sollten die Geflüchteten besser integriert, selbstständiger, selbstbewusster sowie aktiver in ihrem Lebensumfeld werden. Ein weiteres Ziel war, die Deutschkenntnisse zu verbessern und den neuen Sozialraum erfahrbar zu machen. Die Frauen der aufnehmenden Gesellschaft sollten Raum für ihre Fragen erhalten und im Sinne der indirekten Kontakthypothese zu Multiplikatorinnen bezüglich ihrer Dorfgemeinschaft werden. Neben der Integration der syrischen und deutschen Frauen wollte das Projekt den gegenseitigen Austausch von Wissen und Kultur fördern, die Identität der Frauen stärken, Frauenrechte in Deutschland vermitteln und erlebbar machen und es ermöglichen, in die Diskussion mit der lokalen Gemeinschaft zu kommen.

Beschreibung des Projekts

Das Projekt teilte sich in vier Phasen. Zu Beginn lernten sich die Frauen mithilfe von Moderatorinnen und unter Begleitung von Sozialarbeiterinnen kennen. Sie formulierten Ziele und tauschten sich darüber aus, warum sie sich für dieses Projekt interessierten. Im Anschluss besprachen die Frauen, welche Themen ihr gemeinsamer Film zeigen sollte und formulierten Botschaften. Dabei kam es immer wieder zu Diskussionen über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Kulturen und Lebensweisen oder Glaubensrichtungen und so stellte sich heraus, welche Spannungsfelder der Film abdecken sollte. Nach den selbstständigen Dreharbeiten der Frauen wurde der Film geschnitten und die Beteiligten entschieden sich nach der Uraufführung im zunächst intimen Rahmen, dass auch ihre Männer und das Dorf den Film sehen sollten.

Das Produkt des Projekts, der 47-minütige Film mit dem Titel „Mit anderen Augen“, zeigt ein Beispiel eines gelungenen inklusiven Prozesses. Er gibt persönliche, ehrliche und emotionale Antworten auf Fragen, die viele Menschen in Deutschland bewegen. Er erzählt von den Schicksalen und den Hoffnungen der syrischen und deutschen Frauen und genauso von Alltäglichem, das gar nicht so fremd erscheint. Durch die große Nähe zu den Protagonistinnen bietet der Film gute Chancen, sich zu erkennen und emotional zu erleben, wie Prozesse der Integration gelingen können.

Mit der Zusage der Frauen, den Film auch öffentlich zeigen zu können, ergab sich die Möglichkeit, den Film regional und überregional aufzuführen und zu besprechen. Nach einer kurzen Begrüßung und Einleitung wurde der Film gezeigt. Im Anschluss wurde ein moderiertes Gespräch mit den
Protagonistinnen, der Regisseurin und anderen Projektbeteiligten angeregt. Die Zuschauenden erfuhren durch Film und Gespräche, wo und wie Geflüchtete wohnen, was sie bewegt und wie Integration in ländlichen Regionen positiv verlaufen kann. Im Rahmen des hier beschriebenen Forschungsprojekts des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft wurden sechs Veranstaltungen im Weimarer Land durch eine Fragebogenerhebung begleitet, um die Wirkung des Films näher zu beleuchten.

Das Forschungsprojekt zum Film

Ziel der Untersuchung

Nach Fertigstellung des Films stellte sich die Frage, ob und wie der Film sein Publikum beeinflusst. Kann der Film Einstellungen bezüglich Geflüchteter verändern? Um dies zu prüfen, wurde die vorliegende Untersuchung mittels einer Vorher-Nachher-Messung verwirklicht. Vor Filmbeginn wurden die Zuschauenden gefragt, ob sie bereit sind, ihre Meinung zum Film in Fragebögen kundzutun.3 Bei Zustimmung wurde ihnen kurz vor dem Film und direkt danach ein Fragebogen ausgeteilt.

Konzept und Aufbau des Fragebogens

Die beiden kurzen, fast identischen Fragebögen (eine Version vor und eine nach dem Film) wurden später über einen individualisierten anonymen Code für jede Person wieder zusammengeführt, um mögliche Veränderungen in den Antworten der Befragten zu untersuchen. Inhalte der Fragebögen waren: Gründe für den Filmbesuch, Fragen nach bisherigen Kontakterfahrungen mit Geflüchteten (nur in der Vorher-Version), Fragen nach Bereitschaft zum Engagement für Geflüchtete, positive und negative Emotionen in Bezug auf Geflüchtete, verschiedene Vorurteile und Einstellungen gegenüber Geflüchteten sowie Fragen dazu, wie Deutschland mit Geflüchteten umgehen sollte. Abschließend wurde erhoben, über wie viel Wissen die Teilnehmenden über aus Syrien Geflüchtete verfügen und es wurden einige soziodemografische Angaben (z. B. Geschlecht, politische Selbstverortung) erfasst. Zusätzlich wurde nach der Filmvorführung im Fragebogen mit drei Fragen der allgemeine Eindruck vom Film erfasst. Die Originalformulierungen der Fragen sind im Ergebnisteil jeweils kursiv hervorgehoben. Antworten auf die meisten Fragen bzw. Aussagen wurden mit 6-stufigen Likert-Skalen erfasst, anhand derer die Befragten das Ausmaß ihrer Zustimmung von 1 = „stimme gar nicht zu“ bis 6 = „stimme voll und ganz zu“ angeben konnten. Bei Fragen nach Emotionen lauteten die Skalenbezeichnungen 1 = „gar nicht“ und 6 = „sehr stark“.

Stichprobenbeschreibung

Im Rahmen dieser Untersuchung wurde der Film Ende 2016 in sechs Kleinstädten im Weimarer Land öffentlich vorgeführt. Zu diesen Vorführungen haben insgesamt ca. 115 Personen den Film angesehen, die meist aus den jeweiligen Städten oder der direkten Nachbarschaft kamen. Von allen Zuschauenden haben etwa die Hälfte, insgesamt 55 Personen, an der Untersuchung teilgenommen und beide Fragebögen ausgefüllt, darunter 35 Frauen (64 %) und 18 Männer (33 %, 2 Personen ohne Angabe). 53 der Befragten gaben an, dass Deutsch ihre Muttersprache ist (2 Personen ohne Angabe). Auf die Frage „Wo ordnen Sie sich politisch ein?“ antworteten 5 Personen ganz links (9 %), 29 Personen eher links (53 %), 18 Personen ordneten sich der Mitte zu (33 %). Niemand verortete sich als eher rechts oder ganz rechts (3 Personen ohne Angabe).

Die durchschnittlich eher linksliberale Orientierung zeigte sich auch bei der hohen Bereitschaft zum Engagement für Geflüchtete. So waren die Mittelwerte der Antworten auf die Frage „Ich könnte mir vorstellen, mich in Zukunft für geflüchtete Menschen in Thüringen zu engagieren.“ mit MT1 = 4,50 (n= 52)4 sowie auf die Frage „Ich bin daran interessiert, Kontakt mit geflüchteten Menschen in Thüringen aufzunehmen.“ mit MT1 = 4,37 (n= 52) relativ hoch (Skala mit Maximalwert 6). Auf die Aussage „Ich hatte in den letzten zwölf Monaten viel Kontakt mit Menschen, die nach Deutschland geflüchtet sind.“ reagierten die Teilnehmenden im Durchschnitt mit M = 3,42 (n= 55) – ein Wert, der leicht über dem Durchschnitt der Skala von 3,0 liegt. Auf die Frage „Warum bin ich heute abend hier?“ (Mehrfachnennungen waren möglich) gaben 51 Personen „Interesse am Thema“ an, 10 waren da, „um Gleichgesinnte zu treffen“, 10 Personen äußerten „Ich bin bei Veranstaltungen oft hier“, 9 Personen wollten „ein politisches Zeichen setzen“.

Ergebnisse der Untersuchung

Einschätzung des Films durch das Publikum

Nach dem Film wurden die Teilnehmenden zunächst gebeten, anhand von vier Fragen ihre generelle Meinung zum Film zu äußern. Der durchschnittliche Gesamteindruck war sehr positiv: Der Aussage „Der Film hat mir gut gefallen.“ stimmten 52 Personen (95 %) zu, der Aussage „Der Film hat mich emotional sehr bewegt.“ 45 (82 %). Zudem bestätigten 50 Zuschauende (91 %): „Der Film hat mich zum Nachdenken angeregt.“

Vorher-Nachher-Vergleich

Es wurde entsprechend der stellvertretenden Kontakthypothese geprüft, ob die individuellen Gefühle und Einstellungen der Teilnehmenden gegenüber Geflüchteten sich durch das Ansehen des Films zwischen der Vorher- und Nachher-Version des Fragebogens signifikant, d. h. statistisch bedeutsam, unterscheiden. Im Folgenden werden nur Befunde berichtet, die statistisch signifikant (p < .05) oder tendenziell signifikant (p < .1) waren.

Mehr Empathie für und Wissen über Geflüchtete

Die Zustimmung zur Aussage „Ich kann mich in die Situation von Frauen, die aus Syrien nach Deutschland geflüchtet sind, hineinversetzen.“ ist von M = 3,37 vorher auf M = 4,41 nach dem Film signifikant angestiegen (p < .05). Die Zustimmung zur Aussage „Mein Wissen über Menschen, die aus Syrien nach Deutschland geflüchtet sind, ist ...“ (1 = „sehr gering“, 6 = „sehr hoch“) stieg ebenfalls signifikant von M = 3,10 auf M = 3,42 (p < .05).

Mehr positive Emotionen und weniger Unsicherheit gegenüber Geflüchteten

Die Zustimmung zur Aussage „In Bezug auf geflüchtete Menschen fühle ich mich neugierig.“ ist vom Mittelwert M = 4,72 vor dem Film auf M = 5,08 nach dem Film signifikant angestiegen (p < .05). Auch die Zustimmung zur Aussage „In Bezug auf geflüchtete Menschen fühle ich mich erfreut.“ stieg signifikant an, von M = 4,22 vor dem Film auf M = 4,51 danach (p < .05). Gleiches gilt für die Zustimmung zur Aussage „In Bezug auf geflüchtete Menschen fühle ich mich voller Mitgefühl.“, welche sich von M = 4,88 vor auf M = 5,21 nach dem Film signifikant erhöht hat (p < .05). Die Zustimmung zur Aussage „In Bezug auf geflüchtete Menschen fühle ich mich unsicher.“ verringerte sich signifikant von M = 2,50 vor dem Film auf M = 2,13 nachher (p < .05).

Positivere Einstellungen gegenüber Geflüchteten

Zur Aussage „Frauen aus Syrien können viel Gutes zur Gemeinschaft in Deutschland beitragen.“ stieg die Zustimmung signifikant von M = 4,80 vor auf M = 5,16 nach dem Film (p < .05). Eine tendenziell erhöhte Zustimmung fand sich zur Aussage „Deutschland sollte geflüchtete Menschen aus Syrien finanziell besser unterstützen.“ von M = 3,93 vor auf M = 4,20 nach dem Film (p < .1). Auch die Zustimmung zur Aussage „Geflüchtete Menschen aus Syrien sollten so schnell wie möglich die gleichen Rechte bekommen wie Deutsche.“ erhöhte sich tendenziell von M = 4,45 auf M = 4,70 (p < .1).

Zusammenfassung der Befunde

Die Zuschauenden haben den Film positiv bewertet. Durch das Ansehen des Films waren sie besser in der Lage, sich in die Situation von aus Syrien geflüchteten Frauen hineinzuversetzen und sie verfügten danach über mehr Wissen über aus Syrien Geflüchtete. Zudem berichteten sie nach dem Film (im Vergleich zu vorher) von mehr positiven Emotionen, etwa Neugier, Freude und Mitgefühl, sowie von weniger Unsicherheit. Außerdem zeigten sich nach dem Anschauen des Films positivere Einstellungen in Bezug auf die finanzielle und rechtliche Unterstützung syrischer Geflüchteter durch den deutschen Staat. Diese Befunde bieten zusammenfassend eine weitere empirische Bestätigung der stellvertretenden (bzw. parasozialen) Kontakthypothese (Schiappa et al. 2005).

Herausgestellt werden konnten: eine Verbesserung der Einstellungen, einhergehend mit mehr Wissen über die anderen; mehr Empathie und einer stärkeren Fähigkeit zur Perspektivübernahme; weniger negativen und mehr positiven Emotionen. Auch im sehr spezifischen Kontext des Weimarer Landes zeigte sich: Ein medial vermittelter, stellvertretender Kontakt mit Fremdgruppenmitgliedern kann positive Effekte auf Empfindungen und Einstellungen ihnen gegenüber haben.

Im Sinne der ursprünglichen Fragestellung lässt sich festhalten, dass das partizipative Filmprojekt auch und gerade im ländlichen Raum ein sinnvolles Modellprojekt darstellt, weil es Vorurteile verringern kann. Die syrischen und deutschen Frauen wurden durch den künstlerischen Prozess empowert. Für die syrischen Frauen bedeutete das Projekt auch eine Stärkung ihres Bewusstseins, wer sie hier in Deutschland sind. Die Filmgespräche und der direkte Kontakt auch mit kritischen Stimmen festigten ihr Selbstvertrauen und Engagement. Schon während des Projektes ergaben sich zwischen den Beteiligten Synergien, die zu neuen Projektideen wurden. Aus der Erkenntnis heraus, dass die syrischen Frauen ein großes Interesse daran hatten, wie Frauen in Deutschland rechtlich behandelt werden und gesellschaftlich leben, gründete sich eine Frauengruppe (syrischer und afghanischer Frauen) unter Begleitung einer Sozialpädagogin der Diakonie Apolda. Außerdem gründete sich in Kooperation mit Student_innen der Universität Jena eine Initiative, die die sprachliche und soziale Begleitung innerhalb der Unterkunft in Eckolstädt stärkt.

Einschränkungen der Untersuchung

Wie jede empirische Studie hat auch diese ihre Einschränkungen: Das Studiendesign mit Vorher-Nachher-Messung ermöglichte es, kurzfristige Effekte des Films auf die Zuschauenden zu messen. Jedoch bleibt unklar, wie langfristig diese Effekte bestehen bleiben. Hierfür wäre ein weiterer Messzeitpunkt mehrere Wochen nach dem Film interessant gewesen. Durch eine fehlende Kontrollgruppe (z. B. das Schauen eines themenunabhängigen Films) kann nicht ausgeschlossen werden, dass allein die Teilnahme an einem Filmabend (mit Geflüchteten) positive Effekte haben kann.

Die Stichprobe war mit 55 Teilnehmenden relativ klein. Dass sich trotzdem statistisch bedeutsame Effekte des Films gezeigt haben, spricht umso mehr für die Wirkung des Films. Die Stichprobe unterliegt zudem einer doppelten Selbstselektion: Es fand sich eher ein linksliberal eingestelltes Publikum zu den Filmvorführungen ein. Das heißt: Von vornherein gab es in dieser Stichprobe eher geringe Vorurteile und eine relativ hohe Offenheit gegenüber Geflüchteten. Eine zweite Selbstselektion ergibt sich durch die freiwillige Entscheidung vor Ort, an der Studie teilzunehmen. Somit ist diese Stichprobe letztendlich nicht repräsentativ für alle Menschen aus dem Weimarer Land. Die Effekte des Films zeigen sich vermutlich eher für Menschen, die ein gewisses Maß an Offenheit für Geflüchtete besitzen.

Schlussfolgerungen

Insgesamt zeigt diese Untersuchung: Das Filmprojekt „Mit anderen Augen“ kann einen sinnvollen und messbaren Beitrag zur Verbesserung der Beziehungen zwischen Geflüchteten und Einheimischen leisten. So wurde einerseits durch den partizipativen Charakter des Projekts die Position der beteiligten Frauen gestärkt. Andererseits wurden durch eine medial vermittelte Kontaktsituation positive Emotionen und Einstellungen hervorgerufen und Unsicherheiten abgebaut. Naheliegend ist, dass auch Artikel und Berichte in Zeitungen, Radio, Fernsehen, Büchern und Online-Medien durch die Präsentation von stellvertretenden Kontaktsituationen zu einer Reduktion von Vorurteilen beitragen können. Diese Berichterstattung über positive Integrationsprojekte findet leider nur wenig statt. Besondere Stärke des Filmprojekts ist, dass es in einem konkreten lokalen Kontext – dem Weimarer Land – mit lokalen Akteur_innen stattgefunden hat und dabei im „wahren Leben“ seine Wirkung entfalten konnte. Insofern bieten derartige partizipative Filmprojekte auch künftig die Möglichkeit, in ähnlichen ländlichen Kontexten zu intervenieren, wo nur wenige direkte Kontaktmöglichkeiten bestehen.

Auch die Zuschauenden sahen das so. 87 Prozent stimmten der Aussage zu:

 

"Würden mehr Menschen Filme wie diesen sehen, würden sie nicht so abwertend über geflüchtete Menschen sprechen."

 

1 Vgl. http://www.anitaleyh.de/Anita_Leyh/Mit_anderen_Augen.html; gefördert wurde das Projekt durch das Bundesprogramm Demokratie leben! des BMFSFJ, die Beauftrage für Integration, Migration und Flüchtlinge des Landes Thüringen sowie die Landeszentrale für Politische Bildung in Thüringen.

2 r = -.42, p = .05, N = 23 (eigene Analyse auf Grundlage der Daten des Thüringer Landesamts für Statistik).

3 Vgl. http://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Publikationen/Broschueren/bundesamt-in-zahlen-2016.pdf?__blob=publicationFile [21.11.2017].

4 Vgl. http://www.statistik.thueringen.de/datenbank/portrait.asp?auswahl=krs&nr=71&vonbis=&TabelleID=kr000102 [27.09.2017].

5 Vgl. http://www.wahlen.thueringen.de//datenbank/wahl1/WAHL.asp?wahlart=KW&wJahr=2014&zeigeErg=WK&auswertung=1&wknr=071&gemnr=&terrKrs=&gemteil=000&buchstabe=&Langname=&wahlvorschlag=&sort=&druck=&XLS=&anzahlH=0&Nicht_existierende=&x_vollbildDatenteil=&optik=&aktual=&ShowLand=&ShowWK=&ShowPart= [07.02.2017].

6 Vgl. http://www.wahlen.thueringen.de/datenbank/wahl1/wahl.asp?wahlart=BW&wJahr=2017&zeigeErg=LK&terrKrs=71 [27.09.2017].

7 Vgl. http://www.tlz.de/web/zgt/suche/detail/-/specific/Landrat-im-Weimarer-Land-erteilt-Fluechtlingsrat-Hausverbot-1003909825 [27.09.2017].

8 Vgl. mobit.org/chronik-extrem-rechter-aktivitaeten-in-thueringen/ [27.09.2017].

9 Eine Metaanalyse ist eine zusammenfassende Studie über sämtliche zu einem Thema durchgeführten Untersuchungen. Sie ermöglicht es, die Ergebnisse aller Studien zusammenzufassen und durchschnittliche Effekte zu bestimmen, trotz der jeweils verschiedenen beteiligten Gruppen, Kontexte und Erhebungsmethoden.

10 Zusätzlich erhielten die Zuschauenden ein Informationsblatt über die geplante Studie. Darin wurden die Ziele der Studie erläutert und es wurde betont, dass die Teilnahme freiwillig und die Anonymität gewährleistet ist.

11 M – Mittelwert, T1 – Messzeitpunkt 1 (Vorhermessung), T2 – Messzeitpunkt 2 (Nachhermessung), n – Anzahl der untersuchten Personen; diese kann leicht variieren, dadurch dass einzelne Teilnehmende die analysierten Fragen nicht beantworteten.

 

 

Literatur

Allport, Gordon (1954): The Nature of Prejudice. Addison: New York.

Bandura, Albert (1976): Lernen am Modell. Ansätze zu einer sozial-kognitiven Lerntheorie. Klett: Stuttgart.

Best, Heinrich/Niehoff, Steffen/Salheiser, Axel/Vogel, Lars (2017): Politische Kultur im Freistaat Thüringen. Gemischte Gefühle: Thüringen nach der „Flüchtlingskrise“. Ergebnisse des Thüringen-Monitors 2016. Online: www.thueringen.de/mam/th1/tsk/thuringen-monitor_2016_mit_anhang.pdf [24.07.2017].

Brosius, Hans-Bernd/Esser, Frank (2013): Eskalation durch Berichterstattung? Massenmedien und fremdenfeindliche Gewalt. Springer-Verlag.

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Schiappa, Edward/Gregg, Peter B./Hewes, Dean E. (2005): The parasocial contact hypothesis. In: Communication monographs, 72, 1, S. 92–115.

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