Die AfD bei Twitter – eine antisemitismuskritische Untersuchung zum Holocaustgedenktag 2020

Im vorliegenden Beitrag wird eine Untersuchung zum Sprechen über Antisemitismus, Judentum und Israel in Äußerungen von AfD-Abgeordneten anlässlich des Holocaustgedenktages 2020 vorgestellt. Als Datengrundlage dienen 276.100 Tweets, die von 243 Abgeordneten veröffentlicht wurden. Mit der Methode des Text-Minings lässt sich verdeutlichen, dass die „Juden in der AfD“ bei den untersuchten Themen für die meisten Inhalte verantwortlich sind und somit eine besondere Funktion für die Partei erfüllen. Der inhaltliche Fokus liegt dabei stets auf Warnungen vor einem vermeintlich neuen muslimischen Antisemitismus. Darüber hinaus zeugen die Tweets am Holocaustgedenktag von einer inhaltsleeren, abstrakten Form der Erinnerung, in der weder die Opfer noch die Täter*innen oder gesellschaftliche Strukturen, die zum Holocaust führten, benannt werden.

 

Im November 2019 äußerte sich Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, über das Erstarken der Alternative für Deutschland (AfD) und einen damit einhergehenden wachsenden Antisemitismus. Antisemitismus, so Schuster, habe es zwar immer schon gegeben, er werde aber heute insbesondere in den sozialen Medien immer offener geäußert (Tagesschau 2019). Während einer Sitzung mit der CDU/CSU Bundestagsfraktion im Dezember 2019 stellte er außerdem klar, dass er im Fall einer Regierungsbeteiligung der AfD ernsthaft darüber nachdenke, Deutschland aus Sicherheitsgründen zu verlassen (Welt 2019). Mit Unverständnis reagierte Jörg Meuthen, der Bundesvorsitzende der AfD, auf die Vorwürfe, für einen zunehmenden Antisemitismus verantwortlich zu sein. Die AfD sei seiner Meinung nach eine „durch und durch pro jüdisch[e]“ Partei, die sich auch im Bundestag mit projüdischen Anträgen einbringe (Esslinger/Schneider 2019). Diese widersprüchlichen Perspektiven sind der Ausgangspunkt einer antisemitismuskritischen Auswertung von So­cial-Media-Aktivitäten der AfD, bei der die folgenden Fragen im Mittelpunkt standen: Wie äußert sich die AfD bei Twitter zum Thema Antisemitismus, Judentum und Israel? Und welche Tweets wurden anlässlich des Holocaustgedenktages am 27. Januar 2020, dem 75. Jahrestag der Befreiung des ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau, durch die AfD veröffentlicht? Eine Auswertung der Twitter-Aktivitäten ist besonders interessant, weil die Partei bei Twitter selbst bestimmt, welche Inhalte sie vermitteln möchte und dabei in der Darstellung unabhängig von klassischen Medien agieren kann. Twitter bietet sich als zu untersuchendes Medium an, weil es einen einfachen Zugang zu Meinungsäußerungen ermöglicht, ohne die jeweiligen Personen befragen zu müssen (Mayerl/Faas 2019: S. 1029).

Wer twittert bei der AfD?

Der untersuchte Datensatz setzt sich aus allen Twitter-Accounts von Abgeordneten der AfD im Deutschen Bundestag, in den 16 Landesparlamenten und im Europaparlament zusammen. Im Januar 2020 gab es in den 18 verschiedenen Parlamenten insgesamt 350 Abgeordnete der AfD, von denen zu diesem Zeitpunkt 208 Personen, insgesamt also 59 %, einen öffentlich zugänglichen Twitter-Account hatten. Hinzu kommen 35 weitere Accounts, die keinen Personen zuzuordnen sind. So hat nahezu jeder AfD- Landesverband und jede Fraktion in den Parlamenten einen eigenen Account.

Außerdem sind der offizielle Account der AfD-Deutschland und die Accounts AfDKompakt (offizielles Mitgliedermagazin der AfD), JA_Deutschland (Kanal der Jungen Alternative) und inJAfD (Account der Bundesvereinigung „Juden in der AfD“) Teil der Grundgesamtheit. Mit der Open-Source-Statistik-Software „R“ lassen sich in Kombination mit den zu installierenden Paketen rtweet (Kearney/Heiss/Briatte 2020) und TwitteR (Gentry 2016) öffentliche Twitter-Accounts und die darauf veröffentlichten Tweets auswerten. Im Zuge der Datenerhebung wurden in den Wochen vor und nach dem Holocaustgedenktag von den 243 untersuchten Accounts 276.100 Tweets heruntergeladen. Seit ihrem Bestehen sind auf diesen Accounts bis zum letzten Auszählungszeitpunkt am 3. Februar 2020 insgesamt 586.642 Tweets veröffentlicht worden, sodass der untersuchte Datensatz 47,06 % aller bis dahin erschienenen Tweets enthält. Lediglich bei 41 von 243 Accounts übersteigt die Gesamtanzahl die Anzahl der heruntergeladenen Tweets1 – von 83,13 % der untersuchten Accounts sind alle veröffentlichten Tweets im Datensatz enthalten.

Text-Mining als Auswertungsmethode großer Datenmengen

Wie viele Tweets gibt es zu einem Thema und von welchen Accounts werden sie geschrieben? Welche Wörter werden am häufigsten benutzt und welche erscheinen am häufigsten zusammen innerhalb der Tweets? Diese Fragen standen im Mittelpunkt der Auswertungsmethode des Text-Minings. Dabei handelt es sich um ein algorithmusbasiertes Analyseverfahren, anhand dessen sich Strukturen und Inhalte aus großen Textmengen erschließen lassen (Silge/Robinson 2020). Mithilfe dieser Methode kann eine große Menge an Tweets lesbar gemacht werden, ohne diese einzeln zu betrachten und einordnen zu müssen. Um sich den Inhalten zu nähern, bietet sich die Auszählung von einzelnen Begriffen an (Bürger/Dang-Anh 2014: 290). Dazu müssen die Tweets zunächst von URLs und deutschen Stoppwörtern bereinigt werden, weil diese bei der Auswertung stören. Bei Stoppwörtern handelt es sich um Wörter, die allein betrachtet keine inhaltliche Relevanz, sondern hauptsächlich grammatikalische und syntaktische Funktionen haben (z. B.: und, weil, aber, also, ansonsten …). Die Frage nach der Häufigkeit von Wörtern oder Wortpaaren wird dem Phänomen gerecht, dass manche Tweets oft retweetet werden und dementsprechend häufig in den Timelines der Nutzer*innen auftauchen.

Antisemitismus, Juden und Israel in den Tweets

Um die gesammelten Tweets aus einer antisemitismuskritischen Perspektive heraus zu untersuchen, ist eine Filterung nach Schlüsselbegriffen sinnvoll. In Anlehnung an die Arbeiten von Monika Schwarz-Friesel und Günther Jikeli und Kolle*innen wurden die Tweets nach den Begriffen Antisemit*, Juden*/jüdisch* und Israel* gefiltert (Schwarz-Friesel 2019: 23f.; Jikeli et al. 2019: 5). Dabei handelt es sich lediglich um eine Annäherung an den potenziell antisemitischen Charakter der Tweets, die anhand dieser Begriffe gefiltert werden. Auf die Frage, wie auch implizit chiffrierte antisemitische Äußerungen automatisiert erfasst werden können, gibt es bisher noch keine zufriedenstellende methodische Antwort. Im Jahr 2019 wurden durch die untersuchten Accounts pro Woche zwischen 1.500 und 3.500 Tweets veröffentlicht. Im Verhältnis dazu wird deutlich, welchen marginalen Stellenwert das Sprechen über Antisemitismus, Juden oder Israel innerhalb der AfD-Tweets hat.

Besonders auffällig ist in der zeitlichen Verteilung ein Anstieg der gefilterten Tweets anlässlich des antisemitischen Anschlags in Halle am 09. Oktober 2019 sowie zu den Holocaustgedenktagen im Januar 2019 und 2020 (siehe Abb. 1). Wie von Günther Jikeli und Kolleg*innen festgestellt, zeigt sich auch hier, dass das Twittern über Antisemitismus, Juden und Israel stark von Ereignissen in der realen Welt abhängig ist (Jikeli et al. 2019: 11).

 

Bei der Betrachtung der Accounts, die für die meisten dieser Tweets verantwortlich sind, fällt auf, dass die Themen Antisemitismus, Judentum und Israel am häufigsten (n=Anzahl an Tweets) von den „Juden in der AfD“ besprochen werden.

Durch eine Filterung nach Datum finden sich 357 Tweets, die am Holocaustgedenktag 2020 erschienen sind. Da diese Tweets nicht automatisch einen inhaltlichen Bezug zum Holocaustgedenktag haben, wurden sie zusätzlich nach den folgenden Schlüsselbegriffen gefiltert: Antisem*, Holocaust*, remember*, gedenk* und Auschwitz*. Daraus ergaben sich 132 Tweets mit einem inhaltlichen Bezug zum Holocaustgedenktag. Dies entspricht einem Anteil von 36,69 % aller Tweets am 27. Januar, was wiederum den Schluss zulässt, dass das Thema des 75. Jahrestages der Befreiung von Auschwitz bei den untersuchten 243 Accounts einen vergleichsweise niedrigen Stellenwert hat. Eine Beobachtung, die eine These von Butterwegge und Kolleg*innen stützt, nach der die De-Thematisierung der NS-Vergangenheit das zentrale Anliegen der Geschichts- und Erinnerungspolitik der AfD sei (Butterwegge et al. 2018: 116f.). Bei der Betrachtung der Accounts, die am Holocaustgedenktag getwittert haben, ist im Vergleich zur vorherigen Auswertung besonders auffällig, dass es keinen Tweet des Accounts inJAfD zum Holocaustgedenktag 2020 gibt. Eine Beobachtung, die sich mit einer expliziten Abgrenzung der „Juden in der AfD“ von erinnerungspolitischen Initiativen und Ritualen in der Bundesrepublik Deutschland erklären lässt. So verließen die „Juden in der AfD“ die bayrische Landtagsfraktion 2019 anlässlich einer Rede von Charlotte Knobloch zum Holocaustgedenktag mit der Begründung, dass durch die Agenda des Zentralrats der Juden auf den unzähligen Gräbern der toten Juden herumgetrampelt werde (Botsch 2020: 12). Trotzdem werden am Holocaustgedenktag viele Tweets als Mention (@injAfD) an die „Juden in der AfD“ gerichtet. Diese öffentliche Adressierung zeigt, dass ihnen besonders an einem solchen Gedenktag eine wichtige Funktion innerhalb der Partei zukommt. Pfahl-Traughber geht davon aus, dass die Gründung des Zusammenschlusses innerhalb der AfD einzig aus dem Zweck erfolgt ist, in der Öffentlichkeit nicht als antisemitische Partei wahrgenommen zu werden und so von den vielen antisemitischen Skandalen abzulenken (Pfahl-Traughber 2019: 19). Antisemitismus, so Botsch, spiele allerdings bei den „Juden in der AfD“ in dreifacher Hinsicht eine Rolle:

An erster Stelle wird er pauschal den ‚Feindgruppen‘ zugewiesen [und] betrifft gleichermaßen Migrant*innen aus dem islamisch-arabischen Raum wie die politischen Gegner*innen aus der Linken, die Bundesregierung und die ‚Altparteien‘. [Außerdem wird] Antisemitismus von rechts, in der deutschen Geschichte und Kultur […] kleingeredet und geleugnet [und] drittens bedient die JAfD selbst antijüdische und antisemitische Bilder und Vorurteile. (Botsch 2020: 12)

Das Sprechen über Antisemitismus

Der Schwerpunkt im Sprechen über das Thema Antisemitismus, das zeigt sich auch in der grafischen Darstellung der meist verwendeten Begriffe, liegt bei der AfD im Verweis auf einen vermeintlich neuen muslimischen Antisemitismus. Abbildung 2 zeigt alle Begriffspaare, die sich mindestens acht Mal innerhalb der 1.674 Tweets mit dem Begriff Antisemitismus finden. Je dicker die Pfeile sind, desto häufiger sind diese Wortpaare im untersuchten Korpus enthalten. Überschneidungen innerhalb der Begriffspaare ergeben eine Konzentration innerhalb des Wortnetzwerkes, woraus sich ein Themenschwerpunkt ablesen lässt.

 

Ohne die realen (terroristischen) Gefahren eines islamisch bzw. islamistisch motivierten Antisemitismus ausblenden zu wollen, weisen diese Tweets auf einen vielfach zu beobachtenden Mechanismus hin, bei dem es zu einer projektiven Entsorgung von Antisemitismus kommt, indem er exklusiv Muslim*innen vorgeworfen wird. Über „Abwehr und Othering des verpönten Antisemitismus“ (Winter 2017: 29) können im postnationalsozialistischen Deutschland eigene antisemitische Haltungen überdeckt werden. Als Beispiele für einen neuen wachsenden muslimischen Antisemitismus werden in den Tweets der „Al-Kud“s Marsch in Berlin, der Übergriff eines „Syrers“ auf eine „Berliner Synagoge“ und Anfeindungen gegenüber „Israel“ aufgeführt. Gleichzeitig werden durch die Wortpaare „beim – namen“, „klare – kante“, „ins – land“, „einzige – partei“, „nun – klartext – gesprochen“ politische Forderungen formuliert, die suggerieren: Muslimischer Antisemitismus werde nur durch die AfD gesehen und angeprangert. Auch bei den Korpora mit den Begriffen Juden* und Israel* liegt der inhaltliche Fokus darauf, dass „millionen – integrierte – juden“ das Land „verlassen“, bzw. durch „ferne – kulturkreise – ersetzt“ werden und einer „politik – ausgesetzt“ sind, in der ihre Feinde „ins – land“ geholt werden. Die AfD selbst beschreibt sich hier als „freunde – israels“, als „einzige – partei“, die „null – toleranz“ zeigt und damit eine gänzlich andere Politik verfolge als „angela – merkel“, das „eu – parlament“ oder die „linke – prekariatspartei“. Gleichzeitig, das zeigt sich besonders bei Tweets zum Anschlag in Halle, sei sie „seehofers – vorverurteilung“ ausgesetzt.

Die projüdische Ausrichtung der AfD wird über die häufige Verwendung des Wortpaares „AfD – injafd“ und „jafd“ konstruiert, dem Twitter-Account der „Juden in der AfD“ und über eine Bezugnahme zu Israel. Auch die pro-israelischen Äußerungen der AfD beziehen sich hauptsächlich auf den Kampf gegen einen muslimischen Antisemitismus, der allen anderen Parteien abgesprochen wird. In diesem Mechanismus kommt Israel die „Rolle eines Frontstaates in dem als weltgeschichtlich apostrophierten Kampf des christlich-jüdischen Abendlandes gegen den Islam zu“ und der „islamische […] bzw. arabische […] Antisemitismus [wird] neben dem Antisemitismus linker, antiimperialistischer Gruppen als einzige Form von Antisemitismus problematisiert“ (Grimm/Kahmann 2017: 52). Der islamische Antisemitismus, das lässt sich in allen untersuchten Korpora feststellen, dient als Beleg für das von der AfD behauptete Scheitern einer liberalen Einwanderungspolitik. Geprägt sind die Tweets stets von einem Gefühl gleichzeitiger Verfolgung, von einer „Selbststilisierung als Opfer einer übermächtigen Instanz, die ‚Wahrheiten‘ unterdrückt, […] eine imaginierte Macht, […] die verschieden identifiziert werden [kann]“ (Mendel/Messerschmidt 2017: 11). Als übermächtige Instanz wird in den untersuchten Beispielen zwar nicht direkt auf die Figur des Juden zurückgegriffen. Gleichwohl lässt sich der von Salzborn beschriebene kommunikative Umweg antisemitischer Äußerungen durch die Projektion auf Migrant*innen (Salzborn 2017: 33), oftmals auch auf politische Gegner*innen, durchgehend aus den geäußerten Inhalten herauslesen.

Tweets am Holocaustgedenktag 2020

Der Vorwurf, dass besonders Muslim*innen für einen steigenden Antisemitismus in Deutschland verantwortlich seien, geht mit der Vorstellung einher, sie seien „unmodern und erziehungsbedürftig für die Ansprüche des demokratischen Staates“ und nicht auf „der Höhe des Geschichtsaufarbeitungskonsenses“ (Mendel/Messerschmidt 2017: 11). Dabei wird die negative Geschichte der sich als national zugehörig betrachtenden Mehrheitsgesellschaft verdreht und der Holocaust „in einer Geste der Umkehrung zu einer Erfolgsgeschichte geleisteter Aufarbeitung und angemessenen Gedenkens umgedeutet“ (ebd.). Das Wortnetzwerk zum Holocaustgedenktag zeigt alle Begriffspaare, die mindestens 2 Mal innerhalb des Korpus vorkommen.

Ein großer Anteil der Tweets widmet sich dem Holocaustgedenktag anhand der Schlagworte „Niewieder – we remember – auschwitz 75 – darf niemals vergessen“. Die Forderung nach einem „Nie – wieder“ wird flankiert von der Warnung vor „neuen – totalitären Ideologien“ und einer „moralischen – Überhöhung“ des Gedenkens durch politische Gegner*innen der AfD. So beziehen sich viele Tweets auf einen Vorfall bei einer Gedenkveranstaltung in Berlin am 25. Januar 2020, bei der es zu einer Auseinandersetzung kam, weil auch eine Gruppe von AfD-Politiker*innen einen Kranz niederlegen wollte (Berliner Zeitung 2020). Diesem Vorfall lassen sich die Begriffe „extremisten – zertampeln – gräber“, „linke – trampeln“ und „linksextreme – stören“ zuordnen. Die Warnungen anderer Politiker*innen und Journalist*innen vor einem erstarkenden Rechtsextremismus, die aus der Maxime „Nie wieder“ heraus am Holocaustgedenktag oftmals mit einem Verweis auf die AfD verbunden sind, werden in den Tweets als „moralische – Überhöhung“ und „kleinkarierte – tagespolitische – Instrumentalisierung“ abgewiesen. Den größten Anteil innerhalb der Tweets machen wiederum Warnungen vor einem „massiven – liquidatorischen – muslimischen – Antisemitismus“ aus. In diesem Zusammenhang wird mehrfach Bezug auf den CDU-Politiker Philip Amthor und den Historiker Michael Wolfssohn genommen, die anlässlich des Holocaustgedenktages vor muslimischem Antisemitismus gewarnt hatten (Tagesspiegel 2020). Wer also die „warnungen“ zum Holocaustgedenktag „ernst – nimmt“, wer die „antisemitische – geschichte“ kenne, der müsse sich auf den „radikalen – islam“ konzentrieren. Die Kritiker*innen von Amthors und Wolfssohns Äußerungen werden in den Tweets als „islamlobby“ bezeichnet.

Fazit

Keinesfalls soll mit der Untersuchung der Judenhass, der von islamischen Akteur*innen und Ländern ausgeht, in denen „negative Einstellungen gegenüber Juden […] die Regel, nicht die Ausnahme“ (Jikeli 2019: 71) sind, negiert werden. Auffällig ist allerdings in den untersuchten Tweets, dass es ausschließlich im Zusammenhang mit Muslim*innen zu einer Benennung des gesamtgesellschaftlichen Problems Antisemitismus kommt. Dabei wird nicht gesehen, dass Antisemitismus in der Mitte der deutschen Gesellschaft verankert ist und aus unterschiedlichen Positionen heraus artikuliert wird. Die von Jörg Meuthen ausgerufene pro-jüdische Perspektive der AfD kann sich nicht nur aus einer Warnung vor gefährlichen Muslim*innen ergeben. Die einseitige Instrumentalisierung des Antisemitismusvorwurfs zeigt vielmehr die Verschränkung von antimuslimischem Rassismus und Antisemitismus innerhalb der AfD. Mit den vorgestellten Methoden konnten zwar die Tweet-Texte ausgewertet werden, angehängte Bilder, Memes oder Verweise auf externe Homepages spielten in der Auswertung allerdings keine Rolle. Aufgrund der Textbeschränkung wird ein großer Teil der Inhalte bei Twitter allerdings über Verweise auf externe Websites vermittelt. Die vorgestellten Auswertungsmethoden ermöglichen demnach nur einen oberflächlichen Blick auf die untersuchten Inhalte.

Eindeutig zeigt sich mit dieser Untersuchung allerdings, was in den Tweets nicht gesagt wird: Es gibt in keinem Tweet einen Bezug zu den Überlebenden des NS-Systems oder zu Auschwitz. Es werden keine Strukturen oder historischen Prozesse benannt, die zur Shoah führten. Wer waren die für den Holocaust verantwortlichen Täter*innen? Wie konnte es zu Auschwitz kommen? Eine deutsche Schuld oder eine Verantwortung für die begangenen Verbrechen wird mit keinem Wort erwähnt, es gibt keinen Verweis auf die Alliierten, die die Konzentrations- und Vernichtungslager befreit und militärisch für ein Ende des industriellen Massenmordes gesorgt haben. Es gibt keine Hinweise auf Erzählungen und Forderungen der Überlebenden von Auschwitz oder des nationalsozialistischen Systems, keinen Verweis auf die Menschen, die den deutschen Verbrechen zum Opfer gefallen sind. Stattdessen finden sich allgemeine inhaltsleere Formulierungen eines „Nie wieder“ und die Aufforderungen, die begangenen Verbrechen nicht zu vergessen. Damit stellen die Tweets der AfD fast schon einen Prototyp der von Salzborn beschriebenen Tendenz der Abwehr der Shoah im deutschen Erinnern dar:

Der Nationalsozialismus ist in der deutschen Opferdebatte ein entkonkretisiertes Artefakt […]. Darüber hinaus werden die Gräuel des Nationalsozialismus zwar abstrakt verurteilt, aber feinsäuberlich von der sie umgebenden Geschichte getrennt. […] Die Frage danach, wer die Shoah organisiert und durchgeführt hat, wer sie deckte, stützte oder mindestens beschwieg, wird nicht gestellt, und wenn doch vereinzelt, dann verkommt sie entpersonalisiert und entkonkretisiert zu leeren Gesten. (Salzborn 2020: 93)

 

 

1 Durch eine Beschränkung von Twitter können lediglich die letzten 3.200 Tweets eines Accounts heruntergeladen werden. Von 41 Accounts wurden mehr als 3.200 Tweets geschrieben, sodass diese nicht komplett im Datensatz abgebildet werden können.

 




Literatur

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