„Bin ich noch Muslim, wenn ich Israel nicht mehr hasse?“ – politisch-historische Bildung im Kontext des islamischen Antisemitismus

Der vorliegende Beitrag befasst sich mit dem Phänomen des islamischen Antisemitismus. Er schildert, welche unterschiedlichen Erscheinungsformen der islamische Antisemitismus hat und zeigt Handlungskompetenzen für die historisch-politische Bildungsarbeit auf. Im Artikel werden die Erscheinungsformen des islamischen Antisemitismus, z. B. bei Verschwörungsmythen, erörtert und es wird herausgearbeitet, wie man diesem Phänomen in der pädagogischen Praxis begegnen kann. Der islamische Antisemitismus wird dabei verstanden als einer von vielen Spielarten des Antisemitismus, die sich voneinander fließend abgrenzen, jedoch häufig mit ähnlichen Bildern und Motiven agieren. Um diesen zu begegnen, braucht es eine anerkennende Pädagogik für die unterschiedlichen Lebenswelten deutscher Muslim*innen, die keine Konfrontation scheut und gleichzeitig Empathie fördert.

 

Mit der Fluchtmigration zwischen den Jahren 2013 und 2016 erhielt der Antisemitismus innerhalb der muslimischen Community eine neue Aufmerksamkeit. Es wurde vom „importierten Antisemitismus“ gesprochen, mit dem Deutschland nun konfrontiert sei, bzw. von einem „neuen“ Antisemitismus, der allerdings nicht so neu ist, da Muslim*innen seit über 50 Jahren in der Bundesrepublik Deutschland leben. Dieser Artikel beschäftigt sich mit dem islamischen Antisemitismus und seinen Erscheinungsformen. Dabei soll das Phänomen nicht als ein exklusives und abgekoppeltes behandelt, sondern in einem gesamtgesellschaftlichen Kontext betrachtet werden, in dem 75 Jahre nach der Shoah der Antisemitismus in Deutschland nicht nur lauter wird, sondern auch gewalttätiger und offensiver. Die Auseinandersetzung mit den Erscheinungsformen des islamischen Antisemitismus in Deutschland bietet einen ersten Überblick über das Phänomen und kann, durch die Benennung der Ursachen, neue Lösungsstrategien und -wege aufzeigen. Die Analyse soll dabei unterstützen, das Thema islamischer Antisemitismus so anzugehen, dass rassistische Stereotype gegenüber Muslim*innen differenziert betrachtet und nicht reproduziert werden. Der Artikel befasst sich nicht mit „der“ muslimischen Community, sondern mit Milieus innerhalb der muslimischen Community, in denen Antisemitismus als Welterklärung und als Gefühl präsent ist.

Zwei bekannte und verkürzte Erklärungsmuster

Innerhalb der letzten Jahre gibt es häufig zwei bekannte Erklärungsmuster, die Antisemitismus in der muslimischen Community thematisieren, wobei beide Erklärungen darauf beruhen, den Antisemitismus in seinen tiefen Dimensionen nicht zu berücksichtigen. Oft ist von der Aussage „Muslime sind die neuen Juden!“ die Rede, mit der versucht wird, auf die Rassismuserfahrungen von muslimischen Menschen aufmerksam zu machen. Diese überspitzte Aussage soll zwar den Fokus auf den Rassismus gegenüber Muslim*innen legen, allerdings stellt sich hier die Frage, wieso es dazu den Referenzrahmen der Shoah braucht. Jüdinnen und Juden wurden in Deutschland enteignet, deportiert und systematisch vernichtet. Muslim*innen sind in Deutschland oft Rassismus ausgesetzt, sie sind auf dem Arbeitsmarkt oder bei der Wohnungssuche systematisch benachteiligt, doch diesen Rassismus gleichzusetzen mit der systematischen Vernichtung von Jüdinnen und Juden ist nicht nur eine verkürzte und populistische Aussage, sondern auch eine Relativierung der Shoah. Wenn wir ebenfalls davon ausgehen, dass die Shoah singulär ist in der Weltgeschichte, ist diese Aussage umso fälschlicher, weil sich die Shoah eben nicht mit heutigem Alltagsrassismus vergleichen lässt. Des Weiteren wird diese Aussage den Rassismuserfahrungen vieler Muslim*innen nicht gerecht, weil Rassismus und Antisemitismus sich nicht gleichsetzen lassen. Natürlich gibt es Analogien zwischen beiden Phänomenen, aber gerade ihre Unterschiedlichkeit vor allem für die pädagogische Arbeit herauszuarbeiten, ist eines der Kernthemen, die in Bezug auf den Antisemitismus thematisiert werden müssen. Möchte man jungen Muslim*innen empowernd und wertschätzend begegnen, dann ist diese Aussage keine Unterstützung, sondern schafft einen Opferkult, der absurder nicht sein könnte, weil er sich auf die Shoah bezieht und den Opferstatus einer anderen Minderheit instrumentalisiert. Des Weiteren wird die eigene Opfererfahrung so sehr als absolut dargestellt, dass kaum noch Raum ist, um mit anderen Opfergruppen Empathie zu haben oder zu entwickeln.

In Bezug auf die Verbindung zwischen Antisemitismus und Rassismus fällt ebenfalls häufig die Erklärung, dass Muslim*innen antisemitische Einstellungen hätten, weil sie selbst von Rassismus betroffen seien. Dies ist nicht nur in seiner Kausalität falsch, sondern es degradiert den Antisemitismus zu einer bloßen Reaktion. Antisemitismus ist jedoch nie eine Reaktion, sondern immer eine bewusste Entscheidung. Die Darstellung antisemitischer Einstellungen als eine Reaktion auf eigene Benachteiligung macht nicht den Antisemiten für seine Einstellung verantwortlich, sondern sucht in seinem Umfeld eine Entlastung. Dies verkennt, dass der Antisemitismus eine Ideologie, ein Weltbild und vor allem ein Gefühl ist. Zudem degradiert man mit dieser Behauptung Muslime als potentielle Antisemiten, wenn sie Rassismus erfahren. Dass der Antisemitismus auch für Menschen attraktiv erscheint, die selbst von Rassismus betroffen sind, liegt daran, dass im Antisemitismus eine Antwort gefunden wird auf den eigenen Opferstatus – getreu dem Motto: „Wir werden rassistisch behandelt, weil die Juden die Welt regieren und sie es so wollen.“

Erscheinungsformen des islamischen Antisemitismus

Setzen wir uns intensiver mit dem islamischen Antisemitismus auseinander, liegt eine große Erscheinungsform nicht in der islamischen Religion, sondern in gewissen Religionsverständnissen des Islams, die Antisemitismus göttlich zu legitimieren versuchen. Hier spielt insbesondere eine bestimmte Lesart und Theologie eine Rolle, die auf klaren Feindbildern beruht. Ähnlich wie es im Christentum eine antisemitische Tradition gibt, gibt es diese Tradition in anderen Erscheinungsformen auch im Islam. Oftmals werden die wenigen antijüdischen Koranverse und Hadithe, also mündliche Überlieferungen des Propheten, so verallgemeinernd ausgelegt, dass gerade im Islamismus eine text- und religionsimmanente Feindschaft gegenüber Jüdinnen und Juden argumentiert werden kann. Die Auslegung als „Wort Gottes“ soll untermauern, dass es nicht der eigene Wille des Menschen ist, sondern Gottes Wille. Der eigene Antisemitismus wird dabei auf Gott projiziert, sodass diesen Versen scheinbar Folge geleistet werden muss, um als „richtiger Moslem“ anerkannt zu werden.

Diese Strategie der Übertragung auf Gottes Willen, die Judenhass als göttlich legitimieren soll, ist ein wiederkehrendes Argumentationsmuster in der Bildungsarbeit. Die pädagogischen Kräfte sind verunsichert und trauen sich fortan nicht, dies infrage zu stellen, weil es als Angriff auf Gott oder den Islam gedeutet werden kann. In dieser antisemitischen Lesart argumentierend, sind vor allem namhafte Imame wie Ali Juma, Yusuf Qaradawi oder der rechte türkische Vordenker Necmettin Erbakan zu erwähnen. Letzterer begründete die rechte türkische Bewegung Milli Görüs mit und bemüht sich um eine Synthese zwischen exklusivem Nationalismus und religiösem Absolutheitsanspruch. Qaradawi wiederum gilt als einer der führenden Köpfe der Muslimbruderschaft. Seine Fernsehsendung aus Katar, in der er u. a. die Shoah als eine „Strafe Gottes“ verherrlicht, erreicht ein Millionenpublikum im zweistelligen Bereich. Beide haben gemein, dass sie in ihren Schriften und Predigten herausarbeiten, wie angeblich schon im Koran die „Pläne der Juden“ sichtbar sind und von Gott entlarvt werden. Qaradawis Schriften findet man auch in vielen Moscheen in Deutschland, allerdings bemühen sich viele Moscheegemeinden seit einigen Jahren darum, seinen Schriften keine Plattform mehr zu bieten.

Dass es im Koran oder in den Hadithen projüdische Verse gibt, ist zwar für die pädagogische Arbeit sinnvoll, um alternative Lesarten aufzuzeigen, doch gelten gerade diese Verse im Islamismus als fast unsichtbar, um die eigene antisemitische Ideologie nicht zu entkräften. Jedoch sind diese alternativen Lesarten insbesondere deshalb wichtig, weil dadurch die Vielfalt im Islam oder die vielfältigen Islamverständnisse sichtbar werden. Die verschiedenen Islamverständnisse zu thematisieren und vor allem darauf hinzudeuten, was diese Verständnisse letztendlich für das Miteinander von Menschen bedeuten, kann auch eine Methode sein, um Entscheidungsoptionen innerhalb der (eigenen) Religion aufzuzeigen und nicht von „dem Islam“ zu sprechen, der scheinbar nur eine Richtung, nur eine Lesart zulässt.

Judenhass als Teil der Erziehung

Nicht immer muss der religiös motivierte Judenhass eine Erscheinungsform sein, denn natürlich gibt es innerhalb der muslimischen Community Familien, die ihre Kinder säkular liberal oder konservativ erziehen und Judenhass gleichzeitig eine Absage erteilen. Sie verstehen den Islam nicht als eine starre Gesetzesreligion, sondern als eine Quelle der Spiritualität. Daher ist eine weitere Komponente des Judenhasses der Erziehungsstil der Eltern. Vor allem in patriarchalen Milieus kommt es häufiger vor, dass Eltern ihre Kinder antisemitisch erziehen. Insbesondere die Fluchtmigration der Eltern und die Kriegserfahrungen mit Israel spielen eine große Rolle. Dabei wird das eigene Flucht- oder Kriegstrauma dadurch verarbeitet, dass diese Narrative an die eigenen Kinder weitergegeben werden. Dies kann vorsätzlich, aber auch nicht vorsätzlich sein, da die Eltern es wiederum von ihren eigenen Eltern übernommen und diese Narrative selbst nie infrage gestellt haben.

Wenn Kinder in diesen Milieus nicht gehorsam sind, werden sie von den Eltern oft als „Juden“ beschimpft. Im Türkischen fällt oft der Spruch „Hör auf, dich wie ein Jude zu verhalten“. Was dabei Kinder über Juden denken, wenn sie als Juden beschimpft werden, sobald sie etwas Unartiges tun, kann man sich dementsprechend vorstellen. Diese Erziehung dient der Kulturalisierung der Gewalt, soll heißen: Die Gewalt wird Teil der Identität des Kindes. Judenhass wird Teil der Identität des Kindes, weil alles Schlechte mit „den Juden“ verbunden wird. Dieser Hass stellt eine Abhängigkeit zu den Eltern dar, die absolut und distanzlos ist. Die Übertragung des Traumas bindet das Kind noch mehr an die Eltern, sodass Kinder keinen eigenen Willen entwickeln, sondern der Wille der Eltern als etwas Absolutes gilt. Dem wird sich untergeordnet, das Wort der Eltern gilt als Gesetz. Der Judenhass verbindet die Familie und das Kollektiv, während das Individuum immer eine untergeordnete Rolle spielt. Vor allem ist dies, wie bereits erwähnt, in patriarchalen Familien ausgeprägt, weil in diesen Milieus Opfer von Gewalt selbst als Schuldige dargestellt werden und somit keine Empathie erfahren. Oft kann daraus folgen, dass Kinder aus diesen Familien wenig Empathie für andere spüren. Doch es kann auch sein, dass sie sehr empathiefähig sind aufgrund der Gewalt, die sie selbst erlebt haben, und somit empathischer sind als andere, wenn es um die kritische Auseinandersetzung mit Antisemitismus geht.

„Bestimmt stecken wieder die Juden dahinter“

Ein weiterer Aspekt des islamischen Antisemitismus sind Verschwörungsmythen, die gerade in den Medien der Herkunftsländer der Eltern und Großeltern auch im Mainstream zugänglich sind. Eine der größten Verschwörungsmythen bezieht sich auf die israelische Fahne. Dieser Mythos besagt, dass die zwei blauen Striche auf der Fahne die Flüsse Euphrat und Tigris symbolisieren, während der Davidstern in der Mitte verdeutlicht, dass die Juden ein „Großisrael“ planen, welches sich vom Fluss Euphrat bis in den Tigris strecken soll – quasi über den gesamten „Nahen Osten“. Dieser Mythos wird in der Filmbranche reproduziert, insbesondere in der türkischen Serie „Payitaht – Abdül Hamid“, die seit 2015 zu einer der erfolgreichsten Serien der Türkei gehört und inzwischen in über 40 Ländern weltweit ausgestrahlt wird. Dieser antisemitische Verschwörungsmythos unterstellt Jüdinnen und Juden einen expansiven und herrschaftssüchtigen Charakter. Die Delegitimation Israels wird dabei mit der israelischen Fahne erklärt, eines der häufigsten Motive in diesem Kontext.

Der israelbezogene Antisemitismus bezieht sich oft auf Verschwörungsmythen, die zum Beispiel behaupten, Israel habe den Islamischen Staat gegründet, um islamische Länder zu destabilisieren und sie daraufhin für das „großisraelische Projekt“ zu erobern. Gerade in nationalistischen oder in islamistischen Milieus basiert das Geschichtsverständnis darauf, dass hinter allem die Juden als Sündenböcke markiert werden. Die „Protokolle der Weisen von Zion“ werden als „ewiger Beweis“ jüdischer Verschwörungen gesehen. Eine der weiteren Verschwörungsmythen bezieht sich auf die al-Aqsa-Moschee. Demnach werde sie angeblich von Juden in den Katakomben kontrolliert, die an den Grundpfeilern der Moschee arbeiten würden, damit diese irgendwann einstürzt. Das apokalyptische Bild der einstürzenden al-Aqsa-Moschee ist ein wiederkehrendes Element in der Popkultur. So findet sich dieses Bild in Kindersendungen, in denen Ängste und Feindbilder geschürt werden. Auch deshalb wird u. a. von der „Befreiung Jerusalems“ gesprochen – um die al-Aqsa-Moschee zu „schützen“ und letztendlich eine Legitimation für die Behauptung zu haben, dass Muslim*innen im Heiligen Land nur dann frei sein können, wenn der Staat Israel nicht mehr existiert.

Handlungskompetenzen gegen islamischen Antisemitismus

Ein wertschätzender Umgang mit der Lebenswelt deutscher Muslim*innen und ihrer Migrationsgeschichte ist die Basis der historisch-politischen Bildungsarbeit. Ohne eine anerkennende Pädagogik, in der sie Raum bekommen für ihre inneren Widersprüche und ihre ambivalente Rolle zwischen Teil einer Minderheit sein und/oder deutsch sein, kann eine Aneignung von Verantwortung kaum funktionieren. Eine wertschätzende Pädagogik bedeutet aber nicht, dass antisemitische Aussagen damit entschuldigt werden, dass die Jugendlichen selbst von Rassismus betroffen sind. Vielmehr soll die Wertschätzung die Basis dafür bieten, dass Jugendliche ihre Meinung und ihr Weltbild offen und ehrlich mit anderen teilen und sich dadurch eine Streitkultur entwickelt. Dieser geschützte Raum wird oft wertschätzend angenommen und in diesem Raum kann es auch passieren, dass antisemitische Aussagen fallen. Diese Aussagen nicht stehen zu lassen, sie zu konfrontieren und trotzdem weiterhin einladend zu diskutieren, bringt die Jugendlichen zu einem selbstreflexiven Prozess. Gemeinsam zu hinterfragen, woher diese Einstellungen kommen, von wem man diese Gerüchte über die Juden aufgeschnappt hat, wann man das erste Mal etwas über Juden gehört hat und wie man zu seiner Meinung und zu seinem Weltbild kommt – diese Methode des begleitenden Entdeckens ist nicht nur nah an den Jugendlichen, sondern bietet Konfrontationsmöglichkeiten. Die Jugendlichen müssen begreifen, dass ihre antisemitischen Aussagen ernst genommen werden und über diese Aussagen diskutiert und gestritten wird.

Es ist für die Bildungsarbeit wichtig, den islamischen Antisemitismus gesamtgesellschaftlich einzuordnen: Er ist einer von vielen Antisemitismen in Deutschland, der insbesondere in der Rap-Szene oder in den sozialen Medien vorkommt. Muslim*innen ausschließlich in Bezug auf islamischen Antisemitismus anzusprechen, ist in der pädagogischen Praxis nicht zielführend, da erstens die betroffenen Jugendlichen sich an den Pranger gestellt fühlen und zweitens Jugendliche aus der „Mehrheitsgesellschaft“ dieses Gedankengut ebenfalls teilen – vor allem, wenn es beim Thema „Nahostkonflikt“ darum geht, sich einseitig mit den Palästinenser*innen zu solidarisieren, während der Terror der Hamas verharmlost wird und die Sorgen und Sicherheitsbedürfnisse der jüdisch israelischen Bevölkerung klein geredet und mit antisemitischen Klischees der jüdischen Omnipräsenz aufgeladen werden. Bei der Thematisierung des islamischen Antisemitismus kommt es darauf an, Jugendlichen alternative Welt- und Gottesbilder anzubieten. Dem bestrafenden Gott, der scheinbar Juden verflucht hat, kann man anhand von Koran- oder Hadithquellen einen Gott entgegenstellen, der offen für Dialoge ist und Menschen als verantwortungsvolle, selbstbestimmte Lebewesen begreift. Eine Auseinandersetzung mit antijüdischen Passagen im Koran und in den Hadithen muss dabei nicht automatisch bedeuten, dass man seine Religion ablehnt oder als antisemitisch einstuft. Die kritische Betrachtung dieser Passagen und die Diskussion darüber kann Wege eröffnen, mit diesen Versen kritisch und reflektiert umzugehen. Es geht darum, heilige Texte nicht gehorsam zu absorbieren, sondern sie mit seiner eigenen Haltung und mit eigenen Werten zu vergleichen. Zudem braucht es keine theologische Diskussion über solche Passagen: Das Vergleichen mit eigenen Werten und dem eigenen Weltbild ist eine Methode, die von der Diskussion wegführt, in der nur die Kategorien haram und halal existieren.

Auch Verschwörungsmythen sind oft Gegenstand der pädagogischen Arbeit. In Bezug darauf kann das Thematisieren von Fakten eine erste Alternative sein – gerade dann, wenn es darum geht, das System der israelischen Demokratie und der Knesset zu erarbeiten sowie eine historische Entwicklung des „Nahostkonfliktes“ zu vollziehen. Allerdings ist es hier ebenso wichtig, die Funktionen von Verschwörungsmythen zu durchleuchten. Insbesondere die psychologische Komponente sowie der Aufbau von Verschwörungsmythen, die fast immer mit einem Verdacht beginnen und letztendlich mit der logischen Schlussfolgerung enden, dass „die Juden“ hinter allem stecken, gilt es aufzudecken. Menschen, die an diese Mythen glauben, meinen, im Besitz einer exklusiven Wahrheit zu sein, während sie „der Masse“ unterstellen, dass sie gelenkt und kontrolliert wird. Diese psychologische Komponente zu reflektieren, birgt die Chance, die Gefahren von Verschwörungsmythen sichtbar zu machen und zeigt, dass diese Mythen gerade im Antisemitismus und in der Radikalisierung von Gewalt eine immense Rolle spielen. Die wichtigste Methode in der Bekämpfung antisemitischer Einstellungen bezieht sich jedoch auf die eigenen (vererbten) Gefühle sowie die eigene Sozialisation. Der Kampf gegen Antisemitismus beginnt mit der Reflexion der eigenen Denkmuster und vor allem mit den Narrativen der Eltern und Großeltern, die bei der Übertragung antisemitischer Einstellungen eine wichtige Rolle einnehmen. Diese Selbstreflexion beugt vor, dass der Antisemitismus extern verlagert wird und immer nur bei den „anderen“ gesehen wird. Die Analysefähigkeit des Antisemitismus in unserer Gesellschaft ist von großer Bedeutung, allerdings muss diese Auseinandersetzung in der Reflexion der eigenen Denkmuster und des eigenen Weltbildes münden. Erst hier erfolgt die Erkenntnis, dass Antisemitismus nicht allein das Problem der Jüdinnen und Juden ist, sondern dass die eigene Person in einem Kontext verortet wird, in dem es handelnde Menschen braucht, die den Antisemitismus bekämpfen und sich für eine demokratische Gesellschaft einsetzen. Wenn die eigene Person begriffen wird als Teil des Ganzen, als Individuum, das durch Verantwortung und Handlung Antisemitismus bekämpfen kann, kann durch Zivilcourage und Partizipation an diesem Ziel gearbeitet werden.

Um eine Übertragung auf andere Formen des Antisemitismus zu gewährleisten, ist die Thematisierung und Entlarvung von Täterstrategien bedeutsam. Die Analyse von Täterstrategien, zum Beispiel die Verharmlosung antisemitischer Taten oder die Darstellung von Opfern antisemitischer Gewalt als Täter*innen und Provokateur*innen, bezieht sich auf Situationen, in denen man als Außenstehender einen Fall analysiert, und wird darüber hinaus eingesetzt, um eigene Täterstrategien kritisch zu reflektieren. Der selbstreflexive Prozess beschäftigt sich nicht nur mit den Strategien der Täter*innen, sondern schafft eine neue Sensibilität für die Erfahrungen der Opfer. In der Auseinandersetzung mit Antisemitismus die Betroffenenperspektive einzunehmen, schafft einen Perspektivwechsel. Diese Perspektive ist zentral, um das zu fördern, was im Kampf gegen Antisemitismus ein Fundament ist: Empathie und die kognitive Fähigkeit, sich in die vielfältigen Perspektiven jüdischer Menschen hineinzuversetzen.

 

Literatur

Tokatlı, Mahir/Yılmaz, Burak (2019): Antisemitismus in der Türkei. Verschwörungsmythen und kontrafaktische Geschichtsschreibung in der TV- Serie „Payitaht – Abdülhamid“ als popkulturelles Politikinstrument. In: Jahrbuch der Antisemitismusforschung 28, S. 355–379.
Fritzsche, Maria/Jacobs, Lisa/Schwarz-Friesel, Monika (2019): Antisemitismus in deutschsprachigen Rap und Pop, Online: www.bpb.de/politik/extremismus/antisemitismus/285539/antisemitismus-im-deutschsprachigen-rap-und-pop [20.09.2020].