Politische Verschwörungstheorien über Covid-19: Befunde aus drei empirischen Studien

Während Covid-19 waren Verschwörungstheorien häufig in den Medien – darunter auch politische Verschwörungstheorien, also die Idee, dass Mächtige in der Gesellschaft das Virus gezielt benutzten, um anderen zu schaden. In drei Studien untersuchten wir den Einfluss von politischen Verschwörungstheorien auf Gedanken und Verhaltensweisen, die für ein gesellschaftliches Miteinander in der Pandemie relevant sind. Die Studien zeigen, dass sowohl der Glaube als auch die Konfrontation mit einer politischen Verschwörungstheorie negative Auswirkungen nach sich ziehen: Das Vertrauen in staatliche Institutionen und deren Maßnahmen sowie die Bereitschaft zur Einhaltung von Physical Distancing sinkt, während alternative Mittel verstärkt eingenommen werden.

Mit den Berichten über das neue Virus Covid-19 verbreiteten sich auch damit verbundene politische Verschwörungstheorien in den Medien, also Verschwörungstheorien darüber, dass Mächtige in der Gesellschaft das Virus gezielt benutzten, um anderen zu schaden: Einige solcher Theorien behaupten, das Virus werde gezielt benutzt, kleinere Unternehmen zu vernichten (Heynkes 2020), der Wirtschaft zu schaden (Mitchell 2020) oder das politische System zu untermauern, z. B. mit dem Ziel, eine Diktatur zu errichten (Lengsfeld 2020; Schubert 2020). In einer repräsentativen Befragung (Razum 2020) stimmten 34 % der Deutschen der Aussage zu, dass die Medien auf Druck der Regierung wichtige Fakten über das Virus verschweigen, was einer Verschwörungstheorie über Politik und Medien gleich käme.

Eine Kritik, z. B. an politischen Maßnahmen oder einzelnen politischen Entscheidungen, ist dabei noch keine Verschwörungstheorie. Entscheidend für das Vorliegen von politischen Verschwörungstheorien im Vergleich zu schlichter Kritik ist in dem Fall das Unterstellen von bösen Absichten und die Verbindung von Ereignissen, die sich durch andere (kausale) Zusammenhänge erklären lassen. So ist die Tatsache, dass Covid-19 kleineren Unternehmen schadet, kein Beweis dafür, dass jemand das Virus absichtlich mit diesem Ziel verbreitet. Meistens führen rationale Argumente nicht dazu, dass die Überzeugung korrigiert wird, was dadurch begünstigt werden kann, dass jegliche vorgebrachten Argumente als Beweis für das Ausmaß und die Vertuschung der eigentlichen Verschwörung betrachtet werden (Douglas et al. 2017; Lewandowsky/Cook 2020). Um diesen Unterschied zu wissenschaftlichen Theorien zu betonen, sprechen manche Wissenschaftler:innen und Journalist:innen von Verschwörungsmythen oder Verschwörungserzählungen (vgl. den Beitrag von Frindte in diesem Band).

Im Folgenden soll zunächst darauf eingegangen werden, welche Faktoren einen Beitrag geleistet haben könnten, dass sich politische Verschwörungstheorien rund um Covid-19 verbreiteten. Dann werden eigene Studien zu den Folgen solcher Verschwörungstheorien zusammengefasst.

Hat die Pandemie die Entstehung politischer Verschwörungstheorien begünstigt?

Verschwörungstheorien und ihre Anhänger:innnen waren in der letzten Zeit sehr präsent in den Medien, u. a. ausgelöst durch Proteste und Aufmärsche wie die Querdenken-Demonstrationen oder der Ansturm auf das US-Kapitol. Dies erweckt eventuell den Anschein, dass der Anteil der Menschen, die an eine Verschwörungstheorie glauben, gestiegen ist. Für Deutschland lässt sich dies jedoch nicht bestätigen (Roose 2020) und auch international ist dies fraglich (Sutton/Douglas 2020). Die Pandemie war jedoch ein guter Nährboden für die Entwicklung von speziellen Verschwörungstheorien rund um Covid-19 und die Beteiligung der Politik: Unsicherheit und Kontrollverlust, wie sie auch durch die Pandemie ausgelöst wurden, wecken das Bedürfnis, Ereignisse zu erklären und einen tieferen Sinn dahinter zu suchen (Van Prooijen/Douglas 2017). Ein weiterer Faktor ist, dass einem tiefgreifenden Ereignis (wie z. B. Einschränkungen im Privatbereich oder Schließungen von Geschäften) oft auch eine wichtige Ursache (bewusste Manipulation und Planung) zugeschrieben wird (McCauley/Jacques 1979; Leman/Cinnirella 2007; Van Prooijen/Van Dijk 2014). Der Beginn der Pandemie war zudem durch fehlende und wenig strukturierte Information geprägt. Dies führte teilweise dazu, dass später Informationen und Regelungen erst von Wissenschaft und Politik kommuniziert und später korrigiert wurden (z. B. das Tragen von Masken betreffend). Dies weckt zusätzliche Unsicherheit und verstärkt Misstrauen, insbesondere bei Menschen, die schon vor der Pandemie misstrauisch gegenüber Politikern, größeren Institutionen oder der Pharmaindustrie waren (Van Prooijen 2020; Imhoff et al. 2018).

Die gesellschaftlichen Folgen von Verschwörungstheorien

Welche Auswirkungen hat der Glaube an eine politische Covid-19-Verschwörungstheorie (fortan abgekürzt: PCV), also der Glaube, dass Mächtige in der Gesellschaft das Virus gezielt benutzten, um anderen zu schaden? Dieser Frage sind wir vom Leibniz-Institut für Wissensmedien (Lotte Pummerer, Kevin Winter und Kai Sassenberg) zusammen mit Robert Böhm, Lau Lilleholt und Ingo Zettler von der Universität Kopenhagen in drei Studien nachgegangen.

In den Studien haben wir untersucht, inwiefern der Glaube an und die Konfrontation mit solch einer Verschwörungstheorie mit Gedanken und Verhaltensweisen zusammenhängt, die für ein gesellschaftliches Miteinander in der Pandemie relevant sind. Dies waren: Vertrauen in die Regierung, die Bereitschaft, von der Pandemie Betroffenen zu helfen (z. B. einen Einkauf zu erledigen für Personen in der Risikogruppe), die Einhaltung von Physical Distancing sowie die Unterstützung und Einhaltung von Maßnahmen der Regierung, die für die Eindämmung der Pandemie eingeführt wurden (z. B. die Schließung von Schulen oder Restaurants). Weiterhin wurden persönliche Verhaltensweisen im Umgang mit dem Virus erfasst, darunter die Einhaltung von empfohlenen Hygienemaßnahmen sowie das Verfolgen von alternativen Maßnahmen (z. B. die Einnahme homöopathischer Mittel). Genauere Details zu den Variablen sowie den Studien können bei Pummerer et al. (2021) nachgelesen werden.

Mit welchen Faktoren hängt der Glauben an eine politische Covid-19-Verschwörungstheorie zusammen?

In einer ersten Studie in Dänemark wurde erfasst, mit welchen Einstellungen und berichtetem Verhalten der Glaube an eine PCV einhergeht. Hierfür wurden 5.000 Einwohnerinnen und Einwohner Dänemarks zufällig ausgewählt und im Rahmen einer wöchentlichen Umfrage angeschrieben. Für die Studie konnten Antworten von 425 Personen ausgewertet werden. Die Ergebnisse belegen: Personen, die an eine PCV glaubten, hatten weniger Vertrauen in die Regierung, unterstützen die Regierungsmaßnahmen weniger, waren weniger bereit, von der Pandemie Betroffenen zu helfen und sie hielten sich weniger an Physical Distancing. Interessanterweise berücksichtigten sie – trotz der Ablehnung von Physical Distancing – in gleichem Maße andere empfohlene Hygienemaßnahmen wie Personen, die nicht an eine PCV glaubten.

In einer Folgestudie mit deutschen Studierenden wurden die Befunde aus Dänemark bestätigt: Personen, die an eine PCV glaubten, hatten weniger Vertrauen in die Regierung, zeigten erneut weniger Unterstützung für Regierungsmaßnahmen, waren weniger bereit, von der Pandemie Betroffenen zu helfen und hielten sich weniger an Physical Distancing. Genau wie in Dänemark berücksichtigten sie aber in gleichem Maße die vom Robert Koch-Institut empfohlenen Hygienemaßnahmen. In dieser Studie erfragten wir außerdem, ob alternative Maßnahmen zur Bekämpfung des Virus ergriffen werden. Es lässt sich konstatieren: Personen, die an eine PCV glaubten, wendeten sich verstärkt alternativen Maßnahmen zu, also z. B. homöopathischen Mitteln, Naturheilmitteln oder Nahrungsergänzungsmitteln, vermehrte körperliche Betätigung oder das Trinken von Ingwer-Tee, um einer Infektion mit COVID-19 entgegenzuwirken.

Wie wirkt sich der Glaube an Verschwörungstheorien über die Zeit hinweg aus?

In dieser Studie wurden außerdem die Auswirkungen der PCV über die Zeit hinweg betrachtet. Hierfür wurden die gleichen Personen noch einmal ca. acht Wochen später befragt, um zu untersuchen, ob sich beobachtete Befunde verstärken. Hier zeigte sich: Bei Menschen, die an eine PCV glaubten, sank im Zeitverlauf das ohnehin geringere Vertrauen in die Regierung noch weiter.

Was passiert bei einer Konfrontation mit einer Verschwörungstheorie?

Die bisherigen Studien betrachteten, wie sich der Glaube an eine PCV auf genannte Faktoren auswirkt. In den sozialen Medien werden Menschen jedoch häufig mit (politischen) Verschwörungstheorien konfrontiert und müssen erst überlegen und prüfen, ob sie an diese glauben oder nicht. In einer weiteren Studie untersuchten wir deshalb, wie sich die Konfrontation mit einer Verschwörungstheorie auf genannte Faktoren auswirkt. Die Studie wurde unter 242 Studierenden durchgeführt. Etwa die Hälfte der Studierenden bekam einen Text zu lesen, welcher zunächst Zweifel säte und dann eine politische Covid-19-Verschwörung nahelegte. Im Anschluss fragten wir beide Gruppen nach ihrem Vertrauen in die Regierung, ihre Zustimmung zu den Maßnahmen, die Unterstützung von Physical Distancing und die Bereitschaft, von der Pandemie Betroffenen bei einem erneuten starken Ausbruch des Coronavirus zu helfen. Personen, die den Text über die politische Covid-19-Verschwörungstheorie lasen, zeigten danach weniger Unterstützung für Regierungsmaßnahmen und gaben an, sich weniger an Physical Distancing halten zu wollen. Wie in den bisherigen Studien hatte das Lesen der Texte keinen Einfluss auf die Einhaltung von Hygienemaßnahmen.

Fazit

1. Politische Verschwörungstheorien erschweren die Bekämpfung der Pandemie.

In drei Studien wurde gezeigt, dass sich sowohl der Glaube an als auch eine Konfrontation mit einer PCV auf unser Verhalten auswirkt und so die Bekämpfung der Pandemie erschwert. Personen, die eher an eine PCV glaubten, zeigten eine geringere Bereitschaft, sich an Physical Distancing zu halten, und eine geringere Bereitschaft für die Unterstützung von Maßnahmen wie der Schließung von Schulen, Restaurants etc., welche wichtige Bausteine der Bekämpfung der Pandemie waren.

2. Personen, die an eine politische Verschwörung glauben, reagieren auf die Pandemie – allerdings nicht mit der Einhaltung von Physical Distancing, sondern mit „alternativen“ Maßnahmen.

Personen, die an eine PCV glaubten, reagierten in ihrem Verhalten durchaus auf die Pandemie. Auch wenn sie weniger Physical Distancing berichteten, hielten sie sich doch in gleichem Maße an die empfohlenen Hygienemaßnahmen wie Personen, die nicht an eine PCV glaubten. Weiterhin ist auffällig, dass sie verstärkt „alternative“ Maßnahmen ergriffen. Wissenschaftlich bestätigte Wege für die Bekämpfung des Virus, wie Physical Distancing, wurden vernachlässigt. Die Pandemie wurde also nicht ignoriert; vielmehr versuchte dieser Personenkreis, dem Virus mit anderen Mitteln zu begegnen.

3. Auch die Konfrontation mit einer politischen Verschwörungstheorie hat negative Konsequenzen.

Die berichteten Studien zeigen: Nicht nur der Glaube an eine PCV, sondern bereits die Konfrontation mit einer PCV hat Auswirkungen. Dies ist besorgniserregend, da Menschen über soziale Medien sehr schnell mit Verschwörungstheorien in Kontakt kommen. Andere Studien zeigen, dass der Einfluss einer Konfrontation mit Verschwörungstheorien auf einen selbst unterschätzt und eventuell nicht wahrgenommen wird (Douglas 2008).

Es liegt also auch am Individuum, aufmerksam zu sein, ob und wenn es mit Verschwörungstheorien konfrontiert ist. Das Wissen um die Kennzeichen von Verschwörungstheorien sowie Faktenchecker können eine Hilfestellung sein. Hierfür braucht es Aufklärung und Bildung. Weiterhin lohnt es sich, dem durch Verschwörungstheorien ausgelösten Misstrauen aktiv entgegenzuwirken, z. B. indem vorhandene Prüfmechanismen im Zusammenspiel von Politik, Wissenschaft und Journalismus stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückt sowie politische Entscheidungen (auch deren Änderungen) erläutert werden.

Die Tatsache, dass auch eine Konfrontation mit einer politischen Verschwörungstheorie ähnliche Folgen hat wie der Glaube an eine Verschwörungstheorie, unterstreicht die Verantwortung des Einzelnen – beispielsweise bei der Weiterleitung von Nachrichten. Es sollte genau geprüft werden, ob etwa mit einer Nachricht in sozialen Medien eine Verschwörungstheorie transportiert wird. Das bedeutet nicht, dass Kritik gegenüber der Politik und politischen Entscheidungen per se unterbunden werden soll. In Fällen, in denen allerdings vorschnell von Folgen auf Ursachen geschlossen wird oder in denen bewusste und böse Absichten unterstellt werden, lohnt es sich, genau hinzuhören, kritisch zu bleiben und gegebenenfalls einen Faktenchecker zurate zu ziehen.

 

 

Literatur

Douglas, Karen M./Sutton, Robbie M. (2008): The hidden impact of conspiracy theories: Perceived and actual influence of theories surrounding the death of Princess Diana. In: Journal of Social Psychology, 148, Heft 2, S. 210–221.
Douglas, Karen M./Sutton, Robbie M./Cichocka, Aleksandra (2017): The Psychology of Conspiracy Theories. In: Current Directions in Psychological Science, 26, Heft 6, S. 538–542.
Freeman, Daniel/Waite, Felicity/Rosebrock, Laina (2020): Coronavirus Conspiracy Beliefs, Mistrust, and Compliance with Government Guidelines in England. In: Psychological Medicine, S. 1–13.
Heynkes, Jörg (2020): Die Schuld der Anderen. Online: www.cicero.de/wirtschaft/corona-wirtschaft-folgen-schuld-demonstrationen [31.03.2021].
Imhoff, Roland/Lamberty, Pia/Klein, Olivier (2018): Using Power as a Negative Cue: How Conspiracy Mentality Affects Epistemic Trust in Sources of Historical Knowledge. In: Personality and Social Psychology Bulletin, 44, Heft 9, S. 1364–1379.
Leman, Patrick J./Cinnirella, Marco (2007): A major event has a major cause: Evidence for the role of heuristics in reasoning about conspiracy theories. In: Social Psychological Review, 9, Heft 2, S. 18–28.
Lengsfeld, Vera (2020): Der Ausnahmezustand als neue Normalität. Online: vera-lengsfeld.de/2020/10/29/der-ausnahmezustand-als-neue-normalitaet/ [31.03.2021].
Lewandowsky, Stephan/Cook, John (2020): The Conspiracy Theory Handbook. Online: sks.to/conspiracy [25.02.2021].
McCauley, Clark/Jacques, Susan (1979): The popularity of conspiracy theories of presidential assassination: A Bayesian analysis. In: Journal of Personality and Social Psychology, 37, Heft 5, S. 637–644.
Mitchell, Bill (2020): Tweet (later deleted): twitter.com/mitchellvii/status/1232258919831146499. Text: „The survival rate of Coronavirus is nearly 98%. When you count young, healthy adults, it is closer to 99.5%. Why is this being marketed as The Black Plague? Democrats get to crash the economy and Chinese get protesters off the streets of Hong Kong.”
Pummerer, Lotte/Lilleholt, Lau/Winter, Kevin/Zettler, Ingo/Sassenberg, Kai (2021): Societal effects of corona conspiracy theories. In: Social Psychological and Personality Science, S. 1–11.
Razum, Jordi (2020): Globale Studie: Desinformationen durchdringen Gesellschaften weltweit. Online: www.freiheit.org/de/freedomfightsfake-globale-studie-desinformationen-durchdringen-gesellschaften-weltweit [22.02.2021].
Roose, Jochen (2020): Verschwörung in der Krise. Repräsentative Umfragen zum Glauben an Verschwörungstheorien vor und in der Corona-Krise, Konrad-Adenauer-Stiftung: Berlin.
Schubert, Stefan (2020): Vorsicht Diktatur! Wie im Schatten von Corona-Krise, Klimahysterie, EU und Hate Speech ein totalitärer Staat aufgebaut wird. Kopp: Rottenburg.
Sutton, Robbie M./Douglas, Karen M. (2020): Agreeing to disagree: Reports of the popularity of Covid-19 conspiracy theories are greatly exaggerated. In: Psychological Medicine, S. 1–3.
van Prooijen, Jan Willem (2020): An Existential Threat Model of Conspiracy Theories. In: European Psychologist, 25, Heft 1, S. 16–25.
van Prooijen, Jan Willem/Douglas, Karen M. (2017): Conspiracy theories as part of history: The role of societal crisis situations. In: Memory Studies, 10 Heft: 3, S. 323–333.
van Prooijen, Jan Willem /van Dijk, Eric (2014): When consequence size predicts belief in conspiracy theories: The moderating role of perspective taking. In: Journal of Experimental Social Psychology, 55, S. 63–73.