Das Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft ist aus dem NSU-Komplex heraus entstanden. Nicht aus einer theoretischen Debatte, sondern aus einem realen und folgenreichen Scheitern. Aus der Erfahrung, dass rassistische Gewalt über Jahre nicht als solche erkannt, nicht ernst genommen und nicht verhindert wurde. Und aus der Einsicht, dass Rechtsextremismus, Menschenfeindlichkeit und demokratische Erosion nicht am Rand der Gesellschaft entstehen, sondern oft lange in ihrer Mitte wirken. Still. Normalisiert. Verdrängt.
Als das IDZ im Sommer 2016 seine Arbeit aufnahm, ging es nicht darum, ein weiteres Forschungsinstitut zu etablieren. Es ging um eine grundsätzliche Frage: Was braucht eine Demokratie, wenn sie unter Druck gerät?
Unsere Antwort war von Anfang an klar: Wissenschaft darf hier nicht abseitsstehen. Sie muss hinschauen, einordnen und, wenn nötig, widersprechen. Und sie muss ihre Erkenntnisse öffentlich machen, auch dann, wenn sie irritieren oder bestehende Gewissheiten infrage stellen.
Zehn Jahre später hat sich vieles verändert. Entspannter ist es nicht geworden.
Radikalisierung, Hass und Desinformation prägen öffentliche Debatten heute in anderer Form als noch vor einem Jahrzehnt. Digitale Räume haben an Bedeutung gewonnen, Konflikte beschleunigen sich und die Grenzen zwischen öffentlicher Diskussion, Mobilisierung und Einschüchterung sind oft fließend.
Zugleich erleben wir eine zunehmende Normalisierung von Ungleichwertigkeitsvorstellungen und eine wachsende Skepsis gegenüber demokratischen Institutionen und zivilgesellschaftlichem Engagement. Dass gerade die Forschung zu diesen Entwicklungen unter politischen Druck gerät, ist kein Randphänomen. Es gehört zur gegenwärtigen Lage.
Am IDZ beschäftigen wir uns seit zehn Jahren mit genau diesen Dynamiken. Mit Rechtsextremismus, Demokratiefeindlichkeit, Gewalt und Diskriminierung und mit der Frage, was demokratische Gegenwehr unter veränderten Bedingungen tatsächlich stärkt.
Unser Anspruch war und ist eine öffentliche, menschenrechtsorientierte Demokratieforschung. Öffentlich heißt für uns nicht vereinfachend oder gefällig, sondern zugänglich, überprüfbar und anschlussfähig. Forschung soll Orientierung bieten, ohne Komplexität zu leugnen. Sie soll erklären, ohne zu beruhigen. Und sie soll dort sichtbar sein, wo demokratische Selbstverständlichkeiten brüchig werden.
Was das konkret bedeutet, haben wir in der Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Akteur*innen, mit Kommunen, Beratungsstellen und Initiativen gelernt. Viele unserer Fragestellungen sind nicht am Schreibtisch entstanden, sondern aus Gesprächen vor Ort, aus Konflikten, aus konkreten Bedarfen.
Als Strukturprojekt im Thüringer Landesprogramm für Demokratie, Toleranz und Weltoffenheit ist unsere Arbeit von Beginn an eng mit diesen Erfahrungen verbunden. Mit unseren Situations- und Ressourcenanalysen für die Partnerschaften für Demokratie tragen wir dazu bei, demokratische Arbeit realistisch einzuschätzen. Wir zeigen, wo Engagement unter Druck steht, wo Ressourcen fehlen und wo Handlungsspielräume bestehen. Diese Analysen liefern keine fertigen Lösungen, aber sie schaffen eine gemeinsame Grundlage für strategische Entscheidungen und Weiterentwicklung.
Ein weiterer Lernprozess betrifft die wachsende Bedeutung digitaler Räume. Früh wurde deutlich, dass Radikalisierung, Hass und Desinformation nicht nur Begleiterscheinungen gesellschaftlicher Konflikte sind, sondern diese aktiv prägen.
Deshalb untersuchen wir am IDZ Radikalisierungsprozesse in sozialen Netzwerken, Online-Hass und digitale Diskursdynamiken sowie deren Auswirkungen auf Betroffene, auf zivilgesellschaftliches Engagement und auf politische Entscheidungsprozesse. Dabei geht es uns nicht nur um die Beschreibung einzelner Phänomene, sondern um das Verständnis von Dynamiken, die demokratische Öffentlichkeit insgesamt verändern.
Seit 2020 ist das IDZ zudem einer der Standorte des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ). Die Arbeit im FGZ hat unseren Blick nochmals erweitert. Gesellschaftlicher Zusammenhalt zeigt sich nicht dort, wo Konflikte ausbleiben, sondern dort, wo sie ausgehalten und bearbeitet werden.
In der bundesweiten Zusammenarbeit bringen wir Erfahrungen aus Thüringen in überregionale Debatten ein und nehmen umgekehrt neue Perspektiven mit zurück in die regionale Praxis. Zusammenhalt ist für uns kein harmonischer Zustand. Er ist konflikthaft und bleibt fragil, wenn Ausgrenzung, Gewalt und Ungleichheit nicht ernsthaft thematisiert werden.
Ein zentrales Instrument für den kontinuierlichen Transfer von Beobachtungen, Erfahrungen und Analysen zwischen Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Politik ist unsere Schriftenreihe „Wissen schafft Demokratie“ (WsD). Sie begleitet die Arbeit des IDZ seit den Anfängen und spiegelt die thematischen Verschiebungen der vergangenen Jahre wider – von Rechtsextremismus und Diskriminierung über gesellschaftlichen Zusammenhalt bis hin zu digitalen Konflikten. Die Schriftenreihe ist Ausdruck unseres Anspruchs, Forschung in öffentliche Debatten einzuspeisen. Wissen soll handlungsfähig machen und zum Widerspruch einladen.
Dieser Ansatz bleibt nicht ohne Gegenwind. In den vergangenen Jahren erleben wir immer häufiger Angriffe auf unsere Arbeit, über soziale Medien, über verzerrende Berichterstattung und über parlamentarische Anfragen, in denen unsere Finanzierung oder unsere angebliche Neutralität infrage gestellt wird. Gemeint ist dabei selten wissenschaftliche Qualität. Gemeint ist oft die Erwartung, bestimmte Dinge nicht mehr so klar zu benennen. Dass Rechtsextremismus existiert. Dass Menschenfeindlichkeit reale Folgen hat. Und dass Demokratie verteidigt werden muss. Diesen Erwartungen widersprechen wir: Demokratie braucht keine falsche Neutralität. Sie braucht Klarheit, Einordnung und Verantwortung. Wissenschaft ist nicht parteipolitisch, aber sie ist auch nicht wertfrei. Die Gleichwertigkeit aller Menschen ist keine Meinung, sondern Voraussetzung demokratischen Zusammenlebens.
Zehn Jahre IDZ sind zehn Jahre Forschung, Transfer, Zusammenarbeit und Lernen. Unser Dank gilt allen Partner*innen, die diesen Weg mit uns gegangen sind. Den zivilgesellschaftlichen Akteur*innen vor Ort, den Kolleg*innen in Wissenschaft, Politik und Verwaltung, und all jenen, die mit uns diskutiert und weitergedacht haben. Demokratiearbeit ist keine Einzelleistung. Sie lebt von Vertrauen, Verlässlichkeit und gemeinsamer Verantwortung. Das IDZ ist aus dem NSU-Komplex heraus entstanden. Dieser Ursprung ist kein Kapitel der Vergangenheit. Er bleibt Maßstab und Auftrag. Bis heute.
von Anne Tahirovic und Dr. Axel Salheiser