Aktuelles aus der Forschung

In unserer Rubrik „Aktuelles aus der Forschung“ präsentieren wir in alphabetischer Reihenfolge Kurzzusammenfassungen ausgewählter aktueller wissenschaftlicher Publikationen internationaler Autor*innen. Vorgestellt werden wissenschaftliche Studien, Artikel und Bücher. Die Inhalte der jeweiligen Publikationen werden entweder zusammengefasst wiedergegeben und/oder es werden Passagen direkt aus den angegebenen Originalquellen zitiert; diese Stellen sind dann mit Anführungszeichen versehen.

Behjat, Shila (2025). Frauen und Revolution

Über die Publikation

Shila Behjats Werk beschäftigt sich mit der Rolle von Frauen in zeitgenössischen Demokratiebewegungen. Dabei weist die Autorin in ihrem Buch darauf hin, dass Frauen in der Geschichte häufig treibende Kräfte hinter revolutionären Umbrüchen, Demokratiebewegungen und Aufständen waren. Gleichzeitig sei deren Rolle aber „bisher kaum Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtung[en]“. 

Methode

Im Buch wird die Rolle von Frauen in Revolutionen, so die Autorin, anhand konkreter Ereignisse wie der „Frau, Leben, Freiheit“-Bewegung und individueller Biografien von Frauenrechtlerinnen dargestellt. Dazu hat die Autorin Gespräche mit Protagonistinnen der Frauenbewegungen aus unterschiedlichen Ländern geführt. Gleichzeitig wird die Rolle von Frauen in politischen Aufständen eingeordnet. Behjat bezieht sich in ihrem Buch vor allem auf die Bewegungen im Iran, Sudan, Belarus und Polen in den letzten fünf Jahren.

Zentrale Befunde/Aussagen

„Vom Iran bis Belarus, von Fridays for Future bis zu den großen Diskriminierungsdebatten – Revolutionen und gesellschaftliche Wandlungsprozesse haben heute oft ein weibliches Gesicht. Ausgehend von den mutigen Frauen im Iran fragt die vielfach ausgezeichnete Journalistin Shila Behjat nach den Besonderheiten weiblichen Protests. Aus Gesprächen mit den Anführerinnen der Bewegungen entsteht eine lebendige Reportage, die zeigt: Auch unter widrigsten Umständen sind Frauen schon lange nicht mehr nur Opfer, sondern Protagonistinnen der Geschichte. Ist es längst angebrochen, das weibliche Zeitalter? „Frauen und Revolution“ ist ein engagiertes Plädoyer – für ein neues Frauenbild, einen Feminismus der Stärke und weibliche Solidarität, die keine Ländergrenzen kennt.” (aus der Verlagswerbung)

Die vollständige Publikation finden Sie hier:

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/shila-behjat-frauen-und-revolution-9783446281417-t-5519

Quelle

Behjat, Shila (2025). Frauen und Revolution. Hanser Verlag, München.

da Empoli, Giuliano (2025). Die Stunde der Raubtiere. Macht und Gewalt der neuen Fürsten

Über die Publikation

In diesem Buch analysiert der Politikwissenschaftler und Publizist Giuliano da Empoli die Verschiebung westlicher Demokratien hin zu Autokratien und fragt, wer davon profitiert. Er beschreibt „Tech-Konquistadoren“ (S. 90) und knüpft an die Machtlogik der Borgianer des 16. Jahrhunderts (S. 45) an. Diese „Raubtiere“ bedrohten heute die regelbasierte Ordnung (S. 67).

Methode

Da Empoli verbindet politische Analyse mit historischer Tiefenschärfe und essayistischer Zuspitzung. Er verknüpft aktuelle Ereignisse mit ideengeschichtlichen Linien von der Renaissance bis zur Gegenwart und stützt sich dabei auch auf eigene Erfahrungen als Politikberater.

Zentrale Befunde/Aussagen

Da Empoli diagnostiziert eine Zeit der Gewalt, Unberechenbarkeit und Enthemmung. Begünstigt werde diese Entwicklung durch Big Tech: zunächst durch soziale Netzwerke, heute durch Künstliche Intelligenz. In einer Tour de Force durch die letzten zehn Jahre zeigt er die Traditionslinie politischer „Raubtiere“ von Niccolò Machiavelli über die Borgias bis in die Gegenwart. Ausgehend von Einblicken in die UN-Generalversammlung 2024 beschreibt er eine Politik, die von „fast nur männlichen Körpern“ geprägt sei (S. 16). Die internationale Ordnung erscheine als Boys Club aus Politik, Tech-Oligarchie und Wissenschaft, der Deutungshoheit und Machtverteilung unter sich aushandelt. Auffällig ist, dass seine Erzählungen nahezu ausschließlich von Männern handeln. Trotz der zweiten Auflage 2025 wirkt das Buch zugleich als Rückschau und Prophezeiung. So prognostiziert er etwa: „Seine (Trumps) Wiederwahl im Jahr 2025 wird wahrscheinlich zum vollständigen Aussterben der Berufsdiplomaten führen.“ (S. 32) Die Eskalation globaler Gewalt erklärt er damit, dass Angriff wieder billiger sei als Verteidigung; digitale bis biologische Kriegsführung könnte mithilfe von KI dezentral von zuhause aus geführt werden (S. 37–39). Über Donald Trump führt er zu Wladimir Putin und Mohammed bin Salman sowie zu Tech-Akteuren wie Eric Schmidt, Demis Hassabis und Sam Altman.

Die vollständige Publikation finden Sie hier:

https://www.chbeck.de/da-empoli-stunde-raubtiere/product/38898663

Quelle

da Empoli, Giuliano (2025). Die Stunde der Raubtiere. Macht und Gewalt der neuen Fürsten. 2. Auflage. C. H. Beck, München.

Lang, Juliane (2025). Rechtsextremismus und Geschlecht im Wandel

Über die Publikation

Juliane Langs Buch bietet einen breiten Überblick über die wichtigsten Aspekte des Themenfeldes – von rechtsextremen Zugriffen auf die Lebenswelten von Frauen und Mädchen und verschiedenen Perspektiven auf geschlechtsspezifische Sozialisations-, Politisierungs- und Radikalisierungsmuster bis hin zur Rolle von Frauen im Kontext des Rechtsterrorismus. Die Autorin gilt als ausgewiesene Expertin einer „geschlechterreflektierenden Rechtsextremismusforschung“. Sie forscht und lehrt am Institut für Politikwissenschaft der Justus-Liebig-Universität Gießen und ist u. a. Principal Investigator im BMFTR-geförderten Verbund GERDEA (Wechselwirkungen zwischen gesellschaftlichen Geschlechterverhältnissen und der zeitgenössischen extremen Rechten. Dynamiken – Effekte – Ambivalenzen).

Methode

Juliane Lang betrachtet verschiedene Felder geschlechterreflektierender Rechtsextremismusforschung im Zeitverlauf und fragt nach der Bedeutung der Ergebnisse für einen Transfer in unterschiedliche Anwendungsfelder. Das Buch leistet einen wissenschaftlichen Beitrag zum Verständnis der vergeschlechtlichten Dimensionen des (bundesdeutschen) Rechtsextremismus und zeigt Handlungsperspektiven auf. Juliane Lang verortet die geschlechterreflektierende Rechtsextremismusforschung im In-Between der Disziplinen von Rechtsextremismus- und Geschlechterforschung und formuliert ein Plädoyer für eine stärkere gegenseitige Bezugnahme.

Zentrale Befunde/Aussagen

„Der alleinige Blick auf die vergeschlechtlichten Dimensionen erklärt das Phänomen Rechtsextremismus nicht umfassend, und doch lässt sich das Phänomen nur ausreichend beschreiben und analysieren, wenn dieser Eingang findet. […] Vor dem Hintergrund einer weitgehenden Vernachlässigung geschlechterrelevanter Fragestellungen in der frühen Rechtsextremismusforschung war (und ist) es Anliegen geschlechterreflektierender Forschung im Feld, auf die Bedeutung von Geschlecht für die Analyse der autoritären und extremen Rechten zu verweisen.“ (Aus der Einführung, S. 6)

Die vollständige Publikation finden Sie hier:

https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-658-48009-7

Quelle

Lang, Juliane (2025). Rechtsextremismus und Geschlecht im Wandel. Springer VS, Wiesbaden.

Lavizzari, Anna/Terlizzi, Andrea (2026). Strategies of agenda denial: Anti-gender opposition to LGBTQ+ policies in Italy

Über die Publikation

Der Beitrag widmet sich dem Thema agenda denial, also wie politischen Anliegen, spezifisch LGBTQ+-Gleichstellungsmaßnahmen, ein Platz auf der politischen Agenda verweigert wird, um den Status quo aufrechtzuerhalten.

Methode

Der Artikel untersucht die Frage anhand einer qualitativen Inhaltsanalyse von Transkripten mehrerer Parlamentsdebatten sowie offiziellen Dokumenten der Anti-Gender-Organisationen, wie Pressemitteilungen, Interviews oder Zeitungsartikeln. Dabei wird auf drei Ebenen eingegangen: konkrete Argumentationstechniken, die übergeordnete agenda denial-Strategie sowie die Art der argumentativen Grundlage (emotional oder rational) der Anti-Gender-Akteur*innen.

Zentrale Befunde/Aussagen

Empirisch zeigt sich, dass in parlamentarischen sowie außerparlamentarischen Kontexten die agenda denial-Strategie attack and redefinition gegenüber der Strategie avoidance dominiert, es also häufiger zu einer direkten Konfrontation kommt. In Hinblick auf die argumentativen Grundlagen zeigt sich, dass rational orientierte Argumente vorrangig bei der avoidance-Strategie eingesetzt werden, um mit selektiven Daten und Fakten zu rechtfertigen, eine Beschäftigung mit LGBTQ+-Gleichstellungsgesetzen sei nicht nötig. Emotional basierte Argumente werden dagegen eher bei konfrontativen Strategien genutzt, um diesen durch das Auslösen von Wut oder Angst mehr Nachdruck zu verleihen. Insgesamt zeigt sich, dass durch agenda denial maßgeblich gestaltet wird, welche Anliegen als legitim konstruiert und welche Gruppen als schutzbedürftig angesehen werden. Dies unterstreicht die zunehmende ideologische Annäherung zwischen rechten Parteien und außerparlamentarischen Anti-Gender-Organisationen. Darüber hinaus wird, je nach konkreter Politik, Akteur*in und Publikum, strategisch zwischen rational-kognitiven und emotional-affektiven Unterfütterungen der Argumente changiert. Letztere verflechten sich zunehmend mit populistischen Kommunikationsstilen und Verschwörungsideen.

Die vollständige Publikation finden sie hier:

https://doi.org/10.1017/S1475676526101327 

Quelle

Lavizzari, Anna/Terlizzi, Andrea (2026). Strategies of agenda denial: Anti-gender opposition to LGBTQ+ policies in Italy. European Journal of Political Research, 1–22.

Luy, Mischa (2025). Die erwartete Katastrophe. Eine sozialwissenschaftliche Analyse des Preppens

Über die Publikation

Über das Preppen bestehen viele Mythen und vereinfachte Sichtweisen. Dass hinter dem Phänomen tiefer liegende Bedürfnisse in krisenbehafteten Gesellschaften stecken und Preppen bei Weitem nicht so randständig ist, wie es oft scheint, zeigt die Dissertation von Mischa Luy. Sie ist eine der ersten empirischen Untersuchungen in ein schwer zugängliches Milieu.

Methode

Luy nutzt in seiner qualitativen Studie narrative Interviews und konnte dabei zehn Personen (neun Männer, eine Frau) über ein Gesuch in einschlägigen Gruppen auf Facebook akquirieren. Die Berufsstände sind vielfältig: von Polizisten und Ingenieuren bis zu einer Psychologin und einem Lehrer. Luy wertete mithilfe des Grounded-Theory-Ansatzes die Inhalte aus.

Zentrale Befunde/Aussagen

In der Auswertung der Interviews zeichnet Luy auf Grundlage seiner Interviews verschiedene Topoi des Preppens nach. Da wäre zunächst das Vulnerabilitätsbewusstsein von Prepper*innen, wonach die eigene und gesellschaftliche Verletzlichkeit einen Grundimpuls dafür gibt, auf Katastrophen vorbereitet zu sein und eine gewisse Vigilanz an den Tag zu legen. Luy hebt dabei die Bedeutung apokalyptischer Semantiken hervor und geht auf kulturpessimistische Gesellschaftsdiagnosen ein. Einen weiteren Topos beschreibt Luy als Suffizienzerwartung: den „Wunsch auf Konservierung, Herstellung und den Ausbau von Suffizienz“ (S. 191). In diesem Sinne spiegeln sich Bedürfnisse nach sozialer Absicherung: Sicherheit besteht darin, dass sowohl die eigene Versorgung und Unversehrtheit als auch die Versorgung anderer gewährleistet ist. Luy leuchtet in seiner Analyse auch die Graustufen aus – bspw. wenn er die Lust an der Katastrophe im Kontext filmischer und popkultureller Anleihen beschreibt. Abschließend geht er auf den Zusammenhang von Rechtsextremismus und Preppen ein und gibt dabei ein differenziertes Bild, das der Diversität des Phänomens gerecht wird. Luys Studie zeichnet sich durch einen reflektierten Umgang mit seinen Gesprächspartner*innen aus.

Die vollständige Publikation finden Sie hier:

https://psychosozial-verlag.de/programm/2000/2700/3453-detail

Quelle

Mischa Luy (2025). Die erwartete Katastrophe. Eine sozialwissenschaftliche Analyse des Preppens. Gießen, Psychosozial Verlag.

Mühlhoff, Rainer (2025). Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus 

Über die Publikation

Das Buch bietet einen äußerst fundierten und gut lesbaren Überblick über zentrale Begriffe, ideologische Strömungen und aktuelle Entwicklungen an der Schnittstelle von New Tech und Alt-Right.

Methode

Aus ideologiekritischer Perspektive analysiert der Philosoph und Informatiker Mühlhoff systematisch das Spannungsverhältnis zwischen Tech-Ideologien, autoritär-antidemokratischen und faschistoiden Strömungen und demokratischen, rechtsstaatlichen Prinzipien und Institutionen. Ausführlich werden die zentralen politischen Manifeste der Tech-Branche analysiert. Zusätzlich werden historische Fallanalysen vor dem Hintergrund gegenwärtigen Entwicklungen diskutiert, um Kontinuitäten.

Zentrale Befunde/Aussagen

Mühlhoff zeigt, dass KI-Systeme keineswegs neutrale Werkzeuge sind, sondern über tiefgreifende politische und gesellschaftliche Implikationen verfügen. Das Narrativ, wonach KI durch die massenhafte Verarbeitung von Daten nahezu alle gesellschaftlichen Probleme lösen könne, entfaltet eine starke Sogwirkung, verdeckt jedoch die wesentlichen Konfliktlinien: KI-Anwendungen klassifizieren Menschen mittels wahrscheinlichkeitstheoretischer Vorhersagen auf Basis massenhaft gesammelter Verhaltensdaten. Dadurch verstärken sie bereits bestehende Ungleichheiten und verändern demokratische Verständigungsprozesse über Fragen von Faktizität, Repräsentation und Partizipation grundlegend. Diese Prozesse gehen einher mit einer Umverteilung kollektiver Ressourcen hin zu privatwirtschaftlichen Oligopolen. Ohne demokratische Kontrolle wird KI so zu einem idealen Instrument „autoritärer oder gar faschistischer Tendenzen“ (S. 35). Den eigentlichen Kern dieser problematischen Allianz erkennt Mühlhoff in den ideologischen Wurzeln von Alt-Right und Big Tech. Viele prägende Denkfiguren einflussreicher Tech-Akteur*innen teilen trotz aller Unterschiede zentrale Annahmen der autoritären Rechten: die Naturalisierung sozialer Ungleichheit, die Privilegierung elitären Wissens und eine grundsätzliche Skepsis, teils sogar offene Ablehnung gegenüber zentralen demokratischen Prinzipien.

Die vollständige Publikation finden Sie hier:

https://www.reclam.de/produktdetail/kuenstliche-intelligenz-und-der-neue-faschismus-9783150147894

Quelle

Mühlhoff, Rainer (2025). Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus. Ditzingen, Reclam.

Nassehi, Armin (2026). Anmerkungen zum Antisemitismus. Die Funktion der Judenfeindschaft und das westliche Selbstverhältnis

Über die Publikation

Der Münchner Soziologe Armin Nassehi untersucht die gesellschaftliche Funktion des modernen Antisemitismus. Dafür entwickelt er ein systemtheoretisch fundiertes Argument, wonach sich im modernen Antisemitismus grundlegende Probleme westlicher Selbstverhältnisse artikulieren.

Methode

Wissend um die politisierten Diskussionen um Antisemitismus-Definitionen vermeidet Nassehi eine eindeutige Bestimmung und normative Bewertungen des Gegenstands (S. 104) und umkreist in der Plausibilisierung seiner These einen „funktionalistischen Zirkel“ (S. 71). Aufbauend auf Überlegungen Jean-Paul Sartres versteht er Antisemitismus als Bezugsproblem, das sein Objekt selbst hervorbringt und fragt nach den Bedingungen, unter denen Antisemitismus als persistentes Problem sichtbar wird.

Zentrale Befunde/Aussagen

Als Systemtheoretiker fragt Nassehi danach, „welches Problem des Antisemiten durch den Antisemitismus gelöst werden soll“ (S. 59). Ihn interessiert, warum der moderne Antisemitismus ausgerechnet im Zuge jüdischer Emanzipation und Assimilation im 19. und 20. Jahrhundert derart virulent und gewaltförmig wurde (S. 41). Trotz großer Schnittmengen zu anderen Formen des Ressentiments sei Antisemitismus insofern eigenständig, als ihm „die Unmöglichkeit einer bruchlosen Selbstbeschreibung in der Sozialdimension“ (S. 142 f.) innewohne. Das Jüdische sei im historischen Prozess der Modernisierung weder eigen noch fremd, sondern werde zu einer Art „selbstähnlichem Fremden“ (S. 79). Auf diese Weise bietet Antisemitismus dort eine entlastende Funktion an, wo moderne Gesellschaften mit ihren eigenen Widersprüchen konfrontiert werden. Demnach sei der moderne Antisemitismus ein „Lackmustest“ (S. 143) dafür, wenn moderne Selbstbeschreibungen ihre Probleme auslagern und so eine „Konfrontation mit eigener Unzulänglichkeit“ (S. 74) umgehen. Die Funktion des Antisemitismus bestehe darin, „Formen des Selbst adressierbar zu machen, sie dennoch nicht als unmittelbare Selbstkritik zu formulieren“ (S. 164).

Die vollständige Publikation finden Sie hier:

https://www.chbeck.de/nassehi-anmerkungen-antisemitismus/product/40256432

Quelle

Nassehi, Armin (2026). Anmerkungen zum Antisemitismus. Die Funktion der Judenfeindschaft und das westliche Selbstverhältnis. München, C.H. Beck.

Pollmann, Anna/Möllmann, Christopher (Hg.). (2025). Schlüsselbegriffe gesellschaftlichen Zusammenhalts

Über die Publikation

Das zweibändige ‚Nachschlagewerk‘ ist ein Publikationsprojekt im Kontext des vom BMFTR geförderten FGZ und wurde vom Konstanzer Standort des FGZ initiiert und editiert.

Methode

Das Buch versammelt wissenschaftliche Essays namhafter Autor*innen zu folgenden Stichworten: Allianzen, alte Bundesrepublik, altern, Antisemitismusdefinition, B1 (gemeint ist das Sprachniveau), barrierefrei, Beziehungsanbahnung, Bruderland, citizenship, Dauerleihgabe, eckiger Tisch, Eigenheim, einsam, Einzugsgebiet, Engagement, erben, gesundheitliche Versorgungsstrukturen, gleichwertige Lebensverhältnisse, Grundsicherung, intersektional, Kneipe, Ko-, Kohleausstieg, Labor, Manifest, mehrsprachig, Mindestlohn, Mitte-Studie, moralisieren, Nebenklage, obdachlos, Plattformökonomie, politische Bildung, Privileg, Racial Profiling, repräsentativ, Schulbuch, Seenotrettung, soziale Mischung, soziale Reproduktion, streiten, Suchbarkeit, Tierwohl, trans, Umfrage.

Zentrale Befunde/Aussagen

„Ließe sich die politische und mediale Rhetorik der Bundesrepublik des vergangenen Jahrzehntes auf eine Sehnsuchtsformel bringen, es wäre die des ‚gesellschaftlichen Zusammenhalts‘. In der modernen Gesellschaft hatte der Bewegungsbegriff des Fortschritts das Versprechen ökonomischen Wohlstands, technologischer Entwicklung und politischer Emanzipation gebündelt. Die Rede vom ‚Zusammenhalt‘ evoziert dagegen eher Bewahren als Modernisieren, eher Nostalgie als Utopie, eher Immobilisierung als Bewegung. […] In diesem kritischen Vokabular wird die rasante Verbreitung des ‚Zusammenhalts‘ in verschiedenen Praxisfeldern nachgezeichnet und durchleuchtet. Durch marginale, konflikthafte und in alltäglichen Praktiken situierte Begriffe wird die hegemoniale Rede vom Zusammenhalt dabei vorzugsweise von den Rändern her erschlossen und dezentriert.“ (Aus der Verlagswerbung)

Die vollständige Publikation finden Sie hier:

www.wallstein-open-library.de/9783835356979-schluesselbegriffe-gesellschaftlichen-zusammenhalts.html (PDF-Version, Open Access)

Quelle

Pollmann, Anna/Möllmann, Christopher (Hg.). (2025). Schlüsselbegriffe gesellschaftlichen Zusammenhalts: Ein kritisches Vokabular. 2 Bände. Wallstein, Göttingen.

Rieger-Ladich, Markus (2025). Identitätspolitik. Zur Zukunft eines umstrittenen Projekts

Über die Publikation

Das Essay diskutiert die Möglichkeit zu emanzipatorischer Identitätspolitik und fragt u. a. danach, ob Entwicklungen in Teilen der Linken hin zu exklusiver Solidarität und partikularistischer Anteilnahme „falschen theoriepolitischen Entscheidungen“ geschuldet seien (S. 15).

Methode

Rieger-Ladich baut sein Argument auf, indem er den Rückblick auf die Gleichheitsversprechen der Aufklärung sowie auf die Emanzipationsbewegungen von Arbeiter*innen, Schwarzen und Frauen wirft. So zeichnet er die Notwendigkeit zum Aufstand all jener nach, die von den großen Philosophen der Aufklärung in ihren Versprechen auf Freiheit und Gleichheit missachtet wurden, um die von eben jenen Philosophen doch universalistisch rechtfertigten Rechte selbst einzufordern.

Zentrale Befunde/Aussagen

Besondere Aufmerksamkeit wirft Rieger-Ladich auf das Combahee River Collective, ein Bündnis Schwarzer und lesbischer Frauen, die im Jahr 1974 erstmals explizit die eigene Identität zum Kern ihrer Politik machten: „‚Uns ist bewusst, dass wir die einzigen Menschen sind, denen wir wichtig genug sind, um beständig für unsere Befreiung zu kämpfen.‘“ (S. 52) Dennoch kommt Rieger-Ladich zu dem Schluss, dass es diesem den Zerwürfnissen der Frauenbewegung entsprungenen Kollektiv nicht um eine Essentialisierung von Identität ging, sondern eine breite Bündnispolitik als Mittel zum Ziel galt. Der Autor zeichnet im weiteren Verlauf nach, wie es mit der vollständigen Dekonstruktion von Identität und Subjekt im französischen Poststrukturalismus schließlich zur Kehrtwende kommt: Aus dem für die politische Praxis notwendigen So-tun-als-ob (strategischer Essentialismus) folgte eine Verhärtung von „Identität“, der das Fluide, Ephemere und Uneindeutige (S. 77) abhandengekommen scheint. Dennoch weist Rieger-Ladich die Kritik zurück, dass es dadurch zu einer Annäherung linker und rechter Identitätspolitik gekommen sei, schließlich ist für letztere doch die Ablehnung universalistischer Gleichheit zentral.

Die vollständige Publikation finden Sie hier:

https://www.reclam.de/produktdetail/identitaetspolitik-zur-zukunft-eines-umstrittenen-projekts-9783150146620

Quelle

Markus Rieger-Ladich (2025). Identitätspolitik. Zur Zukunft eines umstrittenen Projekts. Ditzingen, Reclam. 

Scheele, Sebastian (2025). Privileg und Politik: Allyship in feministischen und antirassistischen Bewegungen

Über die Publikation

Sebastian Scheele analysiert, wie sich der Privilegiendiskurs als „eine bestimmte Art der Verhandlung von Machtverhältnissen“ (S. 8) v. a. im pädagogischen Kontext entwickelt und verfestigt hat. Im Zentrum stehen feministische und antirassistische soziale Bewegungen im deutschsprachigen Raum.

Methode

Der Privilegiendiskurs wird mittels einer an Foucault orientierten Diskursanalyse untersucht. Dabei werden in der Arbeit Strukturen von Wissensbeständen und „die Regeln der Sagbarkeit“ analysiert, inspiriert von der wissenssoziologischen Diskursanalyse nach Reiner Keller. Aus einer Bewegungsperspektive rekonstruiert Scheele die Entstehung und Verfestigung des Diskurses entlang der drei Arenen Schule/Hochschule, berufliche Fortbildung und Workshop.

Zentrale Befunde/Aussagen

Scheele konstatiert ein ambivalentes Potenzial des Privilegiendiskurses. Einerseits ermöglicht dieser eine Sensibilisierung für Machtverhältnisse und die eigene Positioniertheit. Andererseits besteht die Gefahr, dass kollektive politische Handlungsmöglichkeiten zugunsten individualisierter Verantwortungszuschreibungen in den Hintergrund treten (S. 240). Anhand der Analyse verschiedener Handlungsanleitungen zu Allyship wird deutlich, dass es für eine erfolgreiche Themen- und Problemadressierung durch soziale Bewegungen mehr erfordert als die Reflexion eigener Privilegien. Auch wenn die Reflexion die „ethische Substanz“ des Privilegiendiskurses darstellt (S. 179) und sich die Reflexion durch ihre Unabschließbarkeit auszeichnet, besteht die Gefahr, dass politische Praxis hinter der fortlaufenden Beschäftigung mit eigenen Privilegien zurücktritt. Vor diesem Hintergrund plädiert er dafür, dass Bewegungen auch als Aufgaben, Arbeitsteilungen und andere Dynamiken in kollektiven Prozessen betrachtet werden. Abschließend entwickelt er eine „Werkzeugkiste“ für soziale Bewegungen und zeigt, wie Erkenntnisse des Privilegiendiskurses produktiv integriert werden können (S. 265–272).

Die vollständige Publikation finden Sie hier:

https://www.edition-assemblage.de/buecher/privileg-und-politik/ 

Quelle

Scheele, Sebastian (2025). Privileg und Politik: Allyship in feministischen und antirassistischen Bewegungen. Münster, edition assemblage.

Schilk, Felix et al. (Hg.). (2026). Hybrider Rechtsextremismus

Über die Publikation

Der Sammelband betrachtet den Forschungsstand zu Konzepten, Ausdrucksformen und Präventionsansätzen eines neuartigen, hybriden Rechtsextremismus, also eines Rechtsextremismus, der durch „große Variabilität und Fluidität gekennzeichnet“ ist und „adaptiv auf diskursive Gelegenheiten und gesellschaftliche Rahmenbedingungen“ (S. 8) reagiert. Die Publikation verdeutlicht, dass Rechtsextremismus ein durch Ambivalenz und Anpassungsfähigkeit gekennzeichnetes Feld, ist das zwischen Machtstreben und der Flucht in eskapistische Alternativwelten oszilliert.

Methode

Die Publikation umfasst 13 Beiträge zu fünf Schwerpunkten, die sich über eine Vielzahl qualitativer und quantitativer methodischer Ansätze, von Netzwerkanalysen über die Untersuchung von Computerspielen bis hin zu Gruppendiskussionen, erstrecken.

Zentrale Befunde/Aussagen

Die Beiträge des Bandes verbindet die Einsicht, dass eine Heterogenität und scheinbare Widersprüchlichkeit rechtsextremer Phänomene es ermöglicht, die Demokratie zu destabilisieren – beispielsweise durch den Spagat zwischen simultaner Fundamentalopposition und gemäßigter Realpolitik. Entscheidend für diese Wandlungsfähigkeit sind u. a. neue Ideologiekonstrukte, bei denen der rechtsextreme Kern mit angrenzenden Weltanschauungen oder Brückennarrativen, wie Antisemitismus oder Antifeminismus, vernetzt und somit anschlussfähiger wird. Auch neue Einstiegsräume, z. B. in den Beiträgen zu Active Clubs oder die Tradwife-Bewegung sowie zu lose organisierten, thematisch fokussierten Verbünden, erleichtern die Mobilisierung. Zudem wird die Relevanz digitaler Räume als Katalysator rechtsextremer Mobilisierung und Radikalisierung hervorgehoben. Der Band prognostiziert ein Zeitalter des hybriden Rechtsextremismus, das in der Prävention ein Verständnis für Ideologie und Kommunikation extremistischer Gruppen und die Logiken digitaler Plattformen und Werkzeuge erfordert. 

Die vollständige Publikation finden Sie hier:

https://www.transcript-open.de/isbn/11113

Quelle

Schilk, Felix/Probst, Hans-Ulrich/Müller-Huschke, Valerie/Ostern, Anna Rosa/Hüfner, Kilian (Hg.). (2026). Hybrider Rechtsextremismus. Hegemonie und Eskapismus in (extrem) rechten Netzwerken, Kulturen und Narrativen. Bielefeld, Transcript.

Schindler, Frederik (2025). Höcke. Ein Rechtsextremist auf dem Weg zur Macht

Über die Publikation

Der Band gibt einen Überblick über die politische Biografie des Thüringer AfD-Landessprechers Björn Höcke, seinen ideologischen Hintergrund sowie seine Vertrauten und Netzwerke. Dies hilft dabei, nachzuvollziehen, wie Höcke zu einem der bundesweit prägendsten AfD-Politiker werden konnte.

Methode

Der Band beruht auf Schindlers langjähriger journalistischer Tätigkeit mit Fokus auf die AfD (Recherchen, Interviews mit wesentlichen Protagonist*innen und Analyse von Höckes Reden).

Zentrale Befunde/Aussagen

Mit diesem Band zeigt Schindler auf, wie Höcke strategisch vorgegangen ist und weiterhin vorgeht, um einerseits seinen eigenen Einfluss zu vergrößern und Macht innerhalb und außerhalb der Partei zu gewinnen. Andererseits will Höcke die AfD auch inhaltlich gestalten und im Sinne seiner rechtsextremen Ideologie ausrichten. Diese Darstellung hilft, Höckes herausragende Rolle in der inhaltlichen und politischen Entwicklung der AfD zu begreifen und macht gleichzeitig die Gefahr deutlich, die von ihm für die demokratische Verfasstheit Thüringens und darüber hinaus ausgeht. Um Höckes systematisches Vorgehen nachvollziehbar und verständlich darzulegen, geht Schindler auf Höckes biografische Prägung vor Gründung der AfD ein und legt seine Netzwerke und ideologischen Weggefährten offen. Damit zeigt er, dass Höckes rechtsextreme Ausrichtung bereits vor der Gründung der AfD bestand und er sie bewusst nutzte, um die Partei in seinem Sinne umzugestalten. Schindler betrachtet auch Höckes Vorgehen innerhalb der Partei. Insbesondere zeigt er auf, wie es Höcke gelang, Kritiker*innen und Gegner*innen aus der Partei zu drängen und sich trotz anfänglich starkem Gegenwind, Parteiausschlussverfahren und strafrechtlicher Verurteilungen zu einem der einflussreichsten Parteifunktionäre in Thüringen und bundesweit zu entwickeln. Damit leistet der Band einen Beitrag dazu, der Öffentlichkeit zu verdeutlichen, welche Gefahr von Höcke ausgeht und wie stark die demokratische Kultur durch ihn und seine Netzwerke herausgefordert wird.

Die vollständige Publikation finden Sie hier:

https://www.herder.de/geschichte-politik/shop/p4/92060-hoecke-klappenbroschur/ 

Quelle

Schindler, Frederik (2025). Höcke. Ein Rechtsextremist auf dem Weg zur Macht. Herder, Freiburg, Basel, Wien.

Valentim, Vicente (2024). The Normalization of the Radical Right. A Norms Theory of Political Supply and Demand

Über die Publikation

Vicente Valentim bietet einen erweiterten Blick auf die Normalisierung radikal rechter Positionen und Parteien, indem er die Rolle gesellschaftlicher Normen in diesem Prozess ins Zentrum rückt. 

Methode

Valentim kombiniert unterschiedliche methodische Zugänge: In Survey-Experimenten werden den Befragten Informationen über das Verhalten Dritter präsentiert, um den kausalen Einfluss sozialer Normen auf die eigene Wahlbereitschaft zu isolieren. Ergänzend setzt Valentim Listenexperimente ein, um den verzerrenden Effekt sozialer Erwünschtheit zu minimieren und latente Einstellungen von öffentlich gezeigtem Verhalten zu trennen. Dies wird mit Längsschnittdaten abgeglichen und durch einzelne qualitative Fallanalysen ergänzt. 

Zentrale Befunde/Aussagen

Politikwissenschaftliche Literatur unterstellt häufig eine direkte Korrelation zwischen Einstellungen und Wahlverhalten. Valentim argumentiert hingegen für eine vermittelnde Stufe: den Einfluss gesellschaftlicher Normen und sozialer Sanktionierung. Normalisierung wird nicht als bloße Änderung des Wahlverhaltens, sondern als sozialer Prozess betrachtet. Entscheidend ist, was als gesellschaftlich akzeptabel gilt, da Menschen ihr Verhalten an wahrgenommene soziale Normen anpassen. Laut Valentim haben mehr Menschen latente rechtsradikale Einstellungen, zeigen diese aufgrund sozialer Normen aber nicht öffentlich. Diese Hemmschwelle sinkt jedoch mit zunehmender Legitimierung dieser Positionen durch mediale oder politische Akteur*innen. So wird die Wirkung von „Cordon sanitaire“- bzw. „Brandmauer“-Strategien deutlich, die nicht auf Einstellungen zielen, sondern auf die Aufrechterhaltung jener sozialen Normen und Sanktionierungen. So lässt sich auch ein Paradox aus politikwissenschaftlicher Forschung gut erklären: Während sich in Befragungen viele Personen pro-demokratisch äußern, sind wesentlich weniger gewillt, antidemokratische Politiker*innen abzustrafen.

Die vollständige Publikation finden Sie hier: 

https://academic.oup.com/book/57946

Quelle

Valentim, Vicente (2024). The Normalization of the Radical Right. A Norms Theory of Political Supply and Demand. Oxford University Press, Oxford.