Einleitung
Der Sachsen-Monitor 2023 (Schlinkert et al. 2023, 23 f.) sowie die Autoritarismus-Studie 2024 (Decker et al. 2024, 20–24) zeigen einen Anstieg menschenfeindlicher, nationalistischer und antidemokratischer Einstellungen in Sachsen. Besonders betont werden wachsende Ressentiments, Ausländerfeindlichkeit und ein sinkendes Vertrauen in sowie Legitimationsverlust von Demokratie und staatlichen Institutionen. Diese Entwicklungen gehen einher mit einer stärkeren Verbreitung von Verschwörungsideologien, vor allem unter jungen Menschen. Während die Verbreitung rechtsextremer Einstellungen insgesamt moderat ansteigt, wird die AfD als Katalysator antidemokratischer Dynamiken identifiziert, insbesondere im Osten Deutschlands, wo sie auf tief verwurzelte Ressentiments trifft (Schlinkert et al. 2023, 23–34, Decker et al. 2024, 20–24). Sachsen nimmt im bundesdeutschen Vergleich eine besondere Rolle ein. Neben einem ausgeprägten Protestgeschehen aus dem rechtsextremen Spektrum (Mense 2024, 10) hat es beispielsweise in besagter Einstellungsforschung neben Sachsen-Anhalt und Thüringen in der Verbreitung menschenfeindlicher Einstellungen eine Spitzenstellung. Die Wirkungsansätze rechtsextremer Akteur*innen in Sachsen sind dabei durch eine besondere Vielfalt, Intensität und Strategien gekennzeichnet (vgl. Kulturbüro Sachsen e. V. 2024).
Der Beitrag beleuchtet die antidemokratische Seite der sächsischen Zivilgesellschaft und untersucht insbesondere, wie rechtsextreme Akteur*innen zivilgesellschaftliche Vereine und Initiativen unterwandern, zurückdrängen und diffamieren. Im Zentrum steht dabei die Annahme, dass rechtsextreme Akteur*innen gezielt Strukturen der Zivilgesellschaft nutzen, um ihre Ideologien zu verbreiten und gesellschaftliche Diskurse zu beeinflussen. Während diese Einflussnahme in der Forschung bereits vielfach benannt wurde, richtet sich das Erkenntnisinteresse des Beitrags darauf, wie diese Prozesse konkret ablaufen, welche Mechanismen und Strategien dabei zum Einsatz kommen und welche Auswirkungen dies auf demokratische Initiativen und zivilgesellschaftliche Strukturen in Sachsen hat. Dabei werden bestehende menschenfeindliche und antidemokratische Einstellungsmuster aufgegriffen und verstärkt, sodass die Zivilgesellschaft nicht automatisch demokratischen Prinzipien verpflichtet ist, sondern auch antidemokratischen Strömungen Raum bietet.
Anhand von Beispielen aus Sachsen wird die Vielschichtigkeit rechtsextremer Einflussnahme dargestellt. Aufbauend darauf werden in qualitativen Interviews mit Vertreter*innen demokratischer Initiativen die konkreten Auswirkungen dieser Einflussnahme sowie mögliche Gegenstrategien aufgezeigt. Der Beitrag verfolgt somit das Ziel, die Mechanismen rechtsextremer Unterwanderung, deren Folgen für demokratische Akteur*innen und wirksame Gegenmaßnahmen zu analysieren.1
Zivilgesellschaft: Begriffsklärung und theoretische Perspektiven
Strategien der Einflussnahme rechtsextremer Akteur*innen speisen sich teils aus historischen Vorbildern, etwa der Partei Die Heimat (früher NPD)2, zeigen jedoch auch neue Organisationsformen und Narrative, die in zivilgesellschaftlichen Strukturen Fuß fassen und teilweise anschlussfähiger sind als vorherige Versuche (vgl. Quent und Diedrich 2016; Bringt 2021). Die Zivilgesellschaft wird im Allgemeinen als gesellschaftlicher Raum zwischen Staat, Markt und privater Sphäre definiert, in dem bürgerschaftliches Engagement, politische Partizipation und die Verteidigung demokratischer Werte gefördert werden. Dieser Raum umfasst Organisationen, Netzwerke und Bewegungen, die gesellschaftliche Interessen artikulieren und durchsetzen. Bringt (2021, 16) betont, dass zivilgesellschaftliche Akteur*innen jedoch nicht zwangsläufig progressiv oder gemeinwohlorientiert agieren. Er beschreibt Zivilgesellschaft als ein umkämpftes Terrain, in dem Akteur*innen mit verschiedenen Zielen um Hegemonie kämpfen (vgl. Gramsci in: Leggewie 1987). Die Zivilgesellschaft ist also kein statischer oder homogener Raum demokratischer Werte, sondern von Konflikten und Ambivalenzen geprägt und sich stetig verändernd. Menschenfeindliche und autoritäre Akteur*innen streben gezielt danach, die Offenheit der Zivilgesellschaft für die Erlangung von Diskurshoheit und gesellschaftlicher Hegemonie zu nutzen (vgl. Bringt 2021; Quent und Diedrich 2016). Zivilgesellschaft kann daher als Resonanzraum für rechtsextreme Agitation dienen und selbst antidemokratisch geprägt sein. Auch in Sachsen zeigt sich – und dies bildet die zentrale Ausgangsthese dieses Beitrags –, dass rechtsextreme Akteur*innen gezielt Strukturen der Zivilgesellschaft nutzen, um ihre Ideologien zu verbreiten und gesellschaftliche Diskurse zu beeinflussen. Im weiteren Verlauf des Beitrags wird daher analysiert, wie diese Einflussnahmen konkret aussehen, welche Strategien und Mechanismen dabei wirken und welche Auswirkungen sie auf die demokratische Zivilgesellschaft haben.3 In diesem Beitrag wird sich auf Rechtsextremismus als Sammelbegriff bezogen, der verschiedene Einstellungen, Handlungen und politische Bestrebungen umfasst, die von der Vorstellung der Ungleichwertigkeit von Menschen(-gruppen) ausgehen (vgl. Jaschke 2001, 30).
Rechtsextremismus als soziale Bewegung
Schedler (2017) beschreibt die extreme Rechte als eine soziale Bewegung, die durch lose Netzwerke, charismatische Führer und ideologische Mobilisierung geprägt ist. Sie agiert als kollektive Akteurin, die sowohl innerhalb als auch außerhalb etablierter Institutionen – etwa in Parlamenten, kommunalen Gremien und Vereinen – gesellschaftlichen Wandel herbeizuführen versucht (vgl. Leggewie 1987). Die extreme Rechte bedient sich gezielt dem Einsatz emotionalisierender Rhetorik und der Integration in subkulturelle Milieus, um Anhänger*innen zu rekrutieren und Ideologien der Ungleichwertigkeit zu verbreiten. Charakteristisch für diese Bewegungen ist die ausgeprägte Vielfalt und Flexibilität ihrer Aktionsformen, die von öffentlichen Demonstrationen über die Nutzung digitaler Medien bis hin zu subtilen Ansätzen reichen (Schedler 2017, 315; vgl. auch Klare und Sturm 2017). Besonders in strukturschwachen Regionen Sachsens4 mit einer geringen Präsenz demokratischer Akteur*innen schaffen es diese Bewegungen durch ihre Anpassungsfähigkeit, scheinbar unpolitische und bürgerschaftliche Anliegen für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.
Die extreme Rechte in Sachsen umfasst diverse Strömungen – von Parteien (AfD, Der III. Weg etc.) über subkulturelle Szenen bis hin zum verschwörungsideologischen Lager. Die jeweiligen Ausprägungen beabsichtigen mit unterschiedlichen Strategien verschiedene Ziele und Klientel zu erreichen. Dennoch eint die Strömungen zentrale ideologische Bezüge sowie das übergeordnete Ziel eines autoritären und völkischen gesellschaftlichen Wandels. Regionale Besonderheiten wie wirtschaftliche Unsicherheiten, Strukturschwäche und regional verwurzelte Narrative werden gezielt genutzt: Mit ihrer Hilfe werden Ablehnung gegen Andersdenkende sowie staatliche Institutionen geschürt und rechtsextreme Ideologien befeuert. Protestformen wie die Montagsdemonstrationen oder Aktionen der Identitären Bewegung verdeutlichen die strategische Anpassungsfähigkeit dieser Akteur*innen (vgl. auch Quent und Diedrich 2016).
Extreme Rechte in Sachsen – vielfältige Ansätze der Einflussnahme
In Sachsen wirken rechtsextreme Akteur*innen gezielt in zivilgesellschaftlichen Strukturen, um ihren eigenen Einfluss systematisch auszuweiten. Sie treten in Vereinen, Bürgerinitiativen oder anderen Organisationen auf – als vermeintlich demokratische Bestandteile der Zivilgesellschaft, verbreiten jedoch antidemokratische und menschenfeindliche Inhalte. Die nachfolgenden Beispiele zeigen nicht erschöpfend, welche Form das annehmen kann und wurden bewusst so ausgewählt, dass sie eine strategische Bandbreite rechtsextremer Einflussnahme in Sachsen sichtbar machen. Sie stehen exemplarisch für unterschiedliche Handlungsfelder und Vorgehensweisen. So wird deutlich, mit welchen vielfältigen Mitteln die extreme Rechte versucht, in der Zivilgesellschaft Fuß zu fassen, die Bewegung zu stärken und gesellschaftliche Anschlussfähigkeit herzustellen. Sie ergänzen die Perspektive der interviewten zivilgesellschaftlichen Akteur*innen, indem sie aufzeigen, wie rechtsextreme Einflussnahme konkret funktionieren kann – und welche Mechanismen dabei beispielhaft wirksam werden.
Ein prägnantes Beispiel für die Schaffung eigener Strukturen ist der Verein Ein Prozent mit Sitz in Dresden. Dieser Verein präsentiert sich als „Deutschlands größtes patriotisches Bürgernetzwerk“ (Ein Prozent e. V. 2025). Neben der Produktion eigener Medieninhalte unterstützt Ein Prozent andere rechte und rechtsextreme Akteur*innen mit Ressourcen, Netzwerken und Know-how, insbesondere in der Kampagnenarbeit. Hervorstechend ist bei dem Verein, dass er Aktive verschiedener Strömungen unterstützt (vgl. Ein Prozent e. V. 2017; Kulturbüro Sachsen e. V. 2024) und sich dabei an der Entstehung und Festigung einer Bewegung beteiligt (Ein Prozent e. V. 2025).
Beim Simson-Treffen in Zwickau 2024 wurden zahlreiche rechtsextreme Symbole, Parolen und Handlungen sichtbar, darunter Hakenkreuze, rassistische Morddrohungen, Hitlergrüße und ausländerfeindliche Gesänge, ohne nennenswerte Gegenwehr durch Veranstalter*in, Sicherheitskräfte oder Teilnehmende (Schliepkorte 2024). Die offene Präsenz rechtsextremer Ideologie und die Duldung durch Teile des Publikums zeigen, wie unpolitische Jugend- und Subkulturen von rechtsextremen Akteur*innen als Bühne für ihre Ideologie genutzt werden. Die fehlende Distanzierung oder Intervention verdeutlicht die schleichende Normalisierung rechtsextremer Tendenzen in bestimmten Milieus und die Vereinnahmung solcher Veranstaltungen als Rekrutierungs- und Vernetzungsräume. Gerade die gezielte Ansprache und Rekrutierung junger Menschen wird in den nachfolgenden Interviews mit Vertreter*innen demokratischer Initiativen als zentrales Problem benannt: Dort wird berichtet, wie rechtsextreme Netzwerke spezifische Strategien entwickeln, um Jugendliche – etwa über subkulturelle Angebote, Sportvereine oder soziale Events – für sich zu gewinnen und an die Szene zu binden. Die Beobachtungen beim Simson-Treffen spiegeln somit die in den Interviews geschilderten Mechanismen wider und verdeutlichen, wie solche Veranstaltungen als niedrigschwellige Kontakt- und Anwerbungsorte für rechtsextreme Akteur*innen dienen. Dabei werden nicht nur bestehende rechtsextreme Jugendliche angesprochen, sondern auch bisher unpolitische junge Menschen gezielt in die Szene integriert – ein Muster, das sich in vielen Regionen Sachsens beobachten lässt und von den Interviewpartner*innen als zunehmend bedrohlich für das demokratische Engagement beschrieben wird.
Im Dezember 2024 berichtete die Sächsische Zeitung über eine Spendensammlung der Gruppierung Urbs Turrium, die dem Umfeld des rechtsextremen Jugendblocks zugeordnet wird. Die Gruppe wollte eine Kindereinrichtung finanziell unterstützen, doch diese lehnte die Spende aufgrund der rechtsextremen Hintergründe ab. Werden Spenden abgelehnt, inszenieren sich rechtsextreme Gruppen gezielt als Opfer politischer Diskriminierung (Berndt 2024). Werden sie angenommen, präsentieren sich rechtsextreme Gruppen als Wohltäter, um staatliche Finanzierungslücken zu schließen. Spendensammlungen sind ein wiederkehrend genutztes, manipulatives Mittel, um gesellschaftliche Anerkennung zu gewinnen und rechtsextreme Positionen schrittweise salonfähig zu machen. Wie auch die späteren Interviews mit Vertreter*innen demokratischer Initiativen zeigen, nutzen rechtsextreme Akteur*innen gezielt solche Aktionen, um sich als „Kümmerer“ darzustellen und die eigene gesellschaftliche Akzeptanz zu erhöhen.
Ein weiteres Beispiel ist die Betätigung in (und ggf. Gründung von) kleineren lokal agierenden Vereinen, die auf den ersten Blick unpolitisch auftreten: Der Kampfsportverein Tenno-Karate-Do Chemnitz e. V. etwa präsentiert sich als unpolitischer Sportclub und erhielt kürzlich eine Spende der örtlichen VW-Motorenwerke (Tenno-Karate-Do Chemnitz e. V. 2025). Geleitet wird er jedoch von Felix Menzel und Benjamin Jahn Zschocke, die laut Analysen (Maegerle 2016) und Recherchen (der Rechte Rand 2019; Dokumentieren gegen Rechts 2022) der extremen Rechten zuzuordnen sind. Menzel gilt als wichtige Figur der Neuen Rechten und ist Herausgeber der Blauen Narzisse (Maegerle 2016). Es besteht die Gefahr, dass rechtsextreme Ideologien durch den Sport in die Zivilgesellschaft diffundieren. Solche Strukturen sowie die medienwirksamen Spenden führen zu einem positiven Bild der Arbeit und der Trainer des Vereins, sie fördern deren gesellschaftliche Akzeptanz – und dienen somit potenziell der Normalisierung rechtsextremer Akteur*innen. Kampfsportvereine sind oft wichtige Rekrutierungsräume für Szenenachwuchs und bereiten nebenbei auf den (Straßen-)Kampf mit politischen Gegner*innen vor (vgl. Claus 2023).
Analyse von Interviews mit Vertreter*innen der demokratischen Zivilgesellschaft
Um zu analysieren, wie sich das Wirken der extremen Rechten konkret auf die Zivilgesellschaft auswirkt, wurden im Winter 2024 qualitative Interviews mit zwei Vertreter*innen demokratischer Initiativen aus unterschiedlichen Regionen Sachsens geführt. Die im vorangegangenen Abschnitt dargestellten Beispiele rechtsextremer Einflussnahme wurden so ausgewählt, dass sie zentrale Muster und Handlungsfelder illustrieren, die auch in den Interviews als besonders relevant beschrieben werden. Die Auswahl der Interviewpartner*innen erfolgte gezielt, um verschiedene regionale Erfahrungen und Perspektiven auf rechtsextreme Einflussnahmen abzubilden und orientierte sich an ihrer langjährigen Erfahrung im zivilgesellschaftlichen Engagement sowie ihrer aktiven Rolle in lokalen Netzwerken. Ziel war es, die strukturellen Wirkungen rechtsextremer Strategien im zivilgesellschaftlichen Alltag sichtbar zu machen, anstatt einzelne Einzelfälle zu vertiefen. Die Gespräche erfolgten leitfadengestützt und wurden offen ausgewertet; die Interviewpartner*innen werden im Text namentlich genannt.
S. Spitzner5 und C. Schäfer6 berichten von einer tiefgreifenden Etablierung rechtsextremer Ideologien in der Zivilgesellschaft, was sich in den regionalen Wahlergebnissen der AfD widerspiegele, die teilweise über 50 % erreichten. Beide heben hervor, dass die COVID-19-Pandemie oder Anti-Asyl-Proteste als Katalysator für Radikalisierungsprozesse gewirkt hätten. Insbesondere Menschen, die zuvor als Teil der sogenannten gesellschaftlichen Mitte galten, hätten sich zunehmend rechtsextremen Akteur*innen zugewandt. Die Zunahme demokratiefeindlicher Diskurse in den sozialen Medien habe diese Entwicklung verstärkt. Ein zentraler Punkt von Schäfer ist, dass rechtsextreme Akteur*innen nicht isoliert, sondern tief in die Gesellschaft eingebunden seien. Sie seien in Vereinen aktiv, organisierten Dorffeste oder nähmen an Arbeitsgesprächen teil, wodurch sich ihre Ideologie in alltäglichen Interaktionen normalisiere. Er verweist auf die historische Kontinuität neonazistischer Strukturen in der Region, die seit den 1990er-Jahren bestünden und teilweise staatlich toleriert oder sogar gefördert worden seien, sodass rechtsextreme Organisationen institutionelle Räume für ihre Mobilisierung nutzen konnten (vgl. Quent und Diedrich, 2016). Besonders auffällig sei, dass rechtsextreme Gruppen in der Region keine abgeschotteten Rückzugsorte benötigten, sondern in der Öffentlichkeit agierten. In den Landkreisen Bautzen und Görlitz seien neonazistische Strukturen fest etabliert und reichten von gewaltbereiten Jugendgruppen bis zu völkischen Bewegungen, etwa Der III. Weg, die Stadtpatrouillen organisierten. In Döbeln seien junge Neonazis auf Stadtfesten präsent; völkische Siedler*innen zögen gezielt in die Region und beteiligten sich an örtlichen Aktionen.
Ein weiterer Aspekt ist die gezielte Rekrutierung junger Menschen durch rechtsextreme Netzwerke. Schäfer berichtet von organisierten Anwerbestrategien, die spezifische Zielgruppen adressierten. Gymnasiast*innen sollten durch neurechte Intellektuelle angesprochen, Ober- und Förderschüler*innen über gewaltbereite Gruppierungen und Sportangebote integriert werden. Durch die gezielte Unterwanderung bestehender Institutionen, etwa durch den Versuch, Lehrkräfte und Schulsozialarbeiter*innen zu stellen, werde die rechtsextreme Präsenz auch über zivilgesellschaftliche Kontexte hinaus toleriert. Gleichzeitig beschreiben sowohl Spitzner als auch Schäfer neben der aktiven Mobilisierung junger Menschen die Bedrohung von nicht rechten Jugendlichen als zentrales Problem. Berichte von Einschüchterungen und Bedrohungen, die dazu führen, dass sich nicht rechte Jugendliche aus dem öffentlichen Raum zurückziehen, decken sich mit der Einschätzung der beiden (vgl. Bringt 2023, 93–95). Die Berichte knüpfen damit auch an die oben geschilderten Raumnahme- und Dominanzstrategien sowie an Rekrutierungs- und Normalisierungsbemühungen der extremen Rechten an.
Spitzner betont die Schaffung von Parallelstrukturen durch eine Kümmerer-Strategie: Rechte Akteur*innen inszenierten sich als Helfer*innen in sozialen und wirtschaftlichen Notlagen. Einrichtungen wie das D32 in Döbeln böten Sachspenden und Alltagshilfen – dienten dabei allerdings gleichzeitig als Rückzugsraum für die Akteur*innen. Somit könnten sie sich durch vermeintlich wohltätiges Engagement moralisch aufwerten und schlössen soziale und wirtschaftliche Lücken. So seien beispielsweise rechtsextreme Akteur*innen auch die ersten gewesen, die über lokale Chatgruppen am Tag des Attentats in Aschaffenburg Gedenkveranstaltungen organisierten (LK Bautzen/Görlitz) und Spendenaufrufe für die Flutkatastrophe im Ahrtal (Döbeln) initiierten.
Die Überforderung der demokratischen Zivilgesellschaft macht ein weiteres Problem aus. In beiden Regionen fehle es an öffentlicher Gegenwehr, viele Vereine hielten sich aus politischen Debatten heraus. Die völkische Szene in Mittelsachsen nutze diese Lücke, um zunächst über scheinbar unpolitische Kanäle regionale Veranstaltungen und Ausflugsziele zu bewerben. Später seien jedoch rechtsextreme Demonstrationen und Aktionen beworben und ideologische Inhalte verbreitet worden. Durch schrittweise Normalisierung, etwa in Vereinen oder der Feuerwehr, würden sie Einfluss gewinnen. Gleichzeitig verließen engagierte Demokrat*innen die Region, was die Dominanz der extremen Rechten verstärke. Staatliche Unterstützung bleibe aus. Dadurch entstehe ein Vakuum, das rechtsextreme Netzwerke zunehmend füllten.7 Die strukturelle Schwächung der demokratischen Zivilgesellschaft zeige sich auch durch den Rückzug demokratischer Akteur*innen aus öffentlichen Räumen; die Einschüchterung führe zu einem Rückzug der Bevölkerung aus öffentlichen Debatten. Nur vereinzelt entstünden neue Gruppen gegen den Rechtsruck. Spitzner beobachtet dazu: „[...] das ist irgendwie schon ein ganz anderes Selbstbewusstsein, was natürlich dann überall im öffentlichen Raum spürbar ist, was in allen Vereinsstrukturen spürbar ist, was in den Parlamenten spürbar ist, was in den Verwaltungen spürbar ist. Also es hat sich schon verändert, ja.“ (21:20)
Beide äußerten tiefgreifende Bedenken zur politischen und sozialen Entwicklung in Sachsen. Es besteht die Sorge, dass Teile der CDU sich Haltungen von AfD oder Freien Sachsen anschließen. Es reiche bereits, wenn Einzelpersonen aus solchen Parteien in lokalen Gremien, wie dem Kreistag, sitzen, um die demokratischen Werte zu gefährden. Dies unterstreicht die zunehmende Bedrohung von innen für die demokratische Zivilgesellschaft. Die strukturelle Schwächung der demokratischen Zivilgesellschaft zeige sich zudem in beiden Regionen durch nicht ausreichende finanzielle und politische Unterstützung demokratischer Initiativen. Die Bevölkerung reagiere zunehmend eingeschüchtert. Das äußere sich z. B. in angepassten Öffnungszeiten von Geschäften oder dem Rückzug aus öffentlichen Debatten. Darüber hinaus kam es in Görlitz und anderen Städten wiederholt zu Übergriffen auf Personen, die als ungleichwertig oder einem konstruierten Feindbild entsprechend wahrgenommen werden (vgl. Schedler, 2019). Schäfer hebt hervor, dass diese Angriffe nicht nur ein Zeichen für die wachsende Gewaltbereitschaft der extremen Rechten seien, sondern auch ein Hinweis darauf, dass die demokratische Opposition nicht mehr in der Lage sei, sich effektiv gegen diese Kräfte zu wehren.
Generell wird die Situation vor Ort und die zukünftige Entwicklung der demokratischen Zivilgesellschaft in der eigenen Region pessimistisch eingeschätzt. Schäfer beschreibt die steigende Zahl von Übergriffen und die zunehmende Normalisierung der Bedrohung durch rechtsextreme Kräfte als besorgniserregend. Das verschärfe sich durch mangelnde Wahrnehmung und fehlende Skandalisierung dieses Vorgangs durch die Bevölkerung. Trotz dieser negativen Entwicklungen betont er jedoch, dass die Arbeit von Initiativen, die die Situation dokumentieren und aufklären, eine wichtige Rolle spiele, um langfristig ein Umdenken und eine Sensibilisierung in der breiten Gesellschaft zu erreichen.
Aus den Interviews lassen sich klare Wünsche an staatliche Institutionen ableiten. Zivilgesellschaftliche Initiativen seien oft mit finanzieller Unsicherheit sowie Not konfrontiert und deswegen meist auf ehrenamtliches Engagement angewiesen – langfristige und leicht zugängliche staatliche Förderung seien daher notwendig. Ebenso müsse die Arbeit zivilgesellschaftlicher Akteur*innen stärker anerkannt werden, insbesondere in ländlichen Regionen, wo das Fehlen politischer und kultureller Präsenz zu Enttäuschung und einem Gefühl der Vernachlässigung führe. Symbolische Positionierung reiche nicht aus. Um Resignation, Abwanderung oder eine Hinwendung zu antidemokratischen Strömungen zu verhindern, sollte zudem die lokale Infrastruktur gestärkt werden – etwa durch den Ausbau von Jugendclubs und kulturellen Angeboten. Für die Stärkung der demokratischen Zivilgesellschaft sei Sicherheit für demokratische Initiativen essenziell, um gefahrlos arbeiten zu können.
Bestandsaufnahme und Ausblick
Dass in Sachsen Antidemokrat*innen tief in die Zivilgesellschaft integriert sind, wird durch die Expert*inneninterviews nochmals deutlich. Im Zentrum des Beitrags steht jedoch weniger die Bestätigung dieser Tatsache – die in der Forschung bereits vielfach belegt ist –, sondern vielmehr die Fragen, wie rechtsextreme Akteur*innen durch strukturelle Verfestigungen (vgl. Schedler, 2017), strategische Radikalisierungsprozesse und umfassende soziale Verankerung ihre Ideologie nachhaltig verbreiten können, welche Folgen dies für demokratische Initiativen und das gesellschaftliche Klima hat und welche Gegenstrategien zur Stärkung der demokratischen Zivilgesellschaft erforderlich sind. Die Interviews und die erörterten Beispiele liefern hierfür konkrete Einblicke und illustrieren die Mechanismen und Auswirkungen rechtsextremer Einflussnahme auf die demokratische Zivilgesellschaft in Sachsen.
Die Analyse zeigt, dass rechtsextreme Bewegungen in Sachsen besonders anpassungsfähig sind und gezielt gesellschaftliche Krisen als Katalysatoren nutzen (vgl. Schedler 2017): Ausnahmesituationen – wie die COVID-19-Pandemie oder die sog „Migrationsdebatten“ – werden als Gelegenheiten begriffen, um menschenfeindliche und autoritäre Weltanschauungen zu verbreiten und neue Anhänger*innen zu gewinnen. Die politische Landschaft ist dabei zunehmend von Gewaltbereitschaft und dem Versagen institutioneller Akteur*innen geprägt. Zivilgesellschaftliche Initiativen sind auf Schutz, finanzielle Unterstützung und Anerkennung durch wirtschaftliche und politische Akteur*innen angewiesen, um ihre Arbeit langfristig fortsetzen zu können.
Der Mechanismus, dass rechtsextreme Gruppierungen durch offene Gewalt und Einschüchterung ihre Hegemonie festigen, scheint aufzugehen. Zivilgesellschaftliche Akteur*innen berichten von zunehmenden Bedrohungen, die von rechtsextremen Milieus ausgehen. Dies bilde Potenzial für Nährboden rechten Terrors8 (Bringt 2023). Beratungsstellen für Betroffene rechter Gewalt verzeichnen Rekordfallzahlen9 (RAA Sachsen e. V. 2025), während engagierte Bürger*innen und Organisationen häufig als „Nestbeschmutzer“ diffamiert werden, wenn sie rechtsextreme Strukturen offenlegen. Die prekäre Situation wird durch den Rückgang staatlicher Fördermittel und fehlende Alternativangebote verschärft. In der Folge wandern immer mehr junge und engagierte Menschen ab, brennen aus oder ziehen sich ins Private zurück.
Ein weiteres zentrales Ergebnis ist die strategische Rekrutierung und Mobilisierung junger Menschen durch rechtsextreme Netzwerke. Diese folgt dem Modell der zielgruppenspezifischen Radikalisierung (vgl. Schedler 2017, 304) und beschreibt, wie verschiedene gesellschaftliche Milieus mit spezifischen Angeboten angesprochen werden – etwa durch Sportvereine, kulturelle Veranstaltungen oder soziale Hilfsangebote. Die extreme Rechte greift neben der Vereinnahmung bürgerschaftlichen Engagements gezielt gesellschaftliche Themen und lokale Debatten auf, um sie politisch aufzuladen (Bringt 2021, 95). Es zeigt sich, dass extrem rechte Akteur*innen nicht isoliert agieren, sondern tief in das gesellschaftliche Gefüge integriert sind. Die Grenzen zwischen staatlichen, wirtschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Akteur*innen sind dabei oft fließend.
Die Herausforderungen, vor denen die demokratische Zivilgesellschaft in Sachsen steht, sind sowohl struktureller als auch kultureller Natur. Die antidemokratische Einflussnahme erfolgt auf vielfältige Weise: direkt durch Vereinsarbeit, Beitritte, Spenden, körperliche Bedrohungen und Diffamierungen von Engagierten, aber auch indirekt durch Demonstrationen oder die Übernahme rechtsextremer Positionen durch Menschen außerhalb der Szene. Besonders problematisch ist, dass der Einfluss oft über Personen ausgeübt wird, die nicht direkt der extrem rechten Szene angehören, aber deren Inhalte in ihr Umfeld – etwa in Vereine oder andere soziale Strukturen – weitertragen. Diese vielschichtigen Formen der Einflussnahme verdeutlichen die Komplexität und Reichweite rechtsextremer Bewegungen in Sachsen. Es zeigt sich, dass sich rechtsextreme Akteur*innen sowohl auf historisch seit den 1990er-Jahren gewachsene, teils staatlich tolerierte Strukturen stützen als auch auf neue, flexible Organisationsformen und gezielte Rekrutierungsstrategien zurückgreifen und so traditionelle Muster mit innovativen Ansätzen verbinden.
Staatliche Initiativen wie das Gesamtkonzept gegen Rechtsextremismus der Landesregierung sind wichtige Schritte, um demokratische Werte zu stärken und Rechtsextremismus ernst zu nehmen. Die Interviews und Beispiele machen jedoch deutlich, dass umfassendere und nachhaltigere Maßnahmen erforderlich sind: Dazu gehören der Schutz demokratischer Akteur*innen, die Stärkung zivilgesellschaftlicher Strukturen und die langfristige finanzielle Unterstützung demokratischer Initiativen. So kann die demokratische Zivilgesellschaft den Problemen durch rechtsextreme Einflussnahme wirksam begegnen und ihre Handlungsfähigkeit sichern. Die demokratische Zivilgesellschaft in Sachsen steht vor erheblichen Herausforderungen. Um diesen zu begegnen, braucht es ein entschlossenes, koordiniertes und nachhaltiges Handeln auf politischer, gesellschaftlicher und institutioneller Ebene.
1 Aspekte wie die Zusammenarbeit rechtsextremer mit nicht rechtsextremen Akteur*innen, die Rolle des digitalen zivilgesellschaftlichen Raums sowie die Mobilisation rechtsextremer Influencer*innen werden in diesem Beitrag nicht behandelt. Sie sind jedoch für die weitere Diskussion relevant und werden etwa in Publikationen des Else-Frenkel-Brunswik-Instituts (vgl. auch Autoritarismusstudie 2024) ausführlich analysiert.
2 1997 verkündete die NPD das Drei-Säulenkonzept „Kampf um die Straße“, „Kampf um die Köpfe“, „Kampf um die Parlamente“ (Radke 2014).
3 Autoritäre Einstellungen sind in Sachsen weit verbreitet. Das bietet rechtsextremen Bewegungen ein breites Rekrutierungspotenzial (Brähler und Decker 2022).
4 Strukturschwach meint hier Gebiete, die durch wirtschaftliche Benachteiligung, demografischen Wandel und eine geringe Präsenz demokratischer Akteur*innen gekennzeichnet sind.
5 S. Spitzner ist als Vorständin des Treibhaus e. V. in Döbeln ehrenamtlich aktiv.
6 C. Schäfer ist langjährig demokratisch, antifaschistisch aktiv in der Region Bautzen/Görlitz und zuletzt im Umfeld des Projekts Happy Monday Bautzen engagiert.
7 Beispielsweise droht Räumen mit klarer antifaschistischer und demokratischer Grundhaltung teilweise der Entzug der Fördermittel, weil sie gegen ein vermeintlich existierendes Neutralitätsgebot verstoßen würden (Nordin Mencke 2019).
8 So konnte beispielsweise der NSU mithilfe der rechtsextremen Szene in Sachsen untertauchen (Kleffner 2013) und zwei Angeklagte der Gruppe Sächsische Separatisten bis zuletzt im Jugendblasorchester Grimma aktiv sein (Fromm et al. 2024).
9 Im Jahr 2024 registrierten die Opferberatungsstellen in Sachsen 328 rechtsmotivierte Angriffe – das entspricht einem Anstieg von 32,3 % gegenüber dem Vorjahr. Mindestens 446 Personen waren unmittelbar betroffen.
Amelie Winter beschäftigt sich in ihrer Forschung seit Beginn des Studiums (Psychologie, Öffentliche Kommunikation) intensiv mit sozialen Bewegungen, Rechtsextremismus und Rechtspopulismus.
Vince von Gynz Rekowski setzt sich im Rahmen der Arbeit als Bildungsreferent beim Kulturbüro Sachsen e. V., des Masterstudiums „Beratung im Kontext Rechtsextremismus“ sowie auch in den Jahren zuvor als Politikwissenschaftler mit der extremen Rechten auseinander.
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