Konflikt oder Kooperation? Extrem rechte Einflussnahme in der Zivilgesellschaft

In den letzten Jahren hat die extreme Rechte ihren Einfluss in der Zivilgesellschaft in ganz Europa ausgebaut. Während die Forschung vor allem offene Konflikte und Proteste untersucht, bleiben kooperative und verborgene Einflussnahmen oft unbeachtet. Dieser Beitrag setzt genau hier an und analysiert rechte Interventionen in der Zivilgesellschaft, also gezielte Eingriffe, die auf die Verbreitung rechter Positionen abzielen. Dabei legen wir ein inhaltliches Kriterium an: Rechte Interventionen werden nicht allein über die handelnden Akteur*innen definiert, sondern über die Ziele und Inhalte ihrer Aktionen. Mit einem Mixed-Methods-Ansatz kombinieren wir Interviews und die Analyse von Zeitungsbeiträgen und Aktivist*innenpublikationen, um die verschiedenen Formen rechter Interventionen zu erfassen. Anhand von Beispielen aus Thüringen und anderen Regionen zeigen wir: Rechte Einflussnahmen sind vielseitiger und kooperativer als oft angenommen und verdienen mehr wissenschaftliche Aufmerksamkeit.


 

Empfohlene Zitierung:

Jänicke, Christin/Gunzelmann, Hans Jonas (2025). Konflikt oder Kooperation? Extrem rechte Einflussnahme in der Zivilgesellschaft. In: Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (Hg.). Wissen schafft Demokratie. Schwerpunkt Uncivil Society – „Schattenseiten“ der Zivilgesellschaft, Band 17. Jena, 44–55.

Schlagwörter:

Contentious Politics, Extreme Rechte, Politisierung, Vereinnahmung

 

Das Jahr 2024 war von zahlreichen rechten Angriffen geprägt: So kam es beispielsweise in Eisenach zu Bedrohungen gegen Teilnehmende einer CSD-Demonstration (König-Preuss 2024) und sogar zu Morddrohungen gegen den Leiter der Gedenkstätte Buchenwald (MDR Thüringen 2024). Die Thüringer Beratungsstelle ezra zieht eine alarmierende Bilanz: „Angriffe auf demokratisch Engagierte nehmen zu, die Gefahr rechter Gewalt steigt“ (ezra 2024). Diese Entwicklungen sind nicht nur in Thüringen, sondern in ganz Europa zu beobachten: Die extreme Rechte hat in politischen Institutionen Fuß gefasst und ihren gesellschaftlichen Einfluss ausgebaut. 

Neben offenen Angriffen auf Personen und Organisationen hat die extreme Rechte auch andere Wege gefunden, Einfluss in der Zivilgesellschaft zu gewinnen (Mühe 2022; Rosbach 2020; Schroeder et al. 2020). So entstehen etwa im Sport oder im gewerkschaftlichen Bereich neonazistische Organisationen, die Gegenangebote schaffen und etablierte Akteur*innen in ihrer Stellung innerhalb der Zivilgesellschaft herausfordern. Gleichzeitig können rechte Positionen innerhalb bestehender Strukturen stärker Gehör finden und demokratische Werte infrage stellen. Zudem beobachten wir kooperative Angebote – sei es materielle Spenden, personelle Zusammenarbeit oder gezielte Ansprache, etwa von Schützenvereinen und Heimatverbänden –, mit denen rechte Positionen in zivilgesellschaftliche Strukturen einwirken oder Akteur*innen ihren Einfluss innerhalb bestehender Strukturen ausweiten. Diese vielfältigen Formen rechten Einflusses bezeichnen wir als rechte „Interventionen“. Wie kann die sozialwissenschaftliche Forschung solche Interventionen beobachtbar machen? Welche Muster lassen sich erkennen? Und wie kann die demokratische Zivilgesellschaft auf rechte Interventionen reagieren?

Obwohl die Forschung zur extremen Rechten auch abseits von Parteien zugenommen hat, bestehen weiterhin deutliche Lücken. Die Rechtsextremismusforschung hat sich bisher hauptsächlich auf Akteur*innen sowie Gewalt- und Protestverhalten konzentriert und die organisierte Zivilgesellschaft vernachlässigt. Die Zivilgesellschaftsforschung hingegen hat die „dunkle Seite“ der Zivilgesellschaft meist ignoriert und sich auf positive Beispiele bürgerschaftlichen Engagements konzentriert. Dies ist besonders überraschend, wenn man bedenkt, dass rechte Akteur*innen und Themen einzelne Freiwillige, zivilgesellschaftliche Organisationen und ganze Bereiche zivilgesellschaftlichen Engagements herausfordern.

Unter der Annahme einer demokratiestärkenden Zivilgesellschaft hat die Forschung sich bisher v. a. auf konflikthafte Handlungsformen wie Angriffe und Bedrohungen gegen zivilgesellschaftliche Akteur*innen beschränkt. Zwar teilen wir, dass große Teile der deutschen Zivilgesellschaft demokratische Werte vertreten, allerdings definieren wir die Zivilgesellschaft in Gänze nicht als per se demokratisch. Vielmehr fassen wir sie als Ort des gesellschaftlichen Lebens, in dem sich Menschen freiwillig abseits von Staat und Markt organisieren (Grande 2018). Dieser empirisch-analytische Zivilgesellschaftsbegriff beinhaltet also auch die „dunkle Seite“ der Zivilgesellschaft (Kopecký und Mudde 2003).

Der vorliegende Beitrag trägt in zweifacher Hinsicht zur Schließung der genannten Forschungslücken bei. Erstens verbindet unser Mixed-Methods-Ansatz Expert*inneninterviews mit qualitativen und quantitativen Inhaltsanalysen von Medienberichten und antifaschistischen Publikationen, um zunächst einen methodischen Vorschlag zur gesamtheitlichen Erfassung rechter Interventionen zu entwickeln. Zweitens widmet sich der Beitrag anhand von Beispielen aus Thüringen und anderen Teilen Deutschlands den extrem rechten Einflussnahmen in der Zivilgesellschaft. Unsere Ergebnisse zeigen, dass wir der extrem rechten Kooperations- und Vereinnahmungsversuchen in der Zivilgesellschaft mehr Aufmerksamkeit schenken sollten.

Konzept und Methode

Wir nutzen den Ansatz der „Contentious Politics“ (McAdam et al. 2001; Tilly und Tarrow 2015), um extrem rechte Interventionen1 in der deutschen Zivilgesellschaft zu analysieren. Aufbauend auf McAdam et al. (2001) und der Forschung zur extremen Rechten (Castelli Gattinara und Pirro 2019; Mudde 2007, 2019) konzeptualisieren wir rechte Interventionen in der Zivilgesellschaft als

  • episodische Handlungen, 
  • die von rechtsextremen Akteur*innen ausgehen und/oder rechtsextreme Forderungen2 erheben und
  • dadurch die Routinen von zivilgesellschaftlichen Feldern, Akteur*innen oder deren Mitgliedern durchbrechen.

Wir unterscheiden drei Ebenen rechter Interventionen:

  • Innerhalb etablierter Organisationen: Hier können einzelne Mitglieder oder Gruppen rechte Positionen vertreten und versuchen, die Führung, Strategie oder Werte einer Organisation infrage zu stellen oder zu besetzen. Solche innerorganisatorischen Interventionen sind oft schwer zu erkennen, können aber eine erhebliche Wirkung entfalten, indem sie die Richtung der Organisation verändern.
  • Im Wettbewerb innerhalb eines zivilgesellschaftlichen Feldes: Auf dieser Ebene entstehen rechte Organisationen oder Initiativen, die andere zivilgesellschaftliche Gruppen herausfordern oder den Zugang zu bestimmten Formen gesellschaftlichen Engagements erobern wollen. Diese Formen sind oft öffentlich sichtbarer und stellen eine bewusste Herausforderung für etablierte zivilgesellschaftliche Strukturen dar.
  • Von außen auf zivilgesellschaftliche Felder: Hier wirken rechte Parteien oder politische Akteur*innen, die nicht direkt Teil der zivilgesellschaftlichen Organisationen oder des Feldes sind, aber versuchen, diese zu beeinflussen oder zu vereinnahmen. Dazu gehören etwa die AfD oder andere rechte Gruppierungen, die auf lokaler Ebene gezielt mit zivilgesellschaftlichen Akteur*innen kooperieren oder sie ideologisch ansprechen.

Für alle Ebenen legen wir ein inhaltliches Kriterium an: Rechte Interventionen werden nicht allein über die handelnden Akteur*innen definiert, sondern über die Ziele und Inhalte ihrer Aktionen.

Um diese Interventionen besser sichtbar und verstehbar zu machen, nutzen wir eine Kombination aus verschiedenen Datenquellen. Als Teil unseres Projektes „Organisierte Zivilgesellschaft und rechte Interventionen“ haben wir Artikel aus Tageszeitungen, antifaschistischen Zeitschriften und Interviews mit Expert*innen in verschiedenen zivilgesellschaftlichen Feldern aus den Jahren 2018 bis 2023 analysiert. Auf Grundlage dieser drei Quellen wollten wir wissen: Wie zeigen sich rechte Interventionen in der Zivilgesellschaft? Von wem gehen sie aus und wer wird adressiert? Dabei zeigen unsere Ergebnisse nicht nur die Vielfältigkeit der organisierten Zivilgesellschaft, sondern auch, wie divers die Formen rechter Interventionen sind. Die Bandbreite reicht von tätlichen Angriffen auf Engagierte und Einrichtungen über extrem rechte Organisationsgründung bis hin zu Spendenangeboten und Vereinnahmungen. Unsere drei Datenquellen stellen dabei „Linsen“ dar, durch die wir rechte Interventionen in den Blick nehmen (siehe Abbildung 1).

Abbildung 1: rechte Interventionen durch verschiedene analytische Linsen; eigene Darstellung

Die Tageszeitung fungiert als Medien-Linse, antifaschistische Zeitschriften als Aktivist*innen-Linse und die Interviews mit zivilgesellschaftlichen Akteur*innen als Betroffenen-Linse.
Jede für sich hat einen spezifischen Fokus, wodurch sich in ihrer Kombination ein umfassendes Bild rechter Interventionen in der Zivilgesellschaft ergibt.

Rechte Interventionen in der Zivilgesellschaft: Konflikt oder Kooperation?

In unserer Analyse haben wir drei Kategorien von Handlungsformen in rechten Interventionen identifiziert: erstens die konflikthaften Formen, die Angriffe, Bedrohungen und die Besetzung von Räumen umfassen. Zweitens betrachten wir die eigenständige Organisierung3 als eine Unterkategorie dieser konflikthaften Formen. Drittens grenzen wir kooperative Formen ab, die Angebote zur Zusammenarbeit und diskursive Verbindungen beinhalten.

Je nachdem, welche Datenquelle wir wählen, erkennen wir unterschiedliche Schwerpunkte: Aus der Medien-Linse betrachtet fallen gewaltsame oder konfliktive Vorfälle auf, über die in Tageszeitungen berichtet wird. Etwa drei Viertel aller Ereignisse zählen zu dieser Kategorie. Die meisten dieser Vorfälle sind wenig aufwendig und bestehen überwiegend aus Hassreden, leichtem Sachschaden und körperlicher Gewalt, zum Beispiel rassistischen Beleidigungen bei Fußballspielen. Seltener sind Ereignisse zu finden, die einen mittleren oder hohen Ressourceneinsatz erfordern, wie geplante Gewaltakte oder kollektive Angriffe. Zudem gibt es gewaltfreie Formen wie Demonstrationen oder öffentliche Äußerungen, die als feindselig gegenüber zivilgesellschaftlichen Organisationen wahrgenommen werden können.

Die eigenständige Organisierung und autonomen Aktionen sind mithilfe der Aktivist*innenlinse besser zu erkennen als durch die Medien-Linse. Sie machen über die Hälfte der Fälle in antifaschistischen Zeitschriften aus und lassen sich in zwei Kategorien unterteilen: Erstens organisiert die extreme Rechte eigene zivilgesellschaftliche Aktivitäten wie Sportfeste oder Gedenkveranstaltungen, die in der Regel mehr Ressourcen erfordern als die meisten gewaltsamen Interventionen, die oft spontan erfolgen. Zweitens zeigt die Aktivist*innenlinse, wie sich die extreme Rechte in der Zivilgesellschaft organisiert, indem sie Initiativen gründet oder Vereine ins Leben ruft. Diese reichen von extrem rechten Wandergruppen bis hin zu innerbetrieblichen Interessenvertretungen, die sich als ‚Gewerkschaft‘ verstehen (Schroeder et al. 2019). Bei letzterem Beispiel wird deutlich, dass ein höherer Ressourceneinsatz notwendig ist: Personal, Material, Zeit und Geld sind erforderlich, um eine dauerhafte rechte Organisation zu etablieren. Mehrheitlich sind die Intervenierenden als extrem rechte Akteur*innen zu identifizieren, seltener stammen hier rechte Interventionen von nicht-extrem rechten Akteur*innen.

Schauen wir nach Thüringen, fallen zuallererst die neonazistischen RechtsRock-Konzerte unter dem Titel „Rock für Deutschland“ im ostthüringischen Gera zwischen 2003 und 2017 auf (Budler 2017). Doch auch in jüngster Zeit finden sich einige Beispiele extrem rechter Organisierung in der Thüringer Zivilgesellschaft – in der kleinen Stadt Schmölln im Altenburger Land etwa der Kampfsport-Verein Barbaria Sportgemeinschaft e. V., der wiederholt an neonazistischen Kampfsportturnieren teilnahm (Ayyadi 2023).

Weniger betrachtet – weder durch die Medien- noch die Aktivist*innenlinse – werden extrem rechte Kooperationsversuche mit etablierten Organisationen der Zivilgesellschaft. Diese Form der rechten Interventionen wird erst durch die Linse der interviewten Organisationen sichtbar. Während Kooperationsveranstaltungen in der Medienanalyse seltener vorkamen, stellten sie die Mehrheit der in den Interviews genannten Fälle dar. Viele Interviewpartner*innen betonten, dass die extreme Rechte etablierte zivilgesellschaftliche Organisationen nicht nur angreift oder bedroht, sondern ihnen auch aktiv Kooperationsangebote unterbreitet. Hier können wir vor allem zwei Varianten rechter Kooperationsversuche unterscheiden: Erstens suchen rechtsextreme Akteur*innen den Kontakt zur Zivilgesellschaft, indem sie Ressourcen anbieten oder bereitstellen. So werden beispielsweise Geldspenden an Schützenvereine oder Suppenküchen offeriert, ebenso wie Sachspenden an Tierschutzvereine. Zweitens beobachten wir die Vereinnahmung von Themen und Inhalten zivilgesellschaftlicher Organisationen durch extrem rechte Akteur*innen. Solche Formen der Intervention finden wir zum Beispiel im kirchlichen Bereich, wenn etwa jährlich extreme Rechte und christliche Fundamentalist*innen beim sogenannten Marsch für das Leben gegen Abtreibung und körperliche Selbstbestimmung demonstrieren und diese als christlichen „Lebensschutz“ deklarieren (firm 2024). Auch Heimatvereine sehen sich extrem rechten Deutungen von Heimat gegenüber. Das verdeutlichen etwa Accounts und Hashtags in den sozialen Medien. Hinter auf den ersten Blick unpolitischen Profilen, die Bilder von Natur und Familie präsentieren, verbergen sich völkische Narrative extrem rechter Akteur*innen. Heimatvereine sehen sich mit der Herausforderung konfrontiert, ihre Inhalte von Rechtsaußen abzugrenzen. Eine Person berichtet im Interview:

„[...] Und dann gibt es natürlich jede Menge Seiten, die irgendwie so zweifelhafte Sachen posten, die vielleicht auf den ersten Blick auch irgendwie ganz normal aussehen. Wo ich jetzt sag, also ich meine so junge Frauen in Tracht. Gut. Also haben wir teilweise auch auf unserer Webseite. Aber je weiter man dann hinguckt, merkt man auf einmal also so ganz koscher kommt das einem nicht mehr vor. […] für Leute, die sich interessieren und die dann halt was weiß ich den Hashtag Heimat abonniert haben, die sehen das halt auch. Und wie sollen die jetzt unterscheiden, das ist jetzt der Verein für Heimatpflege? Und was ist irgendwie von so einer rechtsradikalen Kampftruppe?“ (Heimat_1, 94)

Unsere Analyse zeigt, dass das Handlungsrepertoire der extremen Rechten weit über konflikthafte Aktionen hinausreicht. Es umfasst auch autonome und kooperative Taktiken, die in der Forschung und in den Medien bislang unzureichend thematisiert werden.

Von wem gehen rechte Interventionen aus und an/gegen wen richten sie sich?

Werfen wir einen genaueren Blick darauf, von wem die rechten Interventionen ausgehen. Die Ergebnisse zeigen eine bemerkenswerte Vielfalt: In unseren Daten identifizierten wir über 187 unterschiedliche Akteur*innen. Extrem rechte Parteien intervenieren am häufigsten. Darüber hinaus lassen sich drei zentrale Erkenntnisse aus den Daten ableiten. Erstens gibt es eine breite Palette an Akteur*innen, die nicht ausschließlich als rechtsextrem gelten. In mehr als einem Drittel der Fälle konnten wir entweder eine andere Ideologie zuordnen oder der politische Hintergrund der Akteur*innen blieb unklar – so etwa im Fall eines CDU-Lokalpolitikers und Mitglied eines Schützenvereins, der einen rassistischen Angriff auf Geflüchtete verübte (Wyputta 2021). Zweitens stellen rechte Interventionen nicht nur externe Bedrohungen dar. Viele der Akteur*innen stammen vielmehr aus zivilgesellschaftlichen Strukturen. Drittens ist die Grenze zwischen dem Innen und Außen der Zivilgesellschaft fließend, da es sowohl ideologische Ähnlichkeiten als auch Netzwerke zwischen Akteur*innen in beiden Bereichen gibt. Und an wen richten sich nun diese rechten Interventionen? In erster Linie zielen sie auf die Normen und Werte der verschiedenen zivilgesellschaftlichen Bereiche ab, wie etwa der Kirche, Gewerkschaften oder Heimatvereine, wobei auch eine rechte Organisierung dazugehört. Häufig richten sich diese Interventionen auch gegen spezifische Organisationen der Zivilgesellschaft. Fälle von Interventionen auf individueller Ebene sind seltener; wenn sie auftreten, betreffen sie oftmals hauptamtliche Mitarbeiter*innen oder Personen, die sich öffentlich gegen Rechtsextremismus oder Rassismus positionieren.

Was tun gegen extrem rechte Einflussnahme?

Ein prominentes Beispiel für rechte Einflussnahme in einem kooperativen Sinne ist der Auftritt des Thüringischen AfD-Vorsitzenden Björn Höcke bei einer Versammlung des Thüringens Feuerwehrverbandes im Jahr 2020. Nach seinem Grußwort hagelte es zahlreiche Kritik an der Feuerwehr. Kurz darauf distanzierten sich Bundes- und Landesverband vom AfD-Politiker (u. a. DFV 2020; dpa Thüringen 2020). Trotz klarer Haltung gegen Rechtsextremismus der Thüringer Feuerwehr (u. a. ThFV 2019) ist der korrekte Umgang mit extrem rechten Personen und Positionen Bestandteil von Aushandlungsprozessen zivilgesellschaftlicher Akteur*innen.
Das Beispiel zeigt, dass eine Positionierung gegen Rechtsextremismus zwar besteht, diese jedoch für die praktische Arbeit nicht immer genügt. Häufig fehlt es den zivilgesellschaftlich Aktiven an Austausch über Strategien und Maßnahmen, um als Organisation angemessen mit der Herausforderung umzugehen. Die Ergebnisse unserer Untersuchung verdeutlichen, wo zivilgesellschaftliches Handeln ansetzen kann: Erstens belegen unsere Analysen, dass rechte Interventionen weit über Konflikte und Bedrohungen hinausgehen; eigenständige und kooperative Aktionsformen stellen ebenfalls eine erhebliche Herausforderung dar. Um darauf adäquat zu reagieren, sollten Strategien ausgebaut werden, die die Zivilgesellschaft in organisationalen und rechtlichen Fragen stärken. Das kann zum Beispiel eine Satzungsänderung sein, die eine Zusammenarbeit mit extrem rechten Akteur*innen ausschließt. Zweitens verdeutlichen unsere Ergebnisse, dass die Interventionen nicht ausschließlich von klar identifizierbaren, extrem rechten Akteur*innen ausgehen. Sie können auch nicht-rechtsextreme Personen umfassen, die extrem rechte Forderungen vertreten. In diesem Kontext ist es wichtig, Bildungsangebote auszubauen, die das Bewusstsein für die Vielfalt rechter Interventionen schärfen und ein Verständnis für demokratische Werte fördern. Drittens wird ersichtlich, dass rechte Interventionen grundlegende Bereiche der Zivilgesellschaft infrage stellen: Sie betreffen zentrale Normen, Werte und Beziehungsstrukturen und haben weitreichende Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft. Um dem entgegenzuwirken, sollten Plattformen für Austausch und Vernetzung gestärkt werden, die das Verständnis und die Resilienz gegenüber menschenverachtenden Positionen erhöhen.

Zusammenfassend lässt sich festhalten: Unsere Ergebnisse stellen die gängige Annahme einer scharfen Trennung zwischen einer demokratischen Zivilgesellschaft und der extremen Rechten als äußerer Bedrohung infrage. Die Zivilgesellschaft darf nicht als ein unerschütterliches Bollwerk gegen die extreme Rechte verstanden werden. Sie ist vielmehr ein umkämpftes Feld, in dem Konflikte und Aushandlungsprozesse aktiv stattfinden. Angesichts der bereits sichtbaren Veränderungen durch das Erstarken der extremen Rechten kommt der Zivilgesellschaft eine zentrale Rolle zu, die es zu stärken gilt.

 

1    Wir nutzen den Begriff Intervention als Äquivalent zum englischen „Contention“, um eine analytische Breite zu bewahren. Wir betonen die Vielschichtigkeit des Begriffs „Intervention“ (Hübner 2012, 155; Kaufmann 2002, 109), die Intervention nicht als Eindringen von außen in die Zivilgesellschaft interpretiert.

2    Für die Operationalisierung stützen wir uns auf den Begriff „far right“ von Cas Mudde (2007), der Nativismus und Autoritarismus als Kernstücke extrem und radikal rechter Ideologien definiert, sowie auf die der Leipziger Autoritarismusstudien grundlegende Definition von Decker und Brähler (2006).

3    Die eigenständige Organisierung der extremen Rechten wird in dieser Untersuchung von physischen Übergriffen und Angriffen auf Infrastruktur abgegrenzt. Zu den Formen der eigenständigen Organisierung zählen wir autonome Aktionen sowie die Organisierung innerhalb loser Interessensgruppen oder formalen Vereinen. Dennoch ist anzumerken, dass jede Form der extrem rechten Organisierung aufgrund ihres ideologischen Charakters als potenzielle Gefahr sowohl für Betroffene und Engagierte als auch für die demokratische Gesellschaft zu betrachten ist.

 


Christin Jänicke & Hans Jonas Gunzelmann arbeiten als wissenschaftliche Mitarbeiter*innen am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung im Projekt „Organisierte Zivilgesellschaft und rechte Interventionen“ sowie „Wirksam gegen Rechtsaußen. Evidenzbasierte Strategien für den Umgang mit der extremen Rechten“.



Literaturverzeichnis

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