Ungleichheit verhindert Engagement – Ergebnisse des Vierten Engagementberichts

Der Vierte Engagementbericht der Bundesregierung (2024) thematisiert den Zugang zu zivilgesellschaftlichem Engagement in Deutschland und untersucht soziale Ungleichheiten sowie Barrieren für marginalisierte Gruppen. Der Beitrag diskutiert die Ambivalenz zwischen inklusivem und exkludierendem Engagement, insofern manche Schwellen des Engagements durchaus funktional sein können. Er argumentiert aber auch, dass die Förderung von Diversität und Inklusion entscheidend ist, um zivilgesellschaftliche Strukturen demokratischer und pluralistischer zu gestalten. Ziel des Beitrags ist es, Zugangsbarrieren empirisch zu beschreiben und zivilgesellschaftlichen Organisationen oder politischen Akteur*innen konkrete Handlungsmöglichkeiten zur Verbesserung der Teilhabe aufzuzeigen.


 

Empfohlene Zitierung:

Kewes, Andreas/Haas, Benjamin/Quent, Matthias (2025). Ungleichheit verhindert Engagement – Ergebnisse des Vierten Engagementberichts. In: Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (Hg.). Wissen schafft Demokratie. Schwerpunkt Uncivil Society – „Schattenseiten“ der Zivilgesellschaft, Band 17. Jena, 56–69.

Schlagwörter:

Exklusion, freiwilliges Engagement, Klassismus, Rassismus, soziale Ungleichheit

 

Einleitung1

Der Vierte Engagementbericht der Bundesregierung wurde von einer unabhängigen Sachverständigenkommission2 verfasst und von der Bundesregierung kommentiert. Das zentrale Thema des multimethodischen und transdisziplinären Forschungsberichts sind Zugangschancen zum zivilgesellschaftlichen Engagement. Der Bericht thematisiert insbesondere Exklusionsmechanismen gesellschaftlich marginalisierter Gruppen sowie den Druck auf zivilgesellschaftliches Engagement, etwa durch politisch motivierte Angriffe oder staatliche Eingriffe.

Sozialforschung zeigt schon lange, dass Menschen mit niedrigem Einkommen, geringem Bildungsabschluss oder einem Migrationshintergrund in vielen Bereichen unterrepräsentiert sind (Simonson et al. 2016; Simonson et al. 2022). Spezifische Herausforderungen bestehen auch für Engagierte in ländlichen Regionen (BMFSFJ 2024, 175–179) und durch ungleiche Möglichkeiten der Digitalität (BMFSFJ 2024, 183–185). Der Bericht untersucht, wie soziale Ungleichheit systematisch das Engagement beeinflusst und wieso es für benachteiligte Gruppen faktisch schwerer zugänglich ist. Die Kommission legt damit einen umfassenden forschungsbasierten Bericht samt zahlreicher Handlungsempfehlungen vor, der für die Entwicklung von Politik, Förderung und Umsetzung des Engagements Inspiration und Orientierung geben kann.

Der Vierte Engagementbericht der Bundesregierung kritisiert u. a. mit van Dyk und Haubner (2021) die Indienstnahme freiwilligen Engagements als Antwort auf Lücken im staatlichen Versorgungswesen einer Politik, welche die soziale Frage zunehmend der Zivilgesellschaft überantwortet. In dieser Perspektive sollte Engagement nicht universale soziale Sicherung ersetzen, wie es etwa durch das Engagement bei den Tafeln geschieht. Engagement muss freiwillig sein und ist insofern kontingent. Als zentrales Element demokratischer Teilhabe und Mitgestaltung sollten aber alle sozialen Gruppen die gleichen Chancen haben, sich engagieren zu können.

Dem folgend werden im Engagementbericht zum einen allgemeine gesellschaftliche Schwellen herausgearbeitet: Hierzu gehören gesellschaftliche Zuschreibungen von fehlender Fähigkeit oder Gleichwertigkeit (Ideologien des Ableismus, Klassismus, Rassismus), fehlende materielle und kulturelle Ressourcen (z. B. Sprachkompetenz), zunehmende Zeitnot bzw. fehlende Zeitautonomie aufgrund von Erwerbsarbeit oder Sorgeaufgaben sowie Diskriminierungserfahrungen und damit eine statistisch nachweisbare verstärkte Neigung, sich Engagement nicht zuzutrauen. Auch politisch motivierte Angriffe und Eingriffe beeinflussen die Engagementbereitschaft von Menschen und die demokratische Engagementfähigkeit von kollektiven Akteur*innen. Zum anderen arbeitet der Bericht Mechanismen innerhalb des Engagements heraus, die bspw. bei der Rekrutierung und Ansprache, beim Einstieg in das Engagement sowie bei der Hierarchiebildung in zivilgesellschaftlichen Organisationen die ungleichen Zugänge verstärken.

Soziale Ungleichheit und freiwilliges Engagement

Zur Klärung des Sachverhaltes muss einleitend zunächst bestimmt werden, was mit sozialer Ungleichheit gemeint ist: Es geht dabei nicht um die Heterogenität in Gesellschaft oder die Vielfalt der praktizierten Lebensvollzüge insgesamt. Vielmehr wird soziale Ungleichheit da zum Thema, wo gesellschaftliche Heterogenität nicht mehr abgebildet wird (Diewald und Faist 2011): etwa in der Gruppe der Engagierten im freiwilligen Engagement. Soziale Ungleichheit ist dabei schon immer ein Thema der Engagementforschung. Der deutsche Freiwilligensurvey, der seit 1999 die Entwicklung des freiwilligen Engagements statistisch erforscht, weist seit seiner ersten Erhebung aus, dass verschiedene gesellschaftliche Gruppen unterschiedlich stark im Engagement vertreten sind: Menschen mit höherer formaler Bildung mehr als Menschen mit geringerer formaler Bildung, Menschen mit hohem Einkommen mehr als Menschen mit geringem Einkommen, Erwerbstätige mehr als Erwerbslose, Westdeutsche mehr als Ostdeutsche usw. Wenngleich die Engagementquote, d. h. der Anteil derjenigen in der Bevölkerung, der sich freiwillig engagiert, in Deutschland seit 1999 stieg und 2019 bei knapp 40 % lag, so ist diese ungleiche Beteiligung sichtbar geblieben (Simonson et al. 2022).
Lässt sich jedoch argumentieren, dass in einer liberalen Gesellschaft jede und jeder frei darüber entscheiden können soll, ob er oder sie ein Engagement vollzieht? Einerseits ja, denn ein maßgebliches Kriterium für Engagement ist eben dessen Freiwilligkeit. Entsprechend ist es im Einzelfall auch nachvollziehbar, wenn sich Menschen nicht engagieren, weil sie beispielsweise zusätzliche Mobilitätskosten vermeiden möchten oder zusätzliche Zeit nicht mehr sinnstiftend in ihrem Alltag neben Sorge- und Erwerbsarbeit unterbringen können oder einfach keine Lust haben. Andererseits ist soziale Ungleichheit im freiwilligen Engagement problematisch und sollte daher (politisch) bearbeitet werden.

Soziale Ungleichheit im Engagement ist auch deshalb ein Thema, weil sie das Potenzial hat, Ungleichheiten weiter zu verstärken: Wie wir aus empirischer Forschung wissen, schafft Engagement weitere Vorteile, etwa gesellschaftliche Anerkennung oder die Aussicht auf eine bessere Vergütung in der Erwerbsarbeit aufgrund bereits erworbener Kompetenzen (Qvist und Munk 2018; Wilson et al. 2020). Auch ist die Beteiligung am Engagement ein valider Prädikator für zukünftiges Engagement: Wer bereits andere Engagierte und zivilgesellschaftliche Organisationen in seinem Netzwerk hat, wird auch zukünftig eher für Engagementtätigkeiten angesprochen (BMFSFJ 2024, 155–160) bzw. engagiert sich im Zweifelsfall gleich mehrfach (Potluka et al. 2022, 94). Hier bewirkt das Prinzip der Vorteilshäufung, das sogenannte Matthäusprinzip (Fischer 2012; Rameder 2015), eine zunehmende soziale Distanzierung.

Insofern ist es wichtig, die Mechanismen zu verstehen, die im freiwilligen Engagement aus einer bloßen gesellschaftlichen Heterogenität soziale Ungleichheit machen. Der Vierte Engagementbericht der Bundesregierung hat dazu folgenden Mechanismus im Blick: Freiwilligenarbeit wird in einer diversen Gesellschaft nachgefragt – den Zugang zum Engagement schaffen aber vorwiegend privilegiertere Personen, weniger privilegierte Engagementinteressierte scheitern an verschiedenen Barrieren und Schwellen. Entsprechend gilt es, diese besser zu verstehen und gezielt zu adressieren.

Barrieren und Schwellen zum und im Engagement

Der Engagementbericht arbeitet nicht mit dem bisher gängigen Begriff der Barriere (siehe bspw. Southby et al. 2019; Haski‐Leventhal et al. 2018; Sundeen et al. 2007), sondern betrachtet Schwellen. Der Schwellenbegriff weist auf Hindernisse hin, die überwunden werden müssen, um Engagement auszuüben. Anders als „Barrieren“, die oft greifbare Hindernisse wie fehlende Barrierefreiheit oder Sprachbarrieren beschreiben, sind Schwellen häufig unsichtbar und subtil. Schwellen wirken nicht nur beim erstmaligen Eintritt in eine Organisation, sondern kontinuierlich – etwa bei der Verteilung von Aufgaben oder in Diskussionen über Verantwortlichkeiten. Schwellen bleiben oft unbemerkt, insbesondere für jene, die sie mühelos überwinden können. Für weniger privilegierte Gruppen sind sie jedoch eine ständige Hürde. Schwellen sind nicht unüberwindbar, erfordern jedoch oft großen Aufwand, Mut und Durchhaltevermögen. Die Überwindung durch weniger privilegierte Menschen zeigt nicht das Fehlen von Schwellen, sondern die Belastbarkeit der Menschen. Die tief in gesellschaftlichen Verhältnissen verwurzelten Schwellen verdeutlichen, dass Engagement nicht einfach „niedrigschwellig“ angeboten werden kann. Vielmehr bedarf es einer systematischen Erforschung und bewussten Reduktion dieser Schwellen, um Zugangschancen gerechter zu gestalten und Diversität sowie Inklusion in zivilgesellschaftlichen Organisationen zu fördern. Im Folgenden werden beispielhaft Schwellen skizziert, die der Engagementbericht herausgearbeitet hat.

Allgemeine Schwellen

Engagement ist oft mit offenen oder versteckten Kosten verbunden, wie Fahrtkosten, der Anschaffung von Materialien oder der Nutzung von Infrastruktur. Während Engagement häufig als freiwillige Zeitspende verstanden wird, stellen notwendige finanzielle und materielle Ressourcen eine bedeutende Schwelle dar. Ohne finanzielle Zuwendungen, etwa in Form von Kostenerstattungen, wird Engagement für Menschen mit geringem Einkommen oder Armutserfahrungen unzugänglich, da sie neben der Zeitspende auch eine indirekte finanzielle Belastung tragen müssten. Die Monetarisierung des Engagements wird zwar kontrovers diskutiert (BBE 2015). Gleichzeitig wird die finanzielle Unterstützung privilegierter Engagierter häufig unhinterfragt akzeptiert, während sie bei weniger privilegierten Gruppen kritischer betrachtet wird. Besonders prekär ist die Situation für Menschen, die auf Grundsicherung angewiesen sind, da ihre Einkünfte aus freiwilligen Tätigkeiten oft angerechnet werden. Das erschwert den Zugang zusätzlich. Menschen mit Armutserfahrungen müssen oft existenzielle Probleme bewältigen, bevor sie sich engagieren können. Fehlende Mobilität, unsichere Wohnverhältnisse oder Zeitknappheit verstärken diese Schwellen.

Zeit ist eine zentrale Ressource und eine der größten Zugangsschwellen zugleich. Durchschnittlich investieren Engagierte knapp zwei Stunden pro Woche in ihre Tätigkeit (Statistisches Bundesamt 2024), doch dieser Zeitaufwand ist nicht für alle gleichermaßen leistbar. Besonders Erwerbstätige und Menschen mit Sorgeverpflichtungen berichten häufig von fehlender Zeit. Das wird durch steigenden Leistungsdruck in der Arbeitswelt und die zunehmende Individualisierung von Sorgearbeit verstärkt. Dabei hängt die Möglichkeit, Zeit für Engagement aufzuwenden, sowohl von der tatsächlichen Verfügbarkeit als auch von der Autonomie in der Gestaltung der Zeit ab.

Neben der verfügbaren Zeit stellt die fehlende Zeitautonomie eine weitere Schwelle dar. Diese betrifft Menschen, deren Zeit durch externe Faktoren bestimmt wird, etwa durch Schichtarbeit, Sorgeverpflichtungen oder körperliche Einschränkungen. Menschen mit Behinderungen beispielsweise müssen oft mehr Zeit für alltägliche Abläufe einplanen und sind auf unterstützende Assistenzsysteme angewiesen, was ihre zeitliche Flexibilität stark einschränkt. Ebenso erleben Alleinerziehende und pflegende Angehörige eine geringe Zeitautonomie, da unvorhersehbare Ereignisse ihre Planungen oft durchkreuzen. Demgegenüber steht die zeitliche Unflexibilität vieler Engagementformen. Sitzungen oder Veranstaltungen folgen oft festen Zeitplänen, die für viele potenziell Engagierte schwer mit anderen Verpflichtungen vereinbar sind. Zeitmangel und fehlende Zeitautonomie sind daher auch häufige Gründe für die Beendigung von Engagement.

Engagement wird gesellschaftlich und politisch unterschiedlich anerkannt und wissenschaftlich unterschiedlich erfasst – auch dies markiert eine Ungleichheitsdimension: Nicht jedes Engagement wird als ein solches anerkannt und gesehen. Wenn beispielsweise jemand kontinuierlich Menschen im sozialen Umfeld informell unterstützt, bleibt dieses Engagement aufgrund der fehlenden organisationalen Einbindung für andere unsichtbar. Informelles Engagement umfasst häufiger pragmatische persönliche Hilfeleistungen als sozial gestaltende Tätigkeiten und wird daher leicht übersehen. Unter den Personen, die sich ausschließlich informell engagieren, ist der Anteil von Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund oder mit niedrigem Einkommen jeweils größer als in der Gruppe der formell Engagierten. Auch hieraus lässt sich schließen: Der Zugang zum Engagement fällt diesen Gruppen im informellen Bereich scheinbar leichter als im formellen Kontext (BMFSFJ 2024, 197).

Zunehmende Gewalt und Anfeindungen halten viele Menschen vom Engagement ab. Diese reichen von politisch motiviertem Druck bis hin zu Anfeindungen und körperlichen Angriffen auf ehrenamtlich Engagierte und zivilgesellschaftliche Organisationen. Der gewachsene Druck manifestiert sich in einer Verrohung der Debattenkultur, Beleidigungen, Drohungen und in der steigenden Zahl erfasster Straftaten. Laut polizeilicher Kriminalstatistik wurden im Jahr 2023 bundesweit 3.798 Straftaten gegen Amtsträger*innen und 2.710 gegen Mandatsträger*innen registriert (BMI 2024, 20).

Auch die politisch engagierte Zivilgesellschaft ist zunehmend Ziel von Übergriffen. Diese Gewalt gefährdet nicht nur das persönliche Sicherheitsempfinden der Engagierten, sondern beeinträchtigt auch die Handlungsfähigkeit von Organisationen. Neben körperlichen Angriffen kommen immer häufiger juristische Mittel zum Einsatz, um unliebsame Engagierte einzuschüchtern (Green Legal Impact Germany e. V. 2023, 2025; Helmert et al. 2023). Die Androhung oder Ausübung von Gewalt schränkt nicht nur die individuellen Handlungsspielräume ein, sondern hat auch eine abschreckende Wirkung auf potenzielle neue Engagierte. Auch politische Stigmatisierungen, gesetzliche Regelungen und restriktives Polizieren gegenüber politisch Engagierten dämpfen zivilgesellschaftliches Engagement, beispielsweise durch politisch oder wirtschaftlich motivierte Stigmatisierungen (etwa von Klimaaktivismus oder politischem Engagement von Migrant*innen) und bestehende Unsicherheiten im Gemeinnützigkeitsrecht.

Durch politische Einschüchterungen bis zu gewaltsamen Angriffen, insbesondere mit rechtsextremen Hintergründen, sowie durch eine Verrohung und Instrumentalisierung etwa kommunalpolitischer Ehrenämter schrumpfen auch in Deutschland die Handlungsräume für gestaltendes Engagement – und damit die zivilgesellschaftlichen Grundlagen pluralistischer Demokratie.3 Auch hier sind weniger privilegierte, machtschwache Gruppen, wie Migrant*innen, queere Personen oder politische Minderheiten, besonders vulnerabel und in ihren Grundrechten schutzbedürftig. Das Schrumpfen der Räume („shrinking spaces“) für politisches Engagement spiegelt sich u. a. darin wider, dass der von der Nichtregierungsorganisation Brot für die Welt herausgegebene „Atlas der Zivilgesellschaft“ (Brot für die Welt 2024) insbesondere aufgrund staatlicher Repressalien gegen Engagierte für Klimaschutz die Freiheit der Zivilgesellschaft in Deutschland 2024 erstmals herabgestuft hat: Die Bewertung wurde aufgrund von Demonstrationsverboten und der gezielten Verfolgung von Klima-Aktivist*innen von „offen“ auf „beeinträchtigt“ geändert.

Engagementimmanente Schwellen

Neben diesen Schwellen, die eher dem Engagement vorgelagert sind, wirken andere Schwellen direkt im Engagement. So spielen beispielsweise für den Zugang zu freiwilligem Engagement die Ansprache und Rekrutierungsnetzwerke eine entscheidende Rolle. Menschen werden häufig durch entfernte Bekannte auf Engagementmöglichkeiten aufmerksam gemacht, während direkte Ansprachen durch Freund*innen oder Familie seltener erfolgen (siehe hierzu auch das Kapitel 5.3 im Engagementbericht sowie Simonson et al. 2022). Hierbei profitieren Personen mit höherem sozialen Status, höherem Bildungsabschluss und höherem Einkommen, da sie in der Regel über mehr Kontakte zu Engagierten verfügen. Im Gegensatz dazu werden Personen mit einem zugeschriebenen Migrationshintergrund seltener auf ein Engagement angesprochen und sind insbesondere im formellen Engagement in etablierten Organisationen unterrepräsentiert.

Menschen, die Diskriminierung erfahren, erleben zudem fehlendes Zutrauen als Schwelle für ihr Engagement. Viele antizipieren Diskriminierungserfahrungen und meiden daher Organisationen, von denen sie annehmen, dass diese nicht für Diskriminierung sensibilisiert sind. Gesellschaftliche Diskriminierung wirkt somit direkt in das Engagement hinein und beeinflusst dessen Zugänglichkeit.

Mitsprache ist ein zentraler Aspekt im freiwilligen Engagement, doch die Art und Weise, wie in verschiedenen Kontexten gesprochen wird, kann eine erhebliche Schwelle darstellen. Insbesondere armutsbetroffene und migrantisierte Engagierte berichten, dass sie sich in wichtigen Engagementzusammenhängen ausgeschlossen fühlen, weil sie nicht mitreden können. Die Sprache, die dort verwendet wird, ist ihnen oft fremd und vermittelt den Eindruck, dass sie sich anpassen müssten, um gehört zu werden. Dies betrifft insbesondere Engagementkontexte, in denen es darum geht, Veränderungen anzustoßen und Einfluss zu nehmen.
Unterschiedliche Sprechweisen sind eng mit sozialen Identitäten und Zugehörigkeiten verbunden. Sie spiegeln spezifische Perspektiven und Wissensbestände wider, können jedoch hierarchisiert werden. Während einige Sprechweisen – etwa akademisierte Sprache mit Begriffen wie „Empowerment“ oder „Postmigration“ – als legitim und kompetent wahrgenommen werden, werden andere als weniger wertvoll eingestuft. Besonders deutlich wird dies in etablierten Organisationen, in denen dominante Sprechweisen und implizite Normen weniger privilegierte Engagierte ausschließen. Selbst gebildete und selbstbewusste Engagierte berichten, dass ihre Anliegen nicht gehört oder abgewertet werden, sei es durch die Leugnung von Diskriminierungserfahrungen, herabwürdigende Kommentare oder die Überzeugung privilegierter Gruppen, die Perspektiven marginalisierter Menschen „mitdenken“ zu können. Die mangelnde Repräsentanz weniger privilegierter Gruppen in diesen Kontexten verstärkt diese Herausforderungen.

Die genannten Schwellen sind ambivalent, insofern sie – vergleichbar der Schwelle in einem Türrahmen, der den Luftzug stoppen soll – durchaus auch eine Funktion erfüllen können: Die gezielte und damit weniger offene Ansprache von Personen mag verhindern, dass unliebsame Personen Mitglied in einer Organisation werden (etwa politisch unzuverlässige Personen in einem politischen Netzwerk). Zugleich schließt in manchen Fällen gerade der Repräsentationsgedanke auch begründet aus. Nicht jede Person muss überall Mitglied werden können: Manche neue Organisation ist ein Safer Space in Bezug auf Rassismus oder Queerfeindlichkeit und schließt daher Personen ohne bestimmte Merkmale bewusst aus (BMFSFJ 2024, 118–122). Auch Nachweispflichten und mithin zusätzliche Bürokratie können funktionale Schwellen sein, etwa polizeiliche Führungszeugnisse im Bereich der Jugendarbeit.

Die Schwellen, die der Engagementbericht herausgearbeitet hat, sind nicht als abschließend zu verstehen, sondern als eine erste Identifizierung der zentralen Barrieren, die Engagement erschweren und verhindern. Hier benötigt es zukünftig weitere Forschung.

Fazit und Empfehlungen

Als Alltagserfahrung und transformative kollektive Praxis gestaltet Engagement die Gesellschaft in vielfältiger Weise mit. Dabei sind Zugangschancen zu Engagement von denjenigen sozialen Ungleichheiten determiniert, die auch die sozialen Verhältnisse bestimmen: Es lassen sich Diskriminierungen im Feld des Engagements beobachten, welche ohnehin bestehende soziale Ungleichheiten verschärfen (BMFSFJ 2024, 201). Freiwilliges Engagement stellt einen wesentlichen Baustein beim Grundrechtegebrauch dar: Teilhabe (z. B. im kulturellen Bereich), Partizipation und Mitbestimmung (z. B. in der Kommunalpolitik), aber auch die Entfaltung der Persönlichkeit können durch freiwilliges Engagement ermöglicht werden. Eine Ungleichheit im Engagement bedeutet entsprechend faktisch auch ungleichen Grundrechtegebrauch (Kluth 2024).

Die Erkenntnisse bilden die Grundlage für eine Diskussion der Ambivalenz des Engagements. Auch gut gemeintes Engagement ist nicht nur integrativ, sondern kann exkludierend wirken. Dies gilt besonders dann, wenn Diskriminierungsmechanismen unbewusst in zivilgesellschaftlichen Organisationen reproduziert werden. Während zivilgesellschaftliche Akteur*innen häufig als Garant der Demokratie angesehen werden, argumentiert der Beitrag, dass ihre internen Strukturen ausschließend wirken können. Dieser Befund gilt insbesondere für einen unzivilen Kontext: Der eigentlich progressive Gedanke der Selbstregierung in kommunalpolitischen Gremien oder zivilgesellschaftlichen Organisationen wirkt in entgegengesetzte Richtung, wenn aus Angst vor Gewalt und Anfeindung Mitglieder vulnerabler Gruppen von ihrem Mitbestimmungsrecht keinen Gebrauch machen können oder wollen. Auch können Schwellen wie Ansprache, Mitgliedschaftsregelungen, Bürokratie oder Repräsentation zu Schutzmechanismen werden und sind deswegen nicht Gegenstand kritischer Reflexion. Dies führt zur Schlussfolgerung, dass die Förderung von Diversität und Inklusion in diesen Strukturen zu einer wesentlichen Aufgabe für politische Akteur*innen und zivilgesellschaftliche Organisationen wird, um eine pluralistische und demokratische Gesellschaft weiterzuentwickeln. Insgesamt geht es dabei nicht um moralische Vorwürfe gegen einzelne engagierte Akteur*innen, sondern um empirische Beschreibungen und die Identifizierung von Handlungsmöglichkeiten zur Reduzierung von Zugangsbarrieren. Die gleichberechtigte Öffnung von Engagement stärkt nicht nur individuelle Selbstbestimmungs- und Selbstwirksamkeitserfahrungen sowie die integrative Kraft des Engagements, sondern ist auch praktizierte Alltags- und Gesellschaftsgestaltung in einer pluralistischen Demokratie mit Vorbildcharakter.

Für diese Ziele identifiziert der Vierte Engagementbericht (BMFSFJ 2024, 202 ff.) eine Vielzahl konkreter Handlungsempfehlungen für Politik, Förderstrukturen und Organisationen entlang folgender Schwerpunkte:

 

  1. Einfluss sozialer Ungleichheit auf Engagement als Problem (an)erkennen und reduzieren
  2. Erfahrungsräume für Partizipation und Engagement, insbesondere in der Kinder- und Jugendarbeit, aber auch in der Gemeinwesenarbeit ausbauen und sicherstellen
  3. Inklusive, diskriminierungssensible und diversitätsorientierte Organisationskulturen schaffen und Öffnung für Diversität systematisch verfolgen
  4. „Neue“ Organisationen als essenzielle Orte der zivilgesellschaftlichen Beteiligung anerkennen und fördern, Kooperationen zwischen „neuen“ und etablierten Organisationen initiieren und fördern
  5. Schutz für Engagierte angesichts von Bedrohungen und Repressionen und Solidarität mit ihnen; Förderung von politischer Bildung, um den Wert von Demokratie zu verdeutlichen
  6. Finanzielle Hürden für Engagement abbauen
  7. Zeit(-autonomie) für potenziell Engagierte schaffen und gewährleisten
  8. Ausreichend zugängliche und barrierefreie Begegnungsräume für Engagement im sozialen Nahraum – sowohl auf dem Land als auch in der Stadt
  9. Digitales Engagement anerkennen und fördern
  10. Rechtlichen Rahmen für Engagement stärken durch Vereinheitlichung, Förderung und Schutz
  11. Bürokratische Prozesse und Förderstrukturen zur Vereinfachung und Diversifizierung des Engagements optimieren
  12. Diverse, insbesondere informelle Formen von Engagement anerkennen, fördern und Kooperationen initiieren
  13. Forschungs- und Wissenslücken zu Zugangschancen und Schwellen sowie diversen Engagementformen schließen

 

Obwohl die Hauptursachen für eingeschränkte Zugangsmöglichkeiten in den Strukturen sozialer Ungleichheit verankert sind, verdeutlicht der Bericht, dass Bundes- und Landesregierungen durch ihre Engagementpolitik umfassende Maßnahmen umsetzen können, um Barrieren abzubauen und das Engagement zugänglicher zu machen.

 

  Die Autoren waren als Sachverständiger (Matthias Quent) sowie Mitarbeiter der Geschäftsstelle des Engagementberichts (Benjamin Haas und Andreas Kewes) an der Erstellung des Berichts beteiligt. Der Beitrag fasst Teile der Ergebnisse kondensiert zusammen und basiert auf verschiedenen Stellen des Engagementberichts. Diese werden nicht als Einzelnachweise angeführt. Der Engagementbericht ist kostenlos abrufbar unter https://dserver.bundestag.de/btd/20/141/2014120.pdf.

    Der Sachverständigenkommission gehörten an: Prof.‘in Dr.‘in Chantal Munsch (Vorsitzende, Universität Siegen), Prof. Dr. Serhat Karakayali (Leuphana Universität Lüneburg), Tobias Kemnitzer (bagfa e. V.), Prof. Dr. Matthias Quent (Hochschule Magdeburg-Stendal), Prof.‘in Dr.‘in Wibke Riekmann (Hochschule Hannover), Prof.‘in Dr.‘in Anne van Rießen (Hochschule Düsseldorf), Prof. Dr. Andreas Thimmel (Technische Hochschule Köln), Prof.‘in Dr.‘in Claudia Vogel (Hochschule Neubrandenburg), Prof.‘in Dr.‘in Sabrina Zajak (DeZIM-Institut).

  Siehe dazu auch den Schwerpunktband „Demokratie unter Druck“ der Zeitschrift Wissen schafft Demokratie, 12/2022.

 

Andreas Kewes, Dr. phil., ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Siegen und Leiter der Geschäftsstelle der Sachverständigenkommission für den Vierten Engagementbericht. Forschungs- und Publikationsschwerpunkte: freiwilliges Engagement, Flucht und Asyl, qualitative Methoden der empirischen Sozialforschung.

Benjamin Haas, M. A. war bis März 2025 wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Geschäftsstelle der Sachverständigenkommission für den Vierten Engagementbericht an der Universität Siegen. Er ist Mitherausgeber von Voluntaris – Zeitschrift für Freiwilligendienste und zivilgesellschaftliches Engagement sowie Vorstand des Trägervereins der Zeitschrift. Er schließt derzeit seine kulturanthropologische Doktorarbeit an der Universität zu Köln ab. Forschungsschwerpunkte: transnationales Engagement und ökonomische Anthropologie. 

Matthias Quent, Professor für Soziologie und Vorstandsvorsitzender des Instituts für demokratische Kultur an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Er war Mitglied der Kommission zur Erstellung des Vierten Engagementberichts der Bundesregierung. Forschungsschwerpunkte: politische und öffentliche Soziologie, Demokratie, Rechtsextremismus, Digitalität, Soziale Arbeit, Zivilgesellschaft.

 

Literatur

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BMFSFJ (2024). Vierter Engagementbericht. Zugangschancen zum freiwilligen Engagement. Berlin (BT-Drucksache, 20/1420).

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Brot für die Welt (Hg.) (2024). Atlas der Zivilgesellschaft. Gefährliches Engagement. Klima und Umwelt. Berlin. Online verfügbar unter www.brot-fuer-die-welt.de/fileadmin/mediapool/Atlas_der_Zivilgesellschaft/2024/BfdW_Atlas_2024_Broschur_Online.pdf (abgerufen am 20.06.2024).

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Green Legal Impact Germany e. V. (Hg.) (2025). Green Legal Spaces Studie 2025. Entwicklung politischer Teilhaberechte der Klimabewegung in Deutschland. Berlin. Online verfügbar unter www.greenlegal.eu/wp/wp-content/uploads/2025/01/Green_Legal_Spaces_Studie_2025.pdf (abgerufen am 06.05.2025).

Helmert, Cornelius/Thürling, Marleen/Treidl, Johanna/Mönig, Alina (2023). „Sie versuchen, uns damit zu lähmen“. Eine Dunkelfeldstudie zum strategischen Einsatz von juristischen Mitteln durch rechtsextreme Akteur*innen gegen die Zivilgesellschaft. Online verfügbar unter www.idz-jena.de/fileadmin/user_upload/Publikationen/Dunkelfeldstudie_GegenRechtsSchutz.pdf (abgerufen am 06.05.2025).

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Kluth, Winfried (2024). Rechtsgutachten „Rechtliche Zugangsbarrieren zum Ehrenamt und bürgerschaftlichen Engagement in Deutschland“. Erstellt im Auftrag der Geschäftsstelle der Sachverständigenkommission für den Vierten Engagementbericht der Bundesregierung an der Universität Siegen. Halle. Online verfügbar unter nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0168-ssoar-94439-4 (abgerufen am 10.01.2025).

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