Problemaufriss
Die Letzte Generation polarisiert. Seien es blockierte Autobahnen, mit Farbe besprühte Privatjets oder mit ölartiger Flüssigkeit übergossene Glasscheiben vor berühmten Gemälden: Die österreichische Gruppe der in Deutschland gegründeten Bewegung warnte bis zu ihrer Auflösung im August 2024 mittels aufmerksamkeitsmaximierender Störaktionen vor dem Eskalieren der Klimakrise (Breinbauer 2024a, 400 f.; Letzte Generation Österreich 2024a). Auch wenn die Letzte Generation mit ihrer häufigsten Protestform, der Straßenblockade, aus strategischen Gründen allen voran die Durchschnittsbevölkerung tangierte, lag ihrer Ansicht nach die Hauptverantwortung zur Durchsetzung wirksamer Klimaschutzmaßnahmen in den Händen politischer Entscheidungsträger*innen (Breinbauer 2024a, 400 f.). Dementsprechend forderten die Aktivist*innen von der österreichischen Bundesregierung die Realisierung der vom Klimarat1 ausgearbeiteten Vorschläge zur Eindämmung der Erderhitzung, allen voran die Verankerung von Klimaschutz als Grundrecht in der Verfassung (Letzte Generation Österreich 2024b).
Während sich ein Großteil der Menschen in Österreich für Klimaschutz ausspricht (BMK o. J.), zeichnete sich in Hinblick auf die Proteste der Letzten Generation ein dazu konträres Stimmungsbild ab. Mit ihren Aktionen zivilen Ungehorsams stieß die Gruppe in weiten Teilen der Bevölkerung auf starke Ablehnung. Diese äußerte sich in Form von Beleidigungen, Beschimpfungen, Drohungen bis hin zu physischer Gewalt (Elser et al. 2023, 85). Politik und Staat begegneten den Aktivist*innen wiederum mit Repression; sie versuchten, die Proteste durch hohe Geldstrafen und Freiheitsentzug zu zerschlagen (Breinbauer 2024a, 401). Als dritte und in diesem Beitrag zentrale Instanz sind die Massenmedien2 zu nennen: Ihre Berichterstattung fokussierte vermehrt die gewählte Protestform und die dazu geäußerten Meinungen von Politiker*innen anstelle der dahinterstehenden Protestmotive und schürte damit Zweifel an der Legitimität zivilen Ungehorsams in einem demokratischen Gesellschaftsgefüge (Hulata 2023).
Aufbauend auf dieser Diskrepanz beleuchtet der vorliegende Beitrag die konfliktären sowie massenmedialen Dynamiken rund um die Proteste der Letzten Generation in Österreich. Dies erfolgt durch eine Einordnung der Proteste in die Theorie zivilen Ungehorsams und eine umfangreiche Analyse der zugehörigen Berichterstattung österreichischer Tageszeitungen. Abschließend wird erörtert, welche potenziellen Konsequenzen der herausgearbeitete (mediale) Umgang mit den Aktivist*innen für eine Demokratie mit sich bringen kann – insbesondere vor dem Hintergrund der fortschreitenden Klimakrise und des parallel dazu anhaltenden Rechtsrucks in weiten Teilen Europas.
Konflikt- und Medienstrategien im zivilen Ungehorsam
Die Strategie der Alltagsstörung, die die Letzte Generation praktizierte, ist kein neues Phänomen: Zahlreiche Protestbewegungen des 20. und frühen 21. Jahrhunderts, bspw. die Antiapartheidbewegung oder die Black-Lives-Matter-Bewegung, nutz(t)en vergleichbare Methoden (Chenoweth 2021, 18 f.). Ihnen gemein ist die strenge Gewaltfreiheit – einer der Eckpfeiler zivilen Ungehorsams in einem demokratisch verfassten Staat. Darüber hinaus definiert sich diese Art des politischen Widerstands über die Illegalität der damit verbundenen Handlungen, die Moralität des ihr zugrunde liegenden Motivs, das Inkaufnehmen aller rechtlichen Konsequenzen des eigenen Tuns sowie den Wunsch nach einer breiten Öffentlichkeit für das Anliegen der Bewegung (Chenoweth 2021, 61; Eberl 1994, 37; Eidam 2023, 227). In der Praxis ergeben sich aus diesen Prinzipien bewegungsübergreifende Handlungsstrategien und Dynamiken, die eng mit der Disruption alltäglicher Abläufe, den dadurch hervorgerufenen Konflikten und dem Streben nach einem großen Medienecho verwoben sind.
Die Disruption des Alltags: stören, um gehört zu werden
Das bewusste Provozieren von Konflikten liegt in der Natur zivilen Ungehorsams und kann auf zwei Arten erfolgen: indem gesellschaftlich erwartetes bzw. erforderliches Verhalten unterlassen wird (z. B. bei einem Streik) oder gesellschaftlich unerwartetes bzw. verbotenes Verhalten gezeigt wird (z. B. bei einer Sitzblockade der Letzten Generation; Chenoweth 2021, 2; Gulliver et al. 2021, 7 f.). Das Repertoire an provokativem Verhalten sieht es vor, den Status quo kurzfristig zu stören und langfristig zu verändern. Protestbewegungen bringen zu diesem Zweck wichtige Abläufe des Alltags an dafür kritischen Orten zum Stillstand (Chenoweth 2021, 74). Dieser Stillstand ist jedoch nicht von Dauer: Derart invasive Eingriffe erzeugen gesellschaftliche Spannungen und sind unbequem; sie zwingen Menschen dazu, darauf zu reagieren (Berglund und Schmidt 2020, 88). Diese erzwungene Reaktion sowie die damit einhergehende (mediale) Aufmerksamkeit sind entscheidend dafür, dass ungehorsamer Protest oft schneller Resultate erzielt als sein konventionelles Gegenstück (Engler und Engler 2016, 159).
Trotz dieser konfliktschürenden Herangehensweise blieb die kompromisslose Gewaltfreiheit für die Letzte Generation oberstes Gebot, da die Erfolgschancen gewaltfreier Kampagnen im historischen Vergleich um ein Vielfaches höher waren als jener, die Gewalt als Protestmittel befürworteten (Stephan und Chenoweth 2008, 42). Dennoch sah sich die Gruppe mit unverhältnismäßiger, in Teilen hemmungsloser Gegenwehr konfrontiert – so auch bei einer Straßenblockade in Linz, als ein Autofahrer zwei Aktivist*innen gezielt anfuhr (Oirer 2024). Gleichzeitig kann die von Zivilbevölkerung, Polizei oder Staat ausgehende Gewalt die Solidarität mit den Aktivist*innen erhöhen und die Bewegung schlussendlich sogar stärken. Diese Dynamik wird als Backfiring bezeichnet und ist Ausdruck der Zwangslage, in der sich Behörden in ihrer Antwort auf eine gewaltfreie Disruption befinden: die Aktion zum Unmut der übrigen Bevölkerung stattfinden zu lassen oder sie (gewaltvoll) zu zerschlagen. Entscheiden sie sich für Letzteres, liegt es an der Bewegung, diese Repression publik zu machen und daraus Unterstützung zu ernten (Berglund und Schmidt 2020, 83; Chenoweth 2021, 212–214).
Das Medienecho: ein ambivalentes Abhängigkeitsverhältnis
Proteste sind auf die Resonanz von Massenmedien angewiesen. „Sie lassen sich nicht trennen von den Nachrichten, die über sie zirkulieren und die sowohl ihre Wahrnehmung als auch ihren Verlauf mitbestimmen.“ (Elser et al. 2023, 135) Diese Untrennbarkeit stellt die jeweiligen Bewegungen vor gewisse Herausforderungen: In ihrer Kommunikation müssen sie tiefgreifende Forderungen auf einfache Botschaften reduzieren, da Medien bevorzugt solche Aussagen wiedergeben, welche mit dem gegenwärtigen Diskurs um ein Thema vereinbar sind (Goldenbaum und Thompson 2020, 184). Diese Selbstbeschränkung von Bewegungen reproduziert bestehende gesellschaftliche Logiken und grenzt den Möglichkeitsraum des öffentlich Sag- und Machbaren, den ihr Protest eigentlich zu erweitern sucht, bereits vorab ein (Korte 2011, 200). Des Weiteren neigen Medien dazu, mehr über die Aktionsform und das Erscheinungsbild einer Gruppierung als über die dabei transportierten Inhalte zu berichten. Grund dafür sind massenmediale Mechanismen, denen zufolge die Berichterstattungsmenge zu einem Ereignis umso höher ist, je höher der Nachrichtenwert desselben ist. Als den Nachrichtenwert steigernde Faktoren haben sich u. a. die Neuartigkeit, der Überraschungseffekt, das Konfliktpotenzial sowie personalisierende Elemente des Protests herausgestellt (Goldenbaum und Thompson 2020, 184).
Soziale Bewegungen sind diesen Mechanismen nicht wehrlos ausgeliefert. So repräsentieren eine Bewegung häufig festgelegte Pressesprecher*innen oder auch bekannte Persönlichkeiten, um ihr ein Gesicht zu verleihen (Korte 2011, 190). Ein weiterer Hebel von Aktivist*innen besteht in ihrem Kommunikationsstil: Zugespitzte, dramatisierende Formulierungen sowie ein enger Austausch mit den Journalist*innen erhöhen die Chancen auf Berichterstattung (Korte 2011, 190, 199 f.; Stanisavljevic 2016, 142). Zudem kann es für Bewegungen vorteilhaft sein, auf andere aktuelle Ereignisse mit hohem Nachrichtenwert Bezug zu nehmen (Korte 2011, 199 f.). Schließlich hat es sich angesichts des hohen Stellenwerts, den Bildkomponenten in den Massenmedien einnehmen, bewährt, spektakuläre Protestbilder zu erzeugen (Helbrecht et al. 2015, 6). „[E]benso wie die Protestbewegungen ihre Botschaften in die Schlagzeilen bringen müssen, um eine möglichst große Öffentlichkeit zu erreichen, sind die Nachrichten auf aktuelle und spektakuläre Ereignisse angewiesen, um für ein breites Publikum von Interesse zu sein.“ (Elser et al. 2023, 336)
Mit diesem Verlangen nach medienwirksamen Spektakeln geht für Aktivist*innen ein schwieriger Balanceakt einher: Ihr Protest muss zunächst bemerkenswert und provokant genug sein, um Platz auf der medialen Agenda zu finden. Berichten Massenmedien daraufhin primär über die Protestform und die dabei stattfindenden Normbrüche, rücken die übergeordneten Ziele der Bewegung in den Hintergrund (Goldenbaum und Thompson 2020, 198). Diese Schwerpunktverschiebung kann besonders bei widerständigen Protesten wie denen der Letzten Generation beobachtet werden, deren Forderungen für gewöhnlich – wenn überhaupt – nur in einem Nebensatz aufgegriffen wurden (Hulata 2023).
Massenmediale Mechanismen am Beispiel der Letzten Generation in Österreich
Um die Protestberichterstattung zur Letzten Generation zu analysieren, wurden 700 Artikel herangezogen, welche von Februar 2022 bis Juli 2023 von den zehn reichweitenstärksten österreichischen Tageszeitungen diesbezüglich publiziert wurden. Die in diesem Medienkorpus abgehandelten Protestereignisse wurden zuerst systematisiert sowie quantitativ auf mögliche Korrelationen zwischen Protestort und Berichterstattungsmenge untersucht. Darauf aufbauend wurden 50 Artikel zu den Protestorten mit der größten Berichterstattungsmenge einer induktiven qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring (2015) unterzogen, um herauszufinden, welche Zusammenhänge es zwischen Protestort und dem im Material vermittelten Stör- bzw. Konfliktpotenzial geben könnte. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse spiegeln die Vielfalt der zuvor dargelegten medialen Dynamiken und Bewegungsstrategien wider, zeigen in manchen Fällen aber auch darüber hinausgehende Besonderheiten auf (Breinbauer 2024b, 58–68, 77–92).
Zunächst ergibt sich aus der quantitativen Analyse, dass jene Proteste die durchschnittlich meisten Medienberichte verzeichneten, die in einer neuartigen Form oder an einem bis dato dafür ungewöhnlichen Ort abgehalten wurden. Dazu zählen allen voran die Störaktionen der Letzten Generation in Museen, gefolgt von ihren Veranstaltungsunterbrechungen und Autobahnblockaden. Die qualitative Analyse wiederum verdeutlicht, dass sich die Tageszeitungen inhaltlich neben der Neuartigkeit dieser Proteststandorte und -formen oftmals auf die Disruption verschiedener städtischer Abläufe fokussierten. Seien es Staus im Straßenverkehr, das vermeintliche Behindern von Einsatzfahrzeugen als Gefährdung der öffentlichen Sicherheit, erhöhte Einsatzkosten als ökonomische Belastung oder Gewaltausbrüche von Autofahrenden als Symptom der Störung der öffentlichen Ordnung: Die teils realen, teils von den Medien heraufbeschworenen Streitpunkte sowie die damit verbundenen Unterbrechungen des städtischen Alltags waren wesentliche Komponenten des Nachrichtenwerts der Proteste. Die eingehendere Betrachtung der Analyseergebnisse lässt darüber hinaus darauf schließen, dass das störende Moment der Proteste der Letzten Generation an verschiedenen Ortstypen – und damit auch in verschiedenen Lebensbereichen – unterschiedlich stark gewichtet wird. So greift die Berichterstattung zu Straßenprotesten die negativen Auswirkungen auf den städtischen Alltag überdurchschnittlich häufig auf, während selbige im Kontext der Museums- oder Veranstaltungsproteste eine eher untergeordnete Rolle spielen.
Zur Medienstrategie seitens der Gruppierung selbst gilt es zu ergänzen, dass diese mit ihrem Protest regelmäßig eindrucksvolle Bilder erzeugte (wie etwa beim Besprühen einer Wiener Luxus-Boutique mit oranger Warnfarbe oder dem Anzünden eines leeren Kinderwagens vor dem Bregenzer Festspielhaus). Sie komprimierte ihre politischen Forderungen zu einfachen, prägnanten Botschaften: „Keine neuen Bohrungen!“, „Hört auf den Klimarat!“ und ähnliche Statements konnten ihren Presseaussendungen wie auch den bei den Protesten abgelichteten Bannern entnommen werden. Des Weiteren brachten der Letzten Generation ein öffentlich geführter Gerichtsprozess sowie die vereinzelte Kollaboration mit bekannten Persönlichkeiten der Populärkultur eine überdurchschnittlich hohe mediale Resonanz im untersuchten Korpus ein.
Inmitten dieser allgemeinen Tendenzen befinden sich auch mehrere Protestaktionen mit einer außergewöhnlichen medialen Repräsentation. Bei der ersten dieser Aktionen handelt es sich um den Protest am 15.11.2022 im Wiener Leopold-Museum, im Zuge dessen ein Aktivist eine schwarze Flüssigkeit auf das Schutzglas vor Klimts „Tod und Leben“ schüttete, während sich sein Mitstreiter mit seiner Hand daran festklebte. Eine mögliche Ursache des daraus resultierenden enormen (inter-)nationalen Medienechos liegt in der Neuartigkeit der dafür gewählten Protestform. Darüber hinaus erzeugte der Protest dramatische Bilder und Schlagzeilen, die fälschlicherweise den Eindruck erweckten, ein weltberühmtes Kunstwerk würde zerstört (siehe bspw. Die Presse 2022). Dementsprechend drehte sich die darauffolgende medial geführte Diskussion um die Frage, ob sich das Museum als Protestort eigne und ob es richtig sei, Kunst und Klimaschutz gegeneinander auszuspielen.
Ein zweiter Protest der Letzten Generation, der eine außergewöhnliche Berichterstattung bewirkte, ist die versuchte Störung des Neujahrskonzerts in Wien am 01.01.2023. Die Aktion zog zahlreiche Medienberichte nach sich, obwohl sie von den dortigen Sicherheitskräften vereitelt wurde. Das Scheitern des Vorhabens wurde sodann zum inhaltlichen Schwerpunkt der Berichte. Selbst solche Zeitungsartikel, die sich inhaltlich primär dem Konzert widmeten, griffen die Beinahe-Störung mit auf (siehe etwa Strobl 2023). Zudem wurde die Verbreitung des geplanten Protests dadurch gefördert, dass das Neujahrskonzert eine international bekannte Veranstaltung mit hohem Nachrichtenwert ist. Die beiden Ereignisse kreierten eine Synergie, die den Aktivist*innen in der Bekanntmachung ihres Anliegens zugutekam.
Als dritte Illustration dient die Blockade der Letzten Generation vom 29.07.2023 auf der Brennerautobahn. Diese verlief äußerst konfliktreich – sowohl am unmittelbaren Protestort, wo die Aktivist*innen von betroffenen Autofahrenden wiederholt körperlich attackiert wurden, als auch in der daraus hervorgegangenen Berichterstattung. Die mediale Nacherzählung des Protests dominieren der dadurch bedingte Verkehrsstau, die gewaltvollen Übergriffe sowie Zitate österreichischer Politiker*innen, die die Aktion stark ablehnen oder kriminalisieren (siehe etwa Oe24 2023). Auch wenn die Protestmotivation der Letzten Generation in den damaligen Berichten mit aufgegriffen wurde, zeugen die darin rezitierten politischen Reaktionen von Unverständnis. Aussagen wie „Das hat nichts mehr mit Klimaschutz zu tun“ oder die Demonstrierenden als „Klimaterroristen“ zu bezeichnen (nachrichten.at und apa 2023), stellt die Legitimität zivilen Ungehorsams als demokratisches Mittel der Klimabewegung infrage und relativiert die Bedrohung, die von tatsächlichem Terrorismus sowie von der Klimakrise ausgeht.
Das Gefahrenpotenzial konfliktsuchender Berichterstattung: ein Ausblick
Die Gleichsetzung friedlicher Demonstrationen mit Extremismus oder Terrorismus ist gefährlich, geschieht aber nicht zufällig: Derartige Bezeichnungen, welche in der Regel rechten Politiker*innen entstammen, sollen zivilen Ungehorsam aus dem gedanklichen Möglichkeitsraum und der gemeinen Vorstellung einer politischen Mitte verbannen (Elser et al. 2023, 415). Jedoch sind auch solche gewaltfreien Bewegungen, die sich dieser Aktivismusform bedienen, essenzielle Bestandteile einer reifen Demokratie und Treiber demokratischer Innovationen (wie bspw. neuer Kommunikationstechniken; Elser et al. 2023, 248 f., 415). Die Proteste der Letzten Generation zu unterdrücken, könnte demnach das demokratische Gesellschaftsgefüge gefährden.
Überdies stellt im Kontext der Klimabewegung auch die Klimakrise eine ernst zu nehmende Bedrohung für eine demokratische Gesellschaft dar. Die nach wie vor steigenden globalen Emissionswerte und Durchschnittstemperaturen zeugen hingegen von mangelndem politischem Willen zur Umsetzung radikaler Gegenmaßnahmen (WMO 2025). Die im Pariser Klimaabkommen angestrebte maximale Erderhitzung von 1,5 Grad Celsius wurde bereits vorübergehend überschritten (WMO 2025) und auch in Österreich werden die von der Europäischen Union vorgeschriebenen Emissionsreduktionsziele bei Beibehaltung des gegenwärtigen Trends verfehlt (BMK 2024, 274). Auch hierbei kommen politisch rechte Gesinnungen wie Nationalismus zum Tragen, welche durch die damit korrelierende Relativierung der Klimakrise sowie Opposition angemessener Schutzmaßnahmen die Umsetzung letzterer erheblich erschweren (Kulin und Sevä 2024).
An dieser Stelle lässt sich der Bogen zurück zur Rolle der Massenmedien spannen: Diese könnten einen großen Beitrag dazu leisten, Politiker*innen in Sachen Klimaschutz zur Rechenschaft zu ziehen. Die hier vorgestellte Medienanalyse veranschaulicht jedoch, dass österreichische Tageszeitungen die Demonstrationen der Letzten Generation weniger als langfristigen Einsatz für das Klima rahmen, sondern vielmehr deren kurzfristig störenden Charakter in den Mittelpunkt rücken, um an Reichweite zu gewinnen. Dabei besäßen Medien das Potenzial und die Verantwortung, „die Proteste im Kontext der Klimakrise zu betrachten und nicht als bloße Störung des gewohnten Lebens“ (Hulata 2023).
Diese Dekontextualisierung von Klimaprotest durch Massenmedien führt erstens dazu, dass politische Verantwortlichkeiten aus dem Blick geraten: Machthabende werden als Beobachtende inszeniert, die ihre Meinung zu den Protesten kundtun, anstatt mit dem Anlass des Aktivismus – der von ihnen mitverschuldeten ungenügenden Klimapolitik – konfrontiert zu werden (Hulata 2023). Zweitens werden dadurch an die Ausgestaltung des Protests geknüpfte gesellschaftliche Unstimmigkeiten zu Konflikten aufgebauscht, die es ohne Zutun der Medien nicht gäbe (Stanisavljevic 2016, 142). Leidtragende dieser Konflikte sind die Aktivist*innen, die neben körperlichen Verletzungen – wie etwa bei der oben aufgegriffenen Autobahnblockade – auch langfristige psychische Belastungen davontragen (Khawaja 2023).
Am 6. August 2024 gab die Letzte Generation in Österreich schließlich ihre Auflösung bekannt: „Die Gesellschaft habe versagt“ (Letzte Generation Österreich 2024a). Auch ihre deutsche Schwesterbewegung verkündete mit Jahresende das Aus ihrer bisherigen Proteste sowie eine strategische Umorientierung mit dem Ziel, verschiedene demokratische Gerechtigkeitskämpfe zu bündeln (Dorten 2025). Reinhard Steurer, Professor für Klimapolitik in Wien, hält das Timing dieser Umorientierung vor dem Hintergrund der Ergebnisse der jüngsten österreichischen Nationalratswahlen für richtig, denn: Die akuteste Bedrohung bestünde seither nicht mehr in der Eskalation der Klimakrise, sondern im übergeordneten Verlust unserer Demokratie.
1 Siehe klimarat.org.
2 Die vorliegenden Ausführungen beziehen sich überwiegend auf (Online-)Tageszeitungen. Soziale Medien sind für Protestbewegungen genauso relevant, unterliegen jedoch anderen Wirkmechanismen, die in diesem Beitrag nicht berücksichtigt werden.
Vivien Breinbauer, Universitätsassistentin und Doktorandin am Institut für Geographie und Raumforschung der Universität Graz (AT). Für ihr Dissertationsvorhaben forscht sie an der Schnittstelle von Klimaaktivismus und Care-Arbeit und beleuchtet dabei die physischen und psychischen Auswirkungen für die an zivilem Ungehorsam beteiligten Aktivist*innen. Aktuelle Publikation: Breinbauer, Vivien (2024). Urbane Klimaproteste. In: Bernd Belina/Matthias Naumann/Anke Strüver (Hg.). Handbuch Kritische Stadtgeographie. 6. Aufl. Münster, Westfälisches Dampfboot, 398–403.
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