Antisemitismus seit dem 7. Oktober 2023
Seit dem 7. Oktober 2023, dem größten antisemitischen Pogrom seit der Shoah, für welches sich kaum Worte finden lassen, steigen antisemitische Vorfälle in Deutschland und weltweit eklatant an. Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) dokumentierte, dass der Großteil der gemeldeten antisemitischen Vorfälle sich im Jahr 2023 in israelbezogener Ausprägung artikulierte; seit dem 7. Oktober 2023 wurden 71 % der gemeldeten Vorfälle der Erscheinungsform des israelbezogenen Antisemitismus zugeordnet (Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus 2024, 11).
Antisemitismus tritt in der Moderne sowohl als individuelle Einstellung, aber auch als gesellschaftlich und kulturell verankertes Welterklärungs- und Deutungsmuster auf (Rensmann 2021, 467–502) und kann als „anti-moderne Ideologie, die in Juden alle gesellschaftlichen und psychosozialen Probleme, Widersprüche und Transformationen personifiziert“ (Rensmann 2005, 121) begriffen werden. Für Antisemit*innen sind Jüdinnen*Juden „die Gegenrasse, das negative Prinzip als solches“ (Horkheimer und Adorno 2022 [1947], 177). Modernisierter Antisemitismus in postnazistischen Gesellschaften drückt sich meist nicht unter direkter Bezugnahme auf Jüdinnen*Juden als Jüdinnen*Juden aus, sondern bemüht eine Art Umwegkommunikation über Codes und Chiffren. Die Bezugnahme auf den Staat Israel als Projektionsfläche ermöglicht es, antisemitische Ressentiments in Bezug auf Israel zu äußern, ohne von ‚den Juden‘ sprechen zu müssen und sich damit weniger angreifbar zu machen. Die politisch-gesellschaftliche Debatte um israelbezogenen Antisemitismus und sachlicher Kritik an israelischem Staats-, Regierungs- oder militärischem Handeln ist von Kontroversen geprägt, wie die Auseinandersetzungen um verschiedene Antisemitismusdefinitionen zeigen.1 Eine Unterscheidung zwischen sachlicher Kritik und israelbezogenem Antisemitismus ist aus Sicht der Antisemitismusforschung jedoch meist recht simpel (Rensmann 11.02.2021, o. S; Rensmann 2025, 86): Die von zahlreichen Staaten und über 1.200 staatlichen und zivilgesellschaftlichen Initiativen anerkannte Arbeitsdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) begreift Antisemitismus als „eine bestimmte Wahrnehmung von Jüdinnen und Juden, die sich als Hass gegenüber Jüdinnen und Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nichtjüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen.“ (International Holocaust Remembrance Alliance 2016, o. S.) Israelbezogener Antisemitismus kann sich nach der IHRA-Definition folgendermaßen ausdrücken: durch das kollektive Verantwortlichmachen von Jüdinnen*Juden für Handlungen des Staates Israel; durch Vergleiche der aktuellen israelischen Politik mit der Politik des NS-Regimes; durch das Verwenden von Symbolen und Bildern, die mit traditionellem Antisemitismus in Verbindung stehen, um Israel oder die Israelis zu beschreiben; durch die Anwendung doppelter Standards, indem man von Israel ein Verhalten fordert, das von keinem anderen demokratischen Staat erwartet oder gefordert wird; durch das Aberkennen des Rechts des jüdischen Volkes auf Selbstbestimmung, z. B. durch die Behauptung, die Existenz des Staates Israel sei ein rassistisches Unterfangen (International Holocaust Remembrance Alliance 2016, o. S.).
Antisemitismus findet sich in allen gesellschaftlichen Milieus und politischen Ausrichtungen wieder. In linken politischen Spektren artikuliert sich Antisemitismus meist durch sog. ‚verkürzte Kapitalismuskritik‘ und israelbezogenen Antisemitismus. Dieser speist sich vor allem aus manichäischen antiimperialistischen oder postkolonialen Weltbildern (Rensmann und Salzborn 2021, 77–80).
Antisemitismuskritik und Israelsolidarität im DGB
Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) ist als Massenorganisation ein wichtiger und gesellschaftlich prägender Akteur. Nach der Zerschlagung der Gewerkschaften durch den Nationalsozialismus arbeiteten Gewerkschafter*innen in Untergrund und Exil aktiv an der Idee einer Einheitsgewerkschaft weiter. Nach der Befreiung vom Nationalsozialismus wurde diese in Form des DGB realisiert. Heute besteht dieser aus acht Schwesterngewerkschaften. Seit seinem Beginn hat der DGB sich grundsätzlich einer antisemitismuskritischen und israelsolidarischen Praxis verschrieben, die sich im Wesentlichen aus einem antifaschistischen Selbstverständnis ergibt. In Beschlüssen wie dem Bekenntnis zum Antifaschismus von 2018 wurde dieses Selbstverständnis bekräftigt. Darin heißt es: „Die Einheitsgewerkschaft ist für uns Verpflichtung aus den Erfahrungen des Dritten Reichs. […] Der Antifaschismus ist spätestens seit dem 2. Mai 1933, der faschistischen Besetzung der Gewerkschaftshäuser und der späteren Enteignung der Gewerkschaften, ureigene Aufgabe der Gewerkschaften und ihrer Jugendorganisationen.“ (DGB Bundeskongress 2018, 1) Der DGB unterhält auch gute Beziehungen zum israelischen Gewerkschaftsdachverband Histadrut (Herzig 2023, 58). Von Lea Herzig wurde differenziert aufgezeigt, dass Antisemitismus vor allem aus dem neofaschistischen, rechtsradikalen politischen Spektrum klar vom DGB benannt und kritisiert wird (Herzig 2023, 62). Weitere aktuelle Studien zum Umgang mit Antisemitismus in deutschen Gewerkschaften liegen nicht vor, sodass dieser Beitrag auch dazu beiträgt, diese Forschungslücke zu schließen.
Nach dem 7. Oktober 2023 veränderte sich die klare Haltung des DGB nicht. Es finden weiterhin gemeinsame Bildungsveranstaltungen mit dem israelischen Gewerkschaftsbund Histadrut statt. Die Solidarität mit den israelischen Kolleg*innen riss nicht ab. Gary Kaplan, Sekretär für internationale Beziehungen des israelischen Gewerkschaftsbunds, berichtet im persönlichen Gespräch mit den Autorinnen, dass die Histadrut weltweit enge Beziehungen zu verschiedenen Gewerkschaften pflegt, z. B. in den USA, in manchen Teilen von Europa, Skandinavien und Japan. Jedoch sei die Beziehung mit dem DGB sehr besonders und einzigartig. Die Histadrut wird nicht überall mit offenen Armen empfangen, wie Berichte, darunter der der Bildungsinternationale im Sommer 2024 von Ann-Kathrin Hoffmann, bestätigen. Sie schildert darin, dass „die anwesenden Kolleg:innen der israelischen Bildungsgewerkschaft teils explizit von der internationalen Solidarität ausgeschlossen“ (Hoffmann 2024, 3) wurden.
Ver.di, GEW und die TVStud-Kampagne: Antisemitische Vereinnahmungsversuche?
Ver.di und GEW sind zwei Gewerkschaften im DGB, die Arbeiter*innen im Bildungsbereich organisieren, vom Kindergarten über die Hochschule bis in außerschulische Bildungsbereiche. Sie haben beide klare Beschlusslagen gegen Antisemitismus (GEW 2022, 60; ver.di 2023, 3 f.). Als Reaktionen auf den 7. Oktober 2023 veröffentlichten beide Gewerkschaften Pressemitteilungen, in denen sie den Terrorangriff der Hamas verurteilten und ihrer Solidarität gegenüber den israelischen Kolleg*innen Ausdruck verliehen (GEW 09.10.2023; ver.di 09.10.2023). In einem Beschluss bekräftigte die GEW ihre Position knapp einen Monat später (GEW 13.11.2023), in einem aktuellen Beschluss vom 9. Januar 2025 verurteilte die GEW Antisemitismus abermals aufs Schärfste und wies auf die Bedeutung von Bildungs- und Präventionsarbeit gegen Antisemitismus hin (GEW 09.01.2025).
Als gemeinsames Organizing-Projekt haben GEW und ver.di die TVStud-Kampagne initiiert (TVStud 2023). Seit 2020 setzt sich die Bewegung bundesweit für die Einführung eines Tarifvertrages für knapp 300.000 studentische Beschäftigte an den Hochschulen ein.2 Zu beobachten ist, dass sich die Kampagne TVStud in ihrer Öffentlichkeitsarbeit inhaltlich darauf beschränkt, monothematisch zu tarif- oder wissenschaftspolitischen Themen Stellung zu beziehen. Weder auf der Website noch auf den Social-Media-Kanälen oder in den Telegram-Gruppen hat die Kampagne seit dem 7. Oktober 2023 offiziell über Antisemitismus oder die israelsolidarische Haltung ihrer Gewerkschaften diskutiert. Jedoch ist mancherorts eine versuchte Vereinnahmung durch autoritär-kommunistische Antisemit*innen zu beobachten.3 Diese personellen Verflechtungen treten selten öffentlich auf, weshalb sich im Weiteren auf einen publiken Fall fokussiert wird: die bundesweit aktive marxistisch-trotzkistische Plattform ‚Klasse gegen Klasse‘. Auf ihrem Online-Blog finden sich diverse Einträge zu TVStud, u. a. von Kilian Gremminger, der eine Verflechtung zwischen den Bewegungen versucht, wie im Folgenden anschaulich dargelegt wird.
Gremminger, Student an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU), ist laut eigenen Angaben aktiv in der GEW, Redakteur bei ‚Klasse gegen Klasse‘ und Mitglied bei ‚Waffen der Kritik‘, der Hochschulgruppe von ‚Klasse gegen Klasse‘. Für die GEW schrieb Gremminger 2023 zur Tarifrunde der Länder darüber, dass er mit seinen Kolleg*innen versuche, über politische Teach-Ins den Organizing-Ansatz um eine Einordnung in größere gesamtpolitische Zusammenhänge zu erweitern. Das bestimmende Thema sei Antimilitarismus (Gremminger 2023a). Diesen Text hatte er wenige Wochen vorher (fast) wortgleich auf ‚Klasse gegen Klasse‘ veröffentlicht (Gremminger 2023c). Nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel verbreitete er in weiteren Artikeln auf ‚Klasse gegen Klasse‘ anti-israelische Parolen und war Mitbegründer des ‚Uni-Komitees für Palästina‘ in München. In seinen Artikeln unterstellt er Israel in bekannter antiimperialistischer Manier einen Genozid an Palästinenser*innen, eine koloniale Unterdrückung der Palästinenser*innen und fordert in Boykottabsicht u. a. einen Stopp der Zusammenarbeit mit israelischen Universitäten bei militärischer Forschung (Gremminger 2023b) – ohne die tatsächlich genozidalen und antisemitischen Absichten der Hamas und anderer islamistischer Gruppen zu erwähnen, Empathie für die jüdischen Opfer zu zeigen oder das Selbstverteidigungsrecht Israels zu benennen. Er fordert: „Nie wieder gilt für ALLE“ (Ottone und Gremminger 2023). Der Ausspruch ‚Nie Wieder‘ bezieht sich in der Regel auf den deutschen Faschismus im Allgemeinen oder die Shoah im Besonderen. Die Einsätze des israelischen Militärs nach dem 7. Oktober werden durch das „Nie wieder gilt für alle“ hiermit gleichgesetzt; Palästinenser*innen werden zu den ‚neuen Juden‘ stilisiert, denen von den zu Täter*innen gewordenen Jüdinnen*Juden nun das angetan werde, was jenen selbst widerfahren ist (Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Bayern 2024, 131). Immer wieder richtet Gremminger seine anti-israelischen Forderungen auch direkt an die Gewerkschaften GEW und ver.di und deren „zionistische Führungen“ (Gremminger 2023b). Damit appelliert er an die verschwörungsideologische Vorstellung, die Führungen der GEW und ver.di seien ‚zionistisch‘ korrumpiert und ‚Zionisten‘ würden die gewerkschaftlichen Meinungen und Politik steuern.
Darüber hinaus baute Gremminger am 13. Mai 2024 mit anderen Aktivist*innen das Pro-Palästina-Camp an der LMU auf und fungierte als dessen Pressesprecher. Das Camp stand immer wieder wegen antisemitischer Vorfälle in der Kritik. Die Fachinformationsstelle Rechtsextremismus München (firm) bestätigt auf Anfrage, dass sie über eine lange Liste von dokumentierten antisemitischen Vorfällen auf dem Camp verfügt. So fanden auf dem Camp etwa Video-Schalten mit vermeintlichen palästinensischen Journalisten statt, die später als Hamas-Terroristen enttarnt wurden (Haase 01.11.2024). Auf eine Pressefrage zum Existenzrecht des Staates Israel wollte Gremminger nicht stellvertretend für das gesamte Camp antworten, verwies aber auf die Website von ‚Klasse gegen Klasse‘ (Schmitt 2024). Dort heißt es in einem Beitrag zum Existenzrecht Israels: „Das Existenzrecht Israels sollte daher nicht nur diskutiert werden ‚dürfen‘, es muss konsequent in seiner jetzigen Form abgelehnt werden.“ (Klasse gegen Klasse 2023) Auf dem Camp wird auf einem Schild auch ‚Free Palestine from German Guilt‘ gefordert – eine Neuauflage der (extrem) rechten Forderung nach einem Schlussstrich und einem Ende des vermeintlichen ‚deutschen Schuldkults‘. Ob Camp oder Blog, seinen Antisemitismus artikuliert Gremminger deutlich und öffentlich, womit er im Kontext der TVStud-Bewegung einer von wenigen ist.
Als weiteres Beispiel für den Versuch einer Verflechtung von gewerkschaftlichem und anti-israelischem Engagement dienen die Bundestagskandidaturen des Wahlbündnisses zwischen der Revolutionären Internationalistischen Organisation (RIO)/‚Klasse gegen Klasse‘ und der Revolutionär Sozialistischen Organisation (RSO) im Rahmen der Bundestagswahl 2025: Drei der vier Kandidat*innen für Erststimmen geben neben ihrem Beruf ihre Funktion als „Gewerkschafter*in“ an – mit auf dem Aufstellungsfoto dabei ist Kilian Gremminger, ohne erkennbare Funktion. Sie fordern u. a.: „Stopp des Genozids am palästinensischen Volk. Stopp von Waffenlieferungen an Israel.“ (Klasse gegen Klasse 2024) Nicht unerwähnt bleiben soll der lose Zusammenschluss „Gewerkschafter4Gaza“. Die Gruppe verteilte u. a. bei den Protesten gegen den AfD-Bundesparteitag in Riesa im Januar 2025 einen Flyer, in dem es heißt: „Seit einem Jahr und drei Monaten begeht der Apartheidstaat Israel einen Völkermord gegen die einheimische Bevölkerung Palästinas.“ Als Mitglieder von ver.di und der IG-Metall appellieren die Verfasser*innen an die Gewerkschaftsführungen, sich der antisemitischen BDS-Kampagne anzuschließen. Der Zusammenschluss fordert auf der Website: Die „Entkriminalisierung der Palästinasolidarität und aller palästinensischen Organisationen!“ (Gewerkschafter4Gaza 2025; Hervorhebung durch Autorinnen) Der Zusammenschluss tritt weitgehend anonym auf und schafft es bisher nicht, sich im gewerkschaftlichen Diskurs zu etablieren.
Die hier aufgezeigten anti-israelischen und antisemitischen Vorfälle unter dem Deckmantel der Palästinasolidarität und des Antimilitarismus stammen in erster Linie aus komplexitätsreduzierten und einseitigen antiimperialistischen und postkolonialen Weltanschauungen. Dabei wird Israel – verkürzt und ohne Berücksichtigung historischer oder realpolitischer Gegebenheiten – als absoluter kolonialer Unterdrücker stilisiert und konsequent dämonisiert. Dem demokratischen Staat werden die schlechtesten Absichten unterstellt und sein Existenzrecht angezweifelt oder gleich negiert. Um die Durchsetzung universalistischer Werte von Freiheit und Gleichheit sowie eine konkrete Verbesserung des Leids von Palästinenser*innen unter islamistischer Herrschaft geht es den anti-israelischen Aktivist*innen nicht, sondern vielmehr um das Ausleben des eigenen Israelhasses.
Die genannten Beispiele dienen exemplarisch zur Anschauung, wie einzelne aktive Gewerkschafter*innen Schlüsselrollen in anti-israelischen Bewegungen und Gruppen einnehmen und in einer Doppelfunktion ihre anti-israelischen Forderungen an die Gewerkschaften herantragen bzw. wiederum versuchen, in ihrer Funktion als Gewerkschafter*in anti-israelische Positionen in die Öffentlichkeit zu tragen. Die Vereinnahmungs- und Beeinflussungsversuche von ‚Klasse gegen Klasse‘ auf gewerkschaftliche Positionen fallen in die bekannte trotzkistische Strategie des sog. Entrismus. Dadurch wird versucht, eine bereits bestehende Organisation oder Bewegung und deren politische Positionierung durch ‚Unterwanderung‘ im eigenen Sinne zu beeinflussen. Allerdings lässt sich festhalten, dass der Versuch der Beeinflussung in der Kampagne TVStud und in den Gewerkschaften bisher keinen Anklang gefunden hat und TVStud den antisemitischen Vereinnahmungsversuchen widerständig gegenüberzustehen scheint. Vielmehr halten die GEW und ver.di an ihren klaren antisemitismuskritischen Beschlusslagen fest.
Störversuche israelsolidarischer Veranstaltungen
Störungen israelsolidarischer oder antisemitismuskritischer Veranstaltungen haben sich mittlerweile zum Standrepertoire anti-israelischer Proteste entwickelt. Entsprechend gibt es immer wieder auch Störversuche anti-israelischer Gruppen gegen die israelsolidarische Arbeit der Gewerkschaften. Bekannt werden diese jedoch nur, wenn die Gewerkschaften oder andere Akteur*innen diese öffentlich skandalisieren, was in den seltensten Fällen geschieht. Eine Ausnahme davon bildet folgendes Szenario: Im September 2024 wurde eine Veranstaltung der ver.di Jugend Niedersachsen-Bremen in Kooperation mit der Deutsch-Israelischen Gesellschaft zur Geschichte der Kibbuzbewegung von einer Gruppe pro-palästinensischer Aktivist*innen gestört, die schließlich von der Veranstaltung ausgeschlossen wurden. Die Veranstalter*innen der ver.di Jugend bekräftigten in einem anschließenden Statement: „Wir lassen uns nicht einschüchtern und werden uns weiterhin gegen jeden Antisemitismus einsetzen – egal ob von rechts, links oder aus islamistischen Spektren!“ (ver.di Jugend Niedersachsen-Bremen 2024)
Antisemitismuskritische Bildungsarbeit
Die gewerkschaftliche Bildungsarbeit ist ein zentrales Element der Gewerkschaften. In den Seminaren und Veranstaltungen werden beispielsweise Betriebsrät*innen oder Mitglieder der Gewerkschaftsjugenden geschult. Ein großer Teil des Angebots erstreckt sich auf die politische Bildung, in der Antisemitismus ebenfalls thematisiert wird.
Antisemitismuskritische Bildung soll Antisemitismus historisch kontextualisieren und seine unterschiedlichen Ausdrucksformen differenziert behandeln. Dies setzt sowohl den individuellen Zugang über das Subjekt voraus als auch die Einbettung von Antisemitismus in die strukturellen, also gesellschaftlichen Begebenheiten (Rajal 2023, 454). Auch wenn nicht dem Trugschluss erlegen werden sollte, dass Bildung allein als Prävention von Antisemitismus gesehen werden kann (Rajal 2023, 457): Bildungsarbeit ist neben den öffentlichen Positionierungen eine von wenigen sichtbaren Handlungsmöglichkeiten der Gewerkschaften, sich aktiv gegen Antisemitismus zu stellen.
Das antisemitismuskritische Bildungsangebot der Gewerkschaften nach dem 7. Oktober 2023 umfasst eine Vielfalt unterschiedlicher Angebote: Im Bildungsangebot von DGB, ver.di und GEW lassen sich seit dem 7. Oktober 2023 über 30 Veranstaltungen im ganzen Bundesgebiet finden, die Antisemitismus und dessen Kritik thematisieren. Während Konzepte wie die Israel-Delegationen der DGB Jugend oder die Teilnahme am Anne Frank Tag der GEW fortgeführt wurden, gab es daneben eine Vielzahl aktueller Veranstaltungen, die sich konkret mit dem Nahostkonflikt, israelbezogenem Antisemitismus und Antisemitismus nach dem 7. Oktober beschäftigt haben.
Neben den oben bereits benannten Fallstricken ergeben sich durch zahlreiche Kontroversen innerhalb der Antisemitismusforschung ebenfalls Hürden für eine gelingende Vermittlung der Antisemitismuskritik, welche sich fundiert am State of the Art der Antisemitismusforschung orientiert und Antisemitismus in all seinen Ausprägungen und seiner Spezifik erkennt.
Fazit
Wie aufgezeigt wurde, lassen sich in den Gewerkschaften und ihrem Umfeld antisemitische Vorfälle finden, vor allem in israelbezogener Ausprägung. Auf formeller Ebene sind die anti-antisemitischen Beschlusslagen in DGB, GEW und ver.di klar und eindeutig und bilden die Grundlage für die Arbeit der Gewerkschaftsbasis. Die antisemitismuskritischen Einstellungen der Gewerkschaften werden inhaltlich durch Bildungsarbeit an Mitglieder und andere Multiplikator*innen vermittelt. Dabei muss israelbezogener und camouflierter Antisemitismus benannt und in dessen Funktion erklärt werden, sodass dieser nicht toleriert wird und sich nicht institutionell verankern kann. Es sollten anti-antisemitische Normen gesetzt werden – etwa durch Anerkennung der IHRA-Definition (Beyer et al. 2024, 78). Eine proaktive Vernetzung antisemitismuskritischer und israelsolidarischer Akteur*innen innerhalb der Gewerkschaften ist sinnvoll, um antisemitische Vereinnahmungs- und Störversuche frühzeitig erkennen zu können und Situationen zu verhindern, in denen antisemitische Einstellungen die Norm darstellen.
Die GEW sowie die Handlungsempfehlungen der Studie „Antisemitismus in der Gesamtgesellschaft von Nordrhein-Westfalen im Jahr 2024“ verdeutlichen die Bedeutung von inner- und außerschulischen Bildungs- und Präventionsangeboten zu Antisemitismus und Israel vor allem für Jugendliche (Beyer et al. 2024, 77–81; GEW 09.01.2025). Insbesondere die GEW könnte sich daneben weiterhin verstärkt in der Fort- und Weiterbildung von Lehrkräften und Dozierenden einsetzen, damit diese Antisemitismus in verschiedenen Ausprägungen erkennen und pädagogisch aktiv entgegentreten können. Dabei braucht es mehr Ressourcen für politische Bildung, Präventionsarbeit und Demokratieförderung (GEW Hamburg 09.10.2024).
1 Die Jerusalem Declaration on Antisemitism (JDA) zielt wesentlich auf die Bagatellisierung von linkem Antisemitismus und auf die Exkulpierung der BDS-Kampagne vom Antisemitismusvorwurf (Grigat 2023, 25–26). Zu einer ausführlichen Kritik an der JDA siehe u. a.: Büttner 2021; Kinzel und Poensgen 2024; Rensmann 25.05.2021.
2 Zum Antisemitismus an Hochschulen und unter Akademiker*innen: Aktuelle Studien zeigen zwar, dass ein höherer Bildungsgrad mit geringeren Antisemitismuswerten einhergeht; aber auch, dass Antisemitismus in allen Bildungsschichten verbreitet ist und insbesondere tolerierter Antisemitismus auch bei Personen mit Hochschulabschluss keine Seltenheit ist (Beyer et al. 2024, 40): „Der allgemein vorurteilslindernde Bildungseffekt wird beim religiösen, offen modernen und sekundären Antisemitismus neutralisiert, wenn vorher eine antisemitische Primärgruppennorm aktiviert wurde.“ (Beyer et al. 2024, 69) Auch wenn antisemitische Einstellungen unter Studierenden nicht stärker ausgeprägt sind als in der Gesamtbevölkerung (Hinz et al. 2024, 32), so sind die radikalen Protestformen auf den Campus besonders eindrücklich (Beyer et al. 2024, 40). Bei eindeutig antisemitischen Aussagen beeinflussen soziale Erwünschtheitseffekte das Antwortverhalten von Personen mit höherem Bildungsabschluss stärker (Beyer et al. 2024, 69).
3 Die Autorinnen verstehen unter autoritär-kommunistischen Gruppen diejenigen, die durch eine autoritäre, dogmatische und antiimperialistische Ausrichtung auffallen, meist in hierarchischen Kaderstrukturen organisiert sind und immer wieder mit (israelbezogenem) Antisemitismus in Verbindung gebracht werden. Diese Gruppen erinnern stark an die ‚K-Gruppen‘ der 1970er-Jahre.
Kathrin Renz, M. A., promoviert im Bereich der Antisemitismusforschung am Lehrstuhl für Politikwissenschaft der Universität Passau bei Prof. Dr. Lars Rensmann. Aktuelle Publikation: Renz, Kathrin (2024). Antisemitismus in der Klimabewegung. Zur Bedeutung und zum Diskurs um Antisemitismus in deutschen Klimagruppen. Wiesbaden, Springer VS. https://doi.org/10.1007/978-3-658-46897-2.
Lea Dahms, LL. B, ist studentisches Mitglied im Landesvorstand der GEW Bayern und Tutorin für Soziologie an der Universität Passau.
Literaturverzeichnis
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