„Es braucht eine Mischung aus Realismus und Idealismus!“


Im Saale-Orla-Kreis setzt das engagierte Bündnis Dorfliebe für alle – der Saale-Orla-Kreis für Solidarität und Respekt ein kraftvolles Zeichen für gesellschaftlichen Zusammenhalt und demokratisches Miteinander. In unserem Interview, geführt vom wissenschaftlichen Leiter des IDZ Axel Salheiser, schildert die Sprecherin des Bündnisses Lina Herzog eindrücklich, wie aus Stillstand neues Engagement erwachsen kann. Das im Jahr 2023 entstandene Bündnis organisiert nicht nur sichtbare Aktionen wie Demonstrationen, sondern schafft auch Räume für Austausch und Aufklärung. Lina Herzog berichtet, woran sich das Bündnis orientiert, woher es Unterstützung erhält, wo es auf Widerstände stößt und was andere Initiativen aus ihren Erfahrungen lernen können. Trotz Herausforderungen fällt die Bilanz positiv aus: Das Bündnis hat Bewegung in die Region gebracht und der Blick richtet sich auch auf die Politik – u. a. mit klaren Erwartungen an den Landrat.


 

Empfohlene Zitierung:

Herzog, Lina/Salheiser, Axel (2025). „Es braucht eine Mischung aus Realismus und Idealismus!“ In: Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (Hg.). Wissen schafft Demokratie. Schwerpunkt Uncivil Society – „Schattenseiten“ der Zivilgesellschaft, Band 17. Jena, 136–143.

Schlagwörter:

Zivilgesellschaft, Demokratie, Vernetzung, Kommunalpolitik, Wahlen

 

 

Axel Salheiser

Wie ist denn die Situation vor Ort in eurer Region, dem Saale-Orla-Kreis, und wie ist die politische und gesellschaftliche Stimmung?

Lina Herzog

Vor Ort kommt es ganz darauf an, wo man unterwegs ist, da dieser Landkreis ein sehr großer und sehr, sehr ländlicher ist. Ich arbeite im Rettungsdienst und erlebe oft, dass Menschen ein Leben führen, in dem sie sich eingerichtet haben, aber viel Unzufriedenheit da ist. Die Leute haben Angst und Sorgen vor allem Möglichen. Generell findet wenig Interaktion statt. Es hat etwas Erstarrtes.

Axel Salheiser

Dieser Erstarrung, so könnte man es vielleicht ausdrücken, will Dorfliebe für alle auch etwas entgegensetzen. Würdest du das Bündnis bitte vorstellen?

Lina Herzog

Unser Bündnis mit dem Titel „Dorfliebe für alle – der Saale-Orla-Kreis für Solidarität und Respekt“ ist ein Bündnis aus Einzelpersonen und explizit nicht parteilich, das sich im Herbst 2023 gegründet hat. Es sind so zwischen 15 bis 20 aktive Personen dabei und es gibt einen größeren Unterstützerumkreis. Wir haben uns bewusst mit dem Fokus auf den Landkreis, aus dem wir kommen bzw. in den wir gezogen sind, gegründet. Der erste Anlass waren die bevorstehenden Wahlen im Superwahljahr 2024. Vor allen Dingen haben wir uns aber aus der Analyse heraus getroffen, dass wir der Erstarrung entgegenwirken wollten, weil wir uns eine andere Gesellschaft, ein anderes Miteinander, ein anderes Zusammenleben wünschen.

Axel Salheiser

Wie sieht das in der Praxis aus, welche Aktivitäten habt ihr im Einzelnen entfaltet?

Lina Herzog

Wir haben mit einer Demonstration begonnen – anlässlich der Landratswahl im Januar 2024, weil wir keinen Landrat der AfD haben wollten. Im Jahr 2024 folgten dann weitere Demonstrationen bzw. Kundgebungen und Mahnwachen. Wir haben auch andere Formen gefunden, zum Beispiel in Form eines Parkfests als Demokratiefest. Workshops und Vorträge sind Formen, die wir ebenfalls über das Jahr weiter geplant haben und auf die wir uns als Aktionsformen gerade fokussieren.

Axel Salheiser

Woran habt ihr euch orientiert? Gab es da Vorbilder oder habt ihr euch auch beraten lassen?

Lina Herzog

Gerade am Anfang hat uns das Bündnis #NordhausenZusammen inspiriert, das ja in der Phase der Stichwahl um den Posten des Oberbürgermeisters gegründet wurde – ebenso wie deren Offener Brief an die Stadtgesellschaft. Mobit, also die mobile Beratung in Thüringen, hat uns von Anfang an begleitet und geholfen, wichtige Ressourcen und Strukturen zu schaffen. Was ich für mich persönlich als Vorbild benennen würde: dass in anderen Teilen der Welt das gesellschaftliche Leben auch auf andere Art und Weise organisiert ist und nicht nur in rein staatlichen Strukturen und Institutionen läuft. Wenn man sich zum Beispiel damit beschäftigt, wie in Mexiko bei den Zapatistas alles Mögliche selbst organisiert wird, ist das sehr inspirierend.

Axel Salheiser

Wo habt ihr Rückenwind und wo habt ihr Gegenwind erfahren?

Lina Herzog

Rückenwind, im Sinne von weiterer Motivation, Inspirationsquelle, Unterstützung und dem Gefühl, etwas richtig zu machen, – den geben uns die Menschen, die zu unseren Veranstaltungen kommen oder die Teil des Bündnisses geworden sind, weil sie merken, dass sie nicht die Einzigen sind, die nicht rechts sind oder eine andere Weltanschauung haben. Rückenwind gibt uns auch, wenn landkreisübergreifend, thüringenweit, aber auch bundesweit Aufmerksamkeit erzeugt wird, zum Beispiel durch Fernsehbeiträge – oder wenn wir eingeladen werden, etwa in Berlin bei der großen Demonstration wie „Wir sind die Brandmauer“ zu sprechen. Gegenwind zeigt sich auf der Ebene zwischenmenschlicher Interaktion, gerade bei der ersten Demonstration, die wir gemacht haben, die sehr klar gegen die AfD war und auf Gegenprotest gestoßen ist. Da sind Freie Sachsen, Freies Thüringen mit Trommeln und Fahnen und klarem Willen zum Stören aufgetaucht. Teilweise war es aber auch so, eher in der Lokalzeitung, dass in manchen Artikeln versucht wurde, eine Schere zwischen links und rechts voranzutreiben und uns dann als sehr links darzustellen. Ich persönlich habe zwar nicht unbedingt etwas gegen diesen Ausdruck, aber in meinem Verständnis hat es eigentlich damit nichts zu tun. Uns geht es in erster Linie um Demokratie in der Gesellschaft und unsere Arbeit ist auch ganz klar damit verbunden, dass es uns hier um unsere Heimat geht, die wir auch so benennen. Jedenfalls bekommen wir vor allem Gegenwind von den Menschen, die wir auch erreichen wollen. Wir sind überzeugt, dass das, was wir machen, nicht nur für die Leute ist, die ins Weltbild passen und die das sowieso gut finden, sondern für alle, die hier leben – und die das, was dieser Landkreis ist, auch als Heimat ansehen. Ich glaube, das sind Prozesse, die wir nicht von heute auf morgen mit einer Demonstration ändern können, aber die uns zeigen, dass noch viel zu tun ist und wir überlegen müssen, welche Formen möglich sein können, um das zu ändern.

Axel Salheiser

Wenn du eure Arbeit über den gesamten Zeitraum resümieren wolltest: Wie fällt insgesamt die Bilanz aus? Seid ihr zufrieden mit dem, was ihr erreicht habt oder gibt es auch Misserfolge? 

Lina Herzog

Wir hatten uns anfangs ein klares Ziel gesetzt: kein Landrat der AfD. Das ist geglückt. Aber ich würde trotzdem nicht sagen, das war jetzt so der eine Erfolg und damit hat sich’s erledigt. Die Bilanz zeigt uns, dass es ein Prozess des Lernens ist. Es ist nichts passiert, das uns ganz heftig zurückgeschlagen hat, und ich glaube, das ist der größte Erfolg, den wir überhaupt haben können: dass wir weiterhin eine klare Vision haben und konsequent hoffnungsvoll sind, weil wir es nicht als unerreichbar oder unmöglich ansehen, eine andere Form der Gesellschaft zu entwickeln. Zugleich sind wir als Bündnis zwar gewachsen, aber uns fehlt noch manches. Wir möchten zum Beispiel noch mehr Menschen erreichen, die sich bisher noch nicht engagieren.

Axel Salheiser

Mit welchen Initiativen oder Bündnissen in anderen Regionen seid ihr vernetzt?

Lina Herzog

Vernetzt sind wir im Saale-Holzland-Kreis mit AIS, in Greiz mit Kolibri bzw. Einzelakteur*innen in den Landkreisen, in Plauen mit dem Colorido und im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt mit Stadt Land Bunt. Das sind Bündnisse bzw. Orte, zu denen wir Kontakte haben und dadurch in den Austausch treten. Wir laden uns gegenseitig zu Veranstaltungen ein oder haben, wenn Demonstrationen waren, Redebeiträge gehalten. Die „Omas gegen rechts“ haben auch verschiedene Ortsgruppen. In Thüringen hat sich mit „Weltoffenes Thüringen“ eine Art Dachverband gegründet, von dem wir ebenfalls ein Teil sind. Die stärkere Vernetzung funktioniert aber meines Erachtens, wenn man sich trotz räumlicher Distanzen persönlich begegnet.

Axel Salheiser

Wenn man die Strukturprobleme und die Fragen der Gegenwart und Zukunft der Region betrachtet, stellt sich die Frage, welche Erwartungen ihr an die Kommunal- bzw. Landespolitik habt, um mittel- und langfristig Verbesserungen herbeizuführen? Und: Was liegt da auch in den Händen des Landrats?

Lina Herzog

Mit Blick auf die Infrastruktur gibt es viele Probleme, die nicht nur mit Unzufriedenheit abgetan werden können – weil sie sich ganz entscheidend auf die Lebensqualität auswirken. Stichwort medizinische Versorgung: Ich bin jedes Mal wieder schockiert darüber, dass die Gefahr, hier im Landkreis einen Herzinfarkt zu haben, der dann tödlich ausgeht, tatsächlich höher ist als in städtischen Gebieten. Das ist erklärbar: Es gibt weniger Krankenhäuser, weniger Hausärzt*innen usw. Also die Infrastruktur muss ausgebaut werden. Und um das Thema Landrat zu öffnen: Christian Herrgott wurde v. a. auch gewählt mit Stimmen von Menschen, die sich in der ersten Wahl klar gegen AfD und gegen CDU entschieden haben und dann bei der Stichwahl CDU gewählt haben – aber keine Wahl für die CDU, sondern gegen die AfD. Damit geht die Forderung einher, dass eben nicht eine Politik gemacht wird, die im Wahlprogramm genau das gesagt hat, was auch die AfD vorgeschlagen hat, etwa Zwangsarbeit für Geflüchtete, Bezahlkarte usw. Das mag ein ganz spezielles Thema sein, doch es lässt sich auf verschiedene andere übertragen. In solchen Punkten muss ein Landrat anerkennen, dass die Form, in der er jetzt Verantwortung hat, auch heißt, von seiner Politik abrücken zu können. Denn er ist die Vertretung so vieler Menschen, die gar nicht das wollten, was er sich vorgestellt hat. Es hilft den Menschen hier auch gar nicht, dass jetzt die Gehwege für 80 Cent die Stunde von Menschen, die geflüchtet sind, gekehrt werden. Davon verbessern sich beispielsweise die Arbeitsbedingungen im Rettungsdienst nicht, davon gibt es nicht mehr Krankenhäuser. Also es liegt auf der Hand, und ich denke, das braucht es: dass ein Landrat anerkennt, dass er die Vertretung der Menschen ist – von knapp 80.000 Menschen. Vor allen Dingen wäre es wichtig, in der Position des Landrates dafür zu sorgen, dass sich das gesellschaftliche Klima nicht durch weitere Spaltungen verschärft.

Axel Salheiser

Was könnten andere Initiativen von euch lernen oder sich abschauen?

Lina Herzog

Wir haben gelernt, realistische Planungen zu machen und zu fragen: Wo stehen wir gerade, wo wollen wir hin und was könnten erste Schritte sein? Und sich dabei trotzdem nicht nur an der Frage aufzuhalten, was realistisch ist, sondern auch utopisch zu sein. Wir müssen erst einmal von einer anderen Welt träumen, damit wir anfangen können, diesen Weg einzuschreiten. Es braucht eine Mischung aus Realismus und Idealismus! Ich würde allen Gruppen und Initiativen mit auf den Weg geben, sich wirklich eine Vorstellung davon zu machen, wie die Welt einmal aussehen soll. Und dann im Kleinen anzufangen …

Axel Salheiser

Zu guter Letzt: Wie geht es in Zukunft konkret weiter bei Dorfliebe für alle?

Lina Herzog

Es gibt monatliche Wanderungen mit einer Gruppe für Frauen und Kinder. Zudem wollen wir ein Sommerfest organisieren. Wir merken, dass es verschiedenste Bedarfe gibt – sei es zum Beispiel ein Vortrag über die Geschichte der einzelnen kleinen Städte oder ein Workshop zur Krankenhaussituation. Anhand der Bedarfe wird es weitere Bildungsprogramme geben und ansonsten wollen wir die Vereinsarbeit weiterentwickeln und langfristig etablieren.

 

1    AIS SHK, Antifaschistisch*Initiativ*Solidarisch, siehe https://ais-shk.de/.

2    Aktionsbündnis Kolibri, Bündnis für Demokratie, Vielfalt und Weltoffenheit im Landkreis Greiz (Thüringen), siehe https://www.instagram.com/aktionsbuendnis.kolibri/.

3    Verein colorido e. V. Demokratie.Lebendig.Gestalten in Plauen und im Vogtlandkreis, siehe https://colorido.de/.

4    Bündnis Stadt Land Bunt im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt, siehe https://www.instagram.com/stadt.land.bunt.slf_ru/?.

5    Verein Omas gegen rechts, siehe https://www.omas-gegen-rechts.org/.

6    Initiative Weltoffenes Thüringen, aktuell (Stand 16.05.2025) 8.385 Unterstützer*innen, siehe https://thueringen-weltoffen.de/.

 


Lina Herzog ist eine von 20 In­itia­to­r*in­nen des Bündnisses „Dorfliebe für alle“. Sie arbeitet beim Rettungsdienst und lebt in Neustadt an der Orla.

Axel Salheiser ist wissenschaftlicher Leiter des IDZ sowie des IDZ-Forschungsbereichs „Rechtsextremismusforschung und demokratische Kultur in Thüringen“.