Einleitung
Ländliche Räume stehen immer wieder im Fokus einer Entwicklung des „Erstarken[s] rechtspopulistischer Positionen, rechtsradikaler sowie neonazistischer Strukturen und Bewegungen“ (Eckes et al. 2019, 9). Diese Tendenz zeigte sich zuletzt auch während der Landtagswahlen 2024 in Thüringen, Sachsen und Brandenburg (Kiess und Dilling 2024; Richter et al. 2024; Richter 2023). Während in Städten und deren Umland noch mehrheitlich demokratische Parteien gewählt wurden, stimmte eine Mehrheit der Bürger*innen auf dem Land für die AfD – eine Partei, die vom Verfassungsschutz in Thüringen und Sachsen als erwiesen rechtsextrem und in Brandenburg derzeit als rechtsextremer Verdachtsfall eingestuft wird. Dabei ist der Zuspruch zu rechtspopulistischen und rechtsextremen Bewegungen und Parteien keineswegs eindeutig an den Grad der Ländlichkeit einer Region gekoppelt (Stroppe und Jungman 2022; Deppisch 2019). Vielmehr scheint die AfD eher dort gewählt zu werden, wo der Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen schlecht ist (Diermeier 2020). In diesen Regionen kommen meist „ungünstige ökonomische und demographische Bedingungen mit einer politischen Kultur zusammen, in der sich Demokratieskepsis und teils offener Rechtsextremismus [...] normalisieren konnten“ (Richter 2023, 15).
Thüringen ist überwiegend ländlich geprägt. Im aktuellen Thüringen-Monitor wird deutlich, dass der ländliche Raum vor strukturellen Herausforderungen steht, etwa der Abwanderung junger Menschen, dem Fachkräftemangel oder Infrastrukturproblemen (z. B. schlechte ÖPNV-Anbindung und langsamer Internetausbau) (Reiser et al. 2023). Verbindungen zur politischen Kultur, wie sie im Titel „Politische Kultur und Arbeitswelt in Zeiten von Polykrise und Fachkräftemangel“ anklingen, werden jedoch nur am Rande benannt. So weisen Beschäftigte aus Kleinstunternehmen im ländlichen Raum eher migrant*innenfeindliche bzw. ausgrenzende Einstellungen auf (Reiser et al. 2023, 55). Weiteren Einblick bietet hier die Analyse der Ergebnisse der thüringischen Landtagswahl 2024 durch Richter, Helmert und Salheiser (2024). So „übersetzen sich“ vorhandene „Infrastrukturdefizite in das Gefühl absoluter oder relativer Benachteiligung“ (Richter et al. 2024, 26) mit entsprechenden Auswirkungen auf die Wahlentscheidung. „Je höher die Infrastrukturdefizite ausfallen, umso höher liegen die Stimmenanteile für die AfD.“ (Richter et al. 2024, 33) Betont wird jedoch, dass viele wirtschaftlich benachteiligte Personen weiterhin demokratische Parteien wählen oder sich der Wahl enthalten (Richter et al. 2024, 59).
In diesem Diskurs wird zumeist übersehen, dass es im ländlichen Raum sehr wohl Menschen gibt, die sich für Demokratie vor Ort einsetzen; es handelt sich also nicht nur um eine uncivil society. Wie zivilgesellschaftliche Akteur*innen Demokratie vor Ort erleben, welche Ressourcen und Stärken es vor Ort (noch) gibt, um diese zu gestalten, bleibt im Diskurs meist unterbelichtet. Beetz und Neu (2024, 7) weisen darauf hin, dass es nur wenige Kenntnisse zu Engagement im ländlichen Raum gibt, obwohl das politische Interesse an öffentlicher Mitwirkung hoch ist. Angesichts der gegenwärtigen politischen Entwicklungen braucht es mehr Wissen über zivilgesellschaftliche Akteur*innen im ländlichen Raum. Im Rahmen dieses Beitrags gehen wir daher der Frage nach, wie zivilgesellschaftliche Akteur*innen lokale Demokratie unter dem Druck demokratiegefährdender Entwicklungen wahrnehmen, welche Ressourcen und Stärken sie in deren Gestaltung sehen und wo Herausforderungen in der Demokratieförderung liegen.
Um dieser Frage nachzugehen, fassen wir zu Beginn kurz den Kenntnisstand zu zivilgesellschaftlichem Engagement für Demokratie im ländlichen Raum zusammen. Daran anschließend stellen wir Ergebnisse aus einer Stärken- und Ressourcenanalyse zur lokalen Demokratie vor. Hierfür führten wir im thüringischen Landkreis Altenburger Land von April bis Juni 2024 acht Gruppendiskussionen mit zivilgesellschaftlichen Akteursgruppen, z. B. Kirchenmitgliedern, Sportvereinen, Jugendgruppen, engagierten Bürger*innen oder Sozialarbeitenden (Kessler et al. 2024). Gegenstand der Gespräche war das Erfahren von Demokratie, die Herausforderungen für Demokratie und die Förderung der Demokratie im Landkreis. Die Daten wurden entlang einer inhaltlich-strukturierenden Inhaltsanalyse (Kuckartz und Rädiker 2022) ausgewertet. Abschließend werden die Erkenntnisse diskutiert.
Engagement für Demokratie im ländlichen Raum
Gemäß dem Freiwilligensurvey, der bundesweiten Erhebung zu freiwilligem Engagement, wurde zuletzt 2019 festgestellt, dass auf dem Land lebende Menschen sich mit 41,6 % etwas häufiger engagieren als in der Stadt lebende Menschen (Simonson et al. 2022, 3). Beetz und Neu (2024, 7) weisen jedoch darauf hin, dass dies nur auf ökonomisch bessergestellte Regionen zutrifft. In ländlich geprägten Gebieten mit wirtschaftlich schlechter Aussicht ist das Engagement deutlich geringer ausgeprägt (Kleiner und Burkhardt 2021). Gemäß der Auswertung von Daten aus dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) durch Kleiner und Burkhardt (2021) engagieren sich in eher ländlich geprägten Regionen 30 % und in sehr ländlich geprägten 35 % der Menschen. Der Landkreis Altenburger Land ist gemäß der Typisierung des Thünen-Instituts als eher ländlich klassifiziert (Kleiner und Burkhardt 2021, 573) und gehört damit zu den Regionen mit nur sehr gering ausgeprägtem Engagement. In noch ländlicheren Gebieten ist das Engagement dagegen höher und auch stabiler, was Kleiner und Burkhardt auf den stärkeren Zusammenhalt aufgrund der Abgeschiedenheit der Region zurückführen (Kleiner und Burkhardt 2021, 575). In allen Gebieten sind Erwerbstätige häufiger engagiert, wobei sich die Zahl nicht-erwerbstätig Engagierter in eher ländlichen Regionen wie dem Altenburger Land zunehmend angleicht (Kleiner und Burkhardt 2021, 577). Arbeitslose, eine Gruppe der Nicht-Erwerbstätigen neben jungen Menschen und Senior*innen, bringen sich am seltensten ein (Kleiner und Burkhardt 2021).
Dabei ist jedoch noch nicht gesagt, ob dieses Engagement der Demokratie zugewandt ist. Im Freiwilligensurvey werden unter Engagement „Tätigkeiten gefasst, die freiwillig und gemeinschaftsbezogen ausgeübt werden, im öffentlichen Raum stattfinden und nicht auf materiellen Gewinn gerichtet sind“ (Simson et al. 2022, 1). Im ländlichen Raum fällt darunter klassisch ein institutionenbezogenes Engagement in Vereinen wie etwa der Freiwilligen Feuerwehr, Schützenverein etc.; hinzukommt ein eher informelles, zeitlich begrenztes Engagement, das sich auf die Organisation von Festen oder andere Projekte konzentriert (Beetz und Neu 2024, 7; Nikolic 2024, 60). Das heißt: Freiwillige Tätigkeiten konzentrieren sich vor allem auf die lokale Gemeinschaft.
Häufig wird angenommen, dass dieses Engagement die Voraussetzung für eine demokratische Gesellschaft bildet und daher demokratiefördernd ist (Nikolic 2024, 57). In letzter Zeit zeigt sich durch Forschungsarbeiten jedoch, dass Engagement nicht immer auf Demokratie bezogen ist. Menschen, die rechten Strukturen und Bewegungen zuzuordnen sind, unterwandern gemeinwohlorientierte Aktivitäten oder gestalten Gemeinwesen aktiv selbst (Mullis und Miggelbrink 2022; Schröder et al. 2022). Dies geschieht vor allem dort, wo „zivilgesellschaftliche Gegenpositionen besonders schwach entwickelt sind und besonders stark unter Legitimationsdruck stehen“ (Dietrich und Schumacher 2022, 183; Hervorhebung aus dem Original übernommen); also zivilgesellschaftliches Engagement für die Demokratie nur eine geringe Bedeutung hat bzw. marginalisiert wird. Da viele soziale Engagementbereiche keine offene, sichtbare politische Position vertreten, sondern vielmehr soziale Dienstleistungen vor Ort gestalten (bspw. Sportangebote, Kinderbetreuung etc.) und aufgrund des Fachkräftemangels dankbar sind für jeden Freiwilligen, haben Menschen rechter Gruppierungen hier einen einfachen Zugang und können von innen heraus Einfluss nehmen (Krüger 2022, 532). Dabei sprechen Rechte ganz nebenbei die Unsicherheiten in der Bevölkerung an und nutzen die „Verlustängste und Identitätskrisen in ländlichen Gemeinden aus, um [diese] politisch zu mobilisieren“ (Sachverständigenrat Ländliche Entwicklung beim BMEL 2024, 2). Gleichzeitig geht mit einem geringen bzw. zurückgehenden demokratischen Engagement eine geringere Sichtbarkeit demokratisch organisierter Organisationen einher, etwa von Parteien, Gewerkschaften und Vereinen (Mewes und Tenti 2024, 89). So können sich rechte Strukturen auch über Engagement etablieren (Hafeneger und Becker 2008; Krüger 2022).
Ein probates Mittel gegen Einflussnahmen von rechts ist eine starke demokratische Zivilgesellschaft (Quent 2019). Engagement von Bürger*innen bietet Chancen für eine Stärkung der Demokratie vor Ort. Menschen können hier positive Selbstwirksamkeitserfahrungen sammeln, unterschiedliche Interessen werden verhandelt, der soziale Zusammenhalt wird gestärkt. Dass dies etwas mit Demokratie zu tun hat, setzt jedoch eine bewusste Verknüpfung voraus. Um demokratische Strukturen und eine aktive Zivilgesellschaft vor Ort zu unterstützen, gab und gibt es seit einigen Jahren zahlreiche staatlich geförderte Programme und Maßnahmen, etwa die „Partnerschaften für Demokratie“ im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ oder „Stark gegen Rassismus“ – der Aktionsfonds zur Unterstützung zivilgesellschaftlichen Engagements und des Empowerments in ländlichen oder strukturell benachteiligten Regionen. Mewes und Tenti (2024) zeigen für das Bundesprogramm „Zusammenhalt durch Teilhabe“, dass Demokratie vor Ort durch Vereine gestärkt werden kann, wenn Vereinsmitglieder durch Formate der politischen Bildung für ihre Funktion als demokratische Lernorte geschult werden (ebd., 93). Diese Erkenntnis verweist zugleich darauf, dass Vereinsmitglieder sich nicht unbedingt dieser Rolle bewusst sind; auch für sie ist Demokratie oft abstrakt und zu wenig verknüpft mit ihrer Alltagswelt (Ebert 2020, 100).
Zumindest in ihrer Bürger*innenrolle sind Engagierte jedoch mehrheitlich der Demokratie zugewandt. Gemäß dem Freiwilligensurvey von 2019 vertrauen sie stärker in staatliche Institutionen als Nicht-Engagierte; auch partizipieren sie häufiger politisch, beispielsweise ist die Wahlbeteiligung unter ihnen höher, sie gehen häufiger zu Demonstrationen oder nehmen Kontakt zur Politik auf (Simonson et al. 2022, 6 f.). 90,7 % der befragten Engagierten sind zufrieden mit der Demokratie als Regierungsform und immerhin 68,4 % bewerten deren praktische Umsetzung positiv (Simonson et al. 2022, 7). Das Monitoring 2.0 zum Thema demokratische Integration, das auf repräsentativen Bevölkerungsbefragungen aus 2022 und 2023 beruht, bestätigt diese Daten. Es zeigt zudem, dass die Zustimmung unter Engagierten mit einem festen Amt oder einer festen Aufgabe noch höher ausfällt (Haumann 2024, 62). Unter Engagierten ist auch das Gefühl von politischer Ohnmacht geringer als bei Nicht-Engagierten; sie erleben sich selbst als handlungsmächtig und selbstwirksam (Haumann 2024, 63). Festgestellt wird hier jedoch, dass die Zusammenhänge in Ostdeutschland nicht stabil sind und sich eine Entkopplung von Engagement und politisch-demokratischer Partizipation abzeichnet (Klie 2024, 231).
Im Folgenden sollen nun die Perspektiven zivilgesellschaftlicher Akteur*innen auf Basis der Stärken- und Ressourcenanalyse aus dem Landkreis Altenburger Land dargestellt werden.
Empirische Ergebnisse
Insbesondere in ländlichen, strukturschwachen Regionen in Ostdeutschland gerät Demokratie durch die hohen Zustimmungswerte für die AfD zunehmend unter Druck. Wie nehmen zivilgesellschaftliche Akteur*innen demokratiegefährdende Entwicklungen wahr, welche Ressourcen und Stärken sehen sie in deren Gestaltung und wo liegen ihrer Ansicht nach Herausforderungen in der Demokratieförderung?
Wertgeschätzte Demokratie vor Ort in Gefahr
Demokratie bewerten Engagierte im untersuchten Landkreis als wichtig und handlungsleitend. Dieses Bewusstsein gründet u. a. auf Erfahrungen mit dem politischen System der ehemaligen DDR. Vor dem Hintergrund der historischen Erfahrungen wird Demokratie als nicht verhandelbar und wertvoll wahrgenommen. Praktisch erfahren die zivilgesellschaftlichen Akteur*innen Demokratie in politischen Kontexten, insbesondere der Kommunalpolitik, und in lebensnahen Bereichen, wie Kirchengemeinden, im Personalrat, in Begegnungsstätten oder in Vereinen. Mit Demokratie verknüpfen sie Werte wie Toleranz, Respekt und rechtliche Aspekte.
„So ein Verein ist ja auch ein demokratisches Gebilde. Da hat er eine Struktur und Aufbau. Da funktioniert noch eine Satzung und er führt Wahlen durch. Das ist ja eigentlich ein grunddemokratisches Gebilde.“ (Person 22)
In nahezu allen Gruppendiskussionen artikulieren sich Sorgen um den Erhalt von Demokratie im Landkreis und darüber hinaus.
„Wir haben ein Problem in der Demokratie. Ein ganz großes, ganz handfestes. Und nicht nur seit drei Jahren, sondern es ist gewachsen. Wir erleben nur die Symptome. Und das merke ich auf sehr, sehr vielen Ebenen im Alltag.“ (Person 33)
Interessant ist der im Zitat angeführte Alltagsbezug. Hier deutet sich an, dass Risiken für die Demokratie vor allem im menschlichen Miteinander als eine der zentralen Herausforderungen für Demokratie vor Ort (s. u.) erlebt werden und nicht in formaleren Kontexten. Auch sind sich die Diskussionsteilnehmenden bewusst, dass die aktuelle Demokratieform nicht alle Menschen einbindet und einige sogar verliert. Sie äußern die Sorge, dass die Demokratie in Gefahr ist und der demokratische Konsens erodieren könnte. Engagierte sehen die Demokratie daher als herausgefordert.
Herausforderungen für die Demokratie vor Ort
Konkret konnten wir in der Stärken- und Ressourcenanalyse acht zentrale Herausforderungen für die lokale Demokratie identifizieren, die die Zivilgesellschaft wahrnimmt (Kessler et al. 2024, 7–22):
- Gesellschaftliches Miteinander: Es herrscht Unzufriedenheit und Passivität in der Gesellschaft. Zudem gibt es zunehmend polarisierende politische Positionen und die Menschen sprechen seltener miteinander.
- Jugendliche: Es gibt keine echte Beteiligung der Jugendlichen an demokratischen Prozessen.
- Parteien: Der Aufstieg der AfD und die mangelnde Positionierung anderer Parteien gegen Rechtspopulismus und für die Demokratie stellen ein Problem dar.
- Exkludierende Praktiken: Intolerante Positionen in der Gesellschaft und Fremdenfeindlichkeit sind weit verbreitet und werden im Alltag wahrgenommen.
- Informationszugänge: Es zirkulieren viele Falschinformationen durch rechte soziale Medien und Anzeigenblätter. Zugleich ist es schwierig, Informationen über Aktivitäten der Kommunalpolitik und der Zivilgesellschaft unter der Bevölkerung zu verbreiten.
- Demokratie- und Politikverdrossenheit: Die Menschen sind frustriert und desillusioniert von der Demokratie und der Politik. Zugleich erwarten sie, dass die Politik es richtet und ihre Interessen erfüllt.
- Strukturelle Herausforderungen: Die Wirtschaft, das Schulsystem, die Abwanderung und der demografische Wandel sowie die Vernachlässigung des Landkreises stellen strukturelle Herausforderungen dar.
- Nicht aufgearbeitete Geschichte: Die Geschichte des Landkreises im Kontext der ehemaligen DDR wurde bislang nicht ausreichend aufgearbeitet; Menschen fühlen sich mit ihren Lebensgeschichten nicht anerkannt und gesehen.
Eine ähnliche Situation lässt sich auch in der Situations- und Ressourcenanalyse zum rechtsextremen Potenzial und zu antirassistischer Arbeit (Ilchmann et al. 2022) für den benachbarten Landkreis Greiz ablesen, der wie das Altenburger Land gemäß der Typisierung des Thünen-Instituts als eher ländlich klassifiziert ist.
Für die einzelnen Herausforderungen wurden sowohl bisher angewendete als auch vorgeschlagene, bislang nicht umgesetzte Bewältigungsressourcen erarbeitet. Diese sollen im Folgenden betrachtet werden.
Ressourcen und Stärken zur Förderung von Demokratie vor Ort
Zivilgesellschaftliche Akteur*innen sind im Umgang mit den erfahrenen Herausforderungen für die Demokratie aktive Gestalter*innen lokaler Demokratie(-förderung). Im untersuchten Landkreis gibt es eine stabile Gruppe Engagierter, die sich projektgebunden, im Rahmen von Bildungsveranstaltungen, Demonstrationen, partiellen Begegnungsmöglichkeiten oder kontinuierlich für die Demokratie einsetzt.
„Wir hatten immer Akteure, die sich aktiv, die sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten einbringen oder einfach nur da sind.“ (Person 30)
Für den Umgang mit den Herausforderungen für die Demokratie stehen unterschiedlich starke finanzielle Mittel zur Verfügung. So gibt es mehr finanzielle Mittel zur Förderung der Jugendbeteiligung, während kaum Ressourcen zur Verfügung stehen, um Falschinformationen entgegenzuwirken oder alternative Informationsmedien zu entwickeln. Auch variieren die Reaktionen auf Herausforderungen für die Demokratie innerhalb der Zivilgesellschaft je nach verfügbaren Bewältigungsstrategien. Manchmal wird der persönliche Kontakt mit gewaltbereiten oder rechtsextremen Personen vermieden:
„Nee, also dafür tue ich mich ehrenamtlich [...] nicht engagieren, weil da ist mir mein Leben lieber.“ (Person 16)
Gleichzeitig besteht unter Engagierten der Wunsch zu lernen, auf rassistische oder demokratieabwehrende Aussagen zu reagieren – ebenso wie sich gesellschaftlich gegen exkludierende Praxen und Resignation zu positionieren. Andere Personen sind aufgrund der erlebten Herausforderungen für die Demokratie motiviert, aktiv zu handeln, sodass zahlreiche Begegnungs- und Mobilisierungsmöglichkeiten, etwa ein interkulturelles Straßenfest, sowohl kurz- als auch langfristig initiiert wurden.
Interessanterweise gelingt es den Befragten insbesondere bei den Herausforderungen, die bereits zivilgesellschaftlich bearbeitet werden, weitere mögliche Umgangsformen vorzuschlagen. So empfehlen sie mehr inklusivere, vernetzte und selbstständig organisierte Begegnungs- und Beteiligungsräume, u. a. im digitalen Raum zur Förderung des gesellschaftlichen Miteinanders und zur Stärkung der Jugendbeteiligung. Demokratie- und Politikverdrossenheit sowie exkludierende Praktiken werden im Landkreis dagegen weniger aktiv und kollektiv bearbeitet und es fehlen Ideen im Umgang mit diesen Herausforderungen.
Den meisten Herausforderungen begegnen sie auf lokaler Ebene. Unterstützung über den Landkreis hinaus wird nur im Umgang mit dem „Rechtsdruck“, also einem wahrgenommenen Druck durch rechte Strömungen im öffentlichen Diskurs, vorgeschlagen.
„Also ich denke mal, so was würde vielleicht für [Stadt] auch mal ganz gut sein, mal jemanden ranzuholen oder ein paar Leute ranzuholen, die auch mal über Rechtsdruck reden können und vor allen Dingen auch aus den Erfahrungen, wie die dann damit umgehen. Also das ist nicht nur, will ich mal so sagen, dass wir hier im eigen[en] Saft schmoren.“ (Person 31)
Es besteht somit der Wunsch, externe Expert*innen zu Rechtspopulismus und -extremismus einzubeziehen, insbesondere solche mit Erfahrungswissen zu Umgangspraktiken. Gleichzeitig sollen bei Veranstaltungen auch Menschen mit unterschiedlichen Vorstellungen integriert werden, um Vernetzungstreffen diverser zu gestalten und Kontroversen zuzulassen.
Das Engagement der Ehrenamtlichen im Landkreis sowie die Annahme, dass eine mehrheitliche Zustimmung zu Demokratie in der Bevölkerung besteht, lässt sich als Ressource betrachten, die es stärker zu aktivieren gilt. Dieses Engagement zeigt sich innerhalb von Vereinsstrukturen im Kleinen sowie im gesamten Landkreis durch die Kooperation und Vernetzung von Aktiven. Dabei besteht der Wunsch nach verstärkter Zusammenarbeit von etablierten und neuen Engagierten für die Förderung der Demokratie im ländlichen Raum, um Kräfte stärker zu bündeln und mehr zu erreichen. Zudem gibt es das Bestreben, jene Mitmenschen zu motivieren, die sich bisher nur wenig für das Gemeinwesen vor Ort, die Gestaltung eines attraktiven Lebensumfelds und ein gesellschaftliches Miteinander einsetzen und selbst Verantwortung übernehmen.
Diskussion der Ergebnisse
Die Ergebnisse aus der Stärken- und Ressourcenanalyse zu Demokratie im Landkreis Altenburger Land verdeutlichen: Eine lokale demokratische Kultur ist durch Zusammenhänge zwischen zivilgesellschaftlichem Engagement der Bürger*innen, formaler repräsentativer Demokratie (insbesondere Kommunalpolitik) und der Öffentlichkeit geprägt. Dabei zeichnet sich ab, dass die lokale Demokratie vor Ort einen dynamischen Charakter hat und Akteur*innen diese vor Ort gestalten und verändern können. Zugleich ist die lokale Demokratie in besonderem Maße auf das Engagement der Akteur*innen angewiesen – ohne sie geht es nicht. Nur mit ihnen kann die Gefahr zurückgedrängt werden, demokratiefeindlichen Kräften die Gestaltung des ländlichen Raums zu überlassen. In anderen aktuellen Situations- und Ressourcenanalysen aus Thüringen, beispielsweise für den Kyffhäuserkreis (Helmert et al. 2025a), kommt ebenfalls zum Ausdruck, dass aufgrund schwacher, unterfinanzierter zivilgesellschaftlicher Strukturen rechtsextreme Gruppierungen in die Gesellschaft zunehmend hineindrängen und die Gefahr einer weiteren Normalisierung rechtsextremer Narrative besteht.
Zivilgesellschaftliche Akteur*innen im Altenburger Land erleben die Gestaltung lokaler Demokratie unter Druck. Für ausgewählte Herausforderungen haben sie Umgangspraktiken etabliert, für andere jedoch nicht. Engagierte nehmen Spannungsverhältnisse wahr, insbesondere, wenn ihnen Ressourcen und Handlungswissen im Umgang fehlen. Die zentrale Ressource sind die Engagierten selbst. Ihr Engagement gilt es mehr zu bündeln – träger- und institutionenübergreifend innerhalb der Region sowie darüber hinaus. Eine gute Kommunikation unter Aktiven „kann Engagement beflügeln, schlechte hingegen hemmen“ (Nikolic 2024, 70). Auch braucht es einfache und unbürokratische Unterstützung, bspw. bei der finanziellen Förderung und den Qualifizierungsmöglichkeiten (ebd.). Dies bestätigt sich auch in Handlungsempfehlungen anderer Situations- und Ressourcenanalysen aus Thüringen. So gibt es beispielsweise im Saale-Holzland-Kreis eine „ausdifferenzierte und breit aufgestellte demokratische Zivilgesellschaft, die sich gegen Rechtsextremismus positioniert“ und „niedrigschwellig etwas zur demokratischen Alltagskultur [beiträgt]“ (Helmert et al. 2025b, 63). Doch auch hier benötigen zivilgesellschaftliche Akteur*innen dringend Unterstützung. Eine ernsthafte Gefahr für die lokale Demokratie droht erst dann, wenn sich demokratische, politische und zivilgesellschaftliche Akteur*innen aufgrund von Überlastung, Bedrohungen oder Angriffen zurückziehen und es an aktivem Engagement mangelt.
Stefanie Kessler, Prof. Dr., ist Professorin für Soziale Arbeit an der IU Internationalen Hochschule. Sie forscht zu Demokratieförderung und -bildung sowie zum Lernen in und von Organisationen. Aktuell leitet sie das vom BMBF geförderte Verbundprojekt „First-Generation-Studierende als Zielgruppe privater Hochschulen – Formen und Bedingungen organisationaler Unterstützung (FiPHo)“.
Aline Fuß hat an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf Soziologie und Politikwissenschaft studiert. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der IU Internationalen Hochschule im Projekt „FiPHo“ und war an der Stärken- und Ressourcenanalyse, auf der dieser Beitrag basiert, beteiligt. Sie promoviert zu Bildungsungleichheit an der Eberhard Karls Universität Tübingen in der Allgemeinen Erziehungswissenschaft.sfer.
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