Wie baut man eine Zivilgesellschaft auf? Der lange Weg gegen Rechtsextremismus in Ostdeutschland


In vielen peripheren Gebieten Ostdeutschlands zeigen sich gesellschaftliche Entwicklungen wie Abwanderung, Überalterung, Vereinsamung, Verlust von Versorgung und Mobilität. Anhand eines Studienprojekts in Dobitschen im Altenburger Land soll verdeutlicht werden, dass Bürger*innen durchaus für Formen der demokratischen Teilhabe zu gewinnen sind. Dafür müssen erstens Bedürfnisse der Bevölkerung ernst genommen werden, wobei Konzepte von „Sorge“ besondere Bedeutung in einer alternden Dorfgemeinschaft haben. Zweitens müssen die Narrative der Selbstwahrnehmung rekonstruiert werden. Hierzu gehört die (kritische) Diskussion der Nachwende-Erfahrung, da diese als wichtige Ursache für die ambivalente Haltung gegenüber der Demokratie angesehen wird. Drittens ist eine handgreifliche Zukunftsperspektive nötig, die auch schon kurzfristig demokratisches Wirkens sichtbar macht. Schließlich ist es viertens notwendig, Ebenen der Sinnstiftung zu fördern, um den Angeboten der Rechtsextremen kulturelle Alternativen entgegenzusetzen.


 

Empfohlene Zitierung:

Eckardt, Frank (2025). Wie baut man eine Zivilgesellschaft auf? Der lange Weg gegen Rechtsextremismus in Ostdeutschland. In: Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (Hg.). Wissen schafft Demokratie. Schwerpunkt Uncivil Society – „Schattenseiten“ der Zivilgesellschaft, Band 17. Jena, 158–167.

Schlagwörter:

Teilhabe, Narrative, Sorge, Altenburg, Demokratie

 

Einleitung

Der Landkreis Altenburger Land hat bei der Landtagswahl 2025 mit 42,4 % den höchsten Anteil an Stimmen für die rechtsextreme Partei AfD im Freistaat Thüringen erhalten. Innerhalb von etwas mehr als einer Dekade ist es den Rechtsextremen gelungen, eine dominierende Stellung in dieser strukturschwachen Region aufzubauen. Nach der deutschen Wiedervereinigung erlitt das Altenburger Land eine massive ökonomische Transformation. Diese lässt sich als eine langandauernde Abwärtsentwicklung beschreiben, die zu einem anhaltenden Einwohner*innenverlust, schwindender Kaufkraft und einem baulichen Verfall mit einem Leerstand von 17 % aller Wohnhäuser geführt hat.#

Trotz weitverbreiteter Frustration über diesen Niedergang hatte die Stadt durchaus vielversprechende Ansätze, um sich für eine progressive sozial-ökologische Transformation zu engagieren. Noch im Jahr 2023 wurde dazu etwa das Netzwerk Bio-Ökonomie initiiert, das sich auf die großen landwirtschaftlichen Flächen außerhalb der Stadt Altenburg (im Landkreis) bezieht. Diese Ansätze des Landesamts stoßen allerdings in manchen kleineren Kommunen, in denen diese umgesetzt werden sollen, auf wenig Verständnis. Das ist auch Ergebnis eines aktiven Wirkens der AfD vor Ort (vgl. Hummel 2023), wie in Vorgesprächen zu diesem Studienprojekt dargelegt wurde. Demnach wird beispielsweise in (Landrats-)Versammlungen dagegen polemisiert. Wie dies im konkreten Fall des Altenburger Landes auf fruchtbaren Boden fällt, soll anhand einer Forschungsstudie im Dorf Dobitschen dargestellt werden, die Studierende und Lehrende der Bauhaus-Universität Weimar in den Jahren 2023 und 2024 verwirklichten. Die Studie ging mit einer induktiven Forschungsperspektive ins Feld. Sie war in erster Linie durch die Anfrage des Landkreises motiviert, explorativ zu erkunden, in welcher Weise eine Demokratieförderung im Kontext des erstarkenden Rechtsextremismus möglich sein könnte. Anhand des Beispiels soll deshalb abschließend diskutiert werden, ob sich hierfür allgemeinere Thesen dazu formulieren lassen.

Altenburg und das Altenburger Land

Altenburg und das Altenburger Land können als kleinstädtische und ländliche Region in Ostdeutschland angesehen werden, die auf den ersten Blick paradigmatisch erscheinen für viele Prozesse, die für periphere und schrumpfende Städte generell gelten. Prozesse der Deindustrialisierung, der Abwanderung, des demografischen Wandels und der politischen Vernachlässigung finden sich hier wieder. Die schon mehr als 1.000 Jahre alte Stadt entwickelte sich aufgrund der Industrialisierung Sachsens ab den 1850er-Jahren rasant. Auch während der DDR-Zeit, 1981 erreichte die Bevölkerungszahl mit 55.827 ihren historischen Höchststand, fungierte Altenburg weiterhin als Standort, der in die industrielle Landschaft der DDR eingebunden war. Mit der deutschen Wiedervereinigung änderte sich dies radikal. Die Stadt erlitt einen Bedeutungsverlust insbesondere in Hinblick auf die wirtschaftliche Stellung. Das betraf vor allem die identitätsstiftende Textilindustrie. Die Arbeitslosigkeit lag im Jahr 2024 bei 9,0 % und die Unterbeschäftigungsquote bei 11,2 %. 10 % der Bewohner*innen erhielten staatliche Unterstützung für ihren Lebensunterhalt. Damit hat Altenburg die höchste Arbeitslosigkeit in Thüringen (Bundesagentur für Arbeit 2024).

Fehlende Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt und für die Weiterbildung zählen zu den Hauptgründen, warum junge Menschen Altenburg verlassen, so die Einschätzung der befragten Lokalpolitiker*innen. Seit der Wende in der DDR sank die Einwohnerzahl von Altenburg beständig. In den 1990er-Jahren kam noch die Suburbanisierung hinzu. Durch die Diskrepanz zwischen Geburten- und Sterberate sinkt die Einwohnerzahl bis heute. Der Einwohner*innenverlust geht mit erheblichen Schwierigkeiten der Versorgung einher, weil er von einer sich intensivierenden Überalterung der Bevölkerung begleitet wird. Es werden stetig mehr Menschen pflege- und versorgungsbedürftig – und dass bei einer sinkenden Zahl von Einwohner*innen, die professionell oder ehrenamtlich für diese Sorge tragen können. Der Schrumpfungsprozess wird ebenfalls im Stadtbild sichtbar. Im Stadtzentrum stehen nach wie vor viele Häuser leer. Es entsteht eine insgesamt wenig einladende Atmosphäre, die der an sich sehenswerten Altstadt schadet. Damit wird der Eindruck verstärkt, dass man in Altenburg zurückgelassen wird. Diese Einschätzung wurde bereits nach der deutschen Wiedervereinigung massiv hervorgerufen, als die Bevölkerung sich in einem Referendum eigentlich dafür ausgesprochen hatte, Teil des Staates Sachsen zu werden. Der zuständige Kreisrat entschied allerdings, dass Altenburg zu Thüringen gehören sollte.

Nach einer ersten explorativen Phase, in der wir Gespräche mit verschiedenen Akteur*innen führten, lassen sich die diskutierten Erklärungsansätze wie folgt zusammenfassen: Altenburg kann demnach als ein klassischer Fall einer Kleinstadt in Ostdeutschland verstanden werden, deren Einwohner*innen einen Prozess der Abwertung ihrer Lebenserfahrungen und professionellen Qualifikationen erlebt haben. Rechte Ideologien rekurrieren dabei, in der Wahrnehmung der Gesprächspartner*innen, teilweise auf eine nicht aufgearbeitete und ungebrochene Tradition autoritärer Vorstellungen von Gesellschaft und Politik. Zugleich führe die massive Enttäuschung über die Demokratie nach 1990 zu einem allgemeinen Vertrauensverlust, der sich aus dem Ausbleiben eines diffusen Teilhabe-Anspruchs ergeben habe. Letzteres sei nicht typisch ostdeutsch und verfange auch in vielen anderen peripheren Kleinstädten und ländlichen Räumen. Dadurch fänden populistische, rechtsextreme und antidemokratische Angebote und Orientierungen immer mehr Zustimmung und es habe sich aus einer ursprünglichen Protesthaltung eine langfristige Partei-Bindung zur AfD entwickelt (Kraske und Laabs, 2024).

Das „Reallabor“ Dobitschen

In einer politischen Arena, in der dennoch versucht wird, sozial-ökologische Resilienz zu fördern, wird oftmals eine Unterstützung von außen notwendig, etwa durch Förderung von Bundesministerien oder die nach wie vor relativ akzeptierte Wissenschaft. Das wird zumindest dann angestrebt, wenn Personen in führender Stelle tätig sind, die sich trauen, zwischen der großen Ablehnung von progressiven sozial-ökologischen Projekten durch die rechtsextremen Parteien, großen Teilen der Bevölkerung und anderer wichtiger Akteur*innen einerseits und der relativ schwachen Position der Zivilgesellschaft andererseits zu vermitteln. In vielen Regionen Ostdeutschlands können wir eine Abnahme von Personen in verantwortlichen Ämtern sehen, die eine solche anspruchsvolle Rolle einnehmen wollen. Um diese Personen vor Ort durch praxisnahe Studien zu unterstützen, hat die Bauhaus-Universität Weimar in den 2010er-Jahren die „Sozialraumwerkstatt“ (Eckardt 2015) und später die Förderung von „Reallaboren“ eingerichtet. Durch studentische Forschungsprojekte werden aktivierende Studien realisiert, die darauf abzielen, engagierte Personen in ihrem Bestreben nach gesellschaftlicher Teilhabe zu unterstützen und zu empowern. Dies geschieht durch den Austausch mit externen Personen, wie Dozent*innen und Studierenden. Im Rahmen dieses Ansatzes konnte im Jahr 2019 bereits eine Kooperation mit verschiedenen Akteur*innen zum Thema „Kinderfreundliche Stadt“ in der Stadt Altenburg initiiert werden.

Im Reallabor 2023/24 wurde mit lokalen Akteur*innen erkundet, in welcher Weise sich an bestimmten Orten wie leerstehenden Gebäuden oder Bauernhöfen bewahrenswerte Traditionen erhalten lassen und die Gebäude zugleich für die Gestaltung neuer Aufgaben genutzt werden können. Konkret sollte anhand eines einzelnen Ortes erforscht werden, in welcher Weise sich Energiewende, Dekarbonisierung und Herausforderungen des demografischen Wandels durch neue ökonomische, soziale, kulturelle und künstlerische Nutzungen mit der bestehenden räumlichen und gesellschaftlichen Identität verbinden lassen. Im Reallabor gingen engagierte Akteur*innen in der Stadtpolitik und im Landkreisamt, Vertreter*innen der Zivilgesellschaft, etwa der Verein Stadtmenschen und die Leergut-Agenten sowie Vertreter*innen der Bauernhof-Vereinigung und der Bio-Economy zunächst explorativ der Frage nach, welcher Ort sich für eine solche studentische Studie (Reallabor) eignet und welche Perspektiven die Akteur*innen hiermit verbinden. Ausgewählt wurde das Dorf Dobitschen. Das Landkreisamt sah im Dorf die begründete Hoffnung, einen sich dort seit 30 Jahren vollziehenden Abstieg aufhalten zu können. Dazu gehört ein andauernder Abwanderungsprozess, Überalterung, die Schließung grundlegender Infrastruktur, eine verringerte Mobilitätsanbindung und ein vor sich hin moderndes Schloss, das identitätsstiftend für das Dorf ist. Obwohl sich auch hier bereits einzelne Bewohner*innen den rechtsextremen Reichsbürgern angeschlossen haben – erkennbar an entsprechenden Insignien an bestimmten Haustüren –, ist nach wie vor ein gewisser sozialer Zusammenhalt durch ein beeindruckendes Vereinsleben mit insgesamt 17 Vereinen (vor allem im Sportbereich), einen agilen Bürgermeister und eine kirchliche Gemeinde hoffnungsgebend für einen Neustart des Dorfes. Ausschlaggebend für die Wahl war schließlich, dass sich eine konkrete Zukunftsperspektive für das Schloss ergab: Ein Schweizer Investor kaufte es und setzt sich offensiv für eine Kooperation mit dem Dorf und die Einbeziehung der Bewohner*innen in die zukünftige Nutzung ein.

Damit waren drei wesentliche Voraussetzungen für eine demokratiefördernde Forschung gewährleistet: Erstens konnte die Bereitschaft der Bewohnerschaft erkannt werden, sich mit ihrer Situation kommunikativ und reflexiv auseinanderzusetzen und nicht schlichtweg den simplifizierenden und ideologischen Lösungsvorschlägen der Rechtsextremen zu folgen. Die AfD ist zwar nicht als Partei sichtbar erkennbar, aber es bestehen etablierte Kontakte zu Bürger*innen vor Ort, so die Aussage verschiedener Befragter. Zweitens bezogen der Bürgermeister und das Landratsamt eindeutig Position, wonach sie die Bedürfnisse der Bewohnerschaft kennenlernen und ernst nehmen wollten. Gleiches galt für den neuen Schlossherrn. Drittens bot sich mit dem Schloss für die Bewohner*innen eine konkrete Perspektive zur aktiven Beteiligung, die letztlich Gefühle der Selbstwirksamkeit herzustellen vermag.

Sorge, Narrative und Perspektiven

Diesen drei Vorgaben folgend wurde das „Reallabor“ in drei dynamischen Phasen realisiert. Die Ergebnisse jeder Phase waren die Voraussetzung für das Planen der nächsten Forschungsstrategie in der folgenden Phase. In der ersten Phase ging es darum, die Bedürfnislage der Bewohner*innen von Dobitschen und ihre Perspektive auf die Zukunft des Schlosses kennenzulernen. Um diese zu erkunden, wurden die Bewohner*innen in das vermüllte Schloss eingeladen und halfen beim Aufräumen. Anschließend gab ein engagierter Musiker, der aus der Region kommt, ein kleines Konzert und es wurde die Umfrage durchgeführt. Im Ergebnis kann, auch durch weitere Gespräche mit unterschiedlichen Personen von Dobitschen, sehr deutlich konstatiert werden: Das Schloss hat für viele Menschen eine symbolische Bedeutung hinsichtlich ihrer bisherigen Erfahrungen. Sie verbinden mit der Restauration sowohl einen praktischen Nutzen als auch die Hoffnung auf Anerkennung, ebenso wie die Rückgewinnung des lokalen Stolzes. Insbesondere die Vernachlässigung durch den vorherigen Besitzer, der seinen Grundbesitz zunächst dazu nutzte, um ein erotisches Unternehmen zu etablieren und die Gebäude dann verfallen ließ, schmerzt die Dorfgemeinschaft bis heute sehr. Jede Aktivität, diese Schmach zu tilgen, wird unterstützt. Zugleich wurde der Wunsch deutlich, hier nicht lediglich einem neuen Eigentümer eine ansprechende Wohnstätte zu schaffen. Das Dorf, das unter der Überalterung der Bewohner*innen leidet, sucht dringend nach Möglichkeiten, um „bis zum Schluss“ hier wohnen bleiben zu können. „Ich habe mein ganzes Leben hier verbracht, ich will hier auch sterben und begraben werden. Ich will nicht in den letzten Jahren in einem Heim irgendwo anders leben“, so eine Bewohnerin, deren Aussage vielen Senior*innen immer wieder bestätigten. Das Schloss wird dabei als Möglichkeit betrachtet, eventuell pflegerische oder medizinische Hilfsangebote bereitzustellen. Neben dieser Sorge wurde deutlich, dass die nach wie vor bestehende Landwirtschaft für die Menschen eine große Bedeutung hat. Hier herrscht große Ratlosigkeit. Wie es trotz sinkender Einwohner*innenzahlen weitergehen soll, weiß kaum jemand. Auch der Umbau in Zeiten des Klimawandels erscheint schwierig.

Aufgrund der Ergebnisse der ersten Phase des Forschungsprojekts kristallisierten sich folgende Anschlussfragen heraus: 1. Wie gestaltet sich die medizinische und gesundheitliche Versorgung der alternden Bevölkerung? 2. Welche Anschlussmöglichkeiten ergeben sich für die sozial-ökologische Transformation der Landwirtschaft in Dobitschen? 3. Welche konkreten Nutzungen für das Schloss könnten den formulierten Ansprüchen der Bewohnerschaft entsprechen? Obwohl sich die Bewohner*innen teilweise sehr zugespitzt auf konkrete Betreuungsformen (etwa Seniorenwohnungen) im Dorf oder Schloss in der Diskussion im Projekt kaprizierten, arbeiteten wir in unserer Studie mit einem breiteren Verständnis zu Fragen der Versorgung und erkundeten dafür die vielfältigen Sorge-Strukturen des Landkreises. Zusammenfassend lässt sich sagen: Die medizinisch-pflegerische Versorgung im ländlichen Raum und speziell in Dobitschen weist Defizite auf, die mit Blick auf die zukünftige Entwicklung noch gravierender erscheinen. Vor allem Entfernungen zu Pflege-Angeboten (stationär wie ambulant) werden als zu groß empfunden und die Erreichbarkeit als problematisch eingestuft. Dies spiegelt sich auch im subjektiven Empfinden der Versorgungslage der Dorfbewohner*innen wider. Dies formulierten manche Bewohner*innen durchaus drastisch: „Niemand kümmert sich um uns, ob wir hier überhaupt noch leben.“ Viele Reformen und transformative Ansätze, die für eine angemessene Versorgung der lokalen Bevölkerung notwendig sind, können jedoch nicht auf Ebene des Landkreises bzw. der Gemeinde Dobitschen erfolgen. Auch die Themen Gemeinschaft, Solidarität und Teilhabe im Sinne eines umfassenden Fürsorge-Verständnisses sind zentral für die Menschen vor Ort und wurden als defizitär wahrgenommen. Zwar stellten die Befragten fest, dass man sich kenne und schätze im Dorf, aber dennoch könne man – auch altersbedingt – keine Hilfe von den Nachbar*innen erwarten.

Hinsichtlich der zweiten Forschungsfrage in dieser Phase des Projekts konnte bei einer weitergehenden Abfrage nach Vereinen, Institutionen und Projekten im Landkreis festgestellt werden, dass sich die Vereinigung der Landwirte bereits in hohem Maße mit Fragen der zukünftigen Gestaltung der nachhaltigen Landwirtschaft beschäftigt. Diese hat bereits einzelne Höfe in einer progressiven Weise neu aufgestellt und mehrere Hofläden gegründet, mit denen eine direkte Vermarktung und der Verkauf der eigenen Produkte ermöglicht werden sollen, sodass die lokale Bevölkerung regional produzierte Angebote hat. Diese Initiativen waren den dörflichen Landwirten in Dobitschen und anderen nahe gelegenen Dörfern zwar bekannt, aber es bestand kein Austausch. Durch das Organisieren von Begegnungen mit Vertreter*innen der alternativen Landwirtschaft im Rahmen des Projekts konnte ein offener Diskurs über eine mögliche Perspektive für Dobitschen mit Bezug auf eine Transformation der wenigen noch funktionierenden Bauernhöfe diskutiert werden.

Nachdem wir den ersten beiden Forschungsfragen nachgegangen waren, entstand der allgemeine Eindruck, dass die Bewohner*innen mit der konkreten Gestaltung der Aufgaben der sozial-ökologischen Transformation überfordert sind. Hierbei wurde festgestellt, dass es kein Vertrauen in staatliche Behörden gibt. Das Misstrauen wurde als tiefgreifend erfahren. Daraus zogen wir zwei Konsequenzen für die letzte Phase des Projekts: Erstens scheint es an einer kommunikativen Strategie für die Entwicklung eines langfristigen, aber sofort einsetzenden Ansatzes zu mangeln, um das Dorf zukunftsfähig und resilient zu entwickeln. Zweitens scheint aber auch das Vertrauen in die Kooperation mit den vorhandenen demokratischen Verantwortlichen grundlegend verloren gegangen zu sein.

In der dritten Phase des Projekts wurden beide Aspekte aufgegriffen. Um den Bewohner*innen eine lange gesuchte Form der Kommunikation über das Misstrauen gegenüber der Demokratie zu ermöglichen, sollte gemeinsam rekonstruiert werden, wie das Misstrauen historisch entstanden ist. Dazu organisierten wir eine Geschichtswerkstatt mit Glühwein und sehr viel Zeit zum Zuhören und Nachfragen. Der offensichtliche Generationenunterschied zwischen den Studierenden und den Bewohner*innen ermöglichte eine vertraute Sprechsituation – von Alt zu Jung. Die Bewohner*innen teilten eine differenzierte, aber weitgehend geteilte gemeinsame Erzählung der Wendezeit und der enttäuschenden 1990er-Jahre. Das Narrativ schloss teilweise an ein weitverbreitetes Narrativ in Ostdeutschland an, wonach der Osten generell benachteiligt sei. Es gelang aber schnell, aufgrund der Erzählungen der eigenen Biografie die vielschichtigen und widersprüchlichen Erfahrungen mit Marktwirtschaft und Demokratie darzustellen und neu zu interpretieren. Im Endergebnis wollten die Teilnehmer*innen der Werkstatt die Perspektive auf die Zukunft richten und ganz bewusst nicht in der Vergangenheit gefangen bleiben. Mit dem Bürgermeister organisierten wir daran anschließend eine Abschlussveranstaltung, in der auch der Landrat seine Perspektive für das Dorf darstellen konnte. Die Diskussion wurde durch Vorschläge der Studierenden bereichert, die kurz-, mittel- und langfristige Maßnahmen vorschlugen, damit das Schloss nachhaltig nutzbar wird und die Bedürfnisse der Bewohner*innen schnell adressiert werden. Dabei wurden Ideen repräsentiert, die z. B. sofort realisiert werden konnten, etwa Aktionen zum Aufräumen des Schlosses. Mittelfristig wurde u. a. vorgeschlagen, kulturelle und Freizeit-Aktivitäten im Außenraum des Schlosses für den Sommer zu planen, die auch die Fortsetzung weiterer mittelfristiger Maßnahmen einleiten könnten, etwa die Umgestaltung der Grünflächen für gemeinschaftliche Gärten. Mit diesen Aktivitäten soll nicht die Vorwegnahme der langfristigen Nutzung des Schlosses eingeleitet oder begründet, sondern eine Wartezeit bzw. ein erneutes ‚Einfrieren‘ des Themas Schlossnutzung verhindert werden. Die große Beteiligung der Menschen aus Dobitschen an dieser Veranstaltung führte dazu, dass der Landrat erstmals in eine bedeutungsvolle Kommunikation mit dem Dorf kommen konnte – ebenso wie der Schlosseigentümer. Dessen Auftreten vermittelte Vertrauen darin, dass „jetzt endlich was passiert“ (so eine Teilnehmerin).

Schlussfolgerungen

Das dargestellte Beispiel kann aus Sicht der Beteiligten durchaus paradigmatisch für den Vertrauensverlust gesehen werden, den viele Menschen in peripheren Regionen erleben und der eine politische und gesellschaftliche Re-Integration erheblich erschwert. Individuelle Enttäuschung hat, so wurde insbesondere in der durchgeführten Geschichtswerkstatt deutlich, zu einer langfristigen Abkehr von demokratischen Prozessen der Problembewältigung geführt, die sich kollektiv im „abgehängten“ Raum langfristig verstetigt. In dieser prekären Situation finden vereinfachende, personifizierende und ideologische Angebote große Beachtung, die, wie berichtet, über soziale Netzwerke der Bewohnerschaft verbreitet werden. Da die demokratischen Institutionen vor Ort kaum noch präsent sind, können sich diese antidemokratischen Haltungen verfestigen.

Die in diesem Projekt gelernten Lektionen lassen sich wie folgt zusammenfassen: Ohne eine Anerkennung der realen Bedürftigkeit geht jede Strategie der Demokratieförderung über die Köpfe der betroffenen Menschen hinweg. Die Unterversorgung der älter werdenden Menschen muss im Vordergrund jeder Zukunftsplanung stehen. Ob so eine Planung mit den betroffenen Menschen möglich ist, wird davon abhängen, ob den Planenden noch Vertrauen entgegengebracht wird. Es ist offenkundig, dass dieses Vertrauen im Allgemeinen wie auch mit Bezug auf konkrete Verantwortliche oftmals fehlt. In Dobitschen war die weithin vertraute Person des Bürgermeisters einer der Garanten dafür, dass seine Kommunikation über die Zukunft des Dorfs und mit dem Landrat noch möglich ist. Schließlich erscheint eine solche Diskussion nur dann sinnvoll, wenn es wirklich etwas gibt, das planbar und machbar erscheint, wie etwa in Dobitschen durch den Umbau des Schlosses. Das Beispiel Altenburg zeigt zudem auf, dass ein gemeinsames Narrativ, das Vergangenheitsbewältigung in Zukunftsperspektiven transformiert, handlungsorientierend sein kann. Präsenz vor Ort und Ankerpersonen sind hierfür entscheidend. Externe Unterstützung für die genannten Prozesse muss auf die Förderung dieser Kommunikator*innen vor Ort zielen. Eine weitergehende Diskussion wäre allerdings nötig, ob diese Thesen über die Demokratieförderung auch auf andere Regionen Ostdeutschlands übertragbar sind. Die Verallgemeinerbarkeit mag insbesondere durch die besondere Lage des Altenburger Lands in Nähe zu den Großstädten Leipzig und Jena eingeschränkt sein, die in großen Teilen des Thüringer Walds oder Mecklenburgs nicht gegeben ist. Diese Nähe scheint zumindest für einige Akteur*innen durchaus motivierend zu sein, sich weiterhin vor Ort zu engagieren. Wie in der Forschung zur Demokratieförderung (Merkel 2010) hervorgehoben wird, sind diese internen Akteur*innen von großer Wichtigkeit. Deshalb würde sich eine weitere Erkundung zu deren (Verbleibe-)Bedingungen in dieser peripheren Region an die vorliegende explorative Studie anbieten.

 


Frank Eckardt, promovierter Politikwissenschaftler, ist seit 2008 Inhaber der Professur für sozialwissenschaftliche Stadtforschung an der Bauhaus-Universität Weimar. Er unterrichtet in der Fakultät Architektur und Urbanistik.


 

Literaturverzeichnis

Bundesagentur für Arbeit (2024). Arbeitsmarkt Altenburger Land. Online verfügbar unter statistik.arbeitsagentur.de/Auswahl/raeumlicher-Geltungsbereich/Politische-Gebietsstruktur/Kreise/Thueringen/16077-Altenburger-Land.html (zuletzt aufgerufen 24.5.2025)

Eckardt, Frank (2015). Die Werkstatt Sozialraumanalyse in Weimar. Soziale Passagen, 12, 7(2), 363–367.

Hummel, Steven (2023). Wie hältst du‘s mit der AfD? Kooperationen mit der extremen Rechten auf kommunaler Ebene in Sachsen. In: Oliver Decker/Fiona Kalkstein/Johannes Kiess (Hg.). Demokratie in Sachsen. Jahrbuch des Else-Frenkel-Brunswik-Instituts für 2022. Leipzig, Edition Überland, 97–116.

Kraske, Michael/Laabs, Dirk (2024). Angriff auf Deutschland: Die schleichende Machtergreifung der AfD. München, Beck.

Merkel, Wolfgang (2010). Strategien der Demokratieförderung: Konzept und Kritik. In: Joachim Raschke/Ralf Tils (Hg.). Strategie in der Politikwissenschaft. Konturen eines neuen Forschungsfelds. Wiesbaden, VS Verlag für Sozialwissenschaften. https://doi.org/10.1007/978-3-531-92209-6_7.