Gemeinschaftlich gestalten. Strategien Engagierter für eine zivile Gesellschaft


Jenseits der Krisendiagnosen über ländliche Regionen Ostdeutschlands gibt es eine zivilgesellschaftliche Bewegung, die den Abgesängen widerspricht. Aus Studien zur Evaluation des Förderprogramms Neulandgewinner (2019–2021), dem Projekt ENKOR – Engagementkonstellationen in ländlichen Räumen (2021–2024) sowie Transformationsgestalter*innen – Wissens- und Kompetenztransfer aus dem Labor Ost (2022–2024), welche zivilgesellschaftliche Positionen in ländlichen Räumen in Ostdeutschland untersucht haben, möchten wir über die Herausforderungen der Akteur*innen berichten. Auf Grundlage der Daten lassen sich drei Strategien ableiten, die Vereine der unzivilen Seite der Zivilgesellschaft entgegensetzen: erstens das Verteidigen ziviler Werte im eigenen Verein, zweitens das Etablieren demokratischer Orte sowie drittens das Gestalten lokaler oder überlokaler Politik. Die Strategien sowie die damit einhergehenden Herausforderungen und unterstützenden Faktoren werden im vorliegenden Beitrag näher beschrieben.


 

Empfohlene Zitierung:

Althaus Judith/Eckert, Anna/Haese, Inga (2025). Gemeinschaftlich gestalten. Strategien Engagierter für eine zivile Gesellschaft. In: Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (Hg.). Wissen schafft Demokratie. Schwerpunkt Uncivil Society – „Schattenseiten“ der Zivilgesellschaft, Band 17. Jena, 180–191.

Schlagwörter:

Zivilgesellschaft, Engagement, Landforschung, ländliche Räume, Ostdeutschland

 

In den ländlichen Regionen Ostdeutschlands werden komplexe Krisen verortet. Sie betreffen die Erosion der ländlichen Daseinsvorsorge (Bischof et al. 2023), die Verschärfung von Armutslagen (Boemke et al. 2022), die Krise des Wohnungsmarktes (Bernt und Holm 2020) und die wachsende Gefahr von politischem Extremismus und Populismus (Großmann 2024). Der sozioökonomische Disparitätenbericht der Friedrich-Ebert-Stiftung 2023 enthielt weitere Belege für die These, ländliche Räume in Ostdeutschland seien strukturschwach und abgehängt (Gohla und Hennicke 2023). Thesen wie die der ‚ausgebremsten Demokratisierung‘ in Ostdeutschland (Mau 2024) speisen zudem den Diskurs, der das Erstarken der AfD erklärt. Die bundesweite Beobachtung zu kommunalen Bedrohungslagen demokratischen Engagements analysiert, dass Engagierte in strukturschwachen Regionen Ostdeutschlands häufig mit Anfeindungen konfrontiert sind. Forscher*innen stellen „ausgeprägte demokratie- und menschenfeindliche Aktivitäten und deutliche Auswirkungen davon auf das Klima vor Ort“ (Becker et al. 2024a, 67) fest. Aus derlei Forschungen, gepaart mit den hohen Zustimmungswerten zur AfD, ergibt sich insgesamt ein düsteres Bild des ländlichen Raums in Ostdeutschland. Welche Realitäten existieren aber jenseits des sogenannten „braunen Ostens“ (Heft 2018)? Wir fragen in diesem Beitrag1, welche Strategien für eine zivile Gesellschaft sich in ländlichen Räumen Ostdeutschlands finden lassen und arbeiten heraus, wie sich zivilgesellschaftliche Akteur*innen für eine offene Gesellschaft engagieren sowie Strategien gegen verödete Dörfer und völkische Landnahme ergreifen. Ihr Engagement bewirkt andere Lebensrealitäten für die Menschen in ihrem Umfeld.

Neuland gewinnen

Das Förderprogramm „Neulandgewinner“ richtet sich an Personen und ihre gemeinnützigen, lokal verankerten Vereine in Kleinstädten und Dörfern in den Flächenländern Ostdeutschlands, die gemeinwohlorientierte Projekte verwirklichen. Die Projekte zielen auf Prävention, auf offene Jugendarbeit, Umweltbildung, interkulturelle Begegnung oder die Gestaltung öffentlicher sozialer Räume ab. Das Programm wird gegenwärtig von der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt sowie den Bundesländern Sachsen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Die Förderung setzen das Thünen-Institut für Regionalentwicklung und der Verein Neuland gewinnen gemeinsam um, die finanzielle Unterstützung von 50.000 Euro und unterstützendes Mentoring gehen an die Vereine. Ideell werden über die zwei Jahre hinaus „Persönlichkeiten [unterstützt,] die verändern wollen, die Gesellschaft und den demographischen Wandel gemeinschaftlich gestalten wollen, die kreativ sind und andere für ihre Ideen begeistern können, die in einer aktiven Zivilgesellschaft eine notwendige Voraussetzung für Lebensqualität vor Ort sehen“ (Thünen-Institut für Regionalentwicklung e. V. und Neuland gewinnen e. V. 2024). Gefördert werden Menschen, die eine „nachhaltige Transformation ihrer Umgebung“ (Bude et al. 2020, 261) in Gang setzen. Das Programm macht einen Ausschnitt des zivilgesellschaftlichen Engagements in den ländlichen Räumen Ostdeutschlands sichtbar.2

Wir beziehen uns auf Forschungen, die wir als Evaluation und als Begleitforschung zum Förderprogramm „Neulandgewinner“ durchgeführt haben sowie auf ein Forschungsprojekt zu Zivilgesellschaft in ländlichen Gemeinden. Der Beitrag beinhaltet Ergebnisse der Studien Evaluation des Förderprogramms Neulandgewinner (2019–2021), der Forschung des Thünen Instituts im Verbund-Projekt ENKOR: Engagement in ländlichen Räumen – Formen und Konstellationen (2021–2024) sowie der Begleitforschung zum Projekt Transformationsgestalter*innen – Wissens- und Kompetenztransfer aus dem Labor Ost (2022–2024). Unsere Forschungen gründen dabei auf qualitativen Methoden, etwa teilnehmenden Beobachtungen vor Ort, Interviews mit Akteur*innen und des lokalen Umfeldes sowie Gruppendiskussionen. Die Forschungen ergeben damit ein Gesamtbild zur Einbettung des Handelns, das die Engagierten an den Tag legen (siehe auch Frech et al. 2017, Bude et al. 2020, Bude und Haese 2022, Haese 2023, Althaus 2024, Willisch et al. 2024).

Ziviles und unziviles Engagement

Als Resilienzfaktor für liberale Demokratien steht die Zivilgesellschaft weiterhin hoch im Kurs (z. B. Merkel 2024). Wir können im Folgenden keinen Überblick über den umfassenden Diskurs zu Zivilgesellschaft geben (z. B. Klein et al. 2004), sondern rahmen das Engagement von Neulandgewinner*innen. Zivilgesellschaftliches Handeln meint zumeist ehrenamtliches Engagement im Kontext von Vereinen, Netzwerken, sozialen Beziehungen oder NGOs. Jürgen Habermas (1990) hat in seiner Beschreibung der Genese bürgerlicher Öffentlichkeit deutlich gemacht, wie wichtig der öffentliche Raum zum Aushandeln von Interessen ist. Sein diskurstheoretisches Konzept von Zivilgesellschaft beruht auf der Prämisse, dass die Meinungsbildung der Bürger*innen gewaltfrei und unter Akzeptanz der Position des Gegenübers stattfinden. Für ihn ist Zivilgesellschaft das diskursive Scharnier zwischen öffentlichem Interesse und politischem Raum. Ein unfaires, gar gewaltsames Eintreten war nicht vorgesehen (Zimmer 2021). Das Konzept beruht auf einer ‚zivilen‘ sozialen Praxis, kompromissorientiert und an Werten wie Toleranz, Anerkennung, Respekt und Gewaltfreiheit orientiert. Jürgen Kocka spricht von einem „spezifischen Typus sozialen Handelns und sozialer Einstellungen“ (Kocka 2004, 133), der Vielfalt prinzipiell anerkennt; d.h. verfassungsrechtlich garantierte Menschen- und Grundrechte und Gleichheit vor dem Gesetz (Zimmer 2021). Mit der „dunklen Seite“ (Roth 2004) der Zivilgesellschaft wurde im Diskurs ein Kontrapunkt gesetzt, der fragt, ob das durch Bindungen entstehende Sozialkapital nicht genauso von rechten und unzivilen, also ausschließenden Gruppen genutzt wird (Lepenies 2025, 243). Eine Beobachtung ist die Unterwanderung von Vereinen durch rechtsextreme Gruppierungen und die Übernahme bürgerschaftlichen Engagements in klassischen Formen des Ehrenamtes in Feldern des Sports und der Kultur (Schroeder et al. 2020).

Wie heikel die Lage in bestimmten ländlichen Regionen ist, zeigt eine Studie, die Daten zu demokratischem Engagement deutschlandweit erhoben hat (Becker et al. 2024a, 56ff.). Die Autor*innen machen drei kommunale Bedrohungslagen aus: In der ersten ist die demokratische Zivilgesellschaft mit manifesten Übergriffen konfrontiert. In der zweiten kommt es zu einer Einengung zivilgesellschaftlicher Handlungsspielräume durch externen Druck wie Delegitimierung, Diffamierung oder Behinderungen, aber auch durch interne Vorkommnisse wie Unterwanderungen (Becker et al. 2024a, 56ff.). Die dritte Bedrohungslage verorten die Forscher*innen in ländlichen und peripherisierten Regionen Ostdeutschlands; es seien „Problemgebiete ohne regional verankertes Fundament eines demokratisch-weltoffenen Engagements“ (Becker et al. 2024a, 67) mit einem Klima des Schweigens und Verstummens.

Bedrohungen des zivilgesellschaftlichen Engagements treffen auch andere Akteur*innengruppen. Das John-Dewey-Institut berichtet von Hatespeech und Anfeindungen in Bezug auf politische Bildung im Bundesland Sachsen (Jugel und Hertel 2024). Die Studie konzentriert sich auf ländliche Räume und hebt hervor, dass „Beschimpfungen, Störungen in Veranstaltungen, Boykottaufrufe, Sachbeschädigungen, physische Übergriffe oder gar Morddrohungen“ gegen politische Bildner*innen hervorgebracht werden und auch in vorigen Jahren dokumentiert wurden (Jugel und Hertel 2024, 39). Helmert et al. (2023) weisen auf die gezielte Strategie von rechten Gruppierungen hin, Akteur*innen des weltoffenen, demokratischen Spektrums mithilfe zivilrechtlicher Klagen einzuschüchtern.

Strategien für eine zivile Gesellschaft

Vor dem Hintergrund unzivilen Engagements insbesondere in ländlichen Räumen möchten wir nun Gegenstrategien von Neulandgewinner*innen und ähnlichen Akteur*innen darstellen. Aus den zahlreichen Möglichkeiten, sich für eine zivile Gesellschaft einzusetzen, haben wir drei Strategien aus der Empirie abgeleitet3: erstens das Verteidigen ziviler Werte im eigenen Verein, zweitens das Etablieren demokratischer Orte sowie drittens das Gestalten lokaler oder überlokaler Politik.

Zivile Werte im Verein verteidigen

Die erste Strategie für eine zivile Gesellschaft bezieht sich auf den unmittelbaren Sozialraum der Akteur*innen: Engagierte, wie es Neulandgewinner*innen sind, suchen sich Mitstreiter*innen für ihr kulturelles, ökologisches oder soziales Engagement. Oder sie schließen sich einem vorhandenen Verein an und versuchen, sich darin demokratischer Werte zu versichern. Beispielsweise setzen sie sich damit auseinander, wie sie mehr Menschen in ihre Angebote einbeziehen können, wie der Raum für alle passend genutzt, wie Nachwuchs gewonnen, die ehrenamtliche Arbeit gerecht verteilt oder der Vorstand unterstützt werden kann. Sie erkennen, dass sie kollektiv agieren müssen, um ein demokratisches Gegengewicht in den ländlichen, peripherisierten Räumen Ostdeutschlands darzustellen.

Um ihr Vorhaben umzusetzen, ist die Zusammenarbeit von unterschiedlichen Akteur*innen notwendig. So kooperieren Zugezogene mit Alteingesessenen, Mitstreiter*innen bereits bestehender Vereine mit jüngst Engagierten und Rentner*innen mit Erwerbstätigen (Feldnotiz 28.11.2023). Oft gibt es eine*n Initiator*in, die Mitstreiter*innen sucht – per Annonce in der Zeitung, durch einen Aushang im Dorf – und immer mit direkter Ansprache möglicher Interessierter (Int. 03.07.2023, Feldnotiz 29.02.2020). In anderen Fällen initiieren Freund*innengruppen eine Aktivität, die auf geteiltes Interesse vor Ort stößt (Feldnotiz 15.11.2023). Um ihren demokratischen Kern immer wiederherzustellen, sind gemeinschaftliche und prozesshafte Aushandlungen über nächste Schritte innerhalb der Gruppe entscheidend (Gruppendiskussion 15.05.2024).

Dabei ist die Vereinsarbeit ein politisch umkämpftes Feld. Engagierte erleben, dass Personen mit autoritären bis rechtsextremen Haltungen versuchen, in ihren Vereinen Fuß zu fassen. Bei unseren Feldforschungen sind uns Erzählungen begegnet, in denen die Engagierten die demokratische Grundlage ihrer Vereine verteidigen konnten: Wir haben vom konsequenten Widerspruch bei autoritären Vorstellungen (Feldnotiz 31.08.2024) gehört, vom erfolgreichen Verweis eines regional bekannten Rechtsextremisten vom Vereinsfest (Feldnotiz 31.08.2024) und von der Kraft, sich gegenseitig wiederholt an die Offenheit des Vereins zu erinnern (Feldnotiz 26.01.2024). Gelingensbedingungen für einen erfolgreichen Ausschluss rechtsextremer Personen aus demokratischen Vereinen sind Mut zur Konfrontation, Vertrauen in die anderen Vereinsmitglieder, Klarheit in der demokratischen Ausrichtung sowie Ausdauer, diese Haltung zu vertreten. Es gibt zudem auch Erfahrungen des Scheiterns: die Ablehnung einer Positionierung gegen rechts in der Satzung des Vereins (Int. 16.04.2020) und ein daraus folgender Rückzug der demokratischen Kräfte, der fehlende Widerspruch einer demokratischen Mehrheit bei Bedrohungen durch völkische Siedler*innen, die in einem Wegzug mündeten (Feldnotiz 02.09.2024) oder die Vermeidung des Begriffs Demokratie in Veranstaltungsankündigungen, um Ablehnung und Anfeindungen auszuweichen (Feldnotiz 31.08.2024).4

In den Vereinen wird lokal und ganz konkret gegen die Normalisierung demokratiefeindlicher Überzeugungen gearbeitet. Die Gruppen bilden die „konfliktträchtige Gleichzeitigkeit von zivilen und unzivilen Tendenzen“ (Roth 2004, 53) ab. Eine solche interne Aushandlung erfordert zahlreiche Ressourcen. Sie trifft die Neulandgewinner*innen und ihre Mitstreiter*innen auch privat und kann erschütternd wirken. Sie ist jedoch gleichzeitig entscheidend, um als Verein überhaupt auf demokratische Weise handlungsfähig zu bleiben.

Demokratische Orte etablieren

Eine zweite Strategie umfasst das Herstellen demokratischer Begegnungsräume. Hier verfolgen Neulandgewinner*innen den Ansatz der Selbstwirksamkeit in der Region und arbeiten gegen den Abbau von Infrastruktur an. Die Räume sind explizit nicht-virtuelle, analoge Orte, die sich die Beteiligten aneignen, renovieren und gestalten. Sie bauen damit gemeinsam mit anderen Begegnungsorte auf und erhalten sie. Dabei ist das Miteinander, das mit der gemeinschaftlichen Gestaltung einhergeht, ebenso wichtig wie das Etablieren des gemeinschaftlichen Ortes.

Die Gemeinschaftsorte sind zumeist historisch bedeutsame Gebäude in den ländlichen Räumen: eine Industriebrache, das ehemalige Post- oder Sparkassengebäude am Marktplatz oder der stillgelegte Bahnhof. Akteur*innen reagieren auf lokale Leerstellen, indem sie ehemalige Orte der Vergemeinschaftung revitalisieren. Diese Praxis stellt das demokratische Pendant zur bekannten Strategie von rechts dar, Immobilien und Grundstücke in ländlichen, peripherisierten Räumen zu erwerben (Deppisch et al. 2023; Bundschuh 2012).

Die Engagierten handeln bedürfnisorientiert und situiert: In einem Ort besteht z. B. neben dem Wunsch nach einem Treffpunkt auch der Bedarf, soziale Dienste anzusiedeln. Also werden in einem ehemaligen Bahnhof sowohl ein Begegnungscafé als auch in Kooperation mit einem sozialen Träger Praxis- und Büroräume eines ambulanten Pflegedienstes eingerichtet (Int. 04.11.2019). Ein anderer Verein beschäftigt sich mit Kulturweisen: Ein Dreiseitenhof, der stellvertretend für die regionale Kulturlandschaft steht, wird mit Bauaktionen instandgehalten und wiederaufgebaut, zusätzlich organisieren die Aktiven Konzerte und weitere Veranstaltungen in den Räumlichkeiten. So werden die Bedürfnisse nach Kultur auf dem Land mit der Regionalgeschichte und dem Wunsch nach gemeinsamen Aktivitäten verknüpft (Int. 07.08.2023).
Demokratische Orte stellen sich in unserer Forschung als Basis für eine demokratische Zivilgesellschaft heraus: Hier handeln Aktive Themen aus und etablieren eine Gruppe, die über einen Treffpunkt hinausgeht. Sie begründen eine stabile, einander vergewissernde demokratische Öffentlichkeit. Das Mitgestalten und damit die Mitbestimmung im eigenen Sozialraum sind entscheidend. Hier wird das Fundament einer demokratischen Kultur gelegt und schrumpfenden sozialen Räumen etwas entgegengesetzt.

Herausfordernd für die Engagierten ist das ressourcenaufwendige Betreiben und Instandhalten solcher historischer Gebäude (Feldnotiz 26.01.2024). Die Vereine sind von externen Förderungen oder finanzstarken Mitgliedern und Kommunen abhängig. In peripherisierten Räumen in Ostdeutschland sind solche Aufwendungen jedoch nur schwer aufzubringen. Hinzu kommt, dass der Zugang zu solchen Orten nicht immer reibungslos verläuft. Schnell müssen sich die Vereine mit der Eigentumssituation des Leerstands beschäftigen, konkurrieren mit anderen Interessierten. So empfindet eine Neulandgewinnerin den drohenden Verkauf des ehemaligen Gemeindeverwaltungsgebäudes im Dorf als „die nächste Enteignung“ (Int. 03.07.2023), die den Dorfbewohner*innen bevorsteht. Die Privatisierung der wenigen verbliebenen kommunalen Gebäude wird wie ein Verlust gemeinsamen Eigentums wahrgenommen.

Das Beispiel verdeutlicht, wie wichtig die Unterstützung politischer Entscheidungsträger*innen für lokale Gestaltungsmöglichkeiten ist. Aktive fühlen sich der Verwaltung oder gewählten Vertreter*innen mitunter ausgeliefert, blockiert oder diffamiert. In solchen Situationen entscheiden sie sich teils für den Versuch, politische Räume mitzugestalten und sich auf dieser Ebene gegen Rechtsextremismus einzusetzen.

(Lokal-)Politik gestalten

Es gibt Neulandgewinner*innen, die sich auch jenseits der Vereine für ihre Anliegen einbringen und in der institutionalisierten Politik engagieren. Ihre Strategie ist, sich auch im politischen Feld für Werte wie Toleranz, Respekt und Gewaltlosigkeit einzusetzen. Die Vereinsarbeit bestärkt sie, lokalpolitisch aktiv zu werden, da sie dann die Rahmenbedingungen ihres Engagements mitbestimmen können. Die Vereinsarbeit stellt für Einzelne einen Startpunkt politischen Engagements, auch auf parlamentarischer Ebene, dar. Neben dem eigenen Entschluss, sich als Repräsentant*in zur Verfügung zu stellen, werden Neulandgewinner*innen auch von anderen Aktiven vor Ort für Ämter angefragt, denn sie sind oft als konstruktive Gestalter*innen (Willisch 2022) bekannt.

Eine Neulandgewinnerin, die Mitglied des Gemeinderats wurde, erzählt, dass sie auf diese Weise Selbstwirksamkeit erfahre: Durch ihre Arbeit und ihr Leben im Dorf könne sie Dinge verändern (Int. 27.01.2020). Ein Neulandgewinner ließ sich für eine Wählervereinigung aufstellen und wurde Stadtverordneter. Sein Ziel sei, sich gegen autoritäre Positionen im Stadtrat und für eine enkeltaugliche Stadt zu positionieren. Es geht den Neulandgewinner*innen dabei weniger um ein Sprungbrett, eine Karriere, sondern darum, sie selbst betreffende Entscheidungen beeinflussen zu können. In einem dritten Fall wurde ein Engagierter einer Protestinitiative als Bürgermeister gewählt und versteht sich selbst als Ermöglicher von Ideen der Anwohner*innen: „Die Leute sollen mir sagen, was sie sich wünschen, und ich sage: Warte, bis ich einen Fördertopf gefunden habe und dann machen wir das.“ (Int. 21.02.2022) Damit unterstützt er nicht nur bereits vorhandene Visionen des gemeinschaftlichen Lebens, sondern motiviert auch bisher Nicht-Aktive für das soziale Engagement.
Was passiert, wenn die Verwaltung ihre Aufgabe nicht in der Unterstützung solcher Initiativen sieht, wird am Beispiel des Demokratiebahnhofs in Anklam deutlich: Dieses Projekt musste 2024 aufgrund baulicher Mängel schließen und der Initiative wurde bisher kein alternativer Raum ermöglicht. Der Demokratiebahnhof war zuvor wiederholt Zielscheibe rechter, gewaltsamer Angriffe geworden (Int. 07.01.2020; Katz 2024).

Die Interviews machen deutlich, dass eine unterstützende Verwaltung für die demokratische Zivilgesellschaft unerlässlich ist. Darüber hinaus braucht es eine informierte Lokalpolitik, um die „aktive Gegenwehr des demokratisch-weltoffenen Spektrums“ (Becker et al. 2024a, 68) kompetent umzusetzen.

Fazit – Gegen eine bedrohliche Ruhe

Zusammenfassend lässt sich das zivilgesellschaftliche Handeln von Neulandgewinner*innen als demokratisch-weltoffenes Engagement definieren. Es richtet sich gegen unzivile Verhältnisse, indem es auf gesellschaftlichen Zusammenhalt, Gemeinnützigkeit und Gemeinwohlorientierung, auf ökologische Gerechtigkeit, soziale Teilhabe und das Einüben und die Weitergabe demokratischer Bürger*innentugenden ausgerichtet ist. Die drei beschriebenen Strategien von Engagierten gegen autoritäre bis rechtsextreme Akteur*innen in ländlichen Räumen Ostdeutschlands setzen an unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen an. Sie reichen vom sozialen Nahfeld über das Etablieren demokratischer Orte bis hin zum eigenen Einbringen in die repräsentative Demokratie. Neulandgewinner*innen stellen sich den beschriebenen Bedrohungslagen demokratischer Zivilgesellschaft in peripherisierten Lagen und wirken einer „bedrohlichen Ruhe“ (Becker et al. 2024a, 57) entgegen. Sie versuchen, über das „Selbermachen“ (Frech et al. 2017) vor Ort, andere in ihr Gestalten von Gesellschaft einzubeziehen.

Die Forschung zeigt, dass für eine erfolgreiche und nachhaltige demokratische Kultur in ländlichen Regionen nicht nur klare Positionen gegen Rechtsextremismus erforderlich sind, sondern auch gesellschaftliche, finanzielle, administrative und politische Unterstützung. Sowohl lokal als auch überregional sind unterstützende Verwaltungen, informierte politische Akteur*innen, die eine kritische Öffentlichkeit darstellen, und sichere Finanzierungen zentral. Wenn Neulandgewinner*innen bei ihren Aktionen den Begriff Demokratie nicht mehr nutzen möchten, um ablehnende Haltungen zu verhindern, ist die Zivilgesellschaft in Gefahr.

 

1    Wir danken der gutachtenden Person für wertvolle Hinweise.

2    Die mittlerweile 150 Projekte, die seit 2013 gefördert wurden, stehen demnach stellvertretend für ein viel breiteres Engagement.

3    Nachfolgend werden Akteur*innen und Projekte anonymisiert und zusammenfassend beschrieben. Dabei bleiben strukturelle Merkmale erhalten.

4    Becker et al. empfehlen sogar, die „thematische Fokussierung auf Demokratie und Vielfalt [sei] vor allem dann erfolgreich, wenn sie erst im zweiten Schritt erfolgt und gegebenenfalls als Beiprodukt einer anderen Maßnahme erscheint“ (2024b, 42).

 


Judith Althaus, Soziologin, forscht an der Europa-Universität Viadrina im Projekt „Ein immer noch geteilter Himmel? Verflechtungen und Asymmetrien entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze“. Zuletzt erschienen: Gemeinschaftliches Eigentum (2024).

Anna Eckert, Kulturanthropologin, forscht am Thünen-Institut für Regionalentwicklung zu Zivilgesellschaft in ländlichen Räumen. Zuletzt erschienen: Aushandlungen städtischer Größe (2019) sowie Transformative Regionen (2024).

Inga Haese, Professorin für Sozialpolitik und Geschlechterforschung in intersektionaler Perspektive an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin. Zuletzt erschienen: Care-Transformation. Praktiken der Fürsorge in ländlichen Räumen (2025) sowie Aufbrüche in die post-urbane Gesellschaft (2022, mit Heinz Bude). 


 

Literaturverzeichnis

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