In Zeiten politischer Umwälzung steht die Kirche oft vor tiefgreifenden Richtungsentscheidungen. Ich möchte in diesem Beitrag auf zwei Fragen eingehen, die sich angesichts des Erstarkens der extremen Rechten vor allem in Ostdeutschland stellen und dabei ostdeutsche Landpfarrämter und ihre Gemeinden fokussieren. Die zwei Fragen ergeben sich, weil ich diese Landpfarrämter gerade als wohltuende Störfaktoren gegenüber einer bedrohlichen Verrohung der Gesellschaft erlebe. Einmal will ich deshalb der Frage nachgehen, wo und auf welche Art und Weise sie solche Störfaktoren sind und zum anderen, wie sie das in Zukunft bleiben können.
Zur ersten Frage: Das evangelische Pfarrhaus ist nicht nur dadurch, dass Pfarrer*innen immer von außen und mit akademischer Ausbildung in die ländliche Struktur kommen, ein Zentrum für kulturelle Bildung und gesellschaftliche Auseinandersetzung. Kirchgemeinden unterscheiden sich gerade heute von den ohnehin sehr wenigen Vereinen oder Betrieben vor Ort darin, dass sie in ihrer Leitungsstruktur unabhängiger von den Zusammenhängen vor Ort sind. Der Verein oder die Feuerwehr braucht jede*n Einzelne*n und will ihn*sie immer weniger beispielsweise durch politische Diskussion vergraulen. Das gleiche gilt für lokale Handwerksbetriebe. In der Folge verhalten sich viele gesellschaftliche Player*innen in der Tendenz ruhiger und neutraler als die Kirche, die mit dem Anspruch produktiver Irritation vor Ort existiert. Selbst konservativ eingestellte Gemeinden kommen nämlich nicht umhin, der von der Kirche gebotenen Leseordnung zu folgen oder beispielsweise bischöfliche oder synodale Voten zu verlesen.
Die Irritation durch die Kirchgemeinden in der Provinz provoziert nicht selten hasserfüllte Nachrichten im Netz, Drohbriefe und Gewalt (Grünberg 2022). Sie ist auch Grund für eine gezielte und umfassende Delegitimierung der Kirchgemeinden als solche. Diese werden oft wie Teile einer vermeintlichen Staatskirche und Politsekte dargestellt (vgl. Video Krah 2025). Aber nicht nur dezidiert politisch handelnde Christ*innen erleben Ausgrenzung. Ich merke zunehmend, dass auch die Kirche, die ihrer Kernaufgabe gerecht zu werden versucht, in Bedrängnis gerät. Es reicht, den politischen Wandel nicht offen zu begrüßen, dass in den sozialen Medien zum Kirchenaustritt aufgerufen, die Zusammenarbeit mit der Kirche stillschweigend oder offen sabotiert und versucht wird, die Arbeit der Kirche zu ersetzen und sie damit in der Wahrnehmung der säkularisierten Mehrheitsgesellschaft letztendlich überflüssig zu machen. Damit reiht sich die neue politische Atmosphäre in eine Tradition ein, die die DDR erfolgreich begründet hat.
Ich nehme in den vergangenen Jahren zudem immer stärker wahr, dass die Kirchgemeinden der ostdeutschen Landeskirchen nicht mehr nur klassischerweise wegen etwaigen politischen Engagements angegriffen werden. Lange galt sowohl von außen als auch in der innerkirchlichen Auseinandersetzung, dass wer sich politisch halbwegs neutral verhält auch keinen politischen Druck von außen zu erwarten hat. Mit dem zunehmenden Erstarken rechter Parteien und Kleinparteien ändert sich das. Hiermit einher geht das, was ich das „Ende der Politik“ zu nennen pflege. Wir haben einen kritischen Punkt erreicht, an welchem das bessere Argument oder die Integrität desjenigen, der es vorbringt, keine Rolle mehr spielt. Wahrheit, das objektive Prüfen eines Arguments, ist uns als Gesellschaft abhandengekommen. Die „Merkel muss weg“-Sätze oder „Die Ampel muss weg“-Sätze zeigen: Es geht nicht mehr um eine konstruktive Auseinandersetzung mit dem politischen Gegenüber, sondern um seine Verdrängung aus dem Diskursraum und den Ausbau des eigenen Einflussbereiches.
Die Kirche Ostdeutschlands steht der Ausweitung des rechten Machtbereichs nicht nur deshalb im Weg, weil es immer wieder Pfarrer*innen sowie eine Vielzahl Ehrenamtlicher gibt, die sich politisch gegen rechte Strukturen einbringen. Sie steht dieser Ausweitung des Machtbereichs vor allem auch durch das ihr ganz eigene Wesen entgegen. Der Glaube der Kirche an eine Macht, die die politische und vor allem staatliche übersteigt, und die Praxis der Kirche, diese Macht den Gläubigen und Ungläubigen immer wieder neu ins Gewissen zu rufen, stört das Machtstreben totalitärer Ideologien. Das sehen wir ganz praktisch in der ostdeutschen Provinz. Da wir in Ostdeutschland nun über die Frage von Regierungsbeteiligung oder Alleinregierung der AfD sprechen, ist diese Auseinandersetzung kein Nebenschauplatz mehr. Sie betrifft den politischen Erfolg rechter Parteien. Sie betrifft das Überleben der Kirche im ländlichen Raum und damit das Überleben des letzten zuverlässigen Störfaktors gegenüber totalitären Bestrebungen, zumindest in der Breite der vielen Orte unseres Landes. Es ist daher kein Zufall, dass schon die junge AfD, die heutige Partei umso mehr, eine dezidiert antikirchliche Partei ist. Sie will selbstverständlich das abschaffen, was auch viele Linke oder Demokratieverfechter*innen die „Privilegien der Kirche“ nennen (Marquart 2023) – selbstredend mit dem Ziel, die Strukturen der Kirche in der Breite der Gesellschaft zu entmachten. Totalitäre Parteien wissen, welche kritische Macht der Glaube der Kirche und damit auch die von vielen mit Argwohn beäugten Traditionen der Kirche besitzen.
Wo also stört die Kirche Ostdeutschlands die Verrohung unserer Gesellschaft, zu der bei uns die extreme Rechte massiv beiträgt? – Dort, wo sie schlicht noch existiert und das in Erinnerung ruft und selbstbewusst feiert, was dem Machtanspruch totalitärer Ideologien entgegensteht. Hier sehen wir auch einen ersten Hinweis auf die Richtung, die die Kirche einschlagen muss, wenn sie diesen Sturm überleben will. Das bringt mich zur zweiten Frage, die hier besprochen werden soll: Wie kann die Kirche konkreter Verrohung vor Ort entgegenwirken?
So wichtig politisches Wirken an den verschiedenen Kontaktflächen des Gemeindelebens zur Gesellschaft um uns herum ist, so zentral ist in den vergangenen Jahren etwas anderes geworden: Präsenz und Stärke. Damit ist gemeint, sich nicht in die Reste des Gemeindelebens zurückzuziehen, sondern einen missionarischen Anspruch anzumelden und Glaubenskurse zu verwirklichen, Feuerwehrgottesdienste zu halten, in die Kindergärten und Schulen zu gehen und offene Angebote für Menschen aus nicht kirchlichen Kontexten zu etablieren. Dabei geht es um ein Nicht-Weichen gegenüber anderen, die das Verdrängen mittlerweile eingeübt haben, weil das Verdrängen der Sinn der eigenen politischen Arbeit ist. Dieser Anspruch der Kirche auf den Menschen ist der eigentliche Dorn im Auge totalitärer Akteur*innen. Unter den Bedingungen der verrohten Machtentfaltung des Totalitarismus lebt dieser Anspruch in zweierlei Form: im Martyrium und in der immer angegriffenen starken Gegenhaltung. Beide spielen eine wichtige Rolle. Beide gehen oftmals miteinander einher. Mir ist es wichtig, hier vor allem aber die Stärke, das selbstbewusste, in Glauben, Traditionen und gewachsenen und funktionalen Strukturen geerdete Auftreten der Kirche in den jeweiligen Kommunen und Ländern herauszustellen. Denn das ist es, was im Moment aus meiner Sicht den größten Effekt hat. Die extreme Rechte strebt in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens in Ostdeutschland die Diskurshoheit an. Diese ebenfalls zu beanspruchen, ohne selbst nur die politische Gegenposition einzunehmen, führt dazu, dass ein freier Raum entsteht, der nicht von der extremen Rechten dominiert wird. Das hilft jenen, die längst verstummt oder verängstigt sind.
Dass die extreme Rechte gegenüber der Kirche, die sich nicht verdrängen lässt, immer schärfer polemisiert, zeigt deutlich, dass sie am Ende nicht so klassisch konservativ ist, wie sie oftmals vorgibt. Die extreme Rechte hat nicht selten einen revolutionären Impetus, eine radikale Natur. Ihr geht es häufig mit aller Kraft um die Zersetzung jeder überlieferten Autorität, gewachsenen Struktur und gewachsenen Institution, weil sie der Überzeugung ist, etwas tatsächlich Neues zu erschaffen und auch erschaffen zu müssen, um das Alte zu überwinden. Es ist also heute kein Zufall, dass das Parlament und seine Vertreter*innen als „Altparteien“ diskreditiert werden, kein Wunder, dass die Medien als „Lügenpresse“ diffamiert und dem deutschen Protestantismus beispielsweise vorgeworfen wird, nur „linksgrüne Klientelpolitik“ (Höchst 2024) zu betreiben. Der kritische Umgang der Kirche mit eigenen Fehlern ist unbenommen ausbaufähig. Gleichwohl ist wichtig festzustellen: Diese Fehler sind nicht der Auslöser extrem rechter Polemik. Der Angriff auf sie fände ganz unabhängig davon statt, weil jede Unterstützung für die Kirche nicht wegen der politischen Haltung einzelner Vertreter*innen oder mancher Synoden beendet werden muss, sondern aufgrund ihres Anspruchs auf den ganzen Menschen, den die extreme Rechte allein für sich reklamieren möchte.
Es gilt also in Zukunft für die Kirche, eine neue Stärke zu entwickeln – und zwar unter den Bedingungen der postsozialistischen Realität der ostdeutschen Bundesländer. Es geht darum, eine positive Präsenz zu entwickeln, die den Machtanspruch totalitärer Politik zurückdrängt, die Gemeinden nach innen stärkt und sie attraktiv macht für Suchende und Unentschiedene in der atheistischen Gesellschaft. Dabei spielt eine Rolle, aus dieser Minderheitenposition heraus wertvolle theologische Impulse zu senden. Wichtig ist auch eine kluge Arbeit in den sozialen Netzwerken und eine gute Leitung der Kirche nach innen. Die Peripherie bietet eine Chance, mit wenigen Ressourcen eine gute Position zu entwickeln, zu halten und sogar auszubauen. Dazu gehört nicht zuletzt eine erfolgreiche äußere Mission, die zum Ziel hat, Menschen für Taufe und Wiedereintritt zu gewinnen. Dies ist die Aufgabe der Gemeinden auf dem ostdeutschen Land um ihrer selbst willen, aber auch um einer dringend benötigten Zivilgesellschaft in ihrer Umgebung willen.
Justus Geilhufe, 1990 in Dresden geboren, ist Theologe, evangelisch-lutherischer Pfarrer und Buchautor. Zusammen mit der katholischen Bibelwissenschaftlerin Nina Heereman hostet er den Podcast „Unter Heiden“. Seit 2021 ist Geilhufe Pfarrer der Kirchgemeinde am Dom Freiberg und seit 2024 zusätzlich mit missionarischen Aufgaben in der sächsischen Landeskirche betraut.
Literaturverzeichnis
Grünberg, Karl (2022). Ein Straßenfest gegen den Hass. Online verfügbar unter chrismon.de/artikel/53117/afd-hochburg-spremberg-pfarrer-kaempft-gegen-neonazis (abgerufen am 05.06.2025).
Höchst, Nicole (2024). Nicole Höchst: Keine Staatsleistungen mehr für linke Kirchenpolitik. Online verfügbar unter afdbundestag.de/nicole-hoechst-keine-staatsleistungen-mehr-fuer-linke-kirchenpolitik/ (abgerufen am 05.06.2025).
Krah, Maximilian (2025). Facebook-Reel „Weiße sollen beim Kirchentag außen vor bleiben – ist das noch christlich?“ Online verfügbar unter www.facebook.com/reel/1731666781085885 (abgerufen am 05.06.2025).
Marquart, Oliver (2023). Was im Wahlprogramm der AfD zu Glaube, Religion und Kirche steht. Online verfügbar unter www.sonntagsblatt.de/artikel/gesellschaft/was-im-wahlprogramm-der-afd-zu-glaube-religion-und-kirche-steht (abgerufen am 05.06.2025).

