Krisen und gesellschaftliche Ungleichheiten
Gesellschaftliche Krisen sind herausfordernde und bedrohliche Situationen, durch die Ängste und Unsicherheiten geschürt werden. Krisen führen zu neuen und verschärfen bestehende Ungleichheiten, befeuern polarisierte Narrative und beinhalten ein gesteigertes Risiko, dass Menschen und Gruppen aufgrund bestimmter Merkmale – wie Nationalität, Ethnizität, Kultur, Religion, Geschlecht, Sexualität, Behinderung sowie Klasse – diskriminiert werden (della Porta 2020; Zick et al. 2023; Foroutan 2024). In diesem Kontext gewinnen zivilgesellschaftliche Organisationen, die sich mit Vielfaltgestaltung und Antidiskriminierungsarbeit befassen, an Relevanz (Lenhart und Roth 2023) in Bezug auf die Aufrechterhaltung und Weiterentwicklung einer pluralen, postmigrantischen1 Gesellschaft (Howaldt et al. 2019; della Porta 2020; Strachwitz und Hummel 2024). Sie entwickeln mit ihren Projekten neue Wege, um durch Krisen verschärfte Ungleichheiten und Spannungen entgegenzuwirken sowie Rassismus und Diskriminierung in der Gesellschaft zu bekämpfen.
Projekte in der 2. Förderperiode des Bundesprogramms „Demokratie leben!“
Mit dem Bundesprogramm „Demokratie leben!“2 fördert das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ3) zivilgesellschaftliche Projekte, die innovative Ansätze und Methoden zur Demokratieförderung umsetzen4. Das Handlungsfeld Vielfaltgestaltung soll als Experimentierfeld für soziale Innovationen im Bereich Antidiskriminierung und Diversität dienen und das „Zusammenleben in der Einwanderungsgesellschaft“ gestalten (BMFSFJ 2022). In der zweiten Förderperiode (2020–2024) wurden Projekte gefördert, die sich gegen Antisemitismus, antimuslimischen Rassismus, anti-Schwarzen Rassismus sowie Rassismus gegen Sinti*zze und Rom*nja und Queer*feindlichkeit engagierten. Die zweite Förderperiode von „Demokratie leben!“ war von Krisenmomenten geprägt, welche die Arbeit der zivilgesellschaftlichen Organisationen in Deutschland beeinflussten (CIVICUS 2020–2024; Scaramuzzino 2023) und gleichzeitig diese Projekte umso wichtiger machten.
Die Projektarbeit begann kurz nach dem antisemitischen Angriff auf die Synagoge in Halle im Oktober 2019, gefolgt von dem rechtsextremistischen, rassistisch motivierten Anschlag in Hanau im Februar 2020. Diese beiden Ereignisse rückten Rechtsextremismus und Rassismus als Bedrohung für die Demokratie in das Bewusstsein (Foroutan 2020). Wenige Monate nach Projektbeginn stellte die COVID-19-Pandemie in den Jahren 2020–2022 die Zivilgesellschaft vor erhebliche Herausforderungen und führte zu Verschwörungstheorien, Desinformationen und Rechtspopulismus (Stainer-Hämmerle et al. 2023). Während des ersten Jahres der Pandemie häuften sich – zusätzlich zum Anstieg von Antisemitismus – Fälle von antiasiatischem Rassismus (Suda und Köhler 2023). Zudem verstärkte der Tod von George Floyd im Mai 2020 die Präsenz der Black-Lives-Matter-Bewegung auch in Deutschland und rückte die Themen anti-Schwarzer Rassismus und Diskriminierung in den Fokus (Funke 2022). Der durch die Pandemie ausgelöste Digitalisierungsschub barg neben Chancen auch Herausforderungen: Neue potenzielle Gefahren wie der Ausschluss digital benachteiligter Gruppen, Hate Speech und Fake News mussten mitgedacht werden (Weiberg et al. 2024). Der Angriffskrieg Russlands in der Ukraine ab Februar 2022 offenbarte Diskrepanzen in der Behandlung von nicht-weißen5 Geflüchteten im Vergleich zu ukrainisch-weißen Geflüchteten und machte intersektionale6 Dimensionen von Diskriminierung deutlicher (Kubiak und Stjepandic 2022). Zudem wurde in Reaktion auf die Proteste im Iran nach dem Tod von Jina Mahsa Amini im September 2022 („Frauen, Leben, Freiheit“ – „Jin, Jiyan, Azadî“; Amirpur et al. 2025) auch vermehrt die intersektionale Verschränkung von Gender und Religion thematisiert. Seit dem 7. Oktober 2023, dem Angriff der Hamas auf Israel und dem darauffolgenden Krieg in Gaza, ist ein Anstieg von Antisemitismus und antimuslimischem Rassismus in Deutschland zu beobachten (CLAIM 2024; RIAS 2024). Die postmigrantische Gesellschaft wurde durch die Ereignisse strapaziert, teilweise gespalten (Gorelik et al. 2024). Im Januar 2024 zeigte sich zudem, welche Ausmaße der Rechtsruck im Verlauf der Jahre annahm: Eine Recherche von Correctiv (Bensmann et al. 2024) brachte hunderttausende Menschen bei „Demonstrationen gegen rechts“ (Rucht 2024) auf die Straßen und trotzdem wurde die AfD mit ihren rechtspopulistischen Narrativen zweitstärkste Kraft in der Bundestagswahl Anfang 2025.
Soziale Innovationen in einer postmigrantischen Gesellschaft
Krisenzeiten bieten neben Herausforderungen auch Chancen für soziale Innovationen: Sie zwingen Akteur*innen zum Handeln und Entwickeln von Lösungen abseits bekannter Pfade (Brinks und Ibert 2020). Innovation ist ein Buzzword mit begrifflicher Unschärfe, das für Praktiken herangezogen wird, die „Probleme besser lösen und Bedürfnisse besser befriedigen [sollen], als dies mit herkömmlichen Mitteln bisher möglich war. Beispiele sind das Aneignen gendergerechter Sprache oder das Abhalten von Treffen in Online-Videokonferenzen.“ (Richter 2025) Der Prozess sozialer Innovationen beinhaltet die beabsichtigte Entwicklung neuer Ideen und deren Verbreitung (Howaldt und Schwarz 2010). Eine Studie von Millard (2019) unterstreicht die wichtige Rolle sozialer Innovationen bei der Erfüllung der Bedürfnisse aller Menschen und Communitys in einer (Post-)Migrationsgesellschaft. Trotz des Potenzials innovativer Ansätze werfen die fortwährenden Krisen aber die Frage auf, ob punktuelle Projektförderung überhaupt nachhaltigen gesellschaftlichen Wandel bewirken kann (Ohlendorf 2024).
Wir untersuchen, wie die 78 zivilgesellschaftlichen Projekte im Handlungsfeld „Vielfaltgestaltung“ im Bundesprogramm „Demokratie leben!“ 2020–2024 die sich zuspitzenden gesellschaftlichen Herausforderungen innovativ bearbeiteten und wie sie trotz der krisenbehafteten letzten Jahre handlungsfähig blieben.
Forschungsfrage und Methodik
Die Forschung basiert auf einem Mixed-Method-Design über den fünfjährigen Förderzeitraum (Datenerhebungen fanden Januar 2020 bis August 2024 statt).7 Die Daten aus Dokumentenanalysen, jährlichen Interviews und Online-Surveys wurden mit univariaten statistischen Analysen, Fallanalysen, qualitativer Inhaltsanalyse und Typenbildung (nach Kuckartz 2012) ad hoc ausgewertet und trianguliert.
Die Analyse der Projektanträge und Onlinebefragungen unter den Projektkoordinator*innen zeigt: Die Projekte haben – wie per Förderrichtlinie festgelegt (BMFSFJ 2022) – innovativen Charakter. 90 % der Projekte gaben in den Online-Surveys an, dass innovative Ansätze eine zentrale Rolle in der Projektarbeit spielten. Die Evaluation des Programms bestätigt das Potenzial dieser sozialen Innovationen (Karliczek et al. 2025), um flexibel und effektiv gesellschaftliche Herausforderungen zu bearbeiten (Jütz et al. 2023). Wir schauen uns in diesem Beitrag zunächst exemplarisch an, welche innovativen Konzepte und Maßnahmen die Projekte durchführten und welche Ziele sie verfolgten.
Viele zivilgesellschaftliche Projekte zeigten 2020–2024 eine bemerkenswerte Krisenresilienz (siehe Holloway und Manwaring 2022; Peters et al. 2024). Krisenresilienz ergibt sich laut Ueberschär (2020) aus 1.) Bewältigungskapazitäten zur kurzfristigen Überwindung und zum Aushalten unmittelbarer Störungen; 2.) adaptiven Kapazitäten für proaktive, langfristig angelegte Ausrichtung von Strukturen, Prozessen und Verhaltensweisen; 3.) transformativen Kapazitäten, um sich an unvorhersehbare Bedingungen anzupassen und Wandel als Chance zu begreifen. Diese drei Aspekte dienen im zweiten Teil der Empirie zur Einordnung des Umgangs der „Demokratie-leben!“-Projekte mit den Krisen.
Good Practices für Innovationen
Die Projekte entwickelten neue Methoden (33 %), wandten bestehende Ansätze in neuen Kontexten an (27 %), deckten mit bewährten Methoden bisher unerkannte Bedarfe ab (32 %) oder setzten spezifische Community-Ansätze in breiteren Kontexten um (6 %).8 Wir identifizierten vier Bereiche, in denen soziale Innovationen von den „Demokratie leben!“-Projekten verwirklicht wurden:
1) Diskriminierung und Intersektionalität
Durch die pädagogischen Ansätze des Empowerments (56 % der Projekte) und der Sensibilisierung (51 % der Projekte) sollten Diskriminierungsphänomene durch partizipative Ansätze bearbeitet und ein diskriminierungskritisches Verständnis vermittelt werden. Viele Projekte achteten dabei darauf, Mehrfachdiskriminierung einzubeziehen, und griffen aktuelle Geschehnisse wie die Black-Lives-Matter-Bewegung oder die Proteste im Iran auf.
Praxisbeispiele:
- Durch ein Beratungsmobil, in dem Sozialpädagog*innen und Ehrenamtliche Geflüchtetenunterkünfte, Schulen und Jugendeinrichtungen anfuhren, konnten Informationen, Workshopteilnahmen und Anlaufstellen in strukturschwachen Orten ermöglicht werden.
- Mit der Entwicklung von Awareness-Konzepten und einem Gütesiegel für Veranstaltungsorte sollte die Eventbranche zu einem diskriminierungskritischeren Raum gestaltet werden.
- Eine Anlaufstelle für queere Muslim*innen adressierte die Schnittstelle von Religion, Sexualität und Geschlechtsidentität.
2) Verschwörungstheorien, Rechtspopulismus und Erinnerungskultur
Zur Bearbeitung antidemokratischer und rechtspopulistischer Einstellungen wurden innovative (historisch-)politische Bildungsmaßnahmen durchgeführt, die historische Kontinuitäten beleuchteten und Parallelen zwischen aktuellen Geschehnissen und historischen Ereignissen herstellten.
Praxisbeispiele:
- Durch die Verbindung von Gartenarbeit mit historischem Wissen zu jüdischen Gemeinschaften sollte die in ländlichen Räumen häufig von rechts vereinnahmte Erinnerungskultur erlebnispädagogisch aufgebrochen werden.
- Zur Erkennung von Verschwörungsnarrativen wurden mit Schüler*innen Telegram-Chats analysiert.
- Mittels Comics über Rom*nja-Charaktere, die im Zweiten Weltkrieg Widerstand leisteten, konnten komplexe Lebensrealitäten statt Vorurteile vermittelt und neue Identifizierungsmöglichkeiten für junge Rom*nja geschaffen werden.
3) Religion und interreligiöser Dialog
Projekte, die religiöse Diversität und religionsbezogene Diskriminierung adressierten, arbeiteten vorwiegend mit dialogfördernden Begegnungsformaten und Sensibilisierung. Diese Projekte wurden besonders nach dem 7. Oktober 2023 relevant, als einige Projekte zusätzliche Beratungsangebote und Konfliktvermittlung in die Angebote integrierten.
Praxisbeispiele
- Ein interreligiöses Zentrum schuf durch Architektur sowohl real als auch symbolisch einen Raum für interreligiösen Austausch.
- Peer-to-Peer-Programme brachten jüdische und muslimische Jugendliche zusammen und sensibilisierten zu Antisemitismus und antimuslimischem Rassismus.
- Mit einem Planspiel wurde ein spielerischer Zugang zu religiöser Diversität entwickelt. Es konnten zentrale historische Begegnungspunkte zwischen dem Islam und Europa beleuchtet und in Bezug auf die Gegenwart diskutiert werden.
4) Digitalisierung und Medienpräsenz
Die digitale Transformation führte bei mehr als der Hälfte der untersuchten Projekte (54 %) zu innovativen pädagogischen Ansätzen in den digitalen Medien, besonders bei der Produktion neuer Narrative und der Zielgruppenerreichung. Die Pandemie bot unerwartete Chancen in Bezug auf Digitalisierung: Sie zwang die Projekte, aus ihren gewohnten Strukturen herauszutreten und ihre Ziele und Methoden kritisch zu prüfen.
Praxisbeispiele:
- Medienformate wie Filme, Memes, digitale Theaterstücke und Gamification-Ansätze erreichten ein diverses junges Publikum und sollten Vorurteile abbauen.
- Digitale Darstellungsformen, z. B. Comic-Figuren, boten neue Identifikationsmöglichkeiten.
- Ein interaktiver Helpdesk und die Zusammenarbeit mit Medienschaffenden boten Unterstützung und Aufklärung bei Hate Speech und Desinformation.
Krisenresilienz der zivilgesellschaftlichen Projekte
Die Analysen der jährlichen Interviews zeigen, dass das kurzfristige und flexible Überwinden von Krisenmomenten (Bewältigungskapazitäten) für die Projekte eine Herausforderung darstellte. Kontaktbeschränkungen während der Corona-Pandemie führten teilweise zu monatelangem Stillstand und inhaltliche Anpassungen verzögerten die Projektumsetzung. Mit den Krisen gingen außerdem zunehmend Bedrohungen gegen demokratische Strukturen und Akteur*innen einher, die sich für eine plurale Demokratie einsetzen. 70 % der untersuchten Organisationen berichteten in der Onlinebefragung 2024, dass für sie Diskursverschiebungen und Krisen der letzten Jahre ein besorgniserregendes Bild für die demokratische postmigrantische Gesellschaft in Deutschland zeichneten. Rechtsruck sowie Inflation und Sparmaßnahmen seit 2022 führten zu Personalfluktuation, Burn-out und emotionalen Belastungen. Deren Bewältigung (z. B. durch Supervision) benötigte viele Ressourcen und strapazierte die alltägliche Arbeit (siehe auch Sowa et al. 2025 in Druck).
Die Projekte zeigten jedoch bemerkenswerte adaptive Kapazitäten. Sie passten nicht nur ihre Angebote inhaltlich an, sondern bauten Fähigkeiten zur Konfliktlösung und Krisenintervention aus. Sie reagierten mit zusätzlichen Angeboten auf den erhöhten Bedarf an Dialogvermittlung und Beratungsdiensten. Die Stärkung von Communitys wurde zentral: Beispielsweise unterstützte ein Projekt Schwarze Menschen bei der Bewältigung von Stress durch Rassismus, ein anderes sensibilisierte Therapeut*innen zu queeren Themen. Solche Ansätze schützen nicht nur von Diskriminierung betroffene Gruppen, sondern stärken auch deren Fähigkeit, auf zukünftige Herausforderungen zu reagieren.
Das Ausschöpfen transformativer Kapazitäten – das Lernen aus den Krisen und daraus resultierend das langfristige Aufstellen für weitere potenzielle Ereignisse – stellte angesichts der gesellschaftlichen Entwicklungen und der unsicheren Finanzierung von Demokratieförderung eine Herausforderung dar. Millard (2019) stellt fest: Die meisten Akteur*innen in der (Post-)Migrationsgesellschaft handelten eher reaktiv als proaktiv. In unseren Daten zeigt sich dies beispielsweise in Form von Notlösungen, um mit Kontaktbeschränkungen während der Pandemie umzugehen oder spontaner Arbeitsfokusverschiebung in den Bereichen Antisemitismus und antimuslimischer Rassismus nach dem 7. Oktober 2023. Wir stellen fest: Je mehr Krisen zu bewältigen waren, desto weniger Kapazitäten blieben für proaktive, innovative Ansätze, da viele Ressourcen für den Umgang mit Krisenphänomenen und antidemokratischen Tendenzen benötigt wurden (siehe auch Sommer und Ratzmann 2022; Weiberg und Schöll 2025; Sowa et al. 2025 in Druck).
Diskussion
Leider lässt sich nicht sagen, dass die Demokratie in den letzten Jahren stärker geworden ist, Diskriminierung reduziert wurde oder die Diversität in Deutschland anerkannter ist (Zick et al. 2023; Foroutan 2024). Die eingangs beschriebenen Krisen – von Hanau über die Corona-Pandemie bis zum 07. Oktober 2023 – hatten Auswirkungen auf die Gesamtgesellschaft und spezifisch auf die postmigrantische Zivilgesellschaft. Antidemokratische, antipluralistische Tendenzen schränken den Handlungsspielraum von zivilgesellschaftlichen Organisationen ein und zwingen sie dazu, ihre Räume zu verteidigen (shrinking und contested space; Hummel 2020; Strachwitz und Hummel 2024), um ihre Angebote überhaupt aufrechterhalten zu können.
Vor diesem Hintergrund zeigt die Analyse der 78 zivilgesellschaftlichen Projekte im Handlungsfeld „Vielfaltgestaltung“: Die Organisationen begegneten mit innovativen Ansätzen den gesellschaftlichen Herausforderungen einer postmigrantischen Gesellschaft. Neben digitalen Formaten entwickelten sie Ansätze für die Antidiskriminierungsarbeit und passten ihre Angebote auch an neue Formen von Diskriminierung an, die durch Krisen auftraten oder sich verstärkten. Krisen stellten dabei die Bewältigungskapazitäten der Organisationen auf die Probe, brachten aber viele innovative, erfolgreiche Adaptionen zum Tragen. Trotz der krisenbehafteten Projektlaufzeit berichteten Projektmitarbeitende von wirkungsvollen Maßnahmen, Veränderungen bei den Zielgruppen und erfolgreicher Projektumsetzung (vgl. Weiberg et al. 2025; Greuel et al. 2025 in Druck). Jedoch fehlten strukturelle Rahmenbedingungen, um diese Innovationen nachhaltig in transformative Kapazitäten über das Feld hinaus zu überführen (Weiberg und Kleist 2022), denn wie Ohlendorf (2024) formuliert: „Aufgabe des Demokratieerhalts liegt nicht nur bei der prekär finanzierten Zivilgesellschaft. Nötig ist eine breite, langfristige Kraftanstrengung von demokratischen Parteien, Institutionen, Gewerkschaften und Bürger*innen, um neue Wege zu beschreiten und Bewährtes fortzusetzen.“ Das Problem der öffentlichen und privaten Demokratieförderung liege laut Ohlendorf (2024) in ihrer Struktur, denn der Innovationsdruck und die neoliberale Logik setzten auf schnelle Ergebnisse statt langfristigen Veränderungen und Transformationen: So „hangeln sich viele Träger mühsam von einer Förderung zur nächsten“.
Fazit
Zurückkommend auf unsere Ausgangsfrage, wie die Projekte gesellschaftliche Herausforderungen innovativ bearbeiteten und trotz krisenbehafteter Jahre handlungsfähig blieben, zeigen die Ergebnisse: Der Innovationscharakter im Förderprogramm „Demokratie leben!“ führte einerseits zu neuen Ansätzen und Ideen, andererseits mangelt es an institutionellen Fördermodellen oder Strukturen, um ebendiese Ideen dauerhaft umzusetzen und transformative Wirkung zu entfalten. Wie also kann die Zivilgesellschaft geschützt und gestärkt werden, um ihre Arbeit trotz globaler Krisen und steigender Bedrohungslagen aufrechtzuerhalten? Einerseits sollte sich Zivilgesellschaft auf Netzwerkbildung fokussieren und sich bestmöglich vor Angriffen und politischen Unsicherheiten schützen (vgl. Sowa et al. 2025 in Druck). Andererseits bedarf es politischer Entscheidungsträger*innen, die für die vielfaltgestaltende Zivilgesellschaft und deren Förderung einstehen (vgl. Weiberg und Schöll 2025), den Stimmen aus der postmigrantischen Zivilgesellschaft Gehör schenken und dem Erstarken antidemokratischer und rechtspopulistischer Kräfte entgegentreten.
1 Postmigrantisch beschreibt Gesellschaften, in denen Migration nicht als zeitlich begrenztes Phänomen, sondern als dauerhafte Realität verstanden wird. Eine zunehmende Migrationsfeindlichkeit beschreibt in diesem Zusammenhang nicht nur Unzufriedenheit mit Zuwanderung. Sie geht mit dem Erstarken rechter Bewegungen einher und stellt grundsätzliche emanzipatorische Errungenschaften wie Gleichberechtigung und Gleichstellung von Minderheiten infrage (Foroutan 2024).
2 https://www.demokratie-leben.de/.
3 Seit 2025 Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ).
4 Liste aller über „Demokratie leben!“ (2020-2024) geförderten Projekte und Fördervolumen abrufbar unter: https://www.demokratie-leben.de/resource/blob/255816/ba255c9eb4df3cb541888928c4df572f/fp2-projekte-modellprojekte-data.pdf.
5 Wir schreiben weiß klein und kursiv, um hervorzuheben, dass es sich nicht um die „Hautfarbe“ handelt, sondern um eine soziale Position, die Privilegien und Macht mit sich bringt (Ogette 2021).
6 Intersektionalität (Crenshaw 1989) beschreibt das gleichzeitige Wirken mehrerer Diskriminierungsformen und dass Personen aufgrund mehrerer Merkmale Diskriminierung erfahren, z. B. Herkunft und sexuelle Orientierung, die sich gegenseitig beeinflussen (Winker und Degele 2009).
7 Die Daten wurden im Rahmen der durch das BMFSFJ geförderten Evaluation der Modellprojekte im Handlungsfeld Vielfaltgestaltung durch die Fachgruppe „Demokratieförderung und demokratische Praxis“ des DeZIM-Instituts Berlin erhoben. Die Veröffentlichung stellt keine Meinungsäußerung des BMFSFJ oder des BAFzA dar. Für inhaltliche Aussagen tragen die Autor*innen die Verantwortung.
8 Laut Kompetenzzentrum Soziale Innovation Sachsen-Anhalt (Böttcher et al. 2022) gilt es auch als innovativ, wenn sich ein Ansatz anderswo bewährt hat und dieser in neuen Kontexten angewendet wird.
Anja Schöll ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM-Institut). Nach ihrem Studium der Psychologie an der Universität Regensburg und Universität Potsdam sowie der soziokulturellen Studien an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) arbeitet sie aktuell am DeZIM-Institut zu Antidiskriminierung, Demokratieförderung und Bedrohungen der Zivilgesellschaft und beforscht den Einfluss von Stereotypen und Emotionen auf diskriminierendes Verhalten.
Lisa Schmit ist als studentische Mitarbeiterin in der Fachgruppe „Demokratieförderung und demokratische Praxis“ am Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM-Institut) an der Evaluation der Modellprojekte im Handlungsfeld Vielfaltgestaltung beteiligt. Sie hat ein Studium der Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien abgeschlossen und studiert derzeit soziokulturelle Studien an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder).
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