How to kick them out? Zivilgesellschaftliche Strategien im Kampf gegen extrem rechte Immobilien


Der Beitrag problematisiert fehlende Strategiediskurse zivilgesellschaftlicher Akteur*innen am Beispiel ihres Engagements gegen extrem rechte Immobilien. Zu Beginn erfolgt eine Analyse der Bedeutung extrem rechter Immobilien für die Szene. Dazu wird deren Bedeutung als Ziel zivilgesellschaftlicher Gegenstrategien herausgearbeitet sowie eine Unterscheidung zwischen Immobilien der extremen Rechten und extrem rechten Immobilien formuliert. Unter der These, dass Taktiken der Praxis anhand ihrer Wirk- und Ziellogiken analysiert werden müssen, folgt eine Darstellung der empirisch erhobenen Taktiken. Die Kalkulationen hinter den Taktiken ‚Recherche- und Öffentlichkeitsarbeit‘, ‚Demonstrationen und Kundgebungen‘ sowie ‚Militanz und Gewalt‘ werden dazu formuliert. Die Wirkmechanismen dieser Taktiken zusammenfassend wird anschließend die Unterscheidung zwischen konstruktiven und destruktiven Ziellogiken etabliert. Abschließend werden drei abstrahierende Überlegungen formuliert, die zu einer allgemeinen Strategiebildung ansetzen.


 

Empfohlene Zitierung:

Zahn, Sebastian (2025). How to kick them out? Zivilgesellschaftliche Strategien im Kampf gegen extrem rechte Immobilien. In: Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (Hg.). Wissen schafft Demokratie. Schwerpunkt Uncivil Society – „Schattenseiten“ der Zivilgesellschaft, Band 17. Jena, 212–223.

Schlagwörter:

Extrem rechte Immobilien, Strategietheorie, Zivilgesellschaft, Raumkampf, Diskussion

 

Einleitung

Mit dem bundesweiten Erstarken der AfD werden innerhalb der rechten Szene Forderungen nach Investitionen in Strukturprojekte laut (siehe Benyoucef 2023; siehe auch Ein Prozent 2023). Für die Professionalisierung der eigenen Strukturen und die Stärkung des rechten politischen Lagers sollen langfristig vor allem Immobilien für die Szene erschlossen werden. Entsteht eine solche Immobilie, sehen sich zivilgesellschaftliche Akteur*innen mit einer herausfordernden Situation konfrontiert und stellen sich die Frage: How to kick them out – wie kriegen wir die Nazis da wieder raus? In der daran anknüpfenden Arbeit müssen sie herausfinden, welche Handlungen geeignet sind, dieses Ziel zu erreichen. Getrieben von der Tagespolitik und chronisch knappen Ressourcen sind gerade diese zivilgesellschaftlichen Praktiker*innen in besonderer Weise auf sich allein gestellt. Im Hinblick auf Strategiefragen ist jede*r von ihnen notwendigerweise „allein, jeder ein Bastler, jeder ein Geheimniskrämer“ (Raschke und Tils 2013, 13). Dieser „sich selbst aufklärenden Praxis gegenüber“ stehe, den beiden Politologen Joachim Raschke und Ralf Tils zufolge, eine Politikwissenschaft, die wenig bis keine Erkenntnisse zur Strategietheorie beitrage (siehe Raschke und Tils 2013, 13). Gelingt es den Praktiker*innen dennoch, eine Strategie zu entwerfen und umzusetzen, schaffen sie es sogar, ihr Ziel zu erreichen, gehen ihre Erfahrungswerte und erarbeiteten Wissensbestände anschließend verloren, wenn keine systematische Sicherung und Weitergabe des Know-hows stattfinden. Ein unhaltbarer Zustand in Anbetracht der Tatsache, wie viel zivilgesellschaftliche Akteur*innen in diesem Arbeitsfeld voneinander zu lernen haben. Immer wieder gibt es positive Botschaften aus Orten und Städten, in denen zivilgesellschaftliches Engagement zum Erfolg führte. Woran es fehlt, so mein grundlegender Befund: das Bestreben, bestehendes Wissen zusammenzuführen und die Akteur*innen in einen übergreifenden Diskurs zu bringen.

Der folgende Text fußt auf drei Einzel- und acht Gruppeninterviews mit zivilgesellschaftlichen Akteur*innen bezüglich ihres Engagements gegen eine oder mehrere extrem rechte Immobilien. Ziel der sich daran anschließenden Analyse liegt in einer reflexiven Rekonstruktion des „Betriebswissens“ (Meuser und Nagel 1991, 446) im Sinne eines deutenden Verstehens nach Max Weber (2014). Mittels der dokumentarischen Methode wurde das Material dazu auf Wissensbestände im Kontext der Gruppenerfahrungen (siehe Bohnsack 2022) untersucht und mithilfe der politischen Strategieanalyse nach Raschke und Tils analysiert.

Der vorliegende Text fasst maßgebliche Ergebnisse aus dieser Studie zusammen. Zunächst werden Erkenntnisse über extrem rechte Immobilien an sich dargestellt. Daran anknüpfend werden Mittel aus der zivilgesellschaftlichen Praxis erläutert, um abschließend das praktische Wissen mit strategietheoretischen Überlegungen zusammenzuführen.

Extrem rechte Immobilien als Kern lokaler Raumkampfstrategien

Welche Bedeutung und welchen Nutzen erfüllen extrem rechte Immobilien für die Szene konkret? Erst auf Grundlage dieser Frage wird nachvollziehbar, warum auf diese Kämpfe nach hier vertretener Meinung ein besonderer Fokus gelegt werden sollte und wie dazugehörige Strategien zielorientiert diskutiert werden können. Immobilien spielen für die extrem rechte Szene eine maßgebliche Rolle. Nicht erst die AfD und die Neue Rechte haben das erkannt und zu einem strategischen Ziel erhoben. Bereits 1979 wird die Immobilie „Hetendorf 13“ als Zentrum der Szene bekannt. Hier werden Kaderschulungen, Wehrsportübungen, Propagandaveranstaltungen und Brauchtumspflege durchgeführt. Das Gelände wird regelmäßig von martialisch auftretenden Personen bewacht und gilt in der Szene als „legendär [und ist] der Inbegriff für ein funktional arbeitendes, nationales Zentrum“ (Röpke 2009, 248). Spätestens 1990 erreicht der Raumkampf auch den szeneinternen Strategiediskurs. In verschiedenen Magazinen entsteht eine Debatte, die das Erkämpfen „National Befreiter Zonen“ in den Mittelpunkt stellt. Im Laufe diverser darauf Bezug nehmender Beiträge formieren sich Vorstellungen dazu, wie Straßenzüge, Kieze und Dörfer von Nationalist*innen militant vereinnahmt werden sollen. Erklärtes Ziel ist es, dass der Staat an Einfluss verliert, politische Gegner*innen vertrieben werden und die Nationalist*innen das Zusammenleben vor Ort nach ihrer Ideologie zu formen in der Lage sind (siehe Einheit und Kampf 1990, 52 f.; siehe Vorderste Front 1991, 4–7). Arbeiten wie die von Uta Döring zu sogenannten Angstzonen (2008) thematisieren die Dynamiken, Aktionen und Reaktionen sowie konkrete Aneignungsstrategien extrem Rechter im öffentlichen Raum, die in Verbindung mit der Idee stehen, Zonen national zu befreien. Wissenschaftliche Beschäftigungen mit den Immobilien, die durch die Szene genutzt werden und nicht selten im Zentrum solcher Raumaneignungsstrategien stehen, fehlen hingegen. Dieser Umstand überrascht in zweierlei Hinsicht, spielen diese einerseits eine ganz selbstverständliche Rolle innerhalb der rechten Diskurse. Andererseits beschäftigt sich die antifaschistische Bewegung in ihren praxisnahen Publikationsorganen sehr konkret mit Immobilien der Szene (siehe der rechte rand 2019). In einem Artikel thematisieren die Wissenschaftler*innen Kati Becker und Yves Müller 2013 eine Nazikneipe, die sie mit einem vergleichenden Blick auf die historischen Sturmlokale der SA untersuchen. Dadurch rücken zwei maßgebliche Funktionen dieser in den Fokus. Zum einen extrem rechte Immobilien als „Vorposten im Bürgerkrieg“ (Longerich 2003, 127) oder auch „Vorreiterhäuser“ (T2)1 und zum anderen als „Ersatzzuhause“ (Longerich 2003, 127) bzw. „Rückzugsorte“ (T2) für die extrem rechte Szene. Diese Wahrnehmung deckt sich mit den Beobachtungen aus dem Material. Die Immobilien dienen als Ausgangsorte für eine expansive Strategie der Raumergreifung, die militant und gewalttätig funktioniert – oder indem versucht wird, soziale Rollen in einer Gesellschaft zu übernehmen und sich unersetzbar zu machen. Andererseits werden hier soziale wie materielle Ressourcen rehabilitiert und reproduziert – die Immobilie dient als Anlaufpunkt für den Nachwuchs und altgediente Kader. Bei Konzerten und Schulungen, Kneipenabenden und Kulturveranstaltungen wird der innere Zusammenhalt gestärkt.

Um den Begriff der extrem rechten Immobilie auf eine Definition zu bringen, sollte zwischen extrem rechten Immobilien und Immobilien der extremen Rechten unterschieden werden. Immobilien der extremen Rechten umfassen Gebäude ebenso wie unbebaute Grundstücke jedweder Art, die Einzelpersonen und Strukturen zur Verfügung stehen, die der extremen Rechten zuzuordnen sind. Diese grundsätzliche Zugänglichkeit macht sie allerdings nicht automatisch zu extrem rechten Immobilien. Über die einfache Zugänglichkeit hinaus sind extrem rechten Immobilien in die zielgerichtete und mittel- wie unmittelbare Umsetzung der politischen Ziele eingebunden. Sie sind Mittel und Ressource innerhalb strategischer Kalkulationen extrem rechter Akteur*innen. Die Doppelfunktion extrem rechter Immobilien, nach innen stabilisierend zu wirken und nach außen Besitzansprüche auf ein Gebiet zu manifestieren, macht diese zum Mittelpunkt extrem rechter Raumkämpfe. Strategien, die gezielt darauf hinarbeiten, diese Immobilien und ihre Betreiber*innen unter Druck zu setzen, nehmen die Möglichkeit ernst, die extrem rechte Handlungsfähigkeit im Kern zu behindern und der Szene nachhaltig zu schaden.

Gegenstrategien müssen sich an den gegnerischen Strategien orientieren

Innerhalb der Interviews kristallisiert sich eine Bandbreite an taktischen Mitteln heraus, mit denen der Betrieb extrem rechter Immobilien zielorientiert eingeschränkt werden kann. Als weitverbreitete Taktik wird zunächst Recherche- und Öffentlichkeitsarbeit genannt. Recherchen über die gegnerischen Akteur*innen und Strukturen, ihre Ziele, Mittel und Schwachstellen sind die Grundlage für eine zielgerichtete Strategie, weil „die Mittel, welche sich lohnen, [...] sehr kaderabhängig bei den Nazis [sind]. [Je nachdem] wen es treffen soll“ (T2), müssen andere Ziele und Taktiken angewandt werden. Beispielsweise brauche man „Leute, die seit 10 Jahren dabei sind [...] eben nicht outen. Jeder weiß, dass sie Nazi sind, die tragen das offen zur Schau. Das wäre vergebene Liebesmühe [...]. Bei jungen Leuten [und auch Personen, die ein gemäßigtes Image pflegen] ist es das“ (T2), was vielleicht Wirkung zeigt. Bei Immobilien gilt: Wenn der Zweck darin besteht, interne und geheime Veranstaltungen sicher abzuhalten, untergraben Recherche- und Öffentlichkeitsarbeit diesen Zweck. Soll die Immobilie hingegen für öffentliche Veranstaltungen genutzt werden und den Erstkontakt zur Szene erleichtern, liegt der Fokus darauf, den Zugang zu erschweren. All diesen Überlegungen ist zuträglich, dass sich extrem Rechte massiv davon gestört fühlen, wenn „da plötzlich so eine Öffentlichkeit ist, weil das wollen sie auf alle Fälle nicht, dass da wer guckt und diese Zusammenhänge aufhellen kann“ (T8). Durch das Dokumentieren von Veranstaltungen und Teilnehmenden, das investigative Recherchieren von Informationen sowie das gezielte Aufdecken von Strukturen und Zusammenhängen soll der Nutzen der Immobilie konkret eingeschränkt werden. Im Hinblick auf Ermittlungs- und Strafverfolgungsbehörden versucht Recherche- und Öffentlichkeitsarbeit, das Legalitätsprinzip zu triggern. Werden strafrechtlich relevante Informationen publiziert, wird auch damit gerechnet, dass Behörden beginnen, von Amts wegen zu ermitteln. Darüber hinaus sollen wirtschaftliche Akteur*innen durch das Bereitstellen von Informationen zunehmend zu einer Positionierung gedrängt werden. Ergeben zum Beispiel Recherchen, dass die Immobilienbetreiber*innen Veranstaltungstechnik von Firmen leihen, durch Konzerne unterstützt oder von Getränkelieferant*innen versorgt werden, kann das Darlegen der Zusammenhänge bewirken, dass die Unterstützung aufgekündigt wird, wie ein Aktivist anekdotisch belegt:

„Wir haben damals einen Zaun gesetzt, und für die Zaunsetzung habe ich ein Bohrgerät gemietet [...] und da musst du den Ort angeben. [...] Da wurde der [Mitarbeiter der Ausleihfirma] auf einmal ganz merkwürdig und sagte: [...] Wir haben hier vermerkt, wenn Dinge bautechnischer Art [angefragt werden] [...] haben die einen Sperrvermerk. Das geht nicht nach [Ortsname]. [...] Damals habe ich natürlich unser Bündnis Visitenkärtchen ausgepackt [und erklärt:] Wir sind die anderen. Ich habe dann gedacht, okay, das funktioniert, weil der Druck da war, weil es ja wirklich damals öffentlich geworden war, woher der ganze Scheiß kommt.“ (T4)

Weitere strategische Überlegungen spannen sich rund um die Taktik der Demonstrationen und Kundgebungen. Finden Treffen innerhalb der Immobilie statt, werden Gegenproteste angemeldet, um Recherchearbeit zu ermöglichen, ein öffentlichkeitswirksames Zeichen zu setzen und den Betrieb der Immobilie handfest zu stören. Hervorzuheben sind in diesem Kontext zwei Ausformungen des Gegenprotests. Sowohl der „Catwalk“ (T4) als auch der „Spießrutenlauf“ (T10) leben von der Prämisse, dass der Zuweg zur Immobilie so gestaltet werden kann, dass die Besucher*innen der extrem rechten Veranstaltung notgedrungen an den Gegenprotesten vorbeigeführt werden müssen. Der Catwalk stellt das erzwungene Schaulaufen vor Journalist*innen in den Vordergrund, während der Spießrutenlauf den unangenehmen Kontakt mit dem Gegenprotest betont. Durch das Schaulaufen erhöht sich die individuelle Gefahr, dass Besucher*innen der Immobilie erkannt werden und dadurch Nachteile im Alltag erfahren. Der Spießrutenlauf, dessen Bezeichnung auf eine militärische Körperstrafe rekurriert, stellt die unangenehme Interaktion zwischen extrem Rechten und Gegendemonstrierenden dar. Während die Gegendemonstrierenden in der gesamten Masse vor Ort sind, treffen die Besucher*innen der Immobilie in der Regel nacheinander ein und sind somit kurzfristig in Unterzahl den Unmutsbekundungen der Gegenseite ausgesetzt. Aus ihren Erfahrungen dazu berichtet eine Aktivistin:

„Aus Sicherheitsgründen hat die Polizei alles abgesperrt und die [Nazis] mussten sozusagen an uns vorbei, [...] um auf ihre [Veranstaltung] zu kommen, und dann hat die Polizei so Schranken sozusagen eingebaut [...] und dann haben sie gewartet, bis so [...] fünf, sechs Leute zusammen waren von denen, und dann haben sie die im Pulk durchgelassen, was aber dazu führte, dass die länger bei uns gestanden haben, und wir haben dann so ein Lach-Video ablaufen lassen, und haben die ausgelacht, und die standen vor uns, und die kamen nicht weiter. [...] [Ein besonders junger Teilnehmer musste] bestimmt 20 Minuten alleine dort [warten]. [...] Und er stand da direkt vor uns, wo ich dann auch irgendwann gesagt habe, jetzt hört mal auf, den armen Kerl auszulachen.“ (T4)

Als Konsequenz dieser Situation wird spekuliert, dass man „glaube, der ist nie wiedergekommen, der ist wahrscheinlich konvertiert“ (T4). Die beiden potenziell hochgradig unangenehmen Situationen erhöhen den sozialen Druck. Für die Betreiber*innen der Immobilie bedeutet dies eine Erhöhung der Kosten, wenn sie beispielsweise versuchen, die Teilnehmenden vor Recherche und Gegenprotest durch Bauzäune, Sicherheitsvorkehrungen und Fahrdienste abzuschirmen. Oder der Zweck der Immobilie leidet, weil diese nicht als Rückzugsort für öffentlichkeitsscheue Sympathisant*innen genutzt werden kann.

„[Besonders neue] Menschen, die versuchen anzudocken und sich [zu] informieren, um in die Szene näher einzutauchen[, s]olchen Menschen ist es wahrscheinlich unangenehm und zumindest will man da den Zustrom abriegeln. Das heißt quasi, dass wir den Zulauf beim harten Kern belassen, den wir sowieso nicht bekehren können und für die anderen praktisch die Einstiegshürde dann doch ausreichend weit nach oben setzen.“ (T10)
Wenn die Verbindung zur Immobilie erst zu einer Art „Stempel wird, wenn man mit der in Kontakt gebracht wird, hat man einen schlechteren Stand im [Ort, dann ist]] [...] diese Immobilie als solche für [...] die Partei wertlos [...], weil sie außer als Treffpunkt für Leute, die eh schon in der Partei sind, nichts nützt“ (T11).

Als drittes taktisches Mittel finden sich im Material Erläuterungen militanter und gewalttätiger Handlungsoptionen. Verstanden wird Gewalt in diesem Kontext, einem gewaltsoziologischen Ansatz folgend, als „absichtsvolle Verletzung von Körpern gegen Widerstand“ (Koloma Beck und Schlichte 2020, 36), also Körperverletzung. Militante Mittel hingegen stellen Formen der Sachbeschädigung sowie der Androhung und Bezugnahme auf mögliche Gewalthandlungen dar. Beide Mittel spielen in den Interviews eine untergeordnete Rolle und werden nie als eigene Taktik oder Strategie beschrieben, sondern fungieren immer in Verbindung mit anderen Mitteln. Nur in einem Interview thematisieren Aktivist*innen überhaupt, dass Gewalt eine Handlungsoption ihrer Gruppe darstelle. Die Kalkulation militanter Aktionen in Form von Sachbeschädigung inkludiert einerseits einen manifesten Effekt, indem der Betrieb der Immobilie durch materiellen Schaden verzögert, behindert oder verunmöglicht werden soll. Darüber hinaus ist ein kommunikativer Effekt angelegt, der die Immobilie und ihre Betreiber*innen durch zerstörte Scheiben oder widerrechtlich eingefärbte Fassaden optisch und öffentlichkeitswirksam problematisiert. Die Message ist klar: Die Immobilie und ihre Akteur*innen sind hier unerwünscht, ihre Präsenz soll auch optisch nicht normal erscheinen. Gewalthandlungen werden im Gegensatz zu proaktiver Militanz als grundsätzlich reaktive Handlung beschrieben – als notwendiges Übel, um sich gegen extrem rechte Gewalt zur Wehr zu setzen. Die im Material konkret benannten Ziele dieser Gewalt reichen vom Selbsterhalt und der Verteidigung Dritter bis hin zur gewaltförmigen Selbstermächtigung, um die Gegenüber direkt zu bekämpfen. Extrem Rechte sollen „Zurückdrängung und Bestrafung“ (Schuhmacher 2015, 181) erfahren; darüber hinaus ist ein kommunikativer Effekt auf Dritte inkludiert. Einerseits die Botschaft an mögliche Verbündete: Wir lassen euch mit dieser Gefahr nicht alleine. Andererseits an potenziell gewalttätige Rechte: Sich mit uns anzulegen, ist gefährlich für euch.

Quer zu den beschriebenen taktischen Mustern lassen sich zwei grundsätzliche Ziellogiken identifizieren. Die destruktive Ziellogik nimmt konkret die gegnerische Strategie und die Akteur*innen in den Fokus, identifiziert Schwach- und Sollbruchstellen und versucht destruktiv auf diese einzuwirken. Ihr Ziel ist es, die Gegner*innen und ihre Strategien direkt zu bekämpfen und damit direkt gegen die Immobilie und ihre Akteur*innen zu arbeiten. Die konstruktive Ziellogik hingegen zielt darauf ab, einen Kampf um die Gesellschaft zu führen. Die dahinterstehende Überlegung versucht die Gesellschaft rund um eine extrem rechte Immobilie so zu beeinflussen, dass diese Resilienzen gegenüber extrem rechten Einflussnahmen entwickelt. Die daraus resultierende Isolation der Akteur*innen soll langfristig ein Ausbluten der extrem rechten Immobilie bewirken. Beide Ziellogiken sind in der Praxis selten voneinander zu trennen. In den verschiedenen Mitteln und Taktiken gehen sie miteinander einher, unterstützen sich gegenseitig oder laufen sich zuwider. Typisch destruktiv ist beispielsweise der abschreckende Effekt von Recherche- und Öffentlichkeitsarbeit auf potenzielle Besucher*innen der Immobilie; typisch konstruktiv ist ein Wirkmechanismus, welcher dazu beiträgt, die Wirtschaft zu einer Positionierung zu drängen. Um es auf eine Formel zu bringen: Eine Strategie ist dann erfolgversprechend, wenn sie die Ziele und Strategien der Immobilie und ihrer Akteur*innen kennt und diesen mit geeigneten Mitteln entgegenwirkt.

Fazit

Um übergreifende Strategien zu diskutieren, ist es wichtig, von Fallbeispielen zu allgemeineren Überlegungen zu gelangen. Die erste Überlegung besteht darin, die Kosten des Betriebs einer extrem rechten Immobilie zu maximieren und gleichzeitig ihren Nutzen zu minimieren – ausgehend von der Erkenntnis, extrem rechte Immobilien als Ressource innerhalb extrem rechter Raumkampfstrategien zu denken. Mit dem Betrieb einer Immobilie fallen Kosten an; sowohl materielle für den Erwerb (Kauf oder Miete), für den Erhalt (Renovierungs- und Instandhaltungskosten) und den Einkauf von Getränken und z. B. technischem Equipment. Außerdem entstehen soziale Kosten, vor allem in Form von Engagement, welches aufgewendet werden muss, um den Immobilienbetrieb zu beleben. Veranstaltungen müssen organisiert, ein Programm geplant und das Publikum motiviert werden. Dem gegenüber steht ein erwarteter Nutzen, die Immobilie beispielsweise als Ort klandestiner Treffen zu nutzen, öffentlichkeitswirksame Veranstaltungen durchführen zu können, ungestörte Kaderausbildung zu betreiben oder Geld zu erwirtschaften. Bleiben geheime Treffen aber nicht geheim, müssen kostenintensive Veranstaltungen kurzfristig abgesagt werden oder wird der nette Barabend immer öfter zu einem Spießrutenlauf, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass das System der Immobilie auf Dauer in sich zusammenfällt. Wenn eine Gegenstrategie dazu führt, dass extrem rechte Akteur*innen glauben, die Kosten übersteigen dauerhaft den Nutzen einer Immobilie, dann nimmt die Bereitschaft ab, diese zu erhalten.

Mit einem Blick auf die materiellen wie sozialen Grundlagen der Immobilie argumentiert die zweite Kalkulation für einen strategischen Fokus auf die soziale Ebene. In den Interviews wird klar, wieso. Dort stellt ein Großteil der Aktivist*innen unabhängig voneinander fest, dass eine Immobilie erst dann als erfolgreich bekämpft gelten kann,

„[...] wenn das Ding ersatzlos gestrichen wird [...]. Wenn die jetzt quasi woanders ein Zentrum suchen und dann halt von uns woanders hingehen, ist ja das Problem nicht weg, sondern nur woanders.“ (T 10)
Um dieses Ziel zu erreichen, ist es notwendig, die soziale Struktur hinter der Immobilie zu fokussieren. Bricht dieses Gefüge zusammen, sinkt die Wahrscheinlichkeit einer Verlagerung des Problems massiv. Findet eine reine Fokussierung auf die materielle Ebene statt oder wird die destruktive Arbeit zugunsten der konstruktiven Isolation der Immobilie vergessen, ist es ein Leichtes für die Akteur*innen, sich mit bestehenden Mitteln und aus einer funktionierenden Struktur heraus eine neue Immobilie aufzubauen.

Die dritte Überlegung nimmt das lokale Umfeld, das Dorf, die Stadt, dort aktive Vereine, Unternehmen, Einzelpersonen etc. in den Blick und erklärt deren Einbezug in das Engagement gegen die extrem rechte Immobilie zu einem maßgeblichen Element einer zivilgesellschaftlichen Strategie gegen extrem rechte Immobilien. Ich gehe davon aus, dass die Zivilgesellschaft den Nachteil hat, dass sie keine direkten Hebel in Hinblick auf den Betrieb der Immobilie hat. Alle beschriebenen Taktiken spielen über Bande; sie isolieren die extrem Rechten, drängen Behörden und wirtschaftliche Akteur*innen dazu, gegen diese vorzugehen und sie streben danach, die Betreiber*innen selbst dazu zu bewegen, aufzugeben. Der Zivilgesellschaft selbst fehlen Kompetenzen, die notwendig sind, um die Immobilie direkt zu schließen. Was die Zivilgesellschaft allerdings besitzt, sind naturgemäße Verflechtungen mit allen Teilen der Gesellschaft. So sind alle Menschen, die die Zivilgesellschaft bilden, auch Teil der Wirtschaft, haben Freund*innen, Bekanntschaften, persönliche wie geschäftliche Beziehungen, sind in der Politik tätig und pflegen Verbindungen innerhalb der Gesellschaft. Die Zivilgesellschaft hat damit einen indirekten Einfluss auf alles und nichts. In dieser Eigenschaft liegt meiner Ansicht nach eine strategische Ressource, die es unbedingt zu nutzen gilt. Schafft es eine Strategie, andere Akteur*innen im Umfeld zu aktivieren, zeichnet sich eine erfolgreiche konstruktive Logik ab: Je mehr Menschen und Strukturen beginnen, gegen die Immobilie mobil zu machen, an Veranstaltungen teilzunehmen, Abschreckungs- und Isolationseffekte zu verstärken und potenzielle wie manifeste Gefahren zu erhöhen, umso mehr steigen die Kosten des Betriebs und minimiert sich der Nutzen einer extrem rechten Immobilie.

 

1    Im Folgenden werden Zitate aus dem Interviewmaterial mit einem „T“ und der Zahl des Interviews abgekürzt.

 


Sebastian Zahn hat Sozialwissenschaften an der Universität Siegen studiert. Seine Masterarbeit trägt den Titel „How to kick them out. Eine empirisch fundierte Analyse zivilgesellschaftlicher Strategien gegen extrem rechte Immobilien“ und bildet die Grundlage des vorliegenden Beitrags. Seit 2016 arbeitet er in der Westerwälder Organisation DEMOS e. V. zur und gegen die lokale extreme Rechte. Zwischen 2019 und 2024 führte das Engagement des Vereins zur Schließung der extrem rechten und AfD-nahen Immobilie „Fassfabrik Hachenburg“. Seine Interessenschwerpunkte: Ideologien und Strategien der extremen Rechten sowie antifaschistische Gegenwehr.


 

Literaturverzeichnis

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Extrem rechte Quellen

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