Einleitung: Die anhaltende Gefahr von Desinformation
2024 war ein Jahr der Entscheidungen – und der Verunsicherung. In mehr als 70 Ländern weltweit wurde gewählt, darunter in bevölkerungsreichen Demokratien wie Indien, der USA und Europäischen Union sowie in mehreren Bundesländern in Deutschland. Es war das größte globale Wahljahr der Geschichte – und zugleich ein Jahr, das die Verwundbarkeit demokratischer Öffentlichkeiten deutlich machte. Noch nie war es so einfach, mit gezielten Desinformationen Millionen Menschen zu erreichen. Noch nie war es so schwer, Wahrheit von Täuschung zu unterscheiden. Und noch nie war die Debatte darüber so laut, wie man mit dieser Herausforderung umgehen soll.
Im Kern steht dabei die absichtliche Täuschung, denn Desinformationen (absichtliche Falschinformation) sind nicht lediglich Irrtümer oder versehentliche Unschärfen (Misinformation/Fehlinformation), sondern werden gezielt verbreitet, um Schaden zu verursachen. Wobei auch wahre Informationen zur Schädigung eingesetzt werden können (Malinformation/Schadinformation) (Wardle und Derakhshan 2017). Jedoch untergräbt die Täuschung oder der Verdacht der Täuschung das Fundament einer demokratischen Öffentlichkeit: Die Wahrhaftigkeit.
Offene Gesellschaften leben von Vertrauen: in Medien, Wissenschaft, Institutionen – und in die Fähigkeit, gemeinsam geteilte Wirklichkeit herzustellen. Dieses Vertrauen geht zunehmend verloren. Desinformationskampagnen treffen auf digitale Öffentlichkeiten. Dort zählen weniger journalistische Relevanzkriterien, sondern vor allem die Logik der Algorithmen. Was „funktioniert“, wird belohnt – nicht notwendigerweise, was stimmt. Soziale Medien und Messengerdienste schaffen damit nicht nur Zugang zu Informationen, sondern auch deren Verzerrung. Das hat Folgen: für die Meinungsbildung, für die Polarisierung politischer Lager – und letztlich für den demokratischen Diskurs selbst.
Bereits im Vorfeld des Superwahljahres 2024 warnte der Globale Risikobericht des Weltwirtschaftsforums eindringlich: Desinformation sei eines der gravierendsten globalen Risiken – vergleichbar mit der Klimakrise oder geopolitischer Instabilität (WEF 2024), diese Brisanz wurde im Folgebericht erneut unterstrichen (WEF 2025). Auch unsere eigenen Untersuchungen zeigen, dass 84 % der Menschen in Deutschland Desinformation als großes oder sehr großes gesellschaftliches Problem wahrnehmen, 81 % sehen eine reale Gefahr für die Demokratie (Bernhard et al. 2024). Doch so groß die Sorge ist, so diffus bleiben oft Ursache, Wirkung und Handlungsoptionen.
Denn: Die Forschung zu Desinformation ist jung. Viele Fragen sind offen. Wie stark beeinflussen Falschinformationen tatsächliche Einstellungen? Wann werden Meinungen verändert, wann lediglich bestätigt? Und wie groß ist die Reichweite von (manipulativen) Kampagnen? Einzelne Expert*innen kommen zum Schluss, dass der direkte Einfluss auf Wahlentscheidungen begrenzt ist – andere vermuten subtile, aber langfristig wirksame Effekte: die Erosion von Vertrauen, die Normalisierung radikaler Positionen, die Fragmentierung des öffentlichen Diskurses (Ecker et al. 2024; Adam 2024). Für Deutschland zeigt sich beispielsweise ein international relativ niedriges Niveau beim Vertrauen in politische Institutionen, das jüngst zurückgegangen ist (Edelmann Trust Institute 2025; Boehnke et al. 2024). Hinzu kommt, trotz stabilen Medienvertrauens wachsen die Zweifel, falsche oder manipulative Informationen zu identifizieren (Newman et al. 2025). Klar wird: Desinformation wirkt nicht sofort und unmittelbar gefährlich, aber langfristig zersetzend.
Diese Wirkung entfaltet sich in einem Umfeld tiefgreifender technologischer Umbrüche. Besonders die Fortschritte im Bereich generativer künstlicher Intelligenz (KI) haben seit 2022 eine neue Qualität der Desinformation ermöglicht (Kaballo und Emonds 2024; Muñoz und Laumann 2024). Täuschend echte Videos, manipulierte Bilder, glaubwürdige Fake-Texte – produziert in Sekunden, skaliert auf Knopfdruck. Die technische Schwelle für gezielte Desinformationskampagnen ist dramatisch gesunken (Unzicker und Bochert 2024). Gleichzeitig sind die Hürden, Plattformen zur Verantwortung zu ziehen, weiterhin hoch: Es fehlen ausreichende Transparenz und Zugriffsmöglichkeiten für Forschende, um Kampagnen zu beobachten und nachzuweisen. Der Digital Services Act (DSA) hat hier erste Türen geöffnet – aber Plattformen wie Meta oder X begrenzen den Zugang weiterhin systematisch.
Zudem bleiben viele politische Reaktionen zögerlich. Zwar gibt es erste regulatorische Rahmenbedingungen, doch eine echte nationale Gesamtstrategie fehlt häufig noch (Freihse und Unzicker 2025). In vielen Ländern existieren keine nationalen Koordinationsstellen (oder bleiben ohne echte Handlungsmacht), keine klaren Zuständigkeiten, keine verlässlichen Monitoring-Systeme. Diejenigen, die sich professionell mit Desinformation beschäftigen – Journalist*innen, Fact-Checker*innen, zivilgesellschaftliche Organisationen – arbeiten unter strukturell prekären Bedingungen: mit eingeschränktem Datenzugang, politischem Druck und wachsender ökonomischer Unsicherheit.
Doch Desinformation ist nicht nur ein technisches oder regulatorisches Problem – sie ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung. Denn: Ihre Wurzeln liegen tiefer, im schwindenden Vertrauen in Politik und Medien, in gesellschaftlicher Fragmentierung, in der Überforderung Vieler mit einer immer komplexeren Welt. Wer die demokratische Öffentlichkeit schützen will, muss mehr bieten als Repression und Regulierung. Es braucht neue Formen der politischen Bildung, eine konsequente Förderung von Medienkompetenz und Demokratieverständnis – und eine offensive Stärkung von Qualitätsjournalismus (Berger und Freihse 2024b; Berger und Unzicker 2024).
In diesem Beitrag plädieren wir für eine entschiedene, aber differenzierte Antwort auf die Herausforderung durch Desinformation. Wir beleuchten rückblickend die Entwicklungen im Superwahljahr 2024 und was sich daraus lernen lässt. Darüber hinaus analysieren wir die technologischen Treiber und diskutieren die Rolle staatlicher und zivilgesellschaftlicher Akteur*innen. Dabei geht es nicht um Alarmismus, sondern um Aufklärung. Nicht um einfache Lösungen, sondern um kluge Strategien. Und schließlich stellen wir einen gesamtgesellschaftlichen und umfassenden Ansatz vor, wie Demokratien in der digitalen Moderne widerstandsfähig bleiben können – ohne sich selbst zu verlieren.
Das Superwahljahr 2024: Superjahr für Desinformation?
So wie der digitale Raum nicht nach nationalstaatlichen Ländergrenzen strukturiert ist, ist auch Desinformation ein länderübergreifendes Phänomen. Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebte 2024 in einem Land, in dem Wahlen stattfanden. Im Rahmen einer Untersuchung der Bertelsmann Stiftung wurde die Wahlberichterstattung in all jenen Ländern analysiert, in denen Wahlen stattfanden. Das Ergebnis: Über Desinformation wurde in mindestens 95 % der über 70 Wahlgänge berichtet (Berger und Freihse 2024a). Künstliche Intelligenz kam in mehr als der Hälfte aller Wahlen zum Einsatz, sowohl von Akteur*innen, die Desinformation verbreiten, als auch von jenen, die sie bekämpfen. Eins ist klar: KI-gestützte politische Kampagnen sind nicht mehr die Ausnahme, sondern mittlerweile integraler Bestandteil politischer Kampagnen und gezielter Einflussnahme.
Doch hinter der globalen Verbreitung steht mehr als nur ein zahlenmäßig gut greifbarer Trend: Die Akteur*innen hinter den manipulativen Kampagnen agieren nach ähnlichen Mustern: technologisch, organisatorisch und strategisch. Auch KI-gestützte Inhalte – von Deepfakes bis Microtargeting – wurden in zahlreichen Ländern gleichzeitig eingesetzt und dabei oft von denselben Netzwerken oder Dienstleistern orchestriert (Thomas und Reyes 2023; Kirchgaessner 2023; Berger und Unzicker 2024). Auffällig ist insbesondere, dass Desinformationskampagnen zunehmend als Dienstleistung angeboten und ausgespielt werden. Internationale Kampagnen sind arbeitsteilig aufgebaut und Aggressoren aus autoritären Regimen exportieren gezielt Narrative in westliche Demokratien, um gesellschaftliche Spaltung zu vertiefen (U.S. Department of State 2023; African Center for Strategic Studies 2023). Diese transnationale Vernetzung bedeutet, dass die Themen, die von Desinformation gezielt manipuliert werden, zwar an nationale Narrative oder Gegebenheiten angepasst werden, der „Kampagnenbausatz“ aber gleichzeitig global zum Einsatz kommt.
Auch Gegenmaßnahmen und Initiativen gegen Desinformation gibt es weltweit, wie zahlreiche Mappings zeigen (u. a. EU Disinfo Lab, IFCN Poynter). Vor allem Fact-Checking und Monitoring-Initiativen sind weit verbreitet, gefolgt von Ansätzen, die Prebunking, Demonetarisierung und Debunking priorisieren (Global Overview 2024). Nur selten sind die Gegenmaßnahmen so gut länderübergreifend koordiniert wie die Angriffe (Berger et al. 2024). Wichtige Synergieeffekte gehen derzeit verloren, denn weder reichen einzelne Methoden, wie Fact-Checking, noch länderspezifische Initiativen aus, um der Flut an Falschnachrichten wirksam zu begegnen (Rother 2024). Für Deutschland und andere demokratische Staaten gilt: Wer resilienter gegen Desinformation werden will, muss von anderen lernen und zum gemeinsamen Handeln motivieren. Die Flut und Geschwindigkeit von Desinformationen werden nicht abnehmen. Im Gegenteil: Insbesondere der breite Zugang zu generativer KI hat die Herausforderungen im Umgang mit Desinformation weiter verschärft.
Technologische Entwicklungen: Risiko und Lösung zugleich
KI-gestützte Bild-, Video- und Textgenerierung ermöglichen es, täuschend echte (Falsch-)Informationen schneller, günstiger und in bisher unerreichter Qualität zu erzeugen und zu verbreiten. Erste Studien zeigen wenig überraschend, dass KI-gestützte Desinformation von Nutzer*innen schwerer erkannt und das Vertrauen in authentische Informationen untergraben wird (Ma et al. 2024). Zudem sind KI-basierte Tools zur Herstellung von Inhalten leicht zugänglich, sodass selbst ressourcenschwache Akteur*innen weitere Möglichkeiten gewinnen, gezielt Desinformationskampagnen zu generieren und zu verbreiten (Jungherr 2023).
Diese Dynamik wird zusätzlich durch die Strukturen und Marktdominanz digitaler Plattformen wie Facebook (Meta), TikTok (ByteDance), YouTube (Google) und X (ehemals Twitter) verstärkt. Deren datengetriebene Geschäftsmodelle sind primär auf Profite durch Aufmerksamkeit und Verweildauer der Nutzer*innen ausgelegt, denen sie personalisierte Werbung ausspielen. Daraus resultieren algorithmische Anreizstrukturen, die Inhalte bevorzugen und überproportional häufig ausspielen, die eine besonders hohe Interaktionsrate erzeugen. Darunter finden sich vor allem polarisierende und emotionalisierende Beiträge sowie Desinformation und Verschwörungserzählungen (Saurwein et al. 2022; Bradshaw 2024). Angesichts der wachsenden Bedeutung digitaler Informationsräume in Demokratien ist es zentral, das algorithmische Design dieser Räume transparent zu machen, insbesondere im Hinblick darauf, welche Inhalte algorithmisch hervorgehoben und welche unterdrückt werden. Ohne diese Transparenz kann die Rolle technologischer Entwicklungen bei der Verbreitung von Desinformation nicht adäquat bewertet werden (Jungherr und Schroeder 2023).
Für Transparenz brauchen unabhängige Forschende Zugang zu Plattformdaten. Nur so können sie fundierte Analysen zu den Auswirkungen von KI und algorithmischen Designs auf die Verbreitung und Wirkung von Desinformation erarbeiten und wirksame Gegenstrategien entwickeln. Zwar verpflichtet der DSA Plattformen, bestimmte Daten für Forschungszwecke bereitzustellen, doch Erfahrungen zeigen, dass Plattformen diesen Zugang nur unzureichend und unter restriktiven Bedingungen gewähren (EDMO 2024; Mozilla Foundation 2024). Damit wird deutlich, dass Transparenz über die Rolle von KI-gestützter Desinformation erst dann möglich ist, wenn bestehende Regulierung konsequent durchgesetzt wird und Plattformen ihrer Rechenschaftspflicht (und Verantwortung) gerecht werden.
Gleichzeitig gilt es, die Potenziale von Technologie als Teil der Lösung nicht aus dem Blick zu verlieren. Richtig eingesetzt können technologische Ansätze einen wesentlichen Beitrag zur Bekämpfung von Fehlinformationen und zur Stärkung des Vertrauens in digitale Informationsräume leisten (Saeidnia et al. 2025). Anschaulich wird dies etwa bei KI-gestützten Fact-Checking-Systemen wie dem staatlich geförderten Projekt DeFaktS des Forschungszentrums Informatik (FZI), das Desinformation in Messenger-Gruppen oder sozialen Netzwerken erkennt und vor deren möglichem Auftreten warnt, oder bei Tools zur automatischen Erkennung von Deepfakes, die gezielt Manipulationen in Bild- und Videomaterial sichtbar machen (Bezzaoui et al. 2022). Ob Technologien Desinformation verschärfen oder eindämmen, hängt maßgeblich davon ab, wie tief sie gesellschaftlich verankert sind und inwiefern ihr Einsatz und Einfluss transparent gemacht und unabhängig – vor allem auch demokratisch – kontrolliert werden. Verantwortung trägt hier in erster Linie der Staat.
Die Rolle demokratischer Staaten: wachsende Verantwortung, begrenzte Mittel?
Die Rolle des Staates in der Bekämpfung von Desinformation war stets ambivalent; ein Balanceakt zwischen dem Schutz des digitalen Raumes und dem Schutz demokratischer Grundprinzipien, allen voran der Meinungsfreiheit (Freihse und Bochert 2024, 19). Deshalb müssen staatliche Interventionsmaßnahmen im digitalen Raum so gestaltet sein, dass sie keine unzulässige Einschränkung der Meinungsfreiheit zur Folge haben und nicht dazu dienen, unliebsame Meinungen zu unterdrücken (Iglesias Keller et al. 2024, 24–26).
Die Forschung zeigt zunehmend: Desinformation ist mehr als ein individuelles Problem, sie untergräbt das Vertrauen in demokratische Institutionen, verstärkt gesellschaftliche Polarisierung und beschädigt langfristig die politische Kultur (Lo Sardo et al. 2024). Obwohl direkte kausale Effekte von Desinformation, beispielsweise auf das individuelle Wahlverhalten, bisher nicht wissenschaftlich nachweisbar sind, greift es zu kurz, daraus zu schließen, dass keine Gefahr besteht (Mauk und Grömping 2024). Der Schaden solcher Kampagnen manifestiert sich oft nicht in unmittelbaren Wahlentscheidungen, sondern in der schleichenden Veränderung des öffentlichen Diskurses: Wenn Gesellschaften über längere Zeit systematisch mit verzerrten, irreführenden oder manipulierten Informationen konfrontiert werden, erschwert dies die politische Meinungsbildung und schwächt den gesellschaftlichen Zusammenhalt (Lo Sardo et al. 2024; Freihse und Unzicker 2025).
Obwohl die Europäische Union mit dem DSA längst damit begonnen hat, soziale Plattformen zu regulieren, gibt es bisher nur sechs Mitgliedsstaaten, die eine nationale Strategie zur Bekämpfung von Desinformation formuliert haben – mit sehr unterschiedlichem Umfang und Ambitionsniveau (Freihse und Bochert 2024). Frankreich und Schweden haben bereits spezialisierte Institutionen aufgebaut, doch selbst dort bestehen weiterhin offene Fragen zur Legitimität, Wirksamkeit und gesellschaftlichen Akzeptanz staatlicher Maßnahmen. Die Zurückhaltung vieler Staaten ist dabei auch Ausdruck einer politischen Unsicherheit. Die Angst, in der öffentlichen Wahrnehmung als „Wahrheitsministerium“ verunglimpft zu werden, ist groß. Gerade weil autoritäre Regierungen Maßnahmen gegen Desinformation als Zensur diffamieren, müssen Demokratien entschlossen handeln.
Eine Möglichkeit ist proaktive, transparente politische Kommunikation – sowohl bei der Strategieentwicklung als auch bei der Umsetzung konkreter Maßnahmen. Nur wenn ein Staat klar kommuniziert, welche Maßnahmen ergriffen werden, auf welcher rechtlichen Grundlage und mit welchen Schutzmechanismen für die Meinungsfreiheit, kann das notwendige Vertrauen in seine Rolle zum Schutz der demokratischen Öffentlichkeit entstehen (Freihse und Bochert 2024). Zudem darf nie aus den Augen verloren werden, dass zivilgesellschaftliche Akteur*innen und unabhängige Forschende Schlüsselfunktionen im Umgang mit Desinformation innehaben – und als solche von staatlicher Seite eher in ihrer Unabhängigkeit und Handlungsfähigkeit bestärkt werden sollten. Die Aufgabe ist eine gesamtgesellschaftliche.
Es braucht einen global koordinierten gesamtgesellschaftlichen Ansatz
In der Auseinandersetzung mit Desinformation wird deutlich: Es gibt keine Patentlösung. Einzelne Akteur*innen und Einzelmaßnahmen greifen für sich genommen zu kurz. Erforderlich ist ein umfassender, koordinierter Ansatz, der unterschiedliche Gegenstrategien entlang der Wertschöpfungskette von Desinformation miteinander verknüpft: von der Eindämmung der Produktion und Verbreitung manipulativer Inhalte über deren Kennzeichnung, Richtigstellung oder Löschung bis hin zur Förderung von Medienkompetenz und Resilienz (Breidenbach et al. 2022). Soziale, technische, rechtliche und wirtschaftliche Maßnahmen müssen also ineinandergreifen. Politik, Medien, Bildungseinrichtungen, Wissenschaft und Zivilgesellschaft sind dabei gemeinsam gefordert (Berger und Unzicker 2024; Bateman und Jackson 2024). Nur im Zusammenspiel dieser Akteur*innen entsteht gesamtgesellschaftliche Resilienz.
Entlang der unterschiedlichen Akteursebenen lässt sich dieses Zusammenspiel beschreiben: Staatliche Institutionen sorgen für einen robusten Rechtsrahmen und transparente Kommunikation (Habermas 2022). Plattformbetreibende setzen rechtliche Vorgaben um, identifizieren Falschinformationen und dämmen ihre Verbreitung durch Content-Moderation und algorithmische Anpassungen ein. Journalist*innen gewährleisten durch Qualitätsstandards faktenbasierte Berichterstattung. Zivilgesellschaft, Unternehmen und Wissenschaft entwickeln und erproben Standards für Informationsqualität. Bildungseinrichtungen vermitteln Informationskompetenz und stärken so die Urteilsfähigkeit von Mediennutzenden (Mihailidis 2018). Schließlich kann jede*r Einzelne durch kritischen Medienumgang sich und andere vor Desinformation schützen. Diese Auswahl verdeutlicht die Bandbreite möglicher, ineinandergreifender Maßnahmen. Folgende Maßnahmen erscheinen uns besonders erfolgsversprechend:
Emotionalisierten Posts in den sozialen Medien müssen qualitativ-hochwertige journalistische Beiträge zur Seite gestellt werden: Ohne geprüfte Informationen und Qualitätsjournalismus gerät die demokratische Meinungsbildung unter Druck (Schiffrin et al. 2024). Die Tagesschau oder ZDFheute zeigen, wie journalistische Marken auch auf Social Media faktenbasierte Inhalte erfolgreich verbreiten.
Zugleich muss die Nachrichtenkompetenz der Bevölkerung gestärkt werden, um Menschen zu befähigen, sich auch in einem herausfordernden Informationsökosystem zurechtzufinden, Information einzuordnen und fundierte Entscheidungen zu treffen (Tegeler 2024; Meßmer et al. 2021). Finnland gilt hier als Vorreiter: Schulen vermitteln systematisch den Umgang mit Desinformation – ein Ansatz, der international Beachtung findet (Henley 2020).
Gegenstrategien müssen kontinuierlich überprüft und weiterentwickelt werden, um vor allem mit den technischen Entwicklungen Schritt zu halten. Dafür sind unabhängige Forschung und systematisches Monitoring nötig, die nur fruchten können, wenn es stabile Forschungsinfrastrukturen gibt und der Zugang zu den Daten auf sozialen Plattformen sichergestellt ist (Berger 2024). Zudem müssen Plattformen in Zukunft die Empfehlungen und angeregten Gegenmaßnahmen unabhängiger Forscher*innen umsetzen, denn regulatorische Vorgaben enden nicht bei Transparenz, sondern erfordern proaktive Anpassungen an ihr Design und die algorithmischen Systeme (Bateman und Jackson 2024). Das European Digital Media Observatory (EDMO) bündelt hier Forschung, Faktenchecks und Policy-Arbeit auf europäischer Ebene.
Auf staatlicher Seite darf nicht unterschätzt werden, dass der Schutz technischer Infrastrukturen zentral ist. Ob im Rahmen einer nationalen Anti-Desinformationsstrategie oder einer dezidierten Behörde: Cyberangriffe und gezielte Kampagnen – insbesondere im Kontext politischer Prozesse wie Wahlen – müssen abgewehrt und eingeordnet werden (Stockwell et al. 2024). Beispiele wie das NATO StratCom Centre of Excellence in Lettland oder die Cybersicherheitsstrategien des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) in Deutschland zeigen, wie Staaten koordinierte Abwehrstrukturen schaffen.
Ein resilientes Informationsökosystem aufzubauen bedeutet mehr, als nur Desinformation zu bekämpfen (Radsch 2023). Es ist es ein grundlegender Beitrag zur Erneuerung und Bewahrung unserer Demokratie. Nur wenn öffentliche Debatten auf verlässlichen, überprüfbaren Informationen basieren, bleibt Raum für Meinungsvielfalt, konstruktiven Streit und zukunftsfähige Entscheidungen. Es geht dabei nicht um einfache Antworten, sondern um durchdachte, gemeinsame Strategien. Die digitale Moderne verlangt nicht weniger, sondern mehr demokratische Gestaltungskraft – einen umfassenden gesamtgesellschaftlichen Ansatz, der Widerstandsfähigkeit stärkt, ohne die demokratischen Grundwerte preiszugeben (Berger und Unzicker 2024).
Charlotte Freihse forscht, schreibt und spricht für das Programm „Digitalisierung und Gemeinwohl“ der Bertelsmann Stiftung über den Zustand und die Zukunft der digitalisierten Öffentlichkeit.
Joachim Rother ist Projektmanager bei der Bertelsmann Stiftung und leitet dort den Aufbau des Projekts „Gaming4Democracy“, das das demokratiepolitische Potenzial von Gaming-Communitys und digitalen Plattformen erschließt.
Clara Ruthardt ist Projektmanagerin im Programm „Digitalisierung und Gemeinwohl“ der Bertelsmann Stiftung und beschäftigt sich dort mit der Rolle von Daten in digitalen Diskursen und der Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen.
Julia Tegeler arbeitet als Senior Project Manager im Programm „Demokratie und Zusammenhalt“ der Bertelsmann Stiftung. Dort verantwortet sie seit über 13 Jahren Projekte zur Demokratie- und Wertebildung, zum gesellschaftlichen Zusammenhalt, zur Stärkung von Nachrichtenkompetenz sowie zur Weiterentwicklung und Resilienz der Demokratie.
Kai Unzicker ist Projektleiter im Programm „Demokratie und Zusammenhalt“ der Bertelsmann Stiftung. Er beschäftigt sich seit Jahren mit gesellschaftlichem Wandel, Zusammenhalt und der Stärkung der Demokratie.
Cathleen Berger verfügt über 15+ Jahre internationale berufliche Erfahrung in diversen Sektoren, u. a. Wissenschaft, Regierung, Zivilgesellschaft, Unternehmen, Startup und Stiftung.
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