Amlinger, Carolin/Nachtwey, Oliver (2025). Zerstörungslust. Elemente des demokratischen Faschismus
Über die Publikation
Die Autor*innen fokussieren auf Destruktivität als zentralen Wahrnehmungs- und Handlungsmodus in Teilen der Gesellschaft und ein daraus resultierendes, häufig mit Lust verknüpftes Bedürfnis nach Zerstörung.
Methode
Das Werk basiert auf den Antworten von 2.595 Befragten eines Onlinepanels, mit Bezug auf Geschlecht, Bildung und Alter annähernd bevölkerungsrepräsentativ. Die Fragen wurden dabei teilweise in modifizierter Form aus der empirischen Forschung von Erich Fromm und Hilde Weiss übernommen. Mit 41 der 304 als „mittel- oder hoch-destruktiv“ eingeordneten Befragten wurden in der Folge qualitative, problemzentrierte Interviews geführt, aus denen teilweise ausführlich zitiert wird.
Zentrale Befunde
Ausgangslage der Analyse ist ein dreifacher Befund: Erstens gebe es ein Nullsummendenken, dass die regressive Modernisierung präge: Statt eines „Fahrstuhleffekts“, bei dem alle profitierten, sei die Gegenwart stark durch Konkurrenz um begrenzte gesellschaftliche Ressourcen geprägt. Zweitens sei der Liberalismus durch den Rückzug des Staates aus vielen Bereichen paradoxerweise durch einen Aufwuchs an Regulierung und Gesetzen geprägt, um Fehlentwicklungen wieder einzudämmen, welcher sich in Empfindungen eines „blockierten Lebens“ manifestiere. Drittes Moment ist die Angst um Statusverlust. Gemeinsam dienen diese Momente als Quelle faschistischer Affekte, die sich durch Zerstörungslust und Destruktivität Weg bahnen. Dabei entwickeln sie eine Typologie destruktiver Akteur*innen, bei der sie den aus dem Vorband bereits bekannten Libertär-Autoritären die Erneuerer und Zerstörer an die Seite stellen. Erneuer*innen nutzten die Destruktivität dabei im Dienste einer Wiederherstellung traditioneller Hierarchien, während die Zerstörer*innen die Destruktivität eher als Selbstzweck betrachteten. In Abgrenzung zum historischen Faschismus ziele der „demokratische“ Faschismus dabei weniger auf eine Beseitigung, sondern auf eine Aushöhlung der Demokratie von innen.
Die vollständige Publikation finden Sie hier:
https://www.suhrkamp.de/buch/zerstoerungslust-t-9783518432662
Quelle
Amlinger, Carolin/Nachtwey, Oliver (2025). Zerstörungslust. Elemente eines demokratischen Faschismus. Berlin, Suhrkamp.
Brandenburg, Aurelia/Schlegel, Linda/Zimmermann, Felix (Hg.). (2025). Handbuch Gaming & Rechtsextremismus
Über die Publikation
Die Frage nach dem Zusammenhang von Gaming und Rechtsextremismus beschäftigt Wissenschaft und Zivilgesellschaft zunehmend. Das von der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) herausgegebene Handbuch nähert sich diesem Thema mit dem Anspruch, fundierte Analysen jenseits von Alarmismus zu liefern. Die Publikation zielt darauf ab, die Schnittstellen zwischen digitalen Spielwelten und antidemokratischen Ideologien erstmals umfassend zu systematisieren und verbindet dabei den aktuellen Forschungsstand mit Einblicken aus der pädagogischen Praxis.
Methode
Der Sammelband umfasst 30 zugängliche Überblicksbeiträge von Autor*innen aus verschiedenen Disziplinen sowie 11 Projektvorstellungen aus der Praxis. Ergänzt wird der analytische Teil durch konkrete Beispiele aus der politischen Bildung, Radikalisierungsprävention und Aktivismus, die zeigen, wie Games und ihr umgebendes Ökosystem für demokratische Werte genutzt werden können.
Zentrale Befunde
Das Handbuch verdeutlicht, dass Gaming-Plattformen und -Communitys keine unpolitischen Räume sind, sondern u. a. von rechtsextremen Akteur*innen strategisch genutzt werden. Ein zentraler Befund ist die Notwendigkeit einer differenzierten Betrachtung: Weder ist Gaming per se toxisch noch ist der Rechtsextremismus im Gaming ein isoliertes Phänomen. Vielmehr knüpfen rechtsextreme Akteur*innen an bestehende Ungleichwertigkeitsvorstellungen oder antifeministische Ressentiments in Teilen der Gaming-Kultur an. Die Beiträge zeigen auf, wie Spielelemente für Propaganda missbraucht werden, aber auch, wie Gaming-Communitys Resilienz entwickeln können. Die Herausgebenden unterstreichen dabei, dass die Heterogenität der Gaming-Kulturen und die Vielschichtigkeit des Rechtsextremismus pauschale Urteile verbieten und zwingend eine differenzierte Analyse erfordern. Ziel ist es daher, durch Aufklärung und konkrete Projektarbeit eine tolerante und vielfältige Gesellschaft auch in digitalen Spielwelten zu stärken.
Die vollständige Publikation finden Sie hier:
https://www.bpb.de/shop/buecher/schriftenreihe/563171/handbuch-gaming-rechtsextremismus/
Quelle
Brandenburg, Aurelia/Schlegel, Linda/Zimmermann, Felix (Hg.). (2025). Handbuch Gaming & Rechtsextremismus. Voraussetzungen | Einstellungen | Prozesse | Auswege, Schriftenreihe, Bd. 11260, Bonn, bpb.
Butter, Michael (2025). Die Alarmierten. Was Verschwörungstheorien anrichten
Über die Publikation
Der Amerikanistik widmet sich dem Phänomen der Verschwörungstheorien und nimmt eine kritische Einordnung der Begriffsdebatte, der öffentlichen Wahrnehmung sowie der zivilgesellschaftlichen Annahmen und Gegenmaßnahmen vor.
Methode
Butter entwickelt auf Grundlage soziologischer Theorien, wissenschaftstheoretischer Ansätze und empirischer Befunde über fünf Kapitel hinweg ein nuanciertes Verständnis von Verschwörungstheorien und der ihnen zugrunde liegenden Weltanschauung des Konspirationismus.
Zentrale Befunde
In Anlehnung an Michael Freedens Begriff des Populismus versteht Butter Konspirationismus als eine dünne Ideologie, die davon ausgeht, dass „nichts so ist, wie es scheint, alles geplant wurde und alles miteinander verbunden ist“ (S. 58). Für die Bewertung des Gefahrenpotenzials betont er jedoch, dass diese Weltdeutungen nicht per se gefährlich seien. Entscheidend sei, in welche dicken Ideologien (wie Antisemitismus, Rassismus oder Autoritarismus) sie eingebettet würden. Vor diesem Hintergrund trennt Butter die Entwicklungen in Deutschland und den USA analytisch voneinander. Während in den Vereinigten Staaten die Vorstellung einer gestohlenen Wahl eine breite und teilweise offen antidemokratische Anhängerschaft mobilisieren konnte, blieb die deutsche Protestlandschaft selbst in den Hochphasen der (Anti-)Corona-Demonstrationen – mit Ausnahme radikalisierter Gruppen wie der Reichsbürger*innen – weniger geschlossen extremistisch. Grundsätzlich versteht Butter Verschwörungstheorien als symptomatischen Ausdruck gesellschaftlicher Krisen und nicht als deren Ursache. Entsprechend kritisch reflektiert seine Argumentation normative Tendenzen, die Verschwörungstheorien pauschal als Bedrohung bewerten, selbst in moralische Paniken münden und so paradoxerweise jene Eskalationsdynamiken befeuern, die sie einzudämmen versuchen. Obwohl er wesentliche Unterschiede betont, sieht Butter eine Spiegelung des Konspirationismus aufseiten der Alarmierten in der Zivilgesellschaft. Ihr Diskurs übernehme oft ungewollt die Logik von Verschwörungstheorien.
Die vollständige Publikation finden Sie hier:
https://www.suhrkamp.de/buch/michael-butter-die-alarmierten-t-9783518029923
Quelle
Butter, Michael (2025). Die Alarmierten. Was Verschwörungstheorien anrichten. Berlin, Suhrkamp.
Dombrowski, Viola (2025). Volk oder Feind? Ausgrenzung und Aneignung im Online-Diskurs der AfD
Über die Publikation
In ihrer Dissertation beschäftigt sich Viola Dombrowski mit den „‚ungewöhnlichen Allianzen′ zwischen der Alternative für Deutschland und der im Parteikontext angesiedelten Interessenvereinigungen für Homosexuelle, Migrant*innen und Jüdinnen*Juden in der AfD (Alternative Homosexuelle, Neudeutsche Alternative und Juden in der AfD).“ (S. 203)
Methode
Dafür untersuchte die Autorin Twitter/X-Beiträge des Akteur*innenspektrums der AfD, insbesondere der oben genannten Interessensgruppen, und wertete 5.602 Tweets anhand der drei Kodierschritte der Grounded Theory aus. Der Untersuchungszeitraum war Juli 2015 bis September 2021, 169 Accounts wurden in das Datensampling einbezogen. „Die fertigen ‚Kodesysteme′, die für jeden Datensatz erstellt wurden, [waren] immer eine Fusion der unterschiedlichen Analyseschritte aus Grounded Theory und Wissenssoziologischer Diskursanalyse und bilden die Grundlage für die hieran anschließende Darstellung der Ergebnisse […] sowie die schlussendliche Interpretation […].“ (S. 90)
Zentrale Befunde
Dombrowski zeigt auf, dass es der AfD einerseits gelingt, im Kulturkampf, der „zentrale[n] identitätsstiftende[n] Erzählung einer globalen Rechten“ (S. 206), einen deutlichen Antagonismus zwischen kollektiver Volksidentität und den Anderen herzustellen. Andererseits inszeniert die AfD pluralistische Werte und integriert marginalisierte Gruppen punktuell in das Volkskollektiv. Somit weisen die Feindbilder im Kulturkampf der AfD eine funktionelle Flexibilität auf (vgl. S. 203). Dabei sind „[d]ie Ambivalenzen, die die Flexibilität konstruieren, […] notwendig, um die Grenzen der ideologischen Bausteine vor einem ‚Statikverlust‘ zu schützen und Kritik an vielen Stellen auszuweichen“ (S. 206). Dombrowski leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Diskussion und zeigt auf, dass das scheinbar paradoxe Verhältnis der AfD zwischen völkischer Ideologie und dem vermeintlichen Eintreten für die benannten marginalisierten Gruppen einen instrumentellen Charakter hat.
Die vollständige Publikation finden Sie hier:
https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-7825-3/volk-oder-feind/
Quelle
Dombrowski, Viola (2025). Volk oder Feind? Ausgrenzung und Aneignung im Online-Diskurs der AfD. Bielefeld, transcript Verlag (Edition Politik, 185).
Eder, Jens/Hartmann, Britta/Tedjasukmana, Chris (2025). Understanding video activism on social media
Über die Publikation
Digitaler Aktivismus funktioniert heute insbesondere über Bewegtbilder in den sozialen Medien. Diese Einsicht begleitet die Forschungsarbeit des Autor*innentrios seit vielen Jahren. Mit ihrem Band schließen sie zwei wichtige Forschungsprojekte zu dem Thema ab und präsentieren ein Überblickswerk, das wichtige Impulse für die Protest-, Medien- und digitale Konfliktforschung bereithält.
Methode
Ziel des Buches ist es, sich dem Thema Videoaktivismus in sozialen Medien aus möglichst interdisziplinärer Sicht anzunähern und anhand von aufgestellten und abgeleiteten Heuristiken die Diversität des Videoaktivismus aufzuzeigen. Es ordnet die Social-Media-Videos verschiedener Bewegungen ein und nutzt Ausschnitte aus Sequenzen, um die Aufmerksamkeitsstrategien zu erklären. Die Kapitel stehen dabei durchaus für sich selbst.
Zentrale Befunde
Das Buch nähert sich dem Videoaktivismus mit Blick auf drei Sphären an: erstens dem politischen Handeln von Protestgruppen, das eine neue Form des digital vernetzten Aktivismus spätestens seit den 2010er-Jahren hervorgebracht hat – bedingt durch technologische Fortschritte und einer über soziale Medien hergestellten globalen Öffentlichkeit. Zweitens den Formen und Typen aktivistischer Videos: Hier wird unterschieden zwischen Bezeugungsvideos (bspw. von Polizeigewalt), Dokumentationen, Video-Blogs, Mobilisierungsvideos und subversiven Videos. Die Logik der Produktion unterscheidet sich stark und es werden Zielgruppen ganz unterschiedlich adressiert. Drittens das algorithmische System digitaler Plattformen, dem sich Videoaktivist*innen oft widerwillig anpassen, sofern sie mit ihren Produktionen Reichweite erzielen wollen. Die Autor*innen fokussieren dabei stark auf globale emanzipatorische Bewegungen, die sich lokal für politischen Wandel einsetzen. Hierbei werden auch weniger bekannte Kampagnen wie die spanische Initiative „The most boring viral video“ oder „Most Shocking Second a Day Video“ von Save the Children sichtbar.
Die vollständige Publikation finden Sie hier:
Open Access: https://intellectdiscover.com/content/books/9781835950821
Quelle
Eder, Jens/Hartmann, Britta/Tedjasukmana, Chris (2025). Understanding video activism on social media. Bristol/Chicago, Intellect Books.
Facciani, Matthew (2025). Misguided: Where Misinformation Starts, How It Spreads, and What to Do About It
Über die Publikation
Matthew Facciani diskutiert in seinem Buch psychologische Prozesse und soziale Dynamiken, die den Glauben an und das Verbreiten von falschen Informationen begünstigen.
Methode
Das Buch basiert auf einer umfassenden Recherche überwiegend quantitativer Studien, u. a. aus der Neuropsychologie und der Netzwerkforschung sowie auf eigenen Studien zur Rolle religiöser und politischer Einstellungen in der Wahrnehmung und Verarbeitung von Informationen. Dabei werden aus der Forschung bereits bekannte Mechanismen wie Bestätigungsfehler oder kognitive Dissonanz mit aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen zusammengebracht und mit prototypischen Beispielen untermalt.
Zentrale Befunde
Zentral ist für den Autor das Konzept der Identität. Als „sets of meanings“ spielen Identitäten eine überaus wichtige Rolle in unserem sozialen Leben und für unser Wohlbefinden: „They can provide meaning and are a major source of self-esteem, which stems from acting in ways that are consistent with our identities – that maintain consistency between the values of our identities and our environment.“ (S. 9) Eben aus jenem unbewussten Konsistenzdruck zwischen Identitäten und Umwelt speisen sich nicht selten – so die zentrale These des Buchs – Fehlschlüsse und verzerrte Wahrnehmungen, die uns anfällig für Misinformation machen. Emotionale, kognitive und soziale Bedürfnisse könnten als Quelle der Motivation verstanden werden, beispielsweise warum manche Menschen wissenschaftliche Evidenz zu Impfungen ablehnen. Entsprechend folgert Facciani, dass der Glaube an Misinformation durchaus rational sein kann: „People who reject evidence are often not naive or ignorant; instead, their rejection of evidence is a rational, if unconscious, choice to defend the values associated with meaningful identities and the self that is derived from these identities.“ (S. 38) Dabei geht es dem Autor nicht darum, die individuellen und gesellschaftlichen Folgen von Misinformation zu relativieren, sondern Gegenmaßnahmen wirksamer zu machen.
Die vollständige Publikation finden Sie hier:
https://cup.columbia.edu/book/misguided/9780231555814/
Quelle
Facciani, Matthew (2025). Misguided: Where Misinformation Starts, How It Spreads, and What to Do About It. New York, Columbia University Press.
Fischer, Jörn et al. (Hg.). (2025). Einsatz für Demokratie#
Über die Publikation
Das aktuelle Heft der voluntaris – Zeitschrift für Freiwilligendienste und zivilgesellschaftliches Engagement widmet sich dem Themenschwerpunkt „Einsatz für Demokratie“. Um einen Beitrag zur herausgeforderten Situation des zivilgesellschaftlichen Engagements für Demokratie zu leisten, eint das Heft 12 Beiträge aus Wissenschaft und Praxis sowie fünf Beiträge aus der breiteren Engagementforschung.
Methode
Die Beiträge des Themenschwerpunkts analysieren in unterschiedlichen Rubriken aus theoretischer, empirischer und praxisnaher Perspektive das Verhältnis zwischen Demokratie und zivilgesellschaftlichem Engagement. Sie rekonstruieren empirisch fundiert und praxisorientiert gegenwärtige Bedrohungslagen und zeigen insbesondere aus handlungspraktischer Perspektive Strategien des zivilgesellschaftlichen Engagements gegen autoritäre und menschenfeindliche Entwicklungen in der Gesellschaft auf.
Zentrale Befunde
Die drei einleitenden Beiträge zeigen anhand empirischer Daten, dass Engagement in Ostdeutschland seine demokratiefördernde Wirkung verliert und in Westdeutschland Tendenzen sozialer Abschottung begünstigt (Kleiner), dass im Feld der Vielfaltgestaltung und Anti-Diskriminierung tätige zivilgesellschaftliche Organisationen wachsenden Bedrohungen ausgesetzt sind (Schöll) und dass regionale Strukturmerkmale demokratische Teilhabe, Vertrauen und Engagement prägen und lokale Demokratien mit zunehmender Polarisierung unter Druck geraten, weshalb starke regionale Kontexte und verlässliche demokratische Infrastrukturen für die demokratische Resilienz entscheidend sind (Klie). In „Debatte & Dialog“ werden am Beispiel des NABU und der Freiwilligendienste Kultur und Bildung praktische Strategien im Umgang mit rechtspopulistischen und rechtsextremen Einflüssen sowie die Notwendigkeit und die Herausforderungen demokratischer Positionierungen vorgestellt. Zuletzt stellen die „Dokumentationen“ sechs lokale Initiativen vor, die bedrohte zivilgesellschaftliche Handlungsspielräume aktiv verteidigen und die Vielfalt zivilgesellschaftlicher Demokratiearbeit veranschaulichen.
Die vollständige Publikation finden Sie hier:
Quelle
Fischer, Jörn/Gille, Christoph/Haas, Benjamin/Hinz-Rommel, Wolfgang/Ilgün-Birhimeoğlu, Emra/Mangold, Katharina/Walter, Andrea (2025). Einsatz für Demokratie. Voluntaris 2/2025. 13. Jg. Nomos.
HateAid et al. (2025). Angegriffen & alleingelassen. Wie sich digitale Gewalt auf politisches Engagement auswirkt
Über die Publikation
Die Studie von HateAid und der Technischen Universität in München zeichnet ein Lagebild darüber, wie und in welchem Maße politisch engagierte Menschen in Deutschland digitale Gewalt erleben. Neben den unterschiedlichen Erfahrungen analysiert die Studie auch potenzielle Folgen digitaler Gewalt für Betroffene und die gesamte Gesellschaft. Auf Basis der sehr anschaulich dargestellten Ergebnisse werden Handlungsempfehlungen verfasst, um negativen Folgen entgegenzuwirken.
Methode
Datengrundlage dieser Studie stellt eine quantitative Online-Befragung (Erhebungszeitraum 27.04.-21.10.2024) mit etwa 1.100 Personen dar, die sich auf unterschiedliche Weisen politisch engagieren. Dabei lag der Fokus auf als Politiker*innen tätigen Personen. Ergänzend wurden zwölf qualitative Einzelinterviews mit politisch engagierten Frauen geführt, die selbst von digitaler Gewalt betroffen waren.
Zentrale Befunde
Die quantitative Studie zeigt, dass digitale Gewalt ein weit verbreitetes Problem für politisch Engagierte ist: 58% der Befragten berichten von eigenen Erfahrungen, wobei Frauen mit 63% signifikant häufiger betroffen sind als Männern (53%; S. 5). Digitale Gewalt richtet sich überwiegend gegen politische Positionen und betrifft Frauen besonders oft in Form Online-Misogynie wie Sexismus und Frauenhass (S. 19). Eine weitere zentrale Erkenntnis ist, dass Betroffene digitaler Gewalt im Gegensatz zu Personen, die nicht betroffen sind, zu einem größeren Anteil auch analoge Gewalt erfuhren (S.20). Die Mehrheit der Befragten veränderte ihr Nutzungsverhalten auf sozialen Medien und schränkte ihre Nutzung ein oder passt ihren Ton, die Inhalte oder die Frequenz ihrer Äußerungen an. Auch reduzierten viele der Betroffenen öffentliche Auftritte oder zogen sich (zeitweise) von der politischen Arbeit zurück. Besonders alarmierend ist, dass fast jede zweite politisch engagierte Frau bereits darüber nachdenkt, bestimmte Positionen nicht anzunehmen, weil sie dort verstärkt digitaler Gewalt ausgesetzt wäre.
Die vollständige Publikation finden Sie hier:
Quelle
HateAid/Koch, Luise/Voggenreiter, Angelina/Steinert, Janina (2025). Angegriffen & alleingelassen. Wie sich digitale Gewalt auf politisches Engagement auswirkt. Ein Lagebild. Berlin, HateAid.
Kumkar, Nils C. (2025). Polarisierung. Die Ordnung der Politik
Über die Publikation
Nachdem Nils C. Kumkar zuletzt 2022 zu „Alternativen Fakten“ publizierte, widmet er sich im neuen Buch dem Thema Polarisierung. Unter starker Bezugnahme auf „Triggerpunkte“ von Mau/Lux/Westhäuser (2023) und anderen Publikationen zu gesellschaftlicher Polarisierung bietet er damit einen innovativen Debattenbeitrag.
Methode
Der Autor, promovierter Soziologe, entwirft einen Beitrag zur soziologischen Theoriebildung über die Funktionsweise gesellschaftlicher Polarisierung. Insbesondere finden sich darin Bezugnahmen auf die Systemtheorie Luhmanns, aber auch auf strukturalistische Analysen Bourdieus oder Aspekte aus den Analysen Adornos, sowie (teilweise kritisch) auf Literatur zu sozialen Medien. Wichtiger Ankerpunkt sind darüber hinaus Analysen zu Murray N. Rothbart.
Zentrale Befunde
Kumkar nutzt eine scheinbar widersprüchliche Beobachtung als Ausgangslage des Buchs: Während viele eine starke Polarisierung in der Gesellschaft wahrnehmen und dies auch veranschaulichen können, kommen empirische Untersuchungen eher zu dem Ergebnis, dass die Unterschiede kleiner als vermutet und dabei eher überkreuzend als entlang eines großen Widerspruchs positioniert sind. Mehrfach hebt er dabei hervor, dass es nicht seine Intention ist, eine der Seiten zu widerlegen. Stattdessen schlägt er einen Perspektivwechsel vor und betrachtet Polarisierung als kommunikatives Ordnungsmuster. Im doppelten Bruch zwischen Regierung und Opposition sowie Regierenden und Regierten sind Polarisierungen dabei nicht nur in einer Demokratie erwartbar, sondern zentral in ihrer Funktionsweise angelegt und systemisch notwendig. Im gesellschaftlichen Diskurs erkennt er dabei eine Art doppelten Strohmann, eine starke Vereindeutigung und Radikalisierung der Gegenmeinung, um sich selbst dem gegenüber als vernünftigen Gegenpol inszenieren zu können. Soziale Medien ordnet er vor allem als Ermöglichungsbedingung und Beschleunigungsmotor ein. Unter Bezugnahme auf die These vom „Ende der Geschichte“ (Fukuyama 1989) sieht Kumkar dabei seit Ende des Kalten Krieges kein Angebot mehr für eine fundamentale Alternative zur liberalen Demokratie.
Die vollständige Publikation finden Sie hier:
https://www.suhrkamp.de/buch/nils-c-kumkar-polarisierung-t-9783518128145
Quelle
Kumkar, Nils C. (2025). Polarisierung. Die Ordnung der Politik. Berlin, Suhrkamp.
Rensmann, Lars (2025). Politischer Antisemitismus im postfaktischen Zeitalter. Formen und Ursachen in Demokratien des 21. Jahrhunderts
Über die Publikation
Das Werk ist Teil der Reihe Interdisziplinäre Antisemitismusforschung – Interdisciplinary Studies on Antisemitism. „Erstmals wird hier vergleichend untersucht, inwiefern Antisemitismus auch wieder zum Gegenstand politischer Mobilisierungen in liberalen Demokratien geworden ist — und welche Rolle dabei Desinformation im postfaktischen Zeitalter spielt.“ (aus der Buchbeschreibung auf der Website des Verlags)
Methode
Der Autor, Professor für Politikwissenschaft mit Schwerpunkt Vergleichende Regierungslehre an der Universität Passau und Antisemitismus-Experte, schöpft seine Befunde aus der qualitativ-methodischen Auswertung zahlreicher Quellen, darunter Medienbeiträge, Nachrichten, Plenarprotokolle, Reden, Social-Media-Posts, Zeitschriften- bzw. Website-Artikel usw.
Zentrale Befunde
Ein wichtiges Beispiel für den „politischen Antisemitismus im postfaktischen Zeitalter“ stellen die ambivalenten Reaktionen der extremen Rechten in Deutschland auf das Massaker vom 7. Oktober 2023 in Israel und dessen Folgen dar: Oberflächlich würden pro-israelische Positionen existieren, die u. a. mit antimuslimischem Rassismus korrespondierten, gleichzeitig schienen aber israelfeindliche und antisemitische Ideologeme durch und es trat ein „projektives“ Israelbild der extremen Rechten zu tage, wobei z. B. alte Muster der antisemitischen Umwegkommunikation (z. B. „Israel“ als Chiffre für „die Juden“) und des antisemitischen Otherings aktualisiert wurden. Der Autor arbeitet in seiner kritischen Analyse heraus, dass der israelbezogene Antisemitismus ein auffälliges Bindeglied zwischen extremen Rechten, der gesellschaftlichen „Mitte“ und sich als „progressiv“ bzw. „links“ verstehenden Teilen des politischen Spektrums darstellt.
Die vollständige Publikation finden Sie hier:
Quelle
Rensmann, Lars (2025). Politischer Antisemitismus im postfaktischen Zeitalter. Formen und Ursachen in Demokratien des 21. Jahrhunderts. Baden-Baden, Nomos.
Schlegel, Linda (2025). Storytelling Against Extremism
Über die Publikation
Narrative Kampagnen von Präventionsakteur*innen sind ein zentrales Werkzeug gegen Online-Extremismus. Linda Schlegel argumentiert in ihrer Dissertation, dass diese Kampagnen eine entscheidende Lücke aufweisen: Sie ignorieren weitgehend die etablierte Forschung zur narrativen Persuasion und zum Storytelling. Das Buch zielt darauf ab, diese Lücke zu schließen, um die Theorie und Praxis der Prävention und Bekämpfung von gewaltbereitem Extremismus (P/CVE) zu verbessern.
Methode
Zunächst transferiert Schlegel (Kap. 3) systematisch Konzepte der Persuasionsforschung (z. B. Transportation, Identifikation, Eudaimonie) und erweitert damit etablierte P/CVE-Modelle, die zum Beispiel durch das Radicalisation Awareness Network (RAN) empfohlen werden. Dieser theoretische Rahmen wird anschließend empirisch angewendet: durch 31 Experteninterviews mit Forscher*innen und Praktiker*innen in Deutschland und Großbritannien (Kap. 5) sowie eine detaillierte qualitative Fallstudie (Kap. 6) zur österreichischen YouTube-Kampagne „Jamal al-Khatib“.
Zentrale Befunde
Schlegel zeigt, dass die P/CVE-Praxis narrative Persuasionsforschung kaum nutzt, oft aus Skepsis gegenüber Fiktion oder Angst vor Manipulationsvorwürfen. Schlegel argumentiert, dass dies die Wirksamkeit von Counter- and Alternative Narratives untergräbt. Die Analyse der „Jamal al-Khatib“-Kampagne demonstriert, wie Konzepte wie die Appropriation von Ästhetiken, die Gestaltung der Storyworld und das Potenzial zur Identifikation analysiert werden können, um das persuasive Potenzial einer Kampagne einzuschätzen. Aus diesen Analysen leitet Schlegel Handlungsempfehlungen für die Praxis ab: P/CVE-Akteur*innen sollten den Unterhaltungswert ihrer Kampagnen priorisieren, da nur emotional ansprechende Geschichten Reaktanz überwinden können. Zudem plädiert die Autorin für den mutigeren Einsatz fiktionaler Stoffe, die gestalterische Freiheiten bieten, ohne an Überzeugungskraft einzubüßen. Schließlich sei es essenziell, gezielt Mechanismen wie das Eintauchen in die Handlung und parasoziale Interaktionen mit Charakteren zu fördern, anstatt sich auf reine Argumentation zu verlassen.
Die vollständige Publikation finden Sie hier:
https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-658-47813-1
Quelle
Schlegel, Linda (2025). Storytelling Against Extremism. Advancing Theory and Practice of Digital Narrative Campaigns against Extremism. Wiesbaden, Springer VS.

