Vorwort

Liebe Leserin, lieber Leser,

unsere demokratische Gesellschaft steht heute vor großen Herausforderungen. Politische und soziale Veränderungen verlaufen rasant – und sie hinterlassen Spuren im Miteinander. „Uncivil Society“, die „Schattenseiten der Zivilgesellschaft“ – das beschreibt eine Gesellschaft, in der demokratische Prinzipien und Konsense durch Konflikte, Spannungsverhältnisse und Tendenzen von Radikalisierung infrage und auf die Probe gestellt werden. Gruppen driften auseinander, der Ton in Debatten wird rauer. Das alles gefährdet den gesellschaftlichen Zusammenhalt, die demokratische Kultur – und letztlich auch den sozialen Frieden. Diese Entwicklungen werfen wichtige Fragen auf: Was sind die Ursachen für diese Ambivalenzen? Welche Auswirkungen haben sie auf (ehrenamtliches) Engagement in Vereinen, Bündnissen, Institutionen sowie auf die demokratische Kultur? Und wie können wir den Herausforderungen begegnen, um eine lebendige, inklusive und widerstandsfähige Demokratie zu bewahren? Dazu gehören auch Fragen der gesellschaftlichen Integration, des Vertrauens in Institutionen, der Medienkompetenz und nicht zuletzt der politischen Partizipation. Gesellschaftliche Gruppierungen, die sich politisch nicht gehört oder ihre Interessen nicht vertreten sehen, entfremden sich in der Folge womöglich vom demokratischen Diskurs.

Radikale oder extremistische Weltanschauungen, die unsere demokratischen Grundwerte ablehnen oder infrage stellen, bedrohen den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Sie schüren Spaltung und Konflikte, anstatt auf Dialog, Kompromiss und gemeinsame Werte zu setzen. Extremistische Gruppierungen versuchen gerade in ländlich geprägten Gebieten, Räume für ihre Aktivitäten zu etablieren. Mit ihrer wiederholten Präsenz wollen sie ihre Einstellungen und Ideologien normalisieren und als gesellschaftlich akzeptabel darstellen. Dies kann dazu führen, dass antidemokratische und extremistische Positionen in bestimmten Regionen als weniger bedrohlich wahrgenommen werden, was den gesellschaftlichen Zusammenhalt weiter schwächt.

Die Bewältigung dieser Herausforderungen erfordert ein starkes Zusammenspiel von Politik, Verwaltung und engagierter Zivilgesellschaft. Wir müssen Strategien (weiter-)entwickeln, die auf Inklusion, Bildung, soziale Gerechtigkeit und den Abbau von Vorurteilen abzielen. Andernfalls besteht die Gefahr, dass gesellschaftliche Spaltungen vertieft und demokratischer Dialog geschwächt werden.

Mit dem Thüringer Landesprogramm für Demokratie, Toleranz und Weltoffenheit stellt das Thüringer Sozialministerium ein wichtiges Instrument bereit, das auch die Herausforderungen und Entwicklungen einer „Uncivil Society“ adressiert und bearbeitet. Das Programm fördert und vernetzt Projekte, die in den Bereichen Demokratiebildung und Prävention beteiligungsorientierte Alltagskultur entwickeln, Beratungs- und Unterstützungssysteme bereitstellen und die Partnerschaft von Staat und Zivilgesellschaft ausgestalten. Die durchgeführten Maßnahmen und die geförderten Institutionen und Projekte eint das Verständnis, dass eine lebendige Demokratie auf das gesellschaftliche Engagement der Bürgerinnen und Bürger angewiesen ist.

Das Ziel ist klar, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken, demokratische Kultur zu fördern und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit wirksam entgegenzutreten. Das Programm ist eine Antwort auf die derzeitigen Herausforderungen und wird gestärkt und weiterentwickelt. Die Festigung unserer Demokratie bleibt eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, an der alle mitwirken müssen.

Das Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ) begleitet das Landesprogramm seit vielen Jahren mit Forschung und Expertise. Der vorliegende Band der Schriftenreihe befasst sich mit Perspektiven, aktuellen Tendenzen und Befunden zu jenen Seiten der Zivilgesellschaft, die eine Herausforderung für das demokratische Miteinander darstellen können.

Ich wünsche Ihnen eine interessante und informationsreiche Lektüre.