Ausgangspunkt
Im Juli 2024 wurde das von Jürgen Elsässer herausgegebene rechtsextreme Compact-Magazin vom Bundesinnenministerium verboten. Zur Begründung bezog sich das Ministerium auf „antisemitische, rassistische, minderheitenfeindliche, geschichtsrevisionistische und verschwörungstheoretische Inhalte“, die durch Compact verbreitet wurden (Bundesministerium des Innern und für Heimat 2024, 1). Gleichzeitig wurden bis auf den offiziellen Telegram-Kanal sämtliche zugehörige Social-Media-Kanäle von den jeweiligen Plattformen gesperrt. Gegen das Verbot ging Compact juristisch vor. Nach einer Aussetzung ab August 2024 wurde es im Juni 2025 durch das Bundesverwaltungsgericht aufgehoben. Der Verbotsversuch und die Urteilsbegründung zeigen jedoch, dass rechtsextreme On- und Offline-Publikationen als Verbreitungsweg demokratiegefährdender Inhalte angesehen werden. Während diese für das Gesamtangebot nicht prägend genug seien, um ein Verbot zu rechtfertigen, betonte das Gericht jedoch die Verbreitung verfassungsfeindlicher und verschwörungstheoretischer Inhalte sowie die politische Agenda von Compact (Bundesverwaltungsgericht 2025).
Im vernetzten Online-Ökosystem rechtsextremer Akteure gibt es außer Compact eine Vielzahl unterschiedlicher Medien und anderer Akteur*innen, die regelmäßig aufeinander Bezug nehmen und radikalen Akteur*innen als Quelle von Informationen und Argumenten dienen (Buehling und Heft 2023). Vor diesem Hintergrund will diese Studie eine Einschätzung geben, welche Folgen ein Verbot eines einzelnen rechtsextremen Mediums wie Compact für das Angebot an verfügbaren rechten Themeninhalten für Nutzende hätte. Hat das für seine demokratiegefährdenden Inhalte herausgestellte Compact-Magazin tatsächlich eine kritische Sonderrolle im rechten Informationsökosystem oder hätten andere Medien das Potenzial, die Angebotslücke rechtsextremer Inhalte zu schließen, die ein erfolgreiches Verbot verursacht hätte?
Das inhaltliche Angebot der rechtsextremen Medien wird anhand der narrativen Einbettungen der Verschwörungstheorie vom „Großen Austausch“ über einen Zeitraum von zehn Jahren untersucht. Wir stellen folgende Forschungsfragen:
- In welchem Zusammenhang verweisen die untersuchten rechten hyperparteiischen Medien auf die Verschwörungstheorie vom „Großen Austausch“?
- Welche potenziellen thematischen Angebotslücken ergäben sich durch ein Verbot eines einzelnen Mediums?
Durch die Betrachtung von Angebot und Nachfrage wird trianguliert, was ein solches Verbot angesichts des komplexen Informationsökosystems rechtsextremer Medienakteur*innen auszurichten vermag. Anhand der erhobenen Daten wird erörtert, welche weiteren regulativen Maßnahmen in Bezug auf das Verbot einzelner Medien in Betracht kämen.
Rechte hyperparteiische Medien und ihr Informationsökosystem
Rechtsextreme Online-Medien nehmen als Verbeiter hyperparteiischer Inhalte eine wichtige Rolle im Informationsökosystem der extremen Rechten ein. In ihrer Selbstdarstellung positionieren sie sich als Alternativmedien, die eine oppositionelle Haltung zu einem sogenannten „hegemonialen Mainstream“ der traditionellen Leitmedien einnehmen (Holt et al. 2019). Sie setzen dafür auf den Stil und die visuelle Ästhetik professioneller Nachrichtenmedien (Heft et al. 2020), während sie faktisch zwischen journalistisch anmutender Berichterstattung und ihrer Rolle als Mobilisierungsakteur rechtsextremer Bewegungen und Parteien wechseln (Mayerhöffer und Heft 2022). Aufgrund dieser hybriden Rolle können sie als info-politische Organisationen bezeichnet werden, die innerhalb eines Netzwerks mehr oder weniger institutionalisierter Akteure Koordinations- und Mobilisierungsfunktionen übernehmen (Yang 2020). Dabei versuchen sie, durch eine Selbststilisierung als Verbreiter „unterdrückter Inhalte“ ihre Wahrnehmung in der Öffentlichkeit aufzuwerten, während sie illiberale und demokratiefeindliche Standpunkte zirkulieren (Knüpfer 2025).
Im Ökosystem rechter und verschwörungstheoretischer Akteur*innen sind rechtsextreme Medien (Heft et al. 2021), Influencer*innen (Rothut et al. 2024) und Politiker*innen (Greene 2024) eng vernetzt, verstärken und legitimieren sich gegenseitig (Baele et al. 2023). Sie dienen rechten Bewegungen häufig als Bezugspunkt für Informationen, wie Buehling und Heft (2023) anhand geteilter Hyperlinks der Querdenken-Bewegung sowie Haller und Holt (2019) für PEGIDA analysierten. In beiden Studien wurde jedoch auch gezeigt, dass rechte hyperparteiische Medien ergänzend und nicht als Substitut etablierter Qualitätsmedien genutzt werden. Dabei verbreiten sie Desinformationen (Henriksen et al. 2024) oder verstärken als Intermediäre die Kampagnen rechtsextremer Bewegungen in die breite Öffentlichkeit und Parteien hinein (Klinger et al. 2023).
Die untersuchten Medien und ihre Nachfrage
Wir untersuchen die Beschaffenheit und Robustheit des rechten Online-Ökosystems in Deutschland anhand vier exemplarischer Medien am Beispiel von Inhalten, die Bezüge zur Verschwörungstheorie vom „Großen Austausch“ aufweisen. Diese greift auf rassistische und antisemitische Narrative zurück und ist zu einem zentralen Element rechtsextremer Argumentation geworden (Ekman 2022). Die Erzählung beschreibt einen vermeintlichen Plan global agierender Eliten, die demografischen Strukturen westlicher Gesellschaften so zu verändern, dass die weiße, christliche Bevölkerung gezielt marginalisiert oder ersetzt würde. Explizite oder verklausulierte Bezüge auf diese Verschwörungstheorie stehen modellhaft für die Medieninhalte, die das Bundesinnenministerium in seiner Verbotsbegründung herangezogen hat.
In unserer Studie werden Inhalte der rechten und verschwörungstheoretischen Medien Compact, Epoch Times Deutschland, Junge Freiheit und Politically Incorrect (PI News) auf ihre Rolle in der Verbreitung der Verschwörungstheorie vom „Großen Austausch“ untersucht. Die Publikationen repräsentieren verschiedene Typen rechter hyperparteiischer Medien mit spezifischer Historie, inhaltlicher Ausrichtung sowie organisationaler, personeller und finanzieller Aufstellung. Compact und Junge Freiheit haben als periodische, bewegungsnahe Printpublikationen begonnen und sich dann auch digital aufgestellt. PI News und Epoch Times Deutschland sind genuine Onlinemedien. Ersteres ist ein Blog, während das zweite Teil eines internationalen Medienunternehmens der Falun-Gong-Sekte ist, die regelmäßig rechtsextreme und verschwörungstheoretische Artikel veröffentlicht (Forberg 2022). Obwohl alle betrachteten Medien dem rechtspopulistischen Spektrum zuzuordnen sind (Schmiege et al. 2023; Schwaiger 2022), bilden sie keine ideologisch homogene Einheit. Während Compact und PI News als offen rechtsextrem klassifiziert wurden (Dreesen und Krasselt 2022; Schilk 2024), gilt die Junge Freiheit als Scharnier zwischen rechtskonservativen und extremistischen Publika (Müller und Freudenthaler 2022). Epoch Times ist als thematisch breit aufgestellter Akteur (Müller und Freudenthaler 2022) bekannt, der in AfD-bezogenen Online-Diskussionen eine große Verbreitung erfährt (Bachl 2018).
Die Relevanz der untersuchten hyperparteiischen Medien im rechten Informationsökosystem speist sich aus der Nachfrage nach ihren Inhalten. Diese kann aus zwei Blickwinkeln betrachtet werden: einerseits durch die Ergebnisse einer umfassenden bevölkerungsrepräsentativen Befragung zur Nutzung von „Alternativmedien“ (Strippel et al. 2024).1 Nähere Details zur Befragung sind im Anhang D ausgeführt;2 andererseits durch die Social-Media-Präsenz und Abonnent*innenzahl auf unterschiedlichen Plattformen. Diese gibt darüber Aufschluss, wie viele Social-Media-Nutzende sich aktiv dafür entscheiden, Inhalte dieser Medien in ihrem Feed zu sehen. Dabei berücksichtigen wir sowohl populäre als auch randständigere „dunkle“ Social-Media-Plattformen (Frischlich et al. 2022) (Suchstrategie und Accountnamen sind im Anhang C aufgeführt). Weitere Interaktionsmetriken (z. B. Zahl der Weiterleitungen und „Likes“), die Hinweise auf die Reichweite konkreter Posts geben können, wurden hier nicht erhoben. Die Zusammenfassung beider Ansätze ist in Tabelle 1 dargestellt.

Tabelle 1: Nutzungsstatistiken der untersuchten Medien; Befragungsergebnisse auf Basis einer bevölkerungsrepräsentativen Befragung (siehe Anhang D); Social-Media-Statistiken sind das Ergebnis einer manuellen Recherche im März 2025
Die Befragungsergebnisse zeigen, dass unter allen Alternativmediennutzenden (2.113 von insgesamt 12.354 Befragten) etwa ein Viertel das Compact-Magazin liest. Compact verzeichnet nicht nur die höchste individuelle Nutzung, sondern 21 % der Compact-Leser*innen geben zudem an, dass Compact unter den abgefragten Alternativmedien das Einzige ist, das sie konsumieren. Die Junge Freiheit erreicht mit rund 15 % die zweitmeiste Nutzung sowohl insgesamt als auch hinsichtlich der exklusiven Leser*innenschaft. Epoch Times und PI News werden von den Befragten nicht nur weniger konsumiert, der geringe Anteil der ausschließlichen Nutzung deutet zudem darauf hin, dass sie lediglich als ergänzende Quellen in einem breiteren Repertoire rechte hyperparteiischer Medien genutzt werden.
Ebenfalls unterscheidet sich die Plattform-Präsenz der vier betrachteten Medien. Compact ist aktuell lediglich auf X, YouTube, Telegram und VK aktiv, weist auf diesen Plattformen jedoch mit Ausnahme von X (zweiter Platz) die meisten Abonnent*innen auf. Die Junge Freiheit ist divers aufgestellt und unterhält auf allen populären Plattformen Accounts, inklusive der bei jüngeren Publika beliebten audiovisuellen Plattformen Instagram und TikTok, mit vergleichsweise hohen Abonnent*innenzahlen. Epoch Times erreicht das größte Publikum auf Facebook und ist das einzige untersuchte Medium, das ebenfalls auf den relativ unmoderierten YouTube-Alternativen Odysee und Rumble aktiv ist. Die Social-Media-Präsenz von PI News ist vergleichsweise gering. Insgesamt lässt sich feststellen, dass die verstärkten Moderationsbestrebungen der größten Social-Media-Plattformen während und nach der COVID-19-Pandemie (Fielitz und Jaspert 2023) nicht dazu geführt zu haben scheinen, dass deutsche rechte hyperparteiische Medien auf unmoderierte Plattformalternativen ausgewichen sind. Eine Ausnahme bildet Telegram, auf dem alle untersuchten Medien einen Kanal unterhalten.
Daten und Methode
Zur Analyse des Angebots rechter, verschwörungstheoretischer Inhalte nutzen wir einen umfangreichen Datensatz mit Artikeln der vier beschriebenen hyperparteiischen Medien. Dieser basiert auf einer diktionärsbasierten Datensammlung (Heft und Buehling 2022), in der wir sämtliche publizierte Artikel der vier Medien nach Worten durchsucht haben, die im Zusammenhang mit den narrativ überlappenden Verschwörungstheorien des „Großen Austauschs“ und der „Neuen Weltordnung“ stehen (z. B. „Großer Austausch“, „Kalergi-Plan“). Die so identifizierten Artikel wurden anschließend automatisiert bezüglich ihrer Zugehörigkeit zur Verschwörungstheorie des „Großen Austauschs“ klassifiziert.3 Das resultierende Korpus besteht aus 8.896 Artikeln im Zeitraum zwischen 2011 und 2020 (Compact n=666, Epoch Times n=2.114, Junge Freiheit n=923, PI News n=5.193).
Wir verwenden die transformerbasierte Themenmodellierung BERTopic (Grootendorst 2022), um auszudifferenzieren, in welchem thematischen Zusammenhang sich in den verschiedenen Publikationen Bezüge auf die Verschwörungstheorie finden. Die genauen Modellspezifikationen werden im Anhang E berichtet. So wird analysiert, wo thematische Überschneidungen zwischen den hyperparteiischen Medien bestehen und wo thematische Nischen zu finden sind. Außerdem untersuchen wir die Toxizität der verschwörungsbezogenen Artikel mithilfe des auf die deutsche Sprache abgestimmten BERT-Modells ankekat1000/toxic-bert-german (genauer beschrieben in Anhang B). Toxizität beschreibt in diesem Fall das spezifische Vorkommen von „Hassrede, diffamierende[n] und diskriminierende[n] Kommentare[n], Belästigung und Gewaltandrohungen“ (Wilms et al. 2025, 1). Die zur Klassifizierung, Themenmodellierung und Toxizitätsbestimmung genutzten, vortrainierten Transformer-Modelle besitzen den Vorteil, dass sie nicht nur einzelne Wörter zur Textauswertung in Betracht ziehen, sondern den gesamten sprachlichen Kontext des jeweiligen Artikels berücksichtigen.
Ergebnisse
Zur Analyse des inhaltlichen Angebots der untersuchten Medien ergab die Schätzung des Themenmodells, dass sie in 59 verschiedenen thematischen Kontexten auf die Verschwörungstheorie des „Großen Austauschs“ Bezug nehmen. Die Anzahl der erkannten Themen spiegelt die Anknüpfungsfähigkeit der Verschwörungstheorie wider, die in verschiedenen thematischen Bezügen zur Untermauerung rechtsextremer Argumentationsmuster herangezogen wird. Darunter finden sich Themen wie EU-Grenzpolitik, islamistischer Terrorismus, Medienkritik sowie Bezüge zu Christentum, Säkularisierung und Christenverfolgung.
Während alle erkannten Themen unterschiedlich genug sind, um vom Klassifizierungsmodell identifiziert zu werden, besteht dennoch zwischen manchen eine größere inhaltliche Nähe. So beziehen sich manche auf verschiedene Einzelthemen der Innenpolitik wie politische Strategie und Parteipolitik. Andere Themen adressieren bestimmte Facetten der Muslim- oder Gender-Feindlichkeit sowie rassifizierende Kriminalitätsberichterstattung. Die Verteilung der Artikel der einzelnen Medien über das gesamte Themenspektrum ist in Abbildung 1 dargestellt.

Abbildung 1: Anzahl der veröffentlichten Artikel nach Medium und Thema
Es gibt wenige Themen, die vorrangig von einzelnen hyperparteiischen Medien berichtet werden. Stattdessen werden die meisten Themen von allen betrachteten Medien abgedeckt, wobei sich in PI News die höchste Artikelzahl mit Bezug zu unserem Themenschwerpunkt fand.4 Insbesondere Compact ist in keinem Thema im Kontext des „Großen Austauschs“ quantitativ dominant, deckt jedoch ein breites thematisches Spektrum ab. Da Artikel von PI News und Epoch Times in unserem Datensatz überwiegen, wurden zudem die Top-10-Themen der einzelnen Medien berechnet, um ihr Themenprofil unabhängig von der Gesamtanzahl der Artikel zu analysieren. Die Inhalte der Top-10-Themen sind in Tabelle 2 genauer beschrieben, während Informationen zu allen weiteren Themen in Anhang E aufgeführt sind.

Tabelle 2: Top-10-Themen der betrachteten Medien; Anmerkung: * Misstrauen gegenüber offiziellen Darstellungen; ** Sexualisierte Gewalt; *** Bedrohung; **** Anschläge und Sicherheitspolitik; ***** Körperliche Gewalt
Die Einbettung des „Großen Austauschs“ erfolgt in Compact insb. in politikbezogene Diskurse (Parteipolitik in Deutschland und politische Strategie) sowie im Kontext elitenfeindlicher Themen (Anti-Elitismus, Medienkritik und Misstrauen gegenüber offiziellen Darstellungen zu Migration). Neben antisemitischen, migrations- und islamkritischen Themenschwerpunkten prägen, im Gegensatz zu den anderen untersuchten Medien, zwei genderbezogene Themen (Anti-Gender-Mobilisierung und rassifizierende Kriminalitätsberichterstattung im Kontext sexualisierter Gewalt) das Themenprofil von Compact.

Abbildung 2: Anteil aller untersuchten Medien an den Top-10-Themen des Compact-Magazins
Während Parteipolitik in allen untersuchten hyperparteiischen Medien zentral behandelt wird, steht politische Strategie ausschließlich in Compact und der Jungen Freiheit im Fokus, deren Themenprofile sich sowohl in politikbezogenen als auch elitenfeindlichen Themen ähneln. Ein vergleichbarer Schwerpunkt auf George Soros als antisemitisch konnotiertes Feindbild findet sich ausschließlich in Epoch Times. Migrationskritische und islambezogene Themen sind in allen Medien präsent, prägen aber besonders das Themenprofil von PI News in Kombination mit Debatten um (religiöse) Identität. PEGIDA-bezogene Themen nehmen bei PI News, Epoch Times und Junge Freiheit einen zentralen Stellenwert ein. Abbildung 2 zeigt die Top-10-Themen von Compact sowie deren Abdeckung durch andere Medien. Nach einem erfolgten Verbot hätten diese Medien mögliche Ausweichorte für Compact-Leser*innen geboten, die sich wegen des spezifischen Themenfokus für Compact entscheiden. Während alle Themen zu großen Anteilen von PI News abgedeckt werden, trifft dies insbesondere auf Islamkritik, Medienkritik und Anti-Elitismus zu. Themen, die den rechten Kulturkampf mit Gender-Bezug betreffen, sowie Anti-Soros-Propaganda werden verhältnismäßig stark von Epoch Times besprochen. Die Themenbereiche Medienkritik, Politische Strategie, aber auch Anti-Gender-Mobilisierung finden sich in einem größeren Maß bei der Jungen Freiheit.
Vergleichen wir den thematischen Fokus der Medien auf Basis des relativen Anteils an Artikeln, den sie einzelnen Themen widmen, dann ist erkennbar, dass sich Compact und Junge Freiheit am stärksten ähneln (Abb. 3). Dennoch unterscheiden sich alle weiteren Medien mit einer Kosinus-Ähnlichkeit zwischen 0,63 und 0,75 thematisch höchstens im Detail.5

Abbildung 3: Kosinus-Ähnlichkeit der Themenprofile aller untersuchten Medien
Die vier Medien besetzen ihre jeweilige Position im rechten Informationsökosystem jedoch nicht ausschließlich durch ihre Themenwahl. Ein weiterer Faktor der eigenen Positionierung liegt im Ton, der in ihren Artikeln angeschlagen wird. Maßgeblich für die vorliegende Analyse ist die Toxizität der Sprache, da auch diese zur „aufwiegelnden Wirkung“ (Bundesministerium des Innern und für Heimat 2024) der Texte beitragen kann. Vergleichen wir die durchschnittliche Toxizität der Artikel in den vier Medien (Abb. 4), ist erkennbar, dass Compact einen toxischeren Stil pflegt als die Junge Freiheit und Epoch Times und in dieser Hinsicht lediglich von PI News übertroffen wird. Würden sich also Compact-Leser*innen nach einem etwaigen Verbot PI News zuwenden, würden sie dort Artikel finden, die noch aufwieglerischer und in abwertender Sprache geschrieben sind. Würden sie jedoch die thematisch insg. ähnlichere Junge Freiheit nutzen, dann wäre die Alternative zumindest sprachlich weniger extrem.

Abbildung 4: Durchschnittliche Artikel-Toxizität nach Medium. Die Fehlerbalken geben den Standardfehler an. Die Sterne zeigen das Signifikanzniveau des Mann-Whitney-Verteilungstests mit Holm-Korrektur für multiple Vergleiche an. Die Signifikanzniveaus lauten: *p < .05; **p < .01; ***p < .001
Fazit
Die vorangegangenen Analysen haben gezeigt: Die Einbettung verschwörungstheoretischer Inhalte im Informationsökosystem rechter hyperparteiischer Medien folgt ähnlichen Mustern. Während Compact, Junge Freiheit, Epoch Times und PI News im Detail eigenständige thematische Foki setzen, sind sie sich insgesamt in der Themenauswahl sehr ähnlich. Dennoch unterscheiden sie sich in der Toxizität der Inhalte, wobei Compact und PI News signifikant toxischer sind als Junge Freiheit und Epoch Times. Allen Medien ist zudem gemein, dass sie versuchen, ihr Publikum auf X, YouTube und Telegram zu erreichen. Die Nutzung weiterer populärer (Facebook, Instagram, TikTok) oder randständiger (Gettr, Gab, Rumble, Odysee) Social-Media-Plattformen unterscheidet sich stark. Die Befragungsdaten zeigen, dass die meisten Nutzenden von „Alternativmedien“ die hyperparteiischen Medien Compact und Junge Freiheit nutzen und dies auch häufig die einzigen genutzten „Alternativmedien“ des hier untersuchten Samples sind. Epoch Times und PI News werden hingegen weniger und ergänzend genutzt. Die Präferenzen Nutzender spiegeln sich auch in den Abonnent*innenzahlen der untersuchten Medien auf verschiedenen Social-Media-Plattformen wider.
Plattformspezifische Inhaltsmoderation
Social-Media-Plattformen und Online-Medien sind eine wichtige Infrastruktur für die Verbreitung rechtsextremer und verschwörungstheoretischer Ideologien (Buehling et al. 2025), die gerade Akteur*innen jenseits der gesellschaftlichen Mitte Möglichkeiten für Kommunikation und Mobilisierung bieten. Sowohl die offenkundig destruktiven Auswirkungen konstanter oder viraler antidemokratischer Inhalte auf Social-Media-Plattformen als auch regulativer Druck durch Regierungen und kommerzielle Interessen haben in der Vergangenheit Plattformbetreibende dazu bewogen, die Grenzen erlaubter Äußerungen zu definieren und mithilfe von Inhaltsmoderation durchzusetzen (Fielitz und Jaspert 2023). Diese Moderation fokussiert sich jedoch häufig auf einzelne Accounts, während die Verbreitung schädlicher Inhalte meist in einem vernetzten Online-Ökosystem verschiedenster Akteur*innen geschieht. Weiterhin enden die Moderationsbestrebungen meistens an den jeweiligen Plattformgrenzen, obwohl sowohl Nutzende als auch rechte hyperparteiische Medien oft auf verschiedenen Plattformen simultan aktiv sind.
Im hier analysierten Beispiel würde eine einfache Accountsperre von Compact auf X (75.600 Abonnent*innen) nicht deren Informationsverbreitung auf Telegram (81.500 Abonnent*innen) oder der Website beeinflussen. Eine Content-Moderation, die das gesamte Informationsökosystem rechtsextremer Akteur*innen berücksichtigt, würde aber eine gemeinsame Koordination verschiedener Plattformbetreibender voraussetzen. Diese war in der Vergangenheit selten und erscheint aufgrund unterschiedlicher Philosophien, kommerzieller Interessen und rechtlicher Verpflichtungen auch künftig unwahrscheinlich. Ebenfalls ist die Moderationsdurchsetzung einzelner Plattformen wandelbar, wie sich an der verringerten Moderation auf X nach der Übernahme durch Elon Musk zeigt. Das plattformübergreifende Verbot eines verfassungsfeindliche Inhalte verbreitenden Mediums erscheint also zur Einschränkung eines plattformübergreifend vernetzten Ökosystems angemessen. Wie sich im Fall des Compact-Verbots zeigte, erfordert eine staatliche Einschränkung eine höhere Begründungstiefe und eine längere Durchsetzungszeit als einzelne Plattformentscheidungen. Denn, wie in der Urteilsbegründung angeführt, garantiere das Grundgesetz „selbst den Feinden der Freiheit die Meinungs- und Pressefreiheit“ (Bundesverwaltungsgericht 2025). Dass umfassende, plattformübergreifende Verbote dennoch durchsetzbar sind, zeigen die EU-weiten Sanktionen gegen russische Staatsmedien wie RT (Russia Today) seit 2022, die selbst auf weniger moderierten Plattformen wie Telegram umgesetzt wurden. Trotz möglicher Umgehungsversuche auf Angebots- sowie Nachfrageseite würden Verbreitung, Verfügbarkeit und Finanzierung der Inhalte stark eingeschränkt. Werden etwa Kopien der Webseite unter neuen Domains veröffentlicht, können auch diese gesperrt werden (Institute for Strategic Dialogue 2025; Schafer et al. 2024). Im Fall des Erfolgs wäre dadurch die demokratische Legitimation dieser Entscheidung transparenter und nachvollziehbarer gewesen als die Entscheidungsfindung einzelner Plattformbetreibender.
Zielkonflikte ökosystemsensibler Inhaltsmoderation
Wenn das Ziel des Verbots eines hyperparteiischen Mediums die effektive Beschränkung des antidemokratischen Informationsökosystems und die Minderung systemischer Risiken für einzelne Personen und die Gesellschaft ist (vgl. Art. 34 des Digital Services Act (DSA)), dann ergeben sich aus der vorliegenden Analyse Zielkonflikte zwischen der Einschränkung des Inhaltsangebots und der Größe der Nachfrage. In der Gesamtmenge verschwörungsbezogener Inhalte stammten die meisten Artikel unserer Analyse von PI News und Epoch Times. Innerhalb der Artikel zur inhärent rassistischen und antisemitischen Theorie des „Großen Austauschs“ ist die in PI News verwendete Sprache zudem die toxischste. Gleichzeitig abonnieren dieses Medium weniger Nutzende auf Social-Media-Plattformen und die Befragungszahlen zeigen eine geringe und hauptsächlich ergänzende Nutzung. Das Compact-Magazin hingegen hat eine geringere Artikelzahl veröffentlicht, die als verschwörungsbezogen klassifiziert wurde. Dafür erreicht es das größte Publikum und weist die zweitgrößte Toxizität auf.
Es lässt sich argumentieren, dass Inhalte besonders dann in den Fokus von Moderation und Verboten gerückt werden sollten, wenn sie nicht nur problematisch sind, sondern auch durch Masse und Sichtbarkeit potenziell bei einer größeren Anzahl von Menschen Schaden verursachen können. Dieser Logik folgt beispielsweise der DSA, dessen Verpflichtung zur Minderung systemischer Risiken an die Größe der von den Plattformen erreichten Nutzer*innenschaft gekoppelt ist. Dies betrifft sowohl mögliche Radikalisierungseffekte bei Leser*innen als auch die indirekten Effekte für Betroffene von Online-Hass. Der Versuch, mit Compact eines der reichweitenstärksten rechtsextremen Medien zu verbieten, kann daher als Reaktion auf dessen proportionale Relevanz gewertet werden. Gleichwohl können auch Medien mit geringerer Nachfrage durchaus schädliche oder demokratiegefährdende Folgen verursachen.
Potenzielle Effekte eines Compact-Verbots
Aus einer ökosystemsensiblen Perspektive lässt sich zudem auf verschiedene kurz- und mittelfristige Effekte eines Compact-Verbots schließen: Compact verfügt über eine hohe Nachfrage durch Lesende, die angeben, Compact als einziges „Alternativmedium“ des hier untersuchten Samples zu nutzen. Eine durch ein erfolgreiches Verbotsverfahren verursachte Angebotslücke würde diese Leser*innen am meisten treffen, da sie weitere rechtsextreme Medien konsumieren müssten, um eine vergleichbare Themenauswahl zu erhalten. Während die Junge Freiheit in unserer Analyse thematisch am nächsten liegt, würde PI News Inhalte mit sogar höherer Toxizität bereitstellen. Die 79 % der Compact-Leser*innen, die auch weitere „Alternativmedien“ konsumieren, könnten mit hoher Wahrscheinlichkeit die von Compact bearbeiteten Themen auch in einer Kombination der bereits von ihnen gelesenen Publikationen finden. Dort würde ein Verbot mittelfristig möglicherweise nur zu geringen Friktionen führen. Aus dieser Perspektive ist die Fokussierung auf ein einziges Medium innerhalb eines vernetzten Ökosystems extrem rechter Inhalte, welches in seiner Gesamtheit ein Risiko darstellt, unzureichend und zu kurz gegriffen.
1 Wir danken den Autor*innen für die Bereitstellung der Daten für unsere Sekundäranalyse.
2 Alle Anhänge sind im Online-Appendix unter osf.io/6rtxp/files abrufbar.
3 Das Suchverfahren, die genutzten Suchterme sowie die Parametrisierung des genutzten BERT-Modells finden sich in Anhang A.
4 Hier kann auch das Medienformat eine Rolle spielen: Während für Compact und Junge Freiheit die digitalisierten Print-Publikationen ausgewertet wurden, publizieren PI News und Epoch Times ausschließlich digital und sind damit in ihrer Menge unabhängig von Offline-Publikationsumfängen und -zyklen.
5 Eine höhere Kosinus-Ähnlichkeit ist als eine ähnlichere Verteilung der Themen zwischen zwei Medien zu verstehen. Ihr Wertebereich liegt zwischen 0 (keine Ähnlichkeit) und 1 (vollständige Übereinstimmung).
Kilian Buehling ist Postdoktorand am Institut für Rechtsextremismusforschung (IRex) der Eberhard Karls Universität Tübingen sowie dem Weizenbaum-Institut und der Freien Universität Berlin. Forschungsinteressen: Prozesse digitaler Informationsverbreitung, transnationale Kommunikationsprozesse, Netzwerkdynamiken digitaler Informationsökosysteme
Joana D. Becker ist studentische Mitarbeiterin an der Freien Universität Berlin und am Weizenbaum-Institut. Forschungsinteressen: Online-Diskurse, Mobilisierungsdynamiken sowie hybride Medienöffentlichkeiten
Xixuan Zhang ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Freien Universität Berlin und am Weizenbaum-Institut. Forschungsinteressen: digitaler Aktivismus, Onlinediskurse, vernetzte Öffentlichkeiten sowie Anwendung computergestützter Forschungsmethoden (z. B. Text-Mining)
Annett Heft ist Professorin für Rechtsextremismusforschung mit Schwerpunkt Medien und Öffentlichkeiten an der Eberhard Karls Universität Tübingen und Leiterin der Forschungsgruppe „Dynamiken der digitalen Mobilisierung“ am Weizenbaum-Institut und der Freien Universität Berlin. Forschungsinteressen: vergleichende Analyse politischer Kommunikation und Mobilisierung in Europa mit Fokus auf digitale Öffentlichkeiten, rechte Kommunikationsinfrastrukturen, transnationale Kommunikation sowie quantitative Methoden und Computational Social Science
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