Hybride Influencer*innen im Krisenkontext: eine Gefahr für die Demokratie?

Die Frage der Demokratiegefährdung durch Social-Media-Kommunikation wurde bisher vor allem mit Blick auf Rechtsextremismus, Fake News und Verschwörungsdenken diskutiert. Weniger bekannt sind Influencer*innen, die in Krisenzeiten, z. B. in der Pandemie, als Mediator*innen schlechter Nachrichten auftreten und mit subtileren Sinnangeboten Einfluss auf die Protestbereitschaft der Bürger*innen nehmen. Captain Future in Berlin und der Virologe Didier Raoult aus Marseille sind zwei Akteure, die sowohl die Regeln der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie beherrschen als auch klassische Protestressourcen besitzen und daher hier als hybride Influencer vorgestellt werden. Beruhend auf teilnehmender Beobachtung bei Protestevents und digitaler Ethnografie werden ihre Kommunikationsstrategien und das performative Repertoire als Re-enactment im Sinne von Goffman beschrieben. Das Politainment der beteiligten Influencer wird als demokratiegefährdend eingestuft, da es einerseits fortwährend Zweifel und Misstrauen schürt und sich andererseits einer klaren politischen Verortung entzieht. Davon profitieren rechtsextreme Trittbrettfahrer*innen innerhalb der Bewegung, die Slogans wie „Frieden, Freiheit, Selbstbestimmung“ in ihrem Sinn auslegen.


 

Empfohlene Zitierung:

Herms, Katrin (2025). Hybride Influencer*innen im Krisenkontext: eine Gefahr für die Demokratie? In: Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (Hg.). Wissen schafft Demokratie. Schwerpunkt Demokratiegefährdung online, Band 18. Jena, 100–115.

Schlagwörter:

Demokratiegefährdung, hybride Influencer, Krise, Soziale Medien, Protest

 

manche meinen
lechts und rinks
kann man nicht
velwechsern.
werch ein illtum!

Ernst Jandl (1966): Lichtung

Einleitung

Forschungsliteratur zur Demokratiegefährdung online hat sich bisher auf Fake News (Sachs-Hombach und Zywietz 2018), Verschwörungsdenken (Mahl, Zeng und Schäfer 2021) und Rechtsextremismus (Kaciaf und Klaus 2024) konzentriert. Weniger im Fokus stehen bisher Influencer*innen, die subtiler Einfluss auf die politische Meinungsbildung nehmen, nämlich wenn sie Protestforderungen mit Unterhaltung verbinden. Das Phänomen des Politainments ist nicht neu. Es meint die Verbindung von politischen Botschaften mit Entertainment über Medien und wurde erstmals in Bezug auf Fernsehsendungen untersucht (Dörner 2001). Politainment hat sich durch digitale Kommunikationswege aber zugespitzt (Plottu und Macé 2021). Während der Pandemie kam es zur massiven Verbreitung von Memes, Reels und Karikaturen, die das politische Krisenmanagement ironisiert haben. Die Metapher der Infodemic (z. B. bei Cinelli et al. 2020) wurde zum Modewort, um vor internetbasierter Mis- und Desinformation während der Pandemie zu warnen.

In Deutschland versammelten sich Gegner*innen der Coronapolitik als „Misstrauensgemeinschaft der ‚Querdenker‘“ (Reichardt 2021) und verwendeten dabei Begriffe wie „Lügenpresse“, die zuvor die rechtspopulistische Bewegung Pegida genutzt hatte. Gleichsam waren Slogans wie „Mein Körper, meine Wahl“ aus feministischen Kreisen bekannt. Auch viele Impfgegner*innen stammten eher aus einem linksliberalen Milieu, das schon viele Jahre vor der Pandemie existierte. In Frankreich sind die Coronaproteste demgegenüber in einer Kontinuität mit der sozialen Bewegung der Gilets Jaunes (le Bart 2020) zu sehen. Neu an den Corona-Demos in beiden Ländern war, dass erstmals Akteur*innen diverser soziodemografischer Hintergründe und politischer Orientierungen gemeinsam auf die Straße gingen. Slogans wie „Frieden, Freiheit, Selbstbestimmung“ nutzten sowohl linke als auch rechte Aktivist*innen. Dies stellte Beobachter*innen vor die Herausforderung, die Protestaktionen einer politischen Strömung zuzuordnen und die Vereinnahmung der Bewegung von Rechtsaußen einzuschätzen.

Im Beitrag formuliere ich die Hypothese, dass die Meinungsbildung während der Pandemie, und damit die Protestbereitschaft der Corona-Aktivist*innen, maßgeblich von Influencer*innen geprägt wurde, deren Sprache politisch uneindeutig war. Diese Influencer*innen haben als Mediator*innen agiert, also sinnstiftende Mittler*innen zwischen Nachrichten und Publikum (Ségur 2019) – an der Schnittstelle zwischen Internetaktivismus und Straßenprotest. Die Vermischung von Claims und politischer Verortung wird hier im Zusammenhang mit Politainment betrachtet. Schließlich fand die Mobilisierung hauptsächlich über sozialen Medien, v. a. Telegram, statt (IDZ 2020).

Dieser Beitrag befasst sich einerseits mit dem Phänomen Captain Future, einer Kunstfigur, inkorporiert von Michael Bründel. Er organisierte während des Lockdowns zahlreiche illegale Tanz- und Musik-Veranstaltungen über digitale Medien, war aber auch offline stark präsent und rief gegen die Einhaltung der Kontaktbeschränkungen auf. Der Berliner DJ und Aktivist wurde in der Pandemie als kostümierter Redner auf Corona-Demos und durch diverse Social-Media-Inhalte für die Bewegung Freedom Parade bekannt1 – ein Zusammenschluss von Corona-Aktivist*innen aus dem Raum Berlin-Brandenburg, die sich unter dem Motto „Tanz um dein Leben“ als Superhelden verkleideten. Die Protestevents waren meist Flashmobs, also spontane, flüchtige Treffen mit unverbindlicher Partyatmosphäre und künstlerischer Performance. Die Bezeichnung „Freedom Parade“ knüpft aber auch an die Bezeichnung des gleichnamigen Interessenverbands der Bundeswehr-Veteranen an.2 Wie bereits dokumentiert ist (Sommerlich 2021), haben die Protestaktionen von Freedom Parade politisch links- und rechtsorientierte Kritiker*innen der Schutzmaßnahmen zusammengeführt. Damit wurde die Komplexität und Brüchigkeit des Verhältnisses von Straßenprotest und gesellschaftlichen Werten deutlich. Schließlich war man bisher davon ausgegangen, dass die politische Orientierung maßgeblich für die Organisation von sozialen Bewegungen ist (Rucht und Neidhardt 2020, 850 f.).

Auf französischer Seite dient das (digitale) Wirken des Virologen Didier Raoult als Fallbeispiel. Seine politische Relevanz als ausgeschiedener Staatsberater im Conseil de Santé, dem Beratungsorgan der französischen Regierung, hat dem Wissenschaftler einerseits den Ruf eines kritischen Aussteigers verliehen. Andererseits haben seine viel geklickten YouTube-Videos, die er während der Pandemie als „wissenschaftlichen Newsletter“ (frz.: „Bulletins d’information scientifique“) anbot, zu seiner Popularität beigetragen. In seinen YouTube-Videos erklärte Didier Raoult wissenschaftliche Erkenntnisse für Zuschauer*innen ohne Vorwissen. Diese Inhalte verknüpfte er mit Kritik an den regierenden Eliten und löste so Kommentare, weitere Bilder und Memes zu seiner Person aus, die bis heute im Netz zirkulieren. Die globale Reichweite des französischen Impfkritikers haben Smyrnaios et al. (2021) mittels einer Netzwerk- und Diskursanalyse auf X/twitter untersucht. Die Forschenden fanden heraus, dass sich sogar Anhänger*innen von Trump und Bolsonaro mit der französischen Pro-Raoult-Community vernetzt haben. Wegen ärztlicher Pflichtverletzung hat der Virologe seit Anfang 2025 Berufsverbot.

Die Frage, welche Gefahr von hybriden Influencer*innen im Krisenkontext ausgeht, wird im Beitrag mittels digitaler Ethnografie und teilnehmender Beobachtung bei zehn Protestevents in Deutschland und Frankreich erörtert, die in den Jahren 2021 und 2022 in Berlin, Paris und in der österreichischen Grenzregion am Bodensee stattfanden. Die Untersuchung habe ich im Rahmen meiner Doktorarbeit im Fach Soziologie an der Universität Lausanne durchgeführt. Mit den Ergebnissen sollen Denkanstöße zum Thema Demokratiegefährdung in Europa gegeben werden, wo seit vielen Jahren ein politischer Rechtsruck zu verzeichnen ist (Schellenberg und Schellenberg 2024).

Die beiden Protestakteure, Captain Future in Deutschland und Didier Raoult in Frankreich, werden im Beitrag als hybride Influencer vorgestellt. Hybride Influencer*innen zeichnet aus, dass sie sowohl einer virtuellen Logik der Aufmerksamkeitsökonomie (Franck 1998) folgen als auch über Protestressourcen außerhalb des Internets verfügen und beide Formen der Mobilisierung miteinander verknüpfen. Zum Beispiel hatten die von Captain Future organisierten Tanz-Events während der Pandemie einen Flashmob-Charakter, der typisch ist für unverbindliche und dezentralisierte Ad-hoc-Mobilisierung im digitalen öffentlichen Raum (Bruns und Burgess 2011). Der Aufruf zu diesen Veranstaltungen kam zwar über digitale Verbreitungswege, vor allem über Telegram-Gruppen und YouTube-Videos, in Umlauf. Die Teilhabe vor Ort war aber nicht an eine Partizipation in entsprechenden Medien gebunden. Einige der von mir interviewten Aktivist*innen gaben an, nicht im Netz aktiv zu sein und stattdessen über persönliche Kontakte außerhalb des Internets von den Veranstaltungen erfahren zu haben. Andere sagten, dass sie kaum oder gar nicht bei den Straßenumzügen aktiv, dafür aber online gut vernetzt und aktiv seien. Damit wird das komplexe und vielschichtige Verhältnis von Online- und Offline-Protest deutlich, das auch Pastinelli (2011) bereits beschrieben hat.

Wo beginnt Demokratiegefährdung?

Theoretisch beginnt Demokratiegefährdung, wenn das Grundgesetz, das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit und demokratische Institutionen angegriffen werden, wie wir es in den USA beim Angriff auf das Kapitol – provoziert vom aktuell amtierenden Präsidenten Donald Trump – und beim Angriff auf den Reichstag in Berlin erlebt haben, an dem auch Aktivist*innen aus dem Querdenken-Milieu beteiligt waren. In einer Erklärung warnten Witt und Quent schon frühzeitig vor einer rechtsextremen Vereinnahmung der Corona-Krise (MOBIT/IDZ 2020). Wie die Demonstrationen in den Jahren der Pandemie zeigen, waren Captain Future und Didier Raoult in der Lage, mit ihren Sense-making-Angeboten breite Massen von politisch links und rechts orientierten Aktivist*innen zu versammeln. Bei der ersten Freedom-Parade-Demonstration am 16. Mai 2020 am Alexanderplatz beispielsweise beurteilte Michael Bründel die Maßnahmen als „extrem übertrieben“ und spielte Protestmusik mit den Zeilen „Wir sind gesund, keine Masken und kein Impfstoff“ (Sommerlich 2021). Didier Raoult stellte mehrmals in seinen YouTube-Videos die Statistiken des Gesundheitsministeriums infrage, zum Beispiel zum Thema Impfungen (Raoult 2022). Beide sahen in der Corona-Pandemie eine Erfindung der Regierungen, um Bürger*innen zu kontrollieren und von politischem Versagen abzulenken.

Dabei erfüllt das Umdeuten und Re-Interpretieren von zirkulierenden Informationen, insbesondere im Krisenkontext, eine wichtige soziale Funktion. Es kann die Risikowahrnehmung verschärfen und zu einer Konstruktion von Gegendiskursen beitragen, wie am Beispiel von deutschen Corona-Aktivist*innen schon gezeigt wurde (Primig 2024). Der kreative Umgang mit Nachrichten im Krisenkontext kann auch handlungsbefähigend wirken, indem Social-Media-Nutzer*innen ihren Gefühlen Raum geben, sich miteinander vernetzen und gemeinsame Zukunftsperspektiven entwickeln. Damit sind hybride Influencer*innen nicht per se demokratiegefährdend. Doch – so das Verständnis im vorliegenden Beitrag – ihre teils bewusst mehrdeutig angelegten Statements und Aktionen können rechtsextremen Trittbrettfahrer*innen in die Hände spielen, wenn Slogans und Forderungen ihre wertebasierte Verortung verlieren. Die Diskurslinguistin Wehling (2016) verweist auf die Gefahr von Missverständnissen, wenn Politiker*innen ihre moralischen Haltungen nicht eindeutig kommunizieren oder bewusst von der Sprache entkoppeln. Bonnet et al. (2024) sprechen in diesem Zusammenhang von „Depolitisierung“. So besteht die Gefahr von Missverständnissen auch beim Sense-Making im Krisenkontext, wenn Aussagen, Bilder und Karikaturen nicht eindeutig rechts oder links verortet sind. Rechtsextreme, so meine These, haben dann leichtes Spiel, ihre Lesart der gesellschaftlichen Lage zu verbreiten und Diskurshoheit zu erlangen.

Re-enactment in der Krise

Während der Corona-Pandemie waren die Regierungen gezwungen, ungewöhnlich schnell zu handeln, sodass soziale, kulturelle und demokratische Beteiligungsformen unterbunden wurden. Angeli Aguiton et al. (2019) zufolge leben wir durch die gegenwärtigen globalen Herausforderungen in einem permanenten Zustand der Ungewissheit und des potenziellen Risikos, der institutionelle Maßnahmen zur Überwindung dieser Krisen begünstigt. Der Begriff der Krise ist indes unscharf und wird in den verschiedenen Disziplinen unterschiedlich definiert. Manchmal wird er als ein Bruch oder eine Diskontinuität gesehen; er kann eine Dysfunktionalität oder den Moment kurz vor oder nach einer Katastrophe oder eine Phase des Übergangs bezeichnen. Das übliche Orientierungssystem funktioniert nicht mehr, da Hierarchien und Regeln möglicherweise neu konfiguriert wurden. In der Sicherheitsforschung ist der politische und soziale Ausnahmezustand daher durch Unsicherheit, Diskontinuität und Orientierungsbedarf gekennzeichnet (Boin et al. 2018).

In der Corona-Krise kamen rasch Klassifizierungen zur politisch steuerbaren Einteilung der Gesellschaft in Umlauf, etwa in systemrelevante Gruppen, Risikogruppen, Super Spreader etc. Deren diskriminierende Wirkung wurde bislang allerdings wenig diskutiert. Im politischen Ausnahmezustand der Pandemie war eine demokratische Debatte zur Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen nur begrenzt möglich, weil die Zeit fehlte. In der medialen Darstellung sind Journalist*innen, Politiker*innen und wissenschaftliche Expert*innen zugunsten eines unmittelbaren Krisenmanagements zuweilen „aus ihren Rollen gefallen“ und haben anderen Themen weniger Beachtung geschenkt. Goffmans (1956) Interaktionstheorie eignet sich daher, um die Protestaktionen von Captain Future und Didier Raoult als imitierendes Rollenspiel staatlicher Institutionen zu analysieren, was in der Forschungsliteratur bisher noch nicht unternommen wurde. Goffmans Ausdruck Re-enactment (Bénichou 2017) verweist auf den Wunsch nach einer Rückkehr zu einem Anfangszustand und gleichzeitig nach dessen Überwindung durch Spiel und Interpretation. Misztal (2001) präzisiert, dass es in Goffmans Theorie des Rollenspiels um das Aufrechterhalten von Normalität geht, die eng mit Vertrauen in gewohnte Abläufe und Strukturen verbunden ist.

Daran anknüpfend betrachte ich die Protestaktionen von Captain Future und Didier Raoult unter dem Gesichtspunkt ihrer Protest-Repertoires (Tilly 2006). Im Folgenden identifiziere ich zwei Facetten des Re-enactements im Krisenkontext: (1) Superheld, der Politiker*innen ablöst, und (2) alternativer Experte, der etablierte Wissenschaftler*innen ersetzt. Das Nachspielen dieser Rollen wird hier als implizierter Wunsch nach Partizipation und Wiederherstellung von Normalität gedeutet, die im Ausnahmezustand der Pandemie nicht mehr gegeben war.3

(1) Das mobilisierende Potenzial eines fiktiven Superhelden mit politischen Botschaften

Beide Regierungen bauten ihre politische Kommunikation auf Narrativen der Solidarität und Verantwortungsübernahme der Bürger*innen auf (Giraud et al. 2021). Der französische Präsident Emmanuel Macron erklärte am 16. März 2020, Frankreich stehe im Krieg gegen das Virus (Élisée, 16.03.2020). Bundeskanzlerin Angela Merkel bezeichnete zwei Tage später, am 18. März 2020, die deutsche Corona-Politik moderater als „alternativlos“ (ARD 2020).

Captain Future reagierte auf diesen Zustand, indem er die politische Leerstelle als fiktiver Superheld füllte. Die Idee dazu rührt von einer gleichnamigen Zeichentrickserie aus den 1970er-Jahren, in der der Protagonist zu fremden Planeten reist und dort als kultureller Mittler auftritt (Freedomparade 2025). Interessanterweise agierte auch der Corona-Aktivist Captain Future als Vermittler, weil er mit seinen Tanzveranstaltungen politisch linke und rechte Regierungskritiker*innen zusammenführte. Als Redner und Social-Media-Aktivist bewegte er sich zwischen fiktiver Kunstfigur und politischem Aktivismus, blieb mit seinen Statements und Aktionen oft uneindeutig und zeigte sich durch vorbelastete Symbolsprache, wie die typischerweise in rechtsextremen Kreisen geteilte red pill (= Bild der roten Pille aus dem Film „Matrix“), offen für Akteur*innen mit offensichtlich demokratiefeindlichen Haltungen. Gleichzeitig betonte er, linksliberal zu sein. Auf diese Weise konnten sich Menschen mit sehr unterschiedlichen Weltanschauungen und Erfahrungshorizonten angesprochen fühlen.

 

 

Abbildungen 1 und 2: Solidarität mit Captain Future, 12.3.2022, Berlin Mauerpark (persönliche Fotografien)

 

Ein Beispiel: Am 12. März 2022, einem Samstag im dritten Jahr der Pandemie, versammelten sich mehrere Tausend Demonstrant*innen im Berliner Mauerpark, um unter dem Motto #FriedlichZusammen gegen die deutsche Corona-Politik zu protestieren. Lokale Künstler*innen und Akteur*innen aus dem linksliberalen Milieu hatten die Aktion organisiert, besucht wurde die Kundgebung von Anhänger*innen verschiedener Protestgruppen mit unterschiedlichen politischen Einstellungen aus dem Raum Berlin-Brandenburg; einige Demonstrant*innen reisten aus ganz Deutschland und sogar aus dem Ausland an. Die Anwesenden wandten sich gegen das Krisenmanagement der deutschen Regierung und forderten insbesondere eine Lockerung der bis dahin geltenden Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen, darunter Feuerwehrleute und Beschäftigte im Gesundheitswesen. Die Kunstfigur Captain Future war bei der Kundgebung nicht anwesend, da Michael Bründel, der Kostümträger, wegen mehrfacher Verstöße gegen die Kontaktverbote bei seinen Tanzaktionen ein Teilnahmeverbot hatte. Stattdessen erschienen deutlich sichtbar geschätzt 80 bis 100 seiner Anhänger*innen mit gelben Augenbinden und Umhängen, dem Markenzeichen ihres Superhelden.

Dass die Anhänger*innen mit gelben Augenbinden und Umhängen kamen, kann als kollektives Re-enactment der Fan-Community gedeutet werden, nach dem Credo: „Wir alle sind Captain Future“. Die Aktion illustriert die Wirkmächtigkeit eines einzigen Telegram-Eintrags, der von der Tastatur eines zentralen Protestakteurs über partizipative Informationswege in die Community gelangt und dort seine Wirkung entfaltet hat. Denn Bründel hatte selbst zur Solidaritätsaktion für ihn aufgerufen (Freedomparade 2022).

Captain Future richtete sich mit seinem Portal Schwurbeltreff in selbstironischer Weise an „Aluhutträger und Verschwörungssachkundige“ (Schwurbeltreff 2025). Nach dem Abklingen der Pandemie verloren die Tanz-Flashmobs ihre Funktion. Nun lässt er sich zu Podcastgesprächen „unter Freunden“ einladen (Kontrafunk Unter Freunden 2025). Man kann diese Form des medialen Re-enactments als Manipulation oder fortgesetzte Mobilisierung für die Anliegen der Bewegung und Kritik an der medialen Stigmatisierung der Corona-Proteste sehen. Schließlich war die Berichterstattung über maßnahmenkritische Demos in den klassischen Massenmedien recht pauschalisierend und abschätzig (vgl. Waldhaus 2021), worauf die Plattform-Streamer*innen wiederum mit ihren Videos reagiert haben. 

(2) Das mobilisierende Potenzial von „alternativen Expert*innen“

Die traditionelle Trennung der Diskurssphären von Exekutive, Wissenschaft und Medien wurde im Ausnahmezustand der Pandemie aufgehoben, da unmittelbarer Handlungsbedarf bestand. Bogner (2021) diagnostizierte die Verschränkung der Diskurssphären mit Dominanz der richtungsweisenden Expertenkonsultation von RKI und Conseil de Santé als Epistemisierung des Politischen: Die Regierungen waren gezwungen, Expertenwissen direkt und ohne demokratische Legitimierung in Alltagsregeln umzusetzen. Das empfanden maßnahmenkritische Aktivist*innen als autoritär, wie alle 30 geführten Gespräche zeigen.4 Als Protestreaktion suchten sie wissenschaftliche Orientierung bei alternativen Expert*innen, die als Antagonist*innen zum Regierungsdiskurs, also als Gegenspieler*innen, in Erscheinung traten (Hall et al. 1994).

Didier Raoult in Frankreich eignete sich als perfekter Antagonist, da der Virologe aus dem Conseil de Santé, dem Beratungsorgan der französischen Regierung, ausgeschieden war und durch seine Verortung in Marseille den genialen Rebellen verkörperte. Am Institut hospitalo-universitaire (IHU) Marseille hatte er schon vor der Pandemie den Ruf eines militanten Gurus. Davon zeugte der außen am Krankenhaus als Protestbanner angebrachte Spruch „On craint dégun !“. Der Spruch bedeutet in etwa „Wir fürchten niemanden“ und ist in Marseille sehr gebräuchlich; er wird oft mit dem Fußballverein Olympique Marseille und dem stolzen, widerstandsfähigen Geist der Stadt assoziiert. Das südfranzösische Marseille hat den Ruf eines historisch gewachsenen Gegengewichts zum als elitär wahrgenommenen Paris.

 


Abbildung 3: Professor Raoult verglichen mit einem Druiden, Rémi Monde auf Facebook, 21.01.2022 (Screenshot); (eigene Übersetzung des Textes: „Jede Ähnlichkeit mit existierenden Personen wäre rein zufällig. Wir lieben unseren Prof. Raoult natürlich über alles.“)

 

Am Freitag, den 11. Februar 2022, erreichte die französische Protestbewegung gegen die gesundheitspolitischen Schutzmaßnahmen mit dem sogenannten „Convoi de liberté“ nach kanadischem Vorbild ihren Höhepunkt. Koordiniert über eine Facebook-Gruppe (Convoi de la liberté secours 2022), schlossen sich Tausende von Systemkritiker*innen einem Autokorso an, um auf den Straßen von den Provinzen nach Paris u. a. gegen den französischen „Impfpass“ zu demonstrieren (Aubenas und Soulier 2022). In seiner Facebook-Timeline verglich der Sprecher der Bewegung, Rémi Monde, am 21. Januar 2022 den Virologen Didier Raoult mit einem Druiden5 (Monde 2022) und steigerte damit die Popularität des Professors. Viele französische Coronavirus-Aktivist*innen feierten ihn ohnehin bereits als alternativen Experten der Protestbewegung.

Superhelden, Memes und Fotomontagen sind ein typisches Phänomen der digitalen Kultur, insbesondere wenn ein politisches Thema mit fiktiven Darstellungen aus der Popkultur verbunden wird (Erlichman und Pluretti 2021). Brahim (2023, 49 ff.) beobachtete, dass Memes innerhalb der politischen Rechtsaußen-Community nicht unbedingt als Hommage konzipiert sind, sondern auch als Karikaturen gestaltet sein können und als Parodien funktionieren, die der realen Person Sichtbarkeit verleihen, ohne dass diese etwas für ihre Popularität tun muss. Dies war offensichtlich auch bei Didier Raoult der Fall. Neben den drei fiktiven Druiden-Darstellungen wirkt der Professor auf der Abbildung besonders verschroben und eigensinnig. Gleichsam konnte Didier Raoult durch seinen Expertenstatus als anerkannter Professor die Sichtbarkeit und Glaubwürdigkeit seiner YouTube-Videos steigern und profitierte als alternativer Experte auch von seiner Verortung in Marseille.

Während der Pandemie schlüpfte der Professor mit seinen YouTube-Videos (Raoult 2025) in die Rolle eines alternativen Experten und stellte die staatlichen Informationen des Gesundheitsministeriums mit vermeintlichem Gegenwissen infrage. Im meist gesehenen von 95 Beiträgen im Kanal „Bulletins d’information scientifique“ kommt er auf das Thema Verschwörungstheorien zu sprechen und weist u. a. Vorwürfe, die an seinen wissenschaftlichen Arbeiten geäußert wurden, zurück. Das Video wurde bis Juni 2025 mehr als 16.150 Mal aufgerufen (Raoult 2021). Auch viele der anderen Beiträge sind politisiert, werden in einem Interviewformat vorgetragen und behandeln u. a. Themen wie Glaubwürdigkeit, die Debatte um sein Therapieangebot mit dem umstrittenen Malaria-Medikament und Interessenkonflikte.

Fazit: Politainment als Brücke zum Rechtsextremismus

Das Interessante an den vorgestellten hybriden Influencern ist, dass sie unterhaltsame und kreative Deutungsangebote im Krisenkontext machen. Es wurde deutlich, dass Demokratiegefährdung nicht nur durch extreme Einstellungen oder Handlungen entsteht, sondern auch durch subtilere Prozesse, etwa das fortwährende Säen von Zweifeln und Misstrauen. Gerade Influencer*innen an der Schnittstelle zwischen sozialen Medien und Straßenprotest spielen hier eine wichtige Rolle, weil sie auf latente Weise eine kognitive Öffnung hin zu radikaleren Weltbildern begünstigen können, v. a. wenn die politische Verortung ihrer Aussagen unklar ist. Am Beispiel von Captain Future in Deutschland und Didier Raoult in Frankreich habe ich gezeigt, dass heute viel vernetzter gedacht werden muss, wenn die Gefährdung der Demokratie im Zeitalter der Digitalisierung verstanden werden will. Beide Influencer spielten mit digitalen Medien, um sich als „Retter der Gesellschaft“ bzw. als „alternative Experten“ zu inszenieren. Dieses Rollenspiel wurde im Sinne von Goffmans Interaktionstheorie als Re-enactment interpretiert, also als Imitation der gesellschaftlichen Rollen von wissenschaftlichen Expert*innen und Politiker*innen, die während der Pandemie ihre Kommunikations- und Handlungsroutinen anpassen mussten und zeitweise aus ihren Rollen fielen.

Die Inszenierung von Alltagssituationen auf TikTok ist inzwischen gängige Praxis bei allen politischen Parteien (FES 2025). Rechtsextreme Politiker*innen und Profiteur*innen der Krise, z. B. Jordan Bardella in Frankreich und Maximilian Krah von der AfD in Deutschland, sind in der Pandemie allerdings auf den Zug der Corona-Demos aufgesprungen, um verunsicherte Bürger*innen bewusst zu manipulieren. Das aggressive Werben der rechtsextremen Politiker*innen um die Gunst der Corona-Aktivist*innen scheint insbesondere dort auf fruchtbaren Boden zu fallen, wo bereits seit langer Zeit wiederkehrend das Vertrauen in etablierte Institutionen beschädigt war und anti-autoritäre Einstellungen deutlich wurden, wie etwa von Frei und Nachtwey (2021) erfasst. Demgegenüber ermöglichen die hybriden Protest- und Mobilisierungsformen leicht zugängliche Partizipation. Deren demokratiegefährdende Wirkung ist also nicht zu unterschätzen. Besonders das Phänomen des Politainments als Brücke zum Rechtsextremismus sollte im Kontext der gegenwärtigen Krisenkontexte noch stärker beobachtet werden, um demokratiegefährdende Akteur*innen frühzeitig zu erkennen.

 

1 Die massive Online-Präsenz ist bis heute mit absteigender Reichweite gemessen an Follower*innen zum Beispiel auf YouTube (https://www.youtube.com/c/freedomparade?cbrd=1), TikTok (https://www.tiktok.com/@captainfuturefp), Telegram (https://t.me/s/Freedomparadekanal), Instagram /https://www.instagram.com/freedom_parade/), Odyssee (https://odysee.com/@freedomparade:9) und auf einer Website (https://freedomparade.de/) nachvollziehbar.

2 Vgl. www.dbwv.de/aktuelle-themen/schwerpunktthemen/veteranen/beitrag/freedom-parade-in-wageningen (abgerufen am 16.10.2025).

3 Eine dritte Form des Re-enactments, nämlich Plattform-Streamer*innen, die sich als Journalist*innen ausgeben, habe ich in einem anderen wissenschaftlichen Beitrag beschrieben, der voraussichtlich 2026 auf Französisch erscheint (Questions de Communication, numéro 49).

4 Im Rahmen meiner Doktorarbeit an der Universität Lausanne habe ich leitfadengestützte Interviews mit 30 Teilnehmer*innen der Demonstrationen geführt. Diese werden in einer anderen wissenschaftlichen Publikation detailliert ausgewertet.

5 Druiden sind in französischer Lesart historische Gelehrte, die in der Zeit der Kelten eine alternative religiöse Autorität neben dem römischen Herrscher einnahmen. Im populären Comic Asterix und Obelix verkörpert Miraculix einen Druiden der unbeugsamen Gallier.

 


Katrin Herms ist Doktorandin am Institut für Sozialwissenschaften (ISS) der Universität Lausanne. Sie ist assoziierte Doktorandin am Centre Marc Bloch in Berlin und am Centre Internet et Société in Paris (beide CNRS). Forschungsinteressen: Politisierungsprozesse, Social-Media-Kommunikation, Solidarität und Polarisierung im digitalen Zeitalter


 

Literaturverzeichnis

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