Liebe, Geschlechtergerechtigkeit und Demokratie

Wie kann Liebe im politischen Kampf für Demokratie und Geschlechtergerechtigkeit eingesetzt werden? Was können wir unter einer Politik der Liebe verstehen? Der vorliegende Beitrag beleuchtet diese Fragen anhand der Überlegungen von Audre Lorde, Martha Nussbaum und bell hooks. Diese räumen mit dem Missverständnis auf, dass sich Liebe nur im Rahmen von intimen Geschlechterbeziehungen realisieren ließe. Liebe wird stattdessen als Weg zur Selbstfindung und zur besseren Gesellschaft gesehen. Die Dichterin Audre Lorde betont in ihrer erotischen Liebesphilosophie das Körperliche und zeigt, dass wir anders lieben können, als es uns eine patriarchale Sozialisation nahelegt. Die Moralphilosophin Martha Nussbaum zeigt, dass Liebe unabhängig vom Geschlecht in den Institutionen einer politischen Gemeinschaft zum Tragen kommen kann. Die Kulturtheoretikerin bell hooks weist schließlich mit ihren Analysen den Weg für eine neue Ethik der Liebe, an der sich Frauen und Männer gleichermaßen orientieren können, um für Geschlechtergerechtigkeit und Demokratie zu kämpfen. Es soll nicht entschieden werden, welche der drei Ansätze „besser“ oder „schlechter“ ist. Vielmehr geht es darum, mithilfe der Ansätze unterschiedliche politische Arenen auszuweisen, in denen Liebe wirken kann, und Überlegungen zu einem Zusammenspiel anzustellen.

 

Empfohlene Zitierung:

Lamade, Florian (2026). Liebe, Geschlechtergerechtigkeit und Demokratie. In: Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (Hg.). Wissen schafft Demokratie. Schwerpunkt Demokratie und Geschlecht, Band 19. Jena, 18–29.

Schlagwörter:

Politische Theorie, Audre Lorde, Martha Nussbaum, bell hooks, Politik der Liebe

 

Einleitung: Die Liebe politisch neu erfinden

Liebe ist politisch. Diese These ist durch gesellschaftskritische Analysen feministischer Theoretiker*innen in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder bestätigt worden. Einerseits wurde in diesen Analysen gezeigt, dass geschlechtliche Liebesbeziehungen stets auch Machtbeziehungen sind und Liebe eine durch Märchen, Romane, Musik und Filme vermittelte Ideologie sein kann. Insbesondere romantische Liebesideologien stehen hierbei in der Kritik, Frauen dazu zu treiben, ihre Männer zu vergöttern, die eigenen Bedürfnisse zu missachten und toxische Beziehungen oder gar Gewalt zu akzeptieren. Shulamith Firestone (1987, 140) schreibt entsprechend in den 1970er-Jahren: „Liebe ist – wahrscheinlich mehr noch als das Kinderkriegen – der Schlüssel zur Unterdrückung der Frauen heute“.

Andererseits haben sich viele feministische Denker*innen und Aktivist*innen in ihren politischen Ausrichtungen positiv auf eine Idee der Liebe bezogen und sie zu einem Ankerpunkt des weiblichen Widerstandes erklärt. Sich positiv auf die Liebe zu beziehen, bedeutet nicht, den kritischen Analysen zu widersprechen oder zu leugnen, dass Liebe ein Instrument patriarchaler Unterdrückung sein kann. Es heißt, um den Begriff zu kämpfen, ihn feministisch und demokratietheoretisch weiterzuentwickeln und zu versuchen, eine neue Praxis des Liebens plausibel zu machen und gesellschaftlich durchzusetzen. Die Durchsetzung einer neuen Art zu lieben wird dabei als Weg gesehen, auch die sozialen Verhältnisse und die politischen Institutionen insgesamt gerechter zu gestalten. Bereits 1949 erkannte Simone de Beauvoir in „Das andere Geschlecht“ die politische Bedeutung der Entwicklung eines neuen Liebesverständnisses, wenn sie schreibt:

„Erst wenn es eines Tages möglich sein wird, in ihrer Stärke und nicht in ihrer Schwäche zu lieben, nicht um sich zu fliehen, sondern um sich zu finden, nicht um sich aufzugeben, sondern um sich zu behaupten, wird die Liebe für sie [die Frau] wie für den Mann eine Quelle des Lebens und keine tödliche Gefahr.“ (Beauvoir 2021, 830)

Bei Beauvoir ist die Liebe damit zugleich ein analytischer Ansatzpunkt für die Kritik an patriarchalen Geschlechterverhältnissen und ein normativer Bezugspunkt für eine feministische Zukunftsvision. Wenn wir die Liebe politisch umgestalten wollen, müssen wir zunächst einsehen, dass es nicht die eine ‚wahre‘ Form von Liebe gibt, sondern sie in unterschiedlichen gesellschaftlichen Formationen erscheint. Wie wir in einer Gesellschaft zu einer bestimmten Zeit lieben, ist historisch gewachsen, kulturell vermittelt und durch politische Machtverhältnisse strukturiert. Beauvoir hat das erkannt und die zukünftigen Generationen dazu aufgerufen, an der gesellschaftlichen Stellschraube namens Liebe zu drehen und sie für eine gerechtere Zukunft zu nutzen.

Der vorliegende Artikel nimmt die Überlegungen von drei Autorinnen in den Blick, die Beauvoirs Aufruf nachgekommen sind und mit ihren Texten wichtige Bausteine liefern, um Liebe nicht nur anders zu denken, sondern auch anders leben zu können. Es handelt sich um die Dichterin Audre Lorde (1934–1993), die Moralphilosophin Martha Nussbaum (*1947) und die Kulturtheoretikerin bell hooks (1952–2021). Ihre Überlegungen ergänzen sich, indem sie unterschiedliche philosophische Traditionen feministisch theoretisieren: Lorde belebt die Denktradition des Eros, der körperlich-erotischen Liebe neu. Nussbaum entwickelt die Schule der Philia, der freundschaftlich-tugendhaften Liebe weiter und hooks greift die spirituell-göttliche Liebe auf, die von den alten Griechen Agape genannt wurde. Für die Entwicklung einer politischen Theorie der Liebe genügt es nicht, sich auf eine der drei großen Liebestraditionen zu beschränken, es gilt vielmehr, sie in einen Dialog zu bringen.

Audre Lordes erotische Liebe

Die antike Bedeutung von Erotik

Wenn heute von Erotik die Rede ist, haben die meisten wohl eher sexuell-intime statt kulturell-politische Assoziationen im Sinn. Doch in der griechischen Antike war Eros nicht der Gott der sexuellen Lust, wofür Aphrodite zuständig war, sondern vielmehr der menschlichen Schöpfung, auch über die Zeugung eigener Kinder hinaus. Laut der Lehre der Priesterin Diotima in Platons Dialog „Symposion“ ist Eros nicht einmal ein Gott, der gemeinsam mit Zeus, Hera und den anderen Gottheiten auf dem Olymp wohnt, sondern ein innerer Dämon, der zwischen dem Ewigen und dem Sterblichen vermittelt. Er ist eine Kraft, die uns erkennen lässt, was wirklich gerecht, gut und schön ist. Eros lässt uns andere Menschen, uns selbst, unsere Tätigkeiten und unsere Ideen lieben. Er motiviert dazu, schöne Werke in der Dichtung oder der bildenden Kunst zu vollbringen oder gute Dinge zu tun, etwa die Entwicklung der Medizin zum Wohl der Menschen voranzutreiben. Vor allem aber kann Eros uns laut Platon zu einem gerechten Umgang mit anderen führen, indem er uns die Idee der Gerechtigkeit zeigt und uns dazu bringt, diese Idee bei der Gestaltung des Selbst und der Beziehungen zu anderen ernst zu nehmen. Für Sokrates bedeutete Erotiker sein nicht, sexuell besonders aktiv oder erfolgreich, sondern frei und gerecht im Denken und im Handeln zu sein, sich nicht von Befehlen und Fremdzuschreibungen leiten zu lassen, sondern mündig seinen Lebensweg zu gehen.

Erotik als weibliche Selbstermächtigung

Audre Lorde (2023, 54) greift diesen alten griechischen Begriff in ihrem Essay „Vom Nutzen der Erotik“ auf und schreibt, Eros sei die „Verkörperung der Liebe in all ihren Formen“. Sie grenzt weibliche Erotik vom männlichen Pornografischen ab und bezeichnet das Erotische als „eine Bejahung weiblicher Lebenskraft und schöpferischer, ermächtigender Energie, die wir uns jetzt durch unsere Sprache, unsere Geschichte, unseren Tanz, unser Leben, beim Lieben und Arbeiten zurückerobern und zu unserem Nutzen einsetzen“ (ebd.). Die Dichterin und Aktivistin zeigt uns in ihrem Werk und durch ihren Lebensstil, was es heißt, nicht in Abhängigkeit, sondern als freie und mündige Frau zu leben und zu lieben. Freiheit ist für Lorde weniger etwas, das rational begründet und rechtsstaatlich gesichert wird, sondern etwas, das gefühlt wird und immer wieder erkämpft werden muss. Egal, ob es sich um einen Tanz, eine Trennung, das Tapezieren der Wohnung, das Schreiben eines Gedichtes oder um politischen Widerstand handelt, eine Wahrheit der Liebe drücke sich mit dem Satz aus: „das fühlt sich richtig an“ (ebd., 55). Eine Neuentdeckung der erotischen Liebe wird nach Lorde zu einem Weg, sich selbst zu lieben, sich neu zu (er)finden und sich politisch zu ermächtigen. Sie verändert, wie Frauen sich selbst sehen und definieren, motiviert sie zum Widerstand gegen männliche, heterosexuelle oder weiße Fremdbestimmung und wirkt dadurch politisch. Entsprechend ist die weibliche Erotik vom Patriarchat auch gefürchtet. „Denn sobald wir anfangen, alle Lebensbereiche wirklich zu erspüren, möchten wir uns und unser Handeln mit der Freude in Einklang bringen, die wir empfinden können.“ (Ebd., 56)

Die Begegnung mit anderen als Weg zur Selbstgestaltung

Die erotische Neuerfindung des Selbst geschieht nicht durch Meditation oder anderen Formen des In-sich-Gehens, sondern durch offene Begegnungen mit lebendigen Menschen, in denen uns unsere Unterschiede offenbart werden. In ihrem autobiografisch orientierten Roman „Zami“ betont Lorde die Bedeutung von Lebendigkeit und Körperlichkeit für ihre Philosophie. Sie schildert hier ihre Selbstgestaltung zur „erotischen Mutter“, die über eine Quelle von Weisheit und Kraft verfügt, aus der sie ihr Leben lang zu ihrem eigenen Wohl schöpfen wird (Jacobs 2015, 126). Mit Lorde verstehen wir, dass Themen wie die Menstruation, die Körpersprache, das Haar, das Essen und das Kochen unsere Beziehungen zueinander gestalten und eine politische Bedeutung tragen. Die Hinwendung zu den lebendigen Körpern sensibilisiert für die Gestaltbarkeit und Vielseitigkeit des Miteinanders. 
Sie orientiert sich bei der Erkundung neuer Liebesformen nicht an den Ideen kanonisierter Philosoph*innen, sondern an den Begegnungen mit lebendigen Frauen, die sie zu der machten, die sie war. Und so kann sie sagen: „Ihre Namen, Wesen, Gesichter nähren mich wie Mais vor meiner Arbeit. Ich lebe jede von ihnen als Teil von mir“ (Lorde 2025, 412). Mit „Zami“ habe Lorde „ihren Schwestern in aller Welt gezeigt, dass alles sagbar ist, wenn wir es nur wagen, es zu sagen“ (Kraft 2021, 152). Lordes Einfluss zeigt sich nicht nur in einer hohen Zitationsrate in Texten zum Thema Heteronormativität und Erotik, sondern insbesondere in ihrer fruchtbaren Aufforderung, das eigene Leben selbst zu gestalten und sich selbst zu ermächtigen. Das für die Schwarze Community in Deutschland wichtige Buch „Farbe bekennen“ ist 1986 auch entstanden, weil Lorde die bis dahin verstreuten afrodeutschen Frauen dazu aufgerufen hat, einander zu begegnen und ihre Lebensrealitäten zu teilen.

Martha Nussbaums freundschaftliche Liebe

Auf Traditionen aufbauen und Bewährtes verbessern

Martha Nussbaum betont die Verwurzelung der Liebe in der Geschichte und setzt auf eine Weiterentwicklung und Verbesserung vorhandener Liebestheorien und politischer Institutionen. Die Moralphilosophin orientiert sich in ihrer Theoriebildung an philosophischen Werken und Traditionen und dabei insbesondere an Aristoteles und dem Liberalismus. Von Aristoteles übernimmt sie die Idee der politischen Freundschaft, die auf einem tugendhaften Umgang der Staatsbürger untereinander basiert. Den Liberalismus verteidigt sie gegen die feministische Kritik, dieser sei eine Ideologie der rein männlichen Freiheit. Stattdessen erkennt sie in den Texten von Immanuel Kant oder John Stuart Mill eine politische Freiheitsidee, die zu Ende gedacht zwischen Männern und Frauen keinen Unterschied macht (Nussbaum 2002, 71). Sie fokussiert in ihrer politischen Theorie die Gemeinsamkeiten aller Menschen, fundiert diese emotionstheoretisch und stellt die Forderung: „Die Tore der kosmischen Stadt müssen sich allen öffnen“ (Nussbaum 2020, 316). Doch wie lässt sich eine solche Stadt oder gar ein Land verwirklichen, wo kein Unterschied zwischen Mann und Frau oder zwischen Migrant und Einheimischer gemacht wird und welche Rolle spielt dabei ein Konzept der Liebe?

Liebe politisch fördern und gut gestalten

In ihrem Werk „Politische Emotionen“ erörtert Nussbaum diese Frage. Sie vertritt hier die These, dass „alle entscheidenden Emotionen, die eine gute Gesellschaft tragen und zusammenhalten, ihre Wurzel in der Liebe haben oder eine Form von Zuwendung sind“ (Nussbaum 2016, 32). Ihre Ansatzpunkte sind dabei erstens die Möglichkeit, die politischen Institutionen von Nationen und Städten so einzurichten, dass ein erfüllendes Miteinander möglich wird und zweitens die Unterscheidung „zwischen einer aus Regeln abgeleiteten und einer aus Liebe hervorgegangen Moral“ (ebd., 268). Ihre umfassende Analyse von emotionalen Gestaltungsmöglichkeiten in der Politik durch öffentliche Ansprachen und Denkmäler oder den Möglichkeiten der Stadtarchitektur führt sie zu verschiedenen politischen Gefühlsstrukturen. Während autoritäre Gefühlsstrukturen darauf zielen, Hass, Feindseligkeit, Ekel, Angst und Ressentiments in der Gesellschaft zu schüren, fördern demokratische Gefühlsstrukturen Mitgefühl, Empathie, Zuneigung, Freude und vor allem Liebe. Es ist dabei die Aufgabe der Politik, die Gefühlsstrukturen entsprechend zu gestalten.

Eine Stadt kann beispielsweise Begegnungsräume für Buchclubs oder Stammtische schaffen, in denen diese Gefühle erlernt und positiv ausgelebt werden können. Öffentliche Parks können so gestaltet werden, dass sie als Stätten des demokratischen Miteinanders fungieren und auf nationaler Ebene können Gefühle der Liebe durch Aufklärung und Bildung gefördert werden. Nussbaum zieht etliche Vorbilder aus der Ideengeschichte wie Mahatma Gandhi oder Martin Luther King heran, die sich für eine politische Liebe eingesetzt haben. Auch Abraham Lincoln ist ihrer Interpretation zufolge ein Förderer der gesunden Liebe zur Nation und ein Vorbild für politisches Handeln, das sich an einer Liebesidee orientiert. Der 16. US-Präsident plädiere in seiner berühmten „Gettysburg Address“ von 1863 „für eine Vaterlandliebe, die nicht bellizistisch gegenüber anderen Nationen ist, sondern nach einem zukünftigen allgemeinen Frieden und nach universeller Gerechtigkeit strebt“ (ebd., 357). Politische Entscheidungsträger*innen können auf Liebe basierende Freundschaften zwischen den Mitgliedern einer Nation ebenso fördern wie demokratische Verfassungen und Institutionen.

Eine Politik des Eros und eine der Philia können sich ergänzen. Für Audre Lorde wird Liebe als erotische Kraft der körperlichen Selbstermächtigung politisch. Martha Nussbaum blickt auf die politischen Institutionen und Strategien von Politiker*innen, die die Fähigkeit zu lieben entweder fördern oder einschränken und entfremden können. Lorde lehrt uns, erotische (Selbst-)Liebe zu nutzen, um politisch für unsere Körper einzutreten. Nussbaum weist uns einen Weg, Liebe dauerhaft in politische Einrichtungen zu tragen. So entsteht ein liebestheoretisches Wechselspiel, in dem sich politisches Handeln einerseits richtig anfühlt, und andererseits gegenüber anderen als freundschaftlich begründet werden kann.

bell hooks’ spirituelle Liebe

Perspektiven auf eine neue Kultur der Liebe

Die dritte Perspektive auf die politische Bedeutung von Liebe bezieht sich nicht primär auf das Subjekt oder staatliche Institutionen, sondern nimmt die Kultur insgesamt zum Ausgangspunkt der Analyse. In ihrem Buch „Selbstliebe“ schreibt die Kulturtheoretikerin bell hooks Folgendes:

„Wenn wir die Strukturen der Herrschaft nicht ändern, erhalten wir die Kultur der Lieblosigkeit. Liebe ist zutiefst politisch. Die größte Revolution wird eintreten, wenn wir das verstanden haben. […] Die transformative Kraft der Liebe ist die Grundlage jedes großen gesellschaftlichen Wandels.“ (hooks 2023a, 42 f.)

Anders als bei Nussbaum, die auf Nationen und Stadtgemeinschaften zielt, richtet sich hooks an Communitys und soziale Bewegungen. Sie fordert Widerstandsbewegungen dazu auf, sich an einer Ethik der Liebe zu orientieren. Dabei adressiert sie sowohl die Black-Power- und die Bürgerrechtsbewegung als auch die Frauenbewegung und andere. Erst wenn sich politische Bewegungen von einem Geist der Liebe leiten lassen, können sie Geschlechtergerechtigkeit realisieren und eine neue Kultur erkämpfen.

bell hooks baut auf Lordes Betonung der Selbstliebe auf und überträgt ihre Überlegungen zur körperlichen Selbstermächtigung auf Fragen des Kulturkampfes. In „Alles über Liebe“ meint sie eine gemeinsame Arbeitsdefinition, „die uns sagt, dass Liebe die Handlung ist, die wir zugunsten unseres eigenen spirituellen Wachstums oder anderer ergreifen, liefert uns eine erste Blaupause, um an unserer Selbstliebe zu arbeiten“ (hooks 2023b, 94). Selbstliebe bietet für sie die Möglichkeit, persönlich auf eine spirituelle Art und Weise zu wachsen, die auch gut für andere ist. Das wichtigste Schlachtfeld der Selbstliebe und des Kulturkampfes sieht sie in einer Auseinandersetzung zwischen Liebe und Gier, denn die „Anbetung des Geldes verhärtet unsere Herzen“ (ebd., 169). „Um die eigene Gier zu befriedigen, muss man auch das Konzept der Dominanz verinnerlichen. Und die Welt der Dominanz ist immer eine Welt ohne Liebe.“ (Ebd., 172)

Die Umgestaltung von Geschlechterbeziehungen als Weg zu mehr Demokratie

hooks betont schließlich, wie wichtig es für die Gestaltung einer neuen Liebeskultur ist, Geschlechterbeziehungen anders zu führen und kritisiert dementsprechend die Idee des „Mars-Venus-Universums“. Nach diesem leben Männer und Frauen in verschiedenen Welten. Hier geht es nicht um Liebe, sondern ausschließlich um Macht. Sie diagnostiziert in unserer Kultur eine Angst vor der Liebe, die Frauen dazu bringt, sich auf die Partnersuche zu konzentrieren und sich an Büchern zu orientieren, wie „Die Kunst, den Mann fürs Leben zu finden“ von Ellen Fein und Sherrie Schneider, das auch in Deutschland zum mehrfach aufgelegten Bestseller wurde. Hier würden Frauen aufgefordert, „bei der Partnersuche zu täuschen und zu manipulieren“ (ebd., 207). Solche Ratgeber bringen laut hooks den Zynismus unserer Zeit zum Ausdruck und geben Tipps, „wie man mit den Waffen einer Frau Machtspielchen spielt, sie bieten jedoch keine Ratschläge, wie man liebt und geliebt wird“ (ebd.). Um die Kunst des Liebens zu praktizieren, müssten wir uns nicht auf die Suche nach dem richtigen Partner konzentrieren, sondern uns zunächst wirklich für die Liebe entscheiden und „uns eingestehen, dass wir die Liebe erfahren und wir wirklich lieben wollen, selbst wenn wir nicht wissen, was das bedeutet“ (ebd., 209). Liebe ist für sie also gleichermaßen ein Konzept, durch das wir Geschlechterbeziehungen neu verhandeln können, wie auch eines, mithilfe dessen wir demokratische Prinzipien leben können. Beide Aspekte laufen in ihrer Theorie in einer Kultur der Liebe zusammen.

Fazit

Halten wir fest: Audre Lorde lehrt uns, dass Liebe immer zwischen den lebendigen Menschen besteht, dass sie genau hier auch veränderbar ist und dass wir uns entscheiden können, anders zu lieben, als es uns eine patriarchale und kapitalistische Sozialisation nahelegt. Die Dichterin und Lebenskünstlerin zeigt uns, dass jede Liebe anders und ein Einzelfall ist. Trotzdem können wir nach Martha Nussbaum politische Institutionen so gestalten, dass es uns einfacher fällt, einander zu lieben. Nussbaum legt einen politiktheoretischen Grundstock für die Beantwortung der Frage, wie die Liebe auf der Ebene der Stadtgemeinschaft oder der Nation emotional zum Tragen kommen kann. bell hooks fordert schließlich soziale Bewegungen dazu auf, für die Liebe zu streiten und dabei eine ‚richtige‘ Art zu lieben zu vertreten. Das Eintreten für die Emanzipation von Frauen und anderer unterdrückter Gruppen, der Kampf gegen die emotionale Abhängigkeit von patriarchalen Geschlechterbeziehungen und die Suche nach einer demokratieförderlichen Definition von Liebe gehen in ihren Texten miteinander einher.

Die Liebe lässt sich so als Scharnier zwischen Demokratisierung und Geschlechtergerechtigkeit betrachten. Sie äußert sich nicht nur in Geschlechterbeziehungen, sondern kann dies auch in den affektiven Bindungen zwischen den Bürger*innen einer Nation oder den Bewohner*innen einer Stadt tun. Im Unterschied zur gängigen Trennung von rationaler Politik und privatem Gefühl richtet die Einbeziehung von Liebe einen politiktheoretischen Blickwinkel ein, mit dem Demokratie nicht nur institutionell, sondern auch emotional gesehen werden kann. Eine Politik der Liebe ist bei den drei skizzierten Theoretikerinnen keine rhetorische Metapher, sondern ein konkreter Handlungsvorschlag. Durch unterschiedliche Ansätze liefern sie uns Anhaltspunkte, wie wir eine liebevollere Gesellschaft stiften und im Sinne Beauvoirs in unserer Stärke lieben können. Zusammen betrachtet helfen sie uns, einerseits die politische Bedeutung von Liebe in unserer Gesellschaft differenzierter analysieren zu können, und andererseits Strategien der Demokratisierung zu entwickeln, indem sie die Liebeskonzepte in drei politische Arenen hineintragen: 1. Lordes Politik der Erotik zielt auf emanzipatorische Körper- und Identitätspolitik. 2. Nussbaums Politik der Philia drängt primär auf die Demokratisierung von politischen Institutionen, Rechten und Verfassungen 3. hooks Politik der Agape stellt sich dem Kampf um einen neuen Zeitgeist, der untrennbar mit materiellen Verteilungsfragen verbunden ist.

Lorde, Nussbaum und hooks zeigen in ihren Schriften, dass Liebe keine bloße Privatsache ist, sondern eine starke politische Ressource sein kann. Das gilt besonders, wenn die klassischen drei Felder der Liebestheorie Eros, Philia und Agape gemeinsam und im Austausch miteinander bespielt und feministisch wie demokratisch entwickelt werden. Es benötigt jedoch weitere aufklärerische Bildungsarbeit, wissenschaftliche Forschung zum Thema und vor allem politisches Engagement, um die Liebe zu dem zu machen, was sie sein kann: ein Gegenmittel gegen Faschismus, Rassismus, Antisemitismus und Sexismus und ein Motor für Geschlechtergerechtigkeit und Demokratie.

 


Florian Lamade hat Politikwissenschaft und Psychologie an der Universität Heidelberg studiert. Dort forscht er seit 2024 als Doktorand zum Thema „Politische Theorien der Liebe von der Antike bis zur Gegenwart“ am Institut für Politikwissenschaften.


 

Literaturverzeichnis

Beauvoir de, Simone (2021). Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau. Übersetzt von Uli Aumüller und Grete Osterwald. 24. Aufl., Reinbek bei Hamburg, Rowohlt Taschenbuch Verlag.

Firestone, Shulamith (1987). Frauenbewegung und sexuelle Revolution. „The Dialectic of Sex“. Übersetzt von Gesine Strempel-Frohner. Frankfurt am Main, Fischer Taschenbuch Verlag.

hooks, bell (2023a). Selbstliebe. Über Herkunft und Gerechtigkeit. Übersetzt von Elisabeth Schmalen. Hamburg, HarperCollins.

hooks, bell (2023b). Alles über Liebe. Neue Sichtweisen. Übersetzt von Heike Schlatterer. 6. Aufl., Hamburg, HarperCollins.

Jacobs, Bethany (2015). Mothering Herself: Manifesto of the Erotic Mother in Audre Lorde’s Zami: A New Spelling of My Name. MELUS 40 (4), 110–128.

Kraft, Marion (2021). Empowerment und Widerstand. Inspirierende Begegnungen mit Audre Lorde. Hiddensee, w_orten & meer.

Lorde, Audre (2023). Sister Outsider. Essays. Übersetzt von Marion Kraft. München, btb.

Lorde, Audre (2025). Zami. Eine neue Schreibweise meines Namens. Übersetzt von Karen Nölle. München, btb.

Nussbaum, Martha (2002). Konstruktion der Liebe, des Begehrens und der Fürsorge. Drei philosophische Aufsätze. Übersetzt von Joachim Schulte. Stuttgart, Philipp Reclam jun.

Nussbaum, Martha (2016). Politische Emotionen. Warum Liebe für Gerechtigkeit wichtig ist. Übersetzt von Ilse Utz. Berlin, Suhrkamp.

Nussbaum, Martha (2020). Kosmopolitismus. Revision eines Ideals. Übersetzt von Manfred Weltecke. Darmstadt, wbg.