Gesellschaftliche Umbrüche und persönliche Krisen verleiten viele Menschen dazu, einfache Erklärungen für komplexe Probleme zu suchen; ein Umstand, der religiösen Sondergemeinschaften Zulauf verschafft (Evans 1976; Pöhlmann und Jahn 2015). In Zeiten, in denen Social Media zum Schüren von Ängsten genutzt wird (Greipl et al. 2024), können religiöse Sondergemeinschaften ein vielschichtiges strategisches Interesse an digitalen Umgebungen haben, um Mitglieder und Einfluss zu gewinnen.
Über das tatsächliche Ausmaß und die konkrete Wirkung ihrer Online-Aktivitäten existiert derzeit kaum Forschung. Einzelfallstudien, zum Beispiel über Scientology oder Anastasia, konnten aufzeigen, dass einige Gemeinschaften bedenkliche Ideologien online verbreiten, manipulative Praktiken nutzen und alternative digitale Öffentlichkeiten aufbauen (Lamberty und Nocun 2022; Pöhlmann und Goldenstein 2021; Pöhlmann und Jahn 2015; Sauer und Schönherr 2016). Da ihre Sichtweisen zu manchen Themen teilweise radikaler Natur sind, können sie so demokratische Prozesse untergraben, Desinformation streuen, Misstrauen gegen Institutionen schüren und politische Polarisierung verstärken (Illig und Kaufmann 2020; Sauer und Schönherr 2016; Schmied-Knittel 2008).
Dieser Beitrag beleuchtet die Online-Kommunikation religiöser Sondergemeinschaften und erläutert verschiedene Kommunikationsstrategien. Er stellt einen explorativen Ansatz dar, der vor dem Hintergrund einer limitierten Studienlage mögliche Wirkmechanismen hinter deren Überzeugungsstrategien aufzuzeigen versucht. Damit soll zunächst für die Inhalte eines – im Hinblick auf Social Media – kaum erforschten Phänomens sensibilisiert werden; Kausalschlüsse sind an dieser Stelle auf Basis der Studienlage jedoch nicht möglich. Die Strategien werden durch Beispiele aus einem Datensatz von ~450.000 Social-Media-Posts von 254 religiösen Sondergemeinschaften auf X, YouTube, Facebook und Instagram über den Zeitraum von 2014–2023 (Lechner, 2025) illustriert.
Was sind religiöse Sondergemeinschaften?
Religiöse Sondergemeinschaften stellen einen Sammelbegriff zur Beschreibung von Sekten und verschiedenen Weltanschauungsgemeinschaften dar (Sauer und Schönherr 2016). Im wissenschaftlichen Kontext wird der Begriff „Sekte“ vermieden, da er als unzutreffend und diffamierend gewertet wird (Pöhlmann und Jahn 2015; Schneider und Toyka-Seid 2023). Religiöse Sondergemeinschaften können in Abgrenzung zu konventionellen Kirchen dadurch beschrieben werden, dass sie von ihren Mitgliedern eine umfassende Hingabe und eine Abgrenzung von der restlichen Gesellschaft verlangen (Enquete-Kommission „Sogenannte Sekten und Psychogruppen“ 1998). Die Landschaft religiöser Sondergemeinschaften ist heterogen, weswegen Kategorisierungen hilfreich zu deren weltanschaulicher Verortung sind (Reller et al. 1985; Sauer und Schönherr 2016). Demnach existieren einerseits Sondergemeinschaften, die sich im christlichen Spektrum befinden. Sie können neben der Bibel eigene Glaubensschriften besitzen. Zudem gibt es auch Sondergemeinschaften, die auf nicht-christlichen Religionen beruhen. Auch kann eine Gemeinschaft gar nicht oder lose von einer der Weltreligionen abstammen, sondern eher einen beispielsweise esoterischen oder atheistischen Fokus haben (u. a. Carden 2011; Gasper et al. 2001; Nordhausen und von Billerbeck 2000; Pöhlmann und Goldenstein 2021; Pöhlmann und Jahn 2015; s. Tab. 1).

Tabelle 1: (Unter-)Kategorien religiöser Sondergemeinschaften; Anmerkung: eigene Darstellung angelehnt an u. a. Carden 2011; Gasper et al. 2001; Nordhausen und von Billerbeck 2000; Pöhlmann und Goldenstein 2021; Pöhlmann und Jahn 2015
Mithilfe von Merkmalskatalogen können religiöse Sondergemeinschaften als solche identifiziert werden (s. u. a. Bierhoff 1998; EBI Sachsen e. V. 2023; Gross 1996; Schmid und Schmid 2003; Singer und Lalich 1997; Stamm 1997). Typische Merkmale umfassen:
- Eine als charismatisch wahrgenommene Einzelperson oder Personengruppe besitzt als zentrale Figur ein scheinbares Sonderwissen und leitet die Gemeinschaft autoritär und unhinterfragt.
- Die Ideologie der Gemeinschaft erhebt einen absoluten Wahrheitsanspruch, was jegliche kritische Diskussion erschwert.
- Deren Mitglieder gelten als Auserwählte, die sich der Gemeinschaft mit absoluter Loyalität hingeben.
- Es wird ein von Schwarz-weiß-Denken geprägtes Weltbild mit hohem Ingroup-Outgroup-Bewusstsein vermittelt: die „Guten“ (die eigene Gruppe) gegen die „Bösen“ oder zumindest Unwissenden.
- Eine maßgebliche Aufgabe der selbst ernannten Auserwählten besteht in Missionierungsbemühungen, um Ungläubige zum „rechten Weg“ zu führen.
- Das Privatleben der Mitglieder wird stark durch die Gemeinschaft beeinflusst bis hin zur vollständigen Vereinnahmung, die private Güter miteinschließt.
- Um sich der Gemeinschaft hingeben zu können, wird ein Bruch mit der bisherigen Lebensgeschichte gefordert. Die neue Gemeinschaftsidentität soll in Isolation zur Außenwelt in einer geschlossenen Welt der Gemeinschaft ausgelebt werden.
- Innerhalb der Gemeinschaft nutzen Mitglieder zum Zusammenhalt und zur Abgrenzung von der Außenwelt eigene Terminologien. Häufig haben sie auch eigene Ernährungsvorschriften und Kleiderordnungen.
Wichtig ist an dieser Stelle zu betonen, dass nicht alle Kriterien auf alle Sondergemeinschaften gleichermaßen zutreffen. Der Status einiger Gemeinschaften, etwa im neuapostolischen Bereich, ist entlang der vorgestellten Kategorisierung aufgrund ökumenischer1 Anknüpfungen oder anderer Aspekte umstritten (z. B. Hutter 2019; Allison et al. 2009; Lassiwe 2015; Pöhlmann und Jahn 2015).
Einige Sondergemeinschaften können jedoch als potenziell gefährlich eingestuft werden (Pöhlmann und Goldenstein 2021; Pöhlmann und Jahn 2015; Sauer und Schönherr 2016). Sie fielen in der Vergangenheit durch psychischen und teilweise physischen Druck (Illig und Kaufmann 2020) und gemeldete interne Missbrauchsfälle (z. B. Schmied-Knittel 2008; Tilmann und Power 2023) sowie finanzielle Ausbeutung (Gross 1996) auf. Ein Beispiel ist die Anastasia-Bewegung, die Artgemeinschaft oder Bhakti Marga (Pöhlmann und Goldenstein 2021; Pöhlmann und Jahn 2015). Teilweise vertreten die Sondergemeinschaften auch rassistische, antisemitische und wissenschaftsfeindliche Weltbilder, auch und vor allem in Bezug auf evidenzbasierte Medizin (Behrendt et al. 2020; Lamberty und Nocun 2022; Pöhlmann 2021). Wenn solche problematischen Anschauungen online eine breite Masse erreichen und – auch auf Basis von Strategien zur verschleierten Ideologieverbreitung und persuasiver Kommunikationsstrategien (Überzeugungsstrategien) – von einigen als glaubhaft wahrgenommen werden, kann dies demokratiegefährdende Verharmlosungs- bzw. Radikalisierungsprozesse begünstigen (Lamberty und Nocun 2022).
Warum nutzen religiöse Sondergemeinschaften das Internet?
Trotz einer bei einigen Sondergemeinschaften verbreiteten Skepsis oder Ablehnung gegenüber technischen Neuerungen (z. B. Baer 2005; Pöhlmann und Goldenstein 2021; Tysiachniouk et al. 1999) gibt es im Internet und auf Social Media vielseitige Nutzungsmöglichkeiten für sie: Zum einen erleichtern Online-Umgebungen die gemeinschaftsinterne Kommunikation, Organisation und Vernetzung. Außerdem bieten sie weitreichende Möglichkeiten der öffentlichen Kommunikation. Religiöse Sondergemeinschaften können durch ihre Inhalte Aufmerksamkeit erlangen, Einfluss im Online-Diskurs gewinnen und gezielt Jüngere als eine der Hauptnutzungsgruppen sozialer Medien adressieren (Newman et al. 2022). Gerade junge Menschen befinden sich in einer Entwicklungsphase, in der die eigene Identität und lebensweisende Einstellungen ausgebildet werden (Schils und Verhage 2017). Deshalb sind sie eine besonders anfällige Gruppe, um ideologisch beeinflusst zu werden. Daneben sind vor allem Menschen in Krisenzeiten – bei wirtschaftlicher Unsicherheit, politischen Ausnahmezuständen oder persönlichen Lebenskrisen – auf der Suche nach Sinnstiftung und Gemeinschaft. Menschen, die sich unsicher fühlen, sind eher empfänglich für Versprechen von Orientierung, Lebenssinn und Zugehörigkeit, wie sie religiöse Sondergemeinschaften anbieten (Woll 1998). Das Internet und Social Media können als Verstärker fungieren, indem sie schnelle, direkte Ansprache ermöglichen, sinnstiftende Inhalte einfach und weiträumig zugänglich machen und eine Plattform für den Austausch mit Gleichgesinnten bieten (Gruzd und Haythornthwaite 2013).
Monitoring der Online-Präsenz religiöser Sondergemeinschaften
Neben den Aufzeichnungen von Sektenberatungsstellen beschränkte sich das Monitoring religiöser Sondergemeinschaften lange auf Enzyklopädien, wie etwa dem regelmäßig aktualisierten „Handbuch Weltanschauungen“ (Pöhlmann und Jahn 2015). Auf dieser Grundlage wurde ein erster Datensatz zum Monitoring der Online-Präsenz von 254 religiösen Sondergemeinschaften entwickelt (Lechner 2025), der die empirische Grundlage dieses Berichts bilden. Daraus geht hervor, dass mehr als 90 % der Sondergemeinschaften über eine eigene Webseite verfügen und etwa die Hälfte dieser zwischen 1996 und 2003 online ging. Obwohl sie nicht zu den Pionieren der Internetnutzung zählen, sind sie bereits vor den wesentlichen Digitalisierungsperioden ab der Jahrtausendwende aktiv geworden. Auf Social Media ist knapp die Hälfte der Gemeinschaften mit offiziellen Accounts präsent. Viele nutzen mehrere Plattformen, wobei YouTube, Facebook und X mit insgesamt 283 aktiven Kanälen und ~450.000 Posts, die zwischen 2014 und Mitte 2023 veröffentlicht wurden, dominieren. Alternative Plattformen wie Telegram nehmen, anders als beispielsweise im (rechts-)extremen Spektrum, eine untergeordnete Rolle ein. Für gemeinschaftsinterne Kommunikation werden eher eigene Medienplattformen oder Intranets verwendet, die entsprechend selten öffentlich zugänglich sind.
Die Anzahl erreichter Follower*innen innerhalb der öffentlichen Plattformen spiegelt die Heterogenität der Gemeinschaften wider. Im Online- und Offline-Vergleich sind Übereinstimmungen, aber auch Diskrepanzen zu beobachten, die die These der Verweigerung technischer Entwicklungen für einige Sondergemeinschaften unterstützen. So haben die Church of Satan mit knapp 400.000 Follower*innen auf X oder aber die Kirche Universal vom Reich Gottes mit 3,3 Millionen Follower*innen auf Facebook online wie offline eine hohe Gefolgschaft. Andere Gemeinschaften, die offline mitgliedsstark sind, wie die Siebenten-Tags-Adventisten oder Jehovas Zeugen, sind kaum öffentlich auf Social Media vertreten und setzen eher auf gemeinschaftseigene Online-Angebote (Baer 2005; Pöhlmann und Goldenstein 2021).
Die strategische Online-Kommunikation religiöser Sondergemeinschaften
Religiöse Sondergemeinschaften setzen oft persuasive Kommunikation – also Überzeugungsstrategien – ein, die Ansichten formen und Verhaltensweisen beeinflussen sollen. Mithilfe sogenannter Sozialtechniken (Woll 1998) versuchen sie, neue Mitglieder zu gewinnen und ihre Anhängerschaft zu festigen. Sozialtechniken zielen darauf ab, Gesellschaft und Einzelpersonen zu lenken (Kroeber-Riel und Gröppel-Klein 2019). Der Ansatz nach Woll stammt aus der Zeit vor Social Media (1998). Die darin beschriebenen psychologischen Wirkmechanismen – etwa das Beobachtungslernen oder das Impression-Management – lassen sich jedoch mit Anpassungen an den Angebotscharakter der Social-Media-Plattformen anwenden (z. B. Pae 2020; O’Keefe 2016). So lassen sich verschiedene Bereiche des Internets und im Speziellen verschiedene Plattformen dabei unterschiedlich gut für die von Woll (1998) aufgestellten Sozialtechniken verwenden. Die Sozialtechniken werden unterschieden nach 1) externer Kommunikation (Kommunikation mit der Öffentlichkeit) und 2) gemeinschaftsinterner Kommunikation (s. Tab. 2 für Gesamtüberblick und Box 1, 2 für jeweilige Beispielposts inkl. Erläuterung). Im Folgenden wird detaillierter darauf eingegangen, inwiefern diese Kommunikationsarten in digitaler Kommunikation Anwendung finden können.

Tabelle 2: Kommunikationsziele und dazugehörige Sozialtechniken
Anmerkung: übergeordnete Kommunikationsziele sind fett markiert; eigene Abbildung in Anlehnung an Woll 1998 (gekürztes Modell)
(a) Kommunikation mit der Öffentlichkeit
Religiöse Sondergemeinschaften wenden sich an die Öffentlichkeit, um ihr Image zu verbessern und zu missionieren (Imagepflege) (Woll 1998). Wie Firmen oder Politiker*innen nutzen religiöse Sondergemeinschaften Impression-Management-Strategien, um vertrauenswürdig, kompetent und authentisch zu wirken (Femers 2015; Haferkamp 2010). Im Gegensatz zum Face-to-Face-Gespräch ist das Publikum online erst einmal anonym. Daher muss das Impression-Management an ein heterogenes Publikum ausgerichtet werden (Haferkamp 2010; Krämer und Winter 2008) und zeichnet sich meist durch Eigenwerbung, Zielgruppenansprache und das Herausstellen eines hohen Status und Prestige aus.
Außerdem umfasst die Imagepflege den Umgang mit Kritik, die in einer Sozialtechnik zur Diskreditierung von Gegenrede (Woll 1998) mündet. Viele Gruppen setzen auf visuelle Kommunikation, weil Bilder schneller verarbeitet und seltener hinterfragt werden und länger im Gedächtnis bleiben (Kroeber-Riel 1996). YouTube dient als Plattform für Community-Management: Verbreitete Formate sind persönliche Videologs (Pires 2022). Studien zu Radikalisierung und Verschwörungsgemeinschaften zeigen, dass YouTube eine wichtige Plattform für persuasive Inhalte ist (Baaken et al. 2020; Frischlich et al. 2018; Lechner et al. 2023). Inhaltlich findet sich das Muster, dass Kritiker*innen als missverstehend oder böswillig dargestellt werden, Gegenpositionen emotional abgewertet werden und Meinungsvielfalt zurückgewiesen wird.
Neben einer positiven Selbstdarstellung wenden sich religiöse Sondergemeinschaften zur Akquise neuer Mitglieder an die Öffentlichkeit. Hier setzen sie die weit verbreitete Foot-in-the-Door-Technik ein, bei der eine kleine Bitte gestellt wird, um das Vertrauen zu gewinnen, bevor eine größere Bitte folgt, die dann mit höherer Wahrscheinlichkeit ebenfalls akzeptiert wird (O’Keefe 2016; Woll 1998). Diese Technik eignet sich besonders für Social Media, da das basale Liken und Teilen von Beiträgen niedrigschwellige Handlungen sind (Althoff et al. 2014). Seiten wie YouTube, Facebook oder TikTok stellen dabei ideale Plattformen für den Erstkontakt und die Foot-in-the-Door-Technik dar, denn der kuratierte Anzeigealgorithmus registriert selbst das längere Anschauen eines Kurzvideos auf TikTok und zeigt den Rezipient*innen in folgenden Inhalten immer wieder gleichgeartete Videos (Hohner et al. 2025). Diese Anfragen können anschließend (algorithmisch) sukzessiv gesteigert werden. Eine mögliche Anfrage kann dabei ein Wechsel der Kommunikation von Social Media in gemeinschaftsinterne Onlinemilieus – wie etwa Intranets – sein (Hammer et al. 2021).


Box 1: Sozialtechniken externer Kommunikation
Anmerkung: Darstellung exemplarischer X- (Twitter-)a, YouTubeb-, Facebookc- oder Instagramd-Beiträge verschiedener Sondergemeinschaften vorrangig aus dem wesleyanisch-freikirchlichen1, evangelisch-freikirchlichen2, esoterisch-psychoorganisatorischen3 bzw. esoterisch-spirituellen,4 neuapostolischen5, endzeitlich-neureligiösen6, unspezifisch freikirchlichen7, adventistischen8, neuoffenbarten9 Bereich; s. Tab. 1 für eine Einordung der Spektren; entnommen aus Lechner (2025), Urheber aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht genannt
b) Gemeinschaftsinterne Kommunikation
Eines der wichtigsten internen Kommunikationsziele ist die sogenannte psychische Umpolung der Mitglieder, die oft über sprachliche Mittel erfolgt (Woll 1998). Einige Sondergemeinschaften, etwa Scientology, Jehovas Zeugen oder der Wicca-Orden, verwenden dafür ein teilweise komplexes gemeinschaftsinternes Vokabular, das neue Begriffe einführt oder allgemeine Termini ideologisch umdeutet (Sebastian 2017; Slick 2011). Studien zeigen, dass Sprache Denkprozesse beeinflusst, was die psychische Umpolung der Mitglieder ermöglichen kann (Khawar et al. 2021; Yasseri et al. 2016; Zimmerman et al. 2014). Auf Social Media präsentieren religiöse Sondergemeinschaften ihr Vokabular einem breiten Publikum und können so das sprachliche Repertoire der Rezipierenden beeinflussen. Durch ideologische Begriffsumdeutungen können eigene Interpretationen subtil in gesellschaftliche Diskurse eingebracht und Diskussionen frühzeitig geprägt werden (Rothut et al. 2024). Hier gilt es, zwischen öffentlich zugänglichen und internen Kanälen der Sondergemeinschaften zu unterscheiden. Auf öffentlichen Plattformen, wo der Kontakt zu unbeteiligten Rezipierenden oft flüchtig bleibt, beschränkt sich die Beeinflussung meist darauf, bestimmte Begriffe narrativ aufzuladen. Auf Social-Media-Plattformen mit stärkerem Fokus auf gruppenbasierte Kommunikation, etwa Telegram oder Discord, dient die codifizierte Sprache einem weiteren Zweck: der Identifikation von (anderen) Gleichgesinnten.
In der gemeinschaftsinternen Kommunikation ist das Sozialisieren und Verbünden ein zentraler Aspekt (Woll 1998). Mitglieder sollen ihr Sprach- und Verhaltensrepertoire den Regeln und Normen der Gesellschaft anpassen (Woll 1998). Das wird durch Beobachtungslernen, also dem Lernen am Modell, unterstützt (Gerrig und Zimbardo 2008; Woll 1998). Jüngere Rezipierende orientieren sich auf Social Media oft an Vorbildern als Modell, die von religiösen Sondergemeinschaften gefördert werden. Offizielle Accounts verbreiten gemeinschaftsverstärkende Narrative, die Mitgliedern und Außenstehenden das Gemeinschaftsgefühl näherbringen sollen. Auf Social Media wird häufig eine positive Verstärkung durch Belohnungen angeregt (Das und Lavoie 2014). Niedrigschwellige Interaktionen, wie das Liken eines Posts oder eine persönliche Antwort eines Gruppenanführers oder anderer einflussreicher Online-Personen, aktivieren dasselbe neuronale Belohnungssystem wie Nahrungsaufnahme oder Geld (Landgraf et al. 2016; Meshi et al. 2013). Religiöse Sondergemeinschaften nutzen diesen Mechanismus, indem sie gezielt auf kontingente Verstärkung setzen, eine Sozialtechnik, bei der erwünschtes Verhalten durch Belohnungen gefördert und unerwünschtes Verhalten durch moderaten sozialen Druck kontrolliert wird (Woll 1998). Während Arbeitsleistungen meist nicht monetär entlohnt werden (Bierhoff 1998; Gross 1996), bieten Gemeinschaften wie Jehovas Zeugen endzeitliche Erlösung als Belohnung (Pöhlmann und Jahn 2015; Woll 1998). Das erhöht den Druck innerhalb der Gemeinschaft (von Billerbeck und Nordhausen 1993; Woll 1998). Bei öffentlich zugänglichen Social-Media-Kanälen achten Gemeinschaften darauf, unbeteiligte Rezipierende nicht durch zu starke ideologische Inhalte abzuschrecken.
Die Sozialisation in einer Gemeinschaft ist ein langsamer Prozess, der aufgrund erzwungener Einstellungsänderungen auch Abwehrreaktionen auslösen kann (Moyer-Gusé 2008). Daher agieren Gemeinschaften vorerst behutsam, indem sie persuasive Botschaften einsetzen und positive Anreize in der öffentlich zugänglichen Kommunikation betonen, während sozialer Druck moderat signalisiert wird.


Box 2: Sozialtechniken gemeinschaftsinterner Kommunikation
Anmerkung: Darstellung exemplarischer X- (Twitter-)a, YouTubeb-, Facebookc-, oder Instagramd-Beiträge verschiedener Sondergemeinschaften vorrangig aus dem wesleyanisch-freikirchlichen1, evangelisch-freikirchlichen2, esoterisch-psychoorganisatorischen3 bzw. esoterisch-spirituellen4, neuapostolischen5, endzeitlich-neureligiösen6, unspezifisch freikirchlichen7, adventistischen8, neuoffenbarten9 Bereich; s. Tab. 1 für eine Einordung der Spektren; entnommen aus Lechner (2025), Urheber aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht genannt. Auf Basis der Literatur lässt sich die interne Kommunikation der Gemeinschaften theoretisch nachvollziehen. Die zur Verfügung stehenden Social-Media-Beiträge und entsprechend die unterstützenden Textbeispiele in Box 2 basieren jedoch aus ethischen wie auch rechtlichen Gründen ausschließlich auf öffentlich zugänglichen Inhalten. Entsprechend ist zu beachten, dass diese Inhalte, auch wenn sie für die interne Kommunikation ausgerichtet sein mögen, für ein externes Publikum sichtbar sind und den Regularien entsprechender Plattformen unterliegen. In der Folge spiegeln die öffentlich einsehbaren Beiträge vermutlich nicht vollständig die internen Inhalte der Gemeinschaften wider.
Implikationen für Forschung und Praxis
Religiöse Sondergemeinschaften haben im digitalen Zeitalter Fuß gefasst. Erste Monitoring-Ergebnisse zeigen, dass sie zahlreich online präsent sind; über eigene Webseiten, Social-Media-Plattformen und gemeinschaftsinterne Kanäle. Bemerkenswert ist, dass sie den digitalen Raum nicht aus Anpassungsdruck betreten haben, sondern diesen frühzeitig für ihre Zwecke nutzten. Häufig bedienen sie niedrigschwellige Kanäle zur Imagepflege, Missionierung und (digitalen) Bindung bestehender Mitglieder. Durch den gezielten Einsatz verschiedener Sozialtechniken scheinen sich die Gemeinschaften die strukturellen Vorteile digitaler Umgebungen (Reichweite, Zugang, räumliche und zeitliche Unabhängigkeit) zunutze zu machen.
Ist der Anschluss an religiöse Sondergemeinschaften realisiert oder die Bindung intensiviert, müssen potenzielle Auswirkungen auf das Individuum, die Gesellschaft und folglich die Demokratie in den Blick genommen werden. Religiöse Sondergemeinschaften können je nach Ausprägung in abgeschlossene Räume abdriften, in denen demokratische Werte und gesellschaftliche Normen gefährdet werden. Besonders bedenklich ist, wenn sich solche Gemeinschaften als Echokammern etablieren, in denen Fehlinformationen, Verschwörungsmythen oder extreme Inhalte zirkulieren und sich unter Umständen gegenseitig verstärken können. Insbesondere bei der Prävention von Radikalisierung können gezielte Gegenmaßnahmen wie Inokulations-Strategien (vgl. Spampatti et al. 2023) oder Debunking (Tay et al. 2022) hilfreich sein – Maßnahmen, die über mögliche Sozialtechniken und Persuasionsstrategien vor (Inokulation) oder nach (Debunking) der Exposition aufklären sollen.2 Im Online-Kontext werden Regulierungsmechanismen in Form von Inhaltsmoderation zentral diskutiert. Diese zeigt sich allerdings uneinheitlich – sowohl zwischen verschiedenen Plattformen als auch inhaltlich: Während antisemitische oder gewaltverherrlichende Inhalte oft konsequent sanktioniert werden, ist der Umgang mit medizinischer (s. Suarez-Lledo und Alvarez-Galvez 2021) oder ideologisch motivierter Fehlinformation oft zurückhaltender.
Vor dem Hintergrund der digitalen Präsenz religiöser Sondergemeinschaften in Deutschland ist die Lage komplex: Ein Teil dieser Gruppen verbreitet ideologische Inhalte, die demokratische Werte infrage stellen oder Extremismus fördern können. Inwiefern diese Inhalte beim Publikum tatsächlich Radikalisierung fördern, bleibt in Anbetracht der Studienlage offen. Die zentrale Herausforderung besteht daher darin, weitere Erkenntnisse zu gewinnen und darauf aufbauend Maßnahmen zu entwickeln, die Grundrechte schützen und potenziell demokratiegefährdenden Tendenzen wirksam begegnen, ohne pauschal alle Gruppen zu stigmatisieren. Eine differenzierte Beobachtung der Dynamiken, insbesondere in Online-Umgebungen, ist entscheidend, um präventive Strategien verantwortungsvoll zu gestalten. Es ist vielmehr unerlässlich, bei jeder wissenschaftlichen Untersuchung ein differenziertes und ausgewogenes Bild zu zeichnen, das die Vielschichtigkeit dieser Gemeinschaften in ihrer Gesamtheit erfasst.
1 Die Ökumene im Kontext der Ausbreitung des Christentums bedeutet so viel wie „zur Kirche als Ganzes gehörig“ (Heinrich und Bätzing 2023). Die ökumenische Bewegung richtet den Fokus auf die sichtbare Einheit aller Christ*innen (Dahlke und Ernesti 2017; Heinrich und Bätzing 2023).
2 Inokulation in diesem Kontext bezeichnet eine Art „psychologische Impfung“, die Menschen frühzeitig gegen manipulative Argumentationsmuster sensibilisieren soll; Debunking beschreibt das nachträgliche Aufdecken und Widerlegen falscher oder irreführender Informationen (siehe auch Spampatti et al. 2023; Tay et al. 2022).
Maximilian Lechner ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Lehr- und Forschungsbereich von Prof. Dr. Krämer am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Ludwig-Maximilians-Universität München und im DFG-Projekt Mediennutzungsstrategien angestellt. Forschungsinteressen: Nutzung audiovisueller Medien mit Fokus auf den Bereich Musik; Verschwörungserzählungen sowie religiöser Fanatismus und insbesondere esoterisch-spirituelle Strömungen.
Sophia Rothut ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Ludwig-Maximilians-Universität München. Forschungsschwerpunkte: politische Kommunikation durch Social-Media-Influencer*innen, Online-Radikalisierung, Mainstreaming und Gegenmaßnahmen für problematische Online-Inhalte.
Simon Greipl ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehr- und Forschungsbereich von Prof. Dr. Rieger (Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Ludwig-Maximilians-Universität München). Im Rahmen des vom BMFTR geförderten MOTRA-Projekts befasst er sich mit der Indikation von Radikalisierungsdynamiken in Online-Umgebungen. Forschungsinteressen: Radikalisierungsphänomene im Kontext von Gaming und dessen Communitys.
Julian Hohner ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er ist außerdem Teil des Projekts MOTRA. Forschungsschwerpunkte: Online-Radikalisierung und Extremismus und politische Kommunikation im Allgemeinen.
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