Einleitung1
Der beobachtete Gender Gap in der politischen Selbstverortung der Jugendlichen ist politisch höchst relevant. Er beschreibt den Befund, dass weibliche Jugendliche im Durchschnitt häufiger zu links-orientierten Positionen tendieren, während männliche Jugendliche sich häufiger rechts verorten (Nennstiel und Hudde 2025). So zeigt sich beispielsweise, dass männliche Jugendliche häufiger rechtspopulistische oder rechtsextreme Parteien unterstützen als weibliche Jugendliche (Milosav et al. 2025). Zudem wird rechtsmotivierte politische Kriminalität überwiegend von jungen Männern begangen. Der entsprechende Anteil männlicher Tatverdächtiger unter den Jugendlichen liegt bei etwa 90 % (Mediendienst Integration 2026). Der Gender Gap kann sich auch in unterschiedlichen politischen Präferenzen und Wahlentscheidungen niederschlagen und damit beispielsweise Einfluss auf Gleichstellungspolitiken, Klimapolitik, Wohlfahrtsstaat und Migration nehmen (Bernemann 2025; Stamm 2024; Grgic 2025).
Die Links-Rechts-Selbsteinstufung stellt in der Politikwissenschaft ein zentrales Instrument dar, um Befragte in einem politischen Spektrum zu verorten (Piurko et al. 2011). Politikwissenschaftliche Studien zeigen seit Längerem, dass sich in der Links-Rechts-Selbsteinstufung ein geschlechtsspezifischer Unterschied beobachten lässt (Nennstiel und Hudde 2025; Díez García 2025). In diesem Beitrag wird deshalb untersucht, ob sich geschlechtsspezifische Unterschiede in der Links-Rechts-Selbsteinstufung auch für Jugendliche in Deutschland empirisch nachweisen lassen und welche Erklärungsansätze hierfür relevant sind.
Forschungsstand und Hypothesen
Die Links-Rechts-Selbsteinstufungsskala wird in den Politikwissenschaften häufig analysiert, weil sie die vielfältigen politischen Einstellungen auf eine Dimension reduziert (Weber und Saris 2015). Vries et al. (2013) zeigten, dass die Links-Rechts-Selbsteinstufungsskala auf Basis der letzten drei Jahrzehnte zunehmend mit Fremdenfeindlichkeit korreliert und der Zusammenhang mit wohlfahrstaatlichen Umverteilungsvorstellungen abnahm. Nennstiel und Hudde (2025) verweisen darauf, dass rechte Orientierungen in Zusammenhang mit der Bewahrung von traditionellen Werten, mit restriktiven Positionen in der Migrationspolitik, der Aufrechterhaltung der politischen Ordnung und der Förderung von wirtschaftlichem Liberalismus einhergehen. Linke Orientierungen dagegen stehen für multikulturelle Offenheit, sozialistische Vorstellungen wirtschaftlichen Handelns und politische Reformen zugunsten von Gruppen mit weniger Einfluss, beispielsweise Minderheiten oder Frauen. Nennstiel und Hudde (2025) gehen in ihrer Untersuchung der Frage nach, wie stark Frauen und Männer sich politisch unterscheiden und wie man dies erklären kann. Sie differenzieren zwischen einem traditionellen und einem modernen Gender Gap in der Links-Rechts-Selbsteinstufung (ebd.). Der traditionelle Gender Gap, der in der Bundesrepublik bis etwa 1980 beobachtet wurde, war dadurch gekennzeichnet, dass Frauen im Durchschnitt stärker zu rechten Positionen tendierten, während Männer vergleichsweise häufiger linke Positionen aufwiesen (Nennstiel und Hudde 2025). Der traditionelle Gender Gap war Ausdruck der Orientierung vieler Frauen zu traditionellen Wertvorstellungen und sozialer Sicherheit, so Mayer (2015). Doch die Bildungsexpansion und die stärkere Arbeitsmarktbeteiligung von Frauen habe dazu beigetragen, dass sich der Gender Gap umkehrte (ebd.): Frauen stuften sich zunehmend häufiger links ein als Männer. Dies wird als moderner Gender Gap verstanden (Nennstiel und Hudde 2025). Die Ursachen des modernen Gender Gaps werden häufig im zunehmenden Streben von Frauen nach Gleichberechtigung und Emanzipation gesehen, das durch eine anhaltende Unzufriedenheit mit dem aktuellen Stand der Geschlechtergleichstellung geprägt ist (Nennstiel und Hudde 2025).
Shorrocks (2018) zeigte in ihrer Studie, dass sich jüngere Menschen im Vergleich zu älteren Menschen weiter links auf der Links-Rechts-Selbsteinstufungsskala positionieren. Dabei stellte sie fest, dass bei den jüngeren Menschen der moderne Gender Gap und bei den älteren der traditionelle Gender Gap zu beobachten ist (ebd.). Nennstiel und Hudde (2025) fanden wiederum unter Jugendlichen keinen traditionellen Gender Gap. Zudem zeigten sie, dass in 14 von 32 untersuchten Ländern die männlichen und weiblichen jungen Menschen sich annähernd identisch auf der Links-Rechts-Selbsteinstufungsskala im Durchschnitt positionierten. In den übrigen 18 Ländern stellten die Autoren einen moderaten modernen Gender Gap fest. Zu diesen Ländern gehört auch Deutschland. Die Autoren arbeiteten heraus, dass der moderne Gender Gap mit der Zustimmung zur Gleichstellung der Geschlechter zusammenhängt (Nennstiel und Hudde 2025). Demnach ist in den Ländern der moderne Gender Gap größer, in denen auch die Zustimmung zur Gleichstellung der Geschlechter wichtiger ist. Díez García (2025) interpretierte den modernen Gender Gap unter Jugendlichen in Spanien als Geschlechterkonflikt, der seine Ursache darin hat, dass sich die männlichen Jugendlichen vor dem Hintergrund des wachsenden bildungsbezogenen und beruflichen Erfolgs von Frauen gegen feministische Positionen auflehnen.
Zur Erklärung des Gender Gaps in der Links-Rechts-Selbsteinstufung lassen sich zwei Ansätze unterscheiden, die für die vorliegende Untersuchung aufgegriffen werden:
Der sozialstrukturelle Ansatz geht davon aus, dass die unterschiedliche Selbstverortung von Männern und Frauen auf der Links-Rechts-Selbsteinstufungsskala wesentlich durch die soziale Lage erklärbar ist, die durch Bildungsniveau, Arbeitsmarktposition und Wohnort geprägt ist. Niedrige Bildungsabschlüsse und niedrige berufliche Positionen sind in globalisierten, marktwirtschaftlich organisierten Gesellschaften häufig mit erhöhten ökonomischen Unsicherheiten verbunden (Mayer 2015). Diese ergeben sich insbesondere aus ökonomischen, migrationsbedingten und technologischen Veränderungen, die vor allem Beschäftigte in unteren Qualifikationssegmenten betreffen (Milosav et al. 2025). Männer arbeiten häufiger in Branchen wie dem Handwerk oder der Industrie und sind somit stärker von den Transformationsprozessen betroffen als Frauen, die überdurchschnittlich häufig in personenbezogenen Dienstleistungsberufen, etwa im Bildungs-, Gesundheits- oder Pflegebereich, beschäftigt sind (Wolak und McDevitt 2011). Hinzu kommt, dass Männer häufiger in der Rolle des familialen Hauptverdieners sind und Migration sowie die zunehmende Erwerbsbeteiligung von Frauen als ökonomische Bedrohung wahrgenommen wird (Mehring et al. 2025, 4). Dies kann dazu beitragen, dass Männer eher restriktive Migrationspositionen sowie traditionelle oder antifeministische Einstellungen vertreten, die mit einer stärkeren Rechtsorientierung einhergehen (Díez García 2025).
Auch der Wohnort spielt eine zentrale Rolle. Ländliche Regionen sind häufig durch eingeschränkte wirtschaftliche Chancen, geringere infrastrukturelle Ausstattung und niedrigere soziale Diversität gekennzeichnet und können Gefühle relativer Deprivation verstärken sowie den direkten Kontakt zu Menschen mit Migrationsgeschichte reduzieren (Maxwell 2019). In der Folge zeigen sich in solchen Kontexten häufiger höhere Zustimmungswerte zu rechten politischen Positionen als in urbanen, diverseren und ökonomisch dynamischeren Regionen (Maxwell 2019).
Aus diesen Überlegungen lässt sich für den Gender Gap daher folgende Hypothese ableiten:
H1 (soziostrukturelle Erklärung des Gender Gap): Der geschlechtsspezifische Unterschied in der Links-Rechts-Selbsteinstufung lässt sich durch Unterschiede in der soziostrukturellen Lage und in der Wahrnehmung sozioökonomischer Deprivation erklären.
Neben sozialstrukturellen Erklärungsansätzen werden in der politikwissenschaftlichen Forschung auch einstellungsbezogene Ansätze herangezogen, um den Gender Gap in der Links-Rechts-Selbsteinstufung zu erklären. Im Mittelpunkt dieser Perspektive steht die Annahme, dass Frauen und Männer im Verlauf ihrer Sozialisation unterschiedliche Werte und Normen entwickeln, die sich in ihren (politischen) Einstellungen niederschlagen (Milosav et al. 2025).
Religionszugehörigkeit, Migrationshintergrund und Staatsangehörigkeit können dem einstellungsbezogenen Ansatz zugeordnet werden, da sie mit jeweils eigenen sozialen Erfahrungsräumen einhergehen und deshalb mit unterschiedlichen Sozialisationsprozessen verbunden sind. Religionszugehörigkeit geht häufig mit traditionelleren Wertorientierungen, insbesondere hinsichtlich Geschlechterrollen, einher und wird daher eher mit konservativen bzw. rechten politischen Einstellungen in Verbindung gebracht (Gidengil et al. 2003). Demgegenüber kann eine eigene Migrationserfahrung oder eine ausländische Staatsangehörigkeit mit positiveren Einstellungen gegenüber Migration und Diversität verbunden sein, was tendenziell linke Positionierungen begünstigt (Begum 2026). Allerdings ist auch hier zu berücksichtigen, dass wahrgenommene ökonomische und soziale Konkurrenzsituationen innerhalb von Migrant*innengruppen zu differenzierten Effekten führen können (Begum 2026).
Frauen werden im Sozialisationsprozess stärker dazu angehalten, soziale Verantwortung, Fürsorge, Empathie und kooperative Orientierungen zu entwickeln (Gidengil et al. 2003). Männer hingegen werden häufiger in Richtung Individualismus, Wettbewerbsorientierung und Durchsetzungsfähigkeit sozialisiert (Gidengil et al. 2003). Der einstellungsbezogene Ansatz legt nahe, dass Frauen aufgrund einer stärkeren Kooperations- und Fürsorgeorientierung eher linke Positionen einnehmen als Männer.
Vor diesem Hintergrund ist anzunehmen, dass sich der Gender Gap in der Links-Rechts-Selbsteinstufung über Unterschiede in den Einstellungen erklären lässt. In der vorliegenden Untersuchung werden – basierend auf der Datenverfügbarkeit – neben Religionszugehörigkeit, Staatsangehörigkeit und Migrationshintergrund insbesondere autoritäre Einstellungen, meritokratische Einstellungen, demokratische Werte, inklusives Demokratieverständnis, Institutionsvertrauen, klimabezogenes Verantwortungsbewusstsein sowie wahrgenommene Informiertheit über soziale Medien berücksichtigt. Folgende Hypothese lässt sich daraus ableiten:
H2 (einstellungsbezogene Erklärung des Gender Gap): Der geschlechtsspezifische Unterschied in der Links-Rechts-Selbsteinstufung lässt sich durch Unterschiede in politischen Einstellungen sowie durch Unterschiede in Religionszugehörigkeit, Migrationshintergrund und Staatsangehörigkeit erklären.
Methodische Herangehensweise
Zur Prüfung der abgeleiteten Hypothesen werden Daten aus dem Projekt „Rechtsextremismus in ökologischen Transformationsräumen: Diskursangebote, Resonanzwege und demokratische Alternativen“ verwendet (Quent et al. 2024). Diese wurden mittels eines Online-Access-Panels über das Institut für angewandte Sozialwissenschaften (infas) zwischen dem 25.3.2024 und dem 5.4.2024 erhoben (Quent et al. 2024). Der Datensatz beruht auf den Angaben von 2 099 Jugendlichen zwischen 16 und 27 Jahren (Quent et al. 2024). Die im Anhang befindliche Tabelle 3 bietet einen Überblick über die erhobenen und operationalisierten Konstrukte.
Zur Analyse des Gender Gaps wurden 1 431 (68 %) Fälle berücksichtigt. Dies liegt darin begründet, dass nur Fälle für die Auswertung verwendet wurden, die keine ungültigen Angaben aufweisen und sich entweder dem männlichen oder weiblichen Geschlecht zuordnen. Die folgenden Analysen wurden mithilfe eines Gewichtungsfaktors berechnet, um die Stichprobe an die Grundgesamtheit der Jugendlichen anzupassen. Im ersten Schritt wurden uni- und bivariate Auswertungen zur Beschreibung der Daten durchgeführt. Anschließend wurden mehrere Regressionsmodelle spezifiziert, um den Gender Gap unter Kontrolle von Drittvariablen zu quantifizieren.
Ergebnisse
Uni- und bivariate Ergebnisse
Der Mittelwert der Links-Rechts-Selbsteinstufung (1 = links bis 10 = rechts) liegt in der Gesamtstichprobe bei 5,18 (vgl. Tabelle 1). Männliche Jugendliche weisen mit 5,47 einen höheren Mittelwert auf als weibliche Jugendliche mit 4,82 (t = 6,37, p < ,001). Der Gender Gap beträgt 0,65 Punkte und ist statistisch signifikant.


Tabelle 1: Geschlechtsunterschiede in ausgewählten Variablen; Anmerkung: Für die metrischen Variablen, wie Alter und Links-Rechts-Selbsteinstufung, wurden Mittelwerte berichtet. Die Prozentwerte beziehen sich auf die übrigen Variablen und sind auf die jeweilige Geschlechtergruppe prozentuiert. Für kategoriale Variablen wurden Pearson-χ²-Tests berechnet; als Effektstärke wird Cramers V berichtet. Für mehrkategoriale Variablen werden die globalen χ²-Tests ausgewiesen. Für Mittelwertvergleiche wurden F-Tests berechnet; als Effektstärke wird η² ausgewiesen. Aufgrund gewichteter Daten können Zellhäufigkeiten in SPSS gerundet worden sein. N = 1431.
Die bivariaten Analysen zeigen, dass weibliche Jugendliche ein signifikant höheres Bildungsniveau (63 % vs. 58 %) erreichen, ihre wirtschaftliche Lage jedoch signifikant schlechter einschätzen als männliche Jugendliche (31 % vs. 43 %), häufiger in einer Schule (17 % vs. 12 %), einer Ausbildung (11 % vs. 8 %) oder Hochschule (18 % vs. 14 %) sind beziehungsweise sich in Elternzeit (7 % vs. 2 %) befinden. Männliche Jugendliche sind hingegen signifikant häufiger erwerbstätig als weibliche Jugendliche (49 % vs. 33 %).
Weibliche Jugendliche weisen geringere Niveaus an autoritärer (26 % vs. 29 %) und meritokratischer (3 % vs. 8 %) Einstellungen sowie an wahrgenommener Informiertheit über soziale Medien (13 % vs. 20 %) auf. Gleichzeitig zeigen weibliche Jugendliche höhere Werte in Bezug auf klimabezogenes Verantwortungsbewusstsein (47 % vs. 35 %), demokratische Werte (68 % vs. 59 %) sowie ein inklusives Demokratieverständnis (40 % vs. 34 %).
Multivariate Ergebnisse
Eine schrittweise Regressionsanalyse wurde spezifiziert, um zu untersuchen, inwiefern sich die geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Links-Rechts-Selbsteinstufungsskala erklären lassen.
Die Ergebnisse der Regressionsanalysen (vgl. Tabelle 2) zeigen, dass im ersten Modell die Differenz zwischen männlichen und weiblichen Jugendlichen mit –0,65 statistisch signifikant ist und damit dem Ergebnis der bivariaten Mittelwertanalyse entspricht.
Mit jeder Erweiterung des Modells verringert sich der geschlechtsspezifische Unterschied sukzessive, bis im vierten Modell lediglich ein nicht signifikanter Effekt von –0,18 verbleibt. In dem zweiten Modell wurden Indikatoren des soziostrukturellen Erklärungsansatzes berücksichtigt, während im dritten Modell ausschließlich einstellungsbezogene Variablen integriert wurden. In dem einstellungsbezogenen Modell reduziert sich der Gender Gap deutlich von –0,65 auf −0,22. Im Vergleich dazu fällt die Reduktion unter Berücksichtigung des soziostrukturellen Modells deutlich geringer aus (−0,65 auf −0,49). Dies spricht dafür, dass einstellungsbezogene Faktoren eine höhere Erklärungskraft für geschlechtsspezifische Unterschiede in der Links-Rechts-Selbsteinstufung besitzen als soziostrukturelle Merkmale. Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass beide Variablenblöcke zur Erklärung des Gender Gaps beitragen, einstellungsbezogene Faktoren jedoch einen größeren Anteil der Unterschiede aufklären.


Tabelle 2: Regressionsanalyse zur Erklärung der Links-Rechts-Selbsteinstufung; Anmerkung: Angegeben sind unstandardisierte Regressionskoeffizienten. Die abhängige Variable ist die Links-Rechts-Selbsteinstufung; höhere Werte stehen für eine stärkere rechte politische Selbsteinstufung. Kontinuierliche Prädiktoren wurden z-standardisiert. Gewichtete Daten. * p < .05. ** p < .01. *** p < .001.
Des Weiteren zeigt sich, dass ein höheres Bildungsniveau, eine positivere Einschätzung der eigenen Zukunftsperspektiven im Vergleich zu den Eltern sowie eine höhere subjektive Schichtzugehörigkeit mit stärkeren rechten Einstellungen einhergehen. Ebenso sind eine höhere Informiertheit über soziale Medien sowie stärker ausgeprägte autoritäre und meritokratische Einstellungen positiv mit einer eher rechten Selbstverortung verbunden. Demgegenüber stehen inklusive Demokratievorstellungen, ein stärkeres Verantwortungsbewusstsein für den Klimaschutz, ausgeprägte demokratische Werte sowie höheres Institutionenvertrauen in Zusammenhang mit einer eher linken Selbstverortung. Der Gender Gap in der Links-Rechts-Selbsteinstufung lässt sich also damit erklären, dass weibliche Jugendliche ihre soziale Lage eher schlechter einschätzen und weniger autoritär und meritokratisch sind. Dafür sind sie stärker inklusiv-demokratisch, ökologisch verantwortungsbewusst und kritischer gegenüber Institutionen eingestellt.
Diskussion
Die Analyse zeigt, dass der Gender Gap in der Links-Rechts-Selbsteinstufung in Höhe von 0,65 Punkten sowohl durch soziostrukturelle als auch einstellungsbezogene Indikatoren reduziert werden kann. Beide Hypothesen finden somit empirische Unterstützung. Allerdings erweisen sich einstellungsbezogene Indikatoren als deutlich erklärungskräftiger, da sie den Gender Gap stärker reduzieren als soziostrukturelle Merkmale. Dieses Ergebnis steht im Einklang mit Befunden von Piurko et al. (2011). Trotzdem erscheint es plausibel, dass auch sozioökonomische Deprivation und unterschiedliche Sozialisationsprozesse zur stärkeren linken Selbstverortung weiblicher Jugendlicher beitragen. Die hier versammelten Befunde unterstreichen jedenfalls, dass Geschlecht nicht nur eine wichtige Kategorie für die Zuweisung von sozialem Status und hinsichtlich gesellschaftlicher Teilhabechancen ist, sondern hohe Relevanz für die (Selbst-)Verortungen im Koordinatensystem politischer Wertorientierungen und Identitäten hat. Dies wiederum verweist auf geschlechtersensible Ansätze in der politischen Bildungsarbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen, bei denen u. a. das Spannungsfeld zwischen erlebten Ungleichheit(en) und demokratischen Idealen der Gleichheit fokussiert werden kann.
1 Für die sprachliche Ausarbeitung sowie zur Unterstützung bei der Auswertung der Daten wurden KI-gestützte Tools genutzt. Die inhaltliche Verantwortung, Interpretation der Ergebnisse und finale Formulierungen liegen vollständig beim Autor.
Rahim Hajji ist Soziologe und Professor für Forschungsmethoden an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Als Vorstandsvorsitzender des Instituts für demokratische Kultur forscht er insbesondere zu politischen Einstellungen.
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Anhang



