Antifeministische Angriffe und Delegitimierung queerer und feministischer Jugendprojekte – ein praxisbezogener Blick auf Herausforderungen und Handlungsmöglichkeiten

Der Beitrag untersucht Antifeminismus als zunehmende Herausforderung für queere und feministische Projekte der Sozialen Arbeit. Am Beispiel von queer-feministischer Bildungsarbeit und Mädchen*arbeit im ostdeutschen Raum wird aufgezeigt, wie antifeministische Diskurse und Angriffe Arbeitsalltag, Handlungsspielräume und Sicherheitspraktiken prägen. Auf Basis zweier Expert*inneninterviews werden zentrale Problemlagen, z. B. direkte Anfeindungen und politische Einflussnahmen auf Förderstrukturen, herausgearbeitet. Abschließend werden Umgangsstrategien zwischen Selbstschutz, Anpassung und politischer Positionierung skizziert.

Empfohlene Zitierung:

Böttcher, Anna Blume/Künne, Marie (2026). Antifeministische Angriffe und Delegitimierung queerer und feministischer Jugendprojekte – ein praxisbezogener Blick auf Herausforderungen und Handlungsmöglichkeiten. In: Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (Hg.). Wissen schafft Demokratie. Schwerpunkt Demokratie und Geschlecht, Band 19. Jena, 104–119.

Schlagwörter:

Antifeminismus, Geschlechtergerechtigkeit, Rechtsextremismus, Angriffe, Demokratie, ­feministische und queere Soziale Arbeit, Jugendarbeit

 

Einleitung

Feministische und queere Projekte Sozialer Arbeit geraten zunehmend ins Visier antifeministischer und rechter Akteur*innen1 – sowohl auf struktureller Ebene als auch durch gezielte Störaktionen oder direkte Angriffe (u. a. Ringhofer 2016, 219; Sasse 2025; Grenz 2025). Fachkräfte berichten von Vorfällen, die sich explizit gegen geschlechterreflektierende und emanzipatorische Ansätze richten. Jugendeinrichtungen werden wiederholt zur Zielscheibe rechter Mobilisierungen (u. a. Opferperspektive 2025) und queere Jugendliche erfahren immer häufiger Gewalt (Vahid-Moghtada, 2025). Darüber hinaus werden Schutz- und Unterstützungseinrichtungen für von Gewalt betroffene Frauen* angegriffen, (Deutscher Paritätischen Wohlfahrtsverband – Gesamtverband e. V. 2022, 5), während sexualpädagogische Bildungsinitiativen unter dem Deckmantel einer vermeintlichen „Frühsexualisierung“ diffamiert werden (Grenz 2025). Auch Mitarbeitende feministischer und queerer Projekte selbst sehen sich immer wieder Bedrohungen und antifeministischen Konfrontationen ausgesetzt (Ringhofer 2016; Sasse 2025). Diese Erfahrungen lassen sich durch die Zahlen der Meldestelle Antifeminismus gesamtgesellschaftlich empirisch stützen: So richteten sich viele der 558 Vorfälle im Jahr 2024, die als antifeministisch kategorisiert werden konnten, gegen zivilgesellschaftliches Engagement im Bereich Gleichstellung und frauenpolitischen Kontexten. Dabei stellte Queerfeindlichkeit ein zentrales Motiv dar (Lola für Demokratie e. V. 2025).

Der vorliegende Beitrag wirft ein exploratives Schlaglicht auf die Auswirkungen von Antifeminismus auf Mädchen*arbeit sowie auf queer-feministische Bildungsarbeit als zentrale Handlungsfelder feministischer Sozialer Arbeit. Im Sinne eines Theorie-Praxis-Transfers wird untersucht, wie antifeministische Politiken und Interventionen den Arbeitsalltag, die Handlungsspielräume und den Umgang mit Gefährdung in der Mädchen*arbeit sowie in der queer-feministischen Bildungsarbeit prägen und welche Herausforderungen, Strategien und Bedarfe sich daraus ergeben. Dafür wurden Expert*inneninterviews mit zwei Projektmitarbeitenden aus Ostdeutschland geführt und in methodischer Anlehnung an die strukturierende Inhaltsanalyse nach Mayring (2015) ausgewertet.

In diesem Beitrag wird zunächst der Themenkomplex Antifeminismus – insbesondere vor dem Hintergrund einer zunehmenden „rechten Normalisierung“ – umrissen. Anschließend wird Antifeminismus im Kontext Sozialer Arbeit und Pädagogik verortet und mit Perspektiven aus der Praxis verschränkt.

Antifeminismus – eine Annäherung 

Antifeminismus ist ein zentraler Bestandteil extrem rechter Ideologie und gleichzeitig keine Randerscheinung, sondern bis in die Breite der Gesellschaft hineinwirkend (Kalkstein et al. 2022, 245). Unter Antifeminismus wird die gezielte Ablehnung feministischer und emanzipatorischer Bestrebungen verstanden. Trotz vorhandener Verzahnung und Parallelen zu Sexismus oder Misogynie – der gewaltbereiten Feindschaft gegenüber Frauen – ist Antifeminismus als eigenes Phänomen zu markieren (FemPI/Forschungsnetzwerk Frauen und Rechtsextremismus 2022). Die Erziehungswissenschaftlerin Juliane Lang und der Politikwissenschaftler Ulrich Peters beschreiben Antifeminismus als Akteurskonstellation, die sich „in organisierter Form – in explizierter Gegnerschaft zu einem von ihnen als omnipotent beschriebenen Feminismus positionier[t] und/oder sich in Diskussionen um familien-, geschlechter- und sexualitätsbezogene Themen heteronormativ gegen die Auspluralisierung sexueller, geschlechtlicher und familialer Lebensformen und eine damit einhergehende Anerkennung derselben in ihrer Vielfalt stell[t]“ (Lang und Peters 2015, zit. nach Lang und Peters 2018, 17).

Es handelt sich bei Antifeminismus also um eine politische Programmatik in „organisierter Form“. Das bedeutet wiederum nicht, dass jede antifeministische Einstellung immer auch mit politischer Organisierung einhergeht.

Die Vorstellung davon, dass Geschlechterverhältnisse einer „natürlichen Ordnung“ folgen und demnach feministische Emanzipationsbestrebungen oder queere Kämpfe eine Bedrohung für diese vermeintlich existierende natürliche Ordnung darstellen würden, vereint ein vielfältiges Spektrum an Akteur*innen. An dieser Programmatik bedienen sich die extreme Rechte, christliche Fundamentalist*innen und maskulinistische Akteur*innen ebenso wie Vertreter*innen demokratischer Parteien (Blum 2021; Lang und Peters 2018, 14). Diese „Brückenfunktion“ von Antifeminismus sehen wir zum Beispiel daran, dass antifeministische Einstellungen, wenn auch in unterschiedlicher Stärke, bei Wähler*innen aller größeren Parteien vertreten sind (Kalkstein et al. 2024, 169). Dabei lässt sich ein deutlicher Überhang bei Sympathisant*innen der AfD aufzeigen. Durch diese gesellschaftliche Anschlussfähigkeit dient Antifeminismus als „Einfallstor“ für weitere Ungleichwertigkeitsideologien (vgl. Amadeu Antonio Stiftung 2023; Henninger 2020, 10; Arbeitskreis geschlechterreflektierende Rechtsextremismusprävention 2019).

Antifeminismus ist nicht neu, sondern lässt sich mindestens bis ins beginnende 20. Jahrhundert zurückführen (Planert 1998; Blum 2021). War es damals noch die Abwehr gegen das Frauenwahlrecht, lässt sich aktuell verzeichnen, dass innerhalb antifeministischer Argumentationen „Gender“2 zum zentralen Feindbild geworden ist. Verschwörungsideologische Narrative, wie die der angeblich drohenden „Gender-Agenda“ oder der „Gender-Ideologie“, unterstellen und konstruieren hinter feministischen Bestrebungen eine vermeintliche bedrohliche Übermacht (Mayer et al 2018, 37).  

Queere und feministische Handlungsfelder Sozialer Arbeit und Pädagogik als Angriffsfläche antifeministischer Mobilisierung

Soziale Arbeit – mit ihren Grundsätzen von Gerechtigkeit und Vielfalt (u. a. Deutscher Berufsverband für Soziale Arbeit e. V. 2025) – kann für Antifeminist*innen per se eine Angriffsfläche bieten. Dabei werden die „normativen Grundlagen der Profession“ (Großmaß 2020 zit. nach Lindner und Stützel 2022, 104) gezielt infrage gestellt.3 Besonders im Rahmen eines „rechten Kulturkampfes“ und metapolitischer Strategien4 dienen vorpolitische Räume wie Gender, Familie, Erziehung und Bildung als attraktive Orte der Mobilisierung (u. a. Baader 2020; Grenz 2025, 183). 

Dass feministische Felder Sozialer Arbeit, darunter auch geschlechterreflektierende Mädchen*arbeit und Bildungsprojekte zu geschlechtlicher und sexueller Vielfalt, verstärkt ins Visier antifeministischer Anfeindungen und Bedrohungen geraten, lässt sich auch historisch herleiten. So sind Errungenschaften aus der zweiten Frauenbewegung, beispielsweise die Entstehung von Frauenhäusern, Forderungen nach geschlechtlicher und sexueller Selbstbestimmung oder die Kollektivierung von Erfahrungen in patriarchalen Strukturen, in enger Verknüpfung mit Sozialer Arbeit zu sehen. Diese (Selbst-)Organisierung von Frauen* und Mädchen* entzieht sich elementaren patriarchalen Logiken. Entsprechende Strukturen werden seit jeher diffamiert und infrage gestellt (Bessy 2023, 2). Auch heute dienen Einrichtungen und Projekte zum Schutz vor geschlechtsspezifischer Gewalt als Vehikel eines als übermächtig konstruierten Feminismus, einer „Gender-Ideologie“ oder „der Antifa“, wie die Leiterin der Geschäftsstelle des Deutschen Frauenrats Judith Rahner analysiert (Rahner 2019, 7). Rechte Akteur*innen erheben immer wieder Forderungen, entsprechende Arbeitsfelder von öffentlicher Förderung auszuschließen oder bestimmte Einrichtungen komplett zu schließen (Rahner 2019, 6).

Neben Ansprüchen nach Abschaffung und Diffamierungsversuchen gegenüber Projekten der Prävention und Beratung im Kontext geschlechtsspezifischer Gewalt nehmen die polarisierend und emotional geführten Auseinandersetzungen um sexualpädagogische Ansätze eine zentrale Rolle innerhalb des antifeministischen Kampffeldes ein. Ausgehend von biologistischen Vorstellungen von Geschlecht und Sexualität werden pädagogische Auseinandersetzungen mit diesen Themen als überflüssig delegitimiert. Zugleich wird jede Form einer Pädagogik der Vielfalt einer vermeintlichen „Gender-Ideologie“ zugerechnet und in verschwörungsideologische Deutungsmuster einer angeblichen „Umerziehung“, „Frühsexualisierung“ oder „Kindeswohlgefährdung“ eingebettet (AfD Sachsen 2025; Initiative Elternaktion 2020). Politische Bildner*innen als vermeintlich ausführende Instanzen dieser „Agenda“ werden dabei zum Feindbild konstruiert (Oldemeier et al. 2020, zit. nach Grenz 2025, 59). Das kann Angriffe auf Einrichtungen und Mitarbeitende nach sich ziehen (Grenz 2025, 56). Beispiele für ebensolche queerfeindlich motivierte Angriffe finden sich ausreichend: Im November 2025 wurde ein queeres Jugendzentrum in der Nähe von Bremen zum Ziel eines rechtsextremen Anschlags (LSVD 2025). Im Oktober 2025 wurde das schwule Anti-Gewalt Projekt Maneo in Berlin Schöneberg ebenfalls zum Ziel von Sachbeschädigung aus vermutlich homofeindlichem Hintergrund (Queer.de 2025). Für Sachsen-Anhalt kündigt die AfD an, dass sie, sollte sie im September 2026 die Landesregierung übernehmen, Regenbogensymbole an Schulen verbieten wolle (LSVD Sachsen Anhalt 2026).

Antifeministische Politiken und ihre Auswirkungen auf feministische und queere Projekte in Ostdeutschland – ein Blick in die Praxis

Um zu verstehen, wie antifeministische Politiken die Praxis beeinflussen, wurden exemplarisch zwei Expert*inneninterviews mit Mitarbeitenden aus queeren und feministischen Projekten geführt. Im Folgenden werden die wichtigsten Erkenntnisse aus diesen Gesprächen zusammen mit einer theoretischen Einordnung vorgestellt.
Zum Schutz der Interviewpartner*innen erfolgt die Darstellung und Analyse der Interviewaussagen ausschließlich in anonymisierter Form. Beide Interviewpartner*innen sind hauptamtlich in der queeren und feministischen Beratungs- und Bildungsarbeit in zwei unterschiedlichen ostdeutschen Bundesländern tätig.

Das Projekt von Interviewpartnerin 1 richtet sich an Fachkräfte der Mädchen*arbeit und der geschlechterreflektierenden Arbeit auf Landesebene. Durch Beratung, Netzwerkstärkung, Weiterbildung für Multiplikator*innen und Begleitung bei Fördermittelanträgen werden Akteur*innen vor Ort unterstützt. Interviewpartner*in 2 ist als politische Bildnerin in einem queer-feministischen Verein tätig. Die Bildungsarbeit des Vereins richtet sich an Jugendliche sowie an Multiplikator*innen aus der schulischen und außerschulischen Jugendarbeit im ländlichen Raum. Ziel der Bildungsformate ist die Sensibilisierung für Themen rund um „queeres Lieben und Leben“ sowie der Abbau queerfeindlicher Einstellungen und Feindbilder. Ergänzend zur Bildungsarbeit bietet der Verein Beratungsangebote sowie offene Begegnungsformate an. Gemeinsam ist der Arbeit beider Interviewpartner*innen, dass sie sich auf Zielgruppen im ostdeutschen (ländlichen) Raum beziehen. Trotz der Verortung in unterschiedlichen Bundesländern zeigen sich strukturelle Gemeinsamkeiten der jeweiligen Sozialräume, deren Bedeutung für die Praxis im weiteren Verlauf des Artikels herausgearbeitet wird. 

Antifeministische Delegitimierungs- und Normalisierungsstrategien 

Die von den Interviewpartner*innen beschriebenen Angriffe und Auswirkungen lassen sich in drei Ebenen gliedern: in eine individuelle Ebene, in eine Ebene, die die unmittelbare Projektpraxis betrifft, und in eine strukturelle Ebene (angelehnt an Ringhofer 2016).

Auf der individuellen Ebene berichten sie davon, dass sie einen deutlichen Anstieg von Anfeindungen sowohl gegen ihre Arbeit als auch gegen sich selbst als Projektmitarbeitende erleben. So komme es vermehrt zu direkten Konfrontationen im Klassenraum und Jugendclubs. Dabei berichten die Interviewpartner*innen davon, dass sich nicht nur die Häufigkeit, sondern auch die politisch-weltanschaulichen Hintergründe von queerfeindlichen und antifeministischen Argumentationen verändert hätten: 

„Wir hatten glaube ich vor ein paar Jahren eher Fokus auf: wie kann ich gut auf christlich-fundamentalistische Dinge antworten, wie kann ich gut auf, zum Beispiel auch islamisch geprägte Argumente reagieren […] und mittlerweile ist der Fokus definitiv darauf, dass wir auch Lehrkräfte zum Teil abfragen, wisst ihr, ob eure Jugendlichen in gefestigten rechten Strukturen stattfinden […].“ (Interviewpartner*in 2)

Zusätzlich erleben die Projektmitarbeitenden Anfeindungen in Form von Hassmails, Drohnachrichten oder direkter Konfrontation. Antifeministischer Akteur*innen versuchen Mitarbeitende im Rahmen von Veranstaltungen gezielt „abzufangen“: „Es gab vor ein paar Jahren, […] diese Initiative von den besorgten Eltern5, die wollten eigentlich gerne Projekte wie unseres vor Schulen abfangen, um sie nicht mehr an die Schulen zu lassen.“ (Interviewpartner*in 2)

Antifeministische Entwicklungen zeigen sich auch auf der Ebene der unmittelbaren Projektpraxis. So komme es zu verbalen Angriffen vor Jugendclubs oder Mädchen*-Treffs, die sich explizit gegen die Zielgruppen der Projekte richten und Einrichtungen als „grünversifft“ oder feindlich mit „Antifa“ markiert werden. Hier lässt sich an die oben ausgeführte Einschätzung anknüpfen, dass Einrichtungen, die als Orte zum Schutz vor geschlechtsspezifischer Gewalt wahrgenommen werden, antifeministisch diffamiert werden (Rahner 2019, 7). 

Mit Blick auf die Zielgruppe Jugendliche beschreiben die Interviewpartner*innen eine doppelte Verschiebung, die in ihrer alltäglichen Arbeitspraxis sichtbar wird: Zum einen sind ein Teil der Jugendlichen zunehmend selbst von extrem rechter, antifeministischer und insbesondere queerfeindlicher Gewalt betroffen. Zum anderen lassen sich vermehrt extrem rechte und antifeministische Positionen unter Jugendlichen beobachten. Dabei stellten die bundesweiten Angriffe auf CSDs in den letzten beiden Jahren einen Tiefpunkt in der Radikalisierung queerfeindlicher Haltungen unter Jugendlichen dar. Mit Blick auf Ostdeutschland fiel dabei sowohl die hohe Gewaltbereitschaft als auch das junge Alter der Angreifenden auf (dpa 2025). Die Interviewpartner*innen berichten davon, dass Feminismus und Demokratie für viele junge Menschen in ihren Arbeitsbereichen als „uncool“ oder sogar als riskant gelten würden, insbesondere in sozialen Räumen, in denen es kaum Gegenstimmen gebe. 

Für feministische und queere Bildungsarbeit sowie Mädchen*arbeit bedeute dies, dass sie mit Jugendlichen arbeiten, die in einer Normalität von Antifeminismus und Queerfeindlichkeit aufwachsen. Dies stellt hohe Anforderungen an die pädagogische Praxis und verstärkt den Druck auf die Projekte. Die Interviewpartner*innen geben beide an, dass die Hegemonie rechten Gedankenguts im ländlichen Raum in Ostdeutschland prägend für ihre Arbeit sei. So beschreiben sie, dass die Jugendlichen, mit denen sie arbeiten, teilweise AfD-Rhetoriken unkritisch aus ihrem Umfeld übernehmen würden: „Das ist ihr Umfeld, das ist die Wahrheit, in der sie stattfinden“ (Interviewpartner*in 2). 
Neben dieser skizzierten individuellen und projektbezogenen Ebene erscheinen zudem strukturelle Angriffe auf die Arbeitsfähigkeit der Projekte als gravierend. Beide Interviewpartner*innen schildern, dass teilweise jahrzehntelang bestehende Förderungen zunehmend unsicherer werden durch neue Anforderungen in den Antragsverfahren oder Kürzung von Mitteln. Alternativ würde sich vermehrt auf Stiftungsgelder und Spenden bezogen werden (Interviewpartnerin 1). Die Einschätzungen der Projektmitarbeitenden unterscheiden sich dabei hinsichtlich der betroffenen Ebene – ob also Landes- oder kommunale Förderung betroffen ist. Das deutet darauf hin, dass es sich um eine übergreifende Entwicklung handelt.

Den untersuchten Arbeitsfeldern der queeren und feministischen Mädchen*- und Bildungsarbeit werden dabei unterschiedliche rechte und antifeministische Narrative entgegengebracht: Der Bereich der Mädchen*arbeit sieht sich dabei weniger einer pauschalen Abwertung ausgesetzt als vielmehr einem wachsenden Rechtfertigungsdruck. Dieser entsteht vor dem Hintergrund der Erzählung einer vermeintlichen „Jungenbenachteiligung“ sowie der Annahme, feministische Anliegen hätten ihre gesellschaftliche Relevanz bereits verloren. Plastisch wird dies in der Erfahrung, dass feministische Mädchen*arbeit über viele Jahre von kommunalen Verwaltungsmitarbeitenden weitgehend unbeachtet blieb und erst im Zuge einer antifeministischen Diskursverschiebung zunehmend problematisiert wurde. Begriffe, die zuvor selbstverständlich verwendet wurden, etwa „Feminismus“ oder „Intersektionalität“6, geraten mittlerweile ins Visier, sobald sie in Anträgen benannt werden. Die queere und feministische Bildungsarbeit sieht sich dahingehend stärker mit einer klaren Feindbildmarkierung, queerfeindlichen und menschenverachtenden Positionen konfrontiert. Dabei wird die grundsätzliche Abschaffung ihrer Arbeit gefordert. Expert*in 2 berichtet davon, dass queere Angebote häufig nicht als Teil sozialer oder pädagogischer Praxis, sondern als politische Programmatik wahrgenommen werde. Vorherrschend sei die Erzählung einer ‚Frühsexualisierung‘ und ‚Indoktrination‘ (Kemper 2024, 80 ff.). Hier ist zu vermerken, dass außerschulische queere und feministische Bildung vorwiegend nicht regelfinanziert und daher besonders umkämpft und prekär ist. Die Ausführungen der Expert*innen verdeutlichen, wie antifeministische Positionen, erschwerte Förderbedingungen sowie verknappte Finanzmittel für queere und feministische Arbeit zunehmend auch in Verwaltungslogiken und kommunalen Entscheidungsprozessen verankert sind und wirken.
Diese skizzierten Erfahrungen auf den drei Ebenen werden nicht als singuläre Vorfälle, sondern als Teil einer gesamtgesellschaftlichen Verschiebung nach rechts wahrgenommen, die sich in den letzten Jahren verschärft habe: „Und jetzt ist es nicht mehr weg zu denken. Es ist jetzt das ‚new normal‘. Jeden Tag kann mein Telefon klingeln und meine Kollegin erzählt mir sowas.“ (Interviewpartnerin 1)

Konsequenzen und Handlungsstrategien im Umgang mit antifeministischen Angriffen 

Eine zunehmende antifeministische Polarisierung bleibt nicht folgenlos für die professionelle Selbstverortung und die Möglichkeiten der Projektumsetzung. Beide Interviewpartner*innen berichten, dass Begriffe wie „Feminismus“, gendergerechte Sprache oder demokratische Selbstverständnisse in der Praxis Resonanz auslösen und Widerstände von Jugendlichen, Eltern, lokalen Akteur*innen sowie Fördermittelgebern hervorrufen. Mittlerweile ist in sechs Bundesländern der Gebrauch gendergerechter Sprache im schulischen Kontext stark eingeschränkt oder untersagt. Das beschreiben beide Interviewpartner*innen als konkrete Einschränkung fachlicher Handlungsspielräume. Auch Förderentscheidungen werden politisiert wahrgenommen, etwa die Beendigung der Landesfinanzierung für Beratungsangebote für queere Geflüchtete in Sachsen Ende 2025 (Steinberg 2025), die als Zäsur für etablierte und dringend benötigte Strukturen beschrieben wird.

Ausgehend davon bewegen sich die Projekte in einem Spannungsfeld zwischen Projektschutz und politischer Positionierung. Um Angriffsflächen zu minimieren und die eigene Existenz zu sichern, werden teilweise Anpassungen vorgenommen. Diese bewerten die Interviewpartner*innen ambivalent. Dazu zählen insbesondere Modifikationen in der sprachlichen Rahmung ihrer Arbeit sowie eine bewusste Abwägung zwischen gendergerechter Sprache und Reichweite, etwa wenn „im Zweifel […] in Workshops nicht gegendert [wird], in der Hoffnung, darüber mehr Personen zu erreichen“ (Interviewpartner*in 2). Einerseits ermöglichen solche Maßnahmen das Weiterarbeiten unter erschwerten Bedingungen, andererseits bürgen sie die Gefahr eines „vorauseilenden Gehorsams“ durch welchen zentrale politische Anliegen unsichtbar werden und ein Entpolitisierungsprozess begünstigt werden könne.

Die Folgen antifeministischer Angriffe und Delegitimierungsversuche zeigen sich auch auf der Ebene der Praktiker*innen selbst. Eine angespanntere Sicherheitslage und unsichere Finanzierungen äußern sich in erhöhter emotionaler Belastung, der Notwendigkeit zusätzlicher Sicherheitsvorkehrungen oder der Entscheidung, Arbeitsstellen zu verlassen. Antifeministische Angriffe wirken damit als Strategie des „Mürbemachens“, die über öffentliche Diskurse hinaus tief in die Arbeitsrealitäten zivilgesellschaftlicher Akteur*innen eingreift und deren langfristige Handlungsfähigkeit gefährdet. Auf struktureller Ebene berichten die Interviewpartner*innen, dass bundesweite Förderprogramme häufig als vergleichsweise „sicherer“ wahrgenommen werden als kommunale Finanzierungen, die stärker von lokalen politischen Mehrheiten abhängen. Gleichzeitig wird ein hoher Bedarf an geschlechterreflektierender und queerer Arbeit beobachtet, der jedoch einer chronischen finanziellen Unterausstattung gegenübersteht.

Im Umgang mit den beschriebenen Angriffen setzen die Projekte auf unterschiedliche Strategien. Als zentrale Ressource wird die Vernetzung mit anderen zivilgesellschaftlichen Akteur*innen benannt. Der Austausch mit anderen Projekten wird als entlastend und stärkend beschrieben; allein darüber zu sprechen, was passiert, gebe Mut und Kraft. 
Auf die Frage danach, was es zukünftig für ihre Arbeit brauche, antworteten die Interviewpartner*innen einerseits, dass es eine langfristige, sichere Finanzierung für Projekte zu geschlechtergerechter Bildungsarbeit und Sozialer Arbeit nötig sei. Nur langfristige Finanzierung stelle auch nachhaltige gesellschaftliche Verankerung der Arbeit sicher. Daneben brauche es das grundlegende Verständnis davon, dass queere und feministische Arbeit unabdingbar für eine gerechte Demokratie sei. So schließt Interviewpartner*in 2 mit einem Wunsch ab:

„Ich würde mich […] freuen, wenn zumindest bei den Erwachsenen beim Wort Feminismus nicht sofort die Ohren zugehen oder bei Queerness oder sämtlichen Dingen, die sie vielleicht nicht selbst betreffen, aber definitiv eben stattfinden in ihrem Leben. Weil ich glaube, das würde es den Jugendlichen sehr viel einfacher machen, auch zu sehen, dass wir eben irgendwie alle Menschen sind, die zusammen auch in dieser Welt leben.“

Insbesondere in Sozialräumen, die von rechten Hegemonien geprägt sind, muss queere und feministische Arbeit als dringend notwendige Demokratiearbeit verstanden werden. Umso eindrücklicher und wichtiger ist, dass trotz der beschriebenen Belastungen die Interviewpartner*innen eine klare Haltung äußern, die eigene Arbeit nicht aufzugeben, sondern aktiv zu verteidigen: „Jetzt erst recht! Wir kämpfen jetzt für unsere Berufsfelder. Weil wir wissen, dass die gut sind. Und weil wir wissen, dass wir gut sind. Und wir wissen, was die Jugendlichen brauchen.“ (Interviewpartnerin 1)

Fazit

Die Analyse macht deutlich, dass antifeministische und queerfeindliche Dynamiken tief in die Arbeitsrealitäten feministischer und queerer Sozialer Arbeit eingreifen. Sie äußern sich nicht nur in direkten Angriffen, sondern auch in subtileren Formen der Delegitimierung, in veränderten Diskursen sowie in strukturellen Einschränkungen. Die Kürzungen öffentlicher Förderungen für queere und feministische Arbeit ist Ausdruck dessen, dass Antifeminismus nicht nur Teil rechter Diskurse ist, sondern sich längst in Realpolitik niederschlägt. Antifeminismus erweist sich somit als gesamtgesellschaftliches Phänomen, welches zunehmend in institutionelle und alltägliche Zusammenhänge hineinwirkt. Zugleich wird sichtbar, dass die betroffenen Projekte trotz wachsender Herausforderungen handlungsfähig bleiben und Strategien entwickeln, um ihre Arbeit fortzuführen. Diese bewegen sich jedoch in einem Spannungsfeld zwischen notwendigem Schutz, Anpassungsdruck und dem Versuch, weiterhin emanzipatorisch wirksam zu sein. Abschließend ist festzuhalten: Eine langfristige Absicherung und gesellschaftliche Anerkennung queerer und feministischer Sozialer Arbeit muss unverzichtbarer Bestandteil demokratischer Infrastruktur sein.

 


1 Trotz eines binären Geschlechterverständnisses antifeministischer Akteur*innen wird in diesem Artikel mit * gegendert, um die Konstruktion und Vielfältigkeit von geschlechtlicher Identität abzubilden.

2 „Gender“ als Kampfbegriff und missverstandene Interpretation; abweichend der eigentlichen wissenschaftlichen Bedeutung im Kontext von Geschlecht als soziales Phänomen.

3 In einer Gleichzeitigkeit ist die Soziale Arbeit als Profession nicht gefeit davor, selbst zu einer (Re-)Produktion von Ungleichwertigkeitsideologien beizutragen und Anknüpfungspunkte für entsprechende Positionen zu bieten (vgl. Gille et al. 2022; Lindner und Stützel 2022; Lehnert und Radvan 2022).

4 Metapolitische Strategien der extremen Rechten bezeichnen Versuche, gesellschaftliche Werte, Denkweisen und Normen langfristig zu beeinflussen, ohne direkt parteipolitisch zu handeln. Ziel ist es, durch Debatten, Sprache, Kultur und Bildung ein rechtes Weltbild als „normal“ oder akzeptabel erscheinen zu lassen und so politische Veränderungen vorzubereiten.

5 Die Initiative „Besorgte Eltern“ wurde 2013 von einem Familienvater aus Protest gegen eine vermeintliche „Frühsexualisierung“ von Kindern und die „Gender Ideologie“ gegründet. Gemeinsam mit Akteur*innen aus verschwörungsideologischen und christlich fundamentalistischen Kontexten, z. B. der „Demo für alle“, organisierte die Initiative Demonstrationen, auf denen auch der rechte Verschwörungsideologe Jürgen Elsässer sprechen durften. Im Internet verbreitet die Initiative u. a. queerfeindliche und verschwörungsideologische Inhalte auf ihrer Website sowie auf einschlägigen Medien, z. B. kla.tv. (Schmincke 2016; Riedlberger 2015).

6 Intersektionalität beschreibt nach Kimberlé Crenshaw, dass verschiedene Diskriminierungs- und Herrschaftsverhältnisse (z. B. Rassismus, Sexismus, Klassismus) nicht unabhängig voneinander wirken, sondern sich überschneiden und gegenseitig verstärken. Dadurch entstehen Benachteiligungen, die nur verstanden werden können, wenn diese Verschränkungen gemeinsam betrachtet werden (vgl. Crenshaw 1989).

 


Anna Blume Böttcher studierte Soziale Arbeit (M. A.). Als politische Bildnerin und Referentin beschäftigt sie sich mit den Themen extreme Rechte im Kontext Soziale Arbeit und Schule, Antifeminismus, geschlechterreflektierende Rechtsextremismusprävention, Kontinuität rechter Gewalt und Terror. Aktuell arbeitet sie an der Hochschule RheinMain als wissenschaftliche Mitarbeiterin zu Rechtsextremismus und Soziale Arbeit.

Marie Künne ist Politikwissenschaftlerin (M. A.), politische Bildnerin und systemische Beraterin. Seit vielen Jahren ist sie in der politischen Bildungsarbeit zu den Themenschwerpunkten Verschwörungsideologien, Antisemitismus und Antifeminismus tätig. Marie Künne lebt und arbeitet in Sachsen und hat in ihrer Arbeit einen Fokus auf ostdeutsche Gegebenheiten. Als systemische Beraterin war Marie Künne in der Beratungsarbeit mit Betroffenen von Antisemitismus tätig und arbeitet aktuell als Referentin zu Antisemitismus an deutschen Hochschulen.


 

Quellenverzeichnis

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