Rechtsterrorismus im digitalen Zeitalter(1)

Der Rechtsterrorismus ist im digitalen Zeitalter angekommen. Von Christchurch bis El Paso haben sich neue Ausdrucksformen rechter Gewalt etabliert, deren Täter mehr in digitalen Subkulturen als in rechtsextremen Organisationen zu verorten sind. Die radikalisierenden Tendenzen obskurer Online-Communitys geraten somit stärker in den Fokus der Forschung und fordern das Verständnis von rechtem Terror heraus. Wie verändert sich der Rechtsterrorismus also im digitalen Zeitalter? Mit diesem Beitrag möchten wir diese Frage mit dem Verweis auf die Beziehung von digitalen Hasskulturen und rechtsterroristischer Gewalt beleuchten. Wir argumentieren, dass die Analyse der Gewalttaten nicht ohne das Verständnis digitaler Hasskulturen auskommt, die Menschenfeindlichkeit über ironische Kommunikationsformate normalisiert. Aus ihnen heraus bildet sich eine rechtsterroristische Subkultur, die die ambivalenten Erzeugnisse digitaler Kulturen aufgreift und mit gewaltverherrlichenden Inhalten des Neonazismus verbindet, um eines zu erreichen: Menschen zur Gewalt anzuspornen.

Pittsburgh, 27. Oktober 2018: Während des Morgengebets in der Tree of Life Synagoge im US-amerikanischen Pittsburgh betrat der 46-jährige Robert Bowers den Gebetsraum und erschoss kaltblütig elf Jüdinnen und Juden. Es war der schwerste Anschlag auf eine Synagoge auf US-amerikanischen Boden. Seine Tat kündigte er zuvor in dem bei Rechtsextremen beliebten Forum Gab an. Er begründete seine Tat damit, dass Juden dafür verantwortlich seien, dass Migrant*innen aus Lateinamerika in die USA migrieren; eine Verschwörungstheorie, die er aus rechten Online-Foren übernommen hat. Er legte eine Spur zu verschiedenen Social-Media-Profilen, deren Inhalte als die Niederschrift seiner politischen Beweggründe verstanden werden können.

Christchurch, 15. März 2019: Bei einem terroristischen Anschlag in Neuseeland tötete der aus Australien stammende 28-jährige Brenton Tarrant in zwei Moscheen der Stadt Christchurch 51 Menschen und verletzte 50 weitere zum Teil schwer. Auf dem Imageboard 8chan kündigte er seine Tat an und streamte diese live über seine Facebook-Seite. Das häufig als Manifest bezeichnete Pamphlet, das er online verbreitete, enthält zahlreiche selbstreferenzielle Anspielungen auf die digitale Lebenswelt des Täters, Verweise auf rechte Online-Diskurse und die Aufforderung an seine Leserschaft, Memes zu erstellen.

Poway, 27. April 2019: Am letzten Tag des Pessach-Fests betrat der 19-jährige John Earnest die Synagoge der Chabad-Gemeinde in der kalifornischen Kleinstadt Poway und begann dabei, auf die Gläubigen zu schießen. Im Zuge dieser Tat tötete der Angreifer eine Person und verletzte drei weitere. Genau wie der Attentäter von Christchurch kündigte John Earnest die Tat auf 8chan an, verbreitete ein antisemitisches Pamphlet und versuchte die Tat live zu übertragen. Auch dieses Pamphlet enthält viele Elemente, die aus rechten Online-Welten bekannt sind und sich zudem mit den christlich-fundamentalistischen Ansichten des Täters verbinden.

Pittsburgh, Christchurch, Poway: Drei der jüngsten rechtsterroristischen Anschläge sind Taten von Einzeltätern, die selbst Terrorismusforscher*innen ratlos zurücklassen. Männer mit unterschiedlichsten Biografien und sozioökonomischen Hintergründen schritten an verschiedenen Enden der Welt zur Tat, ohne dass Sicherheitsbehörden ihr Vorhaben hätten vorhersehen können. Keiner der drei Männer hat je einer rechtsextremen Organisation angehört. Auch waren keine vorherigen Straftaten bekannt, die auf eine rechtsextreme Weltanschauung hindeuteten. Was jedoch alle miteinander verbindet: der exzessive Konsum von obskuren Online-Plattformen, über die sie mit rechtsextremen Ideen in Berührung kamen und über deren partizipative Angebote sie sich als Teil einer Gemeinschaft verstehen konnten.

So ungewöhnlich wie die Tathergänge selbst waren auch die Rechtfertigungen, die die Täter im Voraus über das Internet verbreiteten. Sie sind gespickt mit rechtsextremen Ideologiefragmenten, die scheinbar wahllos aneinandergereiht und durch eine perfide Mischung aus Humor, Ironie und Anspielungen auf digitale Kulturen gerahmt wurden. Es ist eine neue Ausdrucksform der Menschenverachtung, die rassistische und antisemitische Hassverbrechen zur Belustigung einer imaginierten Gemeinschaft ausführt und die Tätern zu digitalem Ruhm verhelfen soll (Fielitz 2019a). Die Taten und ihre memetische Aufarbeitung in transnational operierenden Online-Foren dienen als Blaupause für weitere Anschläge. Die Botschaft ist klar: Es könnte überall passieren.

Seit Längerem stellt sich die Forschung die Frage, welche Rolle das Internet bei der Radikalisierung von Dschihadisten und Rechtsterroristen spielt (Kahl 2018). Ebenso wird diskutiert, wie das Handeln ‚einsamer Wölfe‘ zunehmend die Vorgehensweise von Rechtsterroristen bestimmt (Hartleb 2018) und Gruppen auf der operativen Ebene eine immer geringere Rolle spielen (Quent et al. im Erscheinen). Der Trend zur Individualisierung des Rechtsterrorismus kann in den USA bereits bis in die 1970er Jahren zurückverfolgt werden.1 Seit den 1990er Jahren gaben dann neonazistische Wortführer – unter dem Eindruck fehlender politischer Erfolge – die Devise des „führerlosen Widerstands“ als Modus Operandi für den politischen Umsturz aus (Kaplan 1998). Das gepredigte Gewalthandeln von Individuen und Kleinstgruppen findet im digitalen Kontext seinen Anklang auch bei Menschen, die nicht zwangsläufig überzeugt sein müssen von rechtsextremen Weltbildern, sich jedoch ihre kulturellen Erzeugnisse zu eigen machen. Diese Entwicklungen fordern das Verständnis von Rechtsterrorismus heraus, da weder organisierte Strukturen noch konkrete Auslöser notwendig sind, um rechtsextreme Weltbilder gewaltsam zu verbreiten.

Wie verändert sich der Rechtsterrorismus also im digitalen Zeitalter? Mit diesem Beitrag möchten wir diese Frage mit dem Verweis auf die Beziehung von digitalen Hasskulturen und rechtsterroristischer Gewalt beleuchten, ohne die eine digital mediatisierte Form des Rechtsterrorismus nicht verständlich ist. Zunächst reflektieren wir, wie digitale Technologien eine neue Form des Rechtsterrorismus hervorbrachten. Ausgehend von den Einsichten werden wir das Funktionieren digitaler Hasskulturen als Einstieg in rechtsterroristisches Handeln anhand dreier Fallbeispiele erläutern und aufzeigen, wie rechter Terrorismus im digitalen Zeitalter nur durch seine transnationalen und fluiden Charakteristika verstanden werden kann.

Rechtsterrorismus im digitalen Zeitalter

Rechtsterrorismus wird gemeinhin als ein kommunikativer, bewaffneter Gewaltakt verstanden, der sich gegen politische und ethnische Minderheiten oder staatliche Akteure richtet, mit dem Ziel, Angst zu verbreiten und einen politischen Ausnahmezustand zu provozieren (Köhler 2017: 64). Rechtsterroristische Taten werden insbesondere von Einzeltätern oder Kleinstgruppen ausgeführt, die aus dem Untergrund heraus agieren und eine autoritäre Umgestaltung des Staates und der Gesellschaft auf der Grundlage rechtsextremer Ideologien anstreben (Ravndal 2018). Die kommunikative Handlung richtet sich dabei immer an eine positive und eine negative Referenzgruppe (Waldmann 2011). Während Rechtsterroristen Angst und Schrecken unter den Opfern und der weiteren Gesellschaft sähen möchten, senden sie gleichzeitig an ihr Umfeld eine Nachricht des Aufbruchs und den Aufruf zur Imitation.

Im vor-digitalen Zeitalter hatten es Rechtsterroristen schwer, ihre Manifeste einer breiteren Leserschaft zugänglich zu machen. Zeitungen weigerten sich, ihre Inhalte ungefiltert zu drucken und sympathisierende Publikationen waren nur einer kleinen Szene zugänglich. Digitale Plattformen änderten die Reichweite von rechtsterroristischen Inhalten. Die Anschläge von Oslo und Utøya im Juli 2011 mit 77 Todesopfern waren ein Vorgeschmack, wie schnell und weit sich die Worte und Taten eines Rechtsterroristen verbreiten konnten und wie sehr sie an Online-Communitys rückgebunden wurden. Einerseits förderten digitale Formen des Aktivismus die Identifikation Anders Breiviks mit imaginierten Gemeinschaften von Counter-Dschihadisten, in deren Namen er Taten beging. Andererseits konnten sich Rechtsextreme weltweit mit den Taten Breiviks identifizieren und ihn als Helden glorifizieren.

Mit der fortschreitenden Digitalisierung ändert sich unser Verständnis, wie politische Sozialisierung und Organisierung funktionieren. Es bedarf im digitalen Kontext weder eines realweltlichen Kontakts zu einer politischen Gruppe noch einer ideologischen Ausbildung, um sich als Teil einer Bewegung zu fühlen. Die Identifikation und der virtuelle Austausch mit entfernten politischen Gruppen und Ideen ist in transnationalen Bewegungen seit jeher ein zentrales Merkmal und wird gerade im US-amerikanischen Rechtsterrorismus durch das bevorzugte Format fiktionaler Texte verstärkt, in denen der*die Leser*in in die Rolle des Hauptprotagonisten schlüpft (Michael 2010). Allerdings entstehen durch eine zunehmende Verselbstständigung digitaler Foren Räume, in denen rechtsextreme und -terroristische Inhalte als selbstverständlich geteilt werden und besonders junge Menschen durch ihre provozierenden Inhalte anlocken. Die modern verpackten Gewaltaufrufe von rechtsextremen Aktivisten sind darauf ausgerichtet, Menschen zur Tat zu animieren. Diese Aufrufe resonieren mit einer digitalen Hasskultur, die rassistischen Hass zur Normalität machen.

Digitale Hasskulturen als Transmissionsriemen

Die rechtsterroristischen Taten von Pittsburgh, Christchurch und Poway lassen sich nicht losgelöst von den digitalen Hasskulturen verstehen, aus denen sie hervorgegangen sind. Unter digitalen Hasskulturen verstehen wir in Anlehnung an Bharath Ganesh komplexe Schwärme von Internet-Nutzern, die kurzzeitige Allianzen bilden, um eine aufgeklärte politische Kultur zu bekämpfen. Digitale Hasskulturen sind nicht durch eine feste Ideologie geprägt, sondern durch ihre Ablehnung von Gleichheit, pluralistischen Werten und ‚politischer Korrektheit‘ (Ganesh 2018). Das Internet und allen voran die sozialen Medien werden von den Akteur*innen als Schlachtfeld verstanden, in dem Memes, Shitposting2, Trolling3 und Doxing4 die Waffen sind, mit denen politische Gegner*innen und ethnische wie sexuelle Minderheiten angefeindet und mundtot gemacht werden sollen (Albrecht et al. 2019).

Immer im Grenzbereich zwischen Ernst und Humor, Zynismus und eklatanter Menschenverachtung bedienen sich diese Allianzen dem Vorgehen von Internettrollen, die versuchen, mit spektakulären Aktionen auf sich aufmerksam zu machen. Dies ist kein komplett neues Phänomen, da Rechtsextreme und (Neo-)Nazis ihre gewalttätige Ideologie seit jeher in einem Zusammenspiel aus Ironie, Falschheit und Doppeldeutigkeiten verkleiden, um Anschlussfähigkeit herzustellen (Serwer 2019). Im digitalen Kontext kommt jedoch ein interaktiver Charakter hinzu, der ortsunabhängige Ad-hoc-Communitys bilden lässt, die eine hochschaukelnde Spirale initiieren und Nutzer zu immer krasseren Meinungsäußerungen und Handlungen anstachelt. Zu Hause sind diese Hasskulturen auf den Imageboards von 4chan und 8chan, von wo sie koordiniert auf andere Mainstream Plattformen ausschwärmen (Kreißel et al. 2018). In diesen anonymen Foren benötigt es ein Grundverständnis, welche Sprache angemessen ist und welche kommunikativen Akte Ansehen finden. Die Nutzer handeln dabei nach einer beschleunigten Logik: „Es gibt keine Zeit für einen Diskurs im Sinne eines überlegten Gedankenaustauschs. Bilder und Slogans, die mehr geteilt werden, die das Board überfluten, die mehr Scroll-Zeit in Anspruch nehmen, gewinnen.“ (Munn 2019) Der inhärente Nihilismus der digitalen Hasskulturen begründet sich aus einer vermeintlichen Natürlichkeit ihres Rassismus, ihres Frauenhasses und ihrer Homophobie. Wer diesen Grundsätzen zustimmt, kann sich diesen Dynamiken anschließen, ohne – einem formellen Verständnis nach – Mitglied einer Gruppe oder Organisation zu sein. Allerdings sind digitale Hasskulturen weder vollkommen ungesteuert noch vollständig durchorganisiert. Politische Akteur*innen versuchen, auf sie einzuwirken und ihre Inhalte zu streuen. Im Kontext der besagten Anschläge möchten wir dies an zwei Fallbeispielen aufzeigen.

Fallbeispiel 1: Akzelerationismus

„Ich habe die Dinge nur etwas beschleunigt“ – das war ein zentraler Satz im Manifest des Christchurch-Attentäters, der in rechtsextremen Diskussionen für Furore sorgte. Es ging dabei nicht nur um die lapidare Art, den Mord an Menschen muslimischen Glaubens als eine Nebensächlichkeit abzutun. Vielmehr berief er sich damit auf eine rechtsterroristische Grundidee: den Akzelerationismus. Grundsätzlich ist Akzelerationismus eher aus linksradikalen Diskursen bekannt. Dort beschreibt er eine Theorie, wonach der Kapitalismus durch die beschleunigte Zuspitzung seiner widersprüchlichen materiellen und technischen Grundlagen zusammenbricht und eine revolutionäre Wende einleitet.

Von Anhängern der US-amerikanischen Alt-Right-Bewegung wird der Begriff seit ein paar Jahren ganz anders verwendet. Demnach prognostizieren ihre Vertreter, dass die liberale Weltordnung aufgrund ihrer (im rechten Denken widersprüchlichen) Maxime von (politischer) Freiheit und (sexueller und ethnischer) Gleichheit zusammenbrechen wird, die als antithetisch zum Geist von Nation und Rasse verstanden werden. Den Kollaps der Demokratie möchten Rechtsterroristen beschleunigen, indem sie die Schlagzahl von Gewaltakten erhöhen und eine ‚Terrorwelle‘ auslösen. Einzelne Anschläge werden als Teil einer notwendigen Destabilisierungsstrategie verstanden, auf der ein Systemwechsel aufbaut. Die Tat von Christchurch feuerte solche rechtsterroristischen Debatten weiter an, die über 8Chan, Telegram und Neonazi-Foren wie Fascist Forge geführt werden, und sorgte für eine massive Produktion von gewaltverherrlichenden Memes.

Die wichtigsten rechtsextremen Romane und Veröffentlichungen haben das Konzept des Akzelerationismus schon seit Jahrzehnten als Narrativ für sich erkannt. Werke wie die „Turner Diaries“ des US-amerikanischen Neonazis William L. Pierce (vgl. Sanders sowie Pietrzyk & Hoffmann in diesem Band) verwenden zwar noch nicht den Begriff, sind aber gänzlich um dieses Konzept herum ausgerichtet. Nach dieser Logik soll der Staat mit terroristischen Anschlägen herausgefordert und zu einer Überreaktionen gegen die weiße Bevölkerung verleitet werden. Diese Überreaktion wiederum soll als Initialzünder für einen sogenannten Rassenkrieg oder „RAHOWA“ („Racial Holy War“) dienen, welcher, nach Wunsch der Rechtsterroristen, die bestehende Gesellschaftsordnung zerstört und diese von Grund auf durch ein rassistisches Regime ersetzt.

Aktuell dient der Neonazi James Mason als eine Art Inspirationsquelle für eine rechtsterroristische Subkultur, die nach ideologischen Andockpunkten sucht. Sein Buch „Siege“5 (Belagerung), das pure Gewalt gegen ‚das System‘ predigt, hat Kultstatus unter einer jungen Generation von Rechtsterroristen. Der Aufruf „Read Siege“ hat sich zu einem weitverbreiteten Meme in der rechtsextremen Online-Welt entwickelt. Es ist eine Aufforderung, die nur im Kontext des Akzelerationismus bzw. als Aufruf zum Rassenkrieg verstanden werden kann. Dass Brenton Tarrant seine Tat in diesen Kontext stellt, macht deutlich, dass er den transnationalen rechtsextremen Diskurs verfolgte und sich durch diesen zu seiner Tat motiviert fühlte.

Pierces und Masons Worte hallen nicht erst heute in den rechtsterroristischen Taten und Diskursen nach. Allerdings verstärken sie sich im digitalen Kontext noch, da nun ein kohärentes Verständnis des Kanons der rechtsextremen Ideologie zur Nebensache wird und die Identifikation mit den Kernelementen der Erzählung in den Vordergrund rückt. Es gewinnen Memes und Phrasen an Bedeutung, da eine Vielzahl an allgemeinen oder persönlichen verstandenen Konzepten auf eine prägnante und einfache Weise verbreitet werden und sich individuell daraus bedient werden kann. In den Sujets geteilter Memes oder in Phrasen und Codes findet sich diese rechtsextreme Ideologie in komprimierter Form wieder, deren gemeinsame Aktivität des Teilens ein kollektives Erlebnis darstellt.

Fallbeispiel 2: Day of the Rope

Eine ähnlich kodierte Aufladung einer rechtsterroristischen Tat sehen wir bei dem Anschlag auf die Synagoge in Poway. Auf Grundlage des Manifests des Täters lässt sich leicht identifizieren, dass die Tat sich an den Anschlägen von Pittsburgh und Christchurch orientiert und John Earnest die beiden anderen Täter verehrt. Reflektierend schreibt Earnest, wie er ein halbes Jahr zuvor von sich selbst überrascht gewesen wäre, solch eine Tat zu begehen. Doch schien sich seitdem einiges geändert zu haben. Der Anschlag von Pittsburgh hat ihn laut eigener Aussage so begeistert, dass er den Pittsburgh-Attentäter Bowers gegen das schlechte Feedback aus der 4Chan- und 8Chan-Online-Community mit verehrenden Memes verteidigte. Weiterhin gibt er an, dass Christchurch ein Katalysator für ihn darstellte und gezeigt habe: „ [...] dass es möglich ist. Und dass es getan werden musste.“

Das Pamphlet ist ebenso getränkt mit Anspielungen, die sich aus den Untiefen der Diskussionen auf 4Chan und 8Chan speisen. Ein zentrales Motiv, das wir im Manifest wie auch in den unzähligen Online-Threads wiederfinden, ist die Beschwörung eines Tags der Abrechnung. „Day of the Rope“ (häufig auch in abgekürzter Form „DOTR“ und „TDOTR“) ist zu einem geflügelten Wort innerhalb des rechtsextremen Online-Diskurses geworden. Es spielt dabei auf ein Kapitel der „Turner Diaries“ an, in dem in einer Art überdimensionierter Racheakt-Fantasie zehntausende sogenannte „Race Traitors” („Rasseverräter“) einer Stadt erhängt und zur Schau gestellt werden. Opfer sind dabei alle Menschen, die der Regierung oder der Presse angehören, Bankiers und Juristen, alle „Nicht-Weißen” und Juden sowie solche Frauen und Männer, die mit „Nicht-Weißen“ liiert sind. Earnest verstand sich mit seiner Tat als Teil eines solchen Rachefeldzugs. Als seine potenziellen Mitstreiter benannte er die „wahren Anons6“, die echten „weißen Männer“. Es deutet wenig darauf hin, dass Earnest seine rechtsextreme Sozialisierung außerhalb der bereits genannten Imageboards durchlaufen hat. Vielmehr zeigt sich an seinem Fall, wie Fragmente neonazistischer Ideologie durch die Filter digitaler Hasskultur einem ganz neuen Publikum zugänglich gemacht wurden.

Fallbeispiel 3: Vom „Anon“ zum „Saint“

„Hi, my name is Anon and I think the Holocaust never happened.“ Mit diesen Worten beginnt der 27-Jährige Stephan Balliet seinen Terrorakt in Halle (Saale) am 9. Oktober 2019, in dessen Verlauf er versuchte, mit Waffengewalt in eine Synagoge einzudringen, um die dort zum Jom Kippur versammelten Jüdinnen und Juden zu ermorden. Dieses Vorhaben misslang dem Täter, dennoch wurden zwei Passanten vor laufender Kamera getötet und zwei weitere schwer verletzt. Die Inszenierung der Tat und das Motiv des Täters ähneln auf frappierende Weise den Terroranschlägen von Pittsburgh, Christchurch und Poway. Wie alle Angreifer wollte sich auch Balliet mit seiner Tat an eine Online-Community richten, deren Sympathisanten sich häufig gegenseitig als „Anons“ ansprechen. Die Verwendung von Memes und Begrifflichkeiten, die vorrangig in dieser Gemeinschaft verstanden werden, dient dazu, die Gemeinschaft auf direkte Weise anzusprechen und sich als Teil von ihr zu identifizieren (Fielitz 2019b). Damit verfolgen die Täter zwei Ziele: Zum einen erhoffen sie sich Ruhm und Anerkennung in dieser Gemeinschaft, zum anderen versuchen sie, weitere Menschen zu ähnlichen Taten zu animieren. Um dies zu forcieren, werden die Täter direkt nach der Tat in Foren, Telegramgruppen und auf Imageboard zu „Saints“ (Heiligen) aufgewertet und in eine Traditionslinie mit anderen rechtsextremen Terroristen gesetzt.

So wurde beispielsweise Anders Breivik schon direkt nach der Tat im Juli 2011 auf 4chan von einigen Nutzern zum „Propheten“ erklärt. Er führt bis heute weit verbreitete „Highscore-Listen“ an, die, ähnlich wie in einem Computerspiel, Rechtsterroristen daran messen, wie viele Todesopfer auf ihr Konto gehen. Die Tat wird so durch die Selbst- und Fremdinszenierung als Teil einer größeren Kampagne verstanden und die Täter werden als Vorreiter einer Terrorbewegung im Sinne des Akzelerationismus-Konzepts glorifiziert. Dass sich die Opfergruppen und die persönliche Motivation des jeweiligen Täters teils drastisch unterscheiden, wird dabei bewusst nivelliert. Die Selbstbezeichnung als Anon und die Fremdbezeichnung als Saint dient als Vehikel, um die persönliche Ebene des Anschlags verschwimmen zu lassen und ihm eine höhere Bedeutung zu geben – danach dient der Täter als Idealbild und Vorkämpfer für die gemeinsame Sache.

Transnationalität als Kennzeichen

Die Verweise auf den Akzelerationismus und einen ‚Tag der Abrechnung‘ sind zwei zentrale Inspirationen von Rechtsterroristen. Sie leiten die Tat, sie stellen sie in einen größeren Zusammenhang und rufen durch die Verwendung kodierter Nachrichten eine imaginierte Gemeinschaft zur Nachahmung auf. Dabei spielt es eine untergeordnete Rolle, ob die Rezipienten der Nachricht den Link zu den zentralen Theoretikern des Rechtsterrorismus zurückverfolgen können. Dies kann durchaus im Sinne der Autoren dieser Werke verstanden werden, denn diese sind eher grob und zweckmäßig konstruiert. Das Medium der Literatur dient vielmehr dazu, sich in die fiktiven Personen hineinzuversetzen und die eigene Imagination für gewaltsame Handlungen anzuregen.

Chip Berlet bezeichnete die kommunizierte Gewalt als „imagination“ und deren rhetorische Rechtfertigung als „scripted violence“: Demnach muss der Autor gar nicht erst zur Gewalt aufrufen – es reicht, wenn der Rezipient dies implizit mitliest und als logische Konsequenz anerkennt (Berlet 2014: 304). Dieser Mechanismus entfaltet sich in den sozialen Medien besonders stark, denn dort werden die rechtsextremen Fiktionen von ihrem erzählerischen Ballast befreit und die Kernaussagen halten als Ideologiefragmente in den digitalen rechtsextremen Diskurs Einzug. Mit der fortschreitenden Digitalisierung entwickeln sich so rechtsterroristische Inhalte zu ‚Kulturgütern‘ digitaler Hasskulturen, die über visuelle Elemente wie Memes oder Videos transportiert werden. Die bildliche, meist humoristische Aufarbeitung spricht damit auch eine weit größere Zielgruppe an, die das Teilen rechtsterroristischer Inhalte als provokatives, grenzüberschreitendes Nutzerverhalten abtut (Nagle 2018).

Dabei ist es nicht überraschend, dass in einem digitalisierten Zeitalter die Identifikation mit einer rechtsextremen Ideologie und rechtsterroristischen Subkultur global gedacht werden muss. Auch dies kann im Sinne von Autoren wie Pierce und Mason verstanden werden, denn die ursprünglich aus den USA stammenden Ansätze neonazistischer Gewaltpolitik waren nie nur für den nationalen Kontext bestimmt. Ganz im Gegenteil: Alle neonazistischen Führungspersonen haben sich einem globalen Kampf für die ‚weiße Rasse‘ verschrieben und Schwarze und Juden zu Freiwild erklärt. Gerade der transatlantische Einfluss wurde lange Zeit, bedingt durch die nationale Brille, von der Forschung übersehen oder unterschätzt (aber: Kaplan/Weinberg 1998; Jackson/Shekhovtsov 2014). Dies ist besonders frappant, da der Einfluss des Internets diese Entwicklung im Rückblick zwangsläufig machte und Rechtsextreme sehr früh das Internet unter strategischen Gesichtspunkten nutzten. Heute ist es keine Frage mehr, ob Rechtsextreme und Rechtsterroristen sich untereinander und über nationale Grenzen hinweg online austauschen – es ist längst ein zentrales Element der Lebenswirklichkeit geworden.

Fazit

Pittsburgh, Christchurch, Poway: Drei Anschläge, die stellvertretend für eine neue Form des Rechtsterrorismus stehen: Ein Rechtsterrorismus, der nicht zwangsmäßig rechtsextreme Inhalte, aber doch deren Form, Propagierung und Rechtfertigung deutlich ändert. Die Anschläge im texanischen El Paso, im norwegischen Bærum und schließlich in Halle (Saale) verweisen auf eine operative Blaupause, wonach das Posten eines Schriftstücks („Manifest“), das Livestreamen des Anschlags und die memetische Aufarbeitung drei Akte des öffentlichkeitswirksamem Gewalthandelns anleiten.

Diese digital mediatisierte Form des Rechtsterrorismus rekurriert auf eine digitale (Unter-)Welt, die den Unterschied zwischen geschriebener (scripted) und realer Gewalt schrittweise aufhebt. In diesem Kontext haben sich bestimmte Online-Diskussionsforen zu Orten rechtsextremer (Sub-)Kulturproduktion entwickelt. Mal mehr, mal weniger offen leiten sie Menschen zu rechtsterroristischen Taten an, verhöhnen die Opfer rassistischer Hassgewalt und verbreiten ein bedrohliches Klima. Aufrufe zum Massenmord lassen sich mit wenigen Klicks auf der ganzen Welt abrufen und können das Leben besonders von jungen Menschen verändern.

Wir sehen an den Fallbeispielen, wie sich rechtsterroristische Schriften zu einem Kulturgut in digitalen Hasskulturen entwickelt haben, deren Inhalte durch kreative Aufarbeitungen heute ganz alltäglich reproduziert werden. Es entsteht eine Art rechtsterroristischer Internetkultur, die ganz offen über frei zugängliche Foren verbreitet wird. Digitale Hasskulturen dienen als Transmissionsriemen und mainstreamen die inhärente Gewalt, die von dieser Subkultur ausgeht. Ironie und Sarkasmus stellen die verbindenden Kommunikationsmodi dar, die rechtsterroristische Ideologen mit einer breiteren rechten Online-Kultur verbinden. Viele Anspielungen lassen sich nur von Eingeweihten verstehen und sind offen für diverse Interpretationen. Was noch Trolling ist und was schon Gewalt vorwegnimmt, wird bewusst offengelassen. Für die meisten Nutzer existiert diese Grenze auch schlicht nicht. Sie nutzen Trolling-Strategien, um Schadenfreude hervorzurufen, über die sie ein Gemeinschaftsempfinden kreieren. Während die Ideologiefragmente den Bedürfnissen des Nutzers angepasst werden, dienen sie gleichzeitig als gesellschaftlicher Kitt, der die Illusion einer kollektiven digitalen Identität vermittelt.

 

 

1 Joseph Charles Tommasi, der Gründer der National Socialist Liberation Front (NSLF), kann als erster Neonazi verstanden werden, der dazu aufrief, ‚Ein-Mann-Armeen‘ zu gründen und überzeugte Anhänger zu Einzeltaten zu bewegen, die Teil einer destabilisierenden Gesamtstrategie waren (vgl. Goodrick-Clarke 2001:19).

2 Unter Shitposting lässt sich die massenhafte Verbreitung von textlichen und bildlichen Erzeugnissen verstehen, die einen offenen Diskurs in den sozialen Netzwerken unmöglich machen sollen. Durch das gezielte Überschwemmen von Kommentarspalten und Newsfeeds mit beliebigen Inhalten soll sozialen Medien ihr emanzipatorisches Potenzial entzogen werden und eine destruktive Debattenkultur um sich greifen.

3 Trolling ist ursprünglich eine ironische Praxis von Online-Communitys, mit der die Reputation von Menschen und Organisationen hinterfragt oder zerstört wird, indem demütigende Informationen verbreitet wurden (Coleman 2014: 4). Heute findet es als Strategie in politischen Debatten Anwendung, indem emotionale Provokationen eine Überreaktion beim Gegenüber auslösen sollen, die dazu genutzt wird, ihn*sie lächerlich zu machen.

4 Beim Doxing werden private Informationen von Personen oder Gruppen im Internet mit dem Ziel veröffentlicht, diese bloßzustellen oder einzuschüchtern.

5 Siege ist eine Kollektion von Beiträgen des gleichnamigen Rundschreibens der NSLF (siehe Fußnote 2), die Mason editierte, und späterer Schriften seiner Organisation Universal Order, die einen stärkeren satanistischen Einschlag haben. Als Buchform erschien Siege zuerst 1992 im Selbstverlag. Eine zweite Edition wurde von dem Neonazi Forum Iron March 2015 herausgegeben und eine dritte Auflage von der rechtsterroristischen Gruppe Atomwaffen Division, die für fünf Morde verantwortlich ist und als deren Spiritus Rector Mason zu verstehen ist.

6 Mit Anons sind die Nutzer von 4Chan und 8Chan angesprochen.

 

 

Literatur

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