Rezensionen

Der scheinbar ‚unersättlichen Nachfrage‘ (Bale 2012) nach Publikationen zur extremen Rechten steht eine bis heute wachsende Anzahl von Monografien, Sammelbänden, Sonder- und Themenheften sowie Zeitschriftenartikeln gegenüber (Gräfe et al. 2018; Mudde 2016). In Anbetracht dieser Fülle verlieren nicht nur Wissenschaftler*innen und Praktiker*innen manchmal den Überblick, sondern es fällt auch interessierten Bürger*innen schwer, einen informativen, lesenswerten Einstieg in das Thema oder einen bestimmten Teilbereich zu finden. Die hier zu besprechenden Bücher decken unterschiedliche und zugleich sich überschneidende Themenkomplexe ab. Die Autor*innen haben dazu verschiedene disziplinäre Zugänge gewählt und ihre Ergebnisse in einem – mal mehr und mal weniger – umfangreichen Rahmen veröffentlicht. Dadurch haben die Werke nicht alle den gleichen Anspruch in Bezug darauf, was sie vermitteln und darstellen möchten. Vielmehr stellt sich die Frage, welchen Beitrag die einzelnen Veröffentlichungen imstande sind für die wissenschaftliche Debatte, die praktische Auseinandersetzung mit der rechtsextremen Bewegung und die Information der Zivilgesellschaft zu leisten, wodurch die anvisierten Zielgruppen sehr heterogen sind. Vor diesem Hintergrund und nicht zuletzt auch aufgrund der jeweiligen Qualität der einzelnen Publikationen „erfolgt eine asymmetrische Sammelrezension, zumindest, was den Umfang und die Würdigung der einzelnen Bücher angeht“ (Grumke 2007: 325).

Rechtsrock: Aufstieg und Wandel neonazistischer Jugendkultur am Beispiel Brandenburgs

Gideon Botsch, Jan Raabe, Christoph Schulze [Hrsg.], 2019 | 430 Seiten | Bebra: Berlin

| ISBN 978-3-95410-229-7 

The Extreme Gone Mainstream – Commercialization and Far Right Youth Culture in Germany

Cynthia Miller-Idriss, 2018 | 276 Seiten | Princeton University Press: Princeton | ISBN 978-0691170206

Das Netzwerk der Identitären. Ideologie und Aktionen der Neuen Rechten

Andreas Speit [Hrsg.], 2018 | 262 Seiten | Christoph Links: Berlin | ISBN 978-3-96289-008-7

2017. Jahrbuch rechte Gewalt. Hintergründe, Analysen und die Ereignisse 2017. Chronik des Hasses

Andrea Röpke, 2018 | 382 Seiten | Knaur: München | ISBN 978-3-426-78913-1

 

„Rechtsrock: Aufstieg und Wandel neonazistischer Jugendkultur am Beispiel Brandenburgs“

Der Sammelband, „Rechtsrock: Aufstieg und Wandel neonazistischer Jugendkultur am Beispiel Brandenburgs“, herausgegeben von Gideon Botsch, Christoph Schulze (beide Emil-Julius-Gumbel Forschungsstelle Antisemitismus und Rechtsextremismus am Moses Mendelsohn Zentrum, Potsdam) und Jan Raabe (Argumente & Kultur gegen Rechts e.V., Bielefeld), umfasst 14 Beiträge. In den einführenden Beiträgen von Raabe und Schulze werden zentrale Entwicklungen der Rechtsrockszene in Deutschland und innerhalb des Untersuchungsgebietes Brandenburg dargelegt. Insbesondere der Beitrag von Schulze überzeugt durch stets kontextualisierende Detailanalysen, die sich auf umfangreiches, zum Teil erstmals ausgewertetes Quellenmaterial stützen. Die darauffolgenden Fallstudien widmen sich verschiedenen direkten und indirekten Aspekten (Wirkung und Rezeption der Musik, Rollenbilder) sowie Teilbereichen des Rechtsrocks (Netzwerke Blood&Honour und Hammerskins, Brückenspektren („Grauzone“) oder der audio-visuellen Gestaltung und den Inhalten der Szenemedien). Es folgt eine kursorische Erläuterung der möglichen Gegenstrategien sowie der sorgfältig recherchierten und zusammengestellten Diskografie. Insgesamt handelt es sich um einen konzeptionell und inhaltlich sehr gelungenen Band, der als legitimer Nachfolger des Standardwerkes „RechtsRock“ (Dornbusch/Raabe 2002) neue Maßstäbe setzt. Auf einer beeindruckenden Quellenbasis werden zentrale Aspekte des Themenkomplexes Rechtsrock analysiert – auch solche, die bisher noch nicht oder nur sehr unzureichend erforscht wurden (z. B. „Rechtsrock und Gewalt“) und es wird mit Mythen beziehungsweise vermeintlichen Alltagsweisheiten aufgeräumt („Einstiegsdroge Musik“). Dafür wurde mit dem Bundesland Brandenburg ein in einer breiteren Öffentlichkeit weniger bekanntes, aber nicht minder relevantes Fallbeispiel gewählt, wie der Beitrag von Röpke und Raabe (2018) im Band von Röpke (2018) mit einem Fokus auf Thüringen und Sachsen als Gegenpol zeigt.

In der Gesamtschau zeugen fast alle Beiträge von der fachlichen Expertise der Autor*innen. Die kritischen, analytisch abwägenden und weitgehend nüchtern formulierten Abhandlungen können dazu beitragen, die teils hysterisch geführten, (hyper-)medialen Debatten zu versachlichen, (sozial-)wissenschaftliche Forschung zu verstetigen sowie Präventionsangebote und Interventionsstrategien erkenntnisgeleitet zu entwickeln. Einzig die Beiträge zu den Gegenstrategien und zum Genderaspekt bewegen sich nicht auf dem Niveau der übrigen Beiträge. Die Analysen zum Genderaspekt stützen sich teilweise auf Cover- und Bookletanalysen, deren Werbewirkung und -funktion für die überwiegend männliche Kundschaft offenbar unterschätzt wurde und – wie die vier Autorinnen selbst feststellen – kaum Veränderungen im Zeitverlauf erkennen lassen. Im Gegensatz dazu hätte der zweite, deutlich fruchtbarere Ansatz, die Analyse von Texten der Bands, hinsichtlich eines solchen Erkenntnisgewinns ausgebaut werden können. Die in den Texten beschriebenen Rollenbilder hätten mit den vorliegenden Erkenntnissen zu den Akteur*innen (siehe Kapitel von Schulze) abgeglichen werden können, um so eine Kontrastierung zwischen Idealvorstellung und sozialer Wirklichkeit zu erzielen – vergleichbar mit dem Vorgehen einer Co-Autorin, Johanna Sigl (2018), in ihrem Beitrag zum Themenkomplex im Band von Speit (2018). Der Beitrag zu den Gegenstrategien gibt leider nur einen sehr oberflächlichen Überblick über die zivilgesellschaftlichen Interventionsmöglichkeiten gegen Rechtsrock. In Anbetracht der sonst fast durchgängigen Detailtiefe und -breite der Beiträge trübt dieser Beitrag mit einer stark eingeschränkten Darstellung der möglichen Gegenstrategien als Abschluss den Gesamteindruck des Bandes leicht.1 Es gilt jedoch deutlich positiv hervorzuheben, dass der Sammelband bestehende Forschungsdefizite gezielt aufgreift und insbesondere dort anknüpft, wo in der Forschung und Berichterstattung weitergehende (Hemkentorax/Hemmerling 2018; Kleffner/Spangenberg 2016) beziehungsweise tiefergehende Analysen (Dyck 2017; Kuban 2012) wünschenswert und notwendig gewesen wären.

„The Extreme Gone Mainstream: Commercialization and Far Right Youth Culture in Germany“

Die von Cynthia Miller-Idriss (American University, Washington D.C.) vorgelegte Untersuchung „The Extreme Gone Mainstream: Commercialization and Far Right Youth Culture in Germany“ widmet sich der Symbolwelt und den Kommunikationsstrategien rechtsextremer Jugend- und Subkulturen in Deutschland sowie deren kommerzieller Instrumentalisierung durch die jeweiligen Szenen und die rechtsextreme Bewegung insgesamt. In sechs Kapiteln, gerahmt von einer Einleitung und einem Schlussteil, spürt die Autorin, ausgehend von der These einer Modernisierung und Annäherung der Szenen an den kulturellen Mainstream, den Wandlungsprozessen rechtsextremer Subkulturen nach. Im ersten Kapitel erläutert Miller-Idriss die theoretischen Grundlagen und Wirkmechanismen von Kultur und politischem Extremismus. Die folgenden Kapitel bilden den empirischen Teil dieser ethnografisch-soziologischen Studie. Es geht um die theoretisch intendierte Bedeutung und das praktische Verständnis der Szenesymbole und Zahlencodes (Kapitel 2), der nordischen Mythologie und nationalistischen Allusionen (Kapitel 3), Todes- und Gewaltsymbolik (Kapitel 4) sowie um globale, transnationale und querfrontale Symbole (Kapitel 5). In diesen Kapiteln werden die im Sammelband von Botsch et al. (2019) am Beispiel der Bekleidungsmarke Thor Steinar dargelegten Erkenntnisse (Gräfe-Geusch/Miller-Idriss 2019) anhand weiterer, zeitlich und geografisch unterschiedlich gelagerter Fälle wie Erik And Sons, Consdaple, Alpha Industries sowie einzelnen slogan- und kampagnenbezogenen Merchandiseartikeln kontextualisiert und erweitert. In Kapitel 6 werden die davon (re-)produzierten Rollenbilder und -erwartungen und ihre Wirkungen auf die Dynamiken innerhalb der eigenen Bezugsgruppe analysiert. Abschließend zeichnet Miller-Idriss in Rückbindung auf ihren theoretischen Bezugsrahmen die funktionalen und semantischen Wandlungsprozesse der rechtsextremen Symbolwelt nach.

Die Autorin hat mit der vorliegenden Studie ein bisher überwiegend aus der Außenperspektive erforschtes Feld mit einer ethnografisch-soziologischen Feldstudie erschlossen, ergänzt durch umfangreiches, komplementäres (Archiv-)Material aus verschiedenen Quellen. Sie knüpft damit methodisch und inhaltlich einerseits an ihre eigene Studie „Blood and Culture“ (Miller-Idriss 2009) an: Die Autorin zeigt, wie ethnische, nationale und kulturelle Identitätszuschreibungen ihre Wirkung entfalten, wie dabei Gruppenbildungsprozesse verlaufen und somit Zugänge zu extremistischen Bewegungen im Spannungsfeld von Rebellion und Anpassung funktionieren. Andererseits schließt sie methodisch-konzeptionell an ähnliche Studien von Love (2016) und Teitelbaum (2017) zur Bedeutung von White Power Music („Rechtsrock“) für die nationale und internationale politische Vergemeinschaftung einer ‚Internationale der Nationalisten‘ an. Miller-Idriss leistet einen substanziellen Beitrag zum Verständnis der Modernisierung der rechtsextremen Bewegung im digitalen Zeitalter. Das Buch bietet einen sehr verständlichen Einblick in eine für ein breites Publikum unbekannte und verschlossene Welt, die von den Akteur*innen zum Teil selbst nicht vollständig erfasst und erklärt werden kann (Miller-Idriss 2018: 71ff.). Im Gegensatz zu Botsch et al. (2019) bietet Miller-Idriss in den Kapiteln drei bis fünf neben den Erklärungen der Funktionslogiken und Wirkmechanismen auch stets einen relativ detaillierten Überblick über mögliche Gegenstrategien und ihre (praktische) Wirksamkeit. Im Schlusskapitel wird dies allerdings von einer skizzen- bis lückenhaften Zusammenfassung der Präventions- und Interventionsmaßnahmen zum Teil wieder konterkariert. Insgesamt gelingt es der Autorin, neben den inhaltlichen Aspekten, auch mit der Anwenderkonzeption – inklusive methodischem Appendix und ausführlichen Verzeichnissen – den Ansprüchen vieler potenzieller Zielgruppen (von interessierten Bürger*innen über Praktiker*innen bis hin zur Wissenschaft) gerecht zu werden.

„Das Netzwerk der Identitären. Ideologie und Aktionen der Neuen Rechten“

Das Buch „Das Netzwerk der Identitären. Ideologie und Aktionen der Neuen Rechten“, herausgegeben von Andreas Speit (freier Journalist), setzt sich in 14 Beiträgen mit der „Identitären Bewegung“ (IB) in ihren verschiedenen Facetten in Form von Ideologie, Strategie und Organisation sowie der historischen Entwicklung und ihren internationalen Verbindungen auseinander. Der Schwerpunkt des Bandes liegt auf den medialen Erscheinungsformen, dem (Führungs-)Personal und den lokalen Schwerpunkten. Durch diese Auswahl verdeutlicht der Herausgeber bereits, dass es sich bei der IB um ein wesentlich stärker mediales, partiell gar virtuelles Phänomen, als um eine (soziale) Bewegung handelt. Die meisten der einzelnen Beiträge überzeugen durch weitgehend fundierte Analysen. Die Autor*innen verzichten im Gegensatz zu vielen anderen Veröffentlichungen zur IB – wie beispielsweise (nicht nur) Bruns et al. (2014) – auf eine Skandalisierungs- beziehungsweise Empörungsrhetorik. Selbstdarstellungen, beanspruchter Einfluss und (mediale) Reichweiten werden, ähnlich wie bei Botsch et al. (2019) und Miller-Idriss (2018), kritisch hinterfragt und Widersprüche anhand von Originalquellen sichtbar gemacht. Für eine inhaltlich tiefergehende Analyse, insbesondere der ideologischen Grundlagen und geschichtlichen Hintergründe der IB, empfiehlt sich dennoch eher das Buch von Goetz et al. (2018).

Eine Schwäche des von Speit herausgegebenen Bandes offenbart sich bei der Betrachtung des Gesamtwerkes, da zentrale Argumente in den einzelnen Beiträgen über das notwendige Maß hinaus immer wieder ausgebreitet werden, worauf in der Einleitung lediglich als „kleinere inhaltliche Wiederholungen“ (Speit 2018a: 16) verwiesen wird. Dies kann, wie der Band von Botsch et al. (2019) zeigt, durch ein fast durchgängig kohärentes Konzept und gelungene Abstimmungsprozesse zwischen Autor*innen und Herausgeber*innen verhindert werden. Es ist Andreas Speit dennoch gelungen, einen flüssig zu lesenden, sorgfältig recherchierten und vor allem inhaltlich substantiierten Sammelband zusammenzustellen. Er eignet sich als Nachschlage- und Überblickswerk, weshalb er gattungstechnisch mehr Handbuch als Sammelband ist. Leider wird das Buch seinem eigenen Titel nur bedingt gerecht, da es zwar die einzelnen Facetten der IB kompetent analytisch aufarbeitet, aber keine Gesamtstrukturen in Form multidirektionaler Netzwerke aufzeigt, wie es beispielsweise in „Das Netzwerk der Neuen Rechten“ (Fuchs/Middelhoff 2019) gelingt.

„2017. Jahrbuch rechte Gewalt. Hintergründe, Analysen und die Ereignisse 2017. Chronik des Hasses“

Während die ersten drei Bücher einen stark analytischen Fokus und Anspruch haben, finden sich in „2017. Jahrbuch rechte Gewalt. Hintergründe, Analysen und die Ereignisse 2017. Chronik des Hasses“, herausgegeben von Andrea Röpke (freie Journalistin), Dokumentation und Analyse als komplementäre Elemente wieder. Der dokumentarische Teil umfasst die monatlichen Chroniken rechtsmotivierter Gewalt (Oktober 2016 bis September 2017). Diese wird in Deutschland (noch immer) nicht (ausreichend) zentral von staatlichen Stellen, sondern in kleinteiliger Arbeit von lokalen und regionalen zivilgesellschaftlichen Organisationen erfasst. Hierbei handelt es sich um eine aufwendige Zusammenstellung und Ausarbeitung von kurzen Ereignisberichten der schwerwiegenderen Delikte2, die trotz ihrer Kürze bedeutend mehr Einblick gewähren als die reinen Zahlen und Statistiken der Behörden. Der analytische Teil umfasst elf einzelne Kapitel, die die Herausgeberin alleine (vier Kapitel) und mit Koautor*innen (sieben Kapitel) verfasst hat.

Im Gegensatz zu den beiden anderen Sammelbänden von Botsch et al. (2019) und Speit (2018) sind die Beiträge nicht um einen Kernakteur oder eine Kernszene gruppiert, sondern orientieren sich – wie der Titel impliziert – an den Ereignissen des Berichtzeitraums. Die Analysen widmen sich aktuellen Entwicklungen in bzw. um die rechtsextreme Bewegung herum, beispielsweise der IB, den Reichsbürger*innen, rechtsextremen Netzwerken bei staatlichen Behörden, der Eventkultur im Rechtsrock oder der juristischen Aufarbeitung rechtsmotivierter Straftaten, die auch – in unterschiedlichem Umfang und in unterschiedlicher Detailtiefe – in den anderen drei Werke behandelt werden.

Durch den thematischen Querschnitt, ebenso wie durch einige Autor*innen, die an mehreren hier besprochenen Werken mitgewirkt haben, ergeben sich einige Wiederholungen, aber für die interessierte Leserschaft vor allem substanziellere, detaillierte Zusammenhänge, wie die Beiträge von Jan Raabe zum Thema Rechtsrock in den Bänden von Speit (2018), Botsch et al. (2019) und Röpke (2018) exemplarisch zeigen. Die Beiträge sind im Reportagestil verfasst und zeugen von der profunden Sachkenntnis der Autor*innen. Dieser Umstand wird besonders dort evident, wo die Zugangshürden zu Informationen über Szenen und Teile der rechtsextremen Bewegung sehr hoch sind, was sich unübersehbar in den Analysen zum „Wehrhahn-Prozess“, den „Geheime[n] rechte[n] Zirkeln[n] bei Polizei und Bundeswehr“, „Gewaltbereite[n] rechte[n] Mischszenen“ und zu „Rechtsrock, Ideologie und Gewalt“ niederschlägt. Insgesamt verbindet der Band eine detaillierte Dokumentation rechtsmotivierter Straftaten mit phänomenbezogenen und differenzierten Analysen, die durch detaillierte Quellen- und Literaturverzeichnisse eine signifikante Aufwertung erfahren hätten. Darüber hinaus wäre es wünschenswert, dass diese Art der Dokumentation eine Fortsetzung findet oder als Impuls für eine bundesweit einheitliche und flächendeckende Erfassung dieser Straftaten fungiert, die über die bisherige Art der Erfassung der Politisch motivierten Kriminalität – rechts (PMK-rechts) deutlich hinausgeht.

Fazit: Rückblick und Vergleich

„Fremdenfeindliche Gewalt, Rechtsextremismus und neue Rechte: Immer mal wieder – mehr von demselben“ (Ohlemacher 2001) – so die vermeintlich ernüchternde Bilanz des Rezensenten zu den veröffentlichten Resultaten der Rechtsextremismusforschung vor knapp 20 Jahren. Hinsichtlich der Vielfalt der Themen, der disziplinären Zugänge, der Formate, aber zuvorderst der Qualität, trifft diese Zustandsbeschreibung heute und insbesondere auf die hier besprochenen Bücher nicht (mehr) zu. Gemein ist ihnen – mit den angeführten, partiellen Ausnahmen – dass sie sehr verständlich geschrieben sind und einen weitgehend nüchtern-sachlichen Stil pflegen, d. h. auf dogmatische Brachialrhetorik oder einen moralisierenden Tonfall verzichten. Die Datengrundlage und verwendete Literatur ist – mit Ausnahme der reportageartigen Analysen von Speit und Röpke – sehr gut dokumentiert, während sich die Benutzerfreundlichkeit in einigen Fällen noch optimieren ließe. Die zentralen Unterschiede sind in Umfang und Anspruch der einzelnen Veröffentlichungen zu verorten. Die Untersuchungen von Botsch et al. (2019) und Miller-Idriss (2018) liefern auf der Basis einer umfangreichen, größtenteils einzigartigen Datengrundlage, mithilfe eines interdisziplinären Methodenmixes, differenzierte wissenschaftliche Analysen, die einen substanziellen Beitrag zur wissenschaftlichen Debatte liefern. Dennoch sind sie so verfasst, dass sie auch eine breitere Öffentlichkeit als Zielgruppe im Auge behalten. Die Bände von Röpke (2018) und Speit (2018) sind hingegen als praxisorientierte Nachschlagewerke – im Fall von Röpke mit einem dokumentarischen Appendix – zu verstehen, die hauptsächlich gegenwartsbezogene Analysen ihrer Untersuchungsgegenstände beinhalten. Deren wissenschaftliche Halbwertszeit und analytischer Tiefgang ist nicht mit den zuvor besprochenen Titeln vergleichbar. Der selbstformulierte Anspruch der Herausgeber*innen legt den Fokus auf den Praxisbezug und ein hohes Maß an Allgemeinverständlichkeit. Insgesamt können diese vier Bücher jeweils für sich – aber auch als Querschnitt aktueller Veröffentlichungen zum Rechtsextremismus – durch mögliche analytische und faktenbasierte Synergien überzeugen.

 

 

1 Das unter Mitwirkung von Gideon Botsch entstandene Handbuch „Rechtsextremismus in Brandenburg“ (Schoeps et al. 2007) enthält dazu komplementäre, kleinteilige und vielfältige Ansätze zu Prävention und Gegenstrategien.

2 Erfasst wurden vor allem körperliche Übergriffe und massive Bedrohungsfälle. Nicht erfasst wurden beispielsweise das Zeigen von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen oder die Verwüstung und/oder Beschädigung von Gedenkstätten (Heidelberger 2018).

 

 

Literatur

Bale, Tim (2012): Supplying the Insatiable Demand: Europe’s Populist Radical Right. In: Government and Opposition, 47, Heft 2, S. 256–274.

Bruns, Julian/Glösel, Kathrin/Strobl, Natascha (2014): Die Identitären. Handbuch zur Jugendbewegung der Neuen Rechten in Europa. Unrast: Münster.

Dornbusch, Christian/Raabe, Jan (2002): RechtsRock. Bestandsaufnahme und Gegenstrategien. Unrast: Münster.

Dyck, Kirsten (2017): Reichsrock. The International Web of White Power and Neo-Nazi Hate Music. Rutgers University Press: New Brunswick.

Fuchs, Christian/Middelhoff, Paul (2019): Das Netzwerk der Neuen Rechten. Wer sie lenkt, wer sie finanziert und wie sie die Gesellschaft verändern. Rowohlt Polaris: Reinbek bei Hamburg.

Goetz, Judith/Sedlacek, Joseph Maria/Winkler, Alexander (2018): Untergangster des Abendlandes: Ideologie und Rezeption der rechtsextremen ‚Identitären‘. Marta Press: Hamburg.

Gräfe, Sebastian/Kreter, Maximilian/Haase, Anna-Maria (2018): Extremismus und politisch motivierte Kriminalität. In: Soziologische Revue, 41, Heft 1, S. 79–92.

Gräfe-Geusch, Annett/Miller-Idriss, Cynthia (2019): Thor Steinar – historische Entwicklung und Bedeutung der Marke für Jugendliche heute. In: Botsch, Gideon/Schulze, Christoph/Raabe, Jan [Hrsg.]: Rechtsrock: Aufstieg und Wandel neonazistischer Jugendkultur am Beispiel Brandenburgs. Bebra: Berlin, S. 195–213.

Grumke, Thomas (2007): Sammelrezension: Rechtsextremismus in Deutschland und Europa. In: Backes, Uwe/Jesse, Eckhard [Hrsg.]: Jahrbuch Extremismus & Demokratie 19. Nomos: Baden-Baden, S. 325–336.

Heidelberger, Sebastian (2018): Zur Jahreschronik – Entstehung und Auswahlkriterien. In: Röpke, Andrea [Hrsg.]: 2018. Jahrbuch rechte Gewalt. Hintergründe, Analysen und die Ereignisse 2017. Chronik des Hasses. Knaur: München, S. 20–23.

Hemkentokrax, Johanna/Hemmerling, Axel (2018): Rechtsrockland. Online: www.mdr.de/tv/programm/sendung834232.html [02.10.2019].

Kleffner, Heike/Spangenberg, Anna (2016): Generation Hoyerswerda. Das Netzwerk militanter Neonazis in Brandenburg. Bebra: Berlin.

Kuban, Thomas (2012): Blut muss fließen. Undercover unter Nazis. Campus: Frankfurt a. M.

Love, Nancy (2016): Trendy Fascism. White Power Music and the Future of Democracy. State University of New York Press: Albany, NY.

Miller-Idriss, Cynthia (2009): Blood and Culture. Youth, Right-Wing Extremism, and National Belonging in Contemporary Germany. Duke University Press: Durham.

Mudde, Cas (2016): The Study of Populist Radical Right Parties: Towards a Fourth Wave. Online: www.sv.uio.no/c-rex/english/publications/c-rex-working-paper-series/Cas%20Mudde:%20The%20Study%20of%20Populist%20Radical%20Right%20Parties.pdf [20.05.2019].

Ohlemacher, Thomas (2001): Fremdenfeindliche Gewalt, Rechtsextremismus und neue Rechte: Immer mal wieder – mehr von demselben. In: Soziologische Revue, 24, Heft 1, S. 48–57.

Röpke, Andrea/Raabe, Jan (2018): Rechtsrock, Ideologie und Gewalt. Wie Mega-Konzerte Identität stiften, radikalisieren und vernetzen. In: Röpke, Andrea [Hrsg.]: 2018. Jahrbuch rechte Gewalt. Hintergründe, Analysen und die Ereignisse 2017. Chronik des Hasses. Knaur: München, S. 288–308.

Schoeps, Julius H./Botsch, Gideon/Kopke, Christoph/Rensmann, Lars (2007): Rechtsextremismus in Brandenburg. Handbuch für Analyse, Prävention und Intervention. Verlag für Berlin-Brandenburg: Berlin.

Sigl, Johanna (2018): Identitäre Zweigeschlechtlichkeit. Über männliche Inszenierungen und Geschlechterkonstruktionen bei den Identitären. In: Speit, Andreas [Hrsg.]: Das Netzwerk der Identitären. Ideologie und Aktionen der Neuen Rechten. Christoph Links: Berlin, S. 160–172.

Speit, Andreas (2018a): APO von rechts? Vorwort. In: Speit, Andreas [Hrsg.]: Das Netzwerk der Identitären. Ideologie und Aktionen der Neuen Rechten. Christoph Links: Berlin, S. 9–16.

Teitelbaum, Benjamin R. (2017): Lions of the North: Sounds of the New Nordic Radical Nationalism. Oxford University Press: Oxford.