Israelbezogener Antisemitismus und der lange Atem des Anti-Judaismus – von ‚Brunnenvergiftern, Kindermördern, Landräubern‘

Israelbezogener Antisemitismus ist im 21. Jahrhundert die dominante Manifestation des modernen Judenhasses, basiert jedoch konzeptuell auf dem alten Anti-Judaismus. Durch eine zeitgemäße Substitution wird statt auf Jude(n)/Judentum auf Israel referiert. So verschiebt sich der antisemitische Hass auf das Phantasma ISRAEL. Die „Israelisierung der antisemitischen Semantik“ zeigt sich in allen Bereichen der Gesellschaft. Der Beitrag erörtert die Charakteristika dieser aktuellen Judenfeindschaft.

Juden machen nur STRESS und besetzen ein Land das denen nicht gehört und töten Frauen und Kinder und zeigen keine Reue [... ] Das sind Juden [...] das ist die WAHRHEIT (Quelle: e-hausaufgaben.de; eingestellt 2010, letzter Zugriff 11.06.2020)

Nach dem Krieg bekamen die Juden endlich ein Land, in dem sie leben können. Der Staat Israel hat dafür die Palästinenser vertrieben und behandelt sie schlecht. (Beitrag für Kinder zum Thema Antisemitismus aus der Kulturredaktion der Badischen Zeitung, 26.05.2020)

 

Wenn Warnsignale und Forschungsergebnisse ignoriert werden

Judenfeindschaft zeigt sich wieder offener. Immer lauter und sichtbarer sowie radikaler im Ton werden antisemitische Texte, Plakate und Bilder verbreitet. Dies belegen alle quantitativ umfangreichen Korpusanalysen der letzten 10 Jahre. Die neueste Kriminalstatistik zu politisch motivierter Gewalt zeigt, dass antisemitische Delikte mit einer Zunahme von 13 % den höchsten Wert innerhalb der letzten 20 Jahre aufweisen.1 Der Anschlag auf die Synagoge in Halle galt vielen als ein deutliches Warnsignal. Die Corona-Pandemie holt(e) auf Straßen und im Internet krude Verschwörungsmythen mit Schuldphantasien hervor, die Jüdinnen und Juden und Israelis die klassische Rolle des Sündenbocks zuweisen. Wenn Israel angedichtet wird, dass es das Covid-19-Virus in seinen Laboren gezüchtet habe, dann wird hier nicht nur das Stereotyp des bösen verdorbenen JUDEN reproduziert2, sondern es wird auch sehr klar, dass israelbezogener Hass ohne Bezüge zum Nahostkonflikt tradiert wird.

 

Doch statt unisono gegen Judenhass jedweder Couleur vorzugehen und klare Worte gegen alle Formen des Verbal-Antisemitismus zu finden, streitet man sich in Politik, Medien und Zivilgesellschaft um Zu- und Einordnungen ideologischer Positionen. Das eigentlich Wichtige, der Kampf gegen Antisemitismus, 75 Jahre nach der Erfahrung Auschwitz, geht dabei allzu oft verloren. Der Nahostkonflikt scheint interessanter und relevanter für viele Deutsche zu sein als der virulente Judenhass in den Städten und den Web-Räumen. Die emotional und heftig geführte Debatte um die israelfeindlichen Texte des afrikanischen Wissenschaftlers Achille Mbembe im Frühjahr 2020 zeigte dies zuletzt überdeutlich. Nicht die unstrittig brisante Rhetorik in den Texten bewegte die Gemüter (s. Schwarz-Friesel 2020). Vielmehr wurden, vom Thema abschweifend, ideologische Positionen und emotionale Meinungen ausgebreitet und Israels Rolle im Nahostkonflikt diskutiert, obgleich diese nachweislich kaum Einfluss auf das verbale Wüten gegen den jüdischen Staat hat. Israelhass basiert auf Judenhass, auf dem uralten Anti-Judaismus, nicht auf etwas, was Israelis tun oder nicht tun. Israel wird gehasst, weil es der jüdische Staat ist, nicht, weil es einen Konflikt austrägt. Dieser Konflikt facht den Hass lediglich an.

Beim Thema israelbezogener Antisemitismus prallen, so scheint es, unvereinbare Welten aufeinander. Für die einen existiert diese Form nicht einmal als Judenfeindschaft, für die anderen ist diese Manifestation gerade die gefährlichste Variante des modernen Judenhasses. In diesem Artikel möchte ich den Fokus auf den Aspekt legen, wann und warum eine sprachliche Äußerung ohne jeden Zweifel antisemitisch ist. Und zwar aus Sicht der empirischen Antisemitismusforschung, die sich mit wissenschaftlicher, jahrelanger Expertise und Forschung dazu am besten mit diesem Phänomen auskennt.

Gedankenexperiment: Perspektivenwechsel und Re-Framing zu Kritik

 Es muss in einem freien Land möglich sein, straflos Dein Existenzrecht infrage zu stellen.3

Manchmal ist es für kognitive Prozesse erkenntnisfördernd, die Perspektive zu verändern, und sich dem Problem von einem unbelasteten Blickwinkel zu nähern. Wir nennen dies in der Forschung Re-Framing, weil ein Deutungsrahmen durch einen anderen ersetzt wird. Bitte lassen Sie sich als Leser*innen auf ein Gedankenexperiment ein: Stellen Sie sich vor, Sie hätten aus einem jahrelangen heftigen Nachbarschaftsstreit, der immer aggressiver wurde und auch durch Schlichtung nicht gelöst wurde, die Konsequenz gezogen, den Kontakt zur Streitpartei abzubrechen, vorläufige Pläne zu ignorieren und nur noch im Sinne des eigenen Wohlbefindens und zum Schutz Ihrer Familie zu agieren. Das Resultat ist Abschottung und Eigeninteressendurchsetzung. Diese Situation wird in einem Internetforum ausführlich geschildert und der Rechtsstreit durch Akteneinsicht mit allen Unterlagen dokumentiert. Als Reaktion erhalten Sie von einem Ihnen fremden Menschen folgenden Kommentar:

Ich habe die Akten, Bilder, Aussagen und den Grundstücksplan sehr sorgfältig studiert. Deine Handlungen sehe ich persönlich als nicht konfliktlösend an. Zwar kenne ich Deine Nachbarn nicht und kann nicht beurteilen, ob sie wirklich so hasserfüllt und gewaltbereit sind, aber prinzipiell rate ich bei Konflikten zu Kompromisslösungen und Kommunikation. Willst Du nicht noch einmal einen unparteiischen Vermittler einberufen? Ist Deine Perspektive eventuell durch Furcht und Sorge überschattet? Musste Dein Drahtzaun wirklich so rigoros mitten durch die Rosenbäumchen Deiner Nachbarn gezogen werden? Und ist dein Aushang an der Haustür nicht schlicht eine höchst problematische Provokation? Setzt Euch zusammen und redet!

Ein anderer Kommentar lautet:

Das ist ja wohl das Schlimmste, was ich jemals gelesen habe, Du krimineller Rassist!!!! Die Aktendurchsicht habe ich mir erspart, denn ich kenne Typen wie Dich auch so ganz genau. Du gefährdest mit Deinem brutalen kolonialistischen Machtstreben den Frieden des gesamten Bundeslandes! Mit der für Deinesgleichen typischen Mentalität von brutaler Gewalt und Rache vollziehst Du einen Genozid an Deinen armen, völlig unschuldigen Nachbarn. Du hast ihren Garten in ein KZ verwandelt, ihre Kinder traumatisiert. Du hast kein Recht dort zu leben. Verschwinde, Du SS-Teufel, sonst werden wir dafür sorgen, dass Du mit Deiner menschenverachtenden Sippe abhaust, Du Menschenfeind!

Sie haben natürlich sofort gesehen, dass die zweite Textvariante4 kein kritischer Kommentar ist, sondern sich aus Beschimpfungen, Verwünschungen und Drohungen zusammensetzt. Diese beinhalten maßlose Übertreibungen mit Superlativen (das Schlimmste) und Hyperbeln (Du gefährdest), dämonisierenden NS-Vergleichen (KZ, SS-Teufel) und Übergeneralisierungen/Kollektivzuschreibungen (Deinesgleichen, Typen wie Dich), eine plakative Schwarz-Weiß-Skizzierung in Bezug auf Opfer und Täter*innen bzw. Aggressor*innen. Zudem wird ersichtlich, dass der Kommentator nicht faktenbasiert und rational, sondern „aus dem Bauch heraus“ rein affektiv und pauschalisierend bewertet. Dieser Text ist also nicht kritisch. Kritik ist realitätsbezogen, an überprüfbaren Fakten orientiert und vermittelt problemorientierte Bewertungen. Israelbezogener Antisemitismus ist keine Kritik, sondern verdammt den jüdischen Staat, indem er ihn surreal-personalisiert in die Rolle des kollektiven Juden setzt und somit mit einer kleinen Substitution die uralte Tradition des Judenhasses fortsetzt.

Anti-Israelismus ist keine legitime Kritik

Nicht dass Kritik geübt wird, sondern wie diese argumentativ begründet und sprachlich formuliert wird, ist für diese Diskussion entscheidend. Seriöse Kritiker*innen, von denen es viele gibt, greifen nicht auf Schlagwörter von Hasssprache und judeophobe Topoi zurück, und sie benutzen auch nicht als Präventivmaßnahme zum Schutz vor dem Antisemitismusvorwurf die kommunikative Initiativ-Strategie der Abwehr und Leugnung wie „Ich bin kein Antisemit, aber…“. Legitime Kritik hat solche Rechtfertigung nicht nötig. Israel wird viel und scharf kritisiert. Der jüdische Staat ist nicht sakrosankt. Wie in jedem anderen Land der Welt gibt es auch in Israel Ungerechtigkeiten, Korruption, Polizeigewalt, Diskriminierungen, umstrittene Aktionen, nationalistische Entscheidungen, Vertragsbrüche. Über all dies wird berichtet, oft am Rande der politischen Korrektheit und journalistischen Neutralität: Das anti-israelische Narrativ in den Medien ist ein Problem5 (s. hierzu Beyer 2016). Das viel beschworene Kritiktabu gibt es dagegen de facto gar nicht (s. hierzu die empirische Studie dazu in Schwarz-Friesel 2019a: 135ff). Wenn aber Israel als Projektionsfläche für antisemitische Ressentiments dient und tradierte anti-jüdische Stereotype und Argumente benutzt werden, um den Staat Israel generell zu diskreditieren, wenn seine jüdischen Bürger*innen kollektiv dämonisiert werden und seine Existenzberechtigung als jüdischer Staat infrage gestellt wird, wenn ein irreales Feindbild von Israel konstruiert wird, dann liegt keine Israel-Kritik, sondern verbaler Antisemitismus in der Formvariante des Anti-Israelismus vor. Das folgende Beispiel, eine E-Mail an den Zentralrat der Juden in Deutschland im Jahr 2009, verdeutlicht dies:

Die Verbrechen des Staates auf gestohlenem Land: Israhell werden gesuehnt werden, davon koennt ihr Judenschweine ausgehen. […] Glaubt ihr wirklich das man eurer KZ in Gaza nicht schon als solches erkannt hat? Ihr Schweine werdet haengen, brennen, vergast werden und das nach streng rechtstaatlichen Gesichtspunkten. Um den Frieden in der Welt zu garantieren muss der Jude verschwinden. zu errichten. Verschwindet endlich aus Europa! [ZJD_Gaza2009_300/816_Korpus I]

Die Gaza-Krise 2009 wird zum Anlass genommen, eine judenfeindliche, hasserfüllte E-Mail an jüdische Deutsche zu senden. Dadurch kommt neben Dämonisierung (Israhell) und Dehumanisierung (Judenschweine) noch die Kollektivschuldzuschreibung hinzu: Alle Jüdinnen und Juden, gleich welcher Staatsangehörigkeit, sind in dieser Lesart mitverantwortlich an israelischen Aktivitäten, weil sie als ein homogenes böses Volk konzeptualisiert werden. Von alltäglicher Verbal-Aggressivität, die jeden Menschen als Individuum treffen und die sich als Beschimpfung, Verhöhnung, Drohung etc. gerade im Web 2.0 artikulieren kann, unterscheiden sich Verbal-Antisemitismen dadurch, dass die Gruppenzugehörigkeit der Angegriffenen eine Rolle spielt (z. B. ausgedrückt durch „wie alle Juden, Ihr Juden, typisch jüdisch, mit der für Euresgleichen typischen …, Wie schon eure Vergangenheit zeigt …, Ihr habt nicht mal aus dem Holocaust gelernt … Euer Volk“). Dies kann explizit oder implizit vermittelt werden. Über den Verweis auf die „zwei Tausend Jahre“ wird etwa in der E-Mail an die israelische Botschaft eine Verbindung zwischen israelischen Militäraktionen und jüdischer Mentalität gezogen: „Seit zwei Tausend Jahren betreiben Sie Landraub und Mord!“ [IBD_11.09.2007_Mar_001].

Es braucht keine ausgewiesenen Expert*innen, um zu erkennen, wann eine Äußerung legitime und seriöse Kritik und wann unsachliche judenfeindliche Hassrede ist. Die Unterscheidung zwischen den Sprachhandlungen Verbal-Antisemitismus und Kritik an israelischer Politik ist einfach und unproblematisch. Warum aber gibt es stets so viel Zweifel und aggressiven Widerstand daran? Überzeugte Antisemit*innen, die ihren Hass auf den jüdischen Staat projizieren, wollen sich diese ungefährliche, da kaum sanktionierte Form nicht nehmen lassen. Entsprechend verteidigen sie Brachialverbalismen, die ihrem emotionalen Bedürfnis entspringen, als Meinungsfreiheit und legitime Kritik. Und weite Teile der Gesellschaft machen es ihnen leicht, da sie diesbezüglich Toleranz üben gegenüber der Intoleranz.

Evidenz gegen Subjektivität, Fakten gegen Meinungen

Wenn wir in der Forschung von israelbezogenem Antisemitismus sprechen, dann beziehen wir uns nur auf Äußerungen der zweiten Variante. Niemand bezeichnet in der Wissenschaft Äußerungen der Art des ersten Kommentars als antisemitisch. Kritik an bestimmten Aktionen oder israelischen Entscheidungen, die argumentativ rational und faktenorientiert, sachlich und problemlösungsorientiert ist, wurde bislang noch kein einziges Mal als antisemitisch klassifiziert (auch wenn dies beständig von Antisemit*innen und unseriösen „Kritiker*innen“ behauptet wird6). Es ist von Relevanz, subjektiv getroffene Meinungen abzugrenzen von intersubjektiven Aussagen, die auf der Basis von empirischen Untersuchungen und bewährten Klassifikationskriterien transparent und nachvollziehbar fußen. Nur so kann „gefühlte Wahrheit“ von faktischer Wahrheit unterschieden werden. Als Datenbasis dienen Korpora, d. s. große Mengen von natürlich produzierten Texten. So erhalten wir über authentische Beispiele Auskunft, wie Menschen (ohne vorherige Beeinflussung z. B. durch Fragen) tatsächlich kommunizieren. Aus den sprachlichen Strukturen können wir Rückschlüsse über die Gedanken und Gefühle der Sprachproduzenten ziehen. Dass diese Tendenzen und typische Merkmale antisemitischen Sprachgebrauchs zeigen, wird dadurch gewährleistet, dass wir nicht nur auf wenige einzelne Belege, sondern auf Tausende von Texten mit äquivalenten Charakteristika zurückgreifen. So können wir der für jede Wissenschaft wichtigen Belegpflicht (Evidenz) nachkommen. Da die modernen Sprachdaten zudem mit klassisch judenfeindlichen Texten der letzten fünf Jahrhunderte verglichen werden, kann ausgesagt werden, ob nach dem Holocaust Veränderungen stattgefunden haben oder ob die gleichen alten Muster noch wirken. Die Beispiele, die ich in diesem Artikel anführe, stammen aus zwei großen Textsammlungen: Korpus I involviert über 20.000 E-Mails/Briefe, die in den letzten Jahren an den Zentralrat der Juden in Deutschland sowie die israelische Botschaft in Berlin geschickt wurden; Korpus II betrifft ca. 350.000 Texte aus dem Web 2.0 aus den Jahren 2010 bis heute.

Antisemitismus: ein Glaubenssystem als kulturelle Kategorie

Um angemessen verstehen zu können, ob und wie moderne Äußerungen zu Juden/Judentum/jüdischem Staat antisemitisch sind, bedarf es zunächst einer kurzen Definition, was das antisemitische Ressentiment kennzeichnet. Nach Jahrzehnten intensiver interdisziplinärer Forschung wissen wir heute so viel über die Entstehung, Entwicklung, Verbreitung und Manifestation dieses Ressentiments, dass wir als Expert*innen das Phänomen klar umreißen können (s. hierzu u. a. Rensmann 2004; Laqueur 2006; Wistrich 2010; Nirenberg 2013; Shainkman 2018; Rosenfeld 2013; Schwarz-Friesel 2019a, 2019b; aktuell Lange/Mayerhofer 2020). Antisemitismus ist die moderne Bezeichnung für ein Jahrhunderte altes Phänomen: Judenhass. Feindschaft als Argwohn gegen Jüdinnen und Juden gab es vereinzelt schon in der Antike, aber die Virulenz eines all umfassenden Ressentiments, die denk- und gefühlsbestimmende Differenzkonstruktion, die das Judentum zum Frevel in der Welt erklärte, entwickelte sich erst durch die Abspaltung des frühen Christentums von seiner Mutterreligion: Hier, in der Wiege des viel beschworenen Abendlandes, liegen die Wurzeln für die Verdammnis der jüdischen Religion; hier liegt die Erklärung dafür, dass sich eine zunächst religiöse Feindseligkeit und ein Abgrenzungsbestreben im Laufe der Zeit zu einem Weltbild verfestigte, in dem Gut und Böse klar verteilt sind: Die Rolle des Üblen in der Welt wird Jüdinnen und Juden zugewiesen, das Phantasiekonzept des ‚mörderischen, verkommenen, ungläubigen und hässlichen Juden‘ jenseits der christlichen Weltordnung wird etabliert.

Dabei kam judenfeindliches Gedankengut immer aus der Mitte, aus den Schriften der Gelehrten und Gebildeten, bevor er die Straße erreichte. Judenhass ist nicht in erster Linie ein sozialpsychologisches, sondern ein kulturelles Phänomen, und judenfeindliche Topoi sind integraler Bestandteil der abendländischen Religions- und Geistesgeschichte. Und so muss man immer wieder konstatieren, dass antisemitische Konzepte/Stereotype und Sprachgebrauchsmuster seit 2000 Jahren fest und tief verankert im kulturellen und kommunikativen Gedächtnis verankert sind, gerade weil nicht nur die ungebildeten Randfiguren, sondern die Vordenker, die Vorbilder, die die kulturelle Sphäre der Gesellschaft prägten, sie über die Jahrhunderte etabliert und tradiert haben. Bildung und soziale Position sind also keineswegs ein Garant gegen judenfeindliches Denken. Wer den aktuellen Antisemitismus in seiner israelbezogenen Variante verstehen will, der muss begreifen, dass Judenhass kein Vorurteil unter anderen ist, sondern ein unikales religions-, kultur- und geistesgeschichtliches Phänomen und nur als solches in seinem ganzen Ausmaß effektiv zu bekämpfen ist. Antisemitismus ist ein mentales Glaubens- und Weltdeutungssystem, das faktenresistent gegenüber den Tatsachen der realen Welt, konzeptuell hermetisch geschlossen ist und das konstitutiv auf mentalen Phantasmen und der Emotion Hass basiert. Genau diese Charakteristika machen es so schwer, gegen Antisemitismus vorzugehen, ihn zu bekämpfen.

Verbaler Antisemitismus: zur Semantik von Abgrenzung, Stereotypfixierung und Entwertung

 

Kindermörder, Landräuber: Juden sind halt so seit über 2 Tausend Jahren. (E-Mail an IBB, 2014, Korpus I)

Judenfeindliche Inhalte werden mittels Sprache seit vielen Jahrhunderten in spezifischer Form kommuniziert. Mit sprachlichen Äußerungen werden Stereotype und emotionale Einstellungen ausgedrückt und benannt, geweckt, intensiviert sowie konstituiert. Ob sich die Sprachproduzent*innen selbst als Antisemit*innen verstehen und/oder ob die Äußerung bewusst und intentional als judenfeindlich artikuliert wird (was letztlich empirisch nur sehr begrenzt rekonstruiert werden kann), spielt für die Klassifikation und das Wirkungspotenzial keine Rolle. Auch nicht intentional produzierte Verbal-Antisemitismen tradieren judenfeindliche Konzeptualisierungen und bewirken den Erhalt von Stereotypen im kulturellen und kommunikativen Gedächtnis (Schwarz-Friesel/Reinharz 2013:47ff). Deshalb sind sie gefährlich und sollten nicht toleriert werden. Das menschliche Gehirn unterscheidet nicht zwischen bewusst/unbewusst oder absichtlich/unbeabsichtigt: Wörter aktivieren in unserem Langzeitgedächtnis in wenigen Millisekunden außerhalb unserer Kontrolle mentale Repräsentationen, setzen Gefühle frei, lassen spezifische mentale Bilder entstehen, die Stereotype verstärken, Spuren hinterlassen oder Assoziationsverbindungen etablieren. Daher ist eine Aussage wie „Vor allem muss auf die Absicht des Kritikers geachtet werden.“ (vgl. z. B. Stein/Zimmermann, Tagespiegel 19.11.19) aus kognitions- und neurowissenschaftlicher Sicht als falsch und irreführend zurückzuweisen. In die Köpfe können wir nicht direkt schauen, aber wir können klar und unzweideutig sagen, ob eine sprachliche Äußerung judenfeindliches Gedankengut kodiert. Die Texte von Mbembe wiesen eine solche Rhetorik auf, er hätte sich dafür entschuldigen müssen (Schwarz-Friesel 2020). Sprache beeinflusst unser Denken und Fühlen. Man sollte daher behutsam und verantwortungsbewusst damit umgehen.

Verbale Judenfeindschaft zeichnet sich seit Jahrhunderten durch eine destruktive Semantik aus, die auf den Prozessen der Abgrenzung („Wir Deutsche/Ihr Juden“, „Juden gehören nicht zu uns“), Stereotypfestlegung (geldgierige, rachsüchtige, ränkeschmiedende Kreaturen) und Entwertung (das Schlimmste auf Erden, größte Gefahr für den Weltfrieden, Teufelsdreckparasiten7) basiert. Wesentlich ist, dass es nicht nur einzelne Merkmale oder Eigenschaften von Jüdinnen und Juden sind, die abgelehnt werden. Judenhass richtet sich auf alle Jüdinnen und Juden als homogenes Kollektiv: „Juden: Ihr seid das Krebsgeschwür auf unserer Welt!“ (IBD-2014, Korpus I). Es ist die jüdische Existenz an sich, die als Provokation, als Ärgernis, als Übel in der Welt empfunden wird, wie anhand einer der zahlreichen E-Mails an den Zentralrat zu sehen ist:


Verschwindet endlich aus unserer Welt, ihr jüdischer Abschaum! (ZJD_2005, Korpus I)

Erlösungsglaube und Vernichtungsphantasien: abstraktes Denken, intensives Fühlen

Maßgeblich ist daher ein Erlösungsglaube: Wenn Jüdinnen und Juden als Jüdinnen und Juden verschwinden, wird es der Welt besser gehen (s. hierzu Poliakov 1956). Die Geschichte der Judenfeindschaft weist daher kontinuierlich „Verbesserungsvorschläge (Konvertierung, Anpassung, Aufgabe jüdischer Gesetze und Praktiken) und radikale Ratschläge (Vertreibung, Ermordung) auf. In der NS-Zeit führte genau dieser Erlösungswahn in die Gaskammern. Das antisemitische Ressentiment ist auf kein bestimmtes konkretes Referenzobjekt in der realen Welt ausgerichtet, sondern bezieht sich auf das im Kopf der Sprachproduzenten gespeicherte Konzept JUDE, das keine empirische Fundierung hat. In seinen Denkstrukturen ist dieses System hoch abstrakt, da es nicht an realen Juden, sondern am Phantasma, dem Abstraktum JUDE orientiert ist, in seinen Gefühlen dagegen konkret und intensiv, da sich individueller Hass mit kulturellem Gefühlswert zu einer besonders intensiven Emotion verbindet. Antisemit*innen schreiben mit einer affektiven Wucht, als ginge es um ihr eigenes Leben (und nicht um die Palästinenser*innen 4.000 Kilometer entfernt). Demgemäß wird das Gehasste mit Brachialvokabeln dehumanisiert (Kraken, Bazillen, Spinnen, Schweine bzw. Krebs, Abfall, Unrat, Pest) und dämonisiert (Teufel, Ungeheuer, Nazi-Schergen, Unmenschen).

Israel im Fokus: alter Hass in moderner Form

 

Death to Israel”/„Death to Zionists (Facebook-Gruppen im Web 2.0)

Betrachten wir vor diesem Hintergrund nun eine kleine Auswahl von Texten aus dem Web 2.0, die sich auf Israel beziehen: „Weltenübel“, „das Schlimmste, was Gott der Menschheit angetan hat“, „übelster Unrat“, „abgrundtief böses Pack“, „Abschaum der Erde“, „Israelis sind keine Menschen, Teufel in Menschengestalt“, „Zionismus ist die Wurzel aller Übel in der Welt“, „Israel ist das Böse in der Welt“, „Israelis sind Menschenfeinde“ (Äußerungen aus Korpus II).

Wir sehen die zeitlose Komponente der entwertenden Semantik von Judenfeindschaft. Die Muster sind äquivalent und führen die uralte Konzeptualisierung des ‚Übels in der Welt‘ fort. Wir nennen dieses Phänomen die Israelisierung der antisemitischen Semantik: Durch eine zeitgemäße und opportune Substitution (statt auf Jude/Judentum wird auf Israel referiert) verschiebt sich der alte Hass auf den jüdischen Staat bzw. auf das Phantasma ISRAEL. Solche Äußerungen fluten seit Jahren das Internet, Tag für Tag, weltweit, gekoppelt an Drohungen, Verwünschungen, Auslöschungsphantasien. So wie es früher Antisemit*innengesellschaften gab, gibt es heute BDS und hat das Web 2.0 diverse Foren, die sich ausschließlich der Stigmatisierung und Diffamierung des jüdischen Staates widmen. Die Rhetorik auf Twitter und anderen Social Media belegt eine Radikalisierung der Rhetorik mit einer weithin reichenden Barbarisierung (s. Korpus II; Schwarz-Friesel 2019a: 104ff). Die Muster sind unabhängig von der jeweiligen politischen Ausrichtung. In ihrem Hass auf Israel treffen sich alle Antisemit*innen. Dieser Hass ist das global Gemeinsame von an sich so disparaten Personen und Gruppen wie Neonazis, Islamist*innen, linken Aktivist*innen, gebildeten Bürger*innen aus der Mitte. Aktueller Antisemitismus ohne Hass auf Israel begegnet uns so gut wie gar nicht mehr (Friesel 2015; Schwarz-Friesel 2019a: 57ff.; Broschüre 2020). Vielmehr gehen Juden- und Israelhass eine untrennbare Symbiose ein, die vom alten Anti-Judaismus genährt wird. Alle empirischen Untersuchungen belegen: Die israelbezogene Judenfeindschaft ist seit Jahren die häufigste und dominante Manifestation des aktuellen Antisemitismus. Umso besorgender, dass ausgerechnet dieser Form der geringste Widerstand entgegengebracht wird.

Israelbezogener Hass und Israelisierungssemantik: Nahostkonflikt ist nicht die Ursache

Eine der irreführendsten Behauptungen, die leider auch öfters in akademischen Texten zu lesen sind, lautet, der Nahostkonflikt sei die Ursache für Israelhass. Zwar lösen mediale Konfliktmeldungen reflexhaft und eruptiv Wellen von Hass-Kommentaren gegen Israel aus, sie sind aber keineswegs auf den Konflikt beschränkt. Der schwelende Konflikt ist auch keineswegs der Grund. Israel steht als wichtigstes Symbol für jüdisches Überleben und gelebtes Judentum im Fokus aller Antisemit*innen und ist quasi der Stachel in deren Fleische: Die Existenz eines jüdischen Staates ist eine ungeheure Provokation. Daher finden wir die antisemitische Israelisierungssemantik auch bei Themen, die mit dem Nahostkonflikt nichts zu tun haben: ob es sich um Gal Gadot im Film Wonder Woman, Netta beim ESC, Waldbrände, den Syrien-Krieg, die Corona-Pandemie oder die innerdeutsche Beschneidungsdebatte handelt8 (s. hierzu Korpus II; Schwarz-Friesel 2019a).

Merkmale des israelbezogenen Antisemitismus: das Echo der Vergangenheit

Die viel zitierte 3-D-Technik nach Nathan Sharansky ist zwar eine erste Orientierungshilfe, doch muss sie wissenschaftlich präzisiert und ergänzt werden. Denn Dämonisierungen und Delegitimierungen gibt es in vielen politischen und ideologischen Diskursen und auch im Boulevard-Journalismus des Öfteren, ohne dass eine Hassbotschaft oder Verbal-Antisemitismus gegeben ist. Die „Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert“ zeigt beim Israelhass eine Kontinuität des klassischen Anti-Judaismus: Sprachgebrauchsmuster, die seit Jahrhunderten im kollektiven kommunikativen Gedächtnis der abendländischen Gesellschaft verankert sind und zum rhetorischen Standardrepertoire von Antisemit*innen gehören, werden unverändert reaktiviert und benutzt, um Israel zu diffamieren (s. hierzu ausführlich Schwarz-Friesel/Reinharz 2013, Kap. 7).

Die Sprachgebrauchsmuster der historischen und der zeitgenössischen Judenfeindschaft ähneln sich sowohl in ihrer Semantik als auch in ihrer Form frappierend: „Israelis blutdürstige Mörderhunde, sie zerstückeln Kinder…vergiften das Wasser…“ (ein Facebook-Text von 2014) und über 500 Jahre zuvor: „[D]ürstige blut Hunde und Mörder ... Brün vergiftet, Kinder zepfrimet“ (Luther 1543).
Dieses „Echo der Vergangenheit“ geht zurück bis ins Mittelalter, als Jüdinnen und Juden Teufelsgenossen und Satanskinder genannt wurden, ihnen als Sündenböcke für jedes Unglück, für die Pest, verschwundene Kinder, verhagelte Ernten u.ä. stets die Schuld gegeben wurde (s. Trachtenberg 1943; Rose 2015). Die Täter-Opfer-Umkehr, die heute maßgeblich den Post-Holocaust-Antisemitismus bei Schuld- und Schamabwehr prägt, ist keinesfalls neu: Schon vor Jahrhunderten gerierten sich Christ*innen, die Jüdinnen und Juden jedwedes Handwerk oder andere Beschäftigungen verboten und ihnen lediglich den Geldhandel (als für Christ*innen unwürdige Tätigkeit) erlaubten, als Opfer des ‚jüdischen Wuchers, der Gier und des Betrugs‘ (s. u. a. die Saltzmann-Predigt von 1661).

Der israelbezogene Antisemitismus: Anti-Judaismus in moderner Form

Was seind aber die Jüden … Seind sie auch hochschädliche Leuth /  / haben weder Aecker noch Wiesen /  vnd leben wohl von dem / so sie durch Wucher vnd Betrug denselben abschinden (Balthasar Friedrich Saltzmann: Jüdische Brüderschafft, 1661, Predigt anlässlich der Taufe eines Juden)

Im folgenden Modell sind die für den israelbezogenen Antisemitismus typischen Kennzeichen zusammengefügt und in Beziehung zu den drei konstitutiven Merkmalen der anti-judaistischen Rhetorik Abgrenzung, Stereotypfixierung und Entwertung gesetzt:

Was also ist konstitutiv für israelbezogenen Antisemitismus? Alles, was auch konstitutiv und typisch für den klassischen Judenhass ist. Hier kann und muss sich die Antisemitismusforschung nur immerfort wiederholen:


De-Realisierung: betrifft das Missverhältnis von Sprache-zu-Welt-Struktur. Nicht das reale Land Israel, sondern das Phantasma, das Konzept ISRAEL wird als Maßstab genommen. Es kommt daher zu falschen, die Realität verzerrenden Schuld- und Attributszuweisungen und de-kontextualisierten9 Analogien, von denen neben den NS-Vergleichen die häufigste der Apartheidsvergleich ist. Apartheid bedeutet ‚institutionalisierte, staatliche Rassen- bzw. Ethnien-Trennung‘. Dieses Pejorativum aktiviert das Bild des ehemaligen Südafrika mit getrennten Schulen, Restaurants, Parkbänken, mit diskriminierenden Gesetzen und staatlichen Repressalien.10

Projektion judenfeindlicher Stereotype auf Israel: „die typisch jüdische Rachsucht“, „Kindermörder(ritual)“, „Landräuber“, „Weltenübel“, „Menschenfeinde“, „ewiger Jude“. De-Realisierung durch Projektion wird erkennbar durch dehumanisierende Brachialpejorativa wie „Pest“, „Krebsgeschwür“, „Krake“ sowie Dämonisierungen, die an altes Gedankengut anknüpfen („teuflisch“, „unverhältnismäßige Bombardierungsorgien“, „ethnische Säuberung nach dem Prinzip Zahn um Zahn“, „hemmungsloser Vernichtungskrieg“ aufgrund von „Rachegelüsten“). Kollektive Schuldzuweisungen erstrecken sich nicht nur auf alle jüdischen Israelis, sondern auf das gesamte jüdische Volk (s. z. B. die E-Mails mit Vorwürfen zum Nahostkonflikt an den Zentralrat der Juden in Deutschland).

Delegitimierung zeigt einen unikalen Fokus (z. B. mittels Superlativ-Konstruktionen wie „die größte Gefahr für den Weltfrieden“ oder „das schlimmste Unrechtsregime” ausgedrückt), der Israel von allen anderen Ländern isoliert (und ihm u. a. Recht zur Selbstverteidigung abspricht), seine Existenzberechtigung infrage stellt und Vorschläge zur physischen Vernichtung oder religiösen Veränderung des Staates Israel aufweist. Der für den Judenhass typische Auslöschungs- und Erlösungswille wird dabei offen und barbarisch ausgedrückt als „Verreckt! Sauft ab im roten Meer“ (Korpus I) oder unter dem Deckmantel des ‚Humanismus‘ in der Form ent-radikalisiert, in der Konsequenz genauso vernichtend: „Israel ist ein historischer Fehler. Es muss eine Lösung gefunden werden.“ [ZJD_2009, Korpus I, ein Professor, der sich „gegen Rassismus und für Völkerverständigung engagiert“]

Fazit

Der alte Anti-Judaismus lebt ungebrochen in den Köpfen fort und findet vor allem im Internet immer lauter, sichtbarer und radikaler seinen Ausdruck. Er richtet sich besonders häufig auf das augenfälligste Symbol des Judentums in der modernen Welt: den jüdischen Nationalstaat. Israelbezogener Antisemitismus ist in allen Kommunikationsbereichen und auf allen Ebenen die vorherrschende Ausprägungsvariante des Judenhasses im digitalen Zeitalter. Dieser Antisemitismus zeichnet sich dadurch aus, dass klassische judenfeindliche Stereotype auf den Staat Israel und seine Bewohner*innen projiziert werden und seine Existenzberechtigung als jüdischer Staat infrage gestellt wird, wobei der Nahostkonflikt nur eine marginale Rolle spielt. Israelhass belegt die Kontinuität und Adaptationsfähigkeit dieses kulturellen Chamäleons. Über die weithin akzeptierte anti-israelische Rhetorik mit ihren Verbal-Antisemitismen breitet sich ein „politisch korrekter Hass“ als normal aus und unterstützt alle radikalen Kräfte in der Gesellschaft. Mit Kritik, Meinungs- oder Kunstfreiheit haben die Diffamierungen und Drohungen nichts gemeinsam. So lange aber diese Form des antisemitischen Ressentiments nicht mit aller Entschiedenheit und Leidenschaft, mit der sie geleugnet und umgedeutet wird, zurückgewiesen wird, solange wird kein effektiver Kampf gegen Antisemitismus zustande kommen. Denn israelbezogener Antisemitismus – ohne Wenn und Aber – ist Antisemitismus, ist Antisemitismus, ist Antisemitismus.

 

1 Vgl. www.welt.de/politik/deutschland/article207865375/Kriminalitaet-13-Prozent-mehr-antisemitische-Straftaten.html, s. hierzu auch den Bericht des Berliner Verfassungsschutzes (2020) zu demokratieschädlichen und verfassungsfeindlichen Antisemitismen. Der Bericht weist auch nachdrücklich auf die Symbiose von Juden- und Israelhass hin.

2 Das Beispiel aus der Badischen Zeitung am Anfang des Textes zeigt zudem, dass man nicht in die radikalen Ecken der Gesellschaft gehen muss, um israelfeindliche Positionen zu finden, die das Potenzial haben, judeophobe Gefühle auszulösen. Wen wundert es dann, wenn Kinder und Jugendliche solches Gedankengut in ihren spezifischen Foren (s. e-hausaufgaben-Bspl.) aufgreifen und verteilen. Das Thema im Forum lautete übrigens „Vorurteile gegenüber Juden“.

3 Im Original 2014 in der TAZ stand anstelle von „Dein Existenzrecht“ Israel. Es gibt kein ähnliches oder auch nur vergleichbares Delegitimierungsbedürfnis in Bezug auf andere Länder. In der hitzigen Debatte um Rassismus in den USA und Kritik an Donald Trump zum Beispiel gab es kein einziges Mal die Forderung, über das Existenzrecht Amerikas nachzudenken. Diese ist einzig in Bezug auf den jüdischen Staat anzutreffen, vgl. hierzu Friesel 2015; Glöckner 2015; Süselbeck 2018.

4 Diese wurden aus Textstellen von authentischen Anti-Israel-Kommentaren zusammengesetzt.

5 Eine Umfrage unter Journalist*innen während der Mbembe-Debatte 2020 ergab in der ersten Stichproben-Auswertung, dass besonders freie Mitarbeiter*innen der Presse unter der anti-israelischen Einstellung in vielen Redaktionen leiden. Nicht Anti-Israel, sondern vielmehr Pro-Israel ist in Deutschland vielerorts ein Problem. Das zeigen auch die brutalen Reaktionen im Web 2.0 als Reaktion auf pro-israelische Kommentare, s. hierzu Schwarz-Friesel 2019b. Aufschlussreich ist, dass zunehmend die Antisemitismusforschung in den sozialen Medien, v.a. via Twitter im Donald-Trump-Stil, beschimpft und diskreditiert wird, im gleichen Vulgärstil der antisemitischen Äußerungen. Fakten- und Aufklärungsresistenz zeigen sich hier besonders virulent: Forscher*innen sind dann „inkompetent, verblödet, fanatisch, unseriös“, werden je nach Geschlecht als „Ochsen, Idioten, Kühe, Israellobbyisten und Mossad-Agenten“ bezeichnet. All dies zeigt die kognitive Hilflosigkeit: Gegenargumente und Gegenevidenz können diese „Kritiker“ der Expertise nicht entgegensetzen, also gehen sie emotional auf die Ebene der primitiven Beleidigungen.

6 Das Phantasma „Jede Kritik an Israel wird als Antisemitismus bezeichnet“ ist eines der häufigsten Präventiv-Argumente zur Abwehr und Leugnung israelbezogenen Judenhasses. Obgleich es wiederholt von der Forschung als faktisch falsch entlarvt wurde, gehört es zum Standardrepertoire des Antisemitismus-Leugnungsnarrativs.

7 Alle Nennungen sind den Korpora I und II entnommen, stellen also typische Verbal-Antisemitismen dar.

8 Den Nahostkonflikt als Ursache anzusetzen, bedeutet, den Israelis die Schuld zu geben, dass es (israelbezogenen) Judenhass gibt. So kodiert man adaptiert das alte Stereotyp, Jüdinnen und Juden seien am Ende verantwortlich für Antisemitismus. Ganz gleich, was Israel tut, es wird von Antisemit*innen beschimpft: Nach der Devise „Land gegen Frieden“ zog sich Israel im August 2005 komplett aus dem Gazastreifen zurück, löste 21 Wohnsiedlungen und alle Militärstützpunkte auf. Dennoch gingen auch zu diesem Ereignis beim Zentralrat und der Botschaft beschimpfende und hasserfüllte Zuschriften ein (Korpus I), vgl. hierzu Schwarz-Friesel 2019a: 117ff.

9 De-kontextualisiert heißt ‚aus dem (historischen und/oder textuellen) Zusammenhang gerissen‘. Apartheid wird in Bezug auf Israel als Stigma-Wort benutzt: Es dient der Verleumdung des demokratischen Staatswesens.

10 Wäre Israel de facto ein solcher Staat, wäre scharfe internationale Kritik nicht nur angemessen, sondern notwendig. Doch Israel ist so wenig Apartheidstaat wie die BRD. Nichtjüdische Israelis sind ohne Ausnahme in allen Bereichen der Gesellschaft vertreten, sie besuchen dieselben Universitäten, werden in denselben Krankenhäusern behandelt, gehen in dieselben Kinos usw. Der Apartheidvergleich entspringt also der De-Realisierung.





 

 

Literaturverzeichnis

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