Feminismus – eine große Assimilationsagenda?

Der Beitrag befasst sich mit antifeministischen Argumentationen in islamistischen Diskursen in Deutschland. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass Feminismus von islamistischen Akteur*innen häufig als westliches „Importprodukt“ dargestellt wird, das im Widerspruch zum Islam stehe und die eigene Gemeinschaft bedrohe. Antifeministische Vorstellungen von u. a. Geschlechterrollen und Familie und die Ablehnung queerer Lebensweisen spielen eine zentrale Rolle. Im Fokus stehen islamistische Akteur*innen, die religiöse Vorstellungen politisieren und antifeministische Erzählungen über mediale Formate verbreiten. Anhand ausgewählter Beiträge aus dem deutschsprachigen Online-Raum wird mittels qualitativer Inhaltsanalyse untersucht, wie antifeministische Positionen begründet und kommuniziert werden und diese diskurstheoretisch eingeordnet. Ziel ist es, sichtbar zu machen, welche Funktionen diese Argumentationen für Abgrenzung, eigene Identitätsstiftung und die Zementierung traditioneller Geschlechterordnungen erfüllen und aufzuzeigen, wie sie gesellschaftliche und politische Teilhabe begrenzen.

Empfohlene Zitierung:

El-Auwad, Hanin/Haas, Julia/Lanser, Saskia (2026). Feminismus – eine große Assimilationsagenda? In: Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (Hg.). Wissen schafft Demokratie. Schwerpunkt Demokratie und Geschlecht, Band 19. Jena, 122–135.

Schlagwörter:

Antifeminismus, Islamismus, Anti-Gender, Geschlecht, Gleichberechtigung

 

Wie islamistische Gruppierungen antifeministische Erzählungen für sich nutzen

„[…] sprich der Feminismus [hat] nichts mit unserer Geschichte zu tun, sondern [ist] eine westliche Antwort – und das muss ganz klar gesagt werden – auf ein rein westliches Problem […], [die] zudem dem Islam vollkommen widerspricht und keinen Bezug zu unserer Scharia und den Offenbarungstexten des Islam hat.“ (Hoffmann 2023a/Realität Islam)

Mit dieser Aussage positioniert sich ein Sprecher der islamistischen Gruppierung Realität Islam deutlich. Realität Islam steht in ideologischer Nähe zur islamistischen Bewegung Hizb ut-Tahrir, für die in Deutschland seit 2003 ein Betätigungsverbot besteht. Akteur*innen von Realität Islam treten besonders durch die Verbreitung von islamistischen Narrativen und Argumentationsmustern in Erscheinung, die gezielt in aktuelle gesellschafts- und politikbezogene Diskurse eingebettet werden, um muslimische Zielgruppen ideologisch zu beeinflussen. Das Zitat steht exemplarisch für eine Erzählung, die sich in islamistischen Öffentlichkeiten in Deutschland zunehmend beobachten lässt: Feminismus wird als westliches „Importprodukt“ konstruiert, das die eigene religiös-kulturelle Ordnung bedrohe und daher abzuwehren sei. Antifeminismus als politische Agenda nimmt dabei in islamistischen Argumentationen einen wachsenden Stellenwert ein, insbesondere wenn es um die Verteidigung traditioneller Rollenvorstellungen und die Abwehr queerer Lebensweisen geht.

Antifeminismus begleitet feministische Bewegungen seit deren Beginn. Bereits im frühen 20. Jahrhundert organisierten sich Gruppen wie der Bund zur Bekämpfung der Frauenemanzipation gegen Forderungen wie das Frauenwahlrecht (Kaiser 2021). Während Feminismus auf den Abbau gesellschaftlicher Ungleichheiten und die Erweiterung von Rechten zielt, positioniert sich Antifeminismus als Gegenbewegung zu diesen gesellschaftlichen Liberalisierungsprozessen (Lang und Fritzsche 2018, 340). Dabei handelt es sich nicht nur um eine reaktive Haltung, sondern um eine eigenständige Ideologie, die auf Vorstellungen geschlechtlicher Ungleichwertigkeit basiert und die Aufrechterhaltung patriarchaler Herrschaftsverhältnisse anstrebt (vgl. Blum 2021; femPI Netzwerk/Forschungsnetzwerk Frauen und Rechtsextremismus 2022; siehe auch Wissen schafft Demokratie 13/2023). In dem Streben nach der Bewahrung einer „natürlichen“ und/oder „gottgewollten“ Geschlechterordnung vereinen sich unterschiedliche Akteursgruppen. Antifeminismus ist als Querschnittsthema fester Bestandteil extrem rechten Denkens ebenso wie religiös-fundamentalistischer Strukturen – und, wie im Folgenden argumentiert wird, auch islamistischer Erzählungen.

Islamismus ist dabei nicht mit religiösem Glauben oder konservativer Religiosität gleichzusetzen, sondern beschreibt eine Ideologie, die religiös begründet wird und einen exklusiven Wahrheits- und Herrschaftsanspruch erhebt. Islamistische Akteur*innen1 gehen davon aus, den „einzig wahren“ Islam zu vertreten, lehnen Volkssouveränität sowie „menschengemachte Gesetze“ ab und erkennen pluralistische Rechts- und Gesellschaftsordnungen – etwa Menschenrechte – nicht als legitim an (vgl. Seidensticker 2023; Pfahl-Traugber 2011). Die große historische und regionale Vielfalt islamischer Denktraditionen wird dabei negiert; abweichende Auslegungen gelten als unvereinbar und werden abgewertet, was sich häufig auch gegen andere Muslim*innen richtet. Zentral für islamistische Ideologien sind rigide Geschlechterpolitiken, die zwangsläufig in eine antifeministische Grundhaltung münden. Feminismus stellt aus dieser Perspektive eine Bedrohung für vermeintlich eindeutige geschlechtliche Ordnungen dar. Geschlecht wird im Islamismus als eindeutig, binär, heteronormativ und religiös festgelegt verstanden. Geschlechterrollen gelten als „natürlich“ oder „gottgewollt“ und umfassen Identität, Körper, soziale Rolle und sexuelle Orientierung gleichermaßen (vgl. Meiering et al. 2018; El-Wereny 2020). Islamistische Geschlechterpolitiken knüpfen zwar an patriarchale Lesarten islamischer Traditionen an, verschärfen diese jedoch, indem sie sie in ein starres und unveränderbares System überführen. Frauen werden in ihrer Teilhabe am öffentlichen Leben stark eingeschränkt, während Männern größere Handlungsspielräume und Autorität zugeschrieben werden. Entscheidungs- und Machtpositionen sind nahezu ausschließlich männlich besetzt, wodurch eine institutionalisierte Geschlechterhierarchie entsteht (vgl. Meiering et al. 2018; Wolf und Hell 2021). Gleichstellungsprozesse, die Infragestellung traditioneller Geschlechterrollen sowie geschlechtliche und sexuelle Vielfalt werden dabei kategorisch abgelehnt. Feminismus wird so zum zentralen Feindbild, da er die vermeintliche Natürlichkeit oder religiöse Legitimierung geschlechtlicher Zuschreibungen infrage stellt.

Antifeminismus zielt insgesamt auf die Einschränkung von Sichtbarkeit, Teilhabe und Selbstbestimmung vielfältiger Lebensweisen. Die identitätsstiftende Wirkung von Antifeminismus nach innen und als Andockmöglichkeit an gesellschaftliche Debatten wird dabei häufig unterschätzt. In Deutschland und Europa sind Einflussversuche christlich-fundamentalistischer Gruppen gut dokumentiert (Datta 2021). Auch als fester Bestandteil extrem rechter Ideologie ist Antifeminismus spätestens seit dem rechtsterroristischen Anschlag von Halle im Jahr 2019 kaum noch zu bestreiten. Der Täter war ein Anhänger der Verschwörungserzählung des „Großen Austauschs“, in der antisemitische, rassistische und antifeministische Motive zusammenwirken.

Der vorliegende Text untersucht, wie Antifeminismus in islamistischen Diskursen als politisches und identitätsstiftendes Element wirkt. Im Fokus stehen dabei nicht der Islam als Religion oder religiöse Praxis an sich, sondern islamistische Strömungen in Deutschland, die aus religiösen Bezügen einen politischen Herrschaftsanspruch ableiten. Zur Analyse der Social-Media-Beiträge islamistischer Akteur*innen wird in dieser Arbeit eine qualitative Inhaltsanalyse mit diskursanalytischer Einordnung kombiniert. Ziel ist es, zentrale antifeministische Argumentationsmuster im besprochenen Material systematisch herauszuarbeiten und zugleich in ihren ideologischen Kontext einzuordnen. Der Blick richtet sich insbesondere auf islamistische Akteur*innen im deutschsprachigen (Online-)Raum, die gezielt Social-Media-Plattformen nutzen, um ihre Narrative und ideologischen Standpunkte zu verbreiten und eine größtmögliche Reichweite im digitalen Raum zu erzielen. Ziel ist es, anhand medialer Beiträge antifeministische Argumentationsmuster herauszuarbeiten und zu zeigen, wie diese sowohl zur Abgrenzung von einer als „moralisch verfallend“ wahrgenommenen Mehrheitsgesellschaft als auch zur Legitimation restriktiver Geschlechterordnungen beitragen.

„Ein Projekt des Westens“?! Antifeministische Argumentationen islamistischer Akteur*innen

Für den Artikel wurden bekannte islamistische Gruppen und Einzelakteur*innen mit hoher Reichweite auf Social Media wie Realität Islam, Botschaft des Islam, Generation Islam und Hanna Hansen2, eine der wenigen weiblichen islamistischen Influencerinnen, in den Blick genommen. Die Beobachtung der Social-Media-Auftritte erfolgte im Zeitraum von Juli 2024 bis Dezember 2025. Ausgangspunkt der hier dargelegten Analyse bilden ausgewählte Videoformate der genannten Akteur*innen auf YouTube, die sich mit dem Thema Feminismus und queerem Leben beschäftigen. Die Auswahl der Videos sowie eines ergänzenden Textdokuments erfolgte kriteriengeleitet. Berücksichtigt wurden deutschsprachige YouTube-Kanäle und Akteur*innen, die im Kontext der Islamismusprävention bekannt sind und eine vergleichsweise hohe Reichweite aufweisen. Es wurden Inhalte ausgewählt, die Geschlechterrollen thematisieren, antifeministische Positionierungen enthalten und Bezüge zur deutschen Gesellschaft herstellen. Die gesprochenen Inhalte wurden zunächst transkribiert und anschließend ausgewertet. Die Auswertung von sieben ausgewählten Videos und einem Textdokument erfolgte entlang der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring (2015) bzw. Kuckartz (2018). Die Ergebnisse werden ergänzend diskursanalytisch eingeordnet, um verschiedene wiederkehrende Argumentationslinien aufzuzeigen und die Bedeutung von Antifeminismus im Kontext islamistischer Ideologie herauszuarbeiten. Im Folgenden werden drei solcher Muster vorgestellt:

1) Die vermeintliche Unvereinbarkeit von Islam und Emanzipation
 

„Unsere Ummah kennt in ihrer 1 400–jährigen Geschichte keinen Geschlechterkampf. Wir Muslime haben dazu weder historisch noch ideell irgendeinen Bezug.“ (Hoffmann 2023a/Realität Islam)

Emanzipation und Islam werden hier als grundsätzlich unvereinbar konstruiert. Konzepte von Geschlechtergerechtigkeit als „gottgewolltes“ Prinzip, wie sie etwa die Reformtheologin Nimet Şeker vorschlägt, werden zurückgewiesen. Hoffmann argumentiert, Gott habe alle Menschen unterschiedlich erschaffen; Gleichbehandlung sei daher nicht gerecht. Gerechtigkeit bestehe vielmehr darin, den unterschiedlichen Voraussetzungen Rechnung zu tragen. Wenn „dieser allmächtige Schöpfer […] unterschiedliche Regelungen für Mann und Frau festlegt, dann ist das die Barmherzigkeit von Allah“ (Hoffmann 2023a/Realität Islam). Diese Argumentationslinie findet sich auch in den Aussagen der islamistischen Influencerin Hanna Hansen, die Emanzipation explizit zurückweist: „Emanzipation ist nicht das, warum wir da sind. Wir haben einen Mann und er soll Mann sein. Wir sind eine Frau und wir sollen Frau sein.“ (Hansen 2025a) Hansen richtet sich in ihrem Aktivismus gezielt an muslimische Frauen, insbesondere auch an Konvertitinnen. Sie vertritt ein Islamverständnis, welches sich u. a. auf ein wortwörtliches Verständnis des Korans beruft und dem zeitgenössischen Salafismus in Deutschland zugeordnet wird. Über soziale Medien verbreitet sie ein Ideal weiblicher Religiosität, das feministische, liberale und vielfältige Lebensweisen ablehnt und traditionelle Geschlechterrollen als religiöse Pflicht darstellt.
In diesen Positionen zeigt sich ein islamistisches Geschlechterverständnis, das auf einer „gottgewollten Ordnung“ beruht. Gerechtigkeit wird – ähnlich wie in anderen biologistisch argumentierenden Ideologien – gerade in der Ungleichbehandlung der Geschlechter gesehen. Die postulierten „unterschiedlichen Regelungen“ stabilisieren patriarchale Strukturen, indem Frauen dem privaten Raum zugewiesen werden, während Männer als Teil des öffentlichen Lebens gelten.

Auch die Gruppe Generation Islam lehnt Emanzipation ab und legt Frauen vorrangig auf Familie und Fürsorge fest. Weibliche Erwerbstätigkeit wird infrage gestellt: „Gleichzeitig sprechen wir von der Emanzipation der Frau. Dass sich Frau befreien muss. Dass die Frau arbeiten gehen muss, genauso wie der Mann […] Wer soll dann die Kinder erziehen? Wer soll sie überhaupt bekommen?“ (Tamim 2025/Generation Islam) Damit einher geht eine Aufwertung von Mutterschaft und der heterosexuellen Kleinfamilie. In dem Artikel „Feminismus, Empowerment, SuperSisters“ von Generation Islam wird das Hausfrauendasein als einzig Erstrebenswertes inszeniert und der „muslimischen Karrierefrau“ gegenübergestellt (Generation Islam o. D.). Feminismus dränge Frauen in „unnatürliche Konkurrenzsituationen“ (vgl. ebd.). Im Zentrum dieser Argumentationen steht die Vorstellung einer „gottgegebenen“ Geschlechterordnung, deren Infragestellung als Rebellion gegen den göttlichen Willen gilt. Feminismus wird dabei nicht nur als fremde Idee, sondern als aktive Bedrohung dieser Ordnung konstruiert. Eine vergleichbare Position findet sich in einem Video der Gruppe Botschaft des Islam, in dem betont wird:
„[…] dass alle feministischen Strömungen eins gemeinsam haben, sie halten es nicht für notwendig geschweige denn richtig, sich den festen Geschlechterrollen, die Allah (swt) bestimmt hat, unterordnen zu müssen, allein aus diesem Grund kann ein Muslim niemals behaupten, Islam und Feminismus seien miteinander vereinbar. […] Der Feminismus hat in der westlichen Welt mehrere Wellen erzeugt, die noch mehr Chaos erzeugt haben als Nutzen, denn er ignoriert die menschliche Natur und die Offenbarung Allahs völlig.“ (Botschaft des Islam 2023)

Die Behauptung, Feminismus habe im Westen „mehr Chaos als Nutzen“ erzeugt, dient als Warnung vor einer vermeintlich entgrenzten Moderne. Diese antifeministischen Narrative erhalten durch ihre religiöse Rahmung einen sakralen Überbau und werden so vor innerreligiöser Kritik geschützt. Gleichzeitig erfüllen sie eine politische Funktion, indem sie eine klare Grenze zwischen einem als authentisch imaginierten Islam und einem als dekadent konstruierten Westen ziehen. Gerade hinsichtlich enger Vorstellungen von Geschlecht und dem Verständnis von Heterosexualität als das „Normale“, das „Gottgewollte“, gelten Homosexualität und geschlechtliche Vielfalt in diesen Erzählungen als unvereinbar mit dem Islam (vgl. auch Korucu und Oschwald 2024). 

2) Feminismus – ein rein europäisches Problem!?
 

„Eigentlich reicht es schon, dass wir als Muslime nichts mit dem Entstehungsgrund der westlichen Idee, genannt Feminismus, […] zu tun haben […].“ (Hoffmann 2023a/Realität Islam)

In diesem Video fragt die islamistische Gruppierung Realität Islam suggestiv: „Brauchen wir einen Feminismus?“. Feminismus wird als einheitliches Gebilde, als fremd und westlich dargestellt und weit von sich bzw. der eigenen Gemeinschaft gewiesen. Es heißt, dass 

„islamischer Feminismus falsch und klar irreführend ist, weil eine wesensfremde Idee – sprich der Feminismus – nichts mit unserer Geschichte zu tun hat, sondern eine westliche Antwort – und das muss ganz klar gesagt werden – auf ein rein westliches Problem ist […].“ (Hoffmann 2023a/Realität Islam) 

Feministische Ideen werden als fremde Ideen und eine liberale Lebensweise als „das Schlechteste […], was der Menschheit bis heute passiert ist“ (Tamim 2025/Generation Islam) bezeichnet. Gleichstellungspolitische Maßnahmen und Emanzipationsbestrebungen werden als „feministisches Projekt“ liberaler Gesellschaften verunglimpft und pauschal abgelehnt. Diese Sichtweise von Feminismus als Antwort auf ein rein westliches/europäisches Problem skizzieren auch Aktivist*innen der Gruppe Botschaft des Islam. Sie gestehen Frauen in Europa den Kampf gegen Unterdrückung und den Wunsch, sich hieraus zu befreien, zu, enden dann jedoch mit der Schlussfolgerung, dass es heute statt um Rechte darum gehe „Frauen die Stellung der Männer zu geben“. Feminismus, so betonen sie, sei aber „eine Lösung für ein Problem, das dem Islam fremd ist.“ (Botschaft des Islam 2021)
Mit einem rhetorischen Kniff werden in diesem Video die Emanzipationsbestrebungen von Frauen in europäischen Gesellschaften als nachvollziehbar bezeichnet, um diese direkt folgend weit von sich zu weisen. Denn muslimische Frauen seien durch den Islam bereits frei und „islamisch emanzipiert“, Feminismus sei daher nichts, was muslimische Frauen für sich beanspruchen sollten. Mann und Frau würden gleichsam in der Dienerschaft Gottes stehen und göttliche Regeln und Verbote obliegen Frauen wie auch Männern. Nicht Männer machten die Regeln, sondern Gott sei es, der diese Ansprüche formuliere. Dadurch wird die Verantwortung für eine patriarchale Struktur und die Beibehaltung männlicher Dominanz über eine göttliche Ordnung legitimiert. Feminismus wird so auf doppelte Weise negiert: einerseits auf der kulturellen Ebene durch die Verschiebung auf den Westen/westliche Gesellschaften und andererseits auf der Ebene des islamistischen Glaubensverständnisses, indem Feminismus und Islam als unvereinbar dargestellt werden. Die Behauptung, es gäbe keinen islamischen Feminismus, denn es handele sich dabei vielmehr um einen „ganz gewöhnlichen liberal säkularen Feminismus“ (Hoffmann 2023a/Realität Islam), unterstreicht diese doppelte Abwehr. 

3) Die Verführungskraft von Feminismus – die Assimilationsagenda

In der Auseinandersetzung mit Feminismus äußern islamistische Akteur*innen den Vorwurf, dieser sei Teil einer staatlich orchestrierten Assimilationsstrategie gegenüber Muslim*innen. In einem Video von Realität Islam (Hoffmann 2023b) wird insbesondere die Rolle reformorientierter islamischer Stimmen an deutschen Hochschulen problematisiert. Reformtheolog*innen würden laut Suhaib Hoffmann/Realität Islam gezielt eingesetzt, um eine Verbindung zwischen westlichen Werten und islamischer Lehre herzustellen – eine Verbindung, die aus Sicht islamistischer Gruppierungen nicht existieren kann. Diese Akteur*innen gelten innerhalb der islamistischen Rhetorik als verlängerter Arm staatlicher Institutionen, deren Ziel es sei, muslimische Gemeinschaften zu schwächen, indem sie von innen heraus „verwestlicht“ würden. Besonders die Thematisierung von queeren Lebensrealitäten oder feministischen Inhalten wird als Ausdruck dieser Strategie interpretiert. So werde mit Kampagnen wie „Liebe ist Halal“ nicht etwa für eine vielfältigere Gesellschaft geworben, sondern aus Sicht islamistischer Akteur*innen eine gezielte Provokation muslimischer Werte betrieben.

Das zentrale Motiv dieser Argumentation ist eine vermeintlich drohende Unterwanderung muslimischer Gemeinschaften durch feministische und LGBTIQ*–Inhalte, die nicht aus diesen selbst hervorgingen, sondern ihnen durch äußere Einflüsse aufgedrängt würden. In diesem Kontext äußert sich auch die islamistische Influencerin Hanna Hansen und warnt ihre Follower*innen vor der Zerstörung muslimischer Gemeinschaften durch den Angriff auf familiäre Strukturen. „Wenn man die Zivilisation eines Volkes zerstören will“, so Hansen (2025b), sei die Ab- und Entwertung von Mutterschaft und Hausfrauendasein ein wichtiger Aspekt. Sie baut mit ihren Worten eine Drohkulisse auf und unterstellt ein gezieltes Vorgehen. Hansen beschreibt diesen Prozess in ihrem Video als systematische Manipulation, die auf die Zerstörung der traditionellen Werte abziele. Sie warnt davor, dass die Gesellschaft durch diese Entwicklungen „langsam aber sicher infiltriert“ werde, wodurch die „Fassade“ der traditionellen muslimischen Werte zu bröckeln beginne (Hansen 2025b). Hansen fordert dazu auf, sich von diesen westlichen Einflüssen nicht vereinnahmen zu lassen, sondern sich auf die wahren religiösen Werte zu besinnen und an den traditionellen Überzeugungen festzuhalten. Dadurch wird ein Bild der Bedrohung durch westliche Mehrheitsgesellschaften gezeichnet, gepaart mit einem Abwehrreflex gegen einen etwaigen gesellschaftlichen Wandel und einer klaren Grenzziehung zwischen „uns“ und „denen“. Die staatliche Unterstützung queerer und feministischer Perspektiven wird dabei als Angriff auf die Vorstellung einer geschlechtlich geregelten Familienordnung gewertet. Ein Angriff, der nicht auf Augenhöhe stattfindet, sondern als gezielte Schwächung einer „intakten“ muslimischen Gemeinschaft bezeichnet wird (vgl. auch Hartwig 2025). Feminismus wird in diesem Zusammenhang nicht mehr nur als unvereinbar mit dem Islam abgelehnt, sondern als trojanisches Pferd angesehen, das die Tür zur vollständigen Assimilation öffnet. 

So verknüpft sich der Diskurs mit Verschwörungserzählungen, die auch anderweitig bekannt sein dürften, etwa in extrem rechten Fantasien vom „Großen Austausch“. Auch in diesem nutzten Regierungen angeblich Minderheiten, um kulturelle und religiöse Werte zu zersetzen.

Diese Rhetorik verdeutlicht, wie Antifeminismus als identitätsstiftendes Abgrenzungsmerkmal fungiert und Feminismus als gezielter Angriff inszeniert und zum existenziellen Feindbild stilisiert wird. Dies stützt ein dualistisches Weltbild, das keinen Raum für innerislamische Vielfalt oder feministische Stimmen aus muslimischen Kontexten lässt. Die These von der Assimilationsagenda verschmilzt dabei kulturelle Selbstbehauptung mit antifeministischer Rhetorik.

Fazit

Antifeminismus ist im islamistischen Diskurs weit mehr als eine beiläufige Ablehnung gleichstellungspolitischer Forderungen – er fungiert als zentrales ideologisches Abgrenzungsmerkmal gegenüber der als „dekadent“ konstruierten westlichen Gesellschaft. In einer Migrationsgesellschaft wie Deutschland ist Feminismus für islamistische Akteur*innen daher weniger ein eigenes (d. h. im Selbstverständnis ein innermuslimisches) Thema als vielmehr ein „Problem“ der Mehrheitsgesellschaft. Feminismus sei eine ideologische „Krankheit“, vor der die eigene Gemeinschaft geschützt werden müsse – durch Rückbesinnung auf traditionelle, patriarchal geprägte Strukturen. Diese externalisierende Rhetorik verschiebt feministische Forderungen aus dem Inneren der muslimischen Gemeinschaft in ein feindliches Außen und unterstellt ihnen eine assimilatorische Absicht. 

Islamistische Akteur*innen lehnen, ebenso wie andere antifeministische Akteursgruppen, queere Lebensweisen ab und zielen auf die Romantisierung traditioneller Familienrollen und die Reproduktion sowie strukturelle Verankerung hierarchischer Geschlechterverhältnisse ab. Ziel unterschiedlicher antifeministischer Akteursgruppen ist es, Gesellschaft nach ihren Vorstellungen hin zu gestalten und eine patriarchale Ordnung zu verteidigen oder sie wiederherzustellen. Antifeminismus dient islamistischen Akteur*innen als machtpolitisches Instrument zur Stabilisierung patriarchaler Strukturen – sowohl nach innen zur Disziplinierung der eigenen Community als auch nach außen zur Abgrenzung gegenüber pluralistischen, emanzipatorischen Gesellschaftsmodellen. Aufgrund des Anspruchs, göttliche Wirkungsmacht weltlich umzusetzen, übertragen islamistische Akteur*innen ihre Beweggründe auf eine übersinnliche, nicht-hinterfragbare Macht – nämlich Gott. Die Externalisierung von Feminismus auf die Mehrheitsgesellschaft ist der Versuch, sich selbst gegen Gleichstellungsbestrebungen, die Gewährleistung emanzipatorischer Freiheitsrechte und den Einbezug von queeren Lebensweisen zu wehren. Eine gesellschaftliche Ordnung, die auf islamistischen Grundannahmen basiert, schränkt nicht nur Frauen ein und delegitimiert queere Menschen, sondern überlässt schlussendlich Männern die Entscheidungsmacht über Frauen, Frauenkörper, Kinder sowie die Art des Zusammenlebens aller Menschen. 

Die antifeministische Positionierung unterstützt ein klares Freund-Feind-Schema und verstellt zugleich den Blick auf die innerislamische Vielfalt feministischer Stimmen. Antifeminismus dient islamistischen Akteur*innen damit nicht nur zur Abgrenzung von einer vermeintlich dekadenten Mehrheitsgesellschaft, sondern auch zur Stabilisierung von Machtverhältnissen innerhalb der eigenen Gemeinschaft. Zusätzlich liegt ein Selbstverständnis vor, für alle „wahren“ Muslim*innen zu sprechen und entsprechend in muslimische bzw. muslimisch geprägte Diskursräume in Deutschland hineinzuwirken. Dabei wird übersehen, dass feministische und queere Stimmen längst auch innerhalb muslimischer Kontexte in Deutschland wirksam sind – und nicht bloß von außen an diese herangetragen werden.

 


Hanin El-Auwad hat in Köln und Amman Islam- und Geschichtswissenschaften studiert. Er ist Absolvent der „bpb MasterClass: Präventionsfeld Islamismus 2020/2021“, derzeit Mitarbeiter in einer Beratungsstelle für Islamismus- und Radikalisierungsprävention in NRW und begleitet junge Menschen, Angehörige und Fachkräfte im Umgang mit islamistisch motivierten Radikalisierungsprozessen.

Julia Haas ist Soziologin und Mitarbeiterin der Wuppertaler Initiative für Demokratie und Toleranz e. V. in einem Projekt mit dem Schwerpunkt Antifeminismus. Sie arbeitet auf wissenschaftlicher und bildnerischer Ebene zu den Themen Frauen in der extremen Rechten und Antifeminismus. Sie ist Mitglied des Netzwerks feministische Perspektiven und Interventionen gegen die (extreme) Rechte, kurz: femPI.

Saskia Lanser ist Fachreferentin der AJS NRW, einer landesweit tätigen Fachstelle in Nordrhein-Westfalen zur Förderung des erzieherischen und gesetzlichen Kinder- und Jugendschutzes. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in den Bereichen Radikalisierung im Jugendalter, Aufwachsen im Kontext religiöser bzw. weltanschaulicher Fragestellungen und dem Umgang mit Extremismus in der Jugendhilfe. Sie ist Projektleitung von „Plan P.-Fachstelle Prävention islamistischer Radikalisierung im Jugendalter“ und Ansprechpartnerin im Informations- und Dokumentationszentrum Sekten/Psychokulte (IDZ) der AJS NRW.


 

Quellenverzeichnis

Botschaft des Islam (2021) [Kanal: Botschaft des Islam]. Beide Geschlechter sind etwas Besonderes. Worte zum Nachdenken, veröffentlicht am: 01.05.2021. Quelle: YouTube, online verfügbar unter www.youtube.com/watch (abgerufen am 03.03.2025).

Botschaft des Islam (2023) [Kanal: Botschaft des Islam]. Feminismus und Islam? Starke Worte, veröffentlicht am: 01.06.2023. Quelle: YouTube, online verfügbar unter youtu.be/eIVRTOGcwSU (Ab 00:56) (abgerufen am 03.03.2025).

Hansen, Hanna (2025a) [Kanal: Hanna Hansen]. Vortrag Mönchengladbach 04.01.2025, Veröffentlicht am: 05.01.2025, Quelle: YouTube, online verfügbar unter www.youtube.com/watch (abgerufen am 20.12.2025).

Hansen, Hanna (2025b) [Kanal: Hanna Hansen]. Vortrag Hanna Hansen in Medina. BildungsPaket (21.04.25), Veröffentlicht am: 29.04.2025, Quelle: YouTube, online verfügbar unter www.youtube.com/watch (abgerufen am 20.12.2025).

Für die folgenden Quellen gilt:

Die zitierten Social-Media-Videos oder Homepage-Beiträge waren zum Zeitpunkt der Sichtung (zuletzt abgerufen am 03.03.2025) öffentlich zugänglich. Es liegt keine archivierte Version vor. Der hier wiedergegebene Inhalt basiert auf einem zum Zeitpunkt der Sichtung erstellten Transkript, sodass eine exakte Wiedergabe des Originals nicht gewährleistet ist. Von allen bereits gelöschten und im Text zitierten Videos liegen die zugehörigen YouTube-.srt-Dateien gesichert vor. Diese Textdateien geben die gesprochenen Inhalte in zeitlich codierter Form wieder und ermöglichten eine Überprüfung der erstellten Transkription.

Generation Islam (o. D.). Feminismus, Empowerment, SuperSisters. Quelle: generation-islam.de/feminismus-empowerment-supersisters Zugriff am: 25.10.2024 [nicht mehr verfügbar].

Hoffmann, Suhaib (2023a) [Kanal: Realität Islam]. „Islam & Feminismus? Wir klären auf!“ Veröffentlicht am: 06.08.2023. Quelle: YouTube. Zugriff am: 03.03.2025 [nicht mehr verfügbar]. 

Hoffmann, Suhaib (2023b) [Kanal: Realität Islam]. LGBTQ-Kurnaz: „Wenn der Staat ‚Imame‘ züchtet…“ Veröffentlicht am: 16.07.2023. Quelle: YouTube. Zugriff am: 03.03.2025 [nicht mehr verfügbar]. 

Tamim, Ahmad (2025) [Kanal: Generation Islam]. „Die Scharia regelt ALLE Probleme“ Veröffentlicht am: (07.05.2025). Quelle: YouTube. Zugriff am: 03.03.2025 [nicht mehr verfügbar].

Literaturverzeichnis

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Datta, Neil (2021). Die Spitze des Eisbergs. Religiös-extremistische Geldgeber gegen Menschenrechte auf Sexualität und reproduktive Gesundheit in Europa 2009 – 2018. Online verfügbar unter www.epfweb.org/sites/default/files/2022-02/EPF_EN_TOTI_9SEP%20DEF_%20DEU_FINAL.pdf (abgerufen am 21.11.2025).

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