Wer: Überblick
Im April 2025 gründete sich in Großbritannien die Women’s Safety Initiative (WSI), fünf Monate später hat sie mehr als 15 000 Follower*innen auf Instagram, Anfang 2026 sind es knapp 33 000. Auf ihrer Website erklärt sie, die „Gefahren unkontrollierter Migration aufdecken“ zu wollen sowie „Frauen und Mädchen an erste Stelle“ zu setzen (WSI 2025). Damit reiht sich die WSI in eine Reihe anderer, dem Spektrum der sog. Neuen Rechten1 zugehörigen Frauengruppierungen in Europa ein. Lukreta in Deutschland, das Collectif Némésis in Frankreich (mit Ablegern in Italien und der Schweiz) und DAria in Italien zeigen ein ähnliches Profil. Diese aktivistischen Gruppierungen, in deren Namen öffentlich ausschließlich weibliche Personen auftreten, geben an, sich um die ‚tatsächlichen‘ Probleme von Frauen zu kümmern und parteipolitisch unabhängig zu sein2.
Was sie von anderen extrem rechten Akteur*innen unterscheidet, ist der positive Verweis auf Errungenschaften des westlichen Feminismus und daran anschließende rechte Umdeutungen. Mit Bezug auf die „Befreiung der Frau“ wird unter dem Hashtag #noworldhijabday gegen weibliche Verhüllung agitiert (Lukreta 2022; WSI & Gill 2025) und der „Schutz der Frau“ wird über das völkisch-rassistisch umgedeutete Konzept der „Remigration“ eingefordert (Lukreta & Lukreta Norden 2025). Lukreta nutzt regelmäßig den Slogan „Remigration schützt Frauen“ und vertreibt Sticker mit dieser Aufschrift (Lukreta 2025). Ende August 2025 produzierten Lukreta, Némésis und die Junge Tat gemeinsam ein Video mit der Botschaft „Remigration creates peace“ (Lukreta & Collectif Nemesis 2025). Ähnliche Aktionen finden seit 2016 von der Identitären Bewegung (IB) (Bender 2016) und seit 2018 auch mit spezifischem Fokus auf Frauen statt, damals unter dem Kampagnenmotto „Frauen wehrt euch! #120db – Die Töchter Europas“ (Fröhlich und Bartels 2018). Der Name #120db ist an die Lautstärke eines Taschenalarms angelehnt, der nach der Silvesternacht in Köln Frauen vermehrt empfohlen wurde. Die selbsternannte Frauenrechtsinitiative positionierte sich vor allem für den Schutz von Frauen vor migrantischen Männern. Bereits hier ging es jedoch nie um den Schutz aller Frauen, sondern um weiße, christliche, westeuropäische Frauen. Die Entstehung der Initiative knüpfte an die #MeToo-Bewegung an, indem die Akteur*innen der IB sich an der hochwirksamen Online-Mobilisierung über Trends und geschlechterspezifische Themensetzungen orientierten (Al-Kahlaf 2018). Wie bei der IB oder der Jungen Tat aus der Schweiz sind die Aktionen von Lukreta, Collectif Némésis und anderen öffentlichkeitswirksam inszeniert, die tatsächlichen Mitgliederzahlen hingegen weitestgehend unbekannt: Némésis hatte nach eigener Aussage Ende 2024 etwa 200 Mitglieder (Chavanes 2024), dem stehen über 104 000 Follower*innen allein auf Instagram gegenüber (Stand: Januar 2026). Neben aktionsbezogenen Inszenierungen wird die Social-Media-Reichweite jedoch auch genutzt, um über andere, vermeintlich harmlose Themen wie traditionelle Geschlechterbilder Reichweite zu (vor allem) jungen Frauen aufzubauen (vgl. hierzu auch den Diskurs zu Tradwives, Rösch 2023).
Wie: Femonationalismus
Mit Femonationalismus wird eine bestimmte Instrumentalisierung feministischer Diskurse und Positionen für rechtsextreme Mobilisierung bezeichnet (Farris 2021; 2011; Dombrowski und Hajek 2021; siehe auch Beitrag von Sabine Volk in diesem Band). Der Begriff beschreibt die Verschränkung nationalistischer Ideologie mit feministischen Narrativen, die zur Legitimation rassistischer Politik eingesetzt wird. Der Begriff des Feminismus wird strategisch genutzt, ohne tatsächlich an einer Gleichstellung aller Geschlechter und damit auch den Rechten queerer und trans*Personen interessiert zu sein (Farris 2021, 109 f.). Reinhild Boßdorf von Lukreta formuliert es selbst so: „Obwohl ich dem modernen intersektionellen Feminismus […] nichts abgewinne, halte ich es trotzdem für richtig, den Begriff zu kapern und für die eigenen Zwecke zu nutzen.“ (Boßdorf 2025, 14)
Bei genauerem Blick zeigt sich, dass Femonationalismus Nationalismus mit Antigenderismus3 und Ethnopluralismus verbindet und dies in feministische Sprache kleidet. Antigenderismus als Verteidigung einer strikten Geschlechterbinarität bedeutet dabei die Ablehnung inklusiver Geschlechtervielfalt und des damit einhergehenden emanzipatorischen Strebens nach Gleichstellung und Anerkennung aller Geschlechter. Er fungiert als ideologischer Rahmen, in dem geschlechterpolitische Liberalisierungen als Bedrohung einer vermeintlich biologischen begründeten, cis-heteronormativen Ordnung markiert werden. Antigenderismus ist dabei als breite gesellschaftliche Klammer zu verstehen und kann bis weit in die sogenannte Mitte der Gesellschaft hinein mobilisieren und verschiedene politische Lager verbinden. Innerhalb dieser Geschlechterbinarität wird Frauenschutz prominent platziert – nicht als inklusiver Schutz von Frauen und Menschen, die sich als weiblich identifizieren, sondern als Schutz weißer (und in der Regel jedenfalls kulturell als christlich eingeordneter) heterosexueller cis-Frauen. Wie u. a. in dem häufig von Lukreta genutzten Slogan „Remigration schützt Frauen“ deutlich wird, geht es den Akteur*innen um eine spezifisch kulturalistisch-rassistische Deutung des gesamtgesellschaftlichen Problems von Gewalt gegen Frauen (BKA 2025). Aufgrund der demonstrativen Inszenierung ihrer eigenen Weiblichkeit erscheinen unter dem Banner des Femonationalismus die rassistischen Argumentationen – vor allem gegen migrantische Männer – einem breiteren Publikum glaubwürdig.
Die Bedeutung der Silvesternacht 2015/2016 als diskursives Ereignis (Dietze 2016; Weiß et al. 2021; Werthschulte 2017), in deren Folge Gewalt gegen Frauen als „importiertes“ Problem interpretiert und damit ethnisiert wurde, geht über den deutschsprachigen Raum hinaus. Auch die unter dem Pseudonym Alice Cordier auftretende Gründerin des französischen Collectif Némésis nennt dezidiert und direkt zu Beginn eines Interviews die „Vergewaltigungen von Köln“ (Royer 2024) als prägend für ihren politischen Werdegang. Damit wird die Kölner Silvesternacht zu einem transnationalen Referenzpunkt femonationalistischer Mobilisierung. Ein zentrales Element des Antigenderismus ist die Verächtlichmachung von trans*Frauen als angebliche „sexual predators“, die bis in die gesellschaftliche Mitte anschlussfähig ist. Die Anschlussfähigkeit ergibt sich aus einer doppelten Brückenfunktion: Trans*identitäten fungieren als Bedrohungserzählung für die cis-heteronormative Kernfamilie und stellen zugleich traditionelle Geschlechterrollen sowie patriarchale Strukturen infrage. Femonationalistische Akteur*innen verknüpfen diese Trans*feindlichkeit mit dem vorgeblichen Schutz weißer, kulturell-christlicher cis-Frauen mit rassistischen und migrationsfeindlichen Forderungen. Dadurch entsteht ein hohes Mobilisierungspotenzial, das sowohl antigenderistische als auch rassistische Ressentiments integriert und als kulturelle Selbstbehauptung inszeniert (Freund-Möller und Lundström 2024).
Warum: Youth Gender Voting Gap
Dass es eine zunehmende Diskrepanz im Wahlverhalten von Männern und Frauen gibt, scheint auch Akteur*innen innerhalb der extremen Rechten bewusst zu sein. Eine Vertreterin von Lukreta formuliert es so: „Ohne Frauen geht es nicht. […] Das zeigt nicht nur die Geschichte, sondern auch aktuelle Wahlstatistiken und deren Folgen.“ (Cofflet 2025) Diese Beobachtung verweist auf ein zentrales Problem für extrem rechte Parteien: Junge Frauen unterstützen sie deutlich seltener als junge Männer. Nachwahlbefragungen und Wahlstatistiken zeigen klare Geschlechterunterschiede. Laut Nachwahlbefragung wählten bei der Bundestagswahl 2025 Männer im Alter von 18–24 Jahren knapp 60 % häufiger die AfD als Frauen desselben Alters (Hudde 2025, 9). Die Nachwahlbefragung in Thüringen zeigt ähnliche Ergebnisse. Dort haben 46 % der Männer zwischen 18 und 24 Jahren die AfD gewählt, bei Frauen im gleichen Alter waren es 30 % und damit 1/3 weniger (Richter et al. 2024). Dieses Phänomen eines Gender-Gaps (siehe dazu auch der Beitrag von Rahim Hajji in diesem Band), der sich „[i]nsgesamt verstetigt“ und „in den mittleren Altersgruppen schrumpft, während er in der jüngsten Altersgruppe wächst“ (Hudde 2025, 13) wird auch auf supranationaler Ebene unter „youth gender gap in support for the far right“ (Milosav et al. 2025) oder „gender youth gap in far-right voting“ (Off et al. 2025) diskutiert. Junge extrem rechte Aktivistinnen erkennen das Problem: „Wenn die AfD auch auf lange Sicht politisch mitmischen will, muss sie sich auch um die Frauen bemühen. Warum sollte ich als Frau beispielsweise eine Partei wählen, bei der ich kaum sichtbar bin?“ (Boßdorf 2025, 16)
Zwei Studien widmen sich diesem Phänomen mit jeweils umfassendem Datenmaterial aus 27 bzw. 32 europäischen Ländern. Eine Studie von Milosav et al. (2025) nutzt die Wahldaten von etwa 25 000 Wähler*innen aus 27 europäischen Staaten aus den European Election Studies (EES). Die Autor*innen stellen einen beträchtlichen und wachsenden Unterschied in der Wahlpräferenz nach Geschlecht fest: 21 % vs. 14 % Zustimmung zu (extrem) rechten Parteien im Jahr 2024. Damit ist die Differenz in der Wahlpräferenz ähnlich wie in der oben genannten Nachwahlbefragung in Thüringen: Auch hier präferieren junge Frauen extrem rechte Parteien um etwa 33 % weniger als gleich alte Männer. Dabei stellen die Autor*innen eine in Richtung jüngerer Kohorten stark wachsende geschlechtsspezifische Lücke fest, die vor allem durch übermäßige Unterstützung junger Männer für die extreme Rechte bedingt ist. Eine weitere Studie aus dem Jahr 2025 mit einem anderen Datensatz ergänzt das Bild. Diese orientiert sich an 466 089 Selbstpositionierungen auf einer Links-rechts-Skala aus dem Eurobarometer (EB), die nahezu ausschließlich Face-to-Face durchgeführt werden. Für Deutschland kommen sie zu dem Ergebnis eines etwas kleineren und zeitlich gesehen stabilen Gender-Gaps (Nennstiel und Hudde 2025). Es gibt jedoch einige Merkmale in den Untersuchungsdesigns, die diese Unterschiede erklären, etwa unterschiedliche Zeiträume (die Daten der Studie von Nennstiel und Hudde enden 2023, die Daten von Milosav et al. konzentrieren sich auf 2024) und unterschiedliche Erhebungsdesigns (und einer resultierenden stärkeren Relevanz sozialer Erwünschtheit bei Nennstiel und Hudde). Hinzu kommt die unterschiedliche Abgrenzung der Altersspannen, die regelmäßig die Vergleichbarkeit von altersbezogenen Studien erschwert: Nennstiel und Hudde berücksichtigen mit der Altersspanne 20 bis 29 ausschließlich junge Erwachsene, während Milosav et al. mit der Spanne 16 bis 29 auch die späte Adoleszenz miteinschließen. Insgesamt unterstützen weitere Daten die Aussagen von Milosav et al. und legen nahe, dass die Effekte sehr aktuell sind und sich teilweise noch stärker in der Wahlabsicht als im Wahlverhalten zeigen (Abou-Chadi 2024).
Bei dem Rückschluss von weiblicher Repräsentation auf das Wahlverhalten von Frauen – und hier vor allem jungen Frauen – wird jedoch häufig auf formale Repräsentation fokussiert, also Frauen in sichtbaren Parteipositionen. Während diese formale Repräsentation keine negativen Affekte auf das Wahlverhalten hat, sind tatsächliche positive Effekte im europäischen Vergleich jedoch nur bei inhaltlicher Repräsentation feststellbar (Chueri und Damerow 2023). Inhaltliche Repräsentation bedeutet dabei eine Übereinstimmung zwischen der eigenen Position und der Position der jeweiligen Partei zu Themen, die Geschlechtergerechtigkeit betreffen. Damit rückt die Frage in den Vordergrund, wie extrem rechte Parteien für junge Frauen glaubwürdig vermitteln können, dass ihre Programmatik mit deren Interessen vereinbar ist. Hier erfüllen Gruppierungen wie Lukreta eine doppelte Funktion: Wie im Folgenden gezeigt wird, fungiert sie einerseits als Nachwuchsförderung für Frauen (als Steigerung formaler Repräsentation). Vor allem aber agiert Lukreta so, dass die inhaltliche Repräsentation gestärkt wird. Rechtsextreme Politik wird als im Interesse von Frauen liegend vermittelt. Nicht nur fungieren die im Namen Lukretas auftretenden Frauen als glaubwürdige Legitimationsfiguren rassistischer Abschiebepolitiken. Vielmehr wird durch die so hergestellte Nähe politischer Ziele zu den (vermeintlichen) Interessen von Frauen nach innen genau jene Repräsentation erzeugt, die tatsächliche Veränderungen im Wahlverhalten und eine nachhaltige Bindung von Wählerinnen verspricht.
Wahlverwandtschaft: Lukreta als Bindeglied zwischen Partei, Vorfeld und transnationaler Vernetzung
„Vorfeld, Partei und Fraktion – wir arbeiten Hand in Hand für ein besseres Deutschland und ein neues Europa.“
Mit diesem Satz schloss der Instagram-Kanal der AfD-Delegation im EU-Parlament am 17. Dezember 2025 einen Post über den Besuch der rechten Frauengruppe Lukreta (AfD 2025). Was hier wie eine lockere Begegnung klingt, hat System. Der Besuch verweist auf eine enge und zunehmend institutionalisierte Verzahnung zwischen parteiförmigen Strukturen und vorfeldnahen Frauengruppen. Lukreta fungiert dabei als infrastrukturelles Scharnier, das parteipolitische, vorfeldnahe und transnationale Ebenen der extremen Rechten miteinander verbindet. Wie eng die Verzahnung zwischen Lukreta und der AfD tatsächlich ist, zeigt ein explorativer Blick auf drei bekannte Mitglieder: Die selbsterklärte „AfD- und Lukreta-Süßmaus“ (Gehrckens 2026) Julia Gehrckens wurde Ende November 2025 überraschend in den Vorstand der neu gegründeten Jugendorganisation der AfD „Generation Deutschland“ gewählt. Auf ihrem Instagram-Account plädiert sie für „millionenfache Remigration“ und wirbt neben ländlich-ästhetisierten Lukreta-Gruppenfotos gezielt für einen Eintritt in die neue Jugendorganisation der AfD (Gehrckens 2025). Gehrckens illustriert damit exemplarisch, wie Lukreta als Rekrutierungsfeld für weiblichen Nachwuchskader für parteiförmige Strukturen fungiert.
Eine weitere zentrale Figur ist die rechtskräftig wegen Volksverhetzung verurteilte Marie-Thérèse Kaiser (Zuschlag 2024). Kaiser ist seit mehreren Jahren AfD-Abgeordnete im Kreistag Rotenburg (Wümme) und arbeitet seit 2024 hauptberuflich für die AfD-Fraktionsvorsitzende Alice Weidel (Kaiser 2026). Parallel dazu moderiert sie den Podcast „Wir klären das!“ des rassistischen und zum Vorfeld zählenden Kampagnenprojektes „Ein Prozent“ (Wurmstädt 2021). „Ein Prozent“ versteht sich als „professionelle Widerstandsplattform für deutsche Interessen“ und „Motor der Gegenkultur“4 und verbindet, finanziert und organisiert Projekte und Akteur*innen der extremen Rechten. Es steht sinnbildlich für die enge Zusammenarbeit zwischen „neu“-rechtem Umfeld, etwa der IB, rechtsextremen Medien wie Compact und parteiförmigen Strukturen wie der AfD, die dieses maßgeblich tragen (Mobit 2018). Trotz Unvereinbarkeitsbeschlusses der AfD mit der IB trägt Kaiser so zur personellen und inhaltlichen Verstetigung neurechter Netzwerke bei und fungiert als Knotenpunkt zwischen Vorfeld, Partei und rechter Medienlandschaft.
Als Aushängeschild der Gruppe gilt Lukreta-Gründerin Reinhild Boßdorf, die sich selbst als in „dritter Generation rechts“ (Boßdorf 2024) beschreibt. Ihre familiären Verflechtungen – etwa zu ihrer Mutter Irmhild Boßdorf als AfD-Europaabgeordneter – verbinden sich mit einer parteipolitischen Tätigkeit auf europäischer Ebene (Jungbluth 2026). In Abbildung 1 sind die zahlreichen parteipolitischen und vorfeldbezogenen Vernetzungen dargestellt. In ihrer Person bündeln sich rechter Familialismus (die ideologische Überhöhung der Kernfamilie), vorfeldnaher Aktivismus und parteiförmige Einbindung.

Abbildung 1: Vernetzung ausgewählter Akteurinnen in Partei- und Vorfeldstrukturen
Verstärkend wirkt die mediale Präsenz: Als Autorin für rechte Medien tritt Boßdorf regelmäßig in Podcasts und diversen (Online-)Formaten auf und vermittelt so zwischen unterschiedlichen Öffentlichkeiten (Boßdorf 2021; Sedlmayr 2025).
Die hier genannten Frauen sind innerhalb von Lukreta keine Einzelfälle5. Sie stehen exemplarisch für eine neue Generation weiblicher Akteurinnen, die gezielt zwischen parteipolitischen und vorfeldnahem Kontexten pendeln und diese miteinander verschränken. Die Vermittlungsfunktion zwischen Partei und Vorfeld wird durch eine ausgeprägte und vielfältige organisatorische Infrastruktur ergänzt. Neben kontinuierlichem Online-Content und lokalen Aktionen veranstaltet Lukreta regelmäßig sogenannte „Meet-ups“ in verschiedenen deutschen und österreichischen Städten. Besonders relevant sind Veranstaltungen, die seit 2022 maßgeblich von Irmhild und Reinhild Boßdorf organisiert werden.
Charakteristisch für jene Formate ist ein enges Nebeneinander von Parteiaktiven und Vorfeldakteur*innen (Ayyadi 2024; Hansen 2022; MBR Köln 2024); zugleich war und ist diese Infrastruktur von Beginn an international ausgerichtet und bildet den zentralen Übergang zwischen Partei-Vorfeld-Verzahnung und transnationaler Vernetzung. Für letztere dienen vor allem Veranstaltungen im Umfeld des Europäischen Parlaments als dauerhafte Plattform (INFO-Direkt 2023; Fachstelle Gender, GMF und Rechtsextremismus 2022). Der seit mehreren Jahren stattfindende „internationale Frauenkongress“6 der Fraktion Europa der Souveränen Nationen (ESN) stellt hierfür ein zentrales Beispiel dar (vgl. u. a. Lukreta & WSI 2025). Er fungiert als ein institutionalisierter Bezugspunkt, an dem parteiförmige Akteur*innen und internationale Frauengruppen des extrem rechten Vorfelds systematisch zusammengeführt werden. Dass diese Formate auch nach dem Ausschluss der AfD aus der früheren Identität und Demokratie (ID)-Fraktion (Tagesschau 2024) in ähnlicher Weise fortgeführt werden, verweist auf die Verstetigung der transnationalen Netzwerke, die nicht nur symbolisch rechte Frauen sichtbar machen, sondern auch über einzelne Personen hinaus Bestand haben. Die Anschlussfähigkeit femonationalistischer Gruppen wie Lukreta zeigt sich besonders deutlich in der Vernetzung mit ideologisch verwandten Frauengruppen. Sie verstehen sich selbst als Teil einer „europäischen Schwesternschaft“, zu der neben den diversen Gruppen von Collectif Némésis auch das WSI zählt (Collectif Némésis 2026). Die Selbstbeschreibung als „Schwesternschaft“ rahmt die Kooperation als solidarisches, grenzübergreifendes Projekt und verdeckt dabei die exklusionsorientierte und rassifizierende Agenda. Durch gegenseitige Bezüge, gemeinsame Kampagnen oder Auftritte auf internationalen Veranstaltungen, wie etwa dem „5. Internationalen Frauenkongress“ im Sommer 2025, erhöht sich nicht nur die Sichtbarkeit und Vernetzung unter den Gruppen. Vielmehr können Narrative, Aktionsformen und Selbstbilder synchronisiert und über nationale Grenzen verbreitet werden (vgl. Cofflet 2025; Lukreta & WSI 2025; WSI & Lukreta 2025).
Über diese institutionalisierten Räume hinaus wirken soziale Medien als Katalysator, da sich die – teilweise enorme – Reichweite auf sozialen Medien politisch kapitalisieren lässt. So folgen beispielsweise allein Cordier 201 000 Personen auf Instagram (Stand: Januar 2026). Die steigenden Zahlen an Follower*innen von Lukreta weisen darauf hin, dass auch diese Reichweite strategisch ausgebaut werden kann. Noch im Januar 2025 beschrieb Reinhild Boßdorf Lukreta öffentlich als eine Art Vorfeldstruktur, die jungen Frauen politische Aktivität ermögliche – gerade jenen, die nicht primär in Parteiorganisationen wie die AfD oder ihre Jugendverbände eintreten wollen (Westpol 2025).
Zentrale Vertreterinnen der anderen genannten Gruppen sind ihrerseits ähnlich in etablierte rechtslibertäre, rechtskonservative oder extrem rechte Netzwerke eingebunden. So schreibt die Gründerin der WSI Jess Gill u. a. für das Mises Institute, einen einflussreichen rechten und paläolibertären7 Thinktank, und unterstützt öffentlich die rechtsextreme Partei Reform UK (Gill 2024). Alice Cordier wiederum ist mit dem Institut de Formation Politique (IFP) verbunden, deren Ziel es ist, die französische (extreme) Rechte von den Republikanern bis zum Rassemblement National (RN) und La Manif pour tous zu vereinen.
Fazit: She’s just a girl’s girl?
Der Beitrag zeigt, dass rechtsextreme Frauengruppen wie Lukreta, Collectif Némésis oder die Women’s Safety Initiative an der Schnittstelle zwischen Parteistrukturen und Vorfeld operieren und dabei gezielt feministische Narrative für ihre Zwecke instrumentalisieren und reaktionär wenden. Unter Rückgriff auf das Konzept des Femonationalismus lässt sich diese Praxis als systematische Aneignung und Umkodierung feministischer Diskurse beschreiben, die der Legitimation rassistischer, exkludierender, kulturalisierender und antigenderistischer Positionen dient – und damit unvereinbar mit der Gleichstellungsorientierung feministischer Anliegen sind. Unter dem Label eines vermeintlichen Schutzes ‚der Frau‘ wird so eine hohe Anschlussfähigkeit über das extrem rechte Spektrum hinaus entfaltet. Vor allem Antigenderismus fungiert dabei als gesellschaftliche Klammer, die bis weit in die Gesellschaft hineinwirkt und durch die gemeinsame Ablehnung geschlechtlicher und sexueller Vielfalt verbindet. Damit geht eine Rezentrierung einer weißen, kulturell christlich codierten cis-Weiblichkeit einher.
Darüber hinaus wird deutlich, dass es sich bei den betrachteten Gruppierungen nicht um rein nationale Phänomene handelt, sondern um transnational vernetzte Akteur*innen. Über Social-Media-Reichweiten, ästhetisierte Inszenierungen „wehrhafter Weiblichkeit“ und den Bezug auf ähnliche Narrative – insbesondere ethnopluralistisch aufgeladener Frauenschutz und „Remigration“ – erfolgt eine Synchronisierung von Diskursen, Aktionsformen und Selbstbildern auf supranationaler Ebene. Die vorliegende Darstellung zeigt außerdem, dass dies keine spontane Entwicklung ist, sondern eine langfristig geplante und aufgebaute Agenda darstellt. Aus dieser Perspektive erscheint Femonationalismus nicht nur als analytische Kategorie zur Beschreibung ideologischer Verschränkungen, sondern als praktisch wirksame Mobilisierungs- und Organisationsressource, die parlamentarische und außerparlamentarische Akteur*innen länderübergreifend verbindet.
Schließlich verdeutlicht die Analyse die strategische Bedeutung solcher Akteurinnen im Kontext des sich vertiefenden „Youth Gender Voting Gap“: Während extrem rechte Parteien anhaltend Schwierigkeiten haben, junge Frauen zu erreichen, können Gruppierungen wie Lukreta durch ihre Inszenierung als parteipolitisch unabhängige und primär an Sachpolitik – wie in diesem Fall Frauenschutz – orientierte Initiativen als Einstiegsangebot für die extreme Rechte agieren. Dabei ist neben der weiblichen Nachwuchsförderung für Parteistrukturen vor allem die Wahllegitimierung und Wählerinnenbindung für das bislang stark unausgeschöpfte Wahlpotenzial rechtsextremer Parteien bei jungen Frauen von zentraler Bedeutung. Femonationalismus als transnationales und anschlussfähiges Mobilisierungsphänomen beeinflusst so nicht nur Geschlechterbilder, sondern auch politische Allianzen nachhaltig.
1 Der Begriff „Neue Rechte“ ist weniger als klar abgrenzbare Akteurs- oder Ideologiekategorie zu verstehen denn als diskursives Phänomen der Eigen- und Fremdzuschreibung. Einerseits fungiert er als affirmative Selbstbezeichnung extrem rechter Akteur*innen, die sich darüber gezielt vom historischen Nationalsozialismus und parteiförmigen Rechtsextremismus abzugrenzen suchen. Diese Selbstzuschreibung dient der intellektuellen Aufwertung, der Verschiebung diskursiver Grenzen im vorpolitischen Raum sowie der Herstellung kultureller Hegemonie im Sinne einer metapolitischen Strategie. Andererseits ist der Begriff Gegenstand kritischer Fremdzuschreibungen in der Forschung, die insbesondere auf ideologische Kontinuitäten, strategische Mimikry und die Funktion der behaupteten „Neuheit“ als Distinktions- und Legitimationsressource verweisen. Entsprechend wird die „Neue Rechte“ in wissenschaftlichen Debatten teils als Teil des Rechtsextremismus, teils als vermittelnde Strömung zwischen Rechtsextremismus und konservativem Denken oder als Fortsetzung älterer rechter Traditionslinien eingeordnet – Deutungen, die von neurechten Akteur*innen selbst ausdrücklich zurückgewiesen werden, zugunsten einer Betonung innerrechter Pluralität (vgl. Schilk 2024, 131; Jäger und Freund-Möller 2024, 347).
2 Laut eigenen Aussagen ist die WSI „non-partisan“ und sieht sich keiner politischen Partei zugehörig (siehe hierzu auch: womensafety.uk/faq/).
3 Der Begriff „Antigenderismus“ (vgl. Hark und Villa 2015; Strube et al. 2020) wird aufgrund der Reproduktion des extrem rechten Kampfbegriffs „Genderismus“ von Anfang an problematisiert (Hark und Villa 2015, 8), aber vor allem aufgrund der präzisierenden Abgrenzung zu dem breiter gefassten Begriff „Antifeminismus“ genutzt.
4 Vgl. hierzu www.einprozent.de.
5 Weitere Beispiele sind Anna Leisten, Mary Khan-Hohloch oder Isabelle Cofflet.
6 In den Vorjahren liefen Anmeldungen und Organisation solcher Veranstaltungen über den AfD-Abgeordneten Maximilian Krah (Lukreta 2024), dessen SS-verharmlosende Aussagen sowie die Spionageaffäre um einen Mitarbeiter 2024 zum Ausschluss der AfD-Abgeordneten aus der Fraktion Identität und Demokratie (ID) führte (Tagesschau 2024).
7 Mit „paläolibertär“ werden Strömungen bezeichnet, die im Bereich der Wirtschaft und Politik ultralibertäre bis anarchokapitalistische Positionen vertreten und diese mit kulturkonservativen bis (extrem) rechten Ansichten kombinieren.
Matthias Meyer, M. A., studierte Soziologie, Philosophie und Gesellschaftstheorie in Hamburg und Jena, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am IDZ Jena und forscht im Wissensnetzwerk Rechtsextremismusforschung (Wi-REX). Forschungsschwerpunkte: Rechtsextremismus und dessen Intersektionen mit gesellschaftlichen Geschlechterverhältnissen, „Neue“ Rechte, Wissenschafts-Praxis-Transfer
Lydia Weiler studiert Soziologie im Master an der Universität Jena und war von 2024 bis 2026 studentische Mitarbeiterin im Wissensnetzwerk Rechtsextremismusforschung (Wi-REX). Forschungsschwerpunkte: extreme Rechte und ihr Verhältnis zu Arbeitswelt, sozialer Frage und Gewerkschaften
Cynthia Möller, Dr. phil., ist Co-Bereichsleiterin des Forschungsbereichs Diversität und Engagement am IDZ Jena sowie Projektleiterin des Wissensnetzwerks Rechtsextremismus (Wi-REX) Standort Jena. Forschungsschwerpunkte: historischer und gegenwärtiger Rechtsextremismus, Analyse kollektiver und individueller (Geschlechter-)Identitäten und deren Bedeutung für die Entstehung rechter Ideologien
Quellenverzeichnis
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