Facetten des Femonationalismus in der europäischen extremen Rechten: Alice Weidel im Vergleich mit Marine Le Pen und Giorgia Meloni

Die extreme Rechte gilt als patriarchal und antifeministisch. Gleichsam stehen nicht nur in Deutschland, sondern auch international immer mehr Frauen an der Spitze starker extrem rechter und rechtspopulistischer Parteien. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob und inwiefern sich weibliche Führungsfiguren für die Stärkung von Frauenrechten und gegen parteipolitischen Antifeminismus einsetzen. Dieser Beitrag widmet sich der Fragestellung aus kritischer Perspektive, indem er insbesondere das Phänomen des „Femonationalismus“ (die Vereinnahmung von feministischen Themen als Teil einer rassistischen Politik) beleuchtet. Zu diesem Zweck vergleicht und kontrastiert er die Diskursstrategien dreier weiblicher Führungsfiguren des europäischen parteipolitischen Rechtsextremismus: Alice Weidel, Giorgia Meloni und Marine Le Pen.

Empfohlene Zitierung:

Volk, Sabine (2026). Facetten des Femonationalismus in der europäischen extremen Rechten: Alice Weidel im Vergleich mit Marine Le Pen und Giorgia Meloni. In: Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (Hg.). Wissen schafft Demokratie. Schwerpunkt Demokratie und Geschlecht, Band 19. Jena, 136–147.

Schlagwörter:

Antifeminismus, extreme Rechte, Europa, Femonationalismus, Frauen, Parteipolitik

 

Einleitung

Die extreme Rechte gilt aufgrund ihrer maskulinistischen Prägung als sexistisch und misogyn – alles in allem als antifeministischer Akteur (Lang und Fritzsche 2018; Sauer 2024). Antifeminismus kann hier als eine Ideologie der Ungleichheit, also als eine rechte bis rechtsextreme Weltanschauung, verstanden werden, die sich gegen die Gleichstellung der Geschlechter und feministische Emanzipationsbewegungen sowie für patriarchale und heteronormative Gesellschaftsmodelle einsetzt (Fetz 2024). Entgegen einer oftmals unzulänglichen medialen Darstellung und öffentlichen Wahrnehmung ist der Antifeminismus ein fest etabliertes ideologisches Standbein der extremen Rechten (Blum 2025). Gleichsam stehen nicht nur in Deutschland, wo Alice Weidel seit 2017 eine zentrale Führungsfigur in der AfD ist, sondern auch international immer mehr Frauen an der Spitze starker extrem rechter und rechtspopulistischer Parteien: In Italien hat Giorgia Meloni die postfaschistische Partei Fratelli d’Italia (FdI) an die Macht gebracht; in Frankreich erlangte Marine Le Pen mit ihrem Rassemblement National (RN) mehrmals fast die Präsidentschaft. Dänemark hatte schon ab 1995 vorgelegt mit der Rechtspopulistin Pia Kjærsgaard, die zeitweise sogar als Parlamentspräsidentin fungierte (Meret 2015). In Finnland ist die extrem rechte Riikka Purra momentan stellvertretende Ministerpräsidentin. Die Liste ließe sich fortsetzen, denn „Frauen [sind] selbstverständlicher Teil extrem rechter Szenen und übernehmen heute häufiger denn je Führungsaufgaben“ (Lang 2025, 48 f.). 

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob und inwiefern sich weibliche Führungsfiguren extrem rechter Parteien für die Stärkung von Frauenrechten und gegen parteipolitischen Antifeminismus einsetzen. Immerhin haben sie selbst zumeist von feministischen Errungenschaften und Gleichstellungsinitiativen profitiert. Dieser Beitrag widmet sich dieser Fragestellung aus kritischer Perspektive, indem er insbesondere die Vereinnahmung von feministischen Themen, etwa die Geschlechtergleichstellung, durch die extreme Rechte beleuchtet. Dieses Phänomen wird in der internationalen Forschungslandschaft als „Femonationalismus“ (Farris 2017) bezeichnet, d. h. der rassistisch-motivierte Appell an Frauenrechte und die Ethnisierung von Sexismus und patriarchaler Gewalt durch zumeist rechte politische Akteur*innen.

Die femonationalistische Diskursstrategie hat sich teils auch in der AfD verfangen. Beispiele hierfür sind etwa die rassistische Posterkampagne zur Bundestagswahl 2017, als die Partei mit „Burkas? Wir steh’n auf Bikinis“ warb, oder die Betonung des „Frauenschutzes“ als Argument gegen die Ausweitung der Rechte von trans Frauen. Zugleich fällt die AfD, allen voran ihre profilierten (männlichen) Figuren wie Björn Höcke („Deutschland muss wieder mannhaft werden!“) und Maximilian Krah („Feministinnen sind alle hässlich und grässlich“), eher durch antifeministische Töne auf. Es scheint also ein gewisses Spannungsverhältnis zwischen antifeministischen und femonationalistischen Diskursstrategien in den offiziellen Parteipositionen und der öffentlichen Kommunikation zu bestehen.

Ausgehend von dieser Beobachtung nimmt sich der vorliegende Beitrag zum Ziel, das Phänomen des Femonationalismus in der gegenwärtigen extremen Rechten kritisch zu beleuchten. Zu diesem Zweck vergleicht und kontrastiert er die Diskursstrategien dreier weiblicher Führungsfiguren des europäischen parteipolitischen Rechtsextremismus: Alice Weidel, Giorgia Meloni und Marine Le Pen. Der vergleichende Ansatz ermöglicht es, verschiedene Facetten der Instrumentalisierung von feministischen Themen zu analysieren und abseits von nationalstaatlicher Tagespolitik einzuordnen. Die Analyse bezieht sich dabei auf verschiedene Quellen der Parteikommunikation, nämlich offizielle Parteiprogramme sowie die Kommunikation der drei Anführerinnen auf X/Twitter seit 2022.

Das Konzept „Femonationalismus“ und der Forschungsstand

Zunächst soll kurz das Konzept des Femonationalismus beleuchtet werden (siehe auch Beitrag von Matthias Meyer, Lydia Weiler & Cynthia Möller in diesem Band). Der Begriff wurde von der Soziologin Sara R. Farris (2017) geprägt und bezeichnet die mehr strategisch als inhaltlich-motivierte Nutzung feministischer Diskurse zur Legitimierung rassistischer und muslimfeindlicher Politik, insbesondere durch nationalistische und neoliberale Akteure. So beschreibt Farris das Phänomen des femonationalism als „die Instrumentalisierung feministischer Themen durch Nationalisten und Neoliberale in anti-islamischen (aber, wie ich zeigen werde, auch anti-immigrationsbezogenen) Kampagnen“ (Farris 2017, 4; eigene Übersetzung). Insbesondere zielen femonationalistische Diskurse darauf ab, „xenophobe und rassistische Politik durch das Anpreisen der Geschlechtergleichstellung voranzutreiben“ (ebd.). Der Begriff ist inspiriert von Jasbir Puars (2007) früherer Forschung zum Thema Homonationalismus, welche auf eine ähnlich gelagerte Instrumentalisierung von Homosexuellen-Rechten und -Interessen im Rahmen exkludierender Politik verweist.1

Den Kern von femo- und homonationalistischen Diskursen bildet eine Ethnisierung bzw. Rassifizierung von Sexismus, d. h. Sexismus, Misogynie sowie Queerfeindlichkeit werden ausschließlich als Probleme von muslimischen und nicht-weißen Männern dargestellt (Calderaro 2023; Scrinzi 2024). Damit wird eine fremdenfeindliche Politik als „Schutz“ der (implizit immer weißen und „einheimischen“) Frauen vor den „ausländischen“ Frauenhassern legitimiert. Auch auf internationaler Bühne spielt der Femonationalismus eine Rolle: Hier wird der „liberale Westen“ in orientalistischer Manier mit dem rückständigen, frauenverachtenden Rest der Welt als überlegen und daher weisungsbefugt dargestellt. Wahres Interesse an der Verbesserung der Lebensverhältnisse von Frauen im In- und Ausland steht allerdings meist nicht dahinter. Im Gegenteil: Femonationalistische Diskurse gehen, wie das Beispiel der AfD es anschaulich zeigt, Hand in Hand mit einer antifeministischen Politik, die reproduktive Rechte einschränken und die heteronormative Familie mit einem (männlichen) Alleinverdiener stärken will (Lang 2017; Volk 2025).

Das Konzept des Femonationalismus hat schnell Einzug in die europäische Rechtsextremismusforschung gefunden, insbesondere auch in Bezug auf Deutschland und die AfD. Etwa analysierten Viola Dombrowski und Katharina Hajek (2021) die rassistische Mobilisierung der AfD im Nachgang der sogenannten Kölner Silvesternacht 2015/16 durch die femonationalistische Linse. Nicole Doerr (2021) verwendete das Konzept, um die (selbst in höchstem Maße sexistische) Bildsprache der eingangs bereits angesprochenen AfD-Wahlkampagne im Jahr 2017 zu erklären. Kürzlich verglich Christian Niedling (2025) die femonationalistische Rhetorik in den Facebook-Auftritten von Alice Weidel und der finnischen Rechtspopulistin Riikka Purra. Nicht zuletzt spielt das Konzept mehrmals eine Rolle in einer vergleichenden Studie zu den Fällen Le Pen, Weidel und Meloni, die von Ursula Bitzegeio und Cécile Calla (2025) für die von der Friedrich-Ebert-Stiftung herausgegebenen Reihe zum „weiblichen Antlitz des Rechtspopulismus -extremismus in ausgewählten Ländern“ erstellt wurde. 

Facetten des Femonationalismus in der europäischen extremen Rechten

Vor dem Hintergrund der bestehenden wissenschaftlichen Literatur beleuchtet dieser Beitrag die inzwischen stärker ausdifferenzierten Facetten des Femonationalismus und setzt sie in den europäischen Vergleich. Die drei extrem rechten Führungsfiguren Le Pen, Meloni und Weidel können hierbei als „neuer Typus Frau der extremen Rechten“ verstanden werden, die „‚adrett‘, ‚gepflegt‘ und ‚klassisch‘, gleichzeitig aber ‚modern‘, mit Social-Media-geeignetem Make-up und ‚fernsehtauglich‘“ (Bitzegeio und Calla 2025, 6) auftreten. Die folgende Analyse basiert auf Sekundärliteratur zu den drei Politikerinnen und auf empirischem Anschauungsmaterial, das mithilfe des kostenlosen digitalen Werkzeugs Zeeschuimer für den Zeitraum von Anfang 2022 bis Ende 2025 von den jeweiligen X-Accounts der drei Politikerinnen erhoben wurde. Konkret wurden zunächst die Tweets von Le Pen, Meloni und Weidel mit dem Zeeschuimer-Werkzeug „gescrapt“ und dann mithilfe einer Stichwortsuche (u. a. Frau*, Feminis*, Geschlecht*, Gender*) diejenigen Tweets aus dem Datensatz ausgewählt, die sich mit „Frauenthemen“ von Feminismus und Gleichstellung bis hin zu Schutz von Frauen vor patriarchaler Gewalt beschäftigten. Diese Tweets wurden diskursanalytisch ausgewertet im Hinblick auf die Instrumentalisierung von feministischen Themen und Diskursen. 

Basierend auf der Auswertung von X-Beiträgen der drei extrem rechten Führungsfiguren kann klar festgestellt werden: Marine Le Pen, Giorgia Meloni und Alice Weidel bedienen sich alle drei femonationalistischer Diskurse, d. h. sie vereinnahmen feministische Themen und Frauenrechte für eine rassistische, muslimfeindliche und nationalistische Agenda. Jedoch verweist die vergleichende Analyse auch auf gewichtige Unterschiede. Die folgende Analyse identifiziert daher drei verschiedene Typen von Femonationalismus. 

Marine Le Pens rassistischer Femonationalismus 

Der RN oder „Nationale Sammelbewegung“, die Nachfolgepartei des Front National (FN), ist die größte extrem rechte Partei Frankreichs und eine der wichtigsten Akteure im Rechtsaußen-Spektrum Europas. Marine Le Pen führte die Partei von 2011 bis 2021 offiziell an und ist seitdem die inoffizielle Chefin. Sie übernahm die Partei von ihrem Vater, dem rechtsextremen und antisemitischen Jean-Marie Le Pen. Seitdem etablierte sie die Partei als feste Größe in der französischen Politik und versuchte, die traditionelle Randposition der extremen Rechten zu überwinden, u. a. durch die Umbenennung der Partei und einen nach außen hin moderateren Auftritt. Tatsächlich war sie sowohl 2017 als auch 2022 die Hauptkonkurrentin des französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macrons für das Präsidentenamt.

Marine Le Pen bedient sich auf X besonders prominent einer femonationalistischen Rhetorik. Ihre Vereinnahmung von feministischen Diskursen rund um die Gleichberechtigung der Geschlechter kann als „klassischer“, also rassistisch ausgerichteter Femonationalismus (Farris 2017) bezeichnet werden, denn sie legt den Fokus auf den Schutz von einheimischen Frauen vor vermeintlich muslimischen Gewalttätern und allgemeiner männlichen Muslimen. Sie postet regelmäßig zu den Themen Frauenrechte und Frauenschutz im Kontext von Migration und Islam: So reduziert Le Pen patriarchale Gewalt gegen Frauen auf Muslime und Einwanderer und setzt oftmals Muslime mit islamistischen Fundamentalisten gleich. Beispielsweise schrieb Le Pen am 8. März 2024, dem Internationalen Frauentag, in einem Tweet in femonationalistischem Ton: „Heute […] wird uns bewusst, dass die Frauenrechte, von denen wir glaubten, sie seien für immer errungen, täglich infrage gestellt werden. Angesichts des Vormarsches des Multikulturalismus, der die Freiheiten der Frauen bedroht, müssen wir unsere zivilisatorischen Werte überall und für alle erneut durchsetzen.“ Im Einklang mit etablierten rechtsextremen Diskursen (z. B. Häusler 2002) nutzt Le Pen den Begriff des Multikulturalismus hier als Chiffre für die vermeintliche Ideologie der Einwanderungspolitik der französischen und europäischen Eliten. Oftmals äußert sie sich zudem stark islamkritisch, spricht etwa über „barbarische Bräuche, die ausgerottet werden müssen“ (Tweet vom 06.02.2024). Nicht zuletzt scheint sie den Islam und islamische Kultur im Allgemeinen im Hinblick auf die Gleichberechtigung kurzerhand mit dem islamistischen Fundamentalismus gleichzusetzen (z. B. Tweet vom 20.10.2023).

Le Pens Appell an Frauenrechte im Rahmen ihrer rassistischen Politik ist eine Ausprägung ihrer sogenannten „Entdämonisierungsstrategie“ (franz. dédiabolisation) (Lorimer et al. 2025). Gleichsam steht ihre Projektion von Sexismus und Misogynie auf nicht-europäische Kulturen in einem Spannungsverhältnis zu den Positionen des RN in Bezug auf Geschlechterrollen und die Gleichstellung. Tatsächlich fokussiert sich die Partei oftmals in pronatalistischer Manier auf die Steigerung der Geburtenrate – und eben nicht auf die Gleichstellung von Frauen. Im Wahlprogramm zur Präsidentschaftswahl 2022 fordert der RN etwa, „französische Familien zu ermutigen, mehr Kinder zu bekommen“2. Im Vergleich zur deutschen AfD geht der RN hier allerdings moderater vor; etwa setzt er sich nicht für die strengere Regulierung des Abtreibungsrechts ein und fordert auch nicht die Abschaffung von Gleichstellungsbeauftragten. 

Alice Weidels Verschränkung von rassistischem und transfeindlichem Femonationalismus

Die deutsche AfD unterscheidet sich stark von dem oftmals als französisches Pendant bezeichneten RN. Die AfD ist in den letzten Jahren nicht von (Versuchen der) Mäßigung, sondern von einer inhaltlichen und rhetorischen Radikalisierung geprägt gewesen (Weisskircher 2024) – auch und gerade in Bezug auf die Geschlechter- und Gleichstellungspolitik (Volk 2025). Seit 2022 schon erfolgt diese Radikalisierung unter der Führung von Alice Weidel, die im Widerspruch zu den verbrieften Parteipositionen zu Homo-Ehe und Adoptionsrecht in einer lesbischen Beziehung zwei Kinder großzieht. Nachdem Weidel lange Zeit dem angeblich gemäßigten Flügel der AfD zugehörig zu sein schien, signalisierte spätestens ihre Übernahme des rassistischen Remigrations-Diskurses in den Jahren 2024/25 ihr Bekenntnis zur rechtsextremen Ideologie ihrer Partei.

Auch Alice Weidel benutzt in ihrer politischen Kommunikation auf X femonationalistische Diskurse, die Sexismus und Misogynie ausschließlich als Merkmal muslimischer Männer und nicht-europäischer Kulturen darstellen. Beispielsweise schrieb sie in Bezug auf die BILD-Berichterstattung zu einem sexuellen Übergriff in einem Kölner Schwimmbad: „Deutsche Frauen und Mädchen gelten inzwischen als Freiwild für enthemmte Männerhorden. Eine Bundesregierung, die vollständig darauf verzichtet, Kontrolle auszuüben und unter deren ‚Führung‘ solche Taten praktisch folgenlos bleiben, macht diese ekelhaften Zustände erst möglich.“ (Tweet vom 18.09.2023) Hier wie auch anderswo verbindet Weidel ihre nationalistische und rassistische Rhetorik mit einem antielitären Populismus – ein diskursives Merkmal, das typisch für die gegenwärtige extreme Rechte in Europa ist. Anders als bei Le Pen finden wir bei Weidel allerdings nicht nur den klassisch rassistischen, sondern auch einen neuartigen queer- bzw. transfeindlichen Femonationalismus. Ähnlich ungehemmt wie im vorigen Tweet kommentierte Weidel die Reformpläne der Ampel-Koalition für den Geschlechtseintrag: „Das Selbstbestimmungsgesetz hebelt nicht nur das Grundgesetz aus, sondern auch Intimsphäre und geschützte Bereiche von Frauen: Demnächst werden sich Männer in Frauengefängnisse, Umkleiden, Saunen und Frauenhäuser klagen können.“ (Tweet vom 23.08.2023) Stellenweise verknüpfte Weidel auch den transfeindlichen Femonationalismus mit der rassistischen Variante, etwa in Bezug auf einen NIUS-Artikel zur Entscheidung der Berliner CDU, transgeschlechtliche Asylbewerber*innen nicht abzuschieben. So ätzte sie im Dezember 2023: „Wer sich als Asylbewerber in Berlin für eine Frau hält, der darf nicht abgeschoben werden. Verantwortlich dafür: Die CDU. Das ist Leitkultur a la Merz“ (Tweet vom 22.12.2023)

Ähnlich wie bei Le Pen und dem RN steht bei Weidel und der AfD die femonationalistische Rhetorik auf X in einem Spannungsverhältnis zu den offiziellen Parteipositionen im Bereich Geschlechterpolitik und Frauenrechte. Seit 2014 sind die AfD-Wahlprogramme durch antifeministische Inhalte geprägt; so betonen sie eine „traditionelle“, also heteronormative Familienpolitik, die auf höhere Geburtenraten unter (ethnisch deutschen) Frauen abzielt (Volk 2025). Im Wahlprogramm für die Europawahl 2024 hebt die Partei ihre Unterstützung für Menschen hervor, die „traditionelle Geschlechterrollen leben“3 – und eben nicht für Frauen, die etwa im Arbeitsleben gerecht bezahlt werden oder über ihren Körper selbstbestimmt verfügen wollen. Hier zeigen sich auch bedeutende Unterschiede zu den französischen und italienischen Rechtsaußen-Akteur*innen: Die reaktionäre Position der AfD in Bezug auf die reproduktiven Rechte von Frauen wäre für Le Pens RN undenkbar, steht das Recht auf Abtreibung doch sogar in der französischen Verfassung und wird von einer breiten gesellschaftlichen und politischen Mehrheit gestützt. Zudem unterscheidet sich die traditionalistische Haltung der AfD in der Familienpolitik, die Frauen in erster Linie als Mütter versteht, stark von Melonis feministischer Forderung nach Lohngleichheit für Frauen, wie der nächste Abschnitt zeigen wird. 

Giorgia Melonis pseudo-emanzipatorischer Femonationalismus

Die FdI oder „Brüder Italiens“ ist eine der größten und erfolgreichsten extrem rechten Parteien Italiens. Sie entstand 2012 aus der postfaschistischen Alleanza Nazionale. Giorgia Meloni, die schon seit ihrer Jugend in rechtsextremen Gruppierungen wie etwa dem Movimento Sociale Italiano aktiv war, ist Mitbegründerin und seither die einzige Vorsitzende der FdI. Unter ihr kam die Partei 2022 erstmals in die Regierungsverantwortung und Meloni wurde Italiens erste weibliche Regierungschefin. Seither hat sie die italienische Politik im Vergleich zu den häufigen Regierungswechseln und Neuwahlen der jüngeren Vergangenheit stabilisiert. Auf der internationalen Bühne wirkt sie unerwartet gemäßigt, insbesondere aufgrund ihrer Unterstützung der Ukraine im russischen Angriffskrieg (Ruzza und Loner 2025). Innenpolitisch verfolgt sie jedoch eine reaktionäre Agenda, wie gerade auch ihre Geschlechterpolitik zeigt. 

Auch Giorgia Meloni, die mit der Aussage „Ich bin Giorgia, ich bin eine Frau, ich bin eine Mutter, ich bin Italienerin, ich bin Christin und niemand wird mir das nehmen“ auf einer Großkundgebung im Jahr 2019 viral gegangen war, setzt auf X auf eine femonationalistische Kommunikationsstrategie. Lasio et al. (2026, 2) bezeichnen sie auf Grundlage der Auswertung zahlreicher Beiträge in den sozialen Medien sowie einer Auswahl ihrer politischen Reden seit 2015 sogar als „paradigmatisches Beispiel“ für Femonationalismus. Im Vergleich zu Marine Le Pen und Alice Weidel wirkt der Femonationalismus Melonis auf X in ihrer Amtszeit als italienische Regierungschefin allerdings positiver besetzt, weniger aggressiv und ansatzweise sogar emanzipatorisch. Tatsächlich setzt Meloni stärker auf die Zelebrierung (nationaler) Frauen als auf die Abwertung von Muslimen oder trans Frauen. Beispielswiese widmet Meloni immer wieder Tweets dem Gedenken an bedeutende (italienische) Frauen, etwa der damals kürzlich verstorbenen linken Schriftstellerin und Aktivisten Michela Murgia (Tweet vom 11.08.2023). Auch ist ihr Tonfall feministisch, wenn sie am internationalen Weltfrauentag auf X schreibt: „Es lebe die Freiheit, die Stärke und der Mut der Frauen! Sie kämpfen für ihre Träume. Sie entscheiden sich trotz aller Schwierigkeiten für die Mutterschaft und geben alles, um Beruf und Familie zu vereinbaren. Es lebe die Unabhängigkeit und die Würde der Frauen! Wir brauchen keinen Jahrestag, um stolz auf uns zu sein.“ (Tweet vom 08.03.2022) Dieser Tweet steht beispielhaft für Melonis Kombination aus feministischem Tonfall und antifeministischer Ideologie: Frauen sollten in erster Linie aufgrund von Mutterschaft stolz sein. 

Melonis Anleihen an feministische Rhetorik und Inhalte sind teils im Einklang mit den offiziellen Parteipositionen, von denen einige sich stark von AfD-Positionen unterscheiden. Das FdI-Wahlprogramm für die Europawahl 2024 fordert etwa explizit die Chancengleichheit von Frauen und listet Maßnahmen für deren wirtschaftliche Emanzipation und die Verringerung des Lohngefälles (S. 17). Auch verlangt die Partei nach härteren Maßnahmen gegen geschlechtsspezifische Gewalt und die Anerkennung von Vergewaltigung „als ein Verbrechen, das auf fehlender Einwilligung beruht“4. Hier bedient sie sich eines femonationalistischen Arguments, nämlich wenn sie die Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen zwar nicht direkt mit muslimischen Männern in Verbindung bringt, dann aber doch subtiler auf „Kulturen“ verweist, die Frauen „ihrer Freiheit und Würde berauben“ (S. 17). Gleichsam geht auch Melonis Femonationalismus mit einem strukturellen Antifeminismus in der FdI einher. So verschreibt sich das Wahlprogramm 2024 offiziell einem differenzfeministischen Ansatz, nur um sogleich die sogenannte Gender-Theorie zu verurteilen: „Die Verteidigung der Rechte von Frauen basiert auf der Wertschätzung von Unterschieden: Aus diesem Grund werden wir weiterhin gegen Ideologien kämpfen, die Identitäten leugnen, wie beispielsweise die Gender-Theorie.“ (S. 17) Außerdem ist die FdI – genau wie AfD und RN – durch pronatalistische und familistische, d. h. auf die sogenannte traditionelle heteronormative Kleinfamilie ausgerichtete Positionen geprägt. Etwa propagiert das FdI-Wahlprogramm 2024 einen Anstieg der italienischen Geburtenrate (S. 17) und strebt die Verringerung der Abtreibungszahlen an (S. 8). 

Fazit 

Die vergleichende Analyse der extrem rechten Führungsfiguren Le Pen, Weidel und Meloni belegt ihren muslim- bzw. islamfeindlichen Femonationalismus, der bei allen dreien zu finden ist. Darüber hinaus zeigen sich weitere Facetten aktueller femonationalistischer Kommunikationsstrategien: So prägt Weidel zusätzlich einen aggressiven transfeindlichen Femonationalismus, während Meloni zumindest in ihrer Rhetorik teils das Thema Geschlechtergleichstellung bedient. Allen drei gemein ist zudem der strukturelle Antifeminismus ihrer jeweiligen Parteien, die sich die Steigerung der nationalen Geburtenrate und die Förderung „einheimischer“ Familien als oberstes Ziel in der Geschlechterpolitik gesetzt haben. 
Abschließend muss festgestellt werden, dass die lange Zeit zumindest unterbelichtete, wenn nicht von einigen Forschenden schlichtweg ignorierte Dimension von Geschlecht eine zunehmende Bedeutung im Feld annimmt: sowohl in der extremen Rechten, die die strategische Mobilisierung von Geschlechterthemen und Gender zunehmend in ihr Portfolio integriert, als auch in der Rechtsextremismusforschung. Der vorliegende Beitrag macht die Dimension Geschlecht doppelt sichtbar, nämlich zum einen auf der Akteursebene und zum anderen auf ideologischer bzw. diskursiver Ebene. Zukünftige Forschung zum Thema Femonationalismus und im Bereich der geschlechterreflektierenden Rechtsextremismusforschung im Allgemeinen sollte auch Fälle außerhalb Europas in den Blick nehmen: Japan beispielsweise hat eine erste weibliche Ministerpräsidentin, Sanae Tackaichi, die im Anschluss an ihre Wahl schnell bekräftigte, auf keinen Fall eine Feministin zu sein. Weibliche Führungsfiguren in der extremen Rechten können also auch Patriarchat.

 


1 Aus kritischer Perspektive muss an dieser Stelle angemerkt werden, dass das Hauptwort in beiden Wortneuschöpfungen, also „Nationalismus“, im Kontext der extremen Rechten nicht ideal gewählt ist. In der vergleichenden Rechtsextremismusforschung wären wohl Femonativismus bzw. Homonativismus passender: Das Konzept des Nativismus bezeichnet eine explizit xenophobe Form des Nationalismus und wird von dem viel rezipierten Autoren Cas Mudde (2019) als zentrales Ideologem der extremen Rechten genannt (neben Autoritarismus). Da in dem Umfang des vorliegenden Beitrags keine umfassende Begriffsdiskussion geleistet werden kann, hält er an dem etablierten Konzept des Femonationalismus vorerst fest.

2 Rassemblement National, Wahlprogramm für die Präsidentschaftswahl 2022, S. 28.

3 Alternative für Deutschland, Wahlprogramm für die Wahl zum Europaparlament am 9. Juni 2024, S. 46.

4 Fratelli d‘Italia, Wahlprogramm für die Wahl zum Europaparlament am 9. Juni 2024, S. 17.

 


Sabine Volk, Dr., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Rechtsextremismusforschung (IRex) der Universität Tübingen. Ihre Forschung konzentriert sich auf politische Akteur*innen und Ideologien in der extremen Rechten. Der vorliegende Beitrag ist im Rahmen einer Kooperation mit der italienischen Politikwissenschaftlerin Dr. Marianna Griffini von der Northeastern University London entstanden.


 

Literaturverzeichnis

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