„Bitch Hunt“ – misogyne Straflust im Dienst des Patriarchats

In unserem Interview, geführt von IDZ-Geschäftsführerin Anne Tahirovic, beleuchten wir die Dynamiken digitaler Hasskampagnen gegen prominente Frauen. Autorin und Publizistin Veronika Kracher zeigt an Beispielen von Chappell Roan und Amber Heard, wie Misogynie als „Bitch Hunt“ funktioniert: eine kollektive Straf- und Kontrollpraxis, die Frauen bestraft, die patriarchalen Normen widersprechen. Dabei wird deutlich, dass Misogynie ein strukturelles Phänomen ist, das durch Doppelstandards, die Verharmlosung männlicher Gewalt und die Verbreitung von Rape-Culture-Narrativen geprägt ist. Veronika Kracher plädiert für eine reflektierte und verantwortungsvolle Nutzung digitaler Räume und für die Verlagerung von Aktivismus in reale, kollektive Strukturen: Die Bekämpfung von Misogynie erfordert nicht nur Online-Counterspeech, sondern eine tiefgreifende gesellschaftliche Umgestaltung.

Empfohlene Zitierung:

Kracher, Veronika/ Tahirovic, Anne (2026). „Bitch Hunt“ – misogyne Straflust im Dienst des Patriarchats. In: Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (Hg.). Wissen schafft Demokratie. Schwerpunkt Demokratie und Geschlecht, Band 19. Jena, 176–187.

Schlagwörter:

Misogynie, patriarchale Gewalt, Hasskampagnen, Rape‑Culture, Antifeminismus

 

 

Anne Tahirovic

In deinem Ende Februar 2026 erschienenem Buch „Bitch Hunt. Warum wir es lieben, Frauen zu hassen“ analysierst du u. a. digitale Hasskampagnen gegen prominente Frauen. Kannst du ein aktuelles Beispiel schildern, an dem sich diese Dynamiken zeigen?

Veronika Kracher

Wir beobachten immer wieder, dass sich eine digitale Öffentlichkeit, die natürlich auch in den analogen Raum ausstrahlt, regelmäßig zusammenrottet, um kollektiv ihr misogynes Strafbedürfnis an einer als legitimes Feindbild markierten Frau auszulassen. Ein aktuelles Beispiel ist die lesbische Musikerin Chappell Roan. Ein brasilianischer Fußballspieler hat auf Instagram behauptet, Chappell Roan habe an einem Hotelbuffet ihren Security auf seine Tochter „gehetzt“, obwohl diese nur schauen wollte, ob es sich tatsächlich um die Musikerin handelt. Diese unbelegte Behauptung wurde im Netz sofort für bare Münze genommen, weiterverbreitet und mit brutaler Häme und Empörung kommentiert, etwa im Sinne von: „Ich wusste schon immer, dass Chappell Roan eine Bitch ist.“ Besonders faszinierend finde ich in solchen Fällen diese massiven Doppelstandards: auf der einen Seite angebliche Transgressionen der angegriffenen Frau, auf der anderen Seite der gesellschaftliche Umgang mit Männern, die Sexualstraftäter sind. Ich habe festgestellt: Im öffentlichen Diskurs ist es schlimmer, wenn eine Frau als unsympathisch gilt. Dafür darf sie kollektiv angegriffen, verurteilt, verhöhnt werden und dieser Hass wird regelmäßig zu Content verarbeitet. Gleichzeitig werden Männer wie Michael Jackson, der gerade wieder in einem Film rehabilitiert wird, Johnny Depp, der Frauen geschlagen hat, Kevin Spacey, dem mehrere Männer Gewalt vorwerfen, Till Lindemann, dem mehrere Frauen Gewalt vorwerfen, R. Kelly oder P. Diddy ganz anders behandelt. Ich nenne das „Bitch Hunt“: ein von misogynen Doppelstandards geprägtes, kollektiv durchexerziertes Strafbedürfnis gegenüber einer als Feindbild markierten, unbotmäßigen Frau, deren „Verbrechen“ darin besteht, patriarchalen Anforderungen an Weiblichkeit nicht entsprechen zu wollen.

Anne Tahirovic

Du sprichst in Deinem Buch häufig von einem „Wir“, wenn es um Misogynie geht. Warum ist es Dir wichtig, Misogynie als kollektives Problem zu fassen – und welche Rolle spielt dabei weibliche Misogynie?

Veronika Kracher

Mir geht es mit diesem Wir darum aufzuzeigen, dass Misogynie keine individuelle Entscheidung zum Frauenhass ist, sondern ein systematisches Problem. Ich würde da auf zwei Ebenen argumentieren. Erstens wachsen wir alle – auch Mädchen und Frauen – mit einer internalisierten Abwertung des Weiblichen auf, weil wir in einer Gesellschaft leben, in der Geschlechter hierarchisiert werden und alles, was nicht männlich konnotiert ist, gesellschaftlich als minderwertig gilt. Mädchen und Frauen werden im Patriarchat außerdem in ein Konkurrenzverhältnis zueinander erzogen; sie sehen sich gegenseitig als Konkurrentinnen um männliche Aufmerksamkeit, um Sichtbarkeit oder auch im Arbeitsverhältnis. Das ist natürlich zu verurteilen und muss durch feministische Solidarität ersetzt werden. Zweitens ist es mir ein Anliegen, auch weibliche Misogynie sichtbar zu machen – obwohl heterosexuelle cis Männer natürlich primär die Täter und Profiteure von Misogynie sind. Man hat sie in der Hasskampagne gegen die US-amerikanische Schauspielerin Amber Heard sehr deutlich gesehen. Deren Analyse nimmt einen großen Teil meines Buches ein und ich zeige auf, wie und warum hier Frauen zu Mittäterinnen patriarchaler Gewalt geworden sind.

Anne Tahirovic

Bevor wir noch einmal genauer auf die Hasskampagne gegen Amber Heard schauen, würde ich gern wissen: Was bedeutet Misogynie als „systematisches Problem“, was passiert da genau? 

Veronika Kracher

Ich arbeite viel mit dem Misogynie-Begriff der Philosophin Kate Manne. Sie beschreibt Misogynie als exekutiven Arm des Patriarchats, also als Kontroll‑ und Strafmechanismus gegenüber Frauen und generell weiblich gelesenen Personen, die sich patriarchalen Anforderungen an Weiblichkeit verweigern. Es handelt sich um etwas Systematisches, kollektiv Durchgeführtes, das Ausdruck eines allgemeinen Geschlechterverhältnisses ist. Dieses Geschlechterverhältnis ist totalitär und allumfassend.

Anne Tahirovic

Im Fall Collien Fernandes sehen wir einerseits breite Solidarität, andererseits sofort die alte Abwehrfigur: Sie wolle nur Aufmerksamkeit, ihre Geschichte sei zum Beispiel wegen eines angeblichen Karriereknicks nicht glaubwürdig. Ist diese Verschiebung vom Tatvorwurf zum reflexhaften Vorwurf, eine Frau erfinde oder instrumentalisiere Gewalt, ein Paradebeispiel für „Bitch Hunt“?

Veronika Kracher

Ja, definitiv. Ich bin der festen Überzeugung, dass, falls es zu einem Prozess zwischen Fernandes und Ulmen kommt, Ulmen und sein Anwaltsteam ziemlich genau das Playbook durchziehen werden, das Johnny Depp bei Amber Heard angewendet hat: sie zu diskreditieren, zu diffamieren, sie als unglaubwürdig darzustellen und tief in die Mottenkiste der Rape‑Culture‑Mythen zu greifen.

Anne Tahirovic

Wenn Frauen oder auch queere Personen online angegriffen werden: Worum geht es dabei aus deiner Sicht eigentlich?

Veronika Kracher

Wir haben da mehrere Aspekte. Es geht einmal darum, marginalisierte Personen zu bestrafen. Frauen und queere Personen werden ganz häufig angegriffen, wenn sie für Sichtbarkeit einstehen und es wagen, ihre eigenen Interessen zu vertreten. Deswegen folgt Misogynie immer auch als Strafe für diese Unbotmäßigkeit der Sichtbarkeit und dafür, dass sie sich nicht patriarchalen Anforderungen unterwerfen. Wir haben also zunächst diesen Strafaspekt: „Du hast dich zu weit aus dem Fenster gelehnt, und dafür erfährst du jetzt Sanktion“. Dann gibt es den Aspekt der Warnung: Wenn ich eine marginalisierte Person öffentlich angreife und diffamiere, hat das immer auch die Funktion, andere marginalisierte Personen davon abzuhalten, sich ebenfalls öffentlich zu äußern. Das ist Teil des systematischen Charakters. Die Strafe, gerade die öffentlich vollzogene Strafe, soll signalisieren: Lehn dich nicht zu weit aus dem Fenster, sonst passiert dir das Gleiche. Hinzu kommt auf der Täterseite, dass die Abwertung geschlechtsmarginalisierter Menschen eine narzisstische Überhöhung mit sich bringt. Ich kann mich als „echter Mann“ fühlen, indem ich Frauen und queere Personen erniedrige, weil sie eben keine Männer oder keine „richtigen“ Männer sind. Patriarchaler Gewalt wohnt fast immer ein kollektiver Bonding‑Moment inne. Das sehen wir in Social Media sehr deutlich. Ein drastisches Beispiel ist, dass Männer kollektiv KI‑Tools auf der Plattform X genutzt haben, um sexualisierte Deepfakes von Frauen und Mädchen zu erstellen. Dieses kollektive Zusammenschließen von Männern, um gemeinsam eine exponierte Frau anzugreifen und zu erniedrigen, bestätigt bzw. macht die eigene männliche Vorherrschaft erfahrbar, die gemeinsam am Feindbild exerziert wird.

Anne Tahirovic

Du hast gerade angedeutet, dass Hasskampagnen „Spaß“ machen können. Kannst du das mit Blick auf die Täterseite ausführen?

Veronika Kracher 

Es macht vielen tatsächlich Spaß. Ich fände es hier sehr angemessen, hier mit Klaus Theweleits Buch „Das Lachen der Täter“ zu arbeiten. Er analysiert darin das Psychogramm von Gewaltlust und beschreibt einen bestimmten Tätertypus, bei dem die Gewaltausübung libidinös besetzt ist. Menschen Gewalt anzutun macht nach diesem Modell Spaß und erregt. Das lässt sich auf digitale Räume übertragen, in denen Gewaltausübung leichter wird – einmal wegen des Online‑Disinhibition‑Effekts, also der Tendenz, online enthemmter zu agieren, weil man das Gegenüber eher als Haufen Pixel denn als Person wahrnimmt, und zweitens wegen massenpsychologischer Momente: Wenn sich Männer in Gruppen zusammenschließen, um kollektiv Gewalt an einer exponierten Frau auszuüben, verstärkt das die eigene Selbstbestätigung. Durch die hohe Zahl der Mitmachenden erscheinen die eigenen Positionen und Handlungen dann als legitim.

Anne Tahirovic

Wenn du auf konkrete Fälle wie Amber Heard schaust: Was lässt sich daran besonders gut zeigen?

Veronika Kracher

Zum einen, wie bereitwillig und offen ganz „normale“ Menschen, die sprichwörtliche nette Nachbarin, einem bodenlosen Frauenhass freien Lauf lassen, wenn das Feindbild es vermeintlich „verdient“ hat. Ob das Feindbild es verdient hat, ist stark patriarchal geprägt. Beim Fall Amber Heard haben wir gesehen, wie bereitwillig Menschen, darunter auch einige Feministinnen, Lügen und Desinformationen über sie geglaubt haben, weil diese ihre von Misogynie und Rape‑Culture‑Narrativen geprägten Vorannahmen bestätigt haben. Ein Beispiel ist ein Bild aus dem Gerichtssaal, auf dem sich Amber Heard einfach nur die Nase putzt. Auf X wurde dieses Bild mit dem Text verbreitet: „Ich kann nicht glauben, dass Amber Heard die Dreistigkeit hat, im Gerichtssaal Kokain zu nehmen.“ Es war offensichtlich, dass sie sich nur die Nase putzt, aber weil Amber Heard zur persona non grata erklärt worden war, haben Leute diese Behauptung bereitwillig geglaubt. In meinem Buch beschreibe ich das als eine Art verschwörungsähnliches Denken: In diesem Prozess haben Hunderttausende Menschen bereitwillig jeglichen Menschenverstand abgegeben, um ihre eigenen Vorurteile zu bestätigen. Wenig überraschend ist zum anderen, dass rechtsextreme Akteure – sei es Donald Trump Jr., das rechte Mediennetzwerk The Daily Wire von Ben Shapiro oder im deutschen Kontext Magazine wie „PI‑News“, „Krautzone“ oder „Compact“ – den Prozess und den Hass auf Amber Heard gezielt genutzt haben, um antifeministische Radikalisierung zu betreiben. Dieser Prozess war ein wichtiger Punkt im rechten Kulturkampf: bei der Normalisierung und Verbreitung von Desinformation, die bereitwillig affirmiert wird, und beim Verbreiten von Rape‑Culture‑Narrativen sowie der Verzerrung der Debatte um häusliche Gewalt. Es wurde oft behauptet: „Amber Heard lügt, also lügen wahrscheinlich alle anderen Frauen auch. Johnny Depp ist das eigentliche Opfer.“ Das ist ein klassisches Muster in maskulinistischen Kreisen: Männer, die Täter sind, als Opfer zu inszenieren und antifeministische Narrative zu verbreiten.

Anne Tahirovic

Du hast auch über das Beispiel „Drachenlord“ geschrieben. Rainer Winkler ist über Jahre hinweg Ziel von massivem Cybermobbing und organisierter digitaler wie analoger Belästigung gewesen. Was zeigt sich an diesem Fall in Hinblick auf Kampagnenlogiken?

Veronika Kracher

Beim Beispiel „Drachenlord“ geht es mir weniger um Rainer Winkler selbst als um die Leute, die sich an ihm abarbeiten. Es ist wenig verwunderlich, dass sie sich einen Mann ausgesucht haben, der von hegemonialen Männlichkeitsidealen weit entfernt ist: Er ist dick, spricht breites Fränkisch, wirkt unbeholfen und ist nicht die „hellste Kerze auf der Torte“. Er entspricht einem Typus, der auch auf dem Schulhof gemobbt wird. Die Täter solcher Hasskampagnen müssen ihre Gewalt vor sich selbst rechtfertigen, und das tun sie über die vermeintlichen Transgressionen des Opfers. Rainer Winkler hat durchaus Handlungen und Äußerungen getätigt, die zu verurteilen sind. Aber die Verurteilung steht in keinem Verhältnis zur Strafe. Wer sich mit Mobbingdynamiken auskennt, weiß, dass die Vorwürfe der Angreifer*innen häufig projektiver Natur sind. Wenn jemand, der selbst mit dem Nationalsozialismus kokettiert oder aus einem rechten Spektrum kommt, sich darüber echauffiert, dass Winkler über den Holocaust gewitzelt und ihn als „nice Sache“ bezeichnet hat, entspringt deren „Kritik“ wohl kaum einer ernsthaften Auseinandersetzung mit Vernichtungsantisemitismus. Wir haben es hier mit einem kollektiv durchgeführten Strafbedürfnis zu tun, das durch die Transgressionen des Feindbildes legitimiert wird. Diese Transgressionen werden aber hochgejazzt und verzerrt. Irgendwann ist es völlig egal, was das Opfer tut: Alles wird negativ ausgelegt und als falsch gewertet, und es findet sich immer etwas, um die eigene Gewalt zu rechtfertigen.

Anne Tahirovic

Was bedeutet das alles für öffentliche Debatten? Verändert sich eher, worüber gesprochen wird, oder wie gesprochen wird?

Veronika Kracher

Vor allem verändert sich, wie gesprochen wird. Ich habe ja bereits den Online‑Disinhibition‑Effekt erwähnt: die Tendenz, sich in digitalen Räumen kälter, zynischer, roher und herablassender zu begegnen als in einem Gespräch unter vier Augen. Man nimmt die andere Person weniger als Mensch und mehr als abstrakten Pixelhaufen wahr. Durch Anonymität sinkt die Hemmschwelle, sich unfreundlich oder offen aggressiv zu verhalten. Wenn man sich Kommentarspalten anschaut – auch unter feministischen Posts und sogar in linken Kreisen – sieht man, dass es oft nicht um Argumente oder Austausch geht, sondern um Beleidigungen, Demütigungen und die Selbstinszenierung als Person, die die schärfsten, herablassendsten Witze machen kann. Es hat in den letzten Jahren eine deutliche Verrohung stattgefunden. Zur Frage, worüber gesprochen wird, würde ich mir nicht anmaßen, einen umfassenden Überblick über „das ganze Internet“ zu beanspruchen, aber die Veränderung der Kommunikationsweise ist sehr deutlich.

Anne Tahirovic

Die Entwicklungen, die du beschreibst, passieren nicht zufällig. Unter welchen Bedingungen entstehen sie?

Veronika Kracher 

Social‑Media‑Plattformen im Kapitalismus haben wenig Interesse daran, eine demokratische Meinungsvielfalt abzubilden; sie wollen Profit durch Content generieren. Geld lässt sich nicht mit nuancierten Analysen verdienen, sondern mit Polemik, Wut und Empörung. In meinem Buch arbeite ich mit mehreren Studien, die zeigen, dass Material, das Empörung hervorruft, schneller geteilt wird, unabhängig vom Wahrheitsgehalt. Empörungscontent wird selten gründlich gecheckt, sondern weitergeleitet, weil Empörung ein Gefühl ist, das sich ausbreiten will. Ich kenne das auch von mir und meinem Umfeld: Man schickt sich empörende Inhalte gegenseitig mit Nachrichten wie „Hast du diesen sexistischen Müll gesehen?“ Der Algorithmus belohnt Content, der heftige, vor allem negative Gefühle evozieren soll, und benachteiligt Inhalte, die auf Dialog, Verständnis und Empathie zielen. Hinzu kommt, dass große Tech‑Konzerne sich zunehmend einer faschisierenden Gesellschaft andienen. Elon Musk treibt das auf X sogar aktiv voran. Seit seiner Machtübernahme ist X zu einem Sumpf von Rassist*innen, Antisemit*innen, Verschwörungsgläubigen und anderen Menschenfeind*innen geworden. Progressiven Stimmen bleibt in einem solchen Klima oft nur der Rückzug. Gleichzeitig liegt es im Interesse rechtsgerichteter Plattformen, eine Stimmung zu schüren, die reaktionäre Ideologien stützt. Das alles geschieht nicht im luftleeren Raum, sondern in einer zunehmend autoritär werdenden Gesellschaft, in der Hass gegen marginalisierte Menschen normalisiert wird. Menschenfeindlicher Content, ob misogyn, sozialchauvinistisch, queerfeindlich, antisemitisch oder geflüchtetenfeindlich, trifft auf bereits vorhandene Ressentiments und verstärkt sie weiter. Diese strukturellen Bedingungen und die Plattformökonomie fallen hier zusammen.

Anne Tahirovic 

Du hast Misogynie als „Straf‑ und Kontrollmechanismus“ bezeichnet. Kannst du das Verhältnis von Misogynie, Patriarchat und Antifeminismus noch einmal erläutern?

Veronika Kracher

Misogynie ist, wie Kate Manne argumentiert, der Straf‑ und Kontrollmechanismus des Patriarchats. Frauen und weiblich gelesene Personen sollen bestimmte Anforderungen an Weiblichkeit erfüllen. Das bedeutet zum einen, weiblich kodierte Güter bereitzustellen – Zuneigung, Anerkennung, Fürsorge, Pflege, Reproduktionsarbeit, Sex. Zum anderen sollen sie männlich kodierte Güter wie Anerkennung, Respekt, öffentliche Teilhabe, Sichtbarkeit, Macht, Reichtum oder Erfolg nicht einfordern. Frauen sollen also eine 24/7‑Rolle als Mutter, Therapeutin, Hausfrau, Putzkraft erfüllen und in der Privatheit verbleiben, statt die Öffentlichkeit einzunehmen und für ihre Interessen zu kämpfen. Misogynie zeigt sich bereits im Kleinen: in Doppelstandards bei der Bewertung von Frauen in der Öffentlichkeit, in Wut über eine zurückgewiesene Anmache, in häuslicher Gewalt. Die höchste Form ist Femizid oder der misogyn motivierte Terrorakt, wie Incels ihn verüben. Misogynie ist systematisch: Sie hält Frauen klein und hindert sie daran, Rechte zu erkämpfen. Antifeminismus bezeichne ich als organisierte Form von Misogynie. Er ist der politisierte Kampf gegen feministische Errungenschaften. Feminismus steht dafür, dass Frauen nicht länger selbstverständlich weiblich kodierte Güter bereitstellen müssen und das Recht haben, männlich kodierte Güter einzufordern. Antifeminismus entsteht, wenn gekränkte Männlichkeit und Misogynie sich politisieren und Misogynie auf eine organisierte politische Ebene tragen. Antifeminismus findet im öffentlichen Raum statt und dient dazu, ideologisch zu legitimieren, warum Frauen auf ihre Rechte „verzichten müssen“. Man kann sagen: Misogynie ist die Exekutive des Patriarchats, Antifeminismus ist der ideologische Überbau. Beides bedingt sich: Antifeminismus liefert die organisierte ideologische Rechtfertigung für Misogynie.

Anne Tahirovic

Warum ist dieser Kampf gegen Emanzipation und Gleichberechtigung für viele Männer so attraktiv?

Veronika Kracher

Weil wir in patriarchalen Verhältnissen leben, die auf der systematischen Ausbeutung und Abwertung von Frauen und queeren Menschen beruhen, und die meisten Männer von ihrer Vormachtstellung profitieren. Die Soziologin Raewyn Connell spricht von der „patriarchalen Dividende“: all die Vorteile, die Männer aus diesen Strukturen ziehen – ernster genommen zu werden, weniger permanente Angst vor Gewalt zu haben, bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu bekommen usw. Hinzu kommt, dass Männer von klein auf lernen, ein vermeintliches Anrecht auf weiblich kodierte Güter zu haben, etwa auf Reproduktionsarbeit oder Sex. Der Soziologe Michael Kimmel nennt das „aggrieved entitlement“: das Gefühl, aufgrund des eigenen Mannseins ein Anrecht auf X zu haben, verbunden mit Wut, wenn dieses Anrecht nicht erfüllt wird. Viele Männer erhöhen sich narzisstisch, indem sie Frauen und andere marginalisierte Gruppen erniedrigen – im Locker‑Room‑Talk, in sexistischen Kommentarspalten, durch Sexualisierung oder Entwertung von Frauen in der Öffentlichkeit oder durch häusliche Gewalt. Wenn Frauen, queere Personen und andere Marginalisierte dafür kämpfen, dass diese Abwertung nicht mehr normal ist, sondern geächtet wird, dann erschwert das diese narzisstische Selbstüberhöhung. Das erleben viele als bedrohlich. Sie haben Angst, ihre patriarchale Vorherrschaft zu verlieren, und wollen sie gegen Feminismus und queere Emanzipation verteidigen. Letztlich wollen sie ihr vermeintliches Recht auf Diskriminierung und Ausbeutung verteidigen.

Anne Tahirovic

Wenn wir jetzt noch einmal konkret auf digitale Räume schauen: Warum gelingt es progressiven oder feministischen Positionen deiner Ansicht nach oft weniger, im Netz ähnliche Reichweiten und Dynamiken zu entfalten?

Veronika Kracher

Erstens, weil das System strukturell verzerrt. Social‑Media‑Plattformen pushen reaktionäre Inhalte oft stärker. Wir sehen etwa auf Meta, dass antifaschistische Inhalte gesperrt oder eingeschränkt werden, während rechte Inhalte durchrutschen. Zweitens ziehen sich marginalisierte Stimmen zurück, weil Sichtbarkeit fast zwangsläufig mit Angriffen beantwortet wird und viele das psychisch nicht dauerhaft leisten können. Es wirkt oft nicht „wert“, die eigene Gesundheit für permanente Online‑Präsenz aufzuopfern. Drittens sind digitale Räume algorithmisch auf die Bedienung negativer Emotionen und Ressentiments ausgelegt, nicht auf progressive, solidarische oder positive Inhalte. Und schließlich stellt sich viertens die Frage, wie emanzipatorische Organisation in digitalen Räumen überhaupt aussehen kann. Ich sehe digitale Räume eher als Vorarbeit – als Vorlauf, um Menschen zu informieren und zu vernetzen. Gesellschaftliche Veränderung entsteht nicht durch das Konsumieren von Instagram‑ oder TikTok‑Posts, sondern durch kollektive Organisation: in Gewerkschaften, Geflüchteteninitiativen, Frauenräten, queeren Kollektiven und anderen realen Strukturen.

Anne Tahirovic

Wo müssen wir konkret ansetzen – bei Plattformen, Politik, Medien –, wenn wir wirklich etwas verändern möchten?

Veronika Kracher

Wir müssen an mehreren Punkten ansetzen. Plattformen müssen in die Verantwortung genommen werden. Es braucht Awareness vonseiten der Politik für Hassgewalt auf Plattformen und es braucht Interventionen – etwa durch Gesetze gegen Deepfakes oder Instrumente wie den Digital Services Act. Gleichzeitig haben wir selbst Verantwortung in digitalen Räumen: Counterspeech leisten, Betroffene von Hassgewalt unterstützen, unsere eigenen Affekte reflektieren – also uns fragen, ob unsere spontane Empörung wirklich ins Netz gehört. In den meisten Fällen lautet die Antwort: nein. Das Internet wäre ein besserer Ort, wenn zwischen Impuls und Post ein paar Minuten liegen würden, in denen man sich fragt, ob man das wirklich veröffentlichen will. Darüber hinaus sollten wir uns als Gesellschaft fragen, was es bedeutet, wenn ein gekränkter Milliardär eine der wichtigsten Nachrichten‑ und Diskussionsplattformen der Welt einfach kaufen und de facto zerstören kann. Wir haben es mit einer Monopolisierung von Produktionsmitteln und Kommunikationsinfrastruktur zu tun, mit der Einzelne Diskurse massiv beeinflussen können. Das sollte reguliert und verhindert werden. Digitale Räume müssen gegen reaktionäre Machtübernahmen verteidigt werden, aber politischer Aktivismus darf sich nicht auf sie beschränken.
 


Veronika Kracher ist Autorin und Publizistin. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Antifeminismus, (digitale) Misogynie, Internetkultur, Online-Radikalisierung und Rechtsextremismus. 2020 hat sie im Ventil-Verlag das Buch „Incels – Geschichte, Sprache und Ideologie eines Online-Kults“ veröffentlicht, 2026 ihr zweites Buch „Bitch Hunt – Warum wir es lieben, Frauen zu hassen“ im Verbrecher Verlag.

Anne Tahirovic studierte Politologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, der Universität Sarajevo (BiH) und der Freien Universität Berlin. Seit 1. November 2016 war sie Koordinatorin des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ), am 1. April 2021 übernahm sie die Geschäftsführung, die sie bis heute innehat.