#5 Der Energie- und Klimadiskurs im Kontext des Ukraine-Kriegs

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine markiert eine politische Zeitenwende. Dies ist auch in den Sozialen Medien deutlich wahrzunehmen. Allein in den beiden ersten Kriegswochen haben wir über das Social Listening-Tool Linkfluence im deutschsprachigem Raum auf diversen Social-Media-Plattformen und Online-Medien ca. 3,25 Millionen Ukraine bezogene (Re-)Posts mit insgesamt ca. 93 Millionen Social Interactions[1] registriert. Zum Vergleich: In den ersten beiden Wochen nach der Einnahme Kabuls durch die Taliban im August 2021 waren es auf den gleichen Plattformen lediglich ca. 300.000 (Re-)Posts mit ca. 11,5 Millionen Social Interactions mit Bezug zum Krieg in Afghanistan. Eine zentrale und zukunftsweisende Debatte in diesem komplexen Diskurs um den Ukraine-Krieg dreht sich um die Themen der Energiesouveränität Deutschlands, weiterer Sanktionen gegen Russland, Energiealternativen, der Klimapolitik und damit verbunden auch um die gesellschaftliche Solidaritätsbereitschaft gegenüber der Ukraine. In dieser sehr dynamischen Situation kommt es immer wieder zu Diskursverschiebungen und -polarisierungen – einerseits mit der Gefahr populistischer und antidemokratischer Mobilisierung, andererseits auch mit dem Potenzial, demokratische und progressive Interessen zusammenzubringen. Wir haben daher den Twitter-Diskurs zu diesem Themenkomplex analysiert und sind folgenden Fragen nachgegangen:

  • Welche (neuen) Narrative bilden sich heraus und sind erfolgreich?
  • Welche Konstellationen von Akteur:innen und politischen Gruppen entstehen daraus und können sich etablieren?

 

Datengrundlage

Die Datengrundlage für unsere Untersuchungen besteht aus ca. 92.000 deutschsprachigen (Re-)Tweets, die im Zeitraum vom 08. bis 30. März 2022 über die Twitter-API erhoben wurden.[2] Über eine Suchabfrage[3] wurden nur solche (Re-)Tweets erfasst, die den Krieg in der Ukraine im Zusammenhang mit Energie- und Klimafragen thematisieren. Über den Untersuchungszeitraum hinweg besteht gemessen am (Re-)Tweet-Aufkommen ein durchgängig großes öffentliches Interesse an diesen Themen (Abbildung 1). Mit allein ca. 22.000 (Re-)Tweets vom 24. bis 26. März war im Kontext der globalen Klima- und Friedensdemonstrationen von Fridays for Future allerdings ein besonderer Peak zu beobachten.

Clusterbildung im Twitter-Diskurs

Um Akteur:innenkonstellationen und deren inhaltliche Vernetzungen herauszuarbeiten, bietet es sich an, die Twitter-Daten als Retweet-Netzwerk zu visualisieren (Abbildung 2). Einzelne Twitter-Accounts werden hier als Knoten dargestellt und mit einer Kante verbunden, wenn sie ihre Beiträge gegenseitig retweeten.


Auf diese Weise bilden sich verschiedene Cluster an Twitter-User:innen heraus, die über den sogenannten Louvain-Algorithmus außerdem farblich markiert werden, wenn sie eine besonders hohe Dichte von Kanten untereinander haben – sich also besonders häufig retweeten und damit meist auch inhaltliche Ähnlichkeiten haben. Das Netzwerk zeigt einen polarisierten Diskurs zwischen dem relativ homogenen roten Cluster unten rechts und dem heterogenen, mehrfarbigen Cluster oben links, welches verschiedene Untergruppen enthält.

Narrative und Akteur:innenkonstellation

Um die inhaltlichen Positionen und Narrative sowie die gesellschaftlichen und politischen Milieus zu beschreiben, haben wir die fünf der Accountanzahl nach größten Cluster aus dem Datensatz extrahiert und in ihrer Zusammensetzung analysiert. Dafür haben wir pro Cluster zunächst die 100 Accounts, die am häufigsten geretweetet wurden, qualitativ einer politischen Gruppe zugeordnet. Die Verteilung gemessen an der Anzahl an Retweets ist in Abbildung 3 abgebildet. Zudem haben wir die erfolgreichsten Tweets der einzelnen Cluster inhaltlich ausgewertet und quantitative Keyword-Analysen durchgeführt.


Das rote Cluster ist gemessen an der Accountanzahl das größte Cluster und stellt eine relativ abgeschottete Diskursgemeinschaft dar. Die User:innen retweeten sich also untereinander sehr häufig, haben aber eine große Distanz zum restlichen Diskursfeld. Inhaltlich wird hier von verschiedenen rechten, verschwörungsideologischen User:innen und auch von Politiker:innen der Partei DIE LINKE die Energie- und Sanktionspolitik der Regierung kritisiert oder grundsätzlich abgelehnt. Damit verbunden ist die Forderung nach diplomatischen Beziehungen zu Russland und dem Stopp weiterer Sanktionen, da ansonsten die deutsche Wirtschaft und Bevölkerung darunter leide. Außerdem wird die mediale Berichterstattung grundsätzlich diskreditiert oder als einseitig markiert und der Angriffskrieg Russlands mit Kritik an der NATO, den USA bzw. dem „Westen“ relativiert. Einige Accounts nehmen eine inhaltliche Brückenfunktion ein und stellen eine Verbindung zu den übrigen Akteur:innen in unserem Datensatz her. Diese Schnittstellen werden beispielsweise von verschiedenen Medien (z.B. BILD, welt, cicero_online), Linken-Politiker Bernd Riexinger (b_riexinger), FDP-Politiker Gert Wöllmann (Gert_Woellmann) und liberal-konservativen Teilen des gelben Clusters besetzt.

Das rote Cluster besteht hauptsächlich aus:

  • Rechten, verschwörungsideologischen Multiplikator:innen, Influencer:innen, Finanzblogger:innen, Medien, Organisationen (z.B. nikitheblogger, TBreitschneider, marcfriedrich7, wolff_ernst, Hartes_Geld, Deu_Kurier, TichysEinblick, Grund_gesetzt, Watch_Greens)
  • AfD-Politiker:innen (z.B. Alice_Weidel, AfDLindemann, Tino_Chrupalla, AfD, CorinnaMiazga)
  • Linken-Politiker:innen (z.B. SevimDagdelen, SWagenknecht, HeikeHaensel)
  • Vielen Accounts mit sehr geringer Follower:innenzahl, die zu diesem Thema aber sehr häufig geretweetet wurden

 

Die Akteur:innen des zweitgrößten grünen Clusters haben die größte Distanz zum roten Cluster und vertreten insgesamt (klima-)progressive und solidarische Positionen gegenüber der Ukraine. Zentral dabei ist die Forderung nach Waffenlieferungen an die Ukraine und einem konsequenten Energieembargo gegenüber Russland. Das Hauptnarrativ unterstreicht außerdem die große geo- und sicherheitspolitische Bedeutung von Energiesouveränität durch den radikalen Ausbau erneuerbarer Energien, die im Kontext eines solchen fossilen Kriegs sichtbar werde. Neben der klimapolitischen Notwendigkeit ökologischer Transformationsprozesse sei dieser Umbau dementsprechend auch für die Demokratie und den Frieden in Europa und der Welt essenziell. Diese Argumentation ist jedenfalls in Teilen auch jenseits des klimaaktivistischen und zivilgesellschaftlichen Lagers anschlussfähig (einige Accounts des gelben Cluster, verschiedene kleinere Cluster) und besitzt damit das Potenzial, der Dringlichkeit klimapolitischer Fragen im gesellschaftlichen Diskurs Nachdruck zu verleihen und neue Akteur:innengruppen zu erschließen.

Das grüne Cluster besteht hauptsächlich aus:

  • Klimawissenschaftler:innen oder (Forschungs-)Instituten (z.B. VQuaschning, rahmstorf, beyond_ideology, Umweltbundesamt, PIK_Klima, MCC_Berlin)
  • Klimaaktivist:innen und -Organisationen (z.B. FridayForFuture, parents4future, Umwelthilfe, WWF_Deutschland, carla_reemtsma, Luisamneubauer)
  • Grünen-Politiker:innen (z.B. micha_bloss, Afelia, joerg_spengler, JuttaPaulusRLP)
  • (Online-)Medien (z.B. tazgezwitscher, DIEZEIT, Volksverpetzer, tazKlima, correctiv_org)

 

Ein Teil der User:innen des ebenfalls recht großen gelben, tendenziell liberalen und/oder konservativen Clusters weisen inhaltliche Schnittmengen zum grünen Cluster auf und erheben ebenfalls die Forderung, ein sofortiges Energieembargo gegenüber Russland zu verhängen (z.B. georgrestle, n_roettgen). Jedoch steht hier weniger eine klimapolitische Rahmung im Vordergrund, sondern vielmehr eine wirtschaftliche bzw. sicherheitspolitische. Der schnelle Ausbau erneuerbarer Energien wird zu diesem Zweck allerdings größtenteils auch als notwendig erachtet. Ein anderer, wenn auch etwas kleinerer Teil dieses Cluster orientiert sich im Netzwerk jedoch stärker in Richtung des roten Clusters und teilt regierungs-, insbesondere Grünen-, und medienkritische Beiträge (z.B. ronzheimer, Gert_Woellmann) oder solche, die für die „Energiealternative“ Kernkraft plädieren.

Das gelbe Cluster besteht hauptsächlich aus:

  • Ökonom:innen (z.B. BachmannRudi, MSchularick, jsuedekum), Journalist:innen (georgrestle, ThomasWalde, ronzheimer, ulrichspeck, jreichelt, robinalexander_) aus insgesamt breitem politischen Spektrum, viele eher (rechts-)konservativ, marktliberal
  • Unions-Politiker:innen (z.B. n_roettgen, polenz_r, peteraltmaier, SilberhornMdB, RKiesewetter, _FriedrichMerz)
  • Medien (z.B. SZ, maischberger, zeitonline, ARD_Presseclub, FAZ_Politik)

 

Die Tweets des blauen Medien- und Nachrichtenclusters werden von den übrigen Akteur:innen des Diskursfeldes überwiegend als Beleg eines Arguments bzw. Ausgangpunkt einer Meinung geretweeted. Das Cluster positioniert sich dementsprechend relativ unspezifisch, da auch kein einheitliches Narrativ auszumachen ist. Das inhaltliche Profil ist eher von der programmatischen Ausrichtung des jeweiligen Mediums geprägt.

Cluster blau besteht fast ausschließlich aus:

  • Medien und Journalist:innen (z.B. tagesschau, derspiegel, welt, RND_de, DLFNachrichten, Tagesspiegel, faznet, fneuhann, aniesmann, ThomasSigmund)

 

Das bereits deutlich kleinere orangene Cluster positioniert sich inhaltlich zwischen dem grünen und dem „progressiven“ Teil des gelben Clusters und ist relativ stark von den Erklärungen des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) und der Grünen geprägt, Energiesouveränität durch den schnellen Ausbau erneuerbarer Energien zu erreichen, ohne weiterhin fossile Energie aus Russland zu importieren.

Cluster orange besteht hauptsächlich aus:

  • Grünen-Politiker:innen (z.B. ABaerbock, RoHeinrich, katdro, Oliver_Krischer, MiKellner, RenateKuenast)
  • SPD-Politiker:innen (z.B. delarabur, BayernSPD_Lndtg, UdoBullmann, Ralf_Stegner, Karl_Lauterbach)
  • Medien (z.B. Katapultmagazin, phoenix_de, heutejournal)
  • Journalist:innen, Ökonom:innen (z.B. MFratzscher, uedio, moritz_gathmann, peterunfried)
  • Vielen Accounts mit geringer Follower:innenzahl

 

Kurz zusammengefasst

  • Insgesamt zeigt sich auf Twitter ein polarisierter Diskurs zwischen einerseits (rechts)populistischen, desinformativen, tendenziell pro-russischen Akteur:innen (rotes Cluster) und andererseits einem breiten Spektrum verschiedener Diskursteilnehmer:innen aus Politik, Medienlandschaft und Zivilgesellschaft (grünes, gelbes, orangenes Cluster), die grundsätzlich eine Ukraine-solidarische (Energie-)Politik befürworten.
     
  • Die Akteur:innen im roten Cluster vertreten vor allem populistische, nationalistische und teilweise hetzerische Positionen gegenüber der Regierung bzw. dem politischen System, demokratischen Politiker:innen oder den (öffentlich-rechtlichen) Medien. Grundsätzlich geht es um ein Versagen der Politik, die mit ihrer Solidaritäts- und Sanktionspolitik einen Wirtschaftskollaps und das Leiden der deutschen Bevölkerung in Kauf nehme. Damit entfalten sie ein demokratiegefährdendes Potenzial, das auch für eine breitere Öffentlichkeit außerhalb der relativ abgeschotteten eigenen Community anschlussfähig ist (bspw. rechtskonservative und marktliberale Akteur:innen).
     
  • Die progressiven, klimaaktivistischen Akteur:innen (hauptsächlich aus dem grünen Cluster) machen auf die fatalen Folgen der Abhängigkeit auf fossile Energieimporte aus Russland aufmerksam, fordern einen sofortigen Importstopp und außerdem einen radikalen Ausbau erneuerbarer Energien. Damit verbinden sie klimapolitische mit geo- und sicherheitspolitischen Argumentationen und erreichen so auch Akteur:innen jenseits der klimaaktivistischen Community.

 

Die Ergebnisse zeigen nur eine Momentaufnahme eines extrem dynamischen Diskurses, der sich stetig entlang aktueller kriegerischer, politischer und wirtschaftlicher Entwicklungen verschiebt, verfestigt oder polarisiert. Weitere Datenauswertungen müssen folgen und den sich hier abzeichnenden Tendenzen und aufgeworfenen Fragen weiter nachgehen: Verschärft sich die demokratiegefährdende Instrumentalisierung des Krieges in der Ukraine in Bezug zur Klima- und Energiepolitik und gewinnen diese Positionen an Wirkmacht? Gelingt es den klimaprogressiven Akteur:innen, die aktuell breite politische wie gesellschaftliche Sensibilität und Diskussionsbereitschaft für klimapolitische Fragestellungen zu nutzen, um nachhaltige progressive Allianzen zu bilden?

 


[1] Social Interactions: Summe an sozialen Interaktionen mit den Posts – also Likes, Retweets, Kommentare, Shares, Favoriten etc.

[2] Metadaten (Retweets, Follower:innen etc.) wurden zum Zeitpunkt der Datenerhebung erfasst, daher können die erfassten Zahlen von den jeweils aktuellen abweichen. Tweets konnten über die Twitter-API maximal 7 Tage rückwirkend erhoben werden und wurden daher wöchentlich erhoben und anschließend zusammengeführt.

[3] Suchabfrage: (ukraine OR russland OR krieg) AND (klima OR energie OR umwelt OR gas OR öl OR sprit)

 

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